Dienstag, 30. April 2019

Lukas Hartmann: Der Sänger

"Ein Lied geht um die Welt"

Leserunde auf whatchaReadin

Im September 1942 befindet sich der berühmte jüdische Tenor Joseph Schmidt aus Bukowina, Czernowitz, auf der Flucht. Zu Beginn der Handlung versteckt er sich im Haus von Freunden, im Süden Frankreichs.
Während er am letzten Abend dort die Elegie von Massenet singt, denkt er über seine Situation nach.

"Geliebte hatte er, der Sänger, viele gehabt und sie immer wieder verlassen, wie er nun auch diesen Ort verlassen würde. Nicht um der Einen die Treue zu halten, der Mutter, die starrsinnig in Czernowitz bleiben wollte, sondern dieses Mal, um der Deportation zu entgehen und sein Leben zu retten. Die Deutschen warne unterwegs in Pétains Rumpf-Frankreich und durchsuchten es nach versteckten Juden, sie würden auch nach La Bourboule kommen." (7)

Er hadert damit, dass er, den "man als den deutschen Caruso bejubelt hatte, [...] aus den Blättern und Radiosendern verschwunden, aus Filmen herausgeschnitten [war], die Schallplatten gab es nicht mehr in den Läden. [...] Er wusste, worum es ging: um die Ausrottung des Judentums in Europa." (8-9)

Um den Nationalsozialisten zu entgehen, ist eine Fluchtroute bereits festgelegt, ein Passeur soll ihm gemeinsam mit seiner Geliebten Selma, deren Bruder in der Schweiz lebt, sowie weiteren Flüchtlingen helfen, über die Schweizer Grenze zu gelangen. Schmidts rumänischer Pass ist ungültig, als staatenloser Jude hat er kaum eine Chance legal über die Grenze zu kommen.

"Die Schweiz hatte in den letzten Monaten ihre Abwehrmaßnahmen gegen Flüchtlinge rigoros verstärkt, Juden, erkennbar meist am J im Pass, wurden seit August konsequent zurückgewiesen." (12)

Trotzdem gelingt ihm die Einreise, wenn auch nicht ohne Hindernisse und Umwege. Sein Berühmtheit erleichtert ihm jedoch die Situation nicht - im Gegenteil, es entsteht der Eindruck, dass an ihm eine Art Exempel statuiert werden soll.

"[E]s sei beschlossene Sache, den Deutschen zu zeigen, dass der berühmte Joseph Schmidt gleich behandelt werde wie ein x-beliebiger jüdischer Viehhändler." (231)

Neben der personalen Perspektive aus der Sicht des Sängers Joseph Schmidt sind in die Handlung Aussagen eines Schweizer Doktor der Jurisprudenz in der Eidgenössischen Polizeiabteilung eingefügt, in denen dieser den Versuch unternimmt, die strengen Gesetze des Bundesrates zur Begrenzung des Flüchtlingsstroms mit ökonomischen Argumenten sowie der Bemerkung, man dürfe der Bevölkerung keine Überfremdung zumuten, zu rechtfertigen.

"Die Stimmung gegen Juden hat sich auch bei uns verstärkt. Das war noch anders vor dem Krieg. Nun ducken sich ja alle vor einem möglichen Überraschungsangriff der Wehrmacht." (88)

So erhält der Einzelfall Joseph Schmidt eine politische, allgemeinere Dimension.
Einschübe gibt es auch von einem seiner weiblichen Fans aus der Schweiz. Eine alte Dame, die sich daran erinnert, wie Joseph Schmidt in ihrer Nähe in einem Internierungslager untergebracht wurde und wie sie sich bemüht hat, ihn zu treffen. Diese Schilderungen verleihen dem Roman Authentizität und stellen das, was dem Sänger widerfahren ist, aus einer weiteren Perspektive dar.

Immer wieder werden die Ereignisse der Gegenwart von Erinnerungen des Sängers durchzogen. Ein wiederkehrendes Motiv ist dabei seine große Liebe zur Musik.

"Töne hatten Jossele von klein auf magisch angezogen, auch die Stimmen von Tieren, die er bald nachzuahmen versuchte, so wie er im Bethaus schon mit drei, vier Jahren in die gesungenen Gebete einstimmte, oft zum Verdruss des Vorsängers. Vom Singen ließ er sich nicht abhalten (...) " (19)

Der Musik ordnet er alles unter, auch seine Rolle als Vater. Er hat einen 7-jährigen Sohn, Otto, Lotte, dessen Mutter reist ihm nach, bittet ihn um Geld und um eine legale Verbindung. Doch er weist sie zurück.

"Aber die Vaterrolle im Ernst übernehmen, das konnte er nicht, er reiste zu viel herum." (21)

Zudem liebt er sein unstetes Leben, hat Geliebte, gibt sein Geld freigiebig aus, er ist ein "Bonvivant" (15), dessen Konstante im Leben die Mutter zu sein scheint. An sie, die inzwischen im Ghetto in Czernowitz ist, denkt er besonders oft. Sie, die ihn - im Gegensatz zum Vater - in seiner Liebe zur Musik unterstützt und durchgesetzt hat, dass er Sänger werden konnte.

Der Roman bringt den Leser*innen die etwas eigensinnige Person Joseph Schmidt näher, der unter seiner Größe (1,54 m) gelitten hat und dessen schwieriges Verhältnis zum Vater eine Ursache dafür sein kann, dass er selbst seine Vaterrolle nicht ausfüllen konnte.

Gleichzeitig stellt er die in der Schweiz während des 2.Weltkrieges herrschende Flüchtlingspolitik gegenüber den Juden dar. Die Parallelen zur heutigen Zeit scheinen nicht zufällig zu sein, das ist auch der Tenor in der Leserunde.

Doch Hartmann klagt nicht nur an, sondern erzählt auch von Menschen, die Schmidt geholfen und sich der offiziellen Politik widersetzt haben, und somit als positives Beispiel gelten können.
Ein lesenswerter Roman gegen das Vergessen!

Ein Dankeschön an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Donnerstag, 11. April 2019

Joel Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

- eine große Enttäuschung.

Leserunde auf whatchaReadin

Dickers Romane "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" und "Die Geschichte der Baltimores" habe ich jeweils als Hörbuch genossen: Geschichte, Schreibstil und Figuren haben mich gleichermaßen begeistert - Spannung auf hohem Niveau.
Umso enttäuschter bin ich, dass der neue Roman diese Erwartungen in keinster Weise erfüllen kann - und das sehen viele aus der Leserunde ebenso.
Der Geschichte ist viel zu konstruiert - es gibt zahlreiche Nebenhandlungen, die sich erst allmählich mit der Haupthandlung verknüpfen, aber nicht nahtlos einfügen. Während in den anderen Romanen die Nebenfiguren jeweils glaubwürdig und authentisch gezeichnet sind, wartet "Das Verschwinden der Stephanie Mailer" mit stereotyp überzeichneten Personen auf, die so unglaubwürdig wirken, dass es beim Lesen "weh" tut. Klischees werden bedient, wenn die Geliebte eines verheirateten Mannes diesen nur ausnutzt, sich teure Geschenke machen lässt und droht, seiner Frau alles zu erzählen.
Die Hauptfiguren, die drei Ermittler Jesse Rosenberg, Derek Scott und Anna Kanner wirken realitätsnaher, aber auch sie weisen in ihrem Verhalten Brüche auf, die man als Leser*in nicht immer nachvollziehen kann. Obwohl ich mich bei der Lektüre über Schreibstil - zu berichtend, teilweise gruselige Dialoge - und Figurenkonzeption geärgert habe, habe ich den Roman doch zu Ende gelesen, weil ich wissen wollte, wer denn jetzt den Vierfach-Mord im Jahr 1994 begangen hat - der im Mittelpunkt des Geschehens steht.

Handlung
Am 30.Juli 1994 wird das beschauliche Orphea in den Hamptons zum Schauplatz eines schrecklichen Mordes und das just am Abend des ersten Theaterfestivals. Der Bürgermeister wird samt Frau und Sohn erschossen, genau wie eine Joggerin, die sich vor dem Haus befunden hat. Da sich fast die gesamte Bevölkerung währenddessen im Theater befindet, wird es für die beiden jungen Ermittler Jesse Rosenberg und Derek Scott schwierig, Zeugen ausfindig zu machen. Dennoch gelingt es ihnen den Fall zu lösen.
Doch 20 Jahre später taucht die Journalistin Stephanie Mailer bei Rosenberg auf, der mit Mitte 40 den Dienst quittieren will, um etwas Neues zu beginnen, und erklärt ihm, sie hätten damals den Falschen überführt und sie habe neue Informationen zu dem Vierfach-Mord. Kurz darauf verschwindet sie.

