Dienstag, 20. Juli 2021

Stefan Zweig: Schachnovelle

 - ein Psychodrama.

Leserunde auf whatchaReadin

Die Novelle spielt ausschließlich auf einem "großen Passagierdampfer, der um Mitternacht von New York nach Buenos Aires abgehen sollte" (5). Der Ich-Erzähler, ein Österreicher, erfährt von einem Freund, dass der Weltschachmeister Mirko Czentovic an Bord ist, dessen ungewöhnlicher Werdegang im Folgenden geschildert wird. Der 12-jähriger Slawe wurde als Waise von einem Pater aufgenommen. Er lernt weder korrekt zu schreiben noch zeigt er sich in Mathematik fähig, aber es stellt sich per Zufall heraus, dass er eine Begabung fürs Schachspielen hat, obwohl er nicht in der Lage ist, Partien blind zu spielen. Das verrät "einen Mangel an imaginativer Kraft" (12), trotzdem steigt er zum Weltmeister auf. Der Freund des Ich-Erzählers stellt fest, dass Czentovic nur an Schach und Geld interessiert und vor allem von sich überzeugt ist.
Die Neugier des Ich-Erzählers ist geweckt und er will dieses Genie kennenlernen, was ihm auch gelingt, als er selbst mit einem reichen Schotten McConnor Schach spielt, um den Weltmeister anzulocken. Dieser wiederum lässt sich vom Geld verführen und spielt gegen einige "drittklassigen Spielern", die er natürlich besiegt. Bis ein Unbekannter ins Spiel kommt, der dem Weltmeister ein Remis entlockt. Neugierig geworden sucht der Ich-Erzähler diesen Schachvirtuosen auf, der sich als Wiener Rechtsanwalt Dr. B. entpuppt, der "am selben Abend, da Schuschnigg seine Abdankung bekannt gab, und einen Tag, ehe Hitler in Wien einzog" (S.41), also am 11.3.1938 von der Gestapo verhaftet wird, da seine Kanzlei Kontakt zur Krone hatte, Vermögenswerte von Klöstern heimlich gesichert hat und er selbst von einem Spion verraten wird. Er wird jedoch nicht in ein Konzentrationslager deportiert, sondern in einem Hotel in Isolationshaft genommen.

Die Novelle führt den Leser*innen an diesem Beispiel die perfide Grausamkeit des nationalsozialistischen Regimes vor Augen, da sich Dr.B. zum Nichtstun gezwungen wird und ohne soziale Kontakte allein in seinem Zimmer auf die Verhöre warten muss.

"Man tat uns nichts - man stellte uns nur in das vollkommene Nicht, denn bekanntlich erzeugt kein Ding auf Erden einen solchen Druck auf die menschliche Seele wie das Nichts." (43)

Dieses Nichts beginnt ihn innerlich zu zerstören, doch per Zufall gelingt es ihm vor einem Verhör ein Buch aus einem Mantel zu entwenden - "ein Schachrepititorium, eine Sammlung von hundertfünfzig Meisterpartien." (55)

Das, was Czentovic nicht gelingt, das Blindspielen, vermag Dr. B. und zunächst scheint es ein Segen für ihn zu sein. Mithilfe der Repitition berühmter Schachpartien kann er den endlosen Verhören und der Einsamkeit entkommen. Indem er jedoch beginnt, gegen sich selbst zu spielen, seine Persönlichkeit in ein "Ich Schwarz" und "Ich Weiß" (63) zu spalten, die imaginativ - ohne echtes Schachbrett - gegeneinander wetteifern und Züge antizipieren müssen, steigert er sich in eine Manie, bis hin zur "Schachvergiftung" (66), die zu seinem Zusammenbruch führt.

Er muss in ein Krankenhaus und dem Arzt gelingt es, ihn in die Freiheit zu entlassen, so dass er sich jetzt auf dem Schiff befindet. Jener Arzt hat ihn auch davor gewarnt, wieder Schach zu spielen. Und doch reizt es ihn gegen den behäbig langsamen Schachweltmeister anzutreten. In der Partie offenbaren sich die unterschiedlichen Spielweisen - Czentovic überlegt sehr lange, bevor er zieht, während Dr. B. bereits alle möglichen Spielzüge antizipiert hat und blitzschnell reagiert. Seine Ungeduld wächst und dem Ich-Erzähler fällt auf, "dass seine Schritte trotz aller Heftigkeit dieses Auf und Abs immer nur die gleiche Spanne Raum ausmaßen [...] schaudernd erkannte [er], es reproduzierte unbewusst dieses Auf und Ab das Ausmaß seiner einstmaligen Zelle" (78). Das reale Schachspiel hat Dr. B. wieder in den Bann seiner Isolationshaft hineingezogen, in der er gegen sich selbst gespielt hat. Dem Ich-Erzähler gelingt es während der 2.Partie, in der Dr. B. den Bezug zur Realität verliert, diesen wieder zurückzuholen und man kann vermuten, dass er nie mehr ein Schachbrett anrühren wird.


