Sonntag, 8. Oktober 2017

Stefan Bachmann: Palast der Finsternis

- ein faszinierendes Labyrinth in der Tiefe, das ein ungeheures Geheimnis birgt.
Quelle: Diogenes Verlag


Taschenbuch, 400 Seiten
Diogenes, 23. August 2017

Vielen Dank an Diogenes für das Leseexemplar,
hier geht es zur Buchseite des Verlages.

Vor zwei Jahren habe ich "Die Seltsamen" und "Die Wedernoch" von Stefan Bachmann gelesen. Diese Steampunk Fantasy- Romane, die am viktorianischen England orientiert sind, haben mich begeistert, so dass ich mich schon auf den neuen Roman gefreut habe.

Worum geht es?
Im Chateau du Bessancourt im Oktober 1789 fliehen die vier Mädchen des Marquis Frédéric du Bessancourt in den unterirdischen Palast, den er erschaffen hat, um den Schrecken der französischen Revolution zu entkommen. Aus der Sicht der ältesten Tochter Aurélie erfahren wir, dass die Mutter kurz vor dem Eingang in die Tiefe umkehrt und von den Aufständischen auf der Treppe erschossen wird und zurück gelassen werden muss.

"Die Wachen drängen uns voran - hinab und immer weiter hinab in die Schwärze, zu Glück, Sicherheit und ewigem Frieden, wo Vater wartet." (S.11)

Dieser Handlungsstrang verläuft parallel zu einem in der Gegenwart, in dem die 17-jährige Anouk Geneviève van Roijer-Peerenboom, die gerade ihre Familie verlässt, in der sie sich nicht wohl zu fühlen scheint, im Mittelpunkt steht und aus deren Perspektive erzählt wird.

"Das Haus wirkt riesig und leer. Marmorblass. Ich bin ein vorsätzlicher Schmutzfleck inmitten all dieser Makellosigkeit, eine Radiergummispur auf den geraden Linien. Penny hat eine Ballettaufführung. Alle sind dort." (S.13)

Sie folgt der Einladung der Familie Sapani, die sie zusammen mit vier weiteren Jugendlichen für eine Expedition in Frankreich ausgewählt hat. Sie sollen den unterirdischen Palast der Familie Bessancourt erforschen, der zufällig unter einem Schloss gefunden wurde. Am Flughafen trifft sie auf die anderen, Will, Lilly, Jules und Hayden, die sie auf Anhieb unsympathisch findet.
Anouk spricht fünf Sprachen fließend und ist anerkannte Jungakademikerin, im sozialen Umgang jedoch zynisch, unfreundlich und auf Abwehr bedacht - das scheint von ihrer schwierigen familiären Situation herzurühren, davon, dass ihre Eltern sie offensichtlich nicht lieben. Sie selbst mag nur ihre kleine Schwester Penny, von der sie Ucki genannt wird. Ein Name, mit dem Anouks sich in Reflexionen selbst anspricht.

"Vier Gelegenheiten, Freundschaft zu schließen, vermasselt. Das war´s. Bravo, Ucki, hast es mal wieder geschafft.
Es gibt Menschen, die besitzen die besondere Fähigkeit, überall unglücklich zu sein, egal wo, egal mit wem und egal warum. Vielleicht ist diese Fähigkeit aber auch nur typisch für mich." (S.50)

Im Jahr 1789 erzählt Aurélie, wie ihre Mutter im August zum ersten Mal den von ihrem Vater erbauten Palast in der Tiefe besucht und verängstigt daraus zurückkehrt. Was verbirgt sich dort unten?

Die Expedition der Gegenwart wird von einem gewissen Professor Dorf geleitet, der sie bei einem Abendessen im Schloss begrüßt. Eine Frage, die sich Anouk und auch die anderen stellen, ist die, warum gerade sie - junge Studenten und Studentinnen für diese Expedition ausgewählt wurden. Warum untersucht nicht ein wissenschaftliches Forscherteam den unterirdischen Palast, der teilweise von Wasser überflutet sein soll? Das ergibt keinen Sinn.
Die Frage stellt Anouk auch Professor Dorf, der sie jedoch nur ausweichend beantwortet und ihnen stattdessen in Aussicht stellt, im unterirdischen Palais eine umfangreiche Sammlung historischer Kunstwerke, architektonischer Wunder und Zeugnisse aus dem Zeitalter der frz. Revolution zu entdecken. Am Ende des Abendessen sollen alle eine Kapsel schlucken, angeblich gegen Mikroben und Toxine, doch Anouk bezweifelt dies und im Hinauslaufen versucht sie die Kapsel wieder auszuspuken und wird ohnmächtig.