Obwohl Rosenberg eigentlich verabschiedet werden soll, lässt ihm das Gespräch mit Mailer keine Ruhe, so dass er gemeinsam mit seinem alten Freund Derek, der inzwischen nur noch Innendienst verrichtet, und der jungen Polizistin Anna Kanner, die in Orphea einen Neuanfang starten will, den alten Fall wieder aufrollt. Was befindet sich direkt vor ihrer Nase, dass sie nicht gesehen haben? Genau das hat Stephanie vor ihrem Verschwinden Jesse "vorgehalten".
Die Handlung springt zwischen den Ereignissen im Jahr 1994 und der Gegenwart, die vorwiegend aus der Sicht Jesses erzählt wird, wobei es einen Countdown zum 20.Theaterfestival gibt:

"Jesse Rosenberg
Mittwoch, 9. Juli 2014, Los Angeles
17 Tage vor der Premiere",

so dass diesem Datum eine besondere Relevanz zuzukommen scheint.

Mehrere Figuren erzählen aus ihrer Sicht, während Jesse die Ereignisse der Gegenwart "berichtet", erfahren wir von Derek etwas über die Ermittlungen im Jahre 1994. Auch Anna Kanner kommt zu Wort sowie eine Fülle weitere Figuren, die alle irgendetwas mit dem Mord vor 20 Jahren zu tun haben oder in der Gegenwart eine Verbindung zu Stephanie Mailer aufweisen.

Eine besondere Rolle scheint der derzeitige Bürgermeister Alan Brown zu spielen, der damalige Vize-Bürgermeister, der Orphea in den letzten Jahren wirtschaftlich vorangebracht hat. Die Überschriften und Zeitangaben sorgen dafür, dass man nicht den Überblick verliert, allerdings die Lust am Lesen angesichts der überzeichneten, stereotypen, klischeehaften Figuren, ihrer furchtbaren Dialoge und ihrer willkürlichen Verhaltensweisen. Am Ende gibt es tatsächlich eine Lösung, die diesen Roman aber auch nicht mehr retten kann.

Wer die beiden ersten Roman von Dicker gern gelesen hat, sollte diesen erst gar nicht in die Hand nehmen - schade um die Lesezeit.

Trotzdem ein Dankeschön an den Piper-Verlag für das Leseexemplar.

Samstag, 30. März 2019

Lawrence Osborne: Welch schöne Tiere wir sind

- eine Gesellschaftsstudie.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman spielt auf der griechischen Insel Hydra, im Mittelpunkt stehen die beiden jungen Frauen Naomi und Sam.

Naomi ist Britin, Sam Amerikanerin und beide vereint ihr Reichtum, ihre Dekadenz und die Gewissheit, dass sie immer weich fallen werden. Jimmie Codrington, Naomis Vater, ist Kunstsammler und Millionär, seine erste Frau ist früh gestorben.

"Solange es Naomi gab, war Helen nicht tot. Ein Teil der Mutter lebte in der Tochter fort. Doch ein kaputtes Zuhause zerstört alle Gewissheiten, mehr, als er geahnt hatte, mehr, als je irgendjemand ahnt. Naomi, dachte er, die beim Krebstod ihrer Mutter ein Teenager gewesen war, hatte sich nie davon erholt." (27)

Jimmi hat eine Griechin, Phaine, geheiratet - beide verkörpern eine unsympathische Arroganz, so dass man als Leser*in von Beginn an eine Antipathie ihnen gegenüber aufbaut, was auch an der Perspektive Naomis liegen mag, die man zunächst einnimmt. Die personale Erzählperspektive wechselt jedoch kontinuierlich, so dass alle Figuren aus unterschiedlichen Sichtweisen wahrgenommen werden.

Die Codringtons haben seit den 80er Jahren ein Haus auf der Insel, so dass Naomi dort jeden Sommer verbracht hat und Hydra in- und auswendig kennt. Sie hasst ihre Stiefmutter Phaine und fühlt sich nur allein wohl. Auf einem ihrer morgendlichen Schwimmausflüge lernt sie die weibliche Hälfte der Haldanes kennen, die ihren ersten Sommer auf der Insel verbringen. Sam ist fasziniert von der kühlen, abweisenden 24-jährigen Naomi und schließt sich ihr an.

"Sie schwamm nahezu geräuschlos, und während ihre Hände unter der Wasseroberfläche nach vorn glitten, erschien es Naomi, als hätten sie sich, ohne es zu merken, vom ersten Augenblick an freundschaftlich aneinander gerieben." (18)

Beide wirken merkwürdig unnahbar, nicht greifbar - das ändert sich kaum im Verlauf des Romans, so dass ich keine "Verbindung" zu den Figuren herstellen konnte.

"Ihre Haut erschien Sam wie eine englische Maske, die einem menschlichen Gesicht perfekt nachempfunden war und deren polierte Oberfläche das Lächeln nicht durchbrach. Dennoch spürte sie die Spannungen, die sich darunter hin und her Bewegten, als würden Gedanken und Stimmungen von einem leeren Raum zum anderen ziehen." (42)

Naomi, die in einer Anwaltskanzlei in London gearbeitet hat, hat aufgrund eines Fehlers ihre Stellung verloren und scheint auf der Suche zu sein, während Sam noch studiert. Ihre dekadente Langeweile wird jäh unterbrochen, als sie während eines Ausflugs einen syrischen Flüchtling entdecken und Naomi beschließt ihm zu helfen - aus "Wiedergutmachung für das ganze Geld, über das ich verfüge, ohne dafür gearbeitet zu haben." (64)

Ist das ihr Motiv? Man mag es nicht glauben und es stellt sich heraus, dass sie den aus gutem Haus stammenden Faoud für ihre Zwecke instrumentalisieren möchte. Er soll das Haus ihres Vaters ausrauben, eine Art Rache?
Das Hausmädchen Carissa, das seine Arbeitgeber hasst, da sie es nicht anständig bezahlen, soll als Komplizin fungieren - eine Rolle, die es bereitwillig annimmt, da es sich schlecht behandelt fühlt.

"In dieser Nacht dröhnte das Schnarchen, als wären sie riesige, fette Tropenfrösche. (...) Manchmal schockierte sie Naomis mangelnder Respekt vor ihrem Vater. Doch zugleich solidarisierte sie sich mit dem schikanierten Mädchen gegen dessen herrische und arrogante Stiefmutter." (85)

"Beide waren sie üble Geizhälse, es sei denn, es ging um gesellschaftlich Gleichgestellte, bei denen ihre Großzügigkeit natürlich prompt aufblühte. Sie bekam nur die Heuchelei und Knauserigkeit hinter den Kulissen zu sehen, eine Knauserigkeit, deren Ausführende sie ebenso sehr war, wie sie ihr zum Opfer fiel." (136)

Doch der sorgfältig ausgedachte Plan geht fürchterlich schief...


Bewertung

"Welch schöne Tiere wir sind, dachte Sam, schön wie Panther." (60)

Osborne seziert die dekadente Gesellschaft der Insel und zeigt auf, wie die "machtbesessene" Naomi Faoud für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ihre Kaltblütigkeit, die nur wenige Risse aufweist, macht sie für mich zu einer unsympathischen Figur. Prinzipiell stört es mich nicht, wenn ein Roman keine Identifikationsfiguren bietet, wie es in "Welch schöne Tiere wir sind" der Fall ist.
Was mich jedoch stört, ist, dass die Figuren oberflächlich bleiben - allen voran Faoud, über dessen Hintergründe und Motive man kaum etwas erfährt - oder es ist so gut unter dieser Oberfläche versteckt, dass es sich mir nicht erschließt. Auch Naomis Motive lassen sich meines Erachtens psychologisch nur teilweise nachvollziehen - ebenso wie Sams Verhalten nach dem Raub, der aus dem Ruder gelaufen ist. Für mich sind diese Figuren nicht greifbar, das mag anderen Leser*innen anders ergehen, aber für mich blieb am Ende eine Leere zurück - ich habe den Roman zugeklappt mit dem Gefühl - und jetzt? Sind wir alle Tiere, die nach ihren Instinkten handeln und nur von Tag zu Tag leben - mit dem Unterschied, dass die Protagonisten "schön", reich, wohlhabend und satt sind?

Wenn Osborne die fehlende Moral dieser Gesellschaftsschicht darstellen will, hat er sein Ziel erreicht - die schönen Tiere gewinnen (?) Aber welche Rolle spielt Faoud in diesem Szenario, er wird instrumentalisiert und zum Tier? Die vielen Fragen, die sich mir am Ende des Romans stellen, zeigen die Ratlosigkeit, die er hinterlässt - zumindest hat die Diskussion in der Leserunde einige davon beantwortet ;)

Dem Piper-Verlag ein herzliches Dankeschön für das Rezensionsexemplar.