Eine lesenswerte Novelle, die, wie im Nachwort ausgeführt, ganz unterschiedliche Lesarten hat. Im Vordergrund stehen die sehr gut erzählte Geschichte -

"Zweig reißt die Aufmerksamkeit des Lesers geradezu an sich, zieht ihn förmlich in die imaginäre Welt seiner Erzählung hinein." (89, Nachwort) -

und das Aufeinandertreffen zweier Lebensweisen. Die langsame „Schachmaschine“ trifft auf den schnellen, imaginativ Denkenden und treibt ihn in den Wahnsinn. Die perfide Grausamkeit der Isolationshaft der Nazis wird ebenfalls deutlich vor Augen geführt - was macht das psychisch aus einem Menschen. Und nicht zuletzt die Spaltung der Persönlichkeit, die Schachmanie, die entsteht und droht wieder aufzubrechen, wenn der entsprechende Reiz gesetzt wird - eine Folge der Haft. Zu Recht ist die Novelle Zweigs bekanntestes Werk!

Klare Lese-Empfehlung ;)

Sonntag, 27. Juni 2021

Annalena McAfee: Blütenschatten

"Standbild, dann Rücklauf."

Leserunde auf whatchaReadin

Die Künstlerin Eve Laing wandelt durch das nächtliche London und besucht um die Weihnachtszeit das Haus, in dem sie noch vor neuen Monaten mit ihrem Mann Kristof, einem erfolgreichen Architekten, gelebt hat. Die 60-Jährige hat ihn jedoch für einen Jüngeren verlassen und reflektiert in dieser einen Nacht, in der die Geschichte spielt, über ihr Leben.

"Es dauerte ein ganzes Leben, um es aufzubauen, und nur eine Sekunde, um es zu zerstören. Familienleben. Das ging als Erstes flöten. Dann die Würde, und mit ihr der gute Ruf. Alles andere folgte in dem Strudel. Nur ihre Arbeit ist geblieben. Der Junge fing ihren Blick ein und hielt ihn fest. Standbild, dann Rücklauf." (11)

Bereits zu Beginn des Romans wird Eves derzeitige Situation beschrieben, doch wie es dazu gekommen ist und was die einzelnen Aussagen bedeuten, entfaltet sich, während sie selbst durch London läuft und immer wieder innehält (Standbild) und in Rückblicken (Rücklauf) an das zurückdenkt, was sie an diesen Punkt geführt hat, in dem sie gezwungen ist, loszulassen.

Erzählt wird ausschließlich aus ihrer Sicht, allerdings in der Sie-Form, so dass die Distanz gewahrt bleibt, die auch dadurch entsteht, dass Eve sich als recht unsympathische Figur präsentiert. Gemeinsam mit zwei "Freundinnen", Mara und Wanda, hat sie in London die Kunstakademie besucht und anschließend Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre in New York gelebt. Den Begriff "Freundinnen" müsste man allerdings ersetzen durch "Feindinnen". Das, was sich die drei gegenseitig aus Missgunst und Neid angetan, haben, ist bitterböse.

Eves Gedanken kreisen

1. Um ihre Tochter Nancy

"Was erwartete ihre Tochter denn, dieses liberale Dummchen mit ihrer Glutenunverträglichkeit und ihrer Schwachsinnstoleranz?" (63)

- von der sie enttäuscht ist, die sie verachtet und mit der sie den Kontakt abgebrochen hat.

2. Um ihre Beziehung zu Florian Kis

Bekannt wurde Eve durch ein Porträt "Mädchen mit Blume", das der angesagte Künstler und ihr Lehrer Florian Kis von ihr gemalt hat und das sie in einer unterwürfigen Pose, nackt zu den Füßen des Malers zeigt. Dass er sie sexuell ausgenutzt und als dessen Muse galt, nagt immer noch an ihr.

"Und was war mit Florian Kis? Nun ja, daran arbeitete sie sich heute noch ab." (45)

"Nachdem sie sich endgültig von Florian losgeeist hatte, taumelte sie von einem Abenteuer, zuweilen auch einem Missgeschick ins nächste, doch damals gab es in Eves Liebesleben keine langen Schatten." (53).

3. Um ihre eigene Kunst und damit verwoben ihre Konkurrenz zu Wanda Wilson 

Nur die "Blütenschatten" interessieren sie, denn als Künstlerin hat sie sich einen Namen durch ihr Werk "Underground Florilegium" gemacht.

"Darin hatte sie auf Harry Becks klassischer Tube-Map aus den 1030er Jahren die Namen der Stationen mit ihren botanischen Bildern ersetzt." (31)

Allerdings glaubt sie ihre "florale" Kunst erfahre nicht die notwendige Wertschätzung und der Neid auf die inzwischen erfolgreiche Performance-Künstlerin Wanda, die ihr Elend theatralisch zu inszenieren versteht, frisst sie auf. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung, die Eve Wanda attestiert, trifft ebenso auf sie selbst zu.

Alles muss sich um sie und ihre Kunst drehen, so ist sie geschmeichelt, dass ihr neuester Assistent Luka, der 30 Jahre jünger ist als sie, sich ernsthaft für sie zu interessieren scheint.

4. Um Luka und ihre Arbeit am Poison Florilegium

Die zynische Eve lässt sich mit Haut und Haaren auf diesen jungen Mann ein, der es vermag ihre Leidenschaft neu zu entfachen und ihre Arbeit zu beflügeln.

Die jüngste Vergangenheit nimmt den größten Raum des Romans ein und dieser Teil der Geschichte entfaltet trotz der akribischen Beschreibung der Arbeitsweise der Künstlerin einen Sog, dem man nur schwerlich widerstehen kann und gipfelt in einem furiosen Finale. 

Zu Beginn erscheint die Sprache Eves manieriert, wie eine der Mitleserinnen der Leserunde es treffend beschrieben hat, doch ist dies nur ein Stilmittel, das Eve treffend charakterisiert. Teilweise ist die dezidierte Beschreibung der künstlerischen Arbeit etwas langatmig, doch die sich steigernde Geschichte um Eve und Luka überwiegt eindeutig - und der Schluss ist wirklich genial, der die Bemerkung auf dem Buchrücken, Eve sei kein zartes Pflänzchen, sondern eine kompromisslose Künstlerin, die ihre Passion über alles stelle, eindrucksvoll bestätigt.

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für diesen empfehlenswerten Roman!


Dienstag, 8. Juni 2021

Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht

- eine Wiederentdeckung.

Leserunde auf whatchaReadin

In zwei aufeinander folgenden Nächten vertraut die ca. 40jährige Heleen, die in einer Nervenklinik liegt, der Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Die Geschichte spielt in den Niederlanden zu Beginn des 20.Jahrhunderts.
Der Roman ist vollständig als Monolog der Ich-Erzählerin konzipiert, die Reaktionen der Nachtschwester erfahren wir lediglich aus ihren Kommentaren.

"Nein, bitte, legen Sie die Näharbeit nicht weg. Lassen Sie mich bitte noch ein bisschen bei Ihnen sitzen, bringen Sie micht nicht ins Bett." (33)

Dadurch, dass Heleen durchgängig erzählt, ist die Beichte sehr intensiv und komprimiert. Beim Lesen entsteht ein Sog, der die Leser*innen in diese außergewöhnliche Lebensgeschichte hineinzieht. Die Fragen, die im Raum stehen, sind:

Warum ist Heleen in der Nervenklinik? Was hat sie zu beichten? Ist sie wirklich psychisch krank? 

"Ich war die Älteste und habe erlebt, wie das Haus voll wurde." (23)

Neun Geschwister hat sie und muss nach 6 Jahren die Schule verlassen, um zum Einkommen des Haushalts beizutragen, nachdem ihr Vater bei einem Unfall ans Bett gefesselt ist. Damit erfüllt sich letztlich ein Traum für sie, dann bereits als Kind läuft sie einmal von zu Hause weg, da sie  in die Welt hinaus gehen will.

