Samstag, 21. Mai 2022

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Leserunde auf whatchaReadin

Die Frage, ob man dieses Buch als Roman bezeichnen könne, wurde in der Leserunde zunächst diskutiert. Im Anhang erklärt der Autor, dass die Geschichte auf "historischen Fakten und einer ausführlichen Dokumentation, ergänzt durch die Fantasie des Autors" (467) basiert. Also doch ein Roman, der die Biographie des flämischen Kollaborateurs und SS-Mannes Willem Verhulst mit der Lebensgeschichte des Autors verknüpft.

Die Verbindung besteht in einem Haus im Genter Stadtviertel Patershol, in dem der Autor 20 Jahre gelebt hat und das auch der Wohnsitz Willem Verhulsts gewesen ist. Stefan Hertmans schildert zunächst sehr lebhaft, wie der das verwunschene Haus im Spätsommer 1979 entdeckt hat.

"Um die verrosteten Gitterstäbe eines der Zäune wanden sich die dicken, fast schwarzen Äste eines Blauregens. Schwer von Staub hingen späte Blütentrauben herab, dennoch rührte mich ihr Duft - er führte mich zurück in den verwilderten Garten meiner Kindheit;" (8)

Er kontaktiert den Notar De Potter, Besitzer des Hauses, und besichtigt das heruntergekommene Haus und kauft es aus einem Impuls heraus. Anfang des neuen Jahrtausend, als er das Haus gerade wieder verkauft hat, fällt ihm dann das Buch seines ehemaligen Geschichtsprofessors Adrian Verhulst in die Hände: "Sohn eines >>falschen<< Flamen". Bevor er den Professor besuchen kann, stirbt dieser, worauf sich Hertmans vornimmt, "nicht die Geschichte eines SS-Mannes (zu) erzählen; solche Geschichten gibt es ohnehin zuhauf. Ich werde die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählen." (12)

Zu Beginn weicht er jedoch von diesem Vorsatz ab und schildert zunächst die Kindheit Willems, erzählt von seiner ersten Ehe mit einer jüdischen Frau, die für ihn ihren Ehemann verlassen hat. Nach deren Tod gründet er eine 2.Familie. Wir erfahren auch, dass er ein Frauenheld und seine politische Gesinnung zunächst sehr wechselhaft ist. Geprägt hat ihn der flämisch-wallonische Konflikt und dessen Politisierung nach dem 1.Weltkrieg. Daraus resultiert auch, dass er als patriotischer Flame mit den Deutschen, die Belgien im 2.Weltkrieg besetzt haben, kollaboriert.
Seine Frau Mientje hingegen erscheint als friedliebend und freundlich. Zudem ist sie eine gläubige Protestantin, die sich dem Haushalt und dem Aufziehen der drei Kinder Adrian, Letta und Suzy widmet. Sie ist die stille Heldin, die heimlich Widerstand übt.
Ab dem zweiten Teil des Romans wechseln die Szenen, in denen der Autor das Haus besichtigt, mit denen aus der Vergangenheit ab. Sehr interessant, wie sich der Autor auf Spurensuche begibt und z.B. den Ort in Deutschland aufsucht, an dem die Kinder Verhulst den Sommer 1942 verbracht haben. Es wird immer deutlicher, dass er seine Biografie auf viele Quellen stützt, auf Interviews mit den beiden noch lebenden Töchtern und den Hinterlassenschaften der Familie: „die Tagebücher der Mutter, ihre eigene (Lettas) Lebensgeschichte, ein Heft mit einem Läufer, auf dessen Umschlag in der väterlichen Handschrift Wils Kindheit und Jugend geschrieben steht.“ (157)

Der Autor erklärt auch implizit seine Vorgehensweise:
„Symphonein bedeutet zusammenklingen, gemeinsam einen Klang hervorbringen, dessen komplexes Ganzes mehr ist als die Summe seiner Teile.“ (157)

Sein Bestreben ist es, aus den verschiedenen Quellen die Lebensgeschichte Willem Verhulst und seiner Familie zusammenzusetzen, so dass ein Bild jenes Mannes entsteht, der als SS-Mann viele Menschen verraten, seine Taten jedoch niemals bereut hat, und das seiner Familie, die sich zunehmend um Distanzierung bemüht. Gleichzeitig wird auch die Geschichte des Drongenhofer Haus erzählt, in dem Mientje Menschen versteckt hat, auch Kollaborateure, und das auf den Autor eine besondere Faszination ausübt. Auch der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen wird thematisiert, ein Thema, das in Belgien sicherlich größere Aufmerksamkeit erlangt als in Deutschland.