Freitag, 15. März 2019

Nicoletta Giampietro: Niemand weiß, dass du hier bist

- ein Roman gegen das Vergessen.

Leserunde auf whatchaReadin

Die Ereignisse in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges sind aus vielen Büchern gegen das Vergessen präsent - ob aus Sicht der Bevölkerung, der Verfolgten, KZ-Insassen oder aus der Perspektive Kinder und Jugendlicher, die sich von der Indoktrination haben blenden lassen -

- wie der Protagonist des Romans von Giampietro, der 11-jährige Lorenzo Guerrini, aus dessen Ich-Perspektive der Roman erzählt wird. Die Handlung beginnt im Jahr 1942 in Siena, wo Lorenzos Großvater, seine Tante Chiara, eine Lehrerin, sowie deren gläubige, katholische Haushälterin Cesarina leben.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat Lorenzo in Tripolis, Libyen, gelebt, das von den Italienern kolonialisiert gewesen ist. Obwohl sein Vater eine Kriegsverletzung hat, wird er erneut in den Kampf in Libyen geschickt, während seine Mutter sich bemüht, seine Rückkehr in Rom zu erwirken. Daher ist Lorenzo nun in der Obhut seiner Verwandten in Siena.

Lorenzo freundet sich mit Franco Tacconi an, dessen Eltern einen Lebensmittelladen im gleichen Haus wie die Guerrinis besitzen. Die beiden Jungen teilen die Auffassung, dass der Krieg etwas Heroisches sei, man müsse für Ehre und Vaterland kämpfen - eine Einstellung, die ihnen in der Schule eingetrichtert wird.

"Mamma und Zia Chiara hatten keine Ahnung vom Krieg. Jetzt, mit den Deutschen zusammen, unter der Führung Rommels und meines Vaters, würden wir siegen. Wir würden die Engländer ins Meer zurückwerfen. Papà würde ein Held sein." (18)

Sie sind von Mussolini begeistert, der Italien ihrer Meinung nach, wieder zu einem  Land gemacht hat, auf das sie stolz sein können. Ihr Lehrer vertritt dazu eine simple Meinung:

"Ein Junge, der zwar gehorcht, aber zugleich fragt >Warum?<, ist wie ein Bajonett aus weichem Bleich. Was sagt Mussolini dazu? Gehorcht, weil ihr gehorchen müsst!" (73)

Sie sind beseelt vom Faschismus, das Wort

"kommt von >fascio< [=Rutenbündel]. Deshalb ist das Symbol des Faschismus ein Bündel von dünnen, eng zusammengeschnürten Stangen. Diese Stangen stellen die einzelnen Italiener dar." (63f.)

Als Lorenzo erkennt, dass seine Tante Chiara seine Einstellung nicht teilt, spioniert er ihr hinterher und findet heraus, dass sie heimlich jüdische Kinder unterrichtet, die nicht mehr in die Schule gehen dürfen. Obwohl er die Rassengesetze selbst nicht nachvollziehen kann -

"Waren denn die nettesten Menschen in Siena alle jüdisch?" (149)

- ist er mit dem Handeln seiner Tante nicht einverstanden, die ihn jedoch mit seiner Einstellung konfrontiert:

"Du bist in einer Fantasiewelt voller Pathos und Helden aufgewachsen. Aber es nicht die echte Welt. In der echten Welt wirst du deine Kindheit schneller verlieren als deinen nächsten Milchzahn." (92)

Und sie hat Recht - Lorenzo schließt Freundschaft mit dem jüdischen Jungen Daniele und als sich die geschichtlichen Ereignisse in Siena überschlagen, muss er eine wichtige Entscheidung treffen.

Bewertung
Der Roman hat mich in vielerlei Hinsicht angesprochen, da

  • er einen Einblick in die italienische Geschichte während des 2.Weltkrieges gibt,
  • er sehr differenziert die verschiedenen Parteien darstellt, ob Partisanen, deutsche Wehrmachtssoldaten oder italienische Faschisten,
  • er glaubwürdig aufzeigt, wie sich Lorenzo weiterentwickelt, welche inneren Beweggründe ihn antreiben und zwischen welchen Konflikten er steht,
  • der Protagonist eine Identifikationsfigur für Jugendliche bietet,
  • er mit einem realistischen Ende aufwartet,
  • er eine für die kindliche Perspektive adäquate Sprache findet, die Lorenzos Handeln nachvollziehbar macht.


Lesenswert und meines Erachtens gerade für Jugendliche geeignet.

Vielen Dank dem Piper-Verlag für das Leseexemplar.



Mittwoch, 6. März 2019

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman, der von fünf unterschiedlichen Frauen erzählt, hat in der Leserunde für einigen Diskussionsstoff gesorgt. Die verschiedenen Charaktere und deren Lebensentwürfe bieten Identifikationsmöglichkeiten und Interpretationsspielräume. Die wunderbare Sprache, die mit ungewöhnlichen Bildern aufwartet, verleitet zudem über das Gelesene intensiv nachzudenken.

Wer sind diese Frauen, die die Liebe im Ernstfall erleben?

1. Paula
"Der Tag, an dem Paula feststellt, glücklich zu sein, ist ein Sonntag im März." (5)

Offenkundig hat sie eine Zeit der Trauer überwunden. Im Rückblick, der sich mit der Gegenwart abwechselt, erfahren wir, wie die junge Buchhändlerin Paula ihren zukünftigen Mann Ludger kennen lernt, den ihre beste Freundin Judith ablehnt, trotzdem zieht sie mit ihm zusammen.

"Der Abschied von Judith fiel ihr schwer. Fünf gute Jahre hatten sie zusammengewohnt. Niemand sonst war ihr so nah." (13)

Seit Kindertagen sind sie befreundet, doch Ludger stellt diese Freundschaft auf eine harte Probe. Nachdem ihre gemeinsame Tochter Leni zur Welt gekommen ist, will er noch weniger Spuren auf der Erde hinterlassen, das bedeutet nachhaltig zu leben und dafür ist er bereit Verzicht zu üben. Allerdings möchte er seine Umwelt davon überzeugen, dass seine Art zu leben die einzig Richtige ist, was auch Paula irgendwann überfordert.

"Paula erschien es, als bezahlte sie den Preis für dieses Glück. Als lebte er von ihr. Je mehr Energie er hatte, umso schwächer fühlte sie sich. Je besessener er Pläne schmiedete, umso antriebsloser wurde sie." (29)

Als ihre zweite Tochter geboren wird, scheint sich die Beziehung zu entspannen, bis ein furchtbares Unglück sie heimsucht. Die Liebe hat den Ernstfall nicht überstanden und nur der erste Satz des Kapitels stimmt hoffnungsfroh, dass Paula mit ihrem neuen Lebensgefährten Wenzel einen Neuanfang wagen kann.

2. Judith
Das Kapitel setzt zeitlich nach Paulas Unglück ein, bevor sie Wenzel kennen lernt.

"Wie ein Abgrund ist Paula, wie ein tiefes schwarzes Loch, in das man Verständnis, Geduld und Liebe hineinwirft, und alles versinkt in der Tiefe, ohne auch nur einen Hall zu erzeugen." (66)

Judith ist Mitte 30, gutaussehend, sportlich, leitet erfolgreich eine Arztpraxis, liebt es im Galopp mit ihrem Pferd zu reiten und hört gerne klassische Musik.

So würde sie sich vielleicht selbst in einer der Dating-Agenturen beschreiben, in denen sie permanent auf der Suche nach dem richtigen Partner ist.

"Das Schwierigste an den Treffen mit den unbekannten Männern ist die Anstrengung, sich erklären zu müssen, immer wieder bei null anzufangen, sich auf nichts Vorhandenes berufen zu können." (62)

Obwohl die hochintelligente Judith unabhängig und stark erscheint -

"Manchmal steht sie fassungslos vor der Großzügigkeit anderer Frauen. Wie mild sie urteilen, wie sanft sie sich ihren Männern zuwenden, wie großherzig sie deren Schwächen hinnehmen und übersehen." (84) -

ist sie neidisch, als sie während eines Hausbesuchs die tiefe Verbundenheit zwischen einem Mann - Wenzel Goldfuß - und seiner krebskranken Frau Maja erlebt.

Doch dann lernt sie Gregor kennen...

3. Brida

ist Schriftstellerin und Judiths Freundin. Sie haben sich kennengelernt, als Brida Judith gebeten hat, ihren Roman auf sachliche Fehler hin zu lesen.

Brida verbringt ihre Ferien gemeinsam mit ihren Kindern Hermine und Undine, ihrem Exmann Götz und dessen Freundin Svenja. Eine etwas seltsame Konstellation, hinzu kommt, dass Götz und Brida immer noch regelmäßig miteinander schlafen.

