Donnerstag, 11. Februar 2021

George Orwell: 1984

 - der Klassiker, neu übersetzt

Leserunde auf whatchareadin

dtv hat den Klassiker, der bereits im Jahr 1949 zum ersten Mal erschienen ist, mit einem sehr ansprechenden Cover in einer neuen Übersetzung wieder aufgelegt. Neben der neuen Rechtschreibung sind auch die von Orwell erfundenen Begriffe wie "Neusprache" oder Zwiegedanke (alte Übersetzung) modernisiert worden: "NeuSprech" und DoppelDenk (neue Übersetzung). 

Warum sollte man diesen Roman heute (wieder) lesen?

Das dem Roman vorangestellte Vorwort von Robert Habeck gibt eine Antwort darauf: "Georg Orwell ist der Analytiker des Totalitarismus" (5).

Als ich selbst den Roman zum ersten Mal gelesen habe, Mitte der 90er, ging es mir so wie Habeck, es war "für mich eine Metapher für die totalitären Regime der dunkelsten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, des Stalinismus und des Nationalsozialismus." (8) Aber auch wenn der real existierende Sozialismus gescheitert ist, gewinnen autoritäre Regime an Zuspruch, rechter Populismus erfährt neuen Auftrieb und der Überwachung der Gesellschaft stimmen wir freiwillig zu, indem wir unsere Daten und unsere Privatsphäre preisgeben. Gerade im Zuge der Corona-Krise nutzen totalitäre Systeme, und nicht nur diese, die Gefahr durch das Virus radikal aus. Wie weit sind wir noch vom gläsernen Menschen entfernt? Auch die Manipulation durch die Sprache, die Umdeutung der Geschichte, die Frage, was die Wahrheit angesichts von Fake News und manipulierter Bilder ist, stellt sich heute dringender denn je. Der Roman zeigt, "wie nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterschieden werden kann. Und wenn das passiert, dann ist Demokratie am Ende." (12) Habeck spricht auch die Filterblasen und Twitterwolken an, in denen sozial selektierte Gesellschaften entstehen und ein Bewusstsein für abweichende Meinungen verloren geht. Das kann man gerade in der Corona-Krise gut beobachten.

Zum Inhalt

Winston Smith lebt einem totalitären Regime, in dem die Partei IngSoc - English Socialism - die Macht inne hat. Die Partei hat einen totalen Überwachungsstaat aufgebaut, so ist sie in der Lage, die Menschen in ihren Wohnungen per TeleSchirm zu beobachten. Die GedankenPolizei überwacht die Mimik und versucht jeden Gedanken, der illoyal ist und die Liebe zur Partei nicht widerspiegelt, sofort zu ahnden.

Es gibt die Innere Partei, die weniger als 2% der Bevölkerung ausmacht, die Äußere Partei, ca. 13%, zu der auch Winston gehört, und die sogenannten Prolls, die den Rest der Gesellschaft ausmachen und keine Aufstiegschancen haben und so davon beansprucht werden, ihren Alltag zu meistern, dass sie sich nicht erheben.

"Prolls werden nicht in die Partei aufgenommen. Nur die Begabtesten unter ihnen, die vielleicht zu einem Unruheherd werden könnten, werden von der Gedankenpolizei identifiziert und eliminiert." (257)

Die Erde ist unter drei Großmächten aufgeteilt, Ozeania, Euroasien und Ostasien, die permanent im Krieg miteinander liegen und um die verbleibenden Gebiete kämpfen. Der Krieg dient dazu Armut aufrechtzuerhalten, denn "langfristig konnte eine hierarchische Gesellschaft nur auf einem Fundament von Armut und Dummheit bestehen." (234)

An allem herrscht Mangel, Lebensmittel, Konsumgüter und Luxusartikel sind allenfalls für die Innere Partei erreichbar, während das Ministerium der Fülle davon spricht, allen gehe es besser als vor der Revolution. Nur billiger, synthetischer Gin ist reichlich vorhanden. Um das Leben erträglicher zu machen?

Aber es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten, da zum System  ebenfalls gehört, die Vergangenheit permanent umzuschreiben und der Gegenwart anzupassen. Werden Lebensmittel rationiert, muss die Ankündigung, diese würden erhöht, neu geschrieben werden. Hat sich ein Parteiglied gegen die Partei gestellt, wird seine Existenz vernichtet, alle Zeitungsartikel, in denen er erwähnt wird, müssen überarbeitet werden.  

"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Und wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit." (58)

Das ist Winstons Beruf im Ministerium der Wahrheit (!), Zeitungsartikel umzuschreiben, die alten kommen in das sogenannte Erinnerungsloch und, weil es teilweise eine kreative Arbeit ist, empfindet Winston sogar eine gewisse Befriedigung dabei, obwohl er weiß, dass er dazu beigetragen hat, die Vergangenheit zu verfälschen.

Umso revolutionärer ist es, dass er selbst beginnt, Tagebuch zu führen, seine geheimen Gedanken niederzuschreiben - in einem für den TeleSchirm unsichtbaren, winzigen Teil seiner Wohnung. Mit wem wird er diese Gedanken teilen können, für wen schreibt er diese nieder? Er glaubt, dass einer der Inneren Partei, O´Brien, ebenfalls selbstständig denkt. Ein beiläufig dahin gesprochener Satz vor einigen Jahren lässt ihn in diesem Glauben, er sei nicht der letzte Mensch in Europa - ein Titel, den Orwell zunächst für seinen Roman favorisierte.

Sein "Freund" Syme hingegen ist ein Befürworter des Systems und arbeitet am endgültigen Lexikon von NeuSprech mit.

"Verstehen Sie nicht, dass es beim NeuSprech vor allem darum geht, das Denken so zu verschlanken, dass GedankenVerbrechen gar nicht mehr möglich sind, weil es keine Wörter mehr gibt, um sie zu formulieren?" (S.78)

Dadurch wird die "Reichweite des Bewusstseins" kleiner (78) und "das richtige Bewusstsein heißt Nichtdenken - gar nicht mehr denken müssen. Das richtige Bewusstsein ist die Bewusstlosigkeit." (79)

Ein Zustand, von dem Winston weit entfernt ist. Seine verbotenen Gedanken kreisen darum, wie man sich in solch einem System Hoffnung auf eine Änderung bewahren und Kontakt zu denjenigen aufnehmen kann, die ebenso denken. Ob es möglich sein wird, Widerstand zu leisten und sich einen freien Willen zu bewahren?

Orwells Dystopie gibt kaum Anlass zur Hoffnung, an der Situation könne sich etwas ändern.

Fazit

Auch wenn der Roman einige Längen aufweist, da Orwell in manchen Passagen zu viel erklärt, um sicher zu gehen, dass seine Botschaft verstanden wird, bleibt dieser Roman empfehlenswert und gehört für mich zu den Romanen, die man unbedingt gelesen haben sollte - gerade, weil er an Aktualität gewonnen hat!


Vielen Dank dem dtv-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Sonntag, 31. Januar 2021

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock

- eine Biographie (?) des Arztes Dr. Samuel Pozzi (1846-1918)

Leserunde auf whatchaReadin

Das erzählende Sachbuch beginnt mit einer Reflektion über den richtigen Erzählanfang:
1. "Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an." (7)
Gemeint ist dabei die Hauptfigur Dr. Samuel Pozzi, ein Bürgerlicher, der gemeinsam mit zwei Adligen zur Shopping Tour nach London reist, wobei sie bei Henry James logieren.
Die anderen beiden sind der Graf Robert de Montesquiou-Fezensac sowie der Prinz Edmond de Polignac.
Neben den Hauptfirguren wird die Verbindung zwischen Frankreich und England gezogen und wir sind direkt in der Zeit verortet und wissen, warum sie dorthin gereist sind. Klassischer Einstieg in einen Bericht ;)

2. In seinen Flitterwochen liest Oscar Wilde einen französischen Roman, den er wiederum in "Das Bildnis des Dorian Gray" erwähnt.
Gemeint ist "´À Rebours" von Joris-Karl von Huysmans, der 1884 erschienen ist (dt. "Gegen den Strich") und dessen Hauptfigur ein 29-jähriger Aristokrat ist, der erhebliche Parallelen zu Montesquiou aufweist, der sich im Verlauf der Ausführungen Barnes als schillernde Figur der Belle Époque erweist, heute würde man ihn einen Prominenten nennen, der die Klatschmagazin ziert.
„Montesquiou war das Musterbeispiel eines aristokratischen Dandypoeten“ (67)

Und immer wieder kommt Barnes auf die Unterschiede zwischen Frankreich und England zu sprechen:
„Als Angehöriger der Mittelschicht, geschweige denn der Arbeiterklasse, konnte man in England schwerlich ein Dandy sein. In Frankreich durfte man in den Kreisen der künstlerischen Boheme ein Dandy sein.“ (67)
Neben dem Grafen widmet sich Barnes auch dem Leben Oscar Wildes, dessen Prozess, seine Amerikareise finden Erwähnung sowie die Tatsache, dass auch er ein klassischer Dandy gewesen ist.

3. "Wir könnten auch mit einer Kugel beginnen und mit der Waffe, aus der sie abgeschossen wurde." (7) Kugeln sind ein Leitmotiv. Eine Kugel, die Puschkin getötet haben soll, ist angeblich im Besitz des Grafen Montesquiou. Gleichzeitig verweist die Kugel auch auf die Duelle, die mehrmals thematisiert werden. Eine in Frankreich bis zum 1.Weltkrieg verbreitete Praxis, während sie "in England schon in den 1830er-Jahren aus der Mode gekommen [waren]." (57)
"Wo war Pozzi bei all diesen wütenden Balgereien, die dieser Clown - die Ehre - angezettelt hatte?" (61)
Er stand als Arzt zur Stelle und leistete Beistand, womit man zum nächsten möglichen Erzählanfang überleiten kann:

4. In Kentucky hat im Jahr 1809 Ephraim McDowell erfolgreich die erste Ovarektomie durchgeführt. Anlässlich des 100. Jahrestag dieser Operation reist Pozzi, inzwischen ein erfolgreicher Gynäkologe und der Inhaber des ersten Lehrstuhls für Gynäkologie in Frankreich, nach New York (vgl. S.240). 

Dieser Erzählanfang verweist auf Pozzis berufliche Tätigkeit, der als Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie gilt und dessen beruflichen Werdegang Barnes anschaulich darlegt, wobei er vor allem seine Innovationen im Bereich der Hygiene, Operationstechnik, aber auch sein Empathie gegenüber den Patientinnen hervorhebt.
Barnes beschreibt Pozzi als charmant, gastfreundlich, großzügig, bei allen beliebt, erfolgreich, wissenschaftlicher Atheist, dem jedoch der Ruf vorauseilt, ein notorischer Verführer gewesen zu sein - allein es mangelt an entsprechenden weiblichen Quellen. Gibt es nichts zu erzählen oder schwiegen die Damen?
Lediglich Pozzis Tochter Catherine äußert sich in ihrem Tagebuch dazu, aber kann man einer Jugendlichen Glauben schenken? 

Die Ehe Pozzis mit Thérèse Loth-Cazalis basierte jedenfalls auf einem Arrangement. Pozzi ist der Überzeugung, sie liebe ihn nicht genug, daher wendet er sich anderen Frauen (Geliebten) zu, seine Frau wahrt jedoch nach außen den Schein, während es im Inneren zu Streitigkeiten und unschönen Szenen gekommen sein soll.
Die französische Einstellung der Zeit: 
"Die Ehe war lediglich ein Basislager, von dem das abenteuerlustige Herz zu neuen Ufern aufbrach." (51) "Die Briten glaubten an Liebe und Ehe - dass die Liebe zur Ehe führt und darin fortbesteht" (51).

5. Ein Mann liegt im Bett und "weiß, was er machen soll, er weiß nur nicht, wann und ob er machen kann, was er machen will." (8) Hätte Barnes damit begonnen, hätte er die Geschichte von hinten aufgerollt.
Der Mann, der im Bett liegt, hat etwas mit Pozzis Tod im Jahr 1918 zu tun (s. auch Erzählanfang 3).

6. Stattdessen entscheidet sich Barnes dafür, mit einer sehr genauen Bildbeschreibung von "Dr. Pozzi at home" (1881) von John Singer Sargent, das auch das Buchcover ziert, zu beginnen.

"Mich zog das Porträt von Sargent zu Dr. Pozzi, ich wurde neugierig auf sein Leben und Werk, schrieb dieses Buch und halte das Bild noch immer für ein wahres und elegantes Abbild." (229)

Wer erwartet, eine Biografie Pozzis zu lesen, wird zwangsläufig enttäuscht. Vielmehr ist der Roman ein Lesebuch der Belle Époque -
"eine Periode neurotischer, ja hysterischer nationaler Angst, gezeichnet von politischer Instabilität, Krisen und Skandalen" (35) - 
das erzählt, welche politischen Themen à la mode waren, z.B. die Dreyfus-Affäre, welche wissenschaftlichen Entwicklungen im Bereich der Medizin stattfanden, welche Klatsch- und Tratschgeschichten kursierten - ein Bereich, der sehr viel Raum einnimmt - und vor allem, ein Buch über das "Who´s Who".
Passend dazu sind ein Teil der Fotografien abgebildet, die Félix Potin von 1898-1922 herausbrachte und die jeweils seiner Tafel Schokolade beigegeben waren.

"Wie schon viele Biografen festgestellt haben, kann man sich die Freunde seiner wichtigsten Figur leider nicht aussuchen." (83)

Gemeint ist Jean Lorrain, der neben dem Grafen und dem Prinzen immer wieder Erwähnung findet und der in der Tat sehr unsympathisch wirkt. Zudem steht er in ewiger Konkurrenz zum Grafen, der ihn jedoch ignorierte. In seinem Roman "Monsieur de Phocas"  erschuft Lorrain "die zweite literarische Schattenversion von Montesquoiu", wobei insgesamt vier davon existieren.
In der Leserunde kam die Frage auf, warum dem Leben des Grafen Montesquiou so viel Raum gegeben wird.
Ich denke, dass der Graf neben der Tatsache, dass er eine berühmte zeitgenössische Person gewesen ist, auch als eine Art Negativfolie wirkt. Ein adliger Dandy, der seine Umgebung manipuliert, ausnutzt und sein Luxusleben genießt, während Pozzi sich als erfolgreicher Arzt einen Namen macht, wobei auch er weit davon entfernt ist, als Heiliger dargestellt zu werden. Barnes selbst begründet sein Interesse an Pozzi damit, dass er "ein vernünftiger Mensch in einer verrückten Zeit" (188) gewesen ist.

Polignac ist dagegen "die Sorte Aristokrat, die mühelos zur Revolution anstachelt. Polignac war sanft, verschroben und ziemlich hoffnungsloser Fall: die Sorte Aristokrat, die eher harmlos erscheint und womöglich sogar leichtes Mitleid erregt." (140)
Die Ehe mit der reichen amerikanischen Erbin Winnaretta Singer verläuft trotz aller Erwartungen harmonisch. 

Ist man zu Beginn von der Vielzahl an Namen überfordert, findet man sich schnell in Barnes scheinbar assoziativem Erzählen von Ereignissen, Figuren, Themen zurecht und genießt das Eintauchen in die Epoche. Neben der Kunst und dem Betrachten von Gemälden wird auch der "Schaffensprozess" selbst sowie die Problematik, eine Biografie zu schreiben, thematisiert.
„Wir wissen es nicht. Sparsam gebraucht, ist das eine der stärksten Aussagen in der Biografensprache.
Der Satz ruft uns in Erinnerung, dass die eingängige Lebensbeschreibung, die wir lesen, bei aller Detailfülle und Ausführlichkeit, bei allen Fußnoten, faktischen Gewissheiten und zuversichtlichen Hypothesen nur eine öffentliche Version eines öffentlichen Lebens und eine unvollständige Version eines privaten Lebens sein kann. Eine Biografie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden" (127).


Auch die Wirkung von Literatur wird diskutiert. Flauberts Leitsatz dazu: „Man kann die Menschheit nicht ändern, man kann sie nur kennen.“ (219)
Barnes merkt an, die Menschheit zu kennen und sie so zu beschreiben, wie sie ist, sei schon eine Korrekturmaßnahme, da man vieles aus neuer Sicht sehe. Was der Leser bzw. die Leserin daraus mache, liege jedoch nicht mehr im Ermessen des Autors bzw. der Autorin.

Und was machen wir aus dieser Biografie, die eher eine Kulturgeschichte der Belle Époque ist?
Lesen, staunen, genießen und Wissen anhäufen, an das wir zu gegebener Zeit, vielleicht bei der nächsten Lektüre, anknüpfen können.

Vieles wissen wir nicht, aber wir haben viel dazugelernt ;),

insofern kann ich jedem dieses intellektuelle "Lesebuch" ans Herz legen!

Alexander Häusser: Noch alle Zeit

 - Gastbeitrag Sabine

Leserunde auf whatchaReadin


Auf der Suche nach dem verlorenen Glück

Edvard ist Anfang 60, als seine Mutter stirbt. Er lebte mit ihr zusammen und pflegte sie bis zum Ende. Versteckt im Schrank findet er ein auf seinen Namen ausgestelltes Sparbuch. Die über Jahre andauernden, unregelmäßigen Einzahlungen kamen aus Norwegen. Sofort stellt er einen Bezug zu seinem Vater her, der am Tag nach Edvards zehntem Geburtstag wegfuhr und niemals wiederkehrte. Laut Aussage der Mutter ist er tot. Die Mutter hatte ein dominierendes, einnehmendes Wesen, mit dem sie die Aufmerksamkeit des Sohnes für sich beanspruchte.
„Die Frau ohne Mann und der Junge ohne Vater wurden zur verschworenen Gemeinschaft. Edvard wuchs buchstäblich über sich hinaus, erhob sich über die anderen Kinder im Ort und in der Schule. Wer von ihnen sorgte schon für seine Mutter?“ (S. 57)

Da es Edvard nie gelang, sich von der Mutter zu emanzipieren, war die Beziehung zu seiner Jugendliebe Elvie zum Scheitern verurteilt – eine Tatsache, die ihn heute noch schmerzt, wie in vielen Erinnerungen verdeutlicht wird.

Edvard will der Spur des Vaters folgen. Er bricht nach Norwegen auf. Auf der Reise begegnet er Alva. Die junge Frau ist Journalistin und in ihrem Leben noch nicht angekommen:  Sie hat eine Beziehung mit ihrem Chef sowie eine kleine Tochter, deren Erziehung sie aber ständig überfordert, so dass das Kind oft bei seinem Vater oder der Oma sein muss. Alva fühlt sich zerrissen und sehnt sich nach einem beruflichen Durchbruch, der ihr eine Reportage über die magischen Orte Norwegens bescheren soll. „Mit den magischen Orten käme Ordnung in ihr Leben – Ordnung und Geld, und sie würden auch gemeinsam Urlaub machen können, wie alle es taten.“ (S. 46) Trotz all dieser Hoffnung wirkt Alva zerrissen: Immer hat sie Kopfhörer auf den Ohren, um in die Musik abtauchen zu können. Auch sehnt sie sich nach ihrer Tochter und hat doch Angst, ihr nicht zu genügen…
In zahlreichen Rückblicken erfährt der Leser immer mehr über die Vergangenheit der beiden Protagonisten, die sie ihm näher bringen und ihr Verhalten erklärbar machen.

Bereits auf der Fähre treffen die beiden einsamen und vom Leben verwundeten Seelen aufeinander. Zunächst ist Edvard derjenige, der Alva hilft. Später verkehren sich die Rollen und Alva unterstützt Edvard, der nach seinem überstürzten Aufbruch nun im fremden Land sehr hilflos wirkt. Ihre journalistischen Fähigkeiten kommen ihm bei der Suche nach seinem Vater zu Gute. Sie mieten ein Auto und fahren los. Auf dem Weg durch Norwegen besuchen sie auch die magischen Orte, deren beruhigende Atmosphäre Alva ein Stückweit zu sich selbst führt. Im Grunde sind sie beide auf der Suche. Die Reise mit der ungeplanten Begleitung eröffnet ihnen neue Perspektiven, bleibt aber nicht immer konfliktfrei. An der Annäherung der beiden ungleichen Menschen teilzuhaben, ist ein intensives Lesevergnügen.

Alexander Häusser hat ein unglaublich sicheres stilistisches Sprachempfinden. Seine Figuren sind mehrdimensional, haben Ecken und Kanten. Seine Geschichte findet nicht auf der Oberfläche statt, sondern in der Tiefe. Jeder Satz hat Bedeutung, jedes Wort ist bewusst gesetzt, wodurch Empfindungen, Erinnerungen, Szenen und Dialoge sehr glaubwürdig und empathisch rüberkommen. Die Figuren erzeugen Nähe, ohne auch nur im geringsten kitschig zu sein.

Der aufmerksame Leser wird belohnt: viele Zusammenhänge erschließen sich im Verlauf der Lektüre, das Buch ist eine Fundgrube schöner Sätze, stimmiger Metaphern und Formulierungen. Die Sprache ist ruhig, eindringlich und poetisch, auch Dialogwitz findet sich. Der Autor liebt offensichtlich Norwegen und seine faszinierenden Landschaften mit Fjorden, Seen und Bergen. Spürbar wird das während des gesamten Romans und in Sätzen wie diesem: „Der Wind kämmte die Gräser seidig. Sie fuhren an grün leuchtenden Berghängen vorbei, am Himmel entlang, im Granit eingeschnitten auf endlosen Serpentinen immer höher hinauf, immer weiter, ohne Zeit, mit aller Zeit.“ (S. 179)  

Die Zeit steht nicht nur im Titel, sondern ist eines der fortlaufenden Motive des Romans. Neben Edvard und Alva lernt man auch viel über Norwegens Vergangenheit kennen. Das Ende des Romans rundet die Geschichte glaubwürdig ab. Nicht alles wird auserzählt, aber die beiden Hauptfiguren haben zum Glück „Noch alle Zeit“, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Ich habe diesen Roman zweimal innerhalb eines Jahres genossen - einfach weil er mich so begeistert hat. Er ist ein Buch, bei dem man mit jeder Lektüre noch etwas mehr entdeckt und der sich in die überschaubare Reihe meiner absoluten Lieblingsbücher einreihen darf. „Noch alle Zeit“ eignet sich bestens für Diskussionsrunden und Lesekreise.

Unbedingte Leseempfehlung!


Dienstag, 22. Dezember 2020

Janet Lewis: Verhängnis

 - ein historischer Kriminalroman, der zur Zeit des Sonnenkönigs spielt.

Leserunde auf whatchaReadin

Janet Lewis, 1899 in Chicago geboren und eine Mitschülerin Ernest Hemingways, lehrte Literatur in Berkeley und Stanford, nachdem sie 1920 ein halbes Jahr in Paris verbracht hat. Sie veröffentlichte zwischen 1941 und 1959 drei historische Romane, die auf wahren Kriminalfällen beruhen:

"Die Frau, die liebte"; "Der Mann, der seinem Gewissen folgte" sowie "Verhängnis".

Im Gegensatz zu den ersten beiden Romanen ist dieser etwas ausufernder, historischer, enthält dadurch eine Vielzahl von Figuren und mehrere Handlungsstränge.

"Der Buchbinder Jean Larcher saß mit seiner Frau und seinem Sohn beim Abendessen. Es war Ostersonntag, der in diesem Jahr des Herrn, dem Jahr 1694, und dem einundfünfzigsten Jahr der Herrschaft Louis´ XIV., auf den elften April fiel." (9)

Jean Larcher ist dem Sonnenkönig loyal ergeben, ein Geizhals, der sein Geld ebenso verborgen hält wie seine Gefühle gegenüber seiner Frau und seinem Sohn Nicolas, der reisen möchte und dessen politischen Ansichten denen des Vaters entgegenstehen. Marianne Larcher überredet ihren Mann, Nicolas ziehen zu lassen, sollte sich ein Geselle für die Buchbinderei finden.

Dieser taucht in der Gestalt von Paul Damas auf, der aus Auxerre stammt und von der Frau seines Meisters verführt wurde. Sie hat die Affäre anschließend ihrem Mann gebeichtet und ihn als Schuldigen dargestellt, so dass er Hals über Kopf fliehen muss. Es zieht ihn nach Paris, wo er zunächst den Laternenmann antrifft, der jeden Abend beim Denkmal für Louis XIV. die vier Laternen anzündet. Leider spielt er nur eine untergeordnete Rolle.
Das prachtvolle Kunstwerk steht im Gegensatz zum Lied eines Balladensängers, dem Paul in einer Gaststätte zuhört:

Die Maintenon, die fromme Hure,
Schickt unseren Louis in den Krieg.
Sie hält ihn an der kurzen Leine 
und lässt uns in Armut darben. (47)

Der König wird für seinen verschwenderischen und ausschweifenden Lebensstil kritisiert, im Jahr 1694 lebt er in einer morganatischen Ehe mit seiner ehemaligen Geliebten Madame Maintenon zusammen; eine Ehe zwischen einem Adeligen und einer Frau, die gesellschaftlich von niederem Stand ist.

Zu Beginn des Romans schildert Lewis ausführlich den im Schlafzimmer stattfindenden Morgenempfang des Königs, das sogenannte Lever.
Während dieses Rituals findet er in einer Serviette ein Pamphlet: 
onsieur Scarron Apparu à Madame de Maintenon et le Reproches qu´il lui fait sur ses amours avec Lous le Grand. (77)

In dem Pamphlet wird Madame de Maintenon verunglimpft, ein Umstand, den der König streng bestraft sehen möchte. Deshalb setzt er seinen Polizeichef La Reynie darauf an, die Buchdrucker und -händler, die die Schrift verbreiten, ausfindig zu machen.
Paul Damas, der eine Anstellung bei Jean Larcher erhält, gerät durch Zufall an einen Packen dieser Pamphlete und bewahrt sie sorgfältig auf. Während Nicolas nach Rouen zieht, bahnt sich eine Affäre zwischen Marianne Larcher und Paul an, letzterem scheint es darum zu gehen, die Frau seines Meisters zu erobern, sie in der Hand zu haben. Sie fühlt sich von ihrem Mann emotional vernachlässigt, Jean wartet nicht einmal auf sie, nachdem sie beide Nicolas verabschiedet haben. Sie lässt sich auf Paul ein und das "Verhängnis" nimmt seinen Lauf.

Lewis gelingt es gut, das frühneuzeitliche Paris auferstehen zu lassen. Man hört die Geräusche in den Gassen, kann den Geruch wahrnehmen und sich das Treiben vorstellen. Auch das Elend, der Hunger und die verzweifelte Lage derer, die kein Brot haben, wird angedeutet. Die Zeitgeschichte also gut eingefangen, teilweise aber auch zu langatmig beschrieben. Eine Unzahl von Figuren tauchen auf, deren Namen man sich notieren müsste, um alle zu überblicken. Die Liebesgeschichte selbst ist zu Beginn recht trivial, entwickelt dann jedoch zunehmend eine Dynamik, obwohl man die Verhaltensweisen der Protagonistin, die sich von ihrem Liebhaber instrumentalisieren lässt und ihm nichts entgegensetzt, nicht immer nachvollziehen kann und will. Die Figuren bleiben seltsam hölzern und oberflächlich.
Im Mittelteil hat der Roman deutliche Längen, die es zu überbrücken gilt, während das letzte Drittel an Fahrt aufnimmt und spannender wird, da die einzelnen Figuren wieder stärker in den Fokus rücken. 

Vergleicht man "Verhängnis" mit den ersten ersten beiden Romanen, so sind diese deutlich kurzweiliger, was damit zusammenhängen mag, dass die persönliche Geschichte im Mittelpunkt steht und weniger die politische. Der Spagat zwischen beiden misslingt, man leidet weder mit den Figuren noch fesselt die Historie. Schade!

Vielen Dank dem dtv-Verlag für das Lese-Exemplar.

Sonntag, 25. Oktober 2020

Charles Lewinsky: Der Halbbart

 - Alltagsgeschichte(n)

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Sebi, eigentlich Eusebius, ist der Protagonist des Romans, der im Jahr 1313-1315 in der Schwyz spielt. Aus der Sicht des 12jährigen Jungen erleben wir den Alltag im Mittelalter, in einer Zeit, in der die neue Eidgenossenschaft sich im Marchenstreit mit dem Kloster Einsiedeln befindet. Die historischen Zusammenhänge kann man teilweise aus dem Kontext erschließen, allerdings muss man, will man Näheres wissen, selbst recherchieren. 
Für Sebi spielt das alles zunächst keine Rolle, viel spannender ist, dass ein Fremder im kleinen Dorf auftaucht.

"Wie der Halbbart zu uns gekommen ist, weiß keiner zu sagen, von einem Tag auf den anderen war er einfach da." (9)

Keiner weiß es genau zu sagen, aber es ranken sich viele Geschichten darum, wie er sich am Rande des Dorfes niedergelassen hat. 

"Also, der Halbbart. Man nennt ihn so, weil ihm der Bart nur auf der einen Seite des Gesichts wächst, auf der anderen hat er Brandnarben und schwarze Krusten, das Auge ist dort ganz zugewachsen." (13)

Woher diese Verbrennung kommen, will der Sebi gerne wissen, aber er muss Geduld haben, bis der Halbbart seine Geschichte vollständig erzählen will und kann. Sebi freundet sich mit dem Fremden an, der medizinisch versiert ist und ihm "Schachzabel" beibringt. Die meisten Helvetismen versteht man, ohne das Glossar (www.diogenes.ch/halbbart) zu Rate zu ziehen, da sie sich aus dem Kontext ergeben und für zusätzlichen Lesegenuss sorgen.
Zu Beginn der Geschichte wird der Streit mit dem Kloster Einsiedeln bereits angedeutet, da sich Sebis Bruder Geni beim Roden verletzt - eine Arbeit, zu der sie vom Kloster aus gezwungen werden.

"wir sind keine Eigenleute, aber der Wald gehört ihnen, auch wenn wir ihn nutzen dürfen, und wenn sie rufen, müssen wir kommen." (19) 

Genis Bein bricht und die Heilkünste der im Dorf ansässigen Iten-Zwillinge führen fast dazu, dass er stirbt. Der Halbbart schlägt Sebi vor, dass Bein abzusägen - ein Vorschlag, den der mittlere, hitzköpfige Bruder Poli sowie Sebis Mutter ablehnen. Doch letztlich willigen sie ein, dass der Eichenberger, der als reicher Mann "Metzgete machen [kann], wann immer [er] Lust auf eine Blutwurst [hat]" (46) und folglich mit dem Messer umzugehen gelernt hat, das Bein abschneidet.
Lewinsky schont die Leser*innen nicht und schildert detailreich, was eine Amputation im Mittelalter bedeutet hat. Gut, dass die Kapitel recht kurz sind und oft zu Beginn das Ende des Abschnittes vorweg genommen wird, was geschieht. Erst danach erzählt der Sebi, was er gehört oder selbst miterlebt hat. So ist man schon mal vorgewarnt.

Sebi bezeichnet sich selbst als Finöggel - ein zartes Persönchen, daher möchte er am liebsten ins Kloster, um lesen und schreiben zu lernen.
Ein Wunsch, der für ihn in Erfüllung gehen wird, wobei sich herausstellt, dass das Leben im Kloster nicht das ist, was er erwartet hat, so dass sein weiterer Weg einige unerwartete Wendungen einschlägt.
Neben der sympathischen Figur Halbbart, der sich im Dorf niederlässt und sich mit dem Genibefreundet und dessen Name noch eine interessante Rolle spielen wird, ist es das Teufels-Anneli, das besonders fasziniert. Kommt das Teufels-Anneli ins Dorf, ist Sebi nicht zu halten. Im Winter, wenn es keine Arbeit draußen gibt, wandert sie über die Dörfer und erzählt Geschichten vom Teufel - gegen ein gutes Essen. Sebi findet, "sie hat den wunderbarsten Beruf auf der ganzen Welt." (116)

Und um kleinere und größere (Alltags-)Geschichten geht es in diesem Roman, der uns das Leben der "einfachen Menschen" im Mittelalter atmosphärisch vor Augen führt, gerade weil aus der Sicht des jungen Sebi erzählt wird, der mit seiner Interpretation der Ereignisse oft ins Schwarze trifft. Sicherlich beeinflussen der Halbbart und der Geni, die meistens vernünftig und besonnen agieren, ihn positiv.
Obwohl man es eigentlich weiß, erstaunt es doch, welcher Aberglaube vorgeherrscht hat, der tief in den Menschen verankert zu sein scheint. Dem Sebi macht am meisten zu schaffen, dass ein ungetauftes verstorbenes Baby nicht in den Himmel kommen kann, sondern im Limbus verweilen muss - eine Art Zwischenwelt, weder Himmel noch Hölle. Und doch findet er eine Lösung, so wie er oft clevere Ideen hat und die Leser*innen mit seinen Lebensweisheiten und -einsichten überrascht.
Er bewertet das, was er von anderen gehört hat und das was an Geschichten erzählt wird, wird irgendwann  Geschichte werden - wie es auf dem Buchrücken so treffend heißt. 

Ein empfehlenswerter Roman für alle diejenigen, die sich für Alltagsgeschichte(n) interessieren. Die geschichtlichen Fakten muss man, wenn es einen interessiert, nachlesen. Da hätte ich mir ein Nachwort mit eben jenen gewünscht, das ist aber auch der einzige Kritikpunkt am Roman ;)

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar!


Montag, 12. Oktober 2020

Michael Christie: Das Flüstern der Bäume


 "Eine Familie ist wie ein Wald. Ein Verbund einzelner Lebewesen, die sich gegenseitig vor Wind und Dürre schützen - " (Buchrücken)

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Greenwood - beginnend mit Jacinda Greenwood, die im Jahr 2038 auf einer kanadischen Insel vor der Pazifikküste von British Columbia arbeitet, auf der noch einer der letzten Primärwälder der Erde erhalten sind.
Im ersten dystopischen Teil entwirft der Autor ein düsteres Bild unserer Zukunft, Jacinda blickt zurück auf das "Große Welken, den Pilz- und Insektenbefall, der die Wälder der Erde [...] überrollt und Hektar um Hektar getilgt hat." (15)
Ohne Wälder regieren Staubwüsten, der die Lungen der Menschen, vor allem der Kinder angreift, so dass die Erde ein unwirtlicher Ort geworden ist. Ausnahme ist die Baumkathedrale von Greenwood, in der Jacinda täglich "Pilger" herumführt und ihnen die Geschichten des Bäume erzählt, wobei sie die Realität ausblenden soll - schließlich wollen sich die Pilger erholen. Dass die Insel den gleichen Namen trägt wie Jacinda, hält sie für einen Zufall. Ihre Mutter, eine bekannte Bratschistin aus Indien, starb bei einem Zugunglück, als sie acht Jahre alt war. Ihren Vater, ein Schreiner namens Liam Greenwood, der während seiner Arbeit gestorben ist, als Jacinda drei Jahre alt war, hat sie nie kennengelernt. Außer einer Farm in "Saskatchewan", einer kanadischen Provinz, und mit Gedichten besprochene Schallplatten sowie Werkzeuge zur Holzbearbeitung und Arbeitshandschuhen ist ihr nichts von ihm geblieben. Fragen nach ihrer Familie hat sie nie gestellt.
Doch dann besucht Silas, ihr Ex-Freund und Jurist, sie auf der Insel und eröffnet ihr: "Ich bin gekommen, weil diese ganze Insel dir gehören könnte, Jake. Rechtmäßig dir gehören, meine ich." (50)

Die Insel wurde von Harris Greenwood 1934 auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise gekauft, seine Tochter ist Willow Greenwood, die Mutter von Liam Greenwood, also Jakes Großmutter, die die Insel allerdings gemeinnützigen Umweltorganisationen gespendet hat. Letztlich ist sie so in den Besitz der Holtcorp geraten, die sie als Waldkathedrale vermarktet. Der Clou, den Silas für Jake bereit hält, ist jedoch, dass Willow gar nicht Harris leibliche Tochter gewesen ist, sondern eine Tochter des Gründers von Holtcorp, R.J.Holt, was wiederum ein altes Tagebuch beweisen soll, das ihrer Großmutter gehört haben soll und das Silas Jake aushändigt.

Damit endet der Handlungsstrang im Jahr 2038 und wir bewegen uns in der Geschichte zurück bis zum Jahr 2008, in dem Liam Greenwood sich an jener Baustelle befindet, an der er sterben wird und an der er sich wiederum im angesichts des Todes an seine Lebensgeschichte erinnert. An seine Hippiemutter Willow, die als Umweltaktivistin mit ihm in einem Bus gelebt hat, an seine große Liebe Meena und letztlich erinnert er sich auch daran, dass er eine Tochter hat.

1974 ist Liams Geburtsjahr, gleichzeitig ist es das Jahr, in dem Willow ihren Onkel Everett Greenwood, der eine 38jährige Haftstrafe verbüßt, aus dem Gefängnis abholt. Warum hat ihr Vater, Harris Greenwood, ihr als Kind 1/4 Dollar gegeben, damit sie ihrem Onkel im Gefängnis schreibt? Für welches Verbrechen sitzt man so lange ein?

Diese Fragen werden im Handlungsstrang von 1934 geklärt, in dem der Autor ungewöhnliche Wendungen für die Leser*innen bereit hält, die einigen aus der Leserunde nicht plausibel erschienen sind. Der Zufall wird etwas überstrapaziert, doch trotz seltsamer, unglaubwürdiger Ereignisse, bleibt die Handlung spannend.

Im Jahr 1908 erfahren wir, wie die Familie Greenwood, ausgehend von Harris und Everett, entstanden ist. Lässt man sich auf die "kreative Konstruktion" der Geschichte ein, die teilweise, wie eine Leserundenteilnehmerin meinte, an Irving erinnere, und liest weiter, lösen sich die meisten Fragen im "Vorwärtsgang" - 1934 - 1974 - 2008 - 2038 - auf, einige bleiben jedoch offen.
In den Mittelpunkt rückt zunehmend die Frage, was eine Familie ausmacht und ob es wichtig ist, seine Wurzeln zu kennen. Die Vergleiche mit den Bäumen begleiten jeden Zeitabschnitt, allen Protagonisten gemeinsam ist ihre tiefe Verbundenheit zum Wald.

Auch wenn der Roman für kontroverse Diskussionen sorgt, erzählt eine unterhaltsame, wenn auch eine extrem konstruierte, Familiengeschichte und appelliert zudem an unser ökologisches Bewusstsein - wer will sich schon eine Welt ohne Bäume vorstellen?


Vielen Dank dem Penguin Verlag für das optisch sehr ansprechende Lese-Exemplar.



Donnerstag, 17. September 2020

Joachim B. Schmidt: Kalmann

 - der Sheriff von Raufarhöfn.

Leserunde bei whatchaReadin

Kalmann ist Anfang 30 und wohnt in einem kleinen isländischen Dorf, das immer vom Fischfang gelebt hat, inzwischen aber ökonomisch am Boden liegt.

"Und darum gab es hier in Raufharhöfn noch eine ordentliche Industrie, bis dann das Fangquotensystem von den Politikern eingeführt und die Quote fast gänzlich aus Raufarhöfn abgezogen wurde. Nun lagen die Hallen brach, jedes dritte Haus stand leer. Es gab inzwischen nur noch einen Mann, der eine ordentliche Fangquote hatte, wenn auch keine große: Róbert McKenzie." (33)

Jener Róbert hat versucht, den Ort zu einer touristischen Attraktion zu machen, betreibt ein Hotel, hat einen Golfplatz anlegen lassen. Beim Bau des Artic Henge, dieses steinerne Kunst-Bauwerk gibt es tatsächlich, ist ihm das Geld ausgegangen - und jetzt ist er verschwunden, während Kalmann, aus dessen Ich-Perspektive die Geschichte erzählt wird, eine Blutlache außerhalb des Ortes findet.

"Wenn man eine Person ist, die eine Leiche oder deren Überreste findet, und sei es auch nur eine Pfütze Blut, hat man etwas mit der Sache zu tun. Man gehört dann einfach in die Geschichte und damit in die Geschichtsbücher. Und das wollte ich verhindern, indem ich einfach nichts sagte." (35)

Kalmann ist geistig beeinträchtigt, einerseits wirkt er naiv, andererseits sind einige seiner Reflexionen scharfsinnig und tiefgründig. In der Diskussionsrunde stand die Frage im Raum, ob die Erzählperspektive authentisch ist, ob ein Mensch, der wie Kalmann unter einer geistigen Beeinträchtigung leidet, sich derart ausdrücken und solche Schlussfolgerungen ziehen kann, während er gleichzeitig grammatikalisch falsche Sätze produziert. Ich bin regelmäßig über diese Diskrepanz gestolpert, für mich hat es den Lesegenuss dieser ansonsten sehr unterhaltsamen Geschichte etwas getrübt.

Nichtsdestotrotz ist das, was geschieht, teilweise skurril und oft unfreiwillig komisch, was aus dem für Fremde seltsamen Verhalten Kalmanns resultiert. Wie schon gesagt, ist er aber auch in der Lage, genau dies zu reflektieren:

„Manchmal guckt man mich einfach nur an, die Leute starren geradezu, völlig behindert, und dann muss ich grinsen, auch wenn ich gar nicht grinsen will, aber ich grinse einfach, und es hat auch schon der ein oder andere gesagt:“Wieso grinst der so blöd.“ (87)

Das hat eine gewisse Komik, ist aber auch tragisch, weil er nicht aus der Situation heraus kann und sich letztlich so verhält, wie es von ihm erwartet wird.

Man erfährt einiges über diese nordische Insel, v.a. über Gammelhai - eine Spezialität, der sich Kalmann widmet. Von seinem Großvater, bei dem er aufgewachsen ist, da seine Mutter arbeiten musste, hat er das Jagen des Grönlandhais, ebenso wie die Herstellung von Gammelhai gelernt, dessen Geruch allein den Großvater aus dem Vergessen holen kann.

Der Großvater hat eine besondere Bedeutung für Kalmann, da er sich immer für ihn eingesetzt und ihm alles so erklärt hat, dass er es verstehen konnte. Doch jetzt ist Kalmann auf sich gestellt und muss sich den Fragen der Polizistin Birna stellen, die das Verschwinden Róberts untersucht. Kalmann behauptet, ein Eisbär sei Schuld daran. Ein Witz oder meint er es ernst? Auf dem Buchrücken ist zu lesen: "Unter einem Eisbär kann es sehr dunkel sein." Was hat es also mit diesem Eisbären auf sich? Und welche Rolle spielen die Litauer, die in Róberts Hotel arbeiten? Vor allem die hübsche Nadja hat es Kalmann angetan, der sich nach einer Frau sehnt. Sein bester Freund ist Noí, mit dem er nur via Internet kommuniziert. Jener scheint krank zu sein und darf das Haus nicht verlassen. Auch er beteiligt sich virtuell an der Suche nach Róbert, der im Dorf nicht beliebt gewesen ist.

"Es wäre die Gerechtigkeit der Natur. (,,,) Dabei wäre ein Eisbär das Letzte, wovor sich der Gauner hätte fürchten müssen." (71)

Es bleibt spannend und als Leser*innen werden wir auf verschiedene Fährten gelockt und folgen dem Sheriff Kalmann auf seinen Wegen durch das Dorf. Sein Outfit - Cowboyhut, Sheriffstern und eine waschechte Mauser - hat er von seinem Vater geerbt, einem amerikanischen Soldaten.

"Du bist der Sheriff. Und du hast vor niemandem Angst." (258)

Entpuppt sich der "Dorftrottel", wie der Autor seinen Protagonisten im Interview bezeichnet (353), tatsächlich als Held?

Ein unterhaltsamer Roman, in dem man einiges über Island lernt und hinterfragt, welches Verhalten eigentlich "normal" ist. Mein Lesegenuss hat aufgrund der inkonsequenten Erzählperspektive etwas gelitten. Sieht man darüber hinweg, ist es ein spannender, witziger Krimi.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Lese-Exemplar.