Sie erhält eine Anstellung in dem Schneideratelier einer Französin und ist sich trotz ihrer 13 Jahre bewusst, "dass [sie] große braune Augen hatte, das Weiß bläulich wie Porzellan, und [ihre] Haare waren schwarz, ganz glatt und glänzend." (45)

Täglich betrachtet sie sich im Spiegel, dem sie gegenüber sitzt und stellt sich vor, sie trage die wunderschönen, kostbaren Kleider, an denen sie arbeitet. Als sie zu ihrem 15.Geburtstag von den anderen Angestellten ein braunes Kleid aus Baumwollsamt erhält, verschwindet das Spiegelmädchen. Sie erkennt, dass sie "ärmlich gekleidet" (48) ist und damit möchte sie, die sich nach Schönheit sehnt, und alles, was sie stört und irritiert, "hässlich" nennt, nicht abfinden.

Heleen nutzt die Bekanntschaft eines Handelsvertreters für Stoffe, um einen sozialen Aufstieg zu erreichen. Dafür muss sie gegen den Willen ihres Vaters, der sie verdammt, ihr Elternhaus verlassen. Die Antwort ihrer Mutter zeigt, wie schwierig es für Frauen in dieser Zeit gewesen ist, einen eigenen, selbstbestimmten Weg einzuschlagen.

"Sie sagte nur, sie habe lebenslang ihre Pflicht getan. Und sich an die Gebote gehalten. Und auch auf ihrem Leben habe kein Segen gelegen." (83)

Heleen muss die ganze Nacht - und auch noch eine weitere, reden, sonst "werde [sie] vollkommen verrückt." (94)

Diese Beichte ermöglicht ihr, das Furchtbare, das sie getan hat, zu begreifen. Der Monolog gleicht einer intensiven Psychoanalyse, lässt die Gefühle und Erkenntnisse aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche steigen. In der 2.Nacht werden die Reaktionen der Nachtschwester kaum noch kommentiert, der Drang, sich alles von der Seele zu reden, wird größer. Was sie getan und erlebt hat, zeigt, dass sie, die selbst wenig Liebe erfahren hat, kaum Selbstvertrauen hat und sich fast ausschließlich über ihre Schönheit definiert. Ihre Angst, den Menschen, den sie über alles liebt, zu verlieren, weil sie älter wird, ist unerträglich für sie und führt letztlich zu einer Katastrophe.

Ein Roman, der aufgrund der Erzählweise einen Sog entfaltet, dem ich mich kaum entziehen konnte. Sehr intensiv erlebt man die Lebensgeschichte dieser aufstrebenden jungen Frau mit, die aus der Unterschicht kommend, aufsteigt, um zu fallen.

Ein Roman, dem ich viele Leser*innen wünsche!



Sonntag, 23. Mai 2021

Grazia Deledda: Schilf im Wind

 "Warum bricht uns das Schicksal, wie der Wind das Schilf bricht?" (353)

Leserunde auf whatchaReadin

1926 erhielt die sardische Schriftstellerin Grazia Deledda den Literaturnobelpreis, ihr Roman "Schilf im Wind" ist jetzt im Manesse Verlag in einer wunderschönen Neuedition aufgelegt worden. Das italienische Original erschien im Jahr 1913, etwa zu jener Zeit spielt auch das Geschehen in der Heimat der Schriftstellerin.

Im Mittelpunkt steht "Efix, der Knecht der Damen Pintor" (5), der das Landgut der verarmten Adligen seit 30 Jahren bewirtschaftet. Einst verfügte die Herrschaft über mehrere Ländereien, doch wie ein Junge aus dem Dorf erzählt, liegt "nach dem Tod von Donna Maria Christina, Eurer seligen alten Herrin [...] ein böser Bann auf Eurem Hause" (15). Die jüngste der Pintor-Schwestern, Lia, sei davon gelaufen, um ein selbst bestimmtes Leben zu führen und einen Bürgerlichen zu heiraten, ihr Vater Don Zame habe sie gesucht und sei an der Brücke getötet worden.

Und nun ist ein Brief Don Giacontos angekommen, der Sohn Lias, die inzwischen ebenfalls verstorben ist. Seine Ankunft bringt das Leben der drei verbleibenden Schwestern Pintor - Donna Ruth, Donna Esther und Donna Noemi - aus dem Gleichgewicht. Auch der Knecht Efix muss sich einer alten Schuld stellen und ist gezwungen seine geliebtes Landgut zu verlassen, um für diese Schuld zu sühnen.

Folglich sind Schuld und Sühne die bestimmenden Themen des Romans, der jedoch auch aufzeigt, dass unter den bestehenden Normen der Gesellschaft ein selbst bestimmtes Leben kaum möglich ist, da eine Heirat an Standeszugehörigkeit gebunden ist und die Liebe sich dem unterwerfen muss. Vor allem am Beispiel Donna Noemi wird deutlich, dass sie sich nach einer anderen Lebensweise sehnt, jedoch in den Mauern der Konventionen gefangen ist.

Während die Landschaftsbeschreibungen Bilder beim Lesen entstehen lassen und die Art und Weise, wie die Sarden kurz vor dem ersten Weltkrieg gelebt haben, deutlich wird - v.a. ihr tief verwurzelter Aberglaube, bleiben die Figuren bis auf Efix seltsam blass. Ihre Handlungen und Entscheidungen lassen sich nur teilweise nachvollziehen und das liegt nicht daran, dass uns die Normen und Konventionen der Gesellschaft heutzutage überholt erscheinen, sondern daran, dass die Geschichte hauptsächlich aus Efix personaler Sicht erzählt wird, so dass uns Donna Noemi oder auch Giaconto fremd bleiben. Man fiebert weder mit noch wird von der Geschichte gefangen genommen. Hinzu kommen viele Traumsequenzen, in denen Wünsche und Realität verschwimmen, was den Lesefluss zusätzlich erschwert.

Ein Roman, der sicherlich viele Leser*innen begeistern kann, zu dem ich aber leider keinen Zugang gefunden habe.

Sonntag, 28. März 2021

Takis Würger: Noah

 Von einem, der überlebte

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Lebensgeschichte von Noah Klieger, die er im "Frühling des Jahres 2018 in Tel Aviv [...] unter einem Kumquatbaum im Garten eines Hochhauses" (9) dem Schriftsteller Takis Würger erzählt hat. Im Dezember 2018 verstarb Noah Klieger in Tel Aviv.

Im Jahr 2017 lernte Würger den Auschwitz-Überlebenden in Günzburg kennen, wo er an einem bayrischen Gymnasium über die Shoah sprechen sollte, und sie entschieden, dass sie gemeinsam sein Leben festhalten wollten - zweieinhalb Monate lange erzählte Noah Klieger und Takis Würger hörte zu. Er selbst sagt, dass dieses Buch in der "Tradition der Oral History" erschienen ist. Die Geschichte wird so erzählt, wie Noah sie erinnert. Daraus resultieren einerseits Leerstellen in der Biographie - Ereignisse, zu denen man als Leser*in gern mehr erfahren hätte - andererseits ein nüchterner, fast sachlicher Stil, der eher einem Bericht als einer erzählten Geschichte gleicht. Die Erklärung, dass Noah Klieger die Geschichte genau in dieser Art und Weise erzählt haben wollte und dass manche Ereignisse so traumatisch sind, dass Menschen auch nach Jahrzehnten nicht darüber sprechen können, erfahren wir als Leser*innen erst im Nachwort von Takis Würger, Noahs Nichte Alice Klieger und von Sharon Kangisser Cohen, die erzähltheoretische Erklärungen für die Art und Weise der Darstellung liefert. Diese Informationen hätte ich für meinen Teil gerne als Vorwort gelesen, um die Lebensgeschichte und den Stil, in dem sie geschrieben wurde, besser einordnen zu können.

Zum Inhalt

Der erste Teil erzählt von Noahs Verhaftung in Belgien und seiner Deportation nach Auschwitz. Das Leben im Lager wird knapp geschildert, vieles nur angedeutet. All jene, die sich mit der Thematik beschäftigt haben und andere Romane "Gegen das Vergessen" gelesen haben, wissen die Leerstellen zu füllen. In der Leserunde wurde in dem Zusammenhang über die Frage diskutiert, ob Jugendliche, die zum ersten Mal eine Lebensgeschichte eines Holocaust-Überlebenden lesen, nicht zusätzliche Informationen bräuchten - sie sollten auf jeden Fall zuerst das Nachwort lesen.

Die perfide Grausamkeit der Täter, ihre Willkür und ihr Sadismus sind trotz des nüchternen Erzählstils greifbar und gleichzeitig unfassbar. Noah überlebt die schwere Arbeit, die Selektionen, bei denen er auf Josef Mengele trifft und auch den Todesmarsch. Er selbst hat sein Überleben "als einen Überlebenskampf, in dem er ein aktiver Teilnehmer war" (169) betrachtet.

