Dienstag, 1. Oktober 2019

Andrew Ridker: Die Altruisten

- ein Gesellschaftsroman.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman wird als "Sensationsdebüt aus den USA" angepriesen, eine Bewertung, mit der einige von uns in der Leserunde ihre Schwierigkeiten hatten. Am Anfang habe ich mir schwer getan hineinzukommen, doch im Verlauf der Handlungen hat es mir zunehmend Spaß gemacht zu lesen, wie es mit dieser "verkorksten" Familie und den schrägen, teils skurrilen Figuren weitergeht und wie sie sich weiterentwickeln.

Arthur Alter (lat. der Mitmensch) hat seit dem Tod seiner Frau Francine vor zwei Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern Ethan und Maggie. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass er genau einen Tag, bevor bei Francine im Herbst 2012 Brustkrebs diagnostiziert wurde, eine Affäre mit der deutschen Historikerin Ulrike begonnen hat, die über 20 Jahre jünger als er ist. Dass er trotz der Erkrankung Francines diese Beziehung intensiviert hat, verzeihen ihm die Kinder nicht.
Jetzt ist Arthur, der seit Jahren an der Universität Danforth in St.Louis vergeblich auf eine Festanstellung gewartet hat, pleite, während Ethan und Maggie von ihrer Mutter eine erhebliche Summe Geld geerbt haben. Arthur lädt die Kinder ein, ihnen finanzielle Unterstützung für das Haus, in das die Familie einst aus Boston gezogen ist, zu erbitten, da er es allein ihr Haus nicht halten kann. Die Einladung an Ethan ist kurz und knapp formuliert:

E.- wäre gut, dich zu Hause zu haben. Du (&Maggie) kannst Mitte April kommen. (Semesterferien.) Wichtig, die Familie zu sehen, sich an die Wurzeln zu erinnern usw.
- A. (S.38)

Bei Ethan "waren  Zuhause und Demütigung untrennbar miteinander verknüpft." (38) Er erinnert sich voller Scham an sein Outing, daran, dass sein Vater ihn nie wahrzunehmen schien. Heute ist Ethan ein in sich zurückgezogener junger Mann, der seinen Job als Unternehmensberater gekündigt hat, weil er nicht mehr bereit war, die Verantwortung für Kündigungen mitzutragen. Er lebt von dem Geld seiner Mutter, wobei seine horrenden Ausgaben für Luxusartikel sein Erbe aufgezehrt haben - und das bisher folgenlos.
"Schulden waren immatriell, ein bildlicher Abgrund - und spielte die Tiefe des Abgrunds eine Rolle, wenn der Abrund nur bildlich war?" (44)

Er ist ein Einsiedler, der einer unglücklichen Liebe hinterher trauert, was man in Rückblicken erfährt.
"Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes aufgehört, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein." (42)
Auch den Beginn von Arthurs und Francines Beziehung, ihre Ehe und auch der Familienalltag wird im Rückblick aufgerollt - eine der interessantesten Episoden ist Arthurs Reise nach Simbabwe, wo er seine Erfindung - einen Zementersatz - zum Einsatz bringen will. Sehr skurrile, aber auch tragische Geschichte, die den Leser*innen hilft, den Protagonisten Arthur, der mit einem Altruisten nichts gemein zu haben scheint, besser zu verstehen. Gleichzeitig ist diese Episode eine kritische Auseinandersetzung mit westlicher Entwicklungshilfe und sie zeigt, dass durch die Übertreibungen vieles sichtbarer, deutlicher wird.

Auch Maggie ist nur vordergründig eine Altruistin.
"Es ging ihr doch gut. Sie brachte die Miete zusammen, indem sie für anständige Leute in Queens arbeitete. Ihr einziger Chef war ihr Gewissen. An den meisten Tagen hieß das: Besorgungen machen, babysitten oder im Namen ihre spanisch, russisch oder chinesisch sprechenden Nachbarn Verbindung mit der Stadtverwaltung aufnehmen. Gelegenheitsarbeiten. (...) Es war eine zufriedenstellende Arbeit, wenn auch nicht sonderlich gut bezahlt." (20)

Allerdings gewinnt man den Eindruck, dass sie sich selbst bestraft, so hungert sie ständig und isst kaum, lässt sich von einem ihrer Schützlinge schlagen, um sich dadurch "wertig" zu fühlen. Aus ihrem Helfersyndrom bezieht sie ihre Wertigkeit.

"Auch wenn diese Arbeit sich nicht auszahlte, ertrug Maggie Brunos Misshandlungen, ja, begrüßte sie sogar. Seine tätlichen Angriffe waren der Beweis, dass sie mit einer Arbeit beschäftigt war, die Opfer erforderte. (...) Ein Beweis für Charakter." (24)

Francine erscheint als die Gefestigte der Familie, die alles zusammengehalten hat.
"Scharfsichtig, aber nie mäkelig, intelligent, ohne es zeigen zu müssen, hatte Francine selbstlos ihr berufliches Weiterkommen für die Erhaltung der Familie geopfert - für die sie als Vermittlerin, Schlichterin und Friedenswahrerin fungiert hatte. Sie war Maggie zugleich Vorbild und abschreckendes Beispiel." (72)

Während des Ethans und Maggies Besuch bei Arthur brechen die alten Konflikte wieder auf und es kommt Bewegung in das Leben aller Beteiligten. Wird Arthur seine Kinder tatsächlich um das Geld bitten? Wird er sie wahrnehmen, jetzt da Francine die Vermittlerrolle nicht mehr übernehmen kann?
Wie wird sich die Familienkonstellation verändern?

Es ist vielleicht nicht DAS Sensationsdebüt, aber dennoch ein Roman, der einen kritischen Blick auf die zeitgenössische amerikanische Gesellschaft wirft, indem er die Figuren überzeichnet, ihr Verhalten ins Lächerliche zieht, ihnen aber auch die Möglichkeit gibt, sich weiterzuentwickeln. Auf jeden Fall lesenswert!

Vielen Dank an den Penguin Verlag für das Lese-Exemplar!

Dienstag, 24. September 2019

Wilson Collison: Das Haus am Kongo

- eine Novelle.

Dies ist bereits der dritte Roman, nach "Tod in Connecticut" und "Die Nacht mit Nancy", den ich von Wilson Collison lese, einem Broadway-Autor, den der Louisoder-Verlag glücklicherweise wieder aufgelegt hat.

Im Mittelpunkt seiner Romane stehen unkonventionelle junge Frauen, die für die Zeit, in der die Geschichten spielen- Anfang der 30er Jahre - emanzipiert und selbstbewusst auftreten und die vermeintlich bessere Gesellschaft mit ihren erfrischenden Ansichten schockieren.

Dieses Mal ist es die bildhübsche Blondine Dolly Bretton, eine Wahrsagerin, die aus den USA stammt und ihren Lebensunterhalt u.a. in Nachtclubs, als Stripteasetänzerin und Kellnerin verdient hat. Über ihren Hintergrund erfährt man wenig, nur dass sie in London auf Bill Shane gestoßen ist, der in den USA wegen Mord aus Eifersucht gesucht wird. Dieser nimmt sie mit der Wahrsagernummer mit nach Afrika, wobei sie ihm klare Grenzen vorgibt.

"Ich brauche keinen Mann in meinem Leben. Geschäft ist Geschäft, und ich habe keine Lust, mich so weit weg von zu Hause von Typen wie dir mit der Schlafkrankheit anstecken zu lassen." (16)

Ihr Ziel ist es, so viel Geld zu verdienen, dass die wieder in die USA zurückkehren kann, um dort ein Häuschen zu kaufen und ihre Tage "als Mädchen mit rätselhafter Vergangenheit" (20) zu verbringen.

Die Handlung setzt auf dem trägen Fluss Kongo ein, neben Dolly und Bill befindet sich Lady Essex auf einem alten Dampfer, von der Dolly denkt,
"dass sich die Engländerin schlicht und ergreifend zu ernst nahm. Und solchen Menschen stand Dolly schon per se skeptisch gegenüber. In ihren Augen waren sie bloß Wichtigtuer. Irgendwann musste schließlich jeder sterben. Was hatte es also für einen Sinn, auf andere herabzuschauen?" (25)

- sowie der Captain Finch und der Maschinist Bixby. Aufgrund eines Schadens am Kessel stranden sie im Haus des jungen Arztes Warwick - mitten in der Einsamkeit, dessen schöne Frau sich in der Einsamkeit am Kongo langweilt und die Bills Interesse weckt.

