Mittwoch, 8. April 2020

Graham Swift: Da sind wir

- "Here we are"

Leserunde auf whatchaReadin

Den englischen Titel habe ich deswegen zitiert, da wir uns in der Leserunde einig sind, dass die deutsche Übersetzung die englische Redewendung nur unzureichend widerspiegelt.
"Da wären wir" trifft es vielleicht besser, es sind Worte, die der "flinke Jack", so heißt einer der Protagonisten, der durch eine Varieté-Show in Brighton in den 50er Jahre führt, sagen würde, wenn er auf die Bühne kommt.


Zu Beginn des Romans steht eben jener Jack am Rand der Bühne, kurz vor seinem Auftritt, es scheint fast, als habe er Lampenfieber und brauche einen "Schubs" auf die Bühne. In der Show treten neben ihm Pablo und Eve, ein Zauberer und seine Assistentin auf, die das Publikum mit "Illusionen" begeistern. Die beiden sind bzw. waren ein Paar, einige Andeutungen weisen darauf hin, dass sie sich getrennt haben und Eve statt dessen mit Jack eine Affäre hat.

Der erste Rückblick führt die Leser*innen in Ronnies, das ist der bürgerliche Name des Zauberers, Kindheit. Im 2.Weltkrieg wurde er von seiner Muter, die in London als Putzfrau arbeitet und dessen Vater auf See ist, aufs Land geschickt. Ronnie hat Glück. Ein kinderloses Ehepaar nimmt ihn auf, Eric und Penny. Von Eric, dem großen Lorenzo, lernt er die Zauberei und hält an ihr fest, auch gegen den Willen seiner Mutter. In der Militärzeit lernt er Jack kennen, der ihm rät, eine Assistentin einzustellen. So trifft er auf Evie White, die zu Eve wird und "da wären wir".

Ein überraschender Zeitsprung führt uns zur 75-jährigen Evie White, die sich an die Ereignisse in Brighton zurückerinnert.

Die wechselnden personalen Perspektiven ermöglichen einen Einblick in alle der Hauptfiguren, wobei vieles nur angedeutet und wenig direkt ausgesprochen wird. Man ist als Leser*in gefordert, die Leerstellen zu füllen und gerade das macht den Reiz dieses kleinen, aber feinen Romans aus.
Zudem entführt er uns auch in die Welt der Zauberei, was ist ein Trick, was Magie und Illusion?
Zu erwähnen ist auch der Papagei, der das Cover ziert. Einst ein Geschenk des Vaters, hat die Mutter ihn verkauft - auch er heißt Pablo und Ronnie muss oft an ihn denken. Fühlt Ronnie sich "wegegeben" von der Mutter, will er frei sein? Fragen, die sich teilweise im Lauf des Romans beantworten lassen, doch einiges bleibt offen...

Aufgrund der Rückblicke und wechselnden Perspektive erhaschen wir immer nur Ausschnitte dieser Dreiecks-Geschichte und müssen uns letztlich selbst ein Bild machen. Dennoch verzaubert dieser Roman - auch aufgrund der wunderbaren Sprache Swifts.

Vielen Dank für das Lese-Exemplar!

Montag, 30. März 2020

Peter Zantingh: Nach Mattias

"Was von uns bleibt, wenn wir nicht mehr da sind."

Leserunde auf whatchaReadin

"Eine Woche nach Mattias wurde sein Fahrrad geliefert." (7)
Bereits im ersten Satz des Romans wird der Titel aufgegriffen und der Bezugspunkt genannt. Was geschieht in der Zeit, nachdem Mattias gestorben ist.
Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven:
Im ersten Kapitel steht Mattias Freundin Amber im Mittelpunkt, die aus der Ich-Perspektive erzählt, wie sie sich fühlt.
"Trauer ist wie ein Schatten. Der richtet sich nach dem Stand der Sonne, fällt morgens anders als abends."(7)
Während sie im Park ist und an glückliche Zeiten zurückdenkt, wird Amber Zeugin, wie ein Pitbull fast einen kleinen Hund tot beißt. Quentin, ein Freund Mattias, kommt ihr und der Besitzerin des Hundes zu Hilfe. Aus seiner Perspektive wird im 2.Kapitel ein Blick auf Mattias geworfen. Genau wie Amber stellt er seinen Freund als jemanden dar, der sich für Neues begeistern konnte, viele verschiedene Ideen hatte.