Während im Jahr 1789 Aurélie mit ihren Schwestern im Palais ankommt und Graf Havriel, der Bruder Frédérics die Wachen zwingt, ihre tote Mutter ebenfalls nach unten zu bringen, wacht Anouk in der Gegenwart in einem Spiegelsaal auf und wird Zeuge, wie Miss Sei, Dorfs Assistentin, Hayden einen
"Tankstutzen (...). Länglich. Mit Widerhaken. Eine Silbernadel ragt am Ende hervor wie ein Stachel" (S.101)
in die Schädelbasis hineintreibt. Panisch fliehen die anderen vier und werden von behelmten Trackern verfolgt.

"Dies hier ist das Palais du Papillon. Es gibt das Palais wirklich. Es ist hier, und es hat eine sehr moderne Tresortür und neonerleuchtete Korridore. Sie haben uns angelogen, von Anfang an." (S.106)

Das Abenteuer im finsteren Palast beginnt, in dem sie viele Fallen bewältigen müssen; Perdu, der angeblich über 200 Jahre alt ist und französisch spricht, und eine geheimnisvolle Dame im roten Kleid treffen und immer wieder ein unheimliches Sirren hören. Neben Dorf, der sie suchen lässt, scheint es noch etwas anderes im Labyrinth zu geben und immer wieder stellen sich die Jugendlichen die Frage, warum sie an diesen Ort gelangt sind und ob sie ihn jemals wieder verlassen werden.

Eine Frage, die sich im Jahr 1789 auch Aurélie stellt, die von ihren Geschwistern isoliert wurde und nur Hilfe von Jacques, dem ihr zugeteilten Diener erwarten kann, der ihr Schauerliches aus dem Palast berichtet. Blutige Experimente, Menschen, die verschwinden, wer und was ist da am Werk?
Und wer ist der geheimnisvolle Schmetterlingsmann?

Bewertung
Ein echter Pageturner! Die Kapitel in den verschiedenen Zeitebenen, die inhaltlich aufeinander abgestimmt sind, enden fast immer mit einem Cliffhanger, so dass man atemlos weiter liest. Die Irrwege der Jugendlichen durch den Palast erzeugen neben klaustrophobischen Momenten immense Spannung. Die Frage, zu welchem Zweck diese Außenseiter, die sich allmählich anfreunden, in den Palast der Finsternis gelockt wurden und warum sie von Dorf so verzweifelt gesucht werden, schwebt immer im Raum und sorgt für zusätzliche Dynamik.

Lange bleibt in der Schwebe, ob es "nur" ein Abenteuer- oder doch ein Fantasyroman ist - bis sich herausstellt, dass wir es mit Science Fiction in der wörtlichen Bedeutung zu tun haben. Eine wissenschaftliche Fiktion - ein Experiment, das 1789 geglückt ist und bis in die Gegenwart andauert - so viel sei verraten.
Obwohl die dahinter stehende Ideen nicht neu sind, arrangiert sie Bachmann so, dass alle Puzzleteile perfekt zusammenfallen und alle Fragen beantwortet werden - auch die nach Anouks unglücklichen Familienverhältnissen.
Am Ende hätte es für meinen Geschmack etwas weniger actionreich zugehen können, bis zur "Lösung" vollbringt eine der Jugendlichen fast Unmögliches - nun gut, das kann man verkraften. Die Botschaft am Ende fällt klar und deutlich aus - vielleicht etwas zu plakativ.

Sehr unterhaltsam ist auf jeden Fall Anouks Perspektive. Ihre zynisches Art und ihre selbstkritischen und sarkastischen eingestreuten Kommentare und Gedanken sind teilweise witzig und legen Zeugnis ab von einem Kind, das nicht gesehen worden ist. Sehr authentisch wirken die Dialoge zwischen den Jugendlichen, die sich in diesem finsteren Palast, dessen Architektur und Ausgestaltung Bachmann virtuos komponiert hat, weiterentwickeln - psychisch und in ihren Beziehungen zueinander.

Klare Leseempfehlung!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen