Posts mit dem Label Lesen mit Mira werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Lesen mit Mira werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 2. März 2019

Ferdinand von Schirach: Das Verbrechen

- wahre Kriminalfälle.

Lesen mit Mira

Ferdinand von Schirach, der in Berlin als Anwalt und Strafverteidiger gearbeitet hat, schildert in seinem Erzähldebüt  "Verbrechen" (2009) wahre Fälle aus seiner Kanzlei, in denen es um hauptsächlich um die Frage der Schuld geht.

Bei einigen der Fälle hat man als Leser*in Mitleid mit Mörder*innen und kann deren Motive nachvollziehen. Wenn zum Beispiel eine Schwester ihren Bruder ermordet, nachdem er sie aufgrund eines Unfalls nicht mehr erkennt und er bisher ihr Lebensmittelpunkt gewesen ist. Ist es nicht ein Akt der Barmherzigkeit ihn zu erlösen, fragt man sich unwillkürlich. Oder steht es ihr nicht zu, über Leben und Tod zu richten, fragt man sich andererseits - berechtigterweise.

Es sind solche Grenzfälle, die die Erzählungen so besonders interessant machen, auch wenn die ein oder andere Geschichte von extremer Grausamkeit geprägt ist - so zerstückelt ein Ehemann nach langjährigen Leiden unter seiner Ehefrau diese mit einer Axt und zeigt sich danach freiwillig an.

Schirach gelingt es jedoch mit seiner sachlich, neutralen - teilweise reservierten Erzählweise diese Gewaltszenen erträglich zu gestalten, gleichzeitig erzeugt er Empathie für seine Klienten. Besonders berührt hat mich die Geschichte "Der Äthiopier", in der ein Bankräuber seinen zweiten Raub aus völlig nachvollziehbaren Gründen begeht - aus Liebe und dem Wunsch dem Dorf in Äthiopien, in dem er nach einem misslungenen Leben in Deutschland gestrandet ist, zu helfen.

Da ich sehr gerne Kriminalliteratur lese, fand ich auch die Hinweise zur Ermittlungsarbeit und die "Seitenhiebe" auf die Drehbuchautoren erhellend.

"Im Krimi gesteht der Täter, wenn man ihn anschreit, in der Wirklichkeit ist es nicht so einfach. Und wenn ein Mann mit einem blutigen Messer in der Hand über eine Leiche gebeugt ist, dann ist er der Mörder. Kein vernünftiger Polizist würde glauben, dass er nur zufällig vorbeikam und das Messer aus der Leiche zog, um zu helfen. Der Satz des Kriminalkommissars, dass eine eine Lösung zu einfach sei, ist eine Erfindung von Drehbuchautoren. Das Gegenteil ist wahr. Das Offensichtliche ist das Wahrscheinliche. Und fast immer ist es auch das Richtige." (112)

Schirach erzählt auch von seiner Arbeit als Anwalt, dessen Freund der Zufall ist. Unglaublich ist eine Geschichte, in der ein Mann fast des Mordes verurteilt worden wäre, weil auf einem Video noch die Sommerzeit statt der Winterzeit eingestellt war.

"Geschriebenes Kino im Kurzformat" - die Bewertung ("Der Spiegel", Buchrückseite) trifft es auf den Punkt!

Lese-Empfehlung!

Mira hat das Buch abgebrochen. Im Gegensatz zu mir mag sie keine Krimis, hier geht es zu ihrer Rezension, in der sie nachvollziehbar ihre Gründe darlegt, warum sie sich gegen das Weiterlesen entschieden hat.


Mittwoch, 23. Januar 2019

Rosemarie Marschner: Das Bücherzimmer

Lesen mit Mira

Den Roman hat Mira in der Rubrik "Frauenromane" entdeckt. Obwohl die Protagonistin eine Frau ist, ist er auch ein Roman gegen das Vergessen und ein Beispiel dafür, wie schwierig es für Frauen in der Zeit vor dem 2.Weltkrieg gewesen ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Uns beiden hat der Roman gut gefallen und wir haben uns intensiv über das Leben Marie Zweisams ausgetauscht - über die Zwänge, in denen sie aufgrund ihrer Herkunft und auch ihrer Entscheidung zu heiraten gefangen gewesen ist.

Inhalt
Im Prolog betritt der Enkel Marie Zweisams ihre Villa und entdeckt in den Unterlagen seiner erfolgreichen und gerade verstorbenen Großmutter ein Hochzeitsfoto, obwohl diese seinen Großvater nie geheiratet hat. Er fragt sich, wer der Mann auf dem Foto ist.

Die Geschichte Maries setzt im Jahr 1932 ein und erstreckt sich bis zur Zeit kurz vor dem 2.Weltkrieg.

Sie wächst als uneheliches Kind auf dem Land in Österreich auf. Ihre Mutter, die sich in einen Adligen verliebt hat, der jedoch auf Druck seiner Eltern keine Bindung mit ihr eingegangen ist, wünscht sich für Marie ein besseres Leben. Daher schickt sie sie nach Linz in den angesehenen Haushalt des Notars Horbachs, wo sie als Hausmädchen arbeitet. Ein einsames, eintöniges Leben unter den Blicken der Köchin Amalia, die ihr aber wohl gesonnen ist, und den kritischen Augen der Hausherrin, die selbst in ihrem Leben gefangen scheint.

Auf diese Weise füllte sich nach und nach das schiefe alte Kleiderschränkchen oben im zweiten Stock in der Mädchenkammer mit den Kaufsünden und Fehlentscheidungen einer verwirrten Frau, die sich nicht eingestand, daß viel zu schnell ein Abschnitt ihres Lebens zu Ende gegangen war und ein neuer begonnen hatte, dessen Wert sie nicht begriff. Eine Frau, die immer lächelte, sogar noch vor dem Spiegel, wenn sie allein war. Nur manchmal, an späten Nachmittagen, wenn die Geschäftigkeiten des Tages sie müde gemacht hatten, vergaß sie zu lächeln. Wenn sie dann unerwartet im Spiegel ihrem Gesicht begegnete, erschrak sie über die Fremde, die sie da so unverhohlen fixierte. Hungrig und verlassen. (S.73)

Ihr Vater, der alte Notar, befiehlt, dass Marie ihm täglich im Bücherzimmer aus der Zeitung vorlesen soll. Da Marie eine sehr gute Schülerin gewesen ist, fällt es ihr leicht, und sie profitiert von den Monologen des alten Herren, der die politischen Ereignisse kommentiert.

Da fiel ihr das Bücherzimmer ein, in dem der Herr Notar seine schwachen Augen marterte, und sie dachte, daß dies der Platz wäre, an dem sie glücklich sein könnte. (S.52)

Während ihrer Zeit im Hause Horbach lernt sie den adligen Richard Ohnesorg kennen, eine Verbindung, die aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede nicht möglich ist.

Marie stand außerhalb. Außerhalb wie überall hier in der Stadt. Nur in der Horbach-Villa war ihr eine Rolle zugewiesen worden, aber die – das wurde ihr bewußt, während sie von außen in den Garten Eden hineinblickte –wollte sie nun selbst nicht. (S.64)

Als ihre Mutter erkrankt, muss sie zurück in ihre Heimat und gibt ihre Stellung auf - als verheiratete Frau kehrt sie nach Linz zurück und erlebt das Erstarken des Nationalsozialismus und die Annexion Österreichs.

Gleichzeitig muss sie feststellen, dass ihre Heirat nicht die von ihre erhoffte Freiheit bietet - ist sie im falschen Leben gefangen?

Was soll aus mir werden? Wo gehöre ich eigentlich hin? Gibt es auf dieser Welt einen Platz, an dem ich so sein darf, wie ich bin? Ja, was will ich überhaupt? Und habe ich eine Chance, es zu erreichen? (S.147)

Bewertung
Der Roman hat mir aus mehreren Gründen gefallen, da er

- aufzeigt, wie sehr die gesellschaftliche Herkunft die Lebenschancen beschränkt; auch Marie kann sich nur aufgrund eines glücklichen Zufalls daraus befreien,

- ein authentisches Bild der politischen Verhältnisse in Linz und im Vorort St.Peter in der Umbruchzeit bis hin zum 2.Weltkrieg zeichnet: die anfängliche Begeisterung für den Führer einerseits, die beginnende Desillusionierung in weiten Teilen der Bevölkerung andererseits,

- mit der sympathischen Protagonistin eine starke Identifikationsfigur schafft und die weiteren Figuren authentisch und differenziert darstellt.

Schade fanden wir, dass die Zeit des Weltkriegs und Maries Weg zum Erfolg selbst nicht thematisiert wurden. Die Autorin beschränkt sich auf die Phase bis zu Maries "Befreiung" und lässt einige Fragen offen. So schließt sich am Ende zwar der Rahmen mit dem Enkel, über dessen Eltern erfährt man sich jedoch nichts.

Hier geht es zu Miras Rezension.





Sonntag, 23. Dezember 2018

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

- 10 Kurzgeschichten aus 10 Jahren.

Lesen mit Mira

Benedict Wells Roman "Vom Ende der Einsamkeit" war eines der Lese-Highligths aus dem Jahr 2016. Danach habe ich seinen Erstling "Spinner" gelesen, während die anderen Romane noch auf mich warten. Deshalb war ich glücklich, als Mira vorschlug, gemeinsam die Neuerscheinung von Wells zu lesen, auch wenn es "nur" Kurzgeschichten sind. Uns beiden gefällt seine Art und Weise zu schreiben und unsere übereinstimmende Meinung ist, er möge wieder einen Roman schreiben, damit wir länger daran lesen können - die Geschichten sind viel zu schnell vorbei.
Wir haben uns darauf geeinigt, dass jede von uns zwei der 10 Geschichten intensiver rezensiert, hier geht es zu Miras Geschichten, die sich "Richard" und "Die Nacht der Bücher" ausgesucht hat. Letzteres stammt aus dem Kosmos "Vom Ende der Einsamkeit", genau wie die Geschichte "Die Entstehung der Angst", die die Kindheit von Jules Vater Stéphane Moreau näher beleuchtet.

Einige der Geschichten haben eine fantastische Komponente, in zwei Geschichten reisen die Protagonisten in der Zeit. In der ersten Geschichte "Die Wanderung" steht der erfolgreiche Geschäftsmann Henry im Mittelpunkt, der seine Freiheit liebt und darüber seine verständnislose Frau und seine beiden Kinder Mia und David vernachlässigt. Selbst im Urlaub wickelt er Geschäfte ab und kann sich nicht entschließen mit seiner Familie zu entspannen.

"Wir wollen gleich grillen." Sie hielt seine Hand. "Bist du dabei?" Henry gefiel die Vorstellung, den Tag mit seiner Familie zu verbringen, doch im selben Moment blickte er wieder zum Berg. Trotz seiner Wanderleidenschaft war er noch nicht dort oben gewesen, dabei konnte der Aufstieg kaum länger dauern als...was, zwei, drei Stunden?" (15)

Bevor Henry zur Wanderung aufbricht, schaut er noch kurz nach seinem kränklichen Sohn David, der von Migräneanfällen heimgesucht wird. Unbeholfen bemüht er sich um ein Gespräch, verspricht ihm eine Überraschung zur Geburtstagsfeier, die am Abend stattfinden soll.

"Der Gedanke an das Geschenk schien den Jungen tatsächlich aufzumuntern. Seine Augen leuchteten auf, er wollte gerade etwas erzählen, als das Handy läutete. Henry zögerte, dann streichelte er seinem Sohn durchs Haar und ging zum Telefonieren auf den Flur; auf der Geburtstagsfeier am Abend würde er es wiedergutmachen." (17)

Als seine Tochter Mia ihn begleiten will, weist er sie ab. Sie darf ihn ein Stück Weg begleiten, doch er will allein sein, um noch Geschäfte zu erledigen. Am frühen Nachmittag erreicht er eine Almwirtschaft, während ihn die freudige Nachricht erreicht, dass die geplante Fusion unterzeichnet worden war - es ist der Höhepunkt seiner Karriere.