Insgesamt eine interessanter Roman mit dokumentarischem Charakter, da er eine Vielzahl an Bildmaterial bietet und Zitate der Kinder und Enkelkinder eingeflochten sind. Trotz einiger Längen lesenswert.

Sonntag, 27. März 2022

Dagmar Schifferli: Meinetwegen

- Monolog einer Psychopathin (?)

Leserunde auf whatchaReadin

Katharina ist ein 17-jähriges Mädchen, das sich in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche befindet, weil sie straffällig geworden ist. Der kurze Roman ist ausschließlich aus ihrer Sicht in der Ich-Perspektive verfasst. Als Leser:innen hören wir ihr zu, wie sie einmal in der Woche mit ihrem Psychiater spricht, der selbst ins Gespräch nicht eingreifen darf. Das ist ihre Bedingung, damit er alles über ihre Tat erfährt.

Gleich zu Beginn gibt sie zu bedenken:

„Es wäre nicht willentlich gelogen, wenn ich etwas erzählte, dass ich gar nicht so erlebt habe oder mir jemand erzählt hat, dass es so gewesen sei. Ohrfeigen, wenn sie heftig genug sind, verletzen das Gehirn. Die, die ich gekriegt haben, waren heftig. Darum bin ich mir unsicher, ob ich mich an alles korrekt erinnere. Obwohl ich möchte.“ (5)

Kann man ihr trauen? Ist sie eine zuverlässige Erzählerin? Will sie sich wirklich ihrer Tat stellen? Und was hat sie getan? Das sind die Fragen, die durch den Roman tragen und kontinuierlich die Spannung hochhalten. Katharina erzählt nur das, was sie wirklich will. Vieles bleibt ausgespart und nachfragen darf der Psychiater zunächst nicht.

„Eines aber müssen Sie wissen: Sie dürfen mich nie unterbrechen, niemals. Auch keine Fragen stellen, keine Töne, keinen Pieps von sich geben, wie etwa hm, oder sich räuspern. Das würde meine Gedanken durcheinander bringen.“ (5)

Von ihrem Leben selbst erfahren wir wenig. Ihre Mutter ist an MS erkrankt und verstorben. Ihr Vater hat ein Verhältnis mit der Pflegekraft gehabt und hat Katharina laut ihrer Aussagen geschlagen und auch verbal Schaden zugefügt. Nach eigenen Aussagen lebt sie in „der ständigen Angst vor Prügel und Beschimpfungen. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft mir mein Vater den Tod gewünscht hat.“ (24)
Katharina macht ihn auch für den Tod ihrer Mutter verantwortlich.

„Nein, ich weiß, dass er schuld war,
schuld ist,
am Tod meiner Mutter. Schauen Sie mich nicht so an. Es stimmt. Er hat ihren Rollstuhl nicht arretiert, sie saß drin, der Rollstuhl fuhr immer schneller,
kippte um.“ (19)

Eine Zeitlang hat sie bei ihrer Tante gelebt und war auch in einem katholischen Internat, woraus sie geflohen ist. Ihre Tante wollte sie jedoch auch nicht aufnehmen.

„Keine Ahnung, warum micht ihre Kinder…Man sieht sich ja nie von außen. Das habe ich schon mal gesagt. Jedenfalls haben sie mich ziemlich gemieden.“ (36)


Der Psychiater lässt sich darauf ein und erst nach ein paar Sitzungen darf er mithilfe von Karten mit ihr interagieren. Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, dass das Geschehen im Jahr 1970 spielt. In diesem Jahr ist erstmals die Psychopathy Checklist von R. Hare erschienen ist, so dass der behandelnde Psychiater diese noch nicht gekannt haben kann. Damit gibt uns die Autorin einen Hinweis darauf, dass Katharinas Charakter eine antisoziale Persönlichkeitsstörung aufweisen könnte, d.h. dass sie eine Psychopathin ist, die ihr Gegenüber manipuliert.
(Vielen Dank an unser Leserundenmitglied @Gaia, die uns darüber aufgeklärt hat)

Allerdings legt auch die Erzählweise dies nahe, denn ausgerechnet bei der Sitzung, in der sie ihre Tat erzählen will, muss der Psychiater eingreifen.

„Helfen Sie mir, sagen Sie etwas!
WAS?
Etwas, das mir weiterhilft, bitte!
JA
Ich habe im Bericht Folgendes gelesen, Katharina: (…)" (92)

Dadurch, dass sie sonst die Fäden in der Hand behält und nur beim Geständnis ihrer Tat auf Hilfe angewiesen ist, zeigt meines Erachtens, dass sie keine echte Reue empfindet und den Psychiater dahingehend manipuliert, dass er ihr hilft in den offenen Strafvollzug zu gelangen und ihr ein gutes „Zeugnis“ auszustellen. Auch die intertextuellen Bezüge, z.B. zur Todesfuge von Paul Clean könnten ein Hinweis darauf sein, dass sie sich als Opfer stilisiert, um selbst in einem besserem Licht zu erscheinen.

Allerdings könnte man den Roman auch anders lesen. Katharina befreit sich von ihrer Tat mithilfe der Gesprächstherapie, empfindet Reue, entwickelt sich und will neu anfangen. Beim ersten Lesen erscheint sie durchaus sympathisch, man empfindet aufgrund ihrer Kindheit Mitleid mit ihr. Es bleibt am Ende tatsächlich offen, jedoch bleibt das ungute Gefühl, Katharina meine es nicht ernst, sondern wähle ihre Worte mit Kalkül. Ein Eindruck, der sich beim 2.Lesen bestätigt.

Ein interessanter Roman, der zum Diskutieren einlädt und die Leser:innen herausfordert.

Samstag, 12. März 2022

Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug

Eine Parabel?

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Geschichte von vier Freunden, Amalia, Bodo, Josef und Gero, wobei Amalia die ältere Schwester Bodos ist. Die Vier haben schon in der Schule eine verschworene Gemeinschaft gebildet. Inzwischen sind sie Anfang 30 und unternehmen regelmäßig gemeinsam Ausflüge, dieses Mal geht es an ein entlegenes Flussdelta.
Bevor sie zum Kanuverleih fahren, übernachten sie in einem Gasthof, in dem es zu einem rassistischen Angriff kommt. Josef, der schwarz ist, wird daran gehindert auf die Toilette zu gehen und mit dem N-Wort beschimpft.
Die Szenerie wirkt zwar einerseits bedrohlich, andererseits aber auch unglaubwürdig, was auch daran liegt, dass die Figuren nicht authentisch wirken. Weder die vier Freunde noch die Rassisten im Dorf. Die Schikanen setzen sich fort, beim Kanuverleih, sogar bei den Schleusen, und die bedrohliche Stimmung legt sich auch auf die Vierer-Gruppe. 
Im Rückblick wird Amalias Leben aufgefächert, wir erfahren von ihrer Beziehung zu einem Ralleyfahrer, mit dem sie nach der Trennung von Josef zusammengekommen ist. Auch die schwierige Beziehung zu ihren Eltern wird herausgestellt. Sie ist die einzige Figur, deren Vergangenheit und Hintergründe beleuchtet werden, während alle anderen Figuren kaum Tiefe haben.
Da es bereits auf dem Klappentext steht, kann ich verraten, dass die Vier per Drohne eine Pistole erhalten. Sie sollen damit Josef erschießen, andernfalls werde Amalia von allen vergewaltigt und alle getötet.
Kurbjuweit unterwirft seine Protagonisten einem sozialen Experiment. Wie weit geht ihre Freundschaft? Sind sie selbst unterschwellig rassistisch? Halten sie zu Josef, sind sie bereit, sich selbst zu opfern?

Trotz dieser interessanten Konstellation und der damit verbundenen Fragen, hat mich die Handlung kalt gelassen, da sie völlig unglaubwürdig daherkommt. Die Vier haben durchgehend keinen Handyempfang, die Bedrohen wissen immer genau, wo sie sich aufhalten, machen regelrecht Jagd auf sie, während die Vier orientierungslos herumpaddeln. Das Ganze wirkt wie ein Kammerspiel, das trotz seiner Brutalität zumindest bei mir keine echte Betroffenheit auslösen kann.

In der Leserunde wurde diskutiert, ob man diesen kurzen Roman als Parabel lesen könnte. Meines Erachtens passt die Textsorte nicht, weil hier alles offen liegt und man letztlich überhaupt nicht nachdenken muss. Die Frage, wie hätte man selbst in der Situation gehandelt, ist natürlich berechtigt und auch wichtig. Dadurch, dass alles jedoch so unglaubwürdig geschildert wird, fällt es schwer, sich darauf einzulassen. Es wäre schön, wenn die Story subtiler erzählt worden wäre.
Doch leider ist die Handlung plakativ, holzschnittartig, die Figuren bleiben bis auf Amalia blass und wäre es keine Leserunde gewesen, hätte ich nach der Hälfte aufgehört zu lesen. Es hat mich nicht gepackt weder emotional noch intellektuell. Schade um die verlorene Lesezeit.


Freitag, 11. März 2022

Jon McGregor: Stürzen Liegen Stehen

"Lean Stand Fall"

Leserunde whatchaReadin

Ein Rätsel vorneweg, das wir auch in der Leserunde nicht lösen konnten, ist die deutsche Übersetzung des englischen Originaltitels, die die Reihenfolge der Verben abgeändert hat. Seltsamerweise passen die deutschen Verben jeweils besser zu den drei Abschnitten als das englische Original - vielleicht hat man es aus inhaltlichen Gründen vertauscht.

Zum Inhalt:

"Als der Sturm unerwartet losbrach, wurde Thomas Myers auf die Knie geworfen." (9)

Thomas befindet sich gemeinsam mit Luke Adebayo in der Antarktis. Die beiden sind Geoinformationswissenschaftler und sollen Fehler in der Vermessung des Küstenverlaufs beheben und das mit modernster Technik. Ihnen zur Seite steht Robert Doc Wright, der seit vielen Jahren Campleiter in der eisenoxidroten Station K ist. Zwei junge Hüpfer ein alter Hase.

"Robert >>Doc<< Wright hatte den Sturm kommen sehen, aber keine Zeit gehabt, die andern zu warnen. Der Nachmittag war nach Beendigung der GPS-Messungen des Tages Freizeitaktivitäten gewidmet gewesen. Die Abfahrt von der Schutzhütte Station K. war um 1300 erfolgt, und sie waren mit zwei Motorschlitten hinunter zur Küste gefahren, vorwiegend mit der Abschied, Thomas´ fotografischem Hobby nachzugehen." (21)

Weil man die Dimensionen in der Antarktis kaum auf Bildern festhalten kann, klettert Doc auf den Priestley Head, ein Unterfangen, das in der Art und Weise im Protokoll so nicht vorgesehen ist. Zudem befindet sich Luke, als der Sturm losbricht, an den Motorschlitten, so dass jeder auf sich allein gestellt ist.

Aus der jeweiligen personalen Perspektive der drei Figuren erleben die Leser:innen zu Beginn mit, wie unbarmherzig der Sturm die Männer an ihre Grenzen bringt. Im Bestreben das Richtige zu tun, fällt ihnen auf, dass es Widersprüche in der Ausbildung gibt. So ganz eindeutig sind die Routinen nicht, wenn ein Ernstfall Eintritt.

"Unterschlupf finden oder bauchen, sich nicht vom Fleck rühren, mit den Teamkollegen Kontakt aufnehmen, in Bewegung bleiben, Ruhe bewahren." (10)

Verzweifelt versuchen sie untereinander Funkkontakt aufzubauen und Station K wieder zu erreichen. Als Leser:innen tauchen wir jeweils in die Gedanken der Protagonisten und das so intensiv, dass man beim Lesen eine warme Wolldecke braucht. Gleichzeitig beschreibt McGregor aber auch die unglaubliche Schönheit der endlose, weißen Stille.

Innerhalb des ersten Abschnittes "STÜRZEN" wird auch im Rückblick von der gemeinsamen Zeit in Station K. erzählt. Die Männer vertreiben sich mit Kinderspielen die Zeit und Robert erzählt Anekdoten aus vergangenen Zeiten. Immer wieder wird deutlich, dass sich verschiedene Generationen gegenüberstehen. Erhellend ist der Dialog über die Manfood Box. In Roberts Augen sind Frauen nur dann akzeptabel, wenn man keinen Unterschied merke, sie seien dann „Männer ehrenhalber“ (58). Da spricht die alte Generation.

Während Luke und Thomas Fehler in der Vermessung korrigieren möchten, hatte Doc "ihnen mitgeteilt, das Wort Fehler gefalle ihm nicht. Jeder gibt hier sein Bestes, hatte er gesagt. Die Arbeitsbedingungen sind nicht die einfachsten." (56)

Statt dessen will er den Begriff Anomalien verwenden, der im 2.Abschnitt "LIEGEN" seine eigene Beziehung beschreibt. Seine Frau Anna, eine Professorin für Klimaforschung, sieht in ihrer Ehe ebenfalls eine statistische Anomalie, denn sie geht nach der Heirat und mit Kindern weiter ihrem Beruf nach und bewältigt den Alltag überwiegend alleine, während Robert die meiste Zeit des Jahres in der Antarktis verbringt.

Im 2.Abschnitt ändert sich der Fokus und erzählt wird aus Annas Sicht, die mitten in der Nacht vom Institut angerufen wird.

"Es geht um Robert. um Ihren Mann. Es tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe. Sie müssen bitte kommen."(101)

Wir erfahren, wie sie nach Santiago fliegt, Robert vorfindet, der nicht mehr sprechen kann und dessen motorischen Fähigkeiten stark eingeschränkt sind. Seltsamerweise hält sich das Institut sehr bedeckt, was die Ereignisse in der Antarktis betrifft und ein Teil des Romans geht der Frage nach, was wirklich dort geschehen ist und ob jemand Schuld an den Ereignissen trägt. Der Fokus verschiebt sich jedoch hin zu Roberts Unfähigkeit zu kommunizieren, sich verständlich zu machen. Es gelingt McGregor dies sprachlich so umsetzen, dass man förmlich selbst nach Worten ringt. Beeindruckend schildert er, wie auch Anna versucht mit den veränderten Lebensumständen zurecht zu kommen. Den letzten Abschnitt "STEHEN" fand ich zwar schwächer als die vorherigen, auch aufgrund der häufig wechselnden Perspektiven.
Insgesamt jedoch ein lesenswerter Roman, der als Abenteuergeschichte beginnt und dann völlig die Richtung ändert. Die Protagonisten sind authentisch und sensibel gezeichnet, ihre Handlungen nachvollziehbar, ihr Charakter differenziert ausgestaltet. Man leidet mit ihnen.

Ein echtes Lesehighlight, das neben der grandios erzählten Geschichte vor allem aufgrund der außergewöhnlichen Sprachvirtuosität begeistert.


Samstag, 26. Februar 2022

Gerard Donovan: In die Arme der Flut


 - Leserunde auf whatchaReadin

Ich habe selten einen Roman gelesen, der mich zu Beginn völlig begeistert hat (1), dann jedoch stark abgefallen ist (2). Daraufhin leitet ein unerwarteter Twist ein geniales Zwischenspiel ein (3). Das Ende hingegen ist völlig unglaubwürdig und hinterlässt viele Fragezeichen (4).

Doch der Reihe nach:

(1) Luke Roy steht auf einer Brücke bei Ross Point in Maine und möchte hinunter in den Fluss springen, der direkt ins Meer mündet. Er ist 37 Jahre alt, lebt allein auf einem Hausboot, nachdem seine Eltern ihn, als er volljährig geworden ist, allein zurückgelassen haben, um eine Weltreise anzutreten, von der sie nie zurückgekehrt sind. Er arbeitet bei Enterprise Cheese, einer Fabrik, die Käse für Flugreisen portioniert und der einzige große Arbeitgeber in der heruntergekommenen Stadt ist.

Mit 14 Jahren ist er in einen Teich gefallen und fast ertrunken.

"Er beschloss, hier unten zu bleiben, weit weg von der Hektik dort oben. Das Leben war so nah, dass er loslassen konnte. Urplötzlich ergab sich die Möglichkeit, aus dem Leben zu scheiden, solange er noch glücklich war." (26)

"Am ersten sonnigen Tag des Sommers 1991 war Luke Roy dem Tod genauso nah gewesen wie dem Leben. Etwas Altes hatte ihn mit einem Traum angesteckt, der schwerelos war. Und dieser Traum würde ihm überallhin folgen." (30)

Diese Todessehnsucht verhindert, dass Luke sein Leben gestaltet. Er fristet sein Dasein in der Fabrik, hat fast keine Freunde und beschäftigt sich mit dem Thema Selbstmord. Als Jugendlicher versucht er sogar, sich an der Badezimmertür zu erhängen, was sehr intensiv beschrieben wird. Als Leser:in bekommt man förmlich keine Luft mehr beim Lesen. Wie genau der personale Erzähler die körperlichen Folgen des Sauerstoffmangels beschreibt und dann die Vorstellung, dass ein Urinstinkt, der Überlebensinstinkt ihn rettet. Das ist großartig erzählt. Ebenso wie die Situation auf der Brücke, in der die Landschaft viel Raum einnimmt, der aufsteigende Nebel, der nicht nur die Sonne verdeckt, sondern auch den Leser:innen eine klare Sicht nimmt, so dass man kaum trennen kann, was Realität ist und was sich in den Gedanken des Protagonisten abspielt.

Dieses zeitdehnende Erzählen beendet ein Unfall. Nachdem Luke gesprungen ist, sich jedoch am Geländer festgehalten und wieder hoch gehangelt hat, beobachtet er, während er sich von der Brücke entfernt, wie ein Boot kentert und ein Junge regungslos im Fluss treibt.

"Luke musste an diesem Morgen nur eines tun - sich umbringen, indem er von einer Brücke in einen Fluss sprang. Auch um den Jungen zu retten, muss er jetzt von der Brücke in den Fluss springen." (75)

Die Rettung gelingt und was daraufhin folgt ist gleichsam ein Possenspiel und eine unterhaltsame Satire auf die heutige Medienlandschaft.

+++ Spoiler +++

(2) Im weiteren Verlauf der Handlung trifft Luke zufällig auf Elena, deren Mann beim Versuch ein junges Mädchen aus dem gleichen Teich zu retten, in den auch Luke gefallen ist, ums Leben gekommen ist. Die darauffolgende Liebesgeschichte ist einerseits unglaubwürdig, andererseits nahe am Kitsch und will überhaupt nicht zum ersten Teil des Romans passen. 

(3) Der darauffolgende Twist hingegen verleiht der Handlung neuen Schwung, da Luke auf der Brücke vom Vater des Jungen erschossen wird, den Luke gerettet hat. Der religiöse Mann glaubt, Luke wolle sich umbringen und indem er ihn tötet, verhindert er, dass Luke in die Hölle kommt. Eine irre Logik, die dazu führt, dass der Roman im letzten Teil neue Protagonisten erhält und eine weitere Geschichte erzählt. Von Paul und seinem psychisch kranken Vater Bryce Fowler, der nach der Tat seinen Jungen, der in der Obhut seiner Großeltern lebt, aufsucht, um ihn zu "entführen". Er möchte, dass Paul sich seinem Vagabundendasein anschließt, ihn begleitet und der Dialog zwischen Vater und Sohn bilden eine Geschichte im Roman, die für sich gesehen, sehr eindrucksvoll ist. Auf wenigen Seiten entwirft Donovan das Porträt eines gescheiterten Mannes, der in seinen Wahnvorstellungen gefangen ist und keinen Ausweg mehr findet - hin- und hergerissen zwischen Zuneigung und Aggression, der jedoch dann völlig überraschend seinen Sohn gehen lässt. Warum bleibt offen.

(4) Natürlich findet ausgerechnet Paul die Leiche Lukes, was dann folgt, ist ärgerlich, unglaubwürdig und gleicht einer Komödie. Am Ende stirbt Paul, weil er in das Boot steigt, in dem Lukes Freunde ihn bestatten möchten. Mit der Strömung wird das Boot mit Paul und Lukes Leiche ins Meer gezogen...

+++

Der Roman hat einen starken Beginn - die ersten 70 Seiten bilden für sich eine gelungene Erzählung über einen gescheiterten Selbstmordversuch, sprachlich dicht und teils kafkaesk. Auch andere Teile des Romans, wie der Vater-Sohn-Dialog, sind überzeugend. Allerdings fehlt mir der rote Faden, was hält diese Teile zusammen? Der Todeswunsch, die Todessehnsucht? Welche Botschaft will mir Donovan vermitteln? Die Kritik an der Macht der Medien, die aus einem Menschen einen Helden formt, den dieser nicht spielen will? Wie passt das alles zusammen mit der Liebesgeschichte? Zu viele Fragen, die offen bleiben und die mich am Ende ratlos zurücklassen.

Fazit: Einige gute Teile ergeben zusammen nicht zwangsläufig ein stimmiges Ganzes.

Montag, 14. Februar 2022

Gert Loschütz: Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist

 - "Dieses Rückwärtsgucken, dieses Nichtdrüberwegkommenwollen" (192)

Leserunde auf whatchaReadin

Der Ich-Erzähler, Karsten Leiser, schickt die Leser*innen in seinem inneren Monolog auf eine Reise in die Vergangenheit, die von seiner Flucht in den Westen geprägt ist, welche ihn entwurzelt hat. Aus der fiktiven Stadt Plothow in der ehemaligen DDR flüchtet er als 10-Jähriger mit seiner Mutter nach Wildenburg und "sie hatte noch ein Jahr zu leben, auf den Tag genau, aber das wußte sie natürlich nicht, und der Junge auch nicht." (19)

Dieser Tag im Mai - Fluchttag und Todestag der Mutter - prägen ihn so, dass er jedes Jahr darauf zurückblickt  und jenem Tag eine besondere Bedeutung zumisst. 

"Es ist etwas Merkwürdiges, mit den Gedanken immer zum gleichen Tag zurückkehren zu müssen und alles, was danach geschehen ist, auf ihn zu beziehen. Ich weiß, dir kommt es absonderlich vor, aber für mich ist es ganz selbstverständlich, denn immer ist mir gegenwärtig, daß mein Leben ohne ihn anders verlaufen wäre." (20)

Die Angesprochene ist Vera, seine Freundin (?), der er seine Geschichte erzählt, wobei diese zu Beginn assoziativ zwischen verschiedenen Zeitebenen wechselt. Auch verschiedenen Ortsnamen werden genannt, wie Anzio und Rom oder Inishmore (Irland). Diese kurzen Episoden verwirren zu Beginn, da man immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Erlebten erfährt, doch wie in einer Spirale tauchen alle Ereignisse wieder auf und wie ein Puzzle setzen sich die einzelnen Ereignisse zu einem Ganzen zusammen. Allerdings bleiben am Ende auch einige Fragezeichen offen.

Ausgangspunkt der Erzählung ist ein Auftrag vom Redakteur des Ich-Erzählers, der fragt, "ob ich nicht einen Artikel schreiben wolle, einen Artikel über einen politischen Ort, er könne mir so viel Platz einräumen, wie ich brauchte." (10)

Sein Redakteur verwechselt ihn mit seinem Freund Götz, der durch die Welt reist und immer wieder zu seinem Dorf im Schwarzwald zurückkehrt, der im Gegensatz zum Ich-Erzähler eine Heimat hat, während Leiser ein "Entwurzelter" ist, der nicht mehr reisen kann und will. Stattdessen möchte er über die Landschaft seiner Kindheit schreiben und "daß sich diese Landschaft in mir festgefressen hatte wie eine Krankheit" (12).

Solange er noch reist, ist auf der Suche nach dieser Landschaft, nach Orten, die ihn an seine verlorene Heimat erinnern, aus der er abrupt gerissen wurde, weg vom Großvater und der Großmutter, dem "Breitschädel und der Eule".

Nach den ersten Assoziationen schildert der Ich-Erzähler ausführlich und in atmosphärischen Sprachbildern von der Zugfahrt mit seiner Mutter in den Westen, seiner Ankunft in Wildenburg, sein Wiedersehen mit dem Vater, der einen anderen Weg genommen hat, und sein vergebliches Bemühen eine neue Heimat zu finden. Und er erzählt von dem Tag, ein Jahr später, an dem die Mutter stirbt. Und von weiteren Tagen, die er in Anzio, Rom, Inishmore und Berlin verbracht hat.

Allerdings ist der Erzähler unzuverlässig, wie er selbst zu Beginn zugibt: "Log, lüge immer, wenn es um Wichtiges geht, dann ja." (19) So weiß man nicht immer, ob das, was erzählt wird, der Wahrheit entspricht. Befremdlich wirken einige Träume und auch Gewaltfantasien des Ich-Erzählers.

Obwohl der Roman sprachlich wirklich ein Genuss ist und Loschütz es meisterhaft versteht, atmosphärisch, fast lyrisch zu erzählen - "Ballade, vom Tag, der nicht vorüber ist" - hat er mich trotzdem nicht in seinen Bann gezogen. Das liegt einerseits an den vielen Sprüngen zu Beginn der Handlung, die ein Ankommen im Roman erschweren, andererseits am Protagonisten selbst, der zwar authentisch wirkt, mir aber in seiner Rückwärtsgewandheit, seinem ständigen Kreisen um sich selbst bis zum Schluss fremd geblieben ist. Es gelingt dem Autor nicht, mir diese Figur nahezubringen, daher erhält er von mir trotz der herausragenden Sprache, nur 3 Sterne.

Freitag, 4. Februar 2022

Sofi Oksanen: Hundepark

Leserunde auf whatchaReadin

Die Handlung des Romans setzt im Jahr 2016 in Helsinki ein. Im Prolog lernen wir die Ich-Erzählerin und Protagonistin Olenka kennen, die im "Hundepark" sitzt und eine Familie mit zwei Kindern beobachtet. Dabei gesellt sich eine weitere Frau zu ihr, die zunächst anonym bleibt.

"Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich sie gleich erkannt hätte und so klug gewesen wäre, das Weite zu suchen." (5)

Im Rückblick erfahren wir zunächst, dass Olenka im Jahr 2006 in das Dorf Oblast Mykolajiw (im Süden der Ukraine) zurückkehrt, in dem ihre Mutter, inzwischen Witwe, zusammen mit ihrer Schwägerin wohnt und dort vom Verkauf von Rohopium lebt. Olenkas Traum im Westen Model zu werden, ist gescheitert, so dass sie nun mittellos festsitzt und verzweifelt Arbeit sucht. Schließlich nimmt sie einen Job in einer Agentur an, die Frauen als Leihmütter und Eizellenspenderin an reiche, kinderlose Ehepaare vermittelt.  Ihre Herkunft aus einer Stadt, in der Kohle abgebaut wird, also einem "verschmutzten" Gebiet verhindert fast ihre "Benutzung" als Eizellenspenderin. Doch ihre Biographie wird, wie üblich in solchen Fällen, geschönt. Es gelingt ihr zur Koordinatorin aufzusteigen, so dass sie selbst Mädchen als Spenderinnen aussucht und dadurch die Wünsche kinderloser reicher Ehepaare zu erfüllen.

Die Handlung wechselt zwischen den Zeitebenen 2016 und den Rückblenden in Olenkas altes Leben. Nebenbei erfährt man im Roman einiges über die Geschichte der Ukraine und auch den Konflikt mit Russland.

In der Zeitebene 2016 stellt sich heraus, dass die Frau, die sich neben Olenka im Hundepark gesetzt hat, eines der Mädchen ist, die Olenka als Eizellenspenderin "aufgebaut" hat. Ihre enge Verbindung besteht darin, dass Darias und Olenkas Vater Freunde waren.

Inzwischen ist sie für Olenka, die ihr altes Leben hinter sich gelassen hat und als Putzfrau arbeitet, eine Bedrohung.

"Sie könnte mich, die Agentur, ihre alten Kunden, euch, überhaupt alle erpressen. Wollte sie mich an meine alte Chefin verkaufen? Würde das ihre letzte Rache sein?" (43)

"Ich wusste nicht, wer sich als Erster auf mich stürzen würde: meine ehemalige Chefin, du oder dein Laufbursche oder ihre alle zusammen als eine gemeinsame Front." (50)

Olenka richtet sich oft an ein "Du" - wer ist gemeint? Was hat sie getan, dass sie sich ein neues Leben in Finnland aufbauen musste? Warum ist sie geflohen, womit kann Daria sie erpressen? Was hat die Familie, die sie im Hundepark beobachtet, damit zu tun? Warum steht der "Hundepark" auf ihrer Liste der guten Dinge, für die es sich noch lohnt zu leben, an erster Stelle? Zahllose Fragen, die schrittweise beantwortet werden, wobei die Spannung bis zum Schluss hin aufrecht erhalten bleibt - ein echter Pageturner, der jedoch aufgrund der unterschiedlichen Zeitebenen und wechselnden Orte sehr komplex aufgebaut ist. Nicht immer leicht den Überblick zu behalten.

Den Roman jedoch nur als Thriller zu lesen, würde ihm nicht gerecht. Schonungslos schildert die Ich-Erzählerin, wie Frauen als Ware behandelt, regelrecht verkauft und ausgebeutet werden. Ein Thema, das mir in diesem Ausmaß überhaupt nicht bewusst war und das Oksanen eindrucksvoll in all seinen Facetten darstellt.

"Einen Augenblick lang glaubte ich, sie würde mir den Finger in den Mund stecken, um den Zustand meiner Zähne zu prüfen." (43)

Genau diese Untersuchung führen die zukünftigen Eltern durch, um die Tauglichkeit einer potentiellen Eizellenspenderin zu prüfen. Welche Folgen das für die Frauen hat, spielt keine Rolle. Sie werden benutzt, solange sie funktionieren. Am Beispiel Darias wird das besonders deutlich, während Olenka auch als Mittäterin auftritt. Trotzdem hat sie aufgrund ihrer Biographie und den Umständen, unter denen sie aufgewachsen ist und dem, was sie erlitten hat, meine Sympathie gewonnen. 

Ein brisanter Thriller, brillant geschrieben und absolut lesenswert!