Im Rückblick schildert Brida aus ihrer Sicht, wie sie sich in Götz, den Restaurator antiker Möbel, verliebt hat.

"Zu Beginn ihrer Beziehung gab es Malika, von der Götz damals sagte, sie sei die Frau um meine Familie zu gründen. Ihr Körper sei der Körper einer Mutter - weich und warum und wie ein schützender Wintermantel" (129),

während er sie als "wild und rauh wie eine Katzenzunge" (129) beschreibt.

Trotzdem gründen die beiden eine Familie, doch Brida zerbricht an ihrem Wunsch als Schriftstellerin weiter arbeiten zu wollen, ihren Figuren Raum zu geben und gleichzeitig Mutter zweier Kinder zu sein, die ihre Aufmerksamkeit fordern. Sie hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie Hermine zur Tagesmutter bringt und nach dem 2.Kind schweigen sogar ihre Figuren. Götz unterstützt sie, mit seinem Laden sorgt er für den Unterhalt und ermahnt sie, "[a]lles hat seine Zeit" (164).

In der Leserunde haben wir darüber diskutiert, ob Brida zu viel will. Der Beruf der Schriftstellerin erfordert Freiräume, in denen sich Kreativität entfalten kann, und passt nicht zu dem Bedürfnissen kleiner Kinder, die nicht warten, bis der Schreibprozess zum Ende kommt. Was hätte ein Schriftsteller gemacht? Hätte er auch ein schlechtes Gewissen gehabt oder auf seine künstlerische Freiheit gepocht?

4. Malika
Die Geigenlehrerin Malika erscheint zunächst als die schwächste der Frauen. Von ihren erfolgreichen Eltern, der Vater Cellist, die Mutter Musikwissenschaftlerin, fühlt sie sich ungeliebt. Ihre Schwester Jorinde, Schauspielerin, ist immer diejenige gewesen, die von ihnen vergöttert worden ist. Von dem Mann verlassen, den sie über alles geliebt hat - Götz - liest sie jede Zeile von Brida Lichtblau, um in den Männern der Geschichten Züge von Götz zu finden. In der neusten Geschichte, die Brida nach dem Urlaub mit Götz und Svenja geschrieben hat, Ein Sommer, erkennt sie ihn wieder und hofft, dass Brida ebenso leide wie die Hauptfigur.

Aus ihrer Perspektive schildert sie im Rückblick, wie sie Götz zum ersten Mal gesehen hat -

"Die Zeit des Alleinseins war vorbei. Mit der Kraft seiner Liebe bewegte sie sich mühelos in die Richtung ihrer besten Eigenschaften" (208) -

und wie er sie wegen Brida verlassen hat. Die andere Sichtweise wirft eine neues Licht auf alle Beteiligten. Ihr Wunsch nach einem Kind, der sich nicht verwirklichen will, setzt Götz unter Druck. In dieser Phase taucht Brida auf und in der Gegenwart bittet Malikas Schwester sie um einen unglaublichen Gefallen.

5. Jorinde

"Seit sie denken kann, kämpft sie um Malikas Liebe." (240)

Erneut lässt eine andere Perspektive das zuvor Erzählte einem anderen Licht erscheinen. Jorinde scheint Malika zu brauchen und es zeigt sich, dass die beiden Schwestern gut harmonieren und Malika tatsächlich zur Mutter geboren ist. Gemeinsam ziehen sie eine Wohnung, nachdem Jorinde ihren Mann verlassen hat, der

"als die Jahre und die Kinder eine Anpassung der Wünsche an die Wirklichkeit erforderten, [sich] verweigerte. Kompromisse ging er kaum ein, schon gar nicht beruflich" (244),

obwohl Jorinde die erfolgreichere Schauspielerin ist. Mit Malika zusammen gelingt ihr vorläufig der "Balanceakt der modernen Frau", wie eine der Diskussionsteilnehmerinnen so treffend bemerkt hat.

Zu diesem Balanceakt gehört nach wie vor die Zerrissenheit zwischen Beruf, Kindern und Partnerschaft. Der Kinderwunsch oder die bewusste Entscheidung dagegen prägen diese Frauen, in deren Lebensentwürfen sich die Leser*innen teilweise wiederfinden können. Die Geschichten stellen auch die Frage danach, wie Liebe sein sollte, und thematisieren die Einsamkeit, Zweifel und Sehnsüchte, wenn sie den Ernstfall nicht bestanden hat.

"Liebe ist kein Gefühl.
Liebe ist keine Romantik.
Liebe ist eine Tat.
Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten." (144)

Bis jetzt das Lese-Highlight 2019!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar.



Samstag, 2. März 2019

Ferdinand von Schirach: Das Verbrechen

- wahre Kriminalfälle.

Lesen mit Mira

Ferdinand von Schirach, der in Berlin als Anwalt und Strafverteidiger gearbeitet hat, schildert in seinem Erzähldebüt  "Verbrechen" (2009) wahre Fälle aus seiner Kanzlei, in denen es um hauptsächlich um die Frage der Schuld geht.

Bei einigen der Fälle hat man als Leser*in Mitleid mit Mörder*innen und kann deren Motive nachvollziehen. Wenn zum Beispiel eine Schwester ihren Bruder ermordet, nachdem er sie aufgrund eines Unfalls nicht mehr erkennt und er bisher ihr Lebensmittelpunkt gewesen ist. Ist es nicht ein Akt der Barmherzigkeit ihn zu erlösen, fragt man sich unwillkürlich. Oder steht es ihr nicht zu, über Leben und Tod zu richten, fragt man sich andererseits - berechtigterweise.

Es sind solche Grenzfälle, die die Erzählungen so besonders interessant machen, auch wenn die ein oder andere Geschichte von extremer Grausamkeit geprägt ist - so zerstückelt ein Ehemann nach langjährigen Leiden unter seiner Ehefrau diese mit einer Axt und zeigt sich danach freiwillig an.

Schirach gelingt es jedoch mit seiner sachlich, neutralen - teilweise reservierten Erzählweise diese Gewaltszenen erträglich zu gestalten, gleichzeitig erzeugt er Empathie für seine Klienten. Besonders berührt hat mich die Geschichte "Der Äthiopier", in der ein Bankräuber seinen zweiten Raub aus völlig nachvollziehbaren Gründen begeht - aus Liebe und dem Wunsch dem Dorf in Äthiopien, in dem er nach einem misslungenen Leben in Deutschland gestrandet ist, zu helfen.

Da ich sehr gerne Kriminalliteratur lese, fand ich auch die Hinweise zur Ermittlungsarbeit und die "Seitenhiebe" auf die Drehbuchautoren erhellend.

"Im Krimi gesteht der Täter, wenn man ihn anschreit, in der Wirklichkeit ist es nicht so einfach. Und wenn ein Mann mit einem blutigen Messer in der Hand über eine Leiche gebeugt ist, dann ist er der Mörder. Kein vernünftiger Polizist würde glauben, dass er nur zufällig vorbeikam und das Messer aus der Leiche zog, um zu helfen. Der Satz des Kriminalkommissars, dass eine eine Lösung zu einfach sei, ist eine Erfindung von Drehbuchautoren. Das Gegenteil ist wahr. Das Offensichtliche ist das Wahrscheinliche. Und fast immer ist es auch das Richtige." (112)

Schirach erzählt auch von seiner Arbeit als Anwalt, dessen Freund der Zufall ist. Unglaublich ist eine Geschichte, in der ein Mann fast des Mordes verurteilt worden wäre, weil auf einem Video noch die Sommerzeit statt der Winterzeit eingestellt war.

"Geschriebenes Kino im Kurzformat" - die Bewertung ("Der Spiegel", Buchrückseite) trifft es auf den Punkt!

Lese-Empfehlung!

Mira hat das Buch abgebrochen. Im Gegensatz zu mir mag sie keine Krimis, hier geht es zu ihrer Rezension, in der sie nachvollziehbar ihre Gründe darlegt, warum sie sich gegen das Weiterlesen entschieden hat.


Sonntag, 10. Februar 2019

Robert Seethaler: Das Feld

- ein Kaleidoskop aus Geschichten.

Jüdischer Friedhof in Laufersweiler
In Seethalers Roman "geht es um das, was sich nicht fassen lässt. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem Bild menschlicher Koexistenz." (Über das Buch)

Die Frage, die sich mir beim Lesen gestellt hat, ist, ob die einzelnen Geschichten sich tatsächlich wie ein Puzzle zusammensetzen, so dass am Ende ein großes Ganzes entsteht.

Im ersten Kapitel schildert ein alter Mann, wie er jeden Tag den Friedhof besucht.

"Es war der älteste Teil des Paulstädter Friedhofes, der von vielen nur das Feld genannt wurde. (...) Kaum jemand kam noch hierher."