"Dies waren die goldenen Jahre, als Vater, als Mann und im Beruf, und er genoss seine Freiheit als Wanderer zwischen diesen Welten, die er für seine größte Leistung hielt." (21)

Statt umzukehren, damit er pünktlich auf der Feier erscheinen kann, will er noch zum Gipfel. An der Bergspitze angekommen, schlägt das Wetter um, Wolken ziehen auf und ein Unwetter kündigt sich an. An der fast verlassenen Almwirtschaft trifft er einen alten Kommilitonen, der ihn mit dem Aussage verwirrt, das mit seinem Sohn tue ihm leid, so früh, das sei tragisch.

An dieser Stelle deutet sich der Zeitsprung offensichtlich an.

Henry versucht zuhause anzurufen, doch ohne Erfolg, später lautet die Ansage, die Nummer sei nicht vergeben. Der Heimweg ist beschwerlich, da Henry vor einem großen Schäferhund flüchtet, verliert er die Orientierung, gerät in einen heftigen Regenschauer und er verstaucht sich den Knöchel. In dieser Ausnahmesituation stellt er sein Leben in Frage.

"Es schien ein anderer Tag gewesen zu sein, als er am Pool gestanden und den Sprüngen seiner Tochter zugesehen hatte. Wieso hatte er sie nicht mitgenommen? Wieso zog es ihn in harmonischen Momenten so oft fort, von seiner Familie, von Abenden bei Freunden?( (26/26)

"Die Urlaube, die er verpasst hatte, weil er beruflich wegmusste oder geglaubt hatte, wegzumüssen; die vielen Erlebnisse seiner Kinder, die er bloß vom Hörensagen kannte und kaum wahrnahm." (27)

Und er nimmt sich vor, all dies zu ändern. Mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, alles nachzuholen.

"Vielleicht hatte er erst eine Wanderung wie diese gebraucht, um seine Lektion zu lernen, aber er würde sein Fehler korrigieren und alles ändern, wenn er nur endlich wieder zu Hause war." (29)

Doch als er nach einer gefühlten Ewigkeit ankommt, hat sich sein Leben verändert - seine Tochter ist erwachsen, sein Sohn gestorben.

Die Geschichte zeigt eindrücklich die Wahrheit über das Lügen, denn Henry belügt sich, wenn er sich vornimmt, ab jetzt alles zu ändern. Wie oft fassen wir gute Vorsätze, mehr Zeit mit den Menschen zu verbringen, die uns am Herzen liegen. Und als erfolgreicher Geschäftsmann ist er der Prototyp all derjenigen, für die der Beruf an erster Stelle steht. Die Wahrheit ist, er wird sich nicht ändern, wie das Ende deutlich zeigt.

In allen Geschichten geht es darum, dass Menschen mit einer Lüge leben oder die Wahrheit nicht wahrhaben wollen.

In der Erzählung "Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen" schildert der fiktive erfolgreiche Drehbuchautor und Filmproduzent Adrian Brooks einem Journalisten von der Lüge, auf der er sein Imperium aufgebaut hat. In seiner offiziellen Vita ist er 1946 geboren und hat als Waise auf der Straße gelebt, bis ihm mit Star Wars (!) der große Durchbruch gelungen ist.
Doch Winkler gegenüber will er jetzt endlich die Wahrheit erzählen. Eigentlich sei er
1986 in San Francisco geboren, ein erfolgloser Drehbuchschreiber gewesen und sei in seiner Funktion als Filmkritiker von Georg Lucas, dem Vater von Star Wars, beauftragt worden, eine Biographie über ihn zu schreiben. Dabei habe er herausgefunden, auf wie vielen Zufällen die Entstehung des erfolgreichsten Weltraumabenteuers basiere.
Aus ihm unbekannten Gründen wurde er jedoch gefeuert und er entwickelt einen Hass auf Lucas, steigt beruflich ab, so dass er Pizzabote werden muss.
Während einer Lieferung in einem verfallenen Haus landet er in einem Aufzug und reist zurück ins Jahr 1973 - vier Jahre bevor Star Wars in die Kino kommt.
Brooks fasst den irrwitzigen Plan, selbst das Weltraumabenteuer zu verfassen, schließlich kennt er den Entstehungsprozess aus seinen Recherchen.

Eine skurrile Geschichte, die durch 40 Jahre Filmgeschichte führt und zeigt, dass Zufälle nicht planbar sind und auch dass winzigen Veränderungen der Geschichte - Butterfly-Effekt genannt - trotzdem große Auswirkungen haben können. Obwohl ich kein Star Wars -Fan bin, hat mich die Erzählung in ihren Bann gezogen.

Brooks fantastisches Beispiel verdeutlicht jedoch auch, dass ein Leben basierend auf einer Lüge kein  glückliches werden kann - sofern man ein Gewissen hat.

Auch wenn ich persönlich die Geschichte "Die Fliege" metaphorisch zu offensichtlich empfunden habe, hat uns beiden der Erzählband insgesamt gut gefallen und viele Geschichten laden zum intensiven Austausch ein. Die Hoffnung bleibt, Wells möge bald wieder einen Roman veröffentlichen ;)

Montag, 3. Dezember 2018

Inger-Maria Mahlke: Archipel

Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2018

Lesen mit Mira und Sabine
In den letzten Jahren habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den Roman, der den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, zu lesen. Seit ich die Frankfurter Buchmesse besuche, bemühe ich mich, auch mir ein Interview mit dem/der Preisträger*in anzuhören, um einen ersten Eindruck zu erhalten. Das Interview auf der Frankfurter Buchmesse mit Inger-Maria Mahlke hat mich sehr beeindruckt, so dass ich mich auf den Roman gefreut habe, umso mehr, da meine beiden Lesefreundinnen diesen gemeinsam mit mir lesen wollten. Mira hat kurz vor dem Ende abgebrochen, ihre Kritik kann ich gut nachvollziehen. Sabines Meinung ist in ihrem Lesetagebuch auf whatchaReadin festgehalten.

Während die beiden den Roman aus verschiedenen Gründen kritisch sehen und sich damit in guter Gesellschaft befinden, wenn man sich die vielen negativen Rezensionen anschaut, möchte ich in dieser Rezension, eine Lanze für den Roman brechen, der zwar eine Herausforderung darstellt, aber aus meiner Sicht in vielerlei Hinsicht gut komponiert ist.

Statt einer Inhaltszusammenfassung daher ein grober Überblick der Protagonisten und deren Verflechtungen:



Auf dem Schaubild nicht berücksichtigt sind die politischen Ereignisse, die das Leben der Figuren verändern, berühren und in eine andere Richtung lenken. Oftmals werden sie nur angedeutet, darin liegt die Herausforderung für die Leser*innen, die, wollen sie alles verstehen, recherchieren müssen. Wünschenswert wäre daher, neben der Figurenübersicht zu Beginn des Romans und einem Glossar spanischer Begriffe am Ende, auch ein kurzer geschichtlicher Abriss der Geschichte Teneriffas im 20.Jahrhundert gewesen.

Dadurch, dass der Roman chronologisch in der Zeit zurückgeht, erfahren wir von den Figuren, die zu Beginn sehr viel Raum einnehmen, nichts mehr. Wir erleben Felipe und Ana als junge Erwachsene, als Jugendliche und als Kinder und entfernen uns von ihrem gegenwärtigen Leben, von dem man nichts mehr erfährt, was sehr bedauerlich ist, da man gerne wissen möchte, wie sich die Geschichte weiter entwickelt.
Während die Ereignisse um die Familie Bernadotte im Jahr 2015 - um Ana, Felipe, Rosa sowie ihre Angestellte Eulalia und den Großvater Julio noch recht intensiv erzählt wird, werden die Zeitabschnitte immer kürzer. Es sind Blitzlichter, einzelne Ereignisse und Tage, die geschildert werden und die Aufschluss und Antworten zum Geschehen geben, dass sich in der Zukunft abspielen wird. Das ist einerseits verwirrend und anstrengend beim Lesen - andererseits aber auch reizvoll, gerade weil die übliche Chronologie unterbrochen ist.
Besonders hervorheben möchte ich noch die außergewöhnliche Sprache Mahlkes, die neutral, fast nüchtern die Geschehnisse so detailliert schildert, dass man das Gefühl hat, den Geruch der Insel wahrzunehmen, die Farben zu sehen und die Geräusche zu hören. Sie gewährt nur selten einen tiefen Einblick in das Innenleben der Figuren, beschränkt sich vorwiegend auf die Außensicht, auch in dieser Hinsicht sind die Leser*innen gefordert.

Mein Fazit
Ein intellektueller Roman mit einem hohen Anspruch an seine Leser*innen, der mich aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählchronologie und seiner Figuren - auch wenn man sich notgedrungen von ihnen verabschieden muss - sowie der Verknüpfung von Familien- und politischer Geschichte überzeugt hat.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 430 Seiten
Rowohlt-Verlag, Oktober 2018

Sonntag, 28. Oktober 2018

Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

- Lebensweisheiten.

Lesen mit Mira

Das Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne, d.h. es wird keine Geschichte erzählt, sondern viele kleine Geschichten. Rahmenhandlung ist eine Therapiesituation: Demian, ein Student, sucht Hilfe bei Jorge, einem Gestalttherapeuten, den er wie folgt beschreibt:
"informell, unordentlich, chaotisch, warm, kunterbunt, unberechenbar, und warum es leugnen, ein bißchen schmuddelig."

Jorge ist speziell, wird von Demian "der Dicke" genannt und liebt

"Fabeln [...], Parabeln, Märchen, kluge Sätze und gelungene Metaphern. Seiner Meinung nach war der einzige Weg, etwas zu begreifen, ohne die Erfahrung am eigenen Leib machen zu müssen, der, ein konkretes symbolisches Abbild für das Ereignis zu haben."

Jedes Kapitel beinhaltet solch eine Geschichte, eine Art Gleichnis, das auf Demians Probleme Antworten geben soll. Gleich die erste Geschichte thematisiert, warum es sinnvoll sein kann, sich in der Therapie mit sich und seinen gelernten Verhaltensweisen auseinander zu setzen.

Ein Zirkuselefant, der seit ewiger Zeit an einen Pflock gebunden ist, wird nicht weglaufen, weil er von Anfang an gelernt hat, dass er sich nicht losreißen kann. Irgendwann hat er seine Gefangenschaft akzeptiert und glaubt, selbst wenn kein Pflock mehr da ist, dass er sich nicht mehr befreien kann.

"Wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet."

"Ich kann nicht, und werde es niemals können", lautet die Prämisse, unter der wir unser Leben daraufhin gestalten.

Sowohl Mira und mir hat die Geschichte "Der wahre Wert des Rings" besonders gut gefallen:

"Du bist wie dieser Ring: ein Schmuckstück, kostbar und einzigartig. und genau wie diesem Ring kann deinen wahren Wert nur ein Fachmann erkennen."

Die einzelnen Geschichten bieten viele Denkanstöße und laden dazu ein, nachdem man sie gelesen, darüber nachzudenken. Allerdings geht es Jorge in der Therapie nicht darum, dass Demian seine Geschichten "richtig" interpretiert.

"Wenn sie überhaupt eine Aussage hat, dann nur die, die sie für dich hat."

Es ist ein Buch, das man immer wieder in die Hand nehmen kann, um die ein oder andere Geschichte, in der man sich wiedererkannt hat, erneut zu lesen.
Interessant fand ich die Erklärung zu den unterschiedlichen Therapierichtungen - klassische Psychoanalyse, psychoanalytische, Verhaltenstherapie und die Gestalttherapie, die sich mit der Gegenwart des Patienten beschäftigt und herausfinden soll,

"was in der Person, die sich an den Therapeuten gewandt hat, vor sich geht, und wozu sie in eine solche Situation hineingeraten ist."

Auch philosophische Fragen werden aufgeworfen, wie die nach der Zufriedenheit und der Vorstellung, dass uns immer irgendetwas zu unserem Glück fehlt.