"Da fiel ihr ein, dass sie Bill warnen musste, der die Angewohnheit hatte jede hübsche Frau zu vernaschen, die seinen Weg kreuzte. Er und die Doktorsgattin hatten während des Abendessens schon Blicke gewechselt, und sie wusste, dass Bill die erstbeste Gelegenheit ergreifen würde. Erst hypnotisierte er sein Beute und dann fiel er über sie her." (49)

Dolly hingegen findet Gefallen an Dr. Warwick, der sich zum Ziel gesetzt hat, etwas gegen die Schlafkrankheit zu finden.

Wie auch in "Die Nacht mit Nancy" sind Handlungsschauplatz und -zeit klar umgrenzt und sehr "dicht", so dass die Gefühle und Gedanken der einzelnen Figuren im Mittelpunkt stehen. Aus wechselnder personaler Perspektive erfahren wir vor allem, wie Dolly und der Arzt die Ausnahmesituation erleben. Welche Auswirkungen wird der Besuch für die einzelnen Personen und ihre Beziehungen zueinander haben?

Eine stringent erzählte Geschichte, die unaufhaltsam auf den Höhepunkt zusteuert - spannend zu lesen, was vor allem an der erfrischenden Protagonistin liegt und an dem lakonisch-ironischen Stil Collisons, der die Dekadenz und Langeweile der weißen Ladies und auch Bills unter die Lupe nimmt. Ein Lesegenuss!

Vielen Dank dem Louisoder-Verlag für das Lese-Exemplar!

Freitag, 13. September 2019

Simone Lappert: Der Sprung

...vom Dach.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman "springt" in die Handlung, denn gleich zu Beginn wird im zeitdehnenden Erzählen der Sprung der Protagonistin Manu beschrieben. Dass Manu springt, wird bereits im Klappentext verraten. (Schade eigentlich)

Nach diesem furiosen Einstieg "springt" die Handlung auf den Tag davor zurück und wir erfahren, wie verschiedene Figuren diesen erlebt haben. Aus wessen personaler Perspektive erzählt wird, erfährt man jeweils anhand der Kapitelüberschrift.

Dreh- und Angelpunkt ist zunächst Roswithas Gastwirtschaft am Markt der kleinen süddeutschen Stadt Thalheim. Die Wirtschaft bietet mit der empathischen Wirtin eine Anlaufstelle für einsame, traurige, aber auch glückliche Menschen.
Da sitzt zunächst der Polizist Felix, der gerade eine Fortbildung absolviert hat, wie man mit suizidgefährdeten Personen umgeht und dessen Frau Monique schwanger ist. Irgendein Problem belastet ihn und trübt die Beziehung zu Monique. Er zieht sich zurück und ist nicht in der Lage mit ihr darüber zu reden.

Auch in Marens Ehe gibt es Probleme, seit ihr Mann Hannes zu einem Fitness- und Gesundheitsfanatiker mutiert ist und er sie nicht mehr „sein Pralinchen“ (26) nennt.

Egon ist wie Felix Stammgast in der Gastwirtschaft. Der gelernte Hutmacher musste seinen Laden schließen, in dem befindet sich jetzt eine Handyklinik. Als Vegetarier verabscheut er seine neue Arbeit in der Schlachterei. Immer dienstags ist Schweineaugentag, dann erscheint der Fahrradkurier Finn und die beiden rauchen zusammen eine Zigarre. Finn, der eigentlich mit seinem Fahrrad eine Weltreise machen will, aber wegen Manu zurzeit in Thalheim gestrandet ist.

Manu, die Biologie studiert hat, arbeitet als Gärtnerin und rettet eingetopfte Pflanzen, um sie in ihr „Topfpflanzenasyl“ im Wald zu setzen. Eine schräge Figur, über deren Vergangenheit Finn kaum etwas weiß, aber er weiß,
„(w)enn er mit ihr unterwegs war, kam es ihm vor, als hätte jede noch so banale Situation einen aufregenden Backstagebereich, zu dem nur sie ihm Zutritt verschaffen konnte. An ihrer Seite war er sich sicher, nichts zu verpassen. Er genoss das trügerische Gefühl, dass alles sich zum Guten veränderte, dass er selbst sich veränderte durch Manu, zu einem Menschen, mit dem er es besser aushielt allein, in eine bessere Version seiner selbst.“(35)

Warum ausgerechnet Manu auf dem Dach steht und springen will, kann man zu dem Zeitpunkt noch gar nicht verstehen.
Auch Henry hat einen besonderen Zugang zur Natur, allerdings liegt seine beste Zeit hinter ihm, denn im Moment lebt er als Obdachloser auf der Straße. Henry gehört zu den Figuren, über die ich gerne mehr erfahren hätte.

Der erste Tag
Auf dem Marktplatz in Thalheim befindet sich auch das Geschäft von Theres und Walter, mit dem es, seit sich außerhalb Discounter angesiedelt haben, bergab geht, was Walter in eine Depression stürzt. Theres lebt für ihre Überraschungseier-Sammlung, das tägliche Öffnen von sorgfältig ausgewählten Eiern scheint ihr Highlight zu sein.
Doch als Edna, eine ältere Dame, ehemals Lokführerin, Manu auf dem Dach des Hauses oberhalb von Marens Wohnung entdeckt und die Polizei informiert, ist auf dem Marktplatz – und plötzlich auch im Laden - die Hölle los. Felix wird zu dem Einsatz gerufen, er soll mit der jungen Frau verhandeln. Die Polizei reagiert über, anstatt den Platz zu räumen, taucht sogar das Fernsehen auf, Schaulustige versammeln sich, drehen Filme.
Unter ihnen die Jugendliche Winnie, die aufgrund der Tatsache, dass sie nicht dem gängigen Schlankheitsideal entspricht, in ihrer Klasse ausgegrenzt wird. Der Handlungsfaden um Winnie und ihrer Widersacherin Salome gehört zu den wenigen, die ich nicht so überzeugend fand. Auch das Verhalten von Manus Schwester Astrid, die gerade als Bürgermeisterin von Freiburg kandidiert, ist wenig glaubwürdig. Da bedient sich die Autorin einiger Klischees, ebenso bei der Darstellung des italienischen Designers, ein Handlungsstrang, auf den ich hätte verzichten können.
Allerdings haben diese Szenen auch komische, fast schon satirische Elemente, die jedoch in meinen Augen nicht ganz stimmig zu den sehr ernsten sind.
Doch auf den „schwächeren“ Mittelteil des Romans folgt der „zweite Tag“ und es kommt zu einigen überraschenden Wendungen sowie Einblicken in die Vergangenheit der Figuren, die erklären, warum sie in dieser Situation so reagiert haben.
Die Ausnahmesituation um Manu zeigt, wie ein einzelnes Ereignis, viele Personen beeinflusst, manche sogar so sehr, dass ihr Leben eine neue Wendung erfährt. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt und seine Kreise zieht.
Beeindruckt hat mich auch die Sprache des Romans, so dass ich ihn trotz einiger Szenen, die mir weniger gut gefallen haben, gerne weiter empfehlen werde.

Samstag, 7. September 2019

Mick Herron: Dead Lions

- der 2.Fall für Jackson Lamb und seine Slow Horses.

Leserunde auf whatchaReadin

Der vorliegende Agententhriller ist die Fortsetzung von "Slow Horses", das sind ausgemusterte Agent*innen des MI5, die aufgrund eines kapitalen Fehlers oder Fehlverhaltens ihre Tage in Slough House, einem heruntergekommen Bürogebäude fristen. Da sie nicht gekündigt werden können, sollen sie vor Langeweile "umkommen", so dass sie von selbst den Dienst quittieren. Sie erstellen Statistiken, werten Fotos aus, kurz: es sind Arbeiten, vor denen man weglaufen möchte.

An der Spitze steht der unsympathisch wirkende Jackson Lamb, der seine Mitarbeiter*innen wie Fußabtreter behandelt, ungehemmt furzt, wenn sie in seinem Büro sind, doch wenn es hart auf hart kommt, setzt er sich für sie ein - so ist es zumindest im ersten Teil. Ist er immer noch loyal?

Zu den altbekannten Gesichtern, die im ersten Kapitel erzähltechnisch clever von einer fiktiven Katze vorgestellt werden, die durch die Räume des Slough House streift, gehören:

- Catherine Standish, die ehemalige "Moneypenny" des Secret Service Chefs, trockene Alkoholikerin,
- Min Harper, der einen wichtigen Datenträger in der U-Bahn hat liegen lassen,
- Louisa Guy, die eine Zielperson aus den Augen verloren hat,
- Roderick Ho, Computer-Genie, der nicht weiß, warum er abgeschoben wurde,
- River Cartwright, der aufgrund einer Intrige dorthin geraten ist - dank James Webb, der Spinne - und  dessen Großvater einst eine wichtige Rolle beim MI5 gespielt hat - auch in diesem Fall versorgt er ihn mit relevanten Informationen.

Die Neuen sind Shirly Dander und Marcus Longridge, die sich ein Büro teilen und einander argwöhnisch betrachten, da es heißt, Diana Taverner, die Vizechefin des MI5, habe einen Maulwurf bei den Slow Horses untergebracht.

Der Fall
Der einstige Agent Dickie Bow stößt zufällig in London auf einen ehemaligen russischen Agenten, der ihn während des Kalten Krieges in Berlin entführt hat. Während der Verfolgung wird er getötet, hinterlässt jedoch im Sitz eines Busses ein Handy, dessen Botschaft "Cicadas" (66) lautet. Jene Nachricht findet Jackson Lamb, der mit Bow gemeinsam in Berlin gewesen ist und nicht daran glaubt, dass er an einem Herzanfall bzw. an den Folgen seiner Alkoholsucht gestorben ist.
Zikaden können sehr lange unter der Erde bleiben, bis sie plötzlich erwachen und dann zu singen beginnen. Ist der Code eine Hinweis auf sogenannten Schläfer - auf Agenten, die immer noch im Dienst des russischen Geheimdienstes stehen und auf ihr Aufwachen warten? Zumindest gab es eine Legende, die genau das besagt, allerdings ging man beim MI5 davon aus, dass es genau das ist - eine Legende, dass dieses Netzwerk aus Zikaden nicht existiert und deren Kopf ebenso wenig.

Zeitgleich werden Louisa und Min, die inzwischen ein Liebespaar sind, von James Webb aquiriert - sie sollen Babysitter für einen russischen Oligarchen spielen, der nach London kommt und mit dem wichtige Geschäfte anstehen. Oder verfolgt Webb andere Ziele und die Slow Horses sind sein Notnagel, falls es schief geht?

Wie hängen die beiden Handlungsstränge miteinander zusammen? Und welche Rolle spielt das kleine englische Dorf Upshott, in das Jackson Lamb River Cartwright schickt, da dort der russische Agent zuletzt gesehen wurde?

Ein spannender Fall mit außergewöhnlichen Anti-Helden, die - sieht man von Lamb ab - durchaus sympathisch sind! Permanent muss man beim Lesen die eigenen Vermutungen revidieren, Erwartungen werden nicht erfüllt, unerwartete Wendungen überraschen. Das Ende ist furios und ich konnte den Roman nicht mehr aus der Hand legen, bis alle Puzzleteile an ihren Platz gefallen sind. Beste Unterhaltung, ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sonntag, 25. August 2019

Gregor Sander: Alles richtig gemacht

- Freundschaft im wiedervereinigten Deutschland.

Leserunde auf whatchaReadin

Thomas Piepenburg, inzwischen 50 Jahre alt, wächst in Rostock Anfang der 70er Jahre auf. Sein Vater besitzt eine Drogerie und seine "Eltern taten eigentlich so, als würde es die DDR und ihren Sozialismus gar nicht geben." (25)

In ihrer alten Stadtvilla geht es ihnen gut und der Weg des Junior scheint vorgezeichnet - irgendwann soll Thomas das Geschäft seines Vaters übernehmen.
In der Schule lernt er Daniel Rehmer kennen  - der ein völlig anderes Leben führt. Mit seiner sehr jungen, alleinerziehenden Mutter Christine haust Daniel in einer herunter gekommenen Wohnung in Rostock. Während den FDJ-Veranstaltungen ist er oft krank, "seine Schlampenmutter schreibe ihm die Entschuldigungsbriefe" (27) heißt es.

Doch die beiden Jungen aus so unterschiedlichen Familien werden Freunde, Thomas ist von dem unangepassten Jungen fasziniert, auch von dessen hübscher Mutter, die Gegenstand seiner ersten sexuellen Fantasien wird. Als sie älter sind, zieht Christine mit ihnen um die Häuser, trinkt, raucht und bietet Thomas einen krassen Kontrast zum konservativen Elternhaus.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive Thomas erzählt, beginnend in der Gegenwart - in der heutigen Zeit, in der er gerade von seiner Frau Stephanie verlassen worden ist, die die beiden Zwillinge Nina und Miriam (13) mitgenommen hat. Er sitzt in seinem Haus in Berlin - der alten "Ostberliner Botschaft von Libyen" an der Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg und fragt sich verzweifelt, warum seine Frau weggegangen ist. Er arbeitet als Partner in einer Kanzlei - der fleißigste scheint er nicht zu sein - und soll für seine Partnerin einen ihrer Klienten übernehmen, da diese keine Zeit hat. Es geht um Iwan.
"Das ganze Programm. Körperverletzung, schwerer Raub, Drogenhandel, Nötigung, Hehlerei, Zuhälterei. Aber jetzt, so beteuert Agneszka, sei er schon seit ein paar Jahren sauber und ein erfolgreicher Geschäftsmann." (16)
Thomas trifft ihn einem Wellnesshotel und dort erwartet ihn eine Überraschung. Sein alter Freund Daniel, den er seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hat, steht plötzlich vor ihm.

Sukzessive wird zwischen Episoden aus der Vergangenheit Thomas und Daniels sowie aus der Gegenwart erzählt. Wir erfahren, wie Thomas eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann beginnt und Daniel Koch werden will, wie die beiden in Rostock gemeinsam in Daniels Wohnung ziehen, nachdem seine Mutter sich in Richtung Hamburg verabschiedet hat. Daniel und Thomas sind fast immer zusammen, dabei wird deutlich, dass Daniel der Unangepasste bleibt - seine politische Meinung kund tun und in der Wendezeit von Rechten zusammengeschlagen wird, während Thomas unbeteiligt daneben steht.
In dem Zusammenhang fand ich unsere Leserunde sehr erhellend, da einige der Mitdiskutierenden in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und uns ihre Eindrücke und Erfahrungen aus jener Zeit geschildert haben - wenn man rechtsextreme Schläger gesehen hat, hieß es laufen...
Als "Wessi" kenne ich nur das, was uns aus den Medien vermittelt wurde und was die Romane der Wendezeit erzählen. Insofern bietet der Roman Einblicke in jene Zeit und zeigt auch auf, wie viel sich verändert hat, v.a. in Berlin, in dem der größte Teil des Romans spielt.

Warum haben sich Daniel und Thomas so lange nicht gesehen, obwohl sie doch beste Freunde sind und bis zu Thomas Heirat fast immer zusammen gewohnt haben? Warum hatte Daniel Thomas Pass und musste plötzlich aus Deutschland verschwinden? Kann Thomas Daniel einfach in dem Haus Iwans unterbringen, aus dem Thomas die Mieter vertreiben soll, damit Iwan es sanieren kann, um dort Eigentumswohnungen zu bauen und zu verkaufen?
Nachdem Thomas Daniel dort eine Bleibe organisiert hat, weil er ihn nicht in sein eigenes Haus mitnehmen will - schließlich darf Daniel nicht erfahren, dass Stephanie ihn verlassen hat - sieht er beim Besuch einer Mieterin, die er "vertreiben" soll, plötzlich seine Frau in der Wohnung, in der er Daniel untergebracht hat. Was tut sie dort?

Schritt für Schritt - am Ende werden es Laufschritte ;) - erfahren wir die Hintergründe zu dem Pass, zu Daniels plötzlichen Auftauchen, zu Stephanies Verschwinden und gleichzeitig in den Rückblicken die Geschichte dieser Freundschaft zwischen einem coolen Draufgänger und einem angepassten, vorsichtigen jungen Mann, der aber auch seine anarchischen Phasen in der Umbruchzeit in Berlin erlebt hat.

Die Geschichte einer Freundschaft, die die Entwicklung zweier Jungen aus unterschiedlichen Familien nachzeichnet. Gleichzeitig ein zeitgeschichtlicher Roman, der die Jugend in der DDR, die frühen Jahre des wiedervereinten Deutschlands bis hin zur Gegenwart beleuchtet. Und in dem immer wieder auf zeitgenössische politische oder andere Ereignisse hingewiesen wird - ein Stück deutsche Alltagsgeschichte. Nebenbei liest Stephanie unglaublich viele Romane - so ist es eigentlich auch ein Buch über Bücher ;)
Erzählt wird in einem gelassenen, fast heiteren Tonfall, fast eine Art Plauderton, der dazu führt, dass man den Roman nicht mehr aus der Hand legen will.

Vielen Dank dem Penguin-Verlag für das Lese-Exemplar!