Während der zweite Teil von der unmittelbaren Zeit nach der Befreiung der Lager berichtet, handelt der dritte Teil von der Überfahrt der Exodus von Frankreich nach Palästina, wo das Schiff von britischen Soldaten überfallen, angegriffen und zurück nach Frankreich gezwungen wurde. Dieser Teil der Geschichte, der Umgang mit den jüdischen Überlebenden, ist weniger bekannt und zeigt, dass für viele das Leiden nach der Kapitulation Deutschlands nicht vorüber gewesen ist.

Der letzte Teil dokumentiert, was aus den Menschen, denen Klieger begegnet ist, geworden ist und gibt einen kurzen Überblick über sein eigenes Leben als Zionist und Journalist.

Fazit

Obwohl ich es wichtig finde, dass die Lebensgeschichte Kliegers erzählt werden sollte und im Nachwort auch erläutert wird, warum sie auf diese Art und Weise geschildert wird, hat mich die Biographie dennoch nicht überzeugen können. Der Stil (Würgers (?) ist mir persönlich zu sachlich, zu nüchtern. Ich habe kaum Zugang zur Person Kliegers gefunden, kann mir jedoch vorstellen, dass persönliche Begegnungen mit Noah Klieger oder die Vorträge, die er regelmäßig in Deutschland gehalten hat, sehr bewegend waren, wie Würger in seinem Nachwort schildert. Der Roman vermag dies nur bedingt widerzuspiegeln, auch wenn er "ein Akt des Andenkens - eine Art symbolisches Grab oder eine Dokumentation des Erlittenen" (178) ist.

Vielen Dank dem Penguin Verlag für das Lese-Exemplar.


Sonntag, 14. März 2021

Benedict Wells: Hard Land


- ein "euphancholischer" Roman.

"Neues Wort. Mischung aus Euphorie und Melancholie" (98)

- ein Gefühl, das beides vereint, beschreibt das Empfinden beim Lesen des Romans ziemlich gut.

Der Ich-Erzähler, Sam Turner, inzwischen 17 Jahre alt, schildert rückblickend, was im Sommer 1985 und in dem Jahr danach geschehen ist.

"In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb." (11)
"Es war der Anfang der Sommerferien, und von dem Berg an Langeweile, der vor mir aufragte, hatte ich noch nicht mal die Spitze abgetragen." (11)

Sam schwankt zwischen der Angst um seine Mutter, die einen Gehirntumor hat(te) und der es gesundheitlich besser geht, und dem Wunsch etwas zu erleben. Er will endlich hinter die 49 Geheimnisse (=Anzahl der Kapitel im Roman) seiner Heimatstadt Grady im Bundesstaat Missouri zu kommen, von denen der einzige Schriftsteller der Stadt William J.Morris in seinem Gedichtzyklus "Hard Land" (!) spricht. Diesen Schriftsteller hat Wells wahrscheinlich erfunden, da die Gedichte, in denen Sam während des Sommers liest,  jeweils in Zusammenhang mit der Handlung des Roman stehen.

Interessanterweise erklärt Wells den Aufbau seines Romans, indem er den Highschool-Lehrer, der den Gedichtzyklus im Unterricht bespricht, erklären lässt, "Hard Land" sei wie ein klassisches Drama konstruiert:
Exposition (Die Wellen) - Komplikation (Der Ball in der Luft) - Peripetie (Die Prüfung) - Retardation (Der Streich) - Katharsis (Die Pointe)

Ohne den Inhalt vorwegnehmen zu wollen, es passt perfekt. Im ersten Teil werden die Figuren und der Ort vorgestellt. Sam, der keine Freunde hat, litt als Kind unter Panikattacken und war deswegen in psychotherapeutischer Behandlung. Immer noch fällt es ihm schwer, sich unter Gleichaltrigen cool und gelassen zu verhalten. Im Kino Metropolis, in dem er einen Job bekommt, lernt er eine Clique aus zwei Jungen und einem Mädchen kennen, die nach den Ferien aufs College gehen wird. Zunächst weisen sie ihn freundlich zurück, doch nachdem er sich Kristie offenbart, ihr seinen Kummer und seine Ängste anvertraut hat, verschiebt sich das Gleichgewicht und er wird in dieses seltsame Trio aufgenommen, bestehend aus dem stillen, ruhigen Brandon mit dem Spitznamen Hightower (Football-Spieler), dem redseligen, filmbegeisterten Cameron, der homosexuell ist, und der selbstbewusst wirkenden Kristie, die in einigen Situation unsicher wirkt und Sätze und Wörter wie "die Quittung der Nacht" sammelt.

Im zweiten Teil steht die Beziehung zu Kirstie, in die sich Sam verliebt, im Mittelpunkt. Aber Sam erzählt auch von seinem innigen Verhältnis zu seiner Mutter, die ihn dazu drängt, arbeiten zu gehen, Zeit mit seinen neuen Freunden zu verbringen, weil sie sieht, wie er aufblüht und sie bald nicht mehr für ihn da sein kann.
Auch sein Vater unterstützt ihn erstaunlicherweise darin, obwohl Sam ein eher distanziertes Verhältnis zu ihm hat.
"Mein Vater war mir oft wie ein heruntergelassene Jalousie vorgekommen. Doch an jenem Mittag konnte ich zumindest durch die Ritzen spähen." (47) 

Mit Hightower entwickelt sich eine ernsthafte Freundschaft, gemeinsam joggen sie jeden Morgen und Sam erfährt, dass er als 12-Jähriger seine Mutter verloren hat und bei seinem Stiefvater lebt.

An seinem Geburtstag, der Peripetie, muss Sam drei Prüfungen ablegen - wie ein klassischer Held - und er erkennt, dass es "nicht die gleichen neunundvierzig Geheimnisse für alle gab, sondern jeder seine eigenen hatte" (186).

Die Pointe des Romans ist die gleiche, auf die auch der (fiktive) Gedichtzyklus hinausläuft, und rundet diesen Coming of Age-Roman ab. Freundlicherweise liefert Wells auch eine Erklärung dieses Begriffs, indem er sie ebenfalls dem Lehrer in den Mund legt.
"Der klassische Held [ist] oft auf einer inneren oder äußeren Reise. Ausgelöst in der Regel durch ein einschneidendes Erlebnis wie Verlust oder Liebe, aber auch durch eine erste Konfrontation mit den großen menschlichen Fragen. Das alles zwingt den Helden, sich zu verändern, zu reifen und seinem alten Leben zu entwachsen." (306)

oder wie es bei William Morris heißt:
"Kind sein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsenwerden ist, wenn er wieder herunterfällt." (306)

Benedict Wells trifft den Ton der Jugendlichen und die Themen, mit denen sie sich  auf dem Weg zum Erwachsensein auseinandersetzen, z.B die Frage: Wer bin ich überhaupt oder wie sollte ich sein? Sams Antwort zum Rat der Schulpsychologin, aus sich herauszugehen, lautet:

"Nur, wenn man darüber nachdenkt, ist es ja eine Bankrotterklärung an das eigene Ich, wenn man besser dran ist, da rauszuschlüpfen und es wie eine kaputte Hülle zurückzulassen." (26)

Wells gelingt es hervorragend, dass man sich in die Heranwachsenden hineinversetzen kann und an ihrem Reifen und Wachsen teilnimmt. Die Figuren und auch die Zeit wirken völlig authentisch, die Song- und Filmtitel erinnern an die eigene Jugend ;).

Ein warmherziger Roman - Hard Land könnte man im Englischen auch als Heart Land verstehen - den ich allen ans "Herz" legen möchte, die gerne übers Erwachsenwerden lesen, und denen, deren Ball noch hoch in der Luft fliegt.


Leserunde auf whatchaReadin
Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar.

Freitag, 5. März 2021

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

- Weltbestseller aus Korea

Leserunde auf whatchaReadin


"Kim Jiyoung ist 33 Jahre alt, 34 nach koreanischer Zählung, denn in Korea gilt ein Kind in seinem Geburtstjahr bereits als einjährig (...). Sie hat vor drei Jahren geheiratet und letztes Jahr eine Tochter geboren." (7)

So startet der Roman und gibt in Kurzfassung Jiyoungs Lebenssituation wider. Sie hat ihren Job bei einer Marketingfirma aufgegeben, um ihr Kind zu betreuen. Ihr Mann arbeitet bis spätabends in einer IT-Firma, ihre Eltern betreiben ein Restaurant in Seoul, ihre Schwiegereltern wohnen in Busan, so dass sie mit der Kindererziehung weitestgehend auf sich gestellt ist. Plötzlich legt sie ein sonderbares Verhalten an den Tag und spricht mit der Stimme ihrer Mutter und mit der ihrer ehemaligen Studienkollegin. In diesen "Rollen" spricht sie aus, was sie sich sonst offensichtlich nicht traut zu sagen: Dass die Vorbereitung eines Festessens für die ganze Familie sehr erschöpfend ist oder dass sie an den Feiertagen gerne ihre eigene Familie besuchen würde.

Ist es eine psychische Störung oder schauspielert Jiyoung?

Im folgenden Verlauf des Romans wird Jiyoungs Lebensgeschichte erzählt, angefangen mit ihrer Geburt im Jahr 1982. Sie hat noch eine ältere Schwester und als die Mutter wieder schwanger wird und es sich herausstellt, dass es erneut ein Mädchen wird, treibt sie ab. 

"Geschlechtsbestimmung und Abtreibung weiblicher Föten waren gesellschaftlich akzeptiert, als ob eine Tochter zu bekommen ein medizinischer Grund wäre." (30)

Die Bemerkung ist mit einer Fußnote versehen, in der auf eine entsprechende Quelle dieser Aussage verwiesen wird. Diese Belege tauchen häufiger auf, so dass der Roman wie eine Mischung aus Fiktion und Sachbuch wirkt, ein Eindruck, den der nüchterne Stil unterstützt. Die Sprache steht jedoch nicht im Vordergrund, sondern die Lebensgeschichte Jiyoungs und auch die ihrer Mutter, die ebenfalls kurz skizziert wird.

Sie zeigen eindringlich die Diskriminierung der Frauen in Südkorea. Anhand zahlreicher Situationen, verschiedener Erlebnisse der Protagonistin und der weiterer Frauen, und anhand der Aussagen anderer Figuren wird aufgezeigt, wie Frauen systematisch unterdrückt werden und keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Das fängt vor der Geburt an, da weibliche Föten abgetrieben werden, setzt sich im Kindesalter fort, denn "Töchter opferten sich bereitwillig für ihre männlichen Geschwister." (37) In der Schule werden Jungen bevorzugt behandelt, dürfen z.B. als Erste essen und sind i.d.R. Klassensprecher.

Als die Familie in eine neue Wohnung umzieht, kann Jiyoungs Mutter jedoch durchsetzen, dass die beiden Mädchen ein eigenes Zimmer erhalten, während ihr Bruder weiterhin bei den Eltern schläft - eine kleine Rebellion. Ihre Stärke zeigt einen zaghaften Schritt in die richtige Richtung.

Auf der anderen Seite gibt es viele Szenen, die empören und wütend machen. So wird Jiyoung sexuell von einem Mitschüler belästigt, doch ihr Vater gibt ihr die Schuld daran. Nachdem sie erfolgreich die Universität abgeschlossen hat, muss sie feststellen, dass ihre männlichen Mitbewerber immer die Nase vorn haben. Aber auch in der Arbeitswelt haben Frauen kaum eine Chance auf eine Karriere. Als in der Marketingfirma eine neue Projektgruppe gebildet wird, erhalten zwei männliche Mitarbeiter den Vorrang vor Jiyoung und ihrer Freundin. Da es ein langfristiges Projekt werden soll, hat man Angst, die weiblichen Mitarbeiter könnten aufgrund von Schwangerschaften ausfallen. Flexiblere Arbeitszeiten stehen nicht zur Debatte.

"Jiyoung fühlte sich wie in der Mitte eines Labyrinths. Fleißig und gewissenhaft arbeitend, hatte sie nach einem Ausgang gesucht, den sie, wie sie nun erkannte, von Anfang an nicht gegeben hatte." (144)

Dieser Roman ist ein politisches Bekenntnis, ein Appell für die Gleichberechtigung der Frauen in Korea. Es verleiht den Frauen eine Stimme und stellt schnörkellos ihre Lebenssituation dar. Jiyoung steht dabei stellvertretend für viele. Darin besteht meines Erachtens jedoch auch ein Schwachpunkt des Romans. Denn die Protagonistin bleibt letztlich ein Exempel, der alles widerfährt, was Frauen in Korea geschehen kann. Die Autorin hat alle Ungerechtigkeiten und Widrigkeiten, die einer Frau zustoßen können, in dieser einen Person vereint, wodurch die Figur im letzten Teil nicht mehr authentisch wirkt.

Der Schluss selbst hält noch einen überraschenden Kunstgriff bereit und erklärt die nüchterne Erzählweise. Obwohl sprachlich kein Genuss und trotz der mangelnden Authentizität der Figur am Ende, ein starkes Statement gegen die Unterdrückung der Frauen - nicht nur in Korea.

Ein Roman, der hoffentlich auch weiterhin viele Leserinnen und vor allem Leser finden wird.

Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für das Leseexemplar.