"Wir haben gelernt, daß sich das Glück einstellt, sobald wir das fehlende Stück haben. Und da uns immer etwas fehlt, kehrt der Gedanke an seinen Ausgangspunkt zurück, und man kann niemals sein Leben genießen."

Die Geschichten sind kleine Kostbarkeiten, die man mit Muße lesen sollte, "in der Tiefe jeder Geschichte" kann man, wenn sie einen anspricht und zur eigenen Lebenssituation passt, einen "Diamanten" findet.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Freitag, 21. September 2018

Monika Maron: Ach Glück


Lesen mit Mira

Der erste Roman, den ich auf meinem E-Book-Reader gelesen habe. Ungewohnt...und ein Roman, bei dem Mira und ich uns intensiv ausgetauscht haben.

Worum geht es?
Johanna und Achim sind seit fast dreißig Jahren verheiratet. Sie schreibt über Bücher, er ist Germanist, Kleist-Experte, beide haben sich in der ehemaligen DDR dem System innerlich verweigert und der Triumph über deren Untergang

"sei das letzte große Gefühl gewesen, das sie beide miteinander geteilt hätten, behauptete Johanna."

Die Geschichte spielt einige Jahre nach dem Mauerfall, als sich Johanna entschließt die fast 90-jährige Natalia Timofejewna in Mexico City zu besuchen.
Sie kennt diese nur aus Briefen, seit sie in der Galerie des Russen Igor aushilft. Er erwartet von Natalia, einer russische Adlige, die auf Spurensuche nach einer früheren Künstlerin und Freundin in Mexico weilt, einen Geldbetrag für eine Künstler-Stiftung. Als sich diese Hoffnung zerschlägt, bleibt Johanna mit ihr in Kontakt.

"Sie war eine ungeübte Alleinreisende. Sie war noch nie allein geflogen, immer hatte Achim neben ihr gesessen (...)"

"Ich muss einer alten Dame helfen, sagte sie, was gelogen war. Natalia hatte mit keinem Wort zu verstehen gegeben, dass sie ihre Hilfe brauchte."

Wie kommt es, dass Johanna zum ersten Mal allein fliegt, ihr Leben auf den Kopf stellt und vertraute Wege verlässt?

"(...)eigentlich hat alles mit dem Hund angefangen."

Johanna findet einen Riesenschnauzer-Mischling an der Autobahnausfahrt Bredow, so nennt sie den Hund, den sie gegen den Willen ihres Mannes aufnimmt und jetzt -

"Johanna saß im Flugzeug nach Mexiko und er in einem Café bei Mohnkuchen und Milchkaffee. Für einen Monat, hat sie gesagt, vielleicht auch ein oder zwei Wochen länger Bis gestern Abend hatte er sich nicht vorstellen können, dass sie wirklich abfliegen würde, verschwinden auf unbestimmte Zeit."

Im Roman wechselt die personale Perspektive kapitelweise zwischen
Johanna, die im Flugzeug rückblickend reflektiert, warum sie auf dem Weg nach Mexico ist und

Achim, der während sie fliegt, in Berlin herumstreift und ebenfalls darüber nachdenkt, wie es dazu kommen konnte, dass sie ihn tatsächlich verlässt,

und - integriert in die "Johanna-Kapiteln" - den Briefe und Mails von Natalia, die Johanna zeigen, "dass es zu jeder Zeit Anfänge gibt".

"Es geht um Liebe." Eine Liebe, die der Hund ihr bedingungslos gibt. Jede*r, der selbst einen Hund hat, kennt dieses Gefühl, das der treue Blick unserer Vierbeiner auslösen kann - ach, Glück!

Ein Glück, die ihr Achim, "ein moderner Kentaur, halb Schreibtisch, halb Mann" nicht mehr geben kann?

Bewertung
Monika Maron beschreibt sehr einfühlsam, was landläufig als "Midlife-Crisis" bezeichnet wird.
Johanna hat sich mit ihrem Leben zufrieden gegeben,
"wenn die anhaltende Freudlosigkeit, die sich über ihren ehelichen Alltag seit einigen Jahre wie Mehltau gelegt hatte, sie auch bedrückte".
Hat es als Begleiterscheinung des Alters gesehen, bis sie nicht mehr wegsehen kann, bis das Auftauchen Igors, der sie wieder als Frau ansieht, und das des Hundes, der ihr bedingungslose Liebe schenkt, ihr die Augen öffnen.

Im Flugzeug sitzend spürt Johanna diesen subtilen Veränderungen nach, sucht nach Erklärungen, ebenso wie Achim, der jedoch weniger zu verstehen scheint, worum es geht.
Er hat einen klassischen Ausweg aus seiner Midlife-Crisis gewählt - eine Affäre mit einer Jüngeren. Letztlich eine alltägliche Geschichte, Mann betrügt Frau nach vielen gemeinsamen Jahren, in denen sich die Leidenschaft abnutzt, mit einer Jüngeren.
Dadurch verliert Achim erheblich an Sympathie, auch deshalb, weil er sein Verhalten im Gegensatz zu Johanna weniger hinterfragt. Meines Erachtens wäre der Betrug Achims nicht notwendig gewesen, um aufzuzeigen, wie schwierig die Liebe und das sexuelle Begehren mit zunehmenden Ehejahren werden kann.

"Sie wisse nur nicht, wie sie, nachdem er sie den ganzen Tag behandelt hätte wie irgendein Möbelstück, sich in der Nacht aus einem Möbelstück wieder in eine Frau verwandeln sollte." 

Ein sprachlich ansprechender Roman, der die Leser*innen einlädt, ihren eigenen Lebensweg zu reflektieren - klare Lese-Empfehlung!

Hier geht es zu Miras Rezension.


Mittwoch, 29. August 2018

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

- und Sinn im Leben findet.

Lesen mit Mira
"Die erste Regel lautet, du darfst nicht lieben", sagte er. "Es gibt noch andere Regeln, aber das ist die wichtigste. Du darfst dich niemals verlieben. Niemals lieben. Niemals von der Liebe träumen. - Solange Sie sich daran halten, kommen Sie durch." (7)

Welch grauenhafte Vorstellung, zu leben ohne lieben zu dürfen. Doch Tom Hazard, Geschichtslehrer in London, soll sich an diese Regel halten, um am Leben zu bleiben. Obwohl er aussieht, als sei er 40 Jahre alt, ist er 439, geboren am 3.März 1581 in einem französischen Chateau. Er leidet unter Anagerie:

"verschiedene Aspekte des natürlichen Alterungsprozesses - die molekulare Degeneration, die Zellvernetzung im Gewebe, Mutationen auf Zell- und Molekularebene" (12) laufen verlangsamt ab. Dazu kommt ein besonders intaktes Immunsystem, das vor den meisten Krankheiten schützt. Hört sich perfekt an.

Doch Tom Hazard, der aus seiner Ich-Perspektive die Geschichte an ein "Du" gerichtet erzählt, empfindet sein Leben als Belastung. Denn die "Eintagsfliegen", die normal Alternden, werden misstrauisch, wenn die "Albatrosse", wie sich die Langlebigen selbst nennen, nicht altern. Fast dreihundert Jahre hat sich Tom alleine durchgeschlagen, immer wieder den Lebensmittelpunkt verändert, tiefe Depressionen durchlaufen - nur die Suche nach seiner Tochter, die auch nicht altert, hält ihn am Leben.

"Oft verlor ich bei meiner Suche alle Hoffnung. Ich suchte nicht nur nach einem vermissten Menschen, sondern auch nach dem anderen, das mir abhandengekommen war - Sinn. Bedeutung. Mir kam der Gedanke, dass die Menschen deswegen nicht älter als hundert wurden, weil sie es einfach nicht länger aushielten. Seelisch, meine ich. Irgendwann ging einem schlicht die Puste aus. Da war nicht genug Ich, um weiterzumachen." (43)

Eine feste Konstante in seinem Leben ist die Musik, im 16.Jahrhundert spielte er in London auf dem Markt Laute, in den 20er Jahren in Paris Klavier.

Sein Leben bessert sich scheinbar, als er von der Albatros-Gesellschaft rekrutiert wird, die Menschen wie ihn schützt. Hendrich, der Kopf dieser Gesellschaft, ist selbst 700 Jahre alt und ermöglicht ihm alle acht Jahre ein neues Leben - unter der Prämisse einen Auftrag zu erledigen und - sich niemals zu verlieben.

"Ich habe nur einmal im Leben wirklich geliebt. Ich schätze, das macht mich irgendwie zum Romantiker." (32)

Das war er im Jahre 1599, seine große Liebe Rose, eine Obstverkäuferin, hat Tom in London kennen gelernt. Aus Frankreich musste er mit seiner Mutter fliehen, da sie als Hugenotten verfolgt wurden. Erst in der Pubertät hörte Tom auf zu altern - mit Folgen für seine Mutter.

In der Gegenwart lebt er wieder in London, als Geschichtslehrer - der perfekte Beruf - hat er doch selbst Größen der Geschichte erlebt, wie Shakespeare, Charly Chaplin, Scott Fitzgerald, Captain Cook, den er auf seinen Forschungsreisen begleitet hat.

Zum Lehrerkollegium gehört die Französischlehrerin Camille, die ihn wiedererkennt, woher weiß sie jedoch nicht. Damit bringt sie sich selbst in Gefahr, denn die Albatros-Gesellschaft hütet ihr Geheimnis - um jeden Preis - aus Angst ein Spielball der Wissenschaften zu werden.

Für Tom eine prekäre Situation - in zweifacher Hinsicht, denn Camille gefällt ihm und er mag sie. Was soll er tun?

Bewertung
Die Idee, die dem Roman zugrunde liegt, mag nicht neu sein, hat mich beim Lesen aber sofort in ihren Bann gezogen. Würde man so langsam alt werden, wie viel Zeit hätte man, um all die Bücher zu lesen, die man immer schon mal lesen wollte, wie Mira so schön formuliert hat.
Aber ohne feste Bindungen und Liebe zu leben - ohne Freunde, immer wieder neu zu beginnen - das schmälert den Reiz ein Zeitzeuge zu sein und jahrhundertelang zu leben. So wirft der Roman, neben der spannenden und unterhaltsamen Lebens- und auch Liebesgeschichte, die er erzählt, durchaus existentielle Fragen auf, ohne sich in philosophischen Diskursen zu ergehen. Es bleibt ein Unterhaltungsroman, dessen Ende vorhersehbar ist und der die Leser*innen mit einem guten Gefühl entlässt und uns beiden gut gefallen hat.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Freitag, 3. August 2018

John Irving: Bis ich dich finde

- Suche nach dem Vater.

Lesen mit Mira

Den umfangreichen Roman Irvings, von dem ich noch eine alte Ausgabe des Diogenes-Verlages besitze, habe ich gemeinsam mit Mira gelesen, wobei wir ihn gesplittet haben. Die erste Teil - Ende Juni, die restliche 580 Seiten im Juli. Aufgrund der Pause fiel es mir zunächst schwer wieder in die Handlung hineinzufinden, doch beim Weiterlesen zog mich die Geschichte wieder in ihren Bann und es zeigte sich, dass die losen Fäden des 1.Teils im 2. wieder aufgenommen und verknüpft werden.

Worum geht es?

I Die Nordsee

"Laut seiner Mutter war Jack Burns bereits ein Schauspieler, bevor er Schauspieler wurde, doch die lebhaftesten Erinnerungen an seine Kindheit waren die an jene Augenblicke, in denen er den Drang verspürte, sich an der Hand seiner Mutter festzuhalten. Das waren die Augenblicke, in denen er nicht spielte." (11)


Jack Burns, als Erwachsener ein bekannter Schauspieler, ist der Sohn von William Burns, einem sehr talentierten Organisten aus Edinburgh, der die junge Chorsängerin Alice in Leith schwängert, Tochter des legendären Tätowierers Aberdeen-Bill. Doch statt sich der Verantwortung für seinen Sohn Jack zu stellen, flieht William nach Kanada, Halifax, um dort einerseits die Orgel zu spielen und andererseits ein weiteres Mädchen unglücklich zu machen. Ein Muster, das sich in jeder Stadt, in die er flieht, zu wiederholen scheint. Und Alice reist ihm nach. Zunächst nach Halifax, wo sie ihre Tätowierkünste bei Charlie Snow und Matrosen- Jerry verfeinert, weiter nach Toronto, wo ihr Mrs. Wicksteed unter die Arme greift. Sie beauftragt auch Caroline Wurtz, eine junge Lehrerin der St.Hilda Schule, an der auch William unterrichtet hat, Alices schottischen Akzent auszumerzen. Die Wurtz, wie Jack sie nennen wird, bleibt eine der Konstanten in seinem Leben - und nicht nur in seinem.

Als Jack vier Jahre ist, im Jahr 1969, beschließt Alice ihren "Mann" in Europa zu finden, um ihn "mit seiner Pflicht und Schuldigkeit" (14) zu konfrontieren. Jack ist bereits als Kind der Überzeugung, sein Vater sei für immer fort und habe ihn vergessen - ein Umstand, der sein Leben entscheidend prägt.

"Es ist mir egal, ob wir ihn finden oder nicht!" schrie er seine Mutter an. "Ich hoffe, wir finden ihn nicht!" (73)
"(...) die Suche nach seinem Vater ein Traum war, allerdings ein Traum, der niemals aufhörte." (99)

Diese Suche nach dem Vater ist das Schlüsselmotiv des Romans und erklärt den Titel, dessen Bedeutung in all seinen Facetten erst vom Ende her zu entschlüsseln ist.

Da William, nachdem er sich erstmalig von Alices Vater Musiknoten hat tätowieren lassen, tintensüchtig geworden ist, fügt der Musikmann in jeder Stadt seinem Körper weitere Tatoos hinzu.

So hat Alice einen Anhaltspunkt und lernt nebenbei die berühmtesten Tätowierer Europas und die Organisten der jeweiligen Kirchen kennen, in denen William spielt.
In jeder Stadt stehen somit die Tätowierer und ihre Kunst ebenso wie eine bestimmte Kirche und deren Orgel im Mittelpunkt.

Der Erzähler weist uns immer wieder darauf hin, was der vierjährige Jack von all den Ereignissen mitbekommt und versteht. Viele Jahre später wird sich herausstellen, dass seine Erinnerungen äußert lückenhaft und unvollständig sind. So glaubt er, eine Prostituierte sei eine "Frau, die Männer Ratschläge gebe, wenn diese Schwierigkeiten hätten, Frauen im allgemeinen oder eine Frau - möglicherweise ihre Frau - im besonderen zu verstehen." (126)

Ihr Weg führt sie von Kopenhagen, wo Alice ihren Künstlernamen - Tochter Alice - kreiiert, nach Stockholm, von dort nach Oslo, Helsinki und schließlich nach Amsterdam - dort endet die Reise. Aus welchen Gründen soll Jack ebenfalls erst viele Jahre später, als er die Reise wiederholt, erfahren.

II Das Meer von Mädchen
Zurück in Toronto besucht er die "konfessionelle Mädchenschule" St.Hilda, die Jungen in den ersten vier Schuljahren aufnimmt. Dort wird der Grundstein seiner Fixierung auf ältere Frauen gelegt - unter den Mädchen ist der bildhübsche Junge eine Herausforderung. Besonders ein Mädchen hat es auf ihn abgesehen - Emma Oastler, die sieben Jahre älter ist als er und deren Freundschaft ihn über viele Jahre begleiten wird. Es ist eine Beziehung der besonderen Art - mit einer sexuellen Komponente, die recht skurril erscheint und Jacks Entwicklung vorantreibt.
In der Schule entdeckt Jack seine Liebe zum Theater, von Miss Wurtz erhält er den Hinweis das Herz eines "Einmannpublikums" zu rühren.

"Jacks Einmannpublikum war natürlich sein Vater." (225)

Herausragend ist er zunächst in Frauenrollen, was ihn im späteren Leben immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob er ein Transvestit sei und eine Parallele zum Roman "In einer Person" darstellt, dessen Protagonist seine Bisexualität entdecken muss, während Jack eindeutig heterosexuell veranlagt ist.

Während seiner Schulzeit entfremdet er sich von seiner Mutter, die ihr eigenes Studio in Toronto eröffnet und eine feste Beziehung eingeht. Sie erkennt nicht, dass er sexuell missbraucht wird - ein Umstand, den er auch erst als Erwachsener aufarbeitet...
Bevor er auf eine Jungenschule geschickt wird, soll er ringen lernen, damit er sich wehren kann. Eine Sportart, in der sehr gut wird und die ihm viele Vorteile einbringt.

III Glück - V.(Dr.Garcia)
In der Jungenschule Redding, USA, kommt er unerwartet gut zurecht.

"Man geht in eine Land, das einem fremd ist oder fremd erscheint, und man nimmt seine Probleme mit, aber trotzdem paßt man dorthin. Jack hatte noch nie irgendwohin gepaßt." (396)

In Exeter, seiner nächsten Schule, erkennt er, dass er kein Intellektueller ist und entscheidet sich Schauspieler zu werden, während Emma Schriftstellerin wird. 16 Jahre wird er in L.A. wohnen, bevor er sich erneut auf die Suche macht - bis er ihn findet. Dazu muss er jedoch erst seiner Selbst gewiss werden und die Wahrheit über die Reise und über seine Mutter herausfinden.

Bewertung
Der erste Teil erinnert an einen Roadtrip durch Nordeuropa, die verzweifelte Suche nach Jacks Vater, die im IV.Teil wieder aufgenommen wird. Die Wiederholung offenbart ein völlig neues Bild der Ereignisse und letztlich ist Jack weniger auf der Suche nach seinem Vater, sondern auf der Suche nach sich selbst. Wie ist eine Entwicklung unter diesen Vorzeichen möglich? Wer sagt die Wahrheit?
Er ist ein schräger Vogel, wie alle Figuren Irvings und was die sexuellen Erlebnisse anbetrifft, erscheint vieles unglaubwürdig - als sei Irvings Fantasie mit ihm durchgegangen. Vor allem die Zeit in St.Hilda wirkt skurril, ist jedoch so satirisch überzeichnet, dass man sie kaum Ernst nehmen will - trotz der Übergriffe auf Jack.
In seiner Widmung richtet sich Irving an seinen jüngsten Sohn, und hofft, er werde eine bessere Kindheit haben als die im Roman beschriebene!

Während die Handlung in der Mitte an Fahrt und Intensität verliert, gelingt es Irving mit Jacks erneuter Reise nach Europa die Spannung bis zum Schluss wieder aufzubauen.
Es ist ein Trip durch Tatoosstudios, Kirchen und die Orgelmusik, durch die Filme und die amerikanische Gesellschaft der 2.Hälfte des letzten Jahrhunderts und vor allem - ein Seelentrip.

Irvings Erzählweise überzeugt auch dieses Mal, mir gefällt sein Ton, der über skurrile Szenen hinweg trägt und der einfach Spaß macht. Irving bricht Tabus und tritt damit für Toleranz ein - warum sonst hätte er sich einen Schauspieler als Protagonist aussuchen sollen, der gerne Frauenkleider anzieht und trotzdem kein Transvestit ist. Der eine Vorliebe für ältere Frauen hat und es mag, wenn sein Penis gehalten wird - und trotzdem sensibel mit seiner besten Freundin umgeht. Der Umgang der Medien mit Jack macht deutlich, wie schnell sie den gängigen Vorurteilen unterliegen. Irving hält der Gesellschaft einen Spiegel vor - wie in allen Romanen, die ich bisher von ihm gelesen habe. Dieser wird sicher nicht mein letzter sein ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Diogenes, 1140 Seiten
2006 erschienen

Montag, 28. Mai 2018

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz

- ein spannendes, aber auch düsteres Kinderbuch.

Lesen mit Mira

Wer kennt die Geschichten von Astrid Lindgren nicht? Pipi Langstrumpf hat mich ebenso durch meine Kindheit begleitet wie Ronja Räubertochter, Michel von Lönneberga oder die Kinder von Bullerbü. Ein zweites Mal durfte ich sie dann gemeinsam mit meinen Töchtern lesen. Um so schöner, dass Mira mir das Kinderbuch "Die Brüder Löwenherz" hat zukommen lassen, das ich noch nicht kenne.

Worum geht es?
Karl Löwe, ein kränklicher Junge, der bald sterben muss, wird von seinem älteren Bruder Jonathan getröstet, dass er nach seinem Tod in das Land "Nangijala" kommt.

"Dort ist noch die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen, sagte Jonathan, denn gerade dort passiere ja all so was. Wenn man dort hinkomme, erlebe man von früh bis spät und sogar nachts Abenteuer." (7)

Krümel, wie Karl liebevoll von seinem Bruder genannt wird, freut sich auf dieses Land, in dem er nicht mehr krank sein wird.
Doch es ist Jonathan, der zuerst nach Nangijala kommt, denn das Haus der Familie Löwe gerät in Brand und beim Versuch Jonathans, seinen Bruder zu retten, kommt er ums Leben. Krümel ist zutiefst unglücklich, bis sein Bruder ihm eine weißen Taube schickt und ihn nach Nangijala ruft.

Dort warte ein altes Gehöft auf ihn, ein Reiterhof, das im Kirschtal liege und auf der Gartenpforte sei ein Schild angebracht: "Die Brüder Löwenherz" (19).

Zunächst scheint es das Paradies zu sein, Krümel ist gesund, ein Pferd wartet auf ihn und er kann mit seinem Bruder am Fluss sitzen und angeln. Doch dunkle Wolken brauen sich über dem Kirschtal zusammen. Die Taubenkönig Sophia erzählt Krümel, dass der böse Herrscher Tengil aus dem Land Karmanjaka, das in den Uralten Bergen hinter dem Fluss liege, das benachbarte Heckenrosental unterworfen habe und besetzt halte - mit Hilfe des Untiers Katla. Es könne nicht mehr lange dauern, bis auch das Kirschtal angegriffen werde und anscheinend gebe es im Tal einen Verräter, der mit den Tengilmännern zusammenarbeite, um einen gemeinsamen Kampf der Täler gegen Tengil zu verhindern. Jonathan entschließt sich, Orwar, einen Freiheitskämpfer aus dem Heckenrosental, aus der Katlahöhle zu befreien. Auf Krümels Frage, warum er dies tun müsse, antwortet er,

"Weil man sonst kein Mensch ist, sondern nur ein Häuflein Dreck." (59)

Und so machen sich die Brüder Löwenherz auf in ein gefährliches Abenteuer gegen den Tyrannen Tengil.

Bewertung
Das Kinderbuch ist sehr spannend und, was mich überrascht hat, sehr düster. Es erzählt von Heldentaten, von dem Glauben an Hoffnung, aber auch von der Grausamkeit eines Tyrannen, der Menschen gefangen hält, tötet und versklavt- und das in recht deutlichen Worten, so dass ich es Kindern eher vorlesen würde. Der Roman hat auch kein übliches Happy End, eher einen hoffnungsvollen Ausblick, über den man reden müsste.

In Interpretationen wird die Geschichte so gedeutet, dass sich der sterbende Krümel die Abenteuer in Nangijala ausdenkt, sich seiner Todesangst stellt und aus den bestandenen Prüfungen Mut schöpft. Das Licht, das er am Ende sieht, bedeute, dass er dem Tod entgegentritt.
Ein Thema, dem sich Lindgren in diesem Roman auf ungewöhnliche Art und Weise angenommen hat. Meines Erachtens stehen für Kinder jedoch die Abenteuer im Fantasieland im Vordergrund - ob ihnen bewusst ist, dass sich Krümel alles nur ausdenkt?
Auf jeden Fall ein lohnenswerte Lektüre, nicht nur für Kinder und Jugendliche.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
Oetinger, 1974

Donnerstag, 26. April 2018

Judith Hermann: Alice

- fünf Erzählungen über das Sterben.