Dienstag, 6. August 2019

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen


-        Preis der Leipziger Buchmesse (2019)



Der Roman „Schäfchen im Trockenen“ ist als Brief an die älteste, 14-jährige Tochter der Ich-Erzählerin konzipiert:
„Hör zu, Bea, was das Wichtigste ist und das Schlimmste (…), dass es keine Eindeutigkeit gibt. Das muss ich hier, ganz zu Anfang, schon mal loswerden – weil ich es immer wieder vergesse. (…) weil meine Sehnsucht nach Eindeutigkeit so groß ist und die Einsicht, dass es keine gibt, mich so schmerzt. (5)“
Die Ich-Erzählerin Resi hat mit ihrem letzten Buch ihre Freunde kritisiert und deren Verlogenheit aufgedeckt, alle hätten die gleichen Chancen und tuen so, als gäbe es keine Unterschiede zwischen ihnen. Ausgangspunkt ist der Umzug in ein gemeinsam entworfenes Haus in der Innenstadt, in das Resi aus Kostengründen nicht miteinziehen kann – sie lehnt sowohl die Erdgeschosswohnung als auch Geld eines ihrer Freunde ab, weil sie nicht mit Almosen abgespeist werden will.
Resi wäscht mit ihrem Buch schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit.
Ein Umstand, der dazu führt, dass die Freunde ihr die Freundschaft gekündigt haben und, was für eine 6-köpfige Familie in Berlin Mitte besonders drastisch ist, auch die Wohnung.
Mit „Schäfchen im Trockenen“ reagiert Resi auf die Reaktion ihrer einstigen Schulfreund*innen und deren Partner*innen und schreibt sich ihren Frust, ihre Entrüstung, ihre Wut von der Seele. Dabei beleuchtet sie die zurückliegenden Ereignisse nicht chronologisch, sondern springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie führt fiktive Gespräche mit ihren Freund*innen, entwirft alternative Handlungen, was beim Lesen ab und an für Verwirrung sorgt.
Auch flicht sie Episoden aus dem Leben ihrer Mutter ein, der sie vorwirft,
„ihre Träume von Freiheit ihren Töchtern aufgehalst zu haben – ohne Idee davon oder Hinweis drauf, wie sie vielleicht zu verwirklichen wären.“ (8)
Aus diesem Grund will sie ihrer Tochter Bea schonungslos die Wahrheit schreiben, will sie „aufklären“, vorbereiten auf ein Leben, in dem es Gerechtigkeit nicht gibt und das „Haus“, aus dem man stammt, immer noch maßgeblich über das Leben entscheidet, das man führt.
„Bea ist jetzt vierzehn und gehört initiiert. Aufgeklärt und eingeführt in die Welt der Küchenböden, Arbeitsteilung, Arbeitsverteilung, Putzjobs, Lohnkosten, (…). Anders als meine Mutter werde ich nicht davon ausgehen, dass sie mit der Zeit schon erfährt, was sie wissen muss (…)“ (12)
Sie soll die Wahrheit erfahren, dass die Freund*innen Resis „ihre Schäfchen im Trockenen“ (15) haben, in die Fußstapfen ihrer wohlhabenden, reichen Eltern getreten sind, während sie selbst, als Künstlerin, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt, mit Künstlerehemann und vier Kindern Schuld daran hat, in einer weniger privilegierten Situation zu sein, denn Kinder kosten bekanntlich Geld und man sollte sie nur bekommen, wenn man sie sich leisten kann  - so die Meinung ihrer Freund*innen.
Am Beispiel eines Skiurlaubs, an dem alle damals 17-jährigen Freund*innen teilnehmen - weil es selbstverständlich bisher Teil ihrer Familienurlaube gewesen ist – beschreibt Resi, wie ihr der Unterschied zum ersten Mal wirklich deutlich ins Bewusstsein getreten ist. Hätte sie einfach mitfahren sollen, sich Geld leihen, sich mehr anstrengen müssen, „weil wir ja auch alle unseres Glückes Schmied waren.“ (69) Oder sind die „Klassengrenzen“ oder Standesunterschiede nicht zu überwinden? Um diese Frage dreht es sich letztlich, darin waren wir uns im Lesekreis einig.
Der Roman ist, so sagt die Ich-Erzählerin selbst, „das Gegenteil eines gut gebauten, elegant komponierten Romans.“ (42), was natürlich gnadenlos untertrieben ist. Er ist durch und durch komponiert, mit zahlreichen intertextuellen Anspielungen versehen. Die Handlung führt letztlich immer wieder in ihre Kammer – ihr eigenes, kleines, fensterloses Zimmer zurück, das sie zur Verfügung hat – eine Anspielung auf den Essay von Virginia Woolf „A room of one´s own“ (Schön, wenn Belesene im Lesekreis diskutieren 😉). Trotz dieser Komposition habe ich persönlich beim Lesen aufgrund einiger Wiederholungen Längen empfunden, die jedoch, wie meine Mitleserinnen argumentierten, die unterschwellige Bitterkeit der Protagonistin zum Ausdruck bringen sollen. Insgesamt, und da waren wir und einig, werden viele gut beobachtete Szenen erzählt, in der Resi das scheinheilige Verhalten ihrer Freund*innen, die die „unterschiedlichen Voraussetzungen (…) ignorieren“ und „mit neoliberalem Geschwätz von Aufstiegschancen“ (220) bemänteln, messerscharf und bitterböse seziert. Auch an Witz und Ironie sowie Selbstkritik mangelt es nicht.
Am Ende wird Resi dann ganz deutlich, sie prangert an, dass alle Probleme zugedeckt würden - statt offen zu sagen, dass zum Beispiel eine Familie zu sein, nicht immer schön ist. Dass Fotos gepostet werden, „um zu blenden, anzugeben, zu behaupten“ (238). Doch wie sieht die Wahrheit dahinter aus? Warum traut sich niemand auszusprechen, was nicht schön ist, was falsch läuft?
Resi hat sich getraut und ist dafür von ihren Freund*innen bestraft worden, weil man das nicht tut, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.
Etwas problematisch fanden auch wir, dass die Autorin ihr eigenes Leben im Roman verarbeitet hat, dass hinter den Freund*innen echte Menschen stehen, die sich in den Figuren wiedererkannt haben – was ist Fiktion, was Realität? – oder sollte man sich diese Frage nicht stellen? Schließlich steht auf dem Buchdeckel „Roman“ und Ich-Erzählerin ist nicht gleich Autorin…
Mich persönlich hat diese Frage beim Lesen weniger beschäftigt, sondern mir hat die offene Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie unsere Kommunikation und unser Verhalten die wahren Gefühle, Sorgen und Ängste beschönigen, übertünchen und verdecken, gefallen. Die teilweise drastische Sprache weniger, aber zur Wut, zum Ungeschönten gehört sie wohl dazu – soll schocken und aufrütteln. Das gelingt 😉.



Sonntag, 21. Juli 2019

Ian McEwan: Saturday

- ein Tag im Leben des Henry Perowne


Der Roman beschreibt einen Tag (!) im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne, der nachts aufwacht und Himmel ein brennendes Flugzeug sieht. Das erinnert ihn an 9/11 - ein Ereignis, das 1 1/2 Jahre zurückliegt und von dem Perowne glaubt, es wirke sich noch 100 Jahre auf die westliche Zivilisation aus. Die Handlung spielt am 15.2.2003 in London, an dem Tag demonstrierten 700.000 Menschen gegen die Irak-Politik der USA und Großbritanniens. Auch Perowne selbst diskutiert mehrfach im Verlauf dieses Tages mit mehreren Personen über den bevorstehenden Krieg. Er selbst möchte ein Ende der Diktatur Saddams, da er einen irakischen Intellektuellen operiert hat, der im Gefängnis gewesen ist und ihm vom terroristischen Regime erzählt hat. Perownes Sohn ist eher indifferent eingestellt, er ist ein begnadeter Bluesmusiker, der sich ganz der Musik widmet.
Henrys Frau Rosalind arbeitet als Anwältin bei einer Zeitung, seine Tochter Daisy, die an diesem Tag zu Besuch kommen wird, hat gerade ihren ersten Lyrikband herausgebracht. Erwartet wird auch Rosalinds Vater - John Grammaticus, ebenfalls ein bedeutender Lyriker - und Henry besucht seine demente Mutter im Altenheim. All diese Ereignisse bieten Anlässe zu Erinnerungen und Rückblicken Henrys, aus dessen personaler Perspektive der Roman oft zeitdehnend geschildert wird.
Als er auf dem Weg zum samstäglichen Squash-Spiel mit einem befreundeten Anästhesisten ist, fährt er jemandem, der nicht mit einem Auto in der gesperrten Straße gerechnet hat, den Spiegel ab. Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung mit dem Verbrecher (?) Baxter, die weitere Auswirkungen auf Henrys Tag haben wird.


Ein meisterhafter Roman, der zeigt, wie winzige Ereignisse unser Leben entscheidend prägen können, und der die familiären Strukturen der Familie ebenso messerscharf seziert wie die politische Lage - auch medizinisch bietet der Roman tiefe Einblicke (an einigen Stellen zu detailliert ;) ) in die Arbeit des Neurochirurgen Perownes, der sich auf Hirnchirurgie spezialisiert hat.