Der Mann denkt über die Toten nach, die meisten hat er persönlich gekannt, viele zumindest vom Sehen. Einfache Paulstädter Bürger.

"Er versuchte, sich ihre Gesichter zu vergegenwärtigen, und setzte seine Erinnerungen zu Bildern zusammen. Er wusste, dass diese Bilder nicht der Wirklichkeit entsprachen, dass sie vielleicht gar keine Ähnlichkeit mit den Menschen hatten, die sie zu Lebzeiten gewesen waren."

Während er auf seiner alten Bank sitzt, glaubt er die Stimmen der Toten zu hören, einzelne Sätze, Fragmente eines Lebens und "er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte."

Andererseits glaubt er, sie würden ihre Erinnerungen verklären, von Belanglosigkeiten erzählen, so wie sie es auch zu Lebzeiten getan haben.

Und genau das tun die Toten auf dem Feld in den folgenden Geschichten: von ihrem Leben erzählen. Einige fassen ihre Lebensgeschichte zusammen, andere nur Ausschnitte oder die kurze Zeit unmittelbar vor ihrem Tod. Erinnerungen, Fragmente eines Lebens, Rechtfertigungen, Wahrheiten, die man im Leben nicht äußern wollte.

Manche Geschichten hängen unmittelbar zusammen, wenn zum Beispiel Paare direkt hintereinander zu Wort kommen, und wir als Leser*innen können die Wahrheit in den konträren Erzählungen suchen.
Manche sind nur lose verknüpft, immer wieder tauchen bestimmte Figuren auf, wie der Pfarrer oder der Bürgermeister und der Stadtgärtner. Man müsste im Prinzip alle Namen notieren, um ein vollständiges Beziehungsgeflecht herstellen zu können.

Am Ende hören wir die Stimme des alten Mannes, der nun selbst einer der Toten ist - eine Rahmenhandlung. Ich habe nach dem letzten Kapitel, dann wieder das erste gelesen und so hat sich für mich zumindest die Idee des Romans, dass jeder noch einmal eine Stimme erhält und erzählen darf und sich dadurch die Vielfalt des Paulstädter Lebens - exemplarisch für eine Kleinstadt - ergibt.

Wer jedoch das große Ganze sucht, der wird enttäuscht. Die Geschichten bieten ein Kaleidoskop der Paulstädter Bürger*innen, Ausschnitte aus verschiedenen Lebensläufen, die sich berührt oder verknüpft haben oder auch auseinander gerissen sind.

Überzeugt hat mich - wie in "Der Trafikant" oder "Ein ganzes Leben" - die Sprache Seethalers, die sich den jeweiligen Figuren anpasst und die den Roman zusammenhält ;)

Lesenswert!

Dienstag, 5. Februar 2019

Robert Seethaler: Der Trafikant

- politische Bildung und sexuelle Erlösung

Lesekreis

"An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte." (7)

Mit dieser  Feststellung beginnt "Der Trafikant": Der 17-jährige Franz muss aus finanziellen Gründen vom beschaulichen Attersee im Salzkammergut in die Hauptstadt Wien ziehen. Ein Freund der alleinerziehenden Mutter Franz - Otto Trsnjek - ist ihr noch einen Gefallen schuldig, so dass Franz in seiner Trafik, ein Geschäft, in dem Zeitungen, Zeitschriften und Zigaretten verkauft werden, als Lehrling anfangen kann.


Die Ankunft in der Großstadt ist überwältigend für den Bub vom Land:
"Die Stadt brodelte wie der Gemüsetopf auf Mutters Herd. Alles war in ununterbrochener Bewegung, selbst die Mauern und die Straßen schienen zu leben, atmeten, wölbten sich. Es war, als könnte man das Ächzen der Pflastersteine und das Knirschen der Ziegel hören. (...) Dazu das Licht. Überall ein Flimmern, Glänzen, Blitzen und Leuchten..." (20)

Seethaler beschreibt das Gewimmel auf den Straßen sprachlich so detailliert, dass man glaubt, den Lärm und die Stimmen zu hören, das Licht und die vielen Menschen zu sehen.

Als Trafikant, so lernt Franz, kommt es nur auf eines an:

"Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein." (25)

Otto Trsnjek sorgt für Franz politische Bildung, wobei er dem erstarkenden Nationalsozialismus deutlich entgegentritt. Als Kriegsinvalide hat er diese Trafik zugesprochen bekommen und sich in seinem Wiener Bezirk etabliert. Bei ihm kaufen alle ein, Kommerzialräte, Doktorenwitwen, Rentner, Hausfrauen, Arbeiter und Professor Sigmund Freud, dessen Ruf

"mittlerweile nicht nur an die entlegensten Flecken der Erde, sondern sogar bis ins Salzkammergut gelangt [war] und dort die meist eher dumpfen Fantasien der Einheimischen angeregt [hatte]" (38).

Als dieser seinen Hut in der Trafik vergisst, sprintet Franz ihm hinterher und fragt ihn unbekümmert  aus. Freud rät ihm, seine Zeit nicht mit dem Lesen seiner Bücher zu verbringen, sondern sich ein Mädchen zu suchen und fordert ihn auf, das zu tun, was Franz schon lange will: seine sexuellen Triebe auszuleben.

Politische Entwicklung durch den Mentor Trsnjek und das Entdecken der Sexualität verändern Franz. Er wird erwachsen in einer Zeit, in der in Österreich ein politischer Umbruch stattfindet.

"Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass es diesen Buben nicht mehr gab. Weg war der. Abgetrudelt und untergegangen, irgendwo im Strom der Zeit. Wobei das alles ja schon recht schnell gegangen war, dachte er, vielleicht sogar insgesamt ein bisschen zu schnell." (236)

Die schnelle Entwicklung Franz - die erzählte Zeit umfasst knapp ein Jahr (Spätsommer 1937- Sommer 1938), mit einem Zeitsprung ins Jahr 1945 - war einer der Diskussionspunkte im Lesekreis. Kann man so schnell erwachsen werden? Die Diskrepanz zwischen der Äußerung von Lebensweisheiten, wenn er beispielsweise Freuds Couchmethode "analysiert" und den naiven Betrachtungen des 17-Jährigen lassen vermuten, dass Seethaler das ein oder andere Mal durch seinen Protagonisten spricht. Auf der anderen Seite muss Franz sich weiterentwickeln, denn die bevorstehende Annexion an Hitler-Deutschland betrifft auch sein Leben: Trsnjek verkauft seine Zeitungen und Zigarren an Juden und wird Opfer antisemitischer Anfeindungen, genau wie Freud, der seine Ausreise bisher hinausgeschoben hat.

"Freud zuckte mit den Schultern. Natürlich wusste er es. Er war alt. Er war krank. Er war Jude. Und in den Straßen trieb sich viel zu viel Gesindel herum. Doch vor Geschehnissen zu kapitulieren, die noch nicht einmal begonnen hatten, kam nicht in Frage." (124)

Franz sieht sich mit der Gestapo konfrontiert und beweist einen Mut, den man dem unbedarften Bub aus dem beschaulichen Nußdorf nicht zugetraut hätte. Ist diese Entwicklung stimmig?

Seine sexuelle Erweckung wirkt glaubwürdiger: Er verliebt sich in eine junge böhmischen Frau, die ihn jedoch mehrmals verlässt. Rat sucht er beim Professor, so entsteht eine kurze, ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden, die sein Handeln maßgeblich beeinflusst, wie das Aufschreiben seiner Träume, die seine sexuellen Wünsche, aber auch die Zeitgeschichte widerspiegeln und in ihrer Doppeldeutigkeit wie Vorausdeutungen erscheinen:

Im Prater geht ein Mädchen, es steigt ins Riesenrad,
überall blitzen Hakenkreuze, das Mädchen steigt immer
höher, plötzlich brechen die Wurzeln, und das Riesenrad
rollt über die Stadt und walzt alles nieder, das Mädchen
juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein
Wolkenfetzen. (180)

Mag man Franz "Tat" am Ende auch für unglaubwürdig halten, Seethaler stellt sich mit seinem Protagonisten gegen eine Haltung, die mehrfach im Roman thematisiert wird.

"Denn abwarten war ja bekanntlich sowieso immer die beste und vielleicht sogar die einzige Möglichkeit, die verschiedenen Schwierigkeiten der Zeit unbeschadet an sich vorbeiströmen zu lassen." (165)

Abwarten, nicht hinsehen, verdrängen - in vielen Textpassagen erscheinen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit schon alltäglich, das Zerstören jüdischer Geschäfte, die Deportationen oder die Folterung im Keller der Gestapo. Franz setzt dagegen ein Zeichen, das zugegebenermaßen etwas zu plakativ wirkt, aber deutlich ist.