Lesen mit Mira

"Es hatte sich so ergeben, daß Micha in Zweibrücken im Sterben lag. Zwei Brücken, für Alice klang das poetisch, war aber ein schiefes Bild, weil es für den Sterbenden, wenn überhaupt, doch nur eine Brücke gab." (8)

Alle fünf Erzählung haben als Titel den Namen des Mannes, der in der Erzählung stirbt oder bereits gestorben ist. Zu all diesen Männern hat Alice einen Bezug. Über ihre Auseinandersetzung mit dem Tod erschließt sich für uns ein Bild von Alice vage bleibt - typisch für Judith Hermann, von der ich vor langer Zeit die Erzählungen "Sommerhaus, später" gelesen habe. Die Leser*innen sind gefordert die Lücken selbst zu füllen und sich mit dieser Frauenfigur  und deren Begegnungen mit dem Tod auseinander zu setzen.

Micha
"Die Geschichte zwischen Micha und Alice war zu lange her, um irgendein Recht behaupten zu können." (14)
Micha hat Krebs im Endstadium und liegt im Krankenhaus in Zweibrücken, weit weg von seinem Wohnort Berlin. Maja, seine derzeitige Lebensgefährtin, bittet Alice um Hilfe. Mit einem Kleinkind, das noch nicht laufen kann, gelingt es ihr nicht die Situation vor Ort zu meistern.
Dass Alice kommt und sich um Majas Kind kümmert, ihr beim Umzug in eine größere Wohnung hilft, Micha im Krankenhaus besucht und da ist, zeigt ihre Hilfsbereitschaft, Empathie und auch, dass Alice ihn einmal sehr geliebt haben muss.
Wenn Hermann die Wohnung beschreibt, in die die beiden Frauen und das Kind umziehen, sowie die beiden Vermieter, gelingt es ihr in wenigen Sätzen deren ebenso Spießigkeit einzufangen wie die Zudringlichkeit des Mannes.

"Sie drehte probehalber den Wasserhahn auf und wieder zu, dann stand der Mann hinter ihr. Er umfaßte sie, legte seine Hände um ihre Hüften und zog sie an sich ran, er hielt sie so, dann schob er sie zur Seite, ließ los. Er sagte, die Tabletten für den Geschirrspülautomaten sind hier unter der Spüle, deutete irgendwohin." (24)

Conrad
In der 2.Geschichte besucht Alice gemeinsam mit ihrer Freundin Anna und dem Rumänen, Conrad und dessen Frau Lotte am Gardasee. Die beiden sind über "ein Vierteljahrhundert älter als Alice" (53), woher sie sich kennen, wird nicht erzählt. Conrad hat Alice mit ihren Freunden eingeladen, ist jedoch krank, als sie ankommen. Man ahnt schon, dass auch Conrad sterben wird.

Die Begegnungen zwischen Alice und den Sterbenden verlaufen fast alle schweigend, doch die beschriebenen Gesten offenbaren die Gefühle und sprechen das Unsagbare aus:

"Conrad hob die Hand und berührte Alice Gesicht. Er hatte das noch nie getan. Er legte den Rücken seiner Hand kurz an Alice Wange, kniff sie leicht, als wäre sie ein Kind. Er sagte nachdenklich, weißt du, ich habe gedacht, ich wäre unverwundbar. Das habe ich gedacht." (78)

Und Alice fragt sich, wie Micha und Conrad im Leben gewesen waren, was bleibt von ihnen, wenn sie gestorben sind?

Richard
Alice hat inzwischen einen Lebensgefährten - die Erzählungen sind chronologisch geordnet - Raymond, der in der letzten Erzählung, die seinen Namen trägt, gestorben sein wird.

Richard ist der Mann einer Freundin, der im Sterben liegt und den Alice besuchen will.

Hermanns Sprache kommt fast ohne Adjektive aus, in kurzen, knappen - oft unvollständigen Sätzen gelingt es ihr die Atmosphäre eines Ortes einzufangen, die die innere Befindlichkeit der Figuren widerspiegelt.

"Eine Straße im Juni an einem Samstagnachmittag, Alice fand die Straße sonntäglich, etwas daran erinnerte sie an die Sonntag ihrer Kindheit, an die langgezogenen, von irgendwas pulsierenden Sonntage im Sommer, so als wäre immer alles kurz vor einem Gewitter gewesen. Darauf warten. Auf das Gewitter warten." (104)
"Das Haus, in dem Richard lebte, stand auf der rechten Seite der Straße. Die rechte Seite lag im Schatten. Alice sah zu Richards geschlossenen Fenstern hoch und dachte, in einem Bett in einem Zimmer dieser Wohnung in diesem in dieser Straße liegt einer, den ich kenne, und stirbt." (104)

Warten auf den Tod und ein letzter Besuch, so könnte man die ersten drei Erzählungen überschreiben. Daneben stellt sich Alice die Frage, ob sie im Angesicht des Todes, alles anders hätte machen sollen. Weil so schnell vorbei sein kann.

In den letzten beiden Erzählungen setzt sich Alice mit dem Tod von Malte, einem Onkel, den sie nie kennen gelernt hat und der Selbstmord begangen hat, und dem Tod Raymonds auseinander.
Alice weiß nicht, warum Malte sich das Leben genommen hat, aber sie ist auf der Suche nach Antworten und bittet einen alten Freund Maltes um ein Treffen. Sie will aufräumen mit ihren Vermutungen.

"Diese Vermutung fallenlassen, sich statt dessen eine andere suchen. Zusammenhänge erkennen oder erkennen daß es gar keine Zusammenhänge gab. Nur vermeintliche Beziehungen. Täuschungen, wie Spiegelungen, nichts anderes als der Wechsel von Temperatur, Licht, Jahreszeiten." (136)

Die letzte Geschichte Raymond bringt uns Alice am nächsten. Nach seinem Tod räumt sie ebenfalls auf - seine Sachen aus der gemeinsamen Wohnung. Wenn sie bei einzelnen Kleidungsstücken verharrt, den Geruch einatmet - nicht ohne ironisch anzumerken, es sei "eine Geste aus dem Kino, aus Büchern" (160) und ungefragt Erinnerungen hochsteigen, liest man heraus, wie sehr sie diesen Mann geliebt haben muss. So sehr, dass sie eine Tüte mit einem abgebissenen Mandelhörnchen nicht wegwerfen kann.

"Da schien es auch Reihenfolgen zu geben, Zeit, die vergehen mußte. Erst finden, dann verstehen, dann wegwerfen. Abstand gewinnen." (164)

Am Ende stellt sich Alice erneut die Frage: Was bleibt übrig? Erinnerungen? Menschen, mit denen wir sie teilen?

Mich hat dieser Erzählband sehr berührt, da er leise und scheinbar ohne große Gefühle zu beschreiben, Begegnungen mit dem Tod schildert und kleine Ausschnitte aus dem Leben einer empathischen, hilfsbereiten, liebenswerten Frau offenbart.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Geschenkausgabe, 2012
Fischer Taschenbuch, 190 Seiten

Sonntag, 25. März 2018

Jojo Moyes: Eine Handvoll Worte

- eine Liebesgeschichte.

Lesen mit Mira

Mein Pseudonym Querleserin verrät, dass ich neben anspruchsvoller Literatur zwischendurch gerne auch anderes lese: Fantasy-, Kriminalromane und seltener ein Liebesroman. Man lehnt sich auf dem Sofa zurück, taucht ein in eine simpel konzipierte Welt aus Herz - Schmerz, kehrt nach einem voraussehbaren Happy End entspannt in den Alltag zurück. Gerade in beruflich stressigen Zeiten erlaube ich mir auch mal ein "anspruchsloseren" Roman und dazu gehören die von Jojo Moyes. Traditionell erzählt, recht einfach gestrickt, spinnen sie einen rosaroten Faden und nehmen die Leserin mit ins Happy End - Ausnahme "Ein ganzes halbes Jahr", das sich mit dem Tetraplegiker, der seinem Leben ein Ende setzen will, einem sehr kontroversen Thema widmet.
Daher war gespannt, als Mira für unser gemeinsames Lesen "Eine Handvoll Worte" vorgeschlagen hat.

Worum geht es?
Am Beginn jedes Kapitels ist ein Abschiedsbrief, -SMS oder E-Mail abgedruckt, die Jojo Moyes auf eine Anzeige in der Zeitung erhalten hat oder sie wurden ihr von Verwandten zur Verfügung gestellt. Manche stammen aus der Literatur und einer davon gehört zur Handlung - es sind jeweils "Eine Handvoll Worte", die ein Liebesbeziehung beenden.

Prolog
Einen solchen Brief findet Ellie Haworth im Archiv der Zeitung Nation, für die sie einen Artikel schreiben soll, in dem das Leben der Frauen von 1960 mit dem heutigen (2003) verglichen wird. Anlass ist der Umzug der Redaktion in ein neues Gebäude und die Umstrukturierung des Archivs.
Ellis Aktien in der Redaktion stehen gerade auf Absturz, da ihr Privatleben ein strukturiertes, zielorientiertes Arbeiten unmöglich macht. Seit einem Jahr hat sie eine Affäre mit einem verheirateten Autor - John Armour (!), der nur selten Zeit für sie - oder besser gesagt für Sex mit ihr hat. Als ihre besten Freund*innen sie darauf hinweisen, dass er sich nie von seiner Frau trennen wird, weist sie dies brüsk zurück. Sie lebt in ihrer "Liebesblase", unfähig zu sehen, dass es eine auf Zeit ist.
In dieser Situation gerät ihr der Liebesbrief von "B" vom 4.10.1960 in die Hände, der sich in einer Aktenmappe mit Lungenkrankheiten, ausgelöst von Asbest, befunden hat. Fasziniert von der Sprache des Briefes beginnt sie zu recherchieren.

Teil 1 - 1960
Jennifer Sterling (die Adressatin des Briefes) wacht im Krankenhaus auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Ein schwerer Verkehrsunfall hat eine Amnesie ausgelöst, sogar ihren Mann erkennt sie nicht.

"Er war ein gutaussehender Mann, vielleicht zehn Jahre älter als sie, mit hoher, gewölbter Stirn und ernstem Blick. Tief im Innern wusste sie, dass er wohl derjenige war, der zu sein er behauptete, dass sie tatsächlich mit ihm verheiratet war, aber es war verblüffend nichts zu empfinden, obwohl alle ganz offensichtlich eine andere Reaktion von ihr erwarteten." (S.36)

Doch sie spielt die von ihr erwartete Rolle der reichen Unternehmensgattin - ihr Mann ist im Asbestgeschäft, 1960 galt es noch als "Wunderbaustoff". Ihre Meinung ist nicht gefragt und sie hat schmückendes Beiwerk ihres Mannes zu sein. Ihre Freundin Yvonne beschreibt ihr, wie sie früher gewesen ist:

"Du bist reizend und lustig und voller joie des vivre. Du hast das perfekte Leben, einen reichen, gutaussehenden Mann, der dich anhimmelt, und einen Kleiderschrank, für den jede andere Frau sterben würde. Deine Frisur sitzt immer perfekt. Du hast eine Wespentaille. Bei jedem gesellschaftlichen Anlass stehst du im Mittelpunkt, und unsere Ehemänner sind alle in dich verliebt." (S.58)

Perfektes Leben? Aus unserer heutigen Perspektive sicherlich nicht - aber wir sind im Jahr 1960, fehlen nur noch Kinder zum Glück...