"Er konnte sich immer noch für die gerade gehörten Newcomerbands begeistern, die er auf eine Popbühne bringen würde, und genauso sehr auch für die Schüler, denen er während des Rests der Woche Nachhilfeunterricht gab, weil sie zu ihm aufschauten und seinen Erzählungen lauschten und weil er auf die Weise wenigstens noch etwas damit anfing, dass er vier Jahre Geschichte studiert hatte." (13)
Seine neueste Idee, von der Amber und Quentin sprechen, ist es, gemeinsam mit Quentin ein Café aufzumachen - wie genau dies aussehen soll, wird im Lauf des Romans aus anderer Perspektive erzählt.
Amber beschäftigt es, dass sie darüber am letzten Tag gestritten haben, man erfährt jedoch nicht, wie Mattias gestorben ist. Auch das erschließt sich allmählich, wenn man - wie es auf dem Buchrücken heißt - alle "Puzzleteile" zusammengefügt hat.
Neben Freundin und Freund kommen auch die Großeltern zu Wort, doch bei ihnen steht weniger Mattias als Enkel im Vordergrund, sondern ihre Ehe selbst, die lange Zeit, die sie schon zusammen sind, während die Mutter Kristianne das Bild eines anderes Mattias zeichnet - einen empathischen, jungen Mann in den Vordergrund rückt, der auf Harmonie bedacht gewesen ist. Dieses Bild vermittelt auch Issam, ein Roadie, der Mattias nur über das Internet gekannt hat.
Was mir besonders gut gefallen hat, sind die zusätzlichen Verbindungen zwischen den Kapiteln - neben dem "Bindeglied" Mattias.
So trainiert Quentin, der seiner Trauer mit Laufen begegnet, einen Blinden, Chris, der selbst zu Wort kommt und erzählt, was Quentin ihm über Mattias anvertraut hat. Und Tirra ist eine Frau, die Kristianne im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Arbeit für Flüchtlinge kennengelernt hat - so werden auch die Geschichten der Personen weiter geschrieben, die von der Zeit "nach Mattias" berichten. Wobei man sich auch der Antwort nähert, wie er gestorben ist.
Bei einer Figur - Nathan, die aus ihrem Leben erzählt, weiß man zunächst nicht, was sie mit Mattias zu tun hat, das erschließt sich erst ganz am Ende.
Insgesamt entsteht allmählich ein Bild dieses jungen Mannes, der tot ist, und gleichzeitig erfahren wir, wie das Leben "nach Mattias" weitergeht, wie Trauer "aussieht" für die Personen, denen er etwas bedeutet hat und auch für andere, deren Leben er nur am Rande berührt hat.

Klare Leseempfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar!


Dienstag, 3. März 2020

Daniela Krien: Muldental

- ein Erzählband

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem ich letztes Frühjahr "Die Liebe im Ernstfall" in einer Leserunde auf whatchaReadin gelesen habe und die lose verknüpften Geschichten von fünf Frauen micht begeisterten, freute ich mich besonders auf den neuen Erzählband von Daniela Krien.

Wie sie selbst im Vorwort schreibt, sind die 11 Erzählungen aus einem kleinen "Notizheft voller Geschichten", aus "Skizzen von Lebensdramen" (9) entstanden, wie

"Überschuldeter Handwerker begeht Selbstmord" (9).

Daraus entstand die Erzählung "Sommertag", in der ein Schreiner nach der Wende einen Aufschwung erlebt, Kredite angeboten bekommt und mit der finanziellen Freiheit nicht umzugehen weiß. Seine Frau gibt das Geld mit vollen Händen aus, gönnt sich das, was sie sich immer schon gewünscht hat, bis die Rechnungen und Mahnungen überhand nehmen und der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Otto Gerling ist ein "Wendeverlierer oder ein Kapitalismusopfer" (198), wie es in der Erzählung "Der Zigarettensammler" heißt. Menschen, die am politischen und gesellschaftlichen Umbruch scheitern und "trudelnd" (Klappentext) zurückbleiben.

Die erste Erzählung spielt im "Muldental", einem ehemaligen Landkreis (1994-2008) in der Nähe von Leipzig, der in "Ort der Vielfalt" umbenannt wurde, also geographisch im Osten der Republik verortet ist. Marie lebt dort mit ihrem Mann Heinz, einem Künstler, den sie zu DDR-Zeiten auf Druck der Stasi bespitzelt hat und der sie heute dafür büßen lässt. Mit wenigen Worten gelingt es Daniela Krien das Innenleben der Figuren darzustellen, bedrohliche Situationen zu schildern und bei den Leser*innen Empathie zu wecken - auch für die Täter. So empfindet man tatsächlich in der Erzählung "Heimkehr" - die Namensgleichheit mit Kafkas Parabel ist meines Erachtens kein Zufall - tatsächlich Mitleid mit einem verurteilten Mörder, der eine lieblose Kindheit erfahren hat, von den Eltern missachtet, von den Mitschüler*innen ausgegrenzt, gehänselt, weil er ein "Daumenlutscher" ist. Dass diese Lebensumstände zu aggressivem Verhalten führen, scheint genauso plausibel, wie das destruktive Verhalten der jungen Anna in der Erzählung "Mimikry", die permanent mit Vorurteilen gegenüber den "Ossis" konfrontiert wird und von der nun im Westen Anpassung gefordert wird.

Die Erzählung "Freiheit", basierend auf der Notiz "Junge Frau entscheidet sich für Spätabtreibung" (9) führt besonders gut vor Augen, dass - wie Krien im Vorwort schreibt - "das Individuum seine Entscheidung" (10) frei trifft, aber auch die Verantwortung für jene tragen muss. Diese Geschichte geht wirklich unter die Haut, genauso wie "Aussicht", in der eine pubertierende Tochter sich mit allen Konsequenzen gegen ihre Mutter stellt - danach braucht man als Leser*in erstmal eine Pause.

Daniela Krien schreibt über Menschen, "deren Schicksal ihre Kräfte übersteigt" (10), und es ist wichtig, dass sie diesen Gehör verschafft. Einige Geschichten beziehen sich explizit auf die Wende oder den Osten bzw. die ehemalige DDR, wie "Sarabande in B-Moll", in der eine schizophrene junge Frau kurz vor dem Mauerbau in den Westen reist, weil sie glaubt, dort besser behandelt werden zu können. Andere könnten überall spielen, sind sozusagen unabhängig vom politischen Geschehen.

Mit der Geschichte "Muldental II", die die 1.Erzählung weiterführt und mit "Plan B" verknüpft, schließt dieser Erzählband, der sehr nachdenklich stimmt und dessen eindringliche Geschichten die Leser*innen zwingen, ihre Komfortzone zu verlassen und sie zunächst rat- und sprachlos zurücklassen.
(Glücklicherweise konnte man sich in der Leserunde darüber austauschen!)

Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Erzählband oder einen Roman von Daniela Krien, die eine großartige, zeitgenössische Erzählerin ist und die mit wenigen Worten so viel sagen kann.

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar.

Sonntag, 23. Februar 2020

Anna Burns: Milchmann

The Man Booker Prize 2018

Leserunde auf whatchaReadin

Das Cover des Romans zeigt einen Sonnenuntergang in verschiedenen Farbschattierungen, orange, pink, rosa, violett - Farben, die der Himmel in der Welt der Ich-Erzählerin nicht haben darf.

"Nach Generationen und Generationen, Vätern und Vorvätern, Müttern und Vormüttern, Jahrhunderten und Jahrtausenden, in denen der Himmel offiziell eine und inoffiziell drei Farben gehabt hatte, durfte doch jetzt nicht einfach so ein bunter Himmel erlaubt sein." (96)

Die Diskussion über einen bunten Sonnenuntergang entbrennt während eines Französisch-Kurses und hat Stellvertreterfunktion in einer Gesellschaft, die nur "Die" oder "Wir" kennt - Schwarz oder Weiß.

Der Roman spielt in den 70er Jahren in Belfast während des IRA-Konfliktes. Das erlebende Ich wächst in einer von Terror und Gewalt beherrschten Gesellschaft auf, in der es wichtig ist, eindeutig Position zu beziehen, die Verweigerer - die IRA-Kämpfer zu unterstützen, die gleichzeitig die katholische Hochburg beherrschen, und gegen alles zu sein, was aus dem Land von der anderen Seite der See kommt. Strikte unausgesprochene Regeln und Gesetze bestimmen z.B. welche Namen oder Fernsehsendungen erlaubt sind, und wenn man dagegen verstößt, macht man sich des Denunziantentums verdächtig.
In dieser aufgeladenen Atmosphäre wird die 18jährige Ich-Erzählerin vom "Milchmann" bedroht. Dessen Namen rührt daher, dass in den Milchkästen die Bomben der IRA versteckt waren und er wird als Einziger beim Namen genannt.
Ansonsten sind im Roman die Figuren nur in ihren Beziehungen zueinander bezeichnet - Schwester eins, Schwager eins, Vielleicht-Freund, Ma, Älteste Freundin oder aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften wie Atomjunge oder Tablettenmädchen. Das liest sich zu Beginn etwas ungewöhnlich, doch letztlich ergibt es einen Sinn. Es verleiht der Geschichte Universalität, das Geschehen könnte theoretisch überall dort stattfinden, wo die Gesellschaft von Terror und Abgrenzung bestimmt wird, wo Gerüchte schnell entstehen und Urteile blitzschnell getroffen werden.  Andererseits verdeutlicht es, wie schwierig es ist, in einer solchen Gesellschaft individuell zu handeln, unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen und Gesetzen.
Der Ich-Erzählerin wird eine Affäre mit dem Mittvierziger paramilitärischen "Milchmann" angedichtet, obwohl er ihr nachstellt, sie anspricht, sie bittet, in sein Auto zu steigen, ihr andeutungsweise zu verstehen gibt, dass ihr Vielleicht-Freund an einer Autobombe sterben könnte. Jener hat sich verdächtig gemacht, da er den Kompressor eines Bentleys, eines klassischen englischen Wagens, gewonnen und angenommen hat. Die gilt bereits als Verrat.
Gleich im ersten Satz erfahren wir vom erzählenden Ich, dass der Milchmann erschossen wird - immer wieder reflektiert das "erwachsene" Ich die damalige Situation und bewertet ihr Verhalten.
"Damals, als ich achtzehn war, lauteten die Grundregeln in der permanent alarmbereiten Gesellschaft, in der ich aufgewachsen war: Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt verbal beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert." (13)

Die Ich-Erzählerin startet einen Versuch, ihrer Mutter - ihr Vater, der an Depressionen gelitten hat, ist bereits verstorben, von den falschen Gerüchten zu erzählen, doch diese glaubt ihr nicht. So wählt die Ich-Erzählerin den Rückzug, das Schweigen, um die Situation "auszusitzen" und zieht damit die Aufmerksamkeit umso stärker auf sich. Die Tatsache, dass sie in der aufgeladenen politischen Situation im Gehen liest, vorzugsweise Romane aus dem 18./19.Jahrhundert, verleiht ihr den Status einer Übergeschnappten.
Der Autorin gelingt es hervorragend die Bedrohung durch den Milchmann, der niemals handgreiflich wird oder die Ich-Erzählerin auch nur anrührt, zu beschreiben. Die Spannung steigert sich und wird aufgrund der zahlreichen Reflexionen, Einschübe und Zeitsprünge der Erzählerin kaum aufgelöst.
Es entsteht das Psychogramm einer verängstigten jungen Frau, deren Angst sich auch körperlich auswirkt, die abstumpft, sich einkapselt und nicht in der Lage ist, dem Milchmann etwas entgegen zu setzen. Doch es gibt auch positive Figuren, wie den echten Milchmann oder die Französischlehrerin, die sich bemüht, ihren Schülerinnen und Schülern einen neuen Blickwinkel aufzuzeigen. Und einige Figuren entwickeln sich in eine unerwartete Richtung.
Obwohl zu diesem Zeitpunkt Frauen im Gegensatz zu Männern nichts gegolten haben, ihnen keine Macht zugesprochen wurde, zeigen einige Situationen im Roman, dass ein solidarisches, gemeinschaftliches Handeln der Frauen zum Erfolg führt, wie das Aufheben der Ausgangssperre. Andererseits zeigt das Schicksal der Ich-Erzählerin, wie gefährlich es sein kann, sich zur Außenseiterin zu machen, individuell zu handeln.

Ein Roman, der mich wirklich begeistert hat, aufgrund seiner Thematik
- wobei die aktuelle Me Too-Debatte sicherlich zum Erfolg beigetragen hat, ebenso wie der Brexit, der die Grenze in Irland wieder in den Fokus gerückt hat -
seiner außergewöhnlichen Sprache und seines teilweise skurrilen Humors.
Der Gedankenfluss der Ich-Erzählerin ist im wahrsten Sinne des Wortes mitreißend und bleibt es bis zum Schluss.

Vielen Dank dem Klett-Cotta-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Donnerstag, 16. Januar 2020

Ulf Schiewe: Der Attentäter

- packender historischer Thriller

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Geschichte des Attentats auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand, das als Auslöser des 1.Weltkrieges gilt, äußerst packend und spannend. Betrachtet wird die Woche vor dem Attentat bis zum Tag, an dem der 1.Weltkrieg entfacht worden ist: 22.6.-28.6.1914. Schauplatz ist überwiegend Sarajevo, das Franz Ferdinand anlässlich eines Militärmanövers besuchen will und das, wie ganz Bosnien-Herzegowina, seit 1878 von Österreich-Ungarn annektiert ist.
Die meisten Figuren des Romans sind historische, erfunden hat Schiewe:
"Major Markovic [österreichisch-ungarischer Geheimdienstoffizier], Hauptmann Simon [ebenfalls Geheimdienst] und die Bordellbesitzerin Svjetlana[...]. Ich brauche sie und ihre Handlungen, um dem Geschehen noch mehr Spannung und Würze einzuhauchen. In Wirklichkeit hat wohl niemand, weder die Polizei noch der Geheimdienst, geahnt, was an jenem schicksalhaften 28.Juni passieren würde - außer den Verschwörern und Drahtziehern des Attentats." (Anmerkungen des Autors, 497)

In mehreren Handlungssträngen, gewürzt mit authentischen Zeitungsberichten aus den Archiven, nähert man sich dem Unglückstag. Dabei erleben wir aus der Perspektive aller Beteiligten mit, wie sie die letzte Woche vor dem Attentat erlebt haben.
Zunächst die Attentäter selbst: Gavrilo Princip, 19 Jahre alt, sowie seine Freunde Trifko und Nedeljko, ebenfalls 19 Jahre alt, die als bosnische Serben den Thronfolger als Vertreter der Besatzungsmacht hassen und die alle an Tuberkulose erkrankt sind und für ihr Vaterland zu sterben bereit sind.
"Ja, das ist unser Todesurteil, denkt Gavrilo. Nicht die Schüsse, die sie in Sarajevo abfeuern werden, auch nicht die Zyanidkapseln, die Danilo für sie in seinem Rucksack aufbewahrt. Nein, es ist die Krankheit, dieser schleichende Tod, der sie befallen hat, das Blut, das sie sich aus der Lunge husten. Ohne die Schwindsucht säßen sie nicht auf diesem elenden Kahn. Vielleicht wäre dann alles anders." (163)
Das Zitat wirft die Frage auf, ob die gesellschaftlichen Umstände, die es nur den Reichen ermöglicht, die Tuberkulose zu besiegen, indem sie in Sanatorien reisen können, dazu führen, dass die Jugendlichen aus ärmlichen Verhältnissen, keine Chance mehr sehen und so den radikalen Entschluss fassen, für ihr Vaterland zu sterben.
Die Innensicht ermöglich so neue Einsichten.

Pavle, Mitglied der Schwarzen Hand, eines nationalistisch-serbischen Geheimbundes, fungiert als Schleuser, die Jungen über die Grenze bringt. Danilo Ilic ist ihr Ausbilder, Begleiter und "Aufpasser".
Im Hintergrund agieren "Dimitrijevic, Mitbegründer und Anführer der Schwarzen Hand, und Tankosic, zweiunddreißig Jahre alt, Major der serbischen Armee und ehemaliger Tschetnik im Kampf gegen die Osmanen" (13), der überzeugt ist, dass die Jungen trotz ihrer Jugend den Auftrag meistern werden:
"Ilic meint, Gavrilo ist lungenkrank und weiß, dass er nicht lange zu leben hat. - Ach, und deshalb ist es ihm egal, dass er dabei draufgeht? - Er will nicht abtreten, bevor er etwas Großes für Serbien getan hat." (17)
Auf österreichischer Seite spielt Potiorek eine entscheidende Rolle, der Landeschef von Bosnien-Herzegowina schlägt alle Warnungen zu einem möglichen Attentat in den Wind und schätzt die Zustimmung zur Monarchie in Sarajewo falsch ein.
"Sarajevo ist sicher. Die Bevölkerung freut sich auf den Besuch. Es ist eine Ehre für diese Stadt." (35)
"Feldzeugmeister Potiorek hat die Armee aus der Stadt verbannt. Wir sollen nicht als Besatzungsmacht auftreten, sagt er. Er will fröhliche Menschen auf den Straßen, die Eure Hoheit mit Begeisterung zujubeln, und keine Soldaten." (49)

Hinzu kommt das Franz Ferdinand ausgerechnet an einem nationalen Gedenktag der Serben in Sarajevo seinen Auftritt hat. Markovic sieht die Gefahr, die davon ausgeht.
"Ein Gutteil der Bevölkerung sieht in der Annexion durchaus einen Vorteil, besonders wirtschaftlicher Art. Nicht wenige, vor allem die bosnischen Serben, betrachten die Österreicher allerdings als Besatzer und Unterdrücker." (37)

Besonders interessant sind die Szenen, die den Thronfolger mit seiner Frau Sophie und den drei Kindern zeigen. Unbekannt dürfte den meisten sein, dass die beiden eine morganatische Ehe führten. Da Sophie von niederem adligen Stand ist, wird sie behandelt wie eine legitimierte Mätresse, die Nachkommen sind von der Thronfolge ausgeschlossen. Aber die beiden lieben sich und Franz Ferdinand hat jahrelang um diese Ehe gekämpft. Im Privaten erscheint er als liebevoller Ehemann und Vater, in der Öffentlichkeit und seinen Untergebenen gegenüber wirkt er jedoch oft cholerisch.
Sie hingegen ist durchweg sympathisch, will ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen und freut sich auf den Auftritt in Sarajevo, da sie nur bei militärischen Manövern an der Seite ihres Mannes stehen darf. Bei offiziellen Anlässen in Wien ist ihr dies nicht erlaubt.

Im Verlauf der Handlung streben die einzelnen Handlungsstränge aufeinander zu. Die Attentäter nähern sich Sarajevo, das Schleusen über die Grenze ist unglaublich spannend beschrieben, während der Geheimdienst ihnen langsam auf die Spur kommt - zwar fiktiv, trotzdem spannend.
Der Thronfolger reist via Schiff Richtung Sarajevo, Sophie mit der Bahn zu ihrem luxuriösen Domizil, während die Attentäter in ihrem Unterschlupf immer wieder von Zweifeln geplagt werden. Die Innensicht aller Beteiligten ermöglicht den Leser*innen selbst die Attentäter als Menschen wahrzunehmen, ihre Motive nachzuvollziehen, auch wenn man letztlich kein Verständnis für ihre Tat aufbringen kann.

Ein sehr dichter Roman, vor allem die Schilderung des letzten Tages - den muss man zusammenhängend lesen. Die fiktiven Zeitangaben über den Kapiteln verstärken die Dichte der Ereignisse, nebenbei verleihen sie dem Geschehen wie auch die Zeitungsbericht zusätzlich Authentizität.
Besser als alle Geschichtsbücher und viel spannender, war der Tenor in der Leserunde, in der der Autor selbst unsere Fragen beantwortet hat.

Klare Lese-Empfehlung!

Montag, 6. Januar 2020

George Eliot: Middlemarch

"Eine Studie über das Leben in der Provinz"

Leserunde auf whatchaReadin

In der wunderschönen Neuausgabe erwartet die Leser*innen zu Beginn ein Vorwort, das sowohl eine inhaltliche Übersicht mit Vorwegnahme des Schlusses (!) sowie "Interpretationshilfen" liefert. Das ist eher ungewöhlich, erwartet man die Deutung doch eher im Nachwort, das zusätzlich existiert und Erläuterungen zur Entstehung, Struktur und Intention des Romans bietet.

Hilfreich beim Vorwort ist die Strukturierung der Handlung und das Vorstellen der wichtigsten Frauenfiguren, die "verschiedene Facetten von Weiblichkeit" (5) zeigen.

Im Mittelpunkt der Handlung, die 1828 beginnt und im ländlichen Middlemarch, einer Kleinstadt in England, spielt, steht die 17-jährige Waise Dorothea Brooke, die mit ihrer Schwester Celia auf dem Gutshof ihres Onkels lebt. Sie ist tief religiös und neigt dazu, sich selbst zu kasteien, wobei sie gleichzeitig bestrebt ist Gutes zu tun, indem sie z.B. Pläne zeichnet, um die Häuser der Pächter zu verbessern. Sie strebt nach Wissen, das ihr als Frau verweigert wird, so dass sie den unattraktiven, leidenschaftslosen geistlichen Mr. Casaubon als Ehemann erwählt.

Ihr Onkel, der ein Aufschneider ist und dessen Bemerkungen „wie [...] abgebrochene[...] Flügel eines Insekts unter all den anderen Bruchstücke, [die] in seinem Geist herumlag(en)“ (37), erscheinen, lässt Dorothea die freie Wahl, sofern sie standesgemäß (!) heiratet.
Doch sie weiß, was sie will. Sie möchte Mr Casaubon dienen, seine Arbeit unterstützen, um an seinem Wissen zu partizipieren.

„In einer wahrhaft bezaubernden Ehe war der Gatte eine Art Vater und konnte einem Hebräisch beibringen, falls man es wünschte.“ (26)

Den Leser*innen ist von Anfang klar, dass diese Ehe nicht glücklich werden kann. Der kommentierende, auktoriale Erzähler gibt uns zahlreiche Hinweise darauf, stellt aber auch Mr. Casaubons Sichtweise war. Das ist eine der Besonderheiten des Romans, da der auktoriale Erzähler die Figuren von mehreren Seiten beleuchtet, so dass eine Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit entsteht. In einer komplexen Welt sind die Motive und Handlungen nicht immer monokausal, das zeigt Eliot auf und sie lässt uns Interpretationsspielraum. Eine Folge davon waren viele Diskussionen während der Leserunde ;)

Dorothea, die im "Vorspiel" mit der Heiligen Therese verglichen wird, sieht die warnenden Anzeichen nicht, dass ihr Zukünftiger ihr nicht das wird geben können, was sie erwartet.

„Dorotheas Glaube fügte all das hinzu, was Mr. Casaubons Worte ungesagt zu lassen schienen. Welcher Gläubige bemerkt schon eine störende Auslassung oder eine ungeschickte Formulierung.“ (77)

So versuchen einige Figuren sie von ihrem Vorhaben abzubringen, wie Mrs. Cadwallader, "eine Dame von unermesslicher Geburt, gewissermaßen aus dem Geschlecht unbekannter Adeliger" (80), die die Preise herunterhandelt und gleichzeitig ist sie die "Diplomatin von Tipton und Freshitt, und alles, was ohne sie geschah, war eine kränkende Regelwidrigkeit" (91). Als sie von der Verlobung zwischen Doro und Mr. Casaubon erfährt, ist sie entsetzt und macht Mr. Brooke Vorwürfe, doch die Sache ist beschlossen, worauf sie Sir James Chettam, einem Adligen, der ernsthaft an Doro interessiert ist, warnt und ihm rät, sich der jüngeren Schwester zuzuwenden.

Sir James zeigt Größe und schluckt seinen Stolz herunter, er wird Celia heiraten, die "mit dem beschränkten Wirkungsfeld zufrieden [ist], das ihr das Leben auf Freshitt Hall bietet, [so] verkörpert sie eine ruhige von Lebensweisheit geprägte weibliche Stabilität." (7)

Ihr Leben ist gleichzeitig als Gegenentwurf zu Dorotheas Ansprüchen zu lesen, Celia erscheint pragmatisch, verändert sich im Verlauf des Romans nicht. Allerdings unterwirft sie sich keinesfalls ihrem Gatten bedingungslos, sie kann ihren Willen durchsetzen, indem sie die Waffen der Frauen - die Tränen - gezielt einsetzt.

Eine Strategie, die Rosamond Vincy, Tochter eines erfolgreichen Fabrikanten, perfekt beherrscht. Sie hat es auf den ehrgeizigen, jungen Arzt Tertius Lydgate abgesehen, der neu in Middlemarch ist.

"Sie will eine gute Heiratspartie machen, wünscht sich Wohlstand und soziale Anerkennung, die mit diesem im viktorianischen Großbürgertum einhergeht." (9)

Das Schicksal Lydgates nimmt neben der Dorotheas den größten Raum im Roman ein.
"Für George Eliot, die sich intensiv mit der medizinischen Forschung auseinandersetzte, war dies offenbar der ursprüngliche thematische Kern des Romans um Lydgate und Middlemarch." (1127, Nachwort)
Er muss sich mit seinen neuen medizinischen Methoden in der Gesellschaft Middlemarchs behaupten und gerät in einen Loyalitätskonflikt, der weitreichende Folgen für ihn hat. Zudem lebt er über seine Verhältnisse und ist zu schwach, um Rosamond Widerstand entgegenzusetzen, die sich aus meiner Sicht als die unsympathischste Frauenfigur entpuppt.

Mary Garth, Tochter eines Grundstücksverwalters, die Einzige, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen muss, ist eine weitere Frauenfigur im Roman, deren Bodenständigkeit sich wohltuend von Rosamonds Snobismus abhebt. Ausgerechnet Rosamonds Bruder Fred, der sein Examen nicht bestanden hat und auf ein reiches Erbe hofft, sich von Marys Vater Geld geliehen hat, das er nicht zurückzahlen kann, will Mary zur Frau nehmen. Die beiden kennen sich von Kind an und lieben sich, jedoch will Mary ihn erst dann heiraten, wenn er seine Lebensweise ändert. Es stellt sich die Frage, ob ihm das gelingen kann, ist er doch von seiner Mutter verzogen worden und scheint den Ernst des Lebens (noch) nicht begriffen zu haben.

Eine weitere wichtige Figur in diesem Personentableau ist Will Ladislaw, ein junger, attraktiver Mann und der Neffe Mr. Casaubons. Auf Dorotheas Hochzeitsreise nach Rom, die Mr. Casaubon hauptsächlich für seine Studien nutzt, er arbeitet an einem Schlüssel zu allen Mythologien, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Will und Doro, wobei sich der junge Mann hoffnungslos in Dorothea verliebt, die jedoch in aller Unschuld ihrem Gatten treu ergeben ist. Man kann vermuten, dass im Lauf der Handlung diese Beziehung, auf die Mr. Casaubon sehr eifersüchtig ist, noch eine entscheidende Rolle spielen wird.

Die sehr komplexe Handlung ist gekennzeichnet durch Parallelen und Gegensätze, diese verbinden die Figuren und deren Schicksale miteinander, die Verflechtungen sind vielfältig.
Das Ziel des auktorialen Erzählers ist es, "bestimmte Schicksale zu entwirren und zu sehen, wie sie gewoben und ineinander verwoben sind, dass ich alles Licht, über das ich verfüge, auf dieses spezielle Gewebe konzentrieren muss und nicht über jene verlockende Fülle von Bedeutsamkeiten verstreuen darf, die man das Universum nennt." (15.Kapitel)

Eliot entwirft ein authentisches Bild der englischen Klassengesellschaft auf dem Land, historischer Hintergrund bietet dabei die Parlamentsreform von 1832. In den Kommentaren des auktorialen Erzählers spiegeln sich das Denken und die Einstellungen der Autorin zum Landadel und zum Bürgertums wider. Im besonderen Fokus steht das zeitgenössische Frauenbild, das Frauen zugesteht, ergebene Ehefrauen zu sein, die ihren Männern dienen und schmückendes Beiwerk abgeben sollen.
Nur Männern ist es vergönnt - ihren Verstand zu gebrauchen, Frauen handeln nach Gefühl und sind nicht in der Lage zu denken, so lautet die gängige Meinung.

"Es ist anstrengend, mit solchen Frauen zu reden. Sie wollen immer Gründe haben und wissen doch zu wenig, als dass sie den eigentlichen Wert einer Frage verstünden, und im Allgemeinen greifen sie auf ihr Moralgefühl zurück, um die Dinge nach ihrem eigenen Gutdünken zu regeln." (134)
 - da hat sich doch einiges im Vergleich zu 1829 geändert.
Bezeichnenderweise hat die Autorin Mary Ann Evans unter dem männlichen Pseudonym George Eliot ihren Roman veröffentlicht - allerdings stand sie nie an der Front der Frauenbewegung. Alle Frauenfiguren im Roman, auch Dorothea sehen in der Ehe die Bestimmung der Frau.

Für manche mag die Sprache des Romans gedrechselt klingen, eine Kritik, die auch die Zeitgenossen ausgesprochen haben. Das Nachwort greift diese Kritik auf, doch der Übersetzer gibt zu bedenken, dass "der Stil zugleich auch Ausdruck der Philosophie der Autorin [sei]; ihre komplexen und komplizierten Satzstrukturen, ihre Bemühungen um ein Geflecht von kausalen Beziehungen der Nebensätze, um Aufdeckung von Parallelen und Kontrasten stimmt mit ihrer Gesellschaftstheorie [Gesellschaft als Organismus, in dem alles miteinander in Verbindung steht] überein (weshalb in der vorliegenden Übersetzung Wert darauf gelegt wurde, die komplexen Satzstrukturen ins Deutsche hinüberzuretten.)" (1131)

Um diesen umfangreichen Roman zu lesen, braucht es daher Muße, Ruhe und den Willen, sich auf diese vergangene Welt und die vielfältigen Figuren in ihrem Beziehungsgeflecht einzulassen, einzutauchen in ihre Geschichten, die Eliot in ihrer - aus meiner Sicht - wunderbaren Sprache erzählt.