Wir waren uns alle einig, dass "Der Trafikant" (erstens) ein toller Roman ist und (zweitens) eine hervorragende Schullektüre abgeben würde, wegen der jungen Identifikationsfigur Franz, seiner Entwicklung, der klaren Botschaft des Romans und seiner Sprache und Metaphorik, der unterschiedlichen Erzählperspektiven sowie dem Humor Seethalers, der in dieser Rezension etwas zu kurz gekommen ist ;)

"Jetzt verschreib ich dir ein Rezept", antwortete Freud, "respektive sogar drei Rezepte. (...)
Erstes Rezept (gegen dein Kopfweh): Hör auf, über die Liebe nachzudenken. Zweites Rezept (gegen dein Bauchweh und die wirren Träume): Leg dir Papier und Feder neben das Bett und schreib sofort nach dem Aufwachen alle Träume auf. Drittes Rezept (gegen dein Herzweh): Hol dir das Mädchen wieder - oder vergiss sie!" (78)

Mein Rezept: Den Roman lesen ;)

Dienstag, 29. Januar 2019

Kent Haruf: Abendrot

- der Einsamkeit entfliehen.

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem "Unsere Seelen bei Nacht"  2017 mein Lieblingsroman gewesen ist und ich im letzten Jahr mit Begeisterung "Lied der Weite" gelesen habe, musste ich nicht lange überlegen, um mich bei der Lese-Runde zu Abendrot anzumelden. Auch dieser Roman spielt wie alle von Kent Haruf in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, vermutlich Ende der 60er Jahre.
Der Tenor in der Leserunde ist einstimmig: Ein Roman, der einen Sog erzeugt und uns allen gefallen hat.

Worum geht es?
Der Beginn des Romans ist wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten, da die McPheron Brüder Raymond und Harold als erste auftauchen, die in "Lied der Weite" die schwangere Victoria Roubideaux aufgenommen haben. Das ist zwei Jahre her. Inzwischen gehört sie wie ihre kleine Tochter Katie für die beiden selbstverständlich zu ihrem Leben.

"Er [Raymond] wandte sich um und musterte ihr Gesicht. Ein Gesicht, das ihm jetzt vertraut und lieb war, nachdem sie drei und das Kind unter demselben freien Himmel, im selben, von der Witterung gezeichneten alten Haus gewohnt hatten." (15)

Doch Victoria verlässt das alte Haus gemeinsam mit ihrer Tochter, um das College zu besuchen. Obwohl alle traurig darüber sind und sich nicht trennen wollen, wissen sie doch, dass es notwendig ist. Eine einschneidende Veränderung für die beiden Brüder, denn es ist "verdammt ruhig hier" (21) auf der Farm - ohne Victoria und die Kleine. Es stellt sich die Frage, ob sich die beiden weiterentwickeln werden.

Neben diesem Handlungsstrang gibt es zwei weitere:

1. Betty und Luther leben gemeinsam mit ihren Kindern Joy Rae und Richie am Existenzminimum in einem Wohnwagen und beziehen Lebensmittelmarken von der Fürsorge.

"und jetzt mal sehen, sagte Rose. Ich habe Ihre Lebensmittelmarken hier. Sie nahm die Marken aus der Mappe auf dem Tisch Heftchen mit Marken im Wert von einem, fünf, zehn und zwanzig Dollar, alle in verschiedenen Farben." (29)

Die warmherzige Sozialarbeiterin Rose, neben den Brüdern die Sympathieträgerin des Romans, tut ihr Bestes, um der Familie zu helfen. Doch Betty und Luther sind auf sich und ihre körperlichen Befindlichkeiten fixiert, zudem kognitiv nicht in der Lage, ihren Kindern die entsprechende Fürsorge, ein ordentliches Zuhause und gesundes Essen zukommen zu lassen.

"Tiefgekühlte Spaghetti, tiefgekühlte Pizzen, Burrito-Packungen, Fleischpasteten, Waffeln, Beerenkuchen, Schokoladenkuchen und Lasagne. Salisbury Hacksteaks. Fertiggerichte mit Makkaroni und Käse. Alles tiefgefroren, in steinharten grellfarbigen Verpackungen." (57)

Nach einem Streit sucht Betty Rose auf, damit diese sie und die Kinder zu einer Tante fahren kann. Luthers Antwort auf Bettys Fluchtversuch:

"Ich bin ihr Mann. Die Bibel sagt, der Mann ist König im eigenen Haus. Er baut sein Haus auf einem Felsen. Sie muss auf das hören, was ich sage." (77)

Haruf wertet ihr Verhalten nicht, sondern schildert das, was sie tun und sagen, überlässt es seinen Leser*innen, was sie von den beiden halten, für die man zunächst Mitleid empfindet.

Als Bettys gewalttätiger Onkel auftaucht und sich im Wohnwagen einnistet, gerät das labile Gleichgewicht aus den Fugen.

2. DJ Kephart ist 11 Jahre alt und lebt bei seinem 75-jährigen Großvater Walter, für den er sorgt. Seine Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen und obwohl er ein Zuhause hat, fehlt es auch ihm an entsprechender Fürsorge. Eine junge Frau aus der Nachbarschaft, Mary Wells, lässt ihn in ihrem Garten arbeiten und kann ihn so finanziell unterstützen. Ihre Tochter Dena ist im gleichen Alter wie DJ und beide freunden sich an, nachdem auch diese Familie aus den Fugen gerät. Denas Vater wird nicht aus Alaska zurückkehren, wo er arbeitet, und Mary kommt mit der neuen Situation nicht zurecht. So beschließen die beiden Kinder in einem verlassenen Schuppen sich selbst ein neues Zuhause zu schaffen, manchmal schließt sich ihnen auch Denas kleine Schwester Emma an.

"So lagen beide Schwestern eine Weile neben dem Jungen auf dem Boden unter den Decken, lasen im schwachen Kerzenlicht Bücher, während die Sonne über dem Kiesweg allmählich unterging, unterhielten sich leise, tranken Kaffee aus der Thermosflasche, und was in den Häusern geschah, aus denen sie kamen, schien für diese kurze Zeit wenig Bedeutung zu haben." (250)

Im ersten Teil verlaufen die Handlungsstränge nebeneinander, bis sie sich im weiteren Verlauf berühren.

Zwei weitere Figuren aus "Lied der Weite" spielen ebenfalls eine Rolle: Tom Guthrie und Maggie Jones, inzwischen ein Paar und mit den McPherons befreundet. Sie tauchen aber eher als Nebenfiguren auf, trotzdem ist es schön zu sehen, dass sie glücklich sind, denn Haruf mutet seinen Leser*innen ansonsten einiges zu...

Bewertung

...und schildert die Realität teilweise schonungslos - in reduzierter, klarer, scheinbar emotionsloser Sprache. Nur manchmal erhaschen wir einen Blick in das Innere einer Figur, wie bei Rose, als sie mit den Kindern Joy Rae und Richie zu tun hat.

"plötzlich hatte sie das Gefühl, weinen zu müssen und nicht aufhören zu können. Sie hatte schon so viel Leid in Holt County gesehen, und alles hatte sich aufgestaut und in ihrem Herzen eingebrannt." (169)

Gerade die Geschichte um die Familie im Wohnwagen grenzt an das, was ich beim Lesen ertragen kann. Das tut körperlich weh, wenn man mit"ansehen" muss, wie es Betty und Luther nicht gelingt, ihre Kinder zu beschützen.
Auch für DJ und Dena scheint sich alles zum Schlechten zu wenden, kein Happy End in Sicht - ich will an dieser Stelle nichts verraten, nur soviel: Haruf zaubert kein "Friede, Freude, Eierkuchen" am Ende aus dem Hut, sondern entscheidet sich glücklicherweise für einen realitätsnahen (vorläufigen?) Schluss,

"wartend auf das, was kommen würde" (414)

- schließlich sind noch 3 Romane übrig, die bisher nur im Englischen erschienen sind und auch alle in Holt spielen. Hoffen wir, dass sie noch ins Deutsche übersetzt und bei Diogenes erscheinen werden.

"Abendrot" ist mein Highlight für den Januar und wird eines meiner Lieblingsbücher für dieses Jahr werden.


Ein Dankeschön an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Rosemarie Marschner: Das Bücherzimmer

Lesen mit Mira

Den Roman hat Mira in der Rubrik "Frauenromane" entdeckt. Obwohl die Protagonistin eine Frau ist, ist er auch ein Roman gegen das Vergessen und ein Beispiel dafür, wie schwierig es für Frauen in der Zeit vor dem 2.Weltkrieg gewesen ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Uns beiden hat der Roman gut gefallen und wir haben uns intensiv über das Leben Marie Zweisams ausgetauscht - über die Zwänge, in denen sie aufgrund ihrer Herkunft und auch ihrer Entscheidung zu heiraten gefangen gewesen ist.