Im 3.Kapitel wechselt die Perspektive zum Journalisten Anthony O´Hara, der lange als Auslandskorrespondent für die Nation gearbeitet hat, zuletzt im Kongo, in dem es 1960 Unruhen gab. Da es ihm zurzeit nicht gut geht - Alkoholprobleme, überstandenes Gelbfieber - wird er an die Rivera geschickt, um ein Porträt über Laurence Stirling, Jennifers Mann, zu schreiben. O´Hara ist geschieden und hat einen kleinen Sohn, den er aber kaum sieht und natürlich ist auch er gutaussehend. Im Verlauf des Kapitels wird deutlich, dass das Interview zeitlich vor dem Unfall Jennifers liegt und die Vermutung, dass O´Hara jener Mann ist, der den Liebesbrief an Jennifer geschrieben hat, bestätigt sich. Man erfährt, wie die beiden sich kennen lernen und Jennifer davon überwältigt ist, dass jemand ihr zuhört und sie ernst nimmt. Gut gemacht ist der Perspektivwechsel, da aus Anthonys Sicht der Beginn der Liebesgeschichte erzählt wird und aus Jennifers Sicht die Zeit nach dem Unfall, in der sie auf einen der Briefe Anthonys stößt. Verzweifelt macht sie sich auf die Suche nach ihrem Liebhaber, in den Briefen finden sich kaum Hinweise, bis sie endlich die Wahrheit erfährt - eine Wahrheit, die ihr Mann gekannt hat, was teilweise sein Verhalten erklärt und auch, warum ihr niemand die Umstände ihres Unfalls erklären wollte.

Im zweiten Teil springt die Handlung ins Jahr 1964 und wir erfahren, wie es Jennifer inzwischen ergangen ist und wie die Akte, die Elli in der Gegenwart findet, im Archiv gelandet ist.

Teil 3 widmet sich Elli und ihrer komplizierten Beziehung zu John. Ihr Drang jede SMS und Mail zu sezieren und Bedeutung hineinzulegen, erinnert mich an die Zeit als Teenager. Allerdings ist sie 32 Jahre alt. Inspiriert von den Liebesbriefen beleuchtet sie ihre eigene Beziehung, die "Handvoll Worte" und die Suche nach den Protagonisten der Liebesgeschichte verändern auch ihr Leben.
Und am Ende - wie nicht anders zu erwarten - gibt es ein Happy End, wenn auch einige unerwartete und tragische Wendungen dazwischen liegen.

Bewertung
Obwohl die gesellschaftlichen Einschränkungen der Zeit, in der Jennifer sich trotz ihrer Ehe in einen anderen Mann verliebt hat, wesentlich strikter gewesen sind, ist auch Elli weit davon entfernt frei zu sein. Ist Jennifer gefangen in den Konventionen, die eine Scheidung nicht vorsehen, und in ihrer Unfähigkeit selbst für ihr Leben finanziell aufzukommen, ist Elli in ihren romantischen Vorstellungen gefangen. Während Jennifer erstaunlich mehrdimensional gezeichnet ist, gibt Elli das Bild einer kindlichen 32-Jährigen, deren Traum so aussieht:

"Sie hat einen Job als Journalistin bei einer der wichtigsten Zeitungen des Landes, beneidenswert unkompliziertes Haar, einen Körper, der im Grunde an den richtigen Stellen kurvig oder schlank ist, und ist hübsch genug, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wobei sie immer noch so tut, als wäre ihr das unangenehm. (...) Sie hat noch nicht das Alter erreicht, in dem es als persönliches Versagen betrachtet werden könnte, wenn man weder Mann noch Kinder hat." (S.377)

Willkommen im Jahr 2003 - bis auf den beruflichen Erfolg scheint sich zu 1960 wenig geändert zu haben. Nach dem Traum einen Job zu haben, kommt sofort das gute Aussehen. Unverheiratet, keine Kinder zu haben, gilt als persönliches Versagen. Hat sich unser Bild vom erfolgreichen Leben so wenig verändert? Laut Moyes scheint es so zu sein - Elli verkörpert zwar eine Frau, die sich in ihrem Beruf behaupten kann und Erfolge aufweisen kann, doch ihre Gedanken kreisen ausschließlich um ihre Liebesaffäre und den Wunsch in einer festen Beziehung zu leben.

Während der Roman recht gut die gesellschaftlichen Umstände der 60er Jahre aufzeigt, mit der Doppelmoral und den Schwierigkeiten für Frauen, sich selbst zu verwirklichen, ist der Blick auf unsere Zeit erschreckend altmodisch.

Was bleibt? Eine schöne Liebesgeschichte - auch wenn die Liebesszenen für meinen Geschmack "too much" sind, eine interessante Erzählstruktur, "Eine Handvoll Worte", die zeigen, wie sich die Abschiedsbriefe im Lauf der Zeit verändert haben und die Erkenntnis, dass ich in Zukunft die Hände von Moyes Roman lasse ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Taschenbuch, 590 Seiten
Rowohlt, Oktober 2013


Samstag, 3. März 2018

Rebecca Hunt: Everland

- zwei Expeditionen in die Antarktis.

Lesen mit Mira

In diesem Monat scheinen Bücher und Aufenthaltsort bzw. Bücher und Wetter zusammen zu passen.
Hatte ich "Acht Berge", "Das Päckchen", die beide in den Bergen spielen, im Skiurlaub gelesen und "Unter der Drachenwand" gehört, fiel die Lektüre von "Everland" in eine Kälteperiode im Saarland - echtes Antarktis-Feeling.
Der Roman ist ein Geschenk Miras, mit der ich ihn auch gemeinsam lesen wollte. Allerdings hat sie nach über 100 Seiten die Segel gestrichen - es hat einfach nicht gepasst.
Der Wettlauf zwischen Scott und Amundsen zum Südpol hat mich immer schon fasziniert. In einem Interview äußert die Autorin, dass ihr Roman von Scotts Tagebüchern und denen von Sir Ernest Shackelton inspiriert wurde, die beide in der Antarktis gescheitert sind.

Die erste Expedition auf die fiktive Insel Everland findet im Jahr 1913 im März statt. Vom britischen Schiff Kismet aus starten drei Männer auf die unbekannte Insel. Im April 1913 wird nur einer von ihnen gefunden - unter dem Boot Joseph Evelyn, mit dem sie auf der Insel angekommen sind.

"Die Dankbarkeit war überwältigend. Dinners weinte, weil es ein Wunder war, dass man ihn gefunden hatte. Er weinte, weil sein halbtoter Körper ihn nicht im Stich gelassen hatte und er nicht allein in der Kälte hatte sterben müssen. Und er weinte um Napps und Millet-Bass, aus Trauer und Schmerz über das, was geschehen war. (S.8)"

Damit beginnt der Roman und wirft spannende Fragen auf: Was ist mit den beiden anderen geschehen? Warum ist die Expedition gescheitert? Warum liegt Dinners allein unter dem Boot?

Fast hundert Jahre später, im November 2012 startet erneut eine Expedition nach Everland - dieses Mal, um die Robben- und Pinguin-Population genauer zu untersuchen. Wieder sind es drei Menschen, die sich der Kälte aussetzen, im Gedenken an die historische erste Erforschung der Insel.

Am Tag vor dem Aufbruch steht der Film-Klassiker Everland auf dem Programm. Der Film basiert auf dem Logbuch von Kapitän Lawrence über die Expedition der Kismet, das den ersten Offizier Napps in äußert schlechtem Licht zeigt.

Das Interessante ist, dass alle Untaten Napps in der Erzähllinie, die vom März 1913 bis zum Zeitpunkt, als Dinners unter dem Boot Schutz sucht, reicht, aufgegriffen und aus seiner Sicht dargestellt werden.

Die drei Zeitebenen
- die erste Expedition (März 1913-April 1913)
- das Auffinden Dinners und die Ereignisse bis zur Rückkehr der Kismet nach Neuseeland (April 1913-September 1913)
- die Jubiläums-Expedition (November 2012-Dezember 2012)

werden parallel erzählt - etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch spannungssteigernd.

Die Figuren in der historischen Expedition:
Napps ist der Erste Offizier auf der Kismet und steht in Konkurrenz zum Kapitän Lawrence, denn er

"verfügte über eine natürliche Autorität, die Lawrence abging und die er auch nicht nachahmen konnte. Mitansehen zu müssen, wie sich die Männer instinktiv am Ersten Offizier orientierten, raubte Lawrence den Schlaf. Dann lief er nachts in seiner Kajüte auf und ab und hatte Magenbrennen vor lauter Missgunst." (S.22)

Für ihn soll es die letzte Expedition sein, er hat seiner Frau Rosie versprochen, nach Hause zu kommen: "Es gibt nicht, was ich nicht tun würde, um zu dir zurückzukommen." (S.356)

Millet-Bass wird von Napps vorgeschlagen.

"Er war kräftig, leistungsfähig, und seine Talente als Matrose standen außer Zweifel" (S.66)

Dinners ist der Wissenschaftler der Crew. Beim äußerst ungünstigen Start der Expedition - 6 Tage irrt das Beiboot auf offener See, bevor sie die Insel erreichen, wird deutlich, dass er der Kälte und der Situation nicht gewachsen ist. Dementsprechend schwächt er die beiden anderen.

"Die Schwachen werden nicht von den Starken getragen, sondern reißen sie mit in die Tiefe" (S.68).

Wie gehen die anderen damit um? Und warum wurde ein Mann ausgewählt, der über keine Erfahrungen aufweisen kann?

Die Parallelen zwischen den Expeditionen wird  auf der Figurenebene offensichtlich.

"Sie waren auf derselben Insel, in einer ähnlichen Dreierkonstellation." (S.103)

Decker ist der Chef der Expedition, ein Mann, der zahllose Expeditionen hinter sich hat und dies soll seine letzte sein. Sein Wunsch ist es, in Zukunft mit seiner Frau Viv die Zeit, die ihm noch bleibt, zu verleben. Dafür würde er alles (?) geben.

Jess (29) ist ist Feldassistentin, "[i]hre Rolle bestand darin, die Mannschaft zu unterstützen. Sie kochten die Mahlzeiten, hielten die Ausrüstung in Schuss, sorgten, dafür, dass alles glattlief, und sprangen überall ein, wo es nötig war." (S.33)

Sie hat bei der Bergwacht gearbeitet, war Bergführerin und hat schon an einigen Expeditionen teilgenommen. Ihre großmäulige Art, ihr jungenhaftes Auftreten wirkt wie eine Schutzwall, sie gibt sich unnahbar, um nicht verletzt zu werden.

Brix (Mitte 30) ist die Wissenschaftlerin und hat keinerlei Erfahrungen in der Antarktis. Die berechtigte Frage: Warum ist sie mit im Team?

Ihre Unerfahrenheit kompensiert Decker, der sie in Schutz nimmt, während Jess ihr offen zeigt, dass sie Brix für unfähig hält und ihre Nominierung für einen Fehler.

"Decker war in Brix´Augen das Beste an Everland. Außerdem beschützte er sie vor dem, was das Schlimmste an Everland war: Jess." (S.76)

Die Parallelen sind aber auch auf der Handlungsebene zu finden. So betrachtet Dinners eine seltene Flechte, die nur einen Millimeter im Jahrhundert wächst, die gleiche Pflanze erstaunt auch Brix.
Jess entdeckt eine alte Ananasdose, ein Beweis für die erste Expedition, deren Mitglieder Gegenstand unzähliger Biographien sind - "Symbole einer Tragödie" (S.81).
Interessant ist auch die Szene, in der Napps und Millet-Bass die letzten überlebenden Seebären auf Everland entdecken und der Erste Offizier die Hoffnung hegt, die Spezies werde überleben. Im folgenden Kapitel (November 2012) treffen Brix, Jess und Decker auf 200 von ihnen.

Auch die Probleme ähneln sich, nicht nur die Kälte und die Wetterbedingungen machen beiden Teams zu schaffen, auch die Beziehungen untereinander sind explosiv. Diese psychologische Komponente, wie Menschen in Extremsituationen reagieren, welche Allianzen entstehen und wozu sie im Angesicht einer Katastrophe fähig sind, hat mich in Bann den geschlagen und macht neben der detaillierten Beschreibung der Kälte und der Natur mit ihren wenigen Bewohnern, den besonderen Reiz dieses Romans aus.
Wer übernimmt Verantwortung, wer lässt wen im Stich, wer ist in der Lage dazu einen Menschen zu opfern, um nach Hause zurück kehren zu können?

"Wie uns die Zeit dazu verleitet, zu sehen, wer wir wirklich sind und welche Entscheidungen wir treffen." (357)

Interessant ist auch zu lesen, dass trotz der verbesserten Ausrüstung, des technologische Fortschritts, die Expedition ein Wagnis, ein Abenteuer bleibt.

"Grässlich, wie abhängig wir voneinander sind", sagte Jess, als sie die Augen wieder aufschlug. "Fast wie Napps und seine Männer." (S.226)

In der 3. Erzähllinie rückt der Streit um die Ereignisse, die sich in Everland abgespielt haben könnten und die Rolle, die Napps dabei gespielt hat, in den Mittelpunkt. Trotz mehrerer Suchaktionen ist keine Spur von Napps und Millet-Bass zu finden, Dinners ist nicht in der Lage zu sprechen. Was ist auf der Insel geschehen?
Während Addison Napps guten Ruf verteidigt, finden sich immer mehr Matrosen, die in Opposition zu ihm gehen und offen ihre Meinung äußern, Napps habe Dinners im Stich gelassen.

"Napps´ professionelle Reputation war über alle Zweifel erhaben, die Beurteilung seines Charakters jedoch fiel um einiges widersprüchlicher aus. Es hing immer davon ab, mit wem man darüber sprach und wer auf welche Art seine Wut zu spüren bekommen hatte." (S.85)

Kapitän Lawrence ist nicht der Einzige, der Tagebuch führt, das sich hauptsächlich auf Vermutungen über das, was in Everland passiert sein könnte, stützt. Warum ist es seine Sicht der Dinge, die viele Jahre später im Film überleben?

"Lawrecnes Verpflichtung gegenüber der Wahrheit in seinem Logbuch war ein Thema, über das sich Addison lästigerweise massive Sorgen machte. Er befürchtete dass sich Lawrence von den Geschichten der Männer auf unfaire Weise beeinflussen ließe." (S.164)

Geschichten, die sich in Napps Erinnerungen größtenteils als falsch erweisen, doch seine Sicht der Dinge findet kein Gehör.

Ein Aspekt, den die Autorin in einem Interview zur Sprache bringt:

"Wir sind nicht die alleinigen Autoren unseres Lebens; bis zu einem gewissen Grad sind wir der Willkür verschiedener Interpretationen ausgesetzt. Je nachdem wie ein Ereignis endet, betrachten wir ein Verhalten als mutig oder waghalsig, entschlossen oder starrköpfig. Mich hat diese Wandelbarkeit der Geschichtsinterpretation interessiert; wie Scott zu einer kontroversen Figur wurde, deren Misserfolg, je nach herrschendem Zeitgeist, immer wieder neu eingeordnet wurde. "

Im Roman ist es die Figur Napps, die diesen Wandel erfährt und würde die Handlung fortgesetzt, wäre zu erwarten, nachdem die 2.Expedition seinen Verbleib klären kann, dass seine Beurteilung erneut revidiert wird.

Ein spannender Roman, der die Leser*innen auf zwei faszinierende und gefährliche Expeditionen in die Antarktis mit ihren extremen Bedingungen mitnimmt.



Freitag, 26. Januar 2018

Markus Zusak: Der Joker

- und die Botschaften.

Lesen mit Mira

Seit über einem Jahr lesen Mira und ich jetzt schon jeweils am Monatsende einen Roman gemeinsam, gerne auch einen Jugendroman. Da wir beide "Die Bücherdiebin" kennen, liegt es nahe, auch diesen zu lesen, für den Zusak im Jahr 2007 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat.

Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht Ed Kennedy, aus dessen Ich-Perspektive die Handlung erzählt wird und der sich selbst den Leser/innen vorstellt:

"Mein Name lautet Ed Kennedy. Ich bin neunzehn Jahre alt. Eigentlich zu jung, um als Taxifahrer zu arbeiten. Ich bin ein typisches Beispiel für viele der jungen Männer, denen man in diesem provinziellen Außenposten der Großstadt begegnet - man hat hier einfach kaum Perspektiven oder Möglichkeiten." (S.12)

Eds Vater, ein stiller Alkoholiker, ist vor kurzem gestorben, seine Mutter verhält sich ihm gegenüber lieblos und distanziert, während seine drei Geschwister alle die Stadt verlassen haben.
Neben dem Taxifahren verbringt er die Abende mit seinen Freunden Marv, der eine Schrottkarre fährt und unglaublich geizig ist, und Richie, der von der Sozialhilfe lebt und keine Lust auf gar nichts zu haben scheint. Mit von der Partie ist auch die hübsche Audrey, die ebenfalls Taxi fährt und in die Ed verliebt ist.
Allerdings kommt Audrey, genau wie Ed aus schwierigen familiären Verhältnissen und will sich nicht auf eine echte Liebesbeziehung einlassen, obwohl sie ihn offenkundig ebenfalls liebt.
Beide leben jeweils allein ein einer "Hütte" (S.25) - Eds Mitbewohner ist der stinkende Hund "Türsteher", der jeden freudig begrüßt ;) und mit dem Ed die schönsten Gespräche führt.

Zu Beginn gerät Ed in einen Banküberfall, der offenkundig von einem Amateur durchgeführt wird, so dass es Ed gelingt, ihn an der Flucht zu hindern. Er wird kurzfristig zum lokalen Helden, während der Bankräuber, der ins Gefängnis muss, ihn bedroht:

"Du bist ein toter Mann. Wart´s nur ab (...). Denk dran, was ich dir gesagt habe. Denk jeden Tag daran, wenn du in den Spiegel schaust." (S.52)

Zeitgleich findet Ed eine Spielkarte in seinem Briefkasten - das Karo-Ass, auf dem drei Adressen und eine Uhrzeit stehen. Schnell wird Ed klar, dass er dorthin gehen muss. Gleich bei der ersten Adresse erwartet ihn ein sich abendlich wiederholendes Verbrechen - ein Mann, der seine Frau missbraucht.

"Es ist so, las ob ich auserwählt wäre. Aber auserwählt wozu?, frage ich mich. Die Antwort ist ganz einfach. Damit es nicht egal ist" (S.57)

...dass so etwas geschieht und möglich ist. Und in der Tat scheint Ed von jemand Unbekanntem dazu auserkoren, anderen Menschen Gutes zu tun, ihnen Botschaften zu überbringen.

Vier Asse - vier mal drei Aufgaben, die auf eine kreative Lösung warten. Immer näher dringen sie in sein unmittelbares Umfeld vor. Ganz am Ende wartet der Joker auf ihn.

Bewertung
Ein bemerkenswerter Roman und das aus vielerlei Hinsicht:

1. Der Aufbau ist interessant - 5 Teile, jeweils ein Ass und der Joker stehen für einen Teil. Die Kapitel gehen von Ass-König (also jeweils 14) und enthalten jeweils drei Botschaften, die Ed "überbringen" muss. Ausnahme bildet der letzte Teil, in dem sich die Frage nach dem Joker löst.

2. Die Sprache ist außergewöhnlich. Neben der Ansprache an die Leser/innen und sehr kurzen Sätzen, manchmal nur einzelne Worte,

"Du weißt wahrscheinlich bereits, was ich in der Angelegenheit Edgar Street beschlossen habe zu unternehmen. Zumindest wenn du begriffen hast, wie ich bin.
Zögerlich.
Nachgiebig.
Schwach." (S.61)

stehen derbe Ausdrücken unter den Jugendlichen ungewöhnlichen Bildern gegenüber.

"Die Gewalt mischt sich ein. Sie bohrt ihre Finger in alles was sie zu fassen kriegt, und reißt es auf. Alles fällt entzwei, und ich verfluche mich selbst, weil ich so lange damit gewartet haben, dem ein Ende zu bereiten." (S.101)

3. Der Protagonist wird, obwohl er zunächst wie ein Loser wirkt, der zu schwach und antriebslos ist, irgendetwas zu bewegen, immer sympathischer und wächst an seinen Aufgaben. Er entwickelt sich, schöpft aus den geglückten Botschaften Kraft und verändert Schritt für Schritt sein Leben.

4. Der Schluss, den ich nicht vorwegnehmen will, hat eine klare "Lehre". Sinngemäß: Auch du - wie schwach du auch sein magst - kannst die Welt zu einer besseren machen.
Das mag jetzt simpel und banal klingen, aber wenn dies alle tun würden...
Insgesamt werden christliche Werte, wie Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und gegenseitige Achtsamkeit in den Vordergrund gestellt, eine Botschaft, die ihre Aktualität nicht verliert.

5. Der Roman berührt beim Lesen. Einige der Botschaften, die Ed übermittelt, sind nicht weltbewegend, es sind Kleinigkeiten. Freundlichkeiten, die das Leben schöner machen, wie für die allein erziehende Mutter, die von ihrem kargen Gehalt ihren Kindern einmal in der Woche ein Eis kauft. Und sie selbst? Wer kauft ihr eins?

6. Während der Handlung werden auch einige Romane erwähnt, zufällig gerade solche, die ich im letzten Jahr gelesen habe, wie "Sturmhöhe" oder "Schuld und Sühne" - eines der Asse enthält sogar nur Namen von Autoren. Die intertextuellen Bezüge zeigen das Entwicklungspotential Eds, aus dem er nur schöpfen muss.

7. Einen Kritikpunkt muss ich noch loswerden. Zwei der Botschaften werden mittels Gewalt übermittelt und auch Ed wird zu Beginn von Unbekannten gewaltsam aufgefordert seinen Aufgaben nachzukommen. Gewalt als Lösung? Als Weg zur Veränderung? Diese Episoden erscheinen mir - und da bin ich mit Mira einer Meinung - etwas dubios. Dem gegenüber stehen glücklicherweise liebevolle, empathische Verhaltensweisen, die zum Ende hin überwiegen.

8. Der Roman ist sehr spannend, gerade mal in drei Tagen habe ich ihn verschlungen. Die gestellten Aufgaben und der Aufbau verführen dazu, dass man einen Teil zu Ende lesen will. Und weil es gerade so schön ist, weiterlesen ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Taschenbuch, 446 Seiten
cbt-Verlag, 2006

Montag, 1. Januar 2018

Daniel Kehlmann: Tyll

- das letzte Highlight 2017!

Lesen mit Mira und Sabine

Gebundene Ausgabe, 480 Seiten
Rowohlt, 9. Oktobber 2017


Auf der diesjährigen Buchmesse gab es für mich ein Muss: Ein Interview mit Daniel Kehlmann über seinen neuesten Roman "Tyll". In dem Gespräch hat Kehlmann über die Hintergründe seines Romans erzählt, über die Schelmenfigur, die er ins 17.Jahrhundert versetzt hat, und seine ausgiebige Recherchearbeit. Danach war ich überzeugt, dass ich diesen Roman lesen muss.

Worum geht es?

"Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen." (S.7)

Gemeint ist der 30-jährige Krieg (1618-1648), dessen verheerende Auswirkungen im Mittelpunkt des "Tyll" stehen. In diese Zeit hinein hat Kehlmann seinen Protagonisten versetzt, eine Sagengestalt, zu der es eine Quelle aus dem 14.Jahrhundert gibt und die zum fahrenden Volk gehört.

"Wer mit einem Bänkelsänger reist, gehört zum fahrenden Volk, den schützt keine Gilde, und den beschirmt keine Obrigkeit. Bist du in einer Stadt und es brennt, musst du dich davonmachen, denn man wird denken, du hättest Feuer gelegt. Bist du in einem Dorf und etwas wird gestohlen, mach dich ebenfalls davon." (S.168)

Das ermöglicht Tyll in der immobilen Gesellschaft zu reisen, an verschiedenen Orten aufzutreten, aber auch mit unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in Berührung zu kommen - mit Königen, Grafen und sogar dem Kaiser. Ihnen allen kann er schonungslos den Spiegel vorhalten.

"Ich lach nicht über den Kaiser, ich lach über dich. Wieso bist du so fett? Es gibt doch nichts zu fressen, wie machst du das?" "Halt deinen Mund", sagte der dicke Graf und wurde sofort wütend darüber, dass ihm nichts Geistreicheres eingefallen war." (S.207f.)

Der Roman beginnt mit einem Auftritt Tylls, den man aus den Till Eulenspiegel-Geschichten kennt.
Tyll tanzt auf dem Seil und fordert die Menschen einer kleinen Stadt dazu auf, ihren rechten Schuh auszuziehen und ihm hinaufzuwerfen. Die Situation artet in einem Chaos aus.

"Wie ein Fieber griff die Wut um sich - wo man hinsah, wurde geschrien und geschlagen, Leiber wälzten sich" (S.24)

- eine Allegorie auf den heran nahenden Krieg, der das Dorf überrollt und fast nur Tote zurücklässt.

Im zweiten Kapitel "Herr der Luft" erzählt der auktoriale Erzähler von der Kindheit Tylls, in deren Mittelpunkt der Vater Claus steht, der aus dem lutherischen Norden stammt und als Müllersknecht die Tochter des Müllers geheiratet hat.

"Nebenbei heilt er die Bauern, die ihm immer noch nicht die Hand reichen, denn was sich nicht gehört, gehört sich nicht; aber wenn sie Schmerzen haben, kommen sie zu ihm." (S.40)

Kehlmann entwirft ein detailliertes Gesellschaftbild des Dorfes, schildert die Lebensbedingungen, die Armut und den permanenten Hunger derer, die nie genug zu essen haben. Die Grausamkeit untereinander, Kinder werden geschlagen und nicht geliebt, zu oft sterben sie jung.
Aber auch der Aberglaube der katholischen Gegend wird seziert. Für alles gibt es einen Spruch, eine Zeit, wann man wo nicht hingehen darf, sonst kommt die Kalte oder das kleine Volk.
Währenddessen beginnt der 30 -jährige Krieg, der Winterkönig ist aus Böhmen geflohen und verlangt die Unterstützung der englischen Krone.

Allein gelassen im Wald mit dem Esel und einem Wagen voller Mehl hat der junge Tyll ein seltsames Erlebnis. Sein Vater findet ihn ganz weiß, mit Eselfell auf einem Seil tanzen, wochenlang hat er es geübt, jetzt gelingt es plötzlich.

"Wenn er bloß wüsste, was im Wald passiert ist. Er weiß, dass er nicht daran denken möchte. Erinnerung ist etwas Eigenartiges. Sie kommt und geht nicht einfach, wie sie will, sondern man kann sie hell machen und wieder löschen wie einen Kienspan." (S.89)

Viele Jahre später "Im Schacht" (Kapitel 7), als er in Brünn als Mineur verschüttet wird, denkt er daran zurück. Im Angesicht des Todes erinnert sich Tyll an Episoden seines Lebens, dadurch werden einige lose Fäden aufgenommen und zu Ende gesponnen, was für die hervorragende Komposition des Romans spricht.
Unter anderem denkt er an den Vater zurück, der sich in Bücher vergräbt und sich "wissenschaftlichen" Fragen widmet, ein Träumer ist und andere mit Sprüchen heilt und somit in den Fokus zweier Jesuitenbrüder gerät:
Doktor Tesimond, der einen Anschlag auf Jakob Stuart - Sohn Maria Stuarts und protestantischer König von England und Schottland - gewagt hat, um seiner Tochter Elisabeth auf den Thron zu verhelfen. Jene Elisabeth, die den Winterkönig geheiratet hat und die genau wie dieser im Mittelpunkt des Kapitels "Könige im Winter" (Kapitel 4) steht, in dem besonders drastisch die Auswirkungen des Krieges beschrieben werden. Friedrich, vertriebener König von Böhmen, der den Krieg ausgelöst hat (Prager Fenstersturz), nähert sich dem Lager des schwedischen Königs:

"Der Geruch wurde stärker, je näher sie kamen. (...) Das Erdreich war aufgewählt, die Pferde sanken ein, sie stapften wie durch tiefen Morast. Unrat häufte sich dunkelbraun am Wegesrand, der König versuchte, sich zu sagen, dass es wohl nicht das sei. was er vermutete, aber er wusste, es war genau das: der Kot von hunderttausend Menschen." (S.280)

Tyll begleitet Friedrich zu Gustav Adolf, dem schwedischen König, da er ihn um Hilfe bitten will - eine historische Begegnung, in der Friedrich erfährt, dass es dem Protestanten Gustav Adolf mitnichten um den Glauben geht, sondern um Geld und Macht.

Eine historische Figur ist auch der zweite Jesuit, der Doktor Tesimond begleitet: Athanasius Kircher, dessen Verlogenheit Kehlmann im Verlauf des Romans hervorragend aufdeckt und der Protagonist des sechsten Kapitels "Die große Kunst von Licht und Schatten" ist, in dem er als Pater und Professor des Collegium Romanum auftritt und als Verfasser zahlreicher Schriften. Nichtsdestotrotz ist er auch dem Aberglauben verhaftet und er kann einer Begegnung mit Tyll nicht standhalten.

Die Unwissenschaftlichkeit seiner Argumentation wird am besten in seiner Aussage über Drachen, an deren Existenz er fest glaubt, deutlich:

"Ein Drache, den man gesichtet hat, wäre ein Drache, der über die wichtigste Dracheneigenschaft nicht verfügt - jene nämlich, sich unauffindbar zu machen. Aus genau diesem Grund hat man allen Berichten von Leuten, die Drachen gesichtet haben wollen, mit äußerstem Unglauben zu begegnen, denn ein Drache, der sich sichten ließe, wäre a priori schon als ein Drache erkannt, der kein echter Drache ist." (S.352)

Zurück zur Kindheit Tylls (Kapitel 2):
Der Prozess gegen den Vater offenbart, dass eine Verurteilung mit der Inhaftierung des Hexers oder der Hexe schon beschlossen ist. Es geht nur darum, dass der- bzw. diejenige gesteht. Die Verteidigung des Vaters durch einen Edelmann führt das den Leser*innen deutlich vor Augen:

"Der Prozess ist vorbei. Nur das Urteil fehlt noch. Der Angeklagte hat gestanden."
"Aber offensichtlich unter Folter?"
"Ja natürlich", ruft Doktor Tesimond. "Warum hätte er sonst gestehen sollen! Ohne Folter würde doch nie jemand was gestehen!" 
"Während unter der Folter jeder gesteht."
"Gott sei Dank, ja!"
"Auch ein Unschuldiger." (S.137f.)

Tyll flieht aus dem Dorf und schließt sich gemeinsam mit der Bäckerstochter Nele einem Bänkelsänger an, den sie für einen Gaukler, den grausamen Pirmin verlassen. Von ihrer gemeinsamen Zeit handelt das fünfte Kapitel "Hunger". Kehlmann erzählt nicht chronologisch, trotzdem kann man der Handlung gut folgen - einige Figuren tauchen ebenso wie Tyll immer wieder auf. So wie Liz - Elisabeth Stuart, in deren Exil in Den Haag der Narr gemeinsam mit Nele eine Zeitlang verbracht hat (Kapitel 4) - auf diese Idee hat sie Pirmin gebracht, der als Schausteller mit dem jungen Kurprinzen Friedrich nach England gereist ist.

"Es hatte eine seltsame Bewandtnis mit diesem Narren. Das hatte sie [Liz] sofort gespürt, damals, als er aufgetaucht war, letzten Winter, als die Tage besonders kalt gewesen waren und das Leben noch ärmlicher als sonst. Da waren die beiden mit einem Mal vor ihrer Tür gestanden, der dürre junge Mann im bunten Wams und die großgewachsene Frau. (...) Aber als sie ihr vorgetanzt hatten, war da eine Harmonie gewesen, ein Gleichklang der Stimmen und der Leiben wie sie es nie erlebt hatte, seit sie nicht mehr in England war." (S.236f.)

Liz steht auch im Mittelpunkt des letzten Kapitels "Westfalen",  das gleichzeitig auch die Verhandlungen zum westfälischen Frieden karikiert und in dem sich Tyll mit einem letzten Auftritt verabschiedet.

"Jeder will Gebiet, die der andere auf keinen Fall hergeben möchte, jeder verlangt Subsidien, jeder will, dass Beistandsverträge gekündigt werden, die andere für unkündbar halten, damit stattdessen neue Verträge zustande kommen, von denen andere meinen, sie seien unannehmbar." (S.443)

Das dritte Kapitel "Zusmarshausen" gibt den Lebensbericht Martins von Wolkenstein wieder, den jener zu Beginn des 18.Jahrhunderts verfasst hat und der auf das Ende des 30-jährigen Krieges zurückblickt. Er soll den Tyll im Kloster Andechs finden, dahin hat sich jener nach dem Erlebnis im Schacht (Kapitel 7) zurückgezogen.

"Dieser Krieg war älter als er. Er war manchmal gewachsen und manchmal geschrumpft, er war hierhin und dorthin gekrochen, hatte den Norden verwüstet, sich nach Westen gewendet, hatte einen Arm nach Osten und einen in den Süden ausgestreckt, dann sein volles Gewicht in den Süden gewälzt, nur um sich so dann wieder für eine Weile im Norden niederzulassen." (S.193)

Gemeinsam geraten sie in die letzte große Schlacht des Krieges in Zusmarshausen. Der auktoriale Erzähler informiert uns, dass vieles im Lebensbericht fiktiv ist, fehlt oder verändert ist. Für die große Schlacht bedient sich Wolkenstein bei anderen Dichter - den Schrecken in eigene Worte fassen, vermag er nicht, im Gegensatz zu Kehlmann.

Bewertung
Ich habe den Roman mit meinen Mitleserinnen in nur vier Tagen "verschlungen", gemeinsam haben wir uns angespornt und sehr intensiv Nachrichten ausgetauscht. Wir waren wie in einem Sog, in den uns dieser hervorragend erzählte Roman gezogen hat.

Er hat mich veranlasst, die Hintergründe des 30-jährigen Krieges zu recherchieren, dessen Schrecken er sehr plastisch, manchmal aber auch nur andeutungsweise darstellt, wie Tylls schrecklichstes Kriegserlebnis.
Es ist ein echter Zeitroman, der das 17.Jahrhundert aufleben lässt, den Aberglauben und die Inquisition, die Armut, den Hunger, die Etikette der politischen Würdenträger.
Gleichzeitig zeigt er punktuell die machtpolitischen Verhältnisse auf, in dem er sich auf einige Schlüsselfiguren beschränkt.
Die Verknüpfungen zwischen diesen Figuren, die immer wieder auftauchen, allen voran der Tyll, haben mich besonders fasziniert. Der Roman ist wirklich meisterhaft komponiert.

Beim Austausch ist uns auch das Thema der subjektiven Wahrheit aufgefallen. So erinnern sich Liz und Friedrich ganz unterschiedlich an ihre Hochzeitsnacht, genau wie Tyll und Nele den Tod Pirmins konträr darstellen - wie sehr können wir uns auf unsere Erinnerung verlassen. Immer wieder taucht das Motiv des Vergessens auf, des sich nicht erinnern wollen, dabei ist die Erinnerung an die Geschichte, um aus ihr zu lernen, so wichtig. Eine Botschaft des Romans?

Ein anderes  Thema ist das Aufleben der deutschen Sprache in der Barockzeit, so ist der Dichter Paul Fleming mit Kircher unterwegs (Kapitel 6) und plädiert für den Gebrauch des Deutschen:

"Noch ist unsere Sprache eine Wirrnis aus Dialekten", sagte Fleming. "Weiß man im Satz nicht weiter, greift man sich das passende Wort aus dem Lateinischen oder Italienischen oder sogar Französischen, und die Sätze biegt man irgendwie nach lateinischer Manier zurecht. Aber das wird sich ändern! Man muss eine Sprache nähren und pflegen, man muss ihr helfen, auf dass sie gedeiht! Und ihr helfen, das heißt: dichten." (S.357)

Dass es sich verändert hat, zeigt Kehlmann eindrucksvoll mit diesem Roman.

Unbedingt lesen!

Hier geht es zu Miras Rezension.