Klare Lese-Empfehlung!



Donnerstag, 12. Dezember 2019

Ian McEwan: Die Kakerlake

- eine Satire auf den Brexit.

Leserunde auf whatchaReadin

"Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt." (11)

Aus der einstigen Kakerlake ist ein Mensch geworden, der sich über den "glitschige[n] Fleischlappen" (11) in seinem Mund wundert, über seine eingeschränkte Sichtweise und darüber, dass sein Skelett, sein Panzer nach innen verlagert ist.
Höchst amüsant werden die ersten Gehversuche der Kakerlake beschrieben, die als britischer Premierminister aufgewacht ist - offensichtlich nach einer alkoholgeschwängerten Nacht. In der ersten Begegnung mit einer persönlichen Referentin reichen Grunzlaute zur Verständigung, sein erstes Wort: Okidoki.

Die Parallelen zu Kafka sind offensichtlich und gewollt, ebenso der bitterböse, satirische Blick auf die zeitgenössische britische Politik. Die Botschaft, auch eine Kakerlake kann Premierminister sein, drängt sich auf, wobei der Verdacht genährt wird, es gebe einen "göttlichen" Plan, den die Kakerlake, die (leider) schnell in den Hintergrund rückt, ausführen möchte.
Genährt wird der Verdacht, als Jim in der ersten Kabinettssitzung "ein verblüffendes Wiedererkennen" (34) erlebt - er ist, bis auf eine Ausnahme - von Kakerlaken umgeben, die ebenfalls menschliche Gestalt angenommen haben.

Seine Marschroute für die kommende Zeit steht fest: Er wird den Willen des Volkes, nämlich die Einführung des Reversalismus durchsetzen.
Im Reversalismus, eine Erfindung McEwans, wird der Geldfluss umgedreht:
"Am Ende des Arbeitsmonats gibt eine Angestellte für die vielen Stunden, die sie gearbeitet hat, ihrer Firma Geld. Geht sie einkaufen, wird sie hingegen für jede Ware, die sie mitnimmt, großzügig zum Einzelhandelstarif entschädigt. Bargeld zu horten ist gesetzlich untersagt." (41)

Ein ökonomisches Prinzip, das nicht funktionieren kann, da waren wir uns in der Leserunde einig, vor allem, wenn ein Land einen Alleingang wagt. Reversalismus gleich Brexit - so ist diese Parabel zu lesen, denn Ökonomen sagen eine wirtschaftliche Katastrophe voraus, Ähnliches haben wir auch in Bezug auf den Brexit gelesen.

McEwan prangert den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union an, da seine Heimat sozusagen den Rückwärtsgang einlegt. Bezeichnenderweise nennt er die Vertreter des Reversalismus  Rückdreher - ein deutliches Statement.
Darüber hinaus rechnet er in seiner "bitterbösen politischen Satire", wie es im Klappentext heißt, auch mit dem Politbetrieb an sich ab.
"In schwierigen Zeiten wie diesen brauchte das Land einen verlässlichen Feind." (76) 
Ein Schiffsunglück wird politisch ausgeschlachtet, um die Stimmung im Land zu Gunsten Sams zu drehen. Unbequeme Minister werden verleumdet, Meinungen so getwittert, dass "eine solche Bedeutungsdichte [entsteht, die], aufs Eleganteste gepaart mit leichtfüßiger Loslösung von allen Details" ist (77). Die Anspielungen auf Trump sind eindeutig und überaus treffend.

Am Ende gibt es tatsächlichen einen Plan...

Die Meinung in der Leserunde war fast einhellig. Die Novelle (?) oder die Parabel sei mit heißer Nadel gestrickt, was zu Lasten der Literarizität geht. Die Figuren werden kaum entwickelt, die Verwandlung von der Kakerlake zum Menschen tritt schnell in den Hintergrund, einiges wird referiert statt erzählt. Schade!
Die Sprache ist hingegen wie nicht anders zu erwarten messerscharf:
"Jim hatte hervorragende Fühler für die öffentliche Gemütslage." (88)
"Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz." (97)

Es ist verständlich, dass McEwan das Bedürfnis hat, sich seine Frust über den Brexit von der Seele zu schreiben. Das Thema ist jetzt aktuell, also muss das Büchlein sofort auf den Markt. Zu deuten gibt es wenig, seine Aussagen sind glasklar: Der Alleingang Großbritanniens ist ein Rückschritt und aus seiner Sicht ein gewaltiger Fehler, die Politiker sehen nur ihren Vorteil, berücksichtigen das Wohl des Volkes zwar in ihren Reden, jedoch nicht in ihren Taten und Entscheidungen.
Die Frage ist, wen diese Botschaft erreicht und ob sie von denen gehört wird, die es betrifft.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Leseexemplar.