Inhalt
Im Prolog betritt der Enkel Marie Zweisams ihre Villa und entdeckt in den Unterlagen seiner erfolgreichen und gerade verstorbenen Großmutter ein Hochzeitsfoto, obwohl diese seinen Großvater nie geheiratet hat. Er fragt sich, wer der Mann auf dem Foto ist.

Die Geschichte Maries setzt im Jahr 1932 ein und erstreckt sich bis zur Zeit kurz vor dem 2.Weltkrieg.

Sie wächst als uneheliches Kind auf dem Land in Österreich auf. Ihre Mutter, die sich in einen Adligen verliebt hat, der jedoch auf Druck seiner Eltern keine Bindung mit ihr eingegangen ist, wünscht sich für Marie ein besseres Leben. Daher schickt sie sie nach Linz in den angesehenen Haushalt des Notars Horbachs, wo sie als Hausmädchen arbeitet. Ein einsames, eintöniges Leben unter den Blicken der Köchin Amalia, die ihr aber wohl gesonnen ist, und den kritischen Augen der Hausherrin, die selbst in ihrem Leben gefangen scheint.

Auf diese Weise füllte sich nach und nach das schiefe alte Kleiderschränkchen oben im zweiten Stock in der Mädchenkammer mit den Kaufsünden und Fehlentscheidungen einer verwirrten Frau, die sich nicht eingestand, daß viel zu schnell ein Abschnitt ihres Lebens zu Ende gegangen war und ein neuer begonnen hatte, dessen Wert sie nicht begriff. Eine Frau, die immer lächelte, sogar noch vor dem Spiegel, wenn sie allein war. Nur manchmal, an späten Nachmittagen, wenn die Geschäftigkeiten des Tages sie müde gemacht hatten, vergaß sie zu lächeln. Wenn sie dann unerwartet im Spiegel ihrem Gesicht begegnete, erschrak sie über die Fremde, die sie da so unverhohlen fixierte. Hungrig und verlassen. (S.73)

Ihr Vater, der alte Notar, befiehlt, dass Marie ihm täglich im Bücherzimmer aus der Zeitung vorlesen soll. Da Marie eine sehr gute Schülerin gewesen ist, fällt es ihr leicht, und sie profitiert von den Monologen des alten Herren, der die politischen Ereignisse kommentiert.

Da fiel ihr das Bücherzimmer ein, in dem der Herr Notar seine schwachen Augen marterte, und sie dachte, daß dies der Platz wäre, an dem sie glücklich sein könnte. (S.52)

Während ihrer Zeit im Hause Horbach lernt sie den adligen Richard Ohnesorg kennen, eine Verbindung, die aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede nicht möglich ist.

Marie stand außerhalb. Außerhalb wie überall hier in der Stadt. Nur in der Horbach-Villa war ihr eine Rolle zugewiesen worden, aber die – das wurde ihr bewußt, während sie von außen in den Garten Eden hineinblickte –wollte sie nun selbst nicht. (S.64)

Als ihre Mutter erkrankt, muss sie zurück in ihre Heimat und gibt ihre Stellung auf - als verheiratete Frau kehrt sie nach Linz zurück und erlebt das Erstarken des Nationalsozialismus und die Annexion Österreichs.

Gleichzeitig muss sie feststellen, dass ihre Heirat nicht die von ihre erhoffte Freiheit bietet - ist sie im falschen Leben gefangen?

Was soll aus mir werden? Wo gehöre ich eigentlich hin? Gibt es auf dieser Welt einen Platz, an dem ich so sein darf, wie ich bin? Ja, was will ich überhaupt? Und habe ich eine Chance, es zu erreichen? (S.147)

Bewertung
Der Roman hat mir aus mehreren Gründen gefallen, da er

- aufzeigt, wie sehr die gesellschaftliche Herkunft die Lebenschancen beschränkt; auch Marie kann sich nur aufgrund eines glücklichen Zufalls daraus befreien,

- ein authentisches Bild der politischen Verhältnisse in Linz und im Vorort St.Peter in der Umbruchzeit bis hin zum 2.Weltkrieg zeichnet: die anfängliche Begeisterung für den Führer einerseits, die beginnende Desillusionierung in weiten Teilen der Bevölkerung andererseits,

- mit der sympathischen Protagonistin eine starke Identifikationsfigur schafft und die weiteren Figuren authentisch und differenziert darstellt.

Schade fanden wir, dass die Zeit des Weltkriegs und Maries Weg zum Erfolg selbst nicht thematisiert wurden. Die Autorin beschränkt sich auf die Phase bis zu Maries "Befreiung" und lässt einige Fragen offen. So schließt sich am Ende zwar der Rahmen mit dem Enkel, über dessen Eltern erfährt man sich jedoch nichts.

Hier geht es zu Miras Rezension.





Donnerstag, 17. Januar 2019

Dörte Hansen: Mittagsstunde

- in der alle (?) schlafen.

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem ich mit Mira im September 2016 "Altes Land" gelesen habe - unsere erste gemeinsame Lektüre - stand für mich fest, dass ich an der Leserunde zur "Mittagsstunde" teilnehmen möchte, da mir der Debütroman sehr gut gefallen hat.
Hansen versteht es ein Bild der dörflichen Strukturen in Norddeutschland, wie es sie in der Vergangenheit gegeben hat und wie sie sich heute darstellen, zu zeichnen. Gleichzeitig ziehen die Figuren die Leser*innen in ihren Bann, so dass man den Roman nicht aus der Hand legen will.

Worum geht es?
Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Marret Feddersen und ihr unehelicher Sohn Ingwer.

Das erste Kapitel stellt uns zunächst die verrückt erscheinende Marret vor, die überall nur Marret Ünnergang genannt wird, da sie überall Zeichen des Weltuntergangs sieht.

"Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder." (8)

Immer wieder streut Hansen plattdeutsche Sätze ein, die jedoch den Lesefluss nicht stören, im Gegenteil, sie sorgen neben der bildreichen Beschreibung der Landschaft für das entsprechende norddeutsche "Feeling".

Wir erfahren über Marret, sie

"wurde siebzehn, wurde schwanger, sagte niemandem, von wem. Und ließ sich auch nicht heiraten von Hauke Godbersen, der sie genommen hätte, mit ihrer hohen Nase und dem Rest." (12)

Der Rest besteht, neben dem unehelichen Kind, aus ihrem Vater Sönke Feddersen, Kriegsveteran, der im Gefangenenlager in Russland gewesen ist, und ihrer stillen Mutter Ella, die gemeinsam den Gasthof des Ortes Brinkebüll führen, der im Sommer 1965 im Rahmen der Flurbereinigung sein Antlitz verändert.

Fast ein halbes Jahrhundert später kehrt Ingwer, Marrets Sohn nach Brinkebüll zurück, der an der Universität Kiel Ur- und Frühgeschichte lehrt und in einer Dreier-WG gemeinsam mit Ragnhild und Claudius lebt - "Übriggebliebene" aus der Studentenzeit. Er als Kind vom Land, als "Kartoffelkind", wie er sich selbst bezeichnet. Sie kreisen

"lebenslang um ihre Dörfer, blieben auf den Umlaufbahnen, die sie hielten, nicht zu nah und nicht zu fern. Treue Mondgesichter, die an ihrer alten Erde hingen." (27)

Da sein Großvater Sönke inzwischen 93 Jahre alt ist und seine Großmutter Ella dement,

"[s]ie war in fließenden Gewässern unterwegs, wo Menschen, Zeiten, Orte durcheinandertrieben" (49), 

nimmt er sich ein Sabbatical, damit er sich um die beiden kümmern und herausfinden kann, welche Richtung er in Zukunft einschlagen will.

Abwechselnd wird geschildert, wie Ingwer an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, an den viele Erinnerungen geknüpft sind. Wie er sich um seine Großeltern kümmert, sich seinem Großvater annähert und alte Rechnungen begleicht.

In den Kapiteln der Vergangenheit steht Marret im Mittelpunkt, ihr seltsames Verhalten als Kind und Jugendliche, das darauf schließen lässt, dass sie eine Beeinträchtigung hat, die jedoch weder erkannt noch therapiert wird.

"Marret Feddersen schien hinter einer Wand aus Glas zu leben. Man musste rufen oder winken, um sie zu erreichen, und manchmal war das Glas auch noch beschlagen." (33)

Die einzelnen Figuren sind detailliert gezeichnet und repräsentieren verschiedene Typen, wie diejenigen, die selbst in dörflichen Strukturen aufgewachsen sind, sie alle kennen. Eine besondere Rolle spielt der Lehrer Steensen, der dafür sorgt, dass Ingwer auf die Oberschule nach Husum gehen kann.

Das Dorf selbst könnte überall sein - die gleichen Verhaltensmuster, das Gerede, der Spott, aber auch das Schweigen bei offensichtlichem Unrecht.

"Ingwer fragte sich, was man als Brinkebüller wohl verbrechen musste, bevor man ausgeschlossen wurde. [...] Ihm fiel nichts ein." (97)

Die Mittagsstunde, die dem Roman den Titel gibt, ist in beiden Handlungssträngen ein Leitmotiv, ebenso wie die Liedtitel, die als Kapitelüberschriften dienen.

"Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde." (22)

Obwohl alle zu schlafen scheinen, geschieht Verborgenes, Heimliches in dieser Stunde.

"Sie [Marret] tauchte meistens in der Mittagsstunde unter, sie machte es wie alle, die in Brinkebüll für eine Zeit verschwinden wollten. Die nicht gesehen werden wollten..." (31)

Zwei Fragen sorgen für Spannung beim Lesen: Warum taucht Marret in den Kapiteln der Gegenwart nicht mehr auf? Welche Richtung wird Ingwers Leben nehmen, wird ihn das Jahr auf dem Land verändern, so dass er nicht mehr tiefstapelt und sich wegduckt?

Bewertung
Ein beeindruckender Roman, der eine Welt auferstehen lässt, die bereits vergangen ist und von der sich viele wünschen, dass sie wiederkehren würde.

"Es war ein großes Missverständnis. Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft." (268)

Doch Hansen stellt das Leben auf dem Land nicht als Idylle dar. Es erscheint als Enge, in der sich Menschen wie Marret nicht entfalten können. Geheimnisse bleiben nicht geheim, doch es wird nicht offen darüber geredet - das kann entlastend, aber auch, wie Hansen anhand einiger Protagonisten aufzeigt, belastend sein. Ingwers Blick auf das Dorf ist ein realistischer und zeigt die Veränderungen zum Guten, aber auch zum Schlechten deutlich auf - kein Bäcker, kein Kaufmann, keine Schule mehr.

"Die Leute hatten sich das abgewöhnt wie ihre Mittagsstunde, es legte sich jetzt kaum noch jemand hin tagsüber." (256)

Die Stärke des Romans liegt in den vielen, kleinen berührenden Szenen,
wenn Ella und Sönke zusammen tanzen, als "wäre die Musik ihre Gebrauchsanweisung füreinander" (123)
oder Sönke seinen Enkelsohn "wie ein Beuteltier (...) am Bauch trug." (184)

Und in der großartigen Beschreibung der Landschaft, die allen Veränderung trotzt.

"Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch." (17)

Klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank dem Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar und die netten Worte!

Samstag, 5. Januar 2019

Gerdt Fehrle: Und nachts fluten sie die Straßen

- Erinnerungen an eine dunkle Zeit.

Zu Beginn erfahren wir aus der Sicht einer Psychiaterin, dass sie den Hundertjährigen, der in der Klinik seinen Lebensabend verbringt, nicht mag.

"Wie der in seinem Sessel saß, der unheimliche alte Nöck. Verschrumpelt, zäh, lauernd. Überhaupt nicht bedürftig, in keinster Weise gebrechlich. Eher kalt wie ein Fossil. Mit kaltem, versteinertem Herzen." (6)

Doch an diesem Abend kann sie ihm nicht entkommen, denn

"[j]etzt kommt der Schluss, die letzte große Beichte, der Abgesang. Und kein Entkommen." (7)

Nach dieser Rahmenhandlung erzählt der hundertjährige Kannengießer, der aus dem Elsass stammt, aus der Ich-Perspektive überwiegend seiner Zuhörerin von zwei Phasen seines Lebens.
Einerseits vom Mai 1968, die Zeit der Studentenunruhen in Paris, wo er ein kleines Hotel, "Les belles Hirondelles" (8), gemeinsam mit seiner Frau Michelle führt.
Andererseits von 1943-1944 im besetzten Paris, zu der Zeit ist er Polizist gewesen und hat in besonders brutalen Gewaltverbrechen an Prostituierten ermittelt.

"Wir sollten Morde aufklären. Wirklich. Das war zum Totlachen. In ganz Europa brachten sich die Menschen gegenseitig in Massen um, in Auschwitz und Treblinka und Majdanek wurden die Menschen maschinell vernichtet, wer die falsche Nationalität, Religion oder Nase hatte, konnte auf offener Straße erschossen werden, selbst in Paris, obwohl sich die Deutschen hier ja immer bemühten, kultiviert zu erscheinen, aber dennoch, erschossen und noch an Ort und Stelle verscharrt. Und ich war Kriminaler bei der Pariser Polizei. Zum Brüllen, nicht wahr?" (12)

Nach dem Abzug der Deutschen wurde Kannengießer unehrenhaft entlassen, weil sein Pariser Polizeichef, der selbst mit den Deutschen kollaboriert hat, ihm genau dies vorgeworfen hat. Als Kannengießer später rehabilitiert wird, hat er sich bereits gemeinsam mit seiner Frau als Hotelier eine neue Lebensgrundlage geschaffen.

Er hatte 1943 einen Deutschen im Verdacht, die Prostituierten getötet zu haben. Friedrich Morgenthaler, der beim SD gearbeitet hat und der am 3.Mai 1968 plötzlich in seinem Hotel auftaucht.

"Er trat einfach in unser Hotel und damit in mein Leben. Klingt ganz einfach, ganz banal, nicht wahr? Aber für mich begann die Hölle. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, vielleicht ist das die Gelegenheit, die ich 1944 nicht bekommen habe. Die einmalige Chance, ihn doch noch zu erwischen." (15)

Der Ich-Erzähler springt zwischen den beiden Zeiträumen, so dass die Erzählstränge immer wieder unterbrochen werden, was für entsprechende Spannung sorgt.
Hinzu kommt, dass Kannengießer seine Vergesslichkeit thematisiert und das ein oder andere Mal abschweift. So erzählt er zum Beispiel, wie er zur Polizei gekommen ist, was er erlebt hat, während der erste Mord an einer Prostituierten geschehen ist, wie der Pathologe gearbeitet hat und entwirft dabei ein düsteres Bild des besetzten Paris - ein Film noir läuft im Kopf ab.
Wir erfahren von den Morden, von seinem Verdacht, am Rande von der Ermittlungsarbeit - es sind Erinnerungsbilder und -momente, weit entfernt von einem chronologischen knappen Lebensbericht.

"Die Panzer auf den Champs-Élysées vergisst man nicht, (...). Aber wie das ist, sich Tag für Tag in einer kalten Wohnung mit kaltem Wasser zu waschen, Kohle aus dem Keller zu holen, den Geruch von Öl in der kleinen Heizung, den Geschmack von echtem Camemberts, das vergisst man. Das wirklich Unschöne und das wirklich Schöne, das einem so ganz und gar unter die Haut gefahren ist, das verschwindet. Und schon ist man alt, und das sogenannte Gedächtnis besteht nur noch aus Zeitungsschnipseln und Fernsehbildern, die man für die eigenen Erinnerungen hält." (23)

Trotz seiner vermeintlichen Vergesslichkeit gelingt es dem Erzähler hervorragend die Stimmung, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit einzufangen. Man fühlt mit Kannengießer, der Morgenthaler 1968 verfolgt, um herauszufinden, ob er tatsächlich der Mörder der Prostituierten gewesen ist und vielleicht einen Hinweis auf die verschwundene Chantal, ebenfalls eine Prostituierte, zu erhalten.

Wird er die Wahrheit herausfinden und seine Chance nutzen? Oder bleiben die Morde ungesühnt? Ist Morgenthaler überhaupt der Mörder?

Bewertung

"Nachts fluten sie in Paris die Straßen. Der Unrat einer Nacht fließt dann hinab in die Katakomben der Kanalisation. Und mit ihr das weniger Schillernde, das Heimliche, das Böse. Vom Wasser weggeschwemmt." (143)

So wie das Wasser das Böse wegschwemmt, will Kannengießer mit seiner Lebensbeichte kurz vor seinem Tod das Böse vertreiben. Er will sich das, was er erlebt hat, von der Seele reden, um ihn Ruhe sterben zu können - so habe ich den Titel in Bezug auf den Roman interpretiert.

Ein beeindruckender Roman, der vordergründig einen Kriminalfall zu erzählen scheint, der jedoch das Psychogramm eines Mörders und seines Verfolgers zu zeichnen versucht, wobei vieles vage und damit der Fantasie der Leser*innen überlassen bleibt.

Sowohl die Geschichte selbst als auch die Erzähltechnik, das Springen zwischen den beiden Lebensphasen verbunden mit der Zuwendung zur "Beicht"ärztin und das Ringen um Erinnerung machen für mich den besonderen Reiz dieses Romans aus.

Klare Lese-Empfehlung!

Lieben Dank an den Louisoder-Verlag für das Rezensionsexemplar