Donnerstag, 16. Januar 2020

Ulf Schiewe: Der Attentäter

- packender historischer Thriller

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Geschichte des Attentats auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand, das als Auslöser des 1.Weltkrieges gilt, äußerst packend und spannend. Betrachtet wird die Woche vor dem Attentat bis zum Tag, an dem der 1.Weltkrieg entfacht worden ist: 22.6.-28.6.1914. Schauplatz ist überwiegend Sarajevo, das Franz Ferdinand anlässlich eines Militärmanövers besuchen will und das, wie ganz Bosnien-Herzegowina, seit 1878 von Österreich-Ungarn annektiert ist.
Die meisten Figuren des Romans sind historische, erfunden hat Schiewe:
"Major Markovic [österreichisch-ungarischer Geheimdienstoffizier], Hauptmann Simon [ebenfalls Geheimdienst] und die Bordellbesitzerin Svjetlana[...]. Ich brauche sie und ihre Handlungen, um dem Geschehen noch mehr Spannung und Würze einzuhauchen. In Wirklichkeit hat wohl niemand, weder die Polizei noch der Geheimdienst, geahnt, was an jenem schicksalhaften 28.Juni passieren würde - außer den Verschwörern und Drahtziehern des Attentats." (Anmerkungen des Autors, 497)

In mehreren Handlungssträngen, gewürzt mit authentischen Zeitungsberichten aus den Archiven, nähert man sich dem Unglückstag. Dabei erleben wir aus der Perspektive aller Beteiligten mit, wie sie die letzte Woche vor dem Attentat erlebt haben.
Zunächst die Attentäter selbst: Gavrilo Princip, 19 Jahre alt, sowie seine Freunde Trifko und Nedeljko, ebenfalls 19 Jahre alt, die als bosnische Serben den Thronfolger als Vertreter der Besatzungsmacht hassen und die alle an Tuberkulose erkrankt sind und für ihr Vaterland zu sterben bereit sind.
"Ja, das ist unser Todesurteil, denkt Gavrilo. Nicht die Schüsse, die sie in Sarajevo abfeuern werden, auch nicht die Zyanidkapseln, die Danilo für sie in seinem Rucksack aufbewahrt. Nein, es ist die Krankheit, dieser schleichende Tod, der sie befallen hat, das Blut, das sie sich aus der Lunge husten. Ohne die Schwindsucht säßen sie nicht auf diesem elenden Kahn. Vielleicht wäre dann alles anders." (163)
Das Zitat wirft die Frage auf, ob die gesellschaftlichen Umstände, die es nur den Reichen ermöglicht, die Tuberkulose zu besiegen, indem sie in Sanatorien reisen können, dazu führen, dass die Jugendlichen aus ärmlichen Verhältnissen, keine Chance mehr sehen und so den radikalen Entschluss fassen, für ihr Vaterland zu sterben.
Die Innensicht ermöglich so neue Einsichten.

Pavle, Mitglied der Schwarzen Hand, eines nationalistisch-serbischen Geheimbundes, fungiert als Schleuser, die Jungen über die Grenze bringt. Danilo Ilic ist ihr Ausbilder, Begleiter und "Aufpasser".
Im Hintergrund agieren "Dimitrijevic, Mitbegründer und Anführer der Schwarzen Hand, und Tankosic, zweiunddreißig Jahre alt, Major der serbischen Armee und ehemaliger Tschetnik im Kampf gegen die Osmanen" (13), der überzeugt ist, dass die Jungen trotz ihrer Jugend den Auftrag meistern werden:
"Ilic meint, Gavrilo ist lungenkrank und weiß, dass er nicht lange zu leben hat. - Ach, und deshalb ist es ihm egal, dass er dabei draufgeht? - Er will nicht abtreten, bevor er etwas Großes für Serbien getan hat." (17)
Auf österreichischer Seite spielt Potiorek eine entscheidende Rolle, der Landeschef von Bosnien-Herzegowina schlägt alle Warnungen zu einem möglichen Attentat in den Wind und schätzt die Zustimmung zur Monarchie in Sarajewo falsch ein.
"Sarajevo ist sicher. Die Bevölkerung freut sich auf den Besuch. Es ist eine Ehre für diese Stadt." (35)
"Feldzeugmeister Potiorek hat die Armee aus der Stadt verbannt. Wir sollen nicht als Besatzungsmacht auftreten, sagt er. Er will fröhliche Menschen auf den Straßen, die Eure Hoheit mit Begeisterung zujubeln, und keine Soldaten." (49)

Hinzu kommt das Franz Ferdinand ausgerechnet an einem nationalen Gedenktag der Serben in Sarajevo seinen Auftritt hat. Markovic sieht die Gefahr, die davon ausgeht.
"Ein Gutteil der Bevölkerung sieht in der Annexion durchaus einen Vorteil, besonders wirtschaftlicher Art. Nicht wenige, vor allem die bosnischen Serben, betrachten die Österreicher allerdings als Besatzer und Unterdrücker." (37)

Besonders interessant sind die Szenen, die den Thronfolger mit seiner Frau Sophie und den drei Kindern zeigen. Unbekannt dürfte den meisten sein, dass die beiden eine morganatische Ehe führten. Da Sophie von niederem adligen Stand ist, wird sie behandelt wie eine legitimierte Mätresse, die Nachkommen sind von der Thronfolge ausgeschlossen. Aber die beiden lieben sich und Franz Ferdinand hat jahrelang um diese Ehe gekämpft. Im Privaten erscheint er als liebevoller Ehemann und Vater, in der Öffentlichkeit und seinen Untergebenen gegenüber wirkt er jedoch oft cholerisch.
Sie hingegen ist durchweg sympathisch, will ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen und freut sich auf den Auftritt in Sarajevo, da sie nur bei militärischen Manövern an der Seite ihres Mannes stehen darf. Bei offiziellen Anlässen in Wien ist ihr dies nicht erlaubt.

Im Verlauf der Handlung streben die einzelnen Handlungsstränge aufeinander zu. Die Attentäter nähern sich Sarajevo, das Schleusen über die Grenze ist unglaublich spannend beschrieben, während der Geheimdienst ihnen langsam auf die Spur kommt - zwar fiktiv, trotzdem spannend.
Der Thronfolger reist via Schiff Richtung Sarajevo, Sophie mit der Bahn zu ihrem luxuriösen Domizil, während die Attentäter in ihrem Unterschlupf immer wieder von Zweifeln geplagt werden. Die Innensicht aller Beteiligten ermöglicht den Leser*innen selbst die Attentäter als Menschen wahrzunehmen, ihre Motive nachzuvollziehen, auch wenn man letztlich kein Verständnis für ihre Tat aufbringen kann.

Ein sehr dichter Roman, vor allem die Schilderung des letzten Tages - den muss man zusammenhängend lesen. Die fiktiven Zeitangaben über den Kapiteln verstärken die Dichte der Ereignisse, nebenbei verleihen sie dem Geschehen wie auch die Zeitungsbericht zusätzlich Authentizität.
Besser als alle Geschichtsbücher und viel spannender, war der Tenor in der Leserunde, in der der Autor selbst unsere Fragen beantwortet hat.

Klare Lese-Empfehlung!

Montag, 6. Januar 2020

George Eliot: Middlemarch

"Eine Studie über das Leben in der Provinz"

Leserunde auf whatchaReadin

In der wunderschönen Neuausgabe erwartet die Leser*innen zu Beginn ein Vorwort, das sowohl eine inhaltliche Übersicht mit Vorwegnahme des Schlusses (!) sowie "Interpretationshilfen" liefert. Das ist eher ungewöhlich, erwartet man die Deutung doch eher im Nachwort, das zusätzlich existiert und Erläuterungen zur Entstehung, Struktur und Intention des Romans bietet.

Hilfreich beim Vorwort ist die Strukturierung der Handlung und das Vorstellen der wichtigsten Frauenfiguren, die "verschiedene Facetten von Weiblichkeit" (5) zeigen.

Im Mittelpunkt der Handlung, die 1828 beginnt und im ländlichen Middlemarch, einer Kleinstadt in England, spielt, steht die 17-jährige Waise Dorothea Brooke, die mit ihrer Schwester Celia auf dem Gutshof ihres Onkels lebt. Sie ist tief religiös und neigt dazu, sich selbst zu kasteien, wobei sie gleichzeitig bestrebt ist Gutes zu tun, indem sie z.B. Pläne zeichnet, um die Häuser der Pächter zu verbessern. Sie strebt nach Wissen, das ihr als Frau verweigert wird, so dass sie den unattraktiven, leidenschaftslosen geistlichen Mr. Casaubon als Ehemann erwählt.

Ihr Onkel, der ein Aufschneider ist und dessen Bemerkungen „wie [...] abgebrochene[...] Flügel eines Insekts unter all den anderen Bruchstücke, [die] in seinem Geist herumlag(en)“ (37), erscheinen, lässt Dorothea die freie Wahl, sofern sie standesgemäß (!) heiratet.
Doch sie weiß, was sie will. Sie möchte Mr Casaubon dienen, seine Arbeit unterstützen, um an seinem Wissen zu partizipieren.

„In einer wahrhaft bezaubernden Ehe war der Gatte eine Art Vater und konnte einem Hebräisch beibringen, falls man es wünschte.“ (26)

Den Leser*innen ist von Anfang klar, dass diese Ehe nicht glücklich werden kann. Der kommentierende, auktoriale Erzähler gibt uns zahlreiche Hinweise darauf, stellt aber auch Mr. Casaubons Sichtweise war. Das ist eine der Besonderheiten des Romans, da der auktoriale Erzähler die Figuren von mehreren Seiten beleuchtet, so dass eine Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit entsteht. In einer komplexen Welt sind die Motive und Handlungen nicht immer monokausal, das zeigt Eliot auf und sie lässt uns Interpretationsspielraum. Eine Folge davon waren viele Diskussionen während der Leserunde ;)

Dorothea, die im "Vorspiel" mit der Heiligen Therese verglichen wird, sieht die warnenden Anzeichen nicht, dass ihr Zukünftiger ihr nicht das wird geben können, was sie erwartet.

„Dorotheas Glaube fügte all das hinzu, was Mr. Casaubons Worte ungesagt zu lassen schienen. Welcher Gläubige bemerkt schon eine störende Auslassung oder eine ungeschickte Formulierung.“ (77)

So versuchen einige Figuren sie von ihrem Vorhaben abzubringen, wie Mrs. Cadwallader, "eine Dame von unermesslicher Geburt, gewissermaßen aus dem Geschlecht unbekannter Adeliger" (80), die die Preise herunterhandelt und gleichzeitig ist sie die "Diplomatin von Tipton und Freshitt, und alles, was ohne sie geschah, war eine kränkende Regelwidrigkeit" (91). Als sie von der Verlobung zwischen Doro und Mr. Casaubon erfährt, ist sie entsetzt und macht Mr. Brooke Vorwürfe, doch die Sache ist beschlossen, worauf sie Sir James Chettam, einem Adligen, der ernsthaft an Doro interessiert ist, warnt und ihm rät, sich der jüngeren Schwester zuzuwenden.

Sir James zeigt Größe und schluckt seinen Stolz herunter, er wird Celia heiraten, die "mit dem beschränkten Wirkungsfeld zufrieden [ist], das ihr das Leben auf Freshitt Hall bietet, [so] verkörpert sie eine ruhige von Lebensweisheit geprägte weibliche Stabilität." (7)

Ihr Leben ist gleichzeitig als Gegenentwurf zu Dorotheas Ansprüchen zu lesen, Celia erscheint pragmatisch, verändert sich im Verlauf des Romans nicht. Allerdings unterwirft sie sich keinesfalls ihrem Gatten bedingungslos, sie kann ihren Willen durchsetzen, indem sie die Waffen der Frauen - die Tränen - gezielt einsetzt.

Eine Strategie, die Rosamond Vincy, Tochter eines erfolgreichen Fabrikanten, perfekt beherrscht. Sie hat es auf den ehrgeizigen, jungen Arzt Tertius Lydgate abgesehen, der neu in Middlemarch ist.

"Sie will eine gute Heiratspartie machen, wünscht sich Wohlstand und soziale Anerkennung, die mit diesem im viktorianischen Großbürgertum einhergeht." (9)

Das Schicksal Lydgates nimmt neben der Dorotheas den größten Raum im Roman ein.
"Für George Eliot, die sich intensiv mit der medizinischen Forschung auseinandersetzte, war dies offenbar der ursprüngliche thematische Kern des Romans um Lydgate und Middlemarch." (1127, Nachwort)
Er muss sich mit seinen neuen medizinischen Methoden in der Gesellschaft Middlemarchs behaupten und gerät in einen Loyalitätskonflikt, der weitreichende Folgen für ihn hat. Zudem lebt er über seine Verhältnisse und ist zu schwach, um Rosamond Widerstand entgegenzusetzen, die sich aus meiner Sicht als die unsympathischste Frauenfigur entpuppt.

Mary Garth, Tochter eines Grundstücksverwalters, die Einzige, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen muss, ist eine weitere Frauenfigur im Roman, deren Bodenständigkeit sich wohltuend von Rosamonds Snobismus abhebt. Ausgerechnet Rosamonds Bruder Fred, der sein Examen nicht bestanden hat und auf ein reiches Erbe hofft, sich von Marys Vater Geld geliehen hat, das er nicht zurückzahlen kann, will Mary zur Frau nehmen. Die beiden kennen sich von Kind an und lieben sich, jedoch will Mary ihn erst dann heiraten, wenn er seine Lebensweise ändert. Es stellt sich die Frage, ob ihm das gelingen kann, ist er doch von seiner Mutter verzogen worden und scheint den Ernst des Lebens (noch) nicht begriffen zu haben.

Eine weitere wichtige Figur in diesem Personentableau ist Will Ladislaw, ein junger, attraktiver Mann und der Neffe Mr. Casaubons. Auf Dorotheas Hochzeitsreise nach Rom, die Mr. Casaubon hauptsächlich für seine Studien nutzt, er arbeitet an einem Schlüssel zu allen Mythologien, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Will und Doro, wobei sich der junge Mann hoffnungslos in Dorothea verliebt, die jedoch in aller Unschuld ihrem Gatten treu ergeben ist. Man kann vermuten, dass im Lauf der Handlung diese Beziehung, auf die Mr. Casaubon sehr eifersüchtig ist, noch eine entscheidende Rolle spielen wird.

Die sehr komplexe Handlung ist gekennzeichnet durch Parallelen und Gegensätze, diese verbinden die Figuren und deren Schicksale miteinander, die Verflechtungen sind vielfältig.
Das Ziel des auktorialen Erzählers ist es, "bestimmte Schicksale zu entwirren und zu sehen, wie sie gewoben und ineinander verwoben sind, dass ich alles Licht, über das ich verfüge, auf dieses spezielle Gewebe konzentrieren muss und nicht über jene verlockende Fülle von Bedeutsamkeiten verstreuen darf, die man das Universum nennt." (15.Kapitel)

Eliot entwirft ein authentisches Bild der englischen Klassengesellschaft auf dem Land, historischer Hintergrund bietet dabei die Parlamentsreform von 1832. In den Kommentaren des auktorialen Erzählers spiegeln sich das Denken und die Einstellungen der Autorin zum Landadel und zum Bürgertums wider. Im besonderen Fokus steht das zeitgenössische Frauenbild, das Frauen zugesteht, ergebene Ehefrauen zu sein, die ihren Männern dienen und schmückendes Beiwerk abgeben sollen.
Nur Männern ist es vergönnt - ihren Verstand zu gebrauchen, Frauen handeln nach Gefühl und sind nicht in der Lage zu denken, so lautet die gängige Meinung.

"Es ist anstrengend, mit solchen Frauen zu reden. Sie wollen immer Gründe haben und wissen doch zu wenig, als dass sie den eigentlichen Wert einer Frage verstünden, und im Allgemeinen greifen sie auf ihr Moralgefühl zurück, um die Dinge nach ihrem eigenen Gutdünken zu regeln." (134)
 - da hat sich doch einiges im Vergleich zu 1829 geändert.
Bezeichnenderweise hat die Autorin Mary Ann Evans unter dem männlichen Pseudonym George Eliot ihren Roman veröffentlicht - allerdings stand sie nie an der Front der Frauenbewegung. Alle Frauenfiguren im Roman, auch Dorothea sehen in der Ehe die Bestimmung der Frau.

Für manche mag die Sprache des Romans gedrechselt klingen, eine Kritik, die auch die Zeitgenossen ausgesprochen haben. Das Nachwort greift diese Kritik auf, doch der Übersetzer gibt zu bedenken, dass "der Stil zugleich auch Ausdruck der Philosophie der Autorin [sei]; ihre komplexen und komplizierten Satzstrukturen, ihre Bemühungen um ein Geflecht von kausalen Beziehungen der Nebensätze, um Aufdeckung von Parallelen und Kontrasten stimmt mit ihrer Gesellschaftstheorie [Gesellschaft als Organismus, in dem alles miteinander in Verbindung steht] überein (weshalb in der vorliegenden Übersetzung Wert darauf gelegt wurde, die komplexen Satzstrukturen ins Deutsche hinüberzuretten.)" (1131)

Um diesen umfangreichen Roman zu lesen, braucht es daher Muße, Ruhe und den Willen, sich auf diese vergangene Welt und die vielfältigen Figuren in ihrem Beziehungsgeflecht einzulassen, einzutauchen in ihre Geschichten, die Eliot in ihrer - aus meiner Sicht - wunderbaren Sprache erzählt.

Klare Lese-Empfehlung!



Donnerstag, 12. Dezember 2019

Ian McEwan: Die Kakerlake

- eine Satire auf den Brexit.

Leserunde auf whatchaReadin

"Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt." (11)

Aus der einstigen Kakerlake ist ein Mensch geworden, der sich über den "glitschige[n] Fleischlappen" (11) in seinem Mund wundert, über seine eingeschränkte Sichtweise und darüber, dass sein Skelett, sein Panzer nach innen verlagert ist.
Höchst amüsant werden die ersten Gehversuche der Kakerlake beschrieben, die als britischer Premierminister aufgewacht ist - offensichtlich nach einer alkoholgeschwängerten Nacht. In der ersten Begegnung mit einer persönlichen Referentin reichen Grunzlaute zur Verständigung, sein erstes Wort: Okidoki.

Die Parallelen zu Kafka sind offensichtlich und gewollt, ebenso der bitterböse, satirische Blick auf die zeitgenössische britische Politik. Die Botschaft, auch eine Kakerlake kann Premierminister sein, drängt sich auf, wobei der Verdacht genährt wird, es gebe einen "göttlichen" Plan, den die Kakerlake, die (leider) schnell in den Hintergrund rückt, ausführen möchte.
Genährt wird der Verdacht, als Jim in der ersten Kabinettssitzung "ein verblüffendes Wiedererkennen" (34) erlebt - er ist, bis auf eine Ausnahme - von Kakerlaken umgeben, die ebenfalls menschliche Gestalt angenommen haben.

Seine Marschroute für die kommende Zeit steht fest: Er wird den Willen des Volkes, nämlich die Einführung des Reversalismus durchsetzen.
Im Reversalismus, eine Erfindung McEwans, wird der Geldfluss umgedreht:
"Am Ende des Arbeitsmonats gibt eine Angestellte für die vielen Stunden, die sie gearbeitet hat, ihrer Firma Geld. Geht sie einkaufen, wird sie hingegen für jede Ware, die sie mitnimmt, großzügig zum Einzelhandelstarif entschädigt. Bargeld zu horten ist gesetzlich untersagt." (41)

Ein ökonomisches Prinzip, das nicht funktionieren kann, da waren wir uns in der Leserunde einig, vor allem, wenn ein Land einen Alleingang wagt. Reversalismus gleich Brexit - so ist diese Parabel zu lesen, denn Ökonomen sagen eine wirtschaftliche Katastrophe voraus, Ähnliches haben wir auch in Bezug auf den Brexit gelesen.

McEwan prangert den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union an, da seine Heimat sozusagen den Rückwärtsgang einlegt. Bezeichnenderweise nennt er die Vertreter des Reversalismus  Rückdreher - ein deutliches Statement.
Darüber hinaus rechnet er in seiner "bitterbösen politischen Satire", wie es im Klappentext heißt, auch mit dem Politbetrieb an sich ab.
"In schwierigen Zeiten wie diesen brauchte das Land einen verlässlichen Feind." (76) 
Ein Schiffsunglück wird politisch ausgeschlachtet, um die Stimmung im Land zu Gunsten Sams zu drehen. Unbequeme Minister werden verleumdet, Meinungen so getwittert, dass "eine solche Bedeutungsdichte [entsteht, die], aufs Eleganteste gepaart mit leichtfüßiger Loslösung von allen Details" ist (77). Die Anspielungen auf Trump sind eindeutig und überaus treffend.

Am Ende gibt es tatsächlichen einen Plan...

Die Meinung in der Leserunde war fast einhellig. Die Novelle (?) oder die Parabel sei mit heißer Nadel gestrickt, was zu Lasten der Literarizität geht. Die Figuren werden kaum entwickelt, die Verwandlung von der Kakerlake zum Menschen tritt schnell in den Hintergrund, einiges wird referiert statt erzählt. Schade!
Die Sprache ist hingegen wie nicht anders zu erwarten messerscharf:
"Jim hatte hervorragende Fühler für die öffentliche Gemütslage." (88)
"Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz." (97)

Es ist verständlich, dass McEwan das Bedürfnis hat, sich seine Frust über den Brexit von der Seele zu schreiben. Das Thema ist jetzt aktuell, also muss das Büchlein sofort auf den Markt. Zu deuten gibt es wenig, seine Aussagen sind glasklar: Der Alleingang Großbritanniens ist ein Rückschritt und aus seiner Sicht ein gewaltiger Fehler, die Politiker sehen nur ihren Vorteil, berücksichtigen das Wohl des Volkes zwar in ihren Reden, jedoch nicht in ihren Taten und Entscheidungen.
Die Frage ist, wen diese Botschaft erreicht und ob sie von denen gehört wird, die es betrifft.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Leseexemplar.

Sonntag, 17. November 2019

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman

- Fakt oder Fiktion?

Leserunde whatchaReadin

"Wie der Leser zum Komplizen des Autors wird." (268)

Christoph Poschenrieder spielt in seinem Roman mit dem, was hätte sein können, und dem, was wahr (?) ist.

Am Ende des 1.Weltkrieges erhält der für seine Geschichten im Münchner Satireblatt Simplicissimus bekannte Autor Gustav Meyrink vom Auswärtigen Amt den Auftrag, einen Roman zu verfassen, der die Schuld für den Ausbruch des Krieges den Freimaurern zuschreiben soll.
"In groben Zügen, mein Herr. Die Angelegenheit ist im Grunde überaus simpel: Wir möchten, dass Sie einen Roman schreiben, aus dem für jedermann klar ersichtlich und verständlich wird, wer am Ausbruch des andauernden, bedauerlichen Krieges schuld ist. Wenn es außerdem unterhaltsam wäre, schadet es auch nicht." (15)

Er soll "Fake News" in die Welt setzen,
"noch kann er den Umschlag an den Einarmigen zurückreichen, mit vor Indignation zitternder Stimme ausrufen: Was erlauben Sie sich, mich mit Ihrem abstrusen, was sage ich, infamen Anliegen heimzusuchen. Ich bin ein Künstler und damit per definitionem nicht käuflich! Gut, denkt Meyrink, gut wenigstens ein Mal in Gedanken inszeniert zu haben, was auszusprechen ich nicht über mich bringe." (16)

Poschenrieder erzählt diese Geschichte, wie Meyrink nach Berlin reist, sein Ringen darum, diesen Roman zu schreiben, was ihm aber nicht so recht gelingen will.
"Es ist furchtbar, nicht schreiben zu können. Das ging doch immer so einfach." (155)
Nebenbei werden wir Zeuge der revolutionären Umtriebe Kurt Eisners in München und Zeuge der Gespräche zwischen Meyrink und dem erfolglosen Schriftsteller Erich Mühsam, der bei der Novemberrevolution zu kurz gekommen, eine Rolle in der Räterepublik gespielt hat.

Eingebettet in die Handlung um den zu schreibenden Roman, der die Fake News verbreiten soll, sind Passagen in der Ich-Perspektive Meyrinks, die sein Leben erzählen, wobei er von seiner unehelichen Geburt erzählt - "Ich" - und seinen alchemistischen Versuchen - "Ich, Goldmacher"-, von seinen erfolglosem Dasein als Bankier hin zu seinem Dasein als Schriftsteller.
"Der Schmerz brachte mich zum Schreiben. Der Rückenschmerz, nicht der Weltschmerz." (178)

Eine Passage berichtet von dem Missverständnis, dass er für einen Juden gehalten wurde, was dazu geführt hat, dass er massiven Anfeindungen ausgesetzt gewesen ist. Gleichzeitig ein Grund, warum gerade er den Roman über die Schuld der Freimaurer am Ausbruch des 1.Weltkrieges schreiben soll.
"Ja, denkt Meyrink, darin könnte seine besondere Qualifikation für diese Aufgabe von nationaler Bedeutung liegen: ein angeblicher Jude mit einer Riehe gutdokumentierter Ausfälle gegen das Deutschnationale, das Militär, das Establishment in allen seinen bürgerlichen Spielarten." (25)

Eingeschoben in beide Handlungsstränge sind Recherchenotizen des Autors Poschenrieder, der akribisch alle Quellen herangezogen hat, um das Leben Meyrinks zu rekonstruieren. Diese echten "Fakten" ermöglichen eine weitere Sicht auf die Ereignisse - sind sozusagen authentische Stimmen aus der Vergangenheit.
"Der Gustl war ja ein Finanztrottel. Und wenn er Geld gehabt hätte, hätte er nicht geschrieben." (112)
[Nachlass von Carlo Mor von Weber: Mena Meyrink zum 90.Geburtstag]

Der Aufbau des Romans, die unterschiedlichen Perspektiven, die eingefügten Fakten machen ihn außergewöhnlich und besonders, behindern aber auch den Lesefluss. Gerade im Mittelteil habe ich oft den Faden verloren, hat der Roman Längen.
"Das Aufhäufen ist die Tugend der Ameisen, Genie trägt ab." (75)
- wäre ein guter Leitspruch für die "Mitte" gewesen.

Allerdings entlohnt der ebenfalls überraschende Schluss für das Durchhalten. Begeistert hat mich die Ironie und die lakonische Sprache Poschenrieders, die immer wieder zum Lachen einlädt und über den etwas langatmigen Mittelteil hinweg trägt.

Insgesamt ein innovativer Roman, der aufgrund seiner Sprache und des außergewöhnlichen Aufbaus lesenswert ist, und der zeigt, dass es immer schon das Bestreben der Mächtigen gegeben hat, uns das glauben machen zu lassen, was sie für die Wahrheit verkaufen wollen.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Leseexemplar.

Sonntag, 3. November 2019

Anna Quindlen: Der Platz im Leben

- amerikanische Schein-Idylle.

Leserunde auf whatchaReadin

Im Mittelpunkt des Romans steht Nora Nolan, aus deren personaler Perspektive der Roman erzählt wird. Nora ist seit 25 Jahren mit ihrem Mann Charlie zusammen und sie leben in Manhattan, West Side, in einer Sackgasse, die wie ein abgeschlossener Lebensraum wirkt:

"Wer hier ein Haus besaß, hatte nicht nur die eigenen, sondern auch die Kinder der anderen aufwachsen sehen, hatte die Hunde auf ihrem Weg vom Welpen bis zur Gebrechlichkeit und schließlich ins Krematorium auf dem Haustierfriedhof in Hartsdale begleitet. Jeder wusste, wer wann renovierte und wer es sich nicht leisten konnte. Sie hatten alle denselben Handwerker." (9)

Man kennt sich also gegenseitig. Noras Kinder, die Zwillinge Rachel und Oliver gehen inzwischen aufs College, das Paar hat sich in der Ehe eingerichtet - "Das Eheversprechen, so empfand Nora es seit Langem, kam einem Loyalitätseid gleich." (24) -
und auch in ihrem Leben: "Nora erinnerte sich noch gut, was sie selbst alles in den Sand ihrer Zukunft gemalt hatte. Weniger gut erinnerte sie allerdings, wann aus dem Sand Zement geworden war, aus "Der, die ich sein will" ein für alle Mal "die, die ich bin." (35)

Ein freudiges Ereignis steht zu Beginn der Handlung. Charlie hat endlich einen Parkplatz innerhalb der Sackgasse erhalten - ein Triumph, der ihm zeigt, dass er jetzt wirklich dazugehört. Während er als Investmentbanker mehr oder weniger erfolgreich ist, arbeitet Nora in einem gut gehenden Schmuckmuseum. Alles scheint gut zu sein, doch Konflikte deuten sich an. Warum ruft Charlies Chef Nora an? Will er sie abwerben?
Auch zwischen George, der sich selbst zum Aufseher über die Straße ernannt hat und den Nora nicht ausstehen kann, und dem Handwerker "Ricky", der lateinamerikanischer Herkunft ist, kommt es zu Unstimmigkeiten, da Ricky mit seinem Lieferwagen angeblich die Einfahrt zum Parkplatz versperrt.

Auch in der Ehe der Nolans gibt es Konfliktpotential. Charlie straft Nora ab, nachdem er erfahren hat, dass sie ein Gespräch mit seinem Chef geführt hat: "strafendes Schweigen, Vorwürfe, Fragen, weitere Vorwürfe, strafendes Schweigen." (85) Während Nora beruflich gut dasteht, hat Charlie in letzter Zeit eine Flut von Enttäuschungen erlebt, das scheint er nicht zu verkraften.

In den Mittelpunkt rückt neben diesen Konflikten auch die Stadt New York selbst, deren Veränderungen Nora beobachtet und die sie trotzdem über alles liebt - im Gegensatz zu Charlie, der sie lieber verlassen möchte. Sie erinnert sich zurück an ihre erste Zeit in New York, an ihr Zusammenleben mit ihrer besten Freundin Jenny und wie sie Charlie kennen gelernt hat und stellt fest, dass sie sich genau wie NY selbst verändert hätten - die "Ecken und Kanten, ihre Eigenheiten abgeschliffen" (106) - ihr jüngeres Ich würde sie nicht wiedererkennen.

Und dann ereignet sich etwas, das die Idylle der Straße zu zerreißen droht. An einem Morgen im Dezember hört Nora auf der Straße ein Geräusch:
"Am Anfang war nur ein durchdringendes Hämmern zu hören, hinter dem sie zunächst einen Pressluftbohrer vermutete (...). Erst als sie näher kam und die Schreie einsetzten, Schreie, die immer weiter und weiter und weiter gingen, bis sie sich am liebsten wie ein Kind die Ohren zugehalten hätte, wurde ihr klar, was dieses letzte Geräusch gewesen war: Jack Fisk [ein cholerischer Anwohner der Straße], der Ricky mit einem Golfschläger seitlich ans Bein hieb" (130),
während Charlie versucht, ihn davon abzuhalten.
Dieses Ereignis spaltet die Straße, unterschiedliche Geschichten des Ereignisses zwingen die Anwohner sich auf eine Seite zu stellen. Offen treten die sozialen Unterschiede zwischen der privilegierten Mittelschicht und denen, die für sie arbeiten, zutage. Auf welche Seite sich Nora stellen wird, ist aufgrund ihres empathischen Verhaltens offensichtlich, doch wie positionieren sich die anderen? Nicht zufällig sucht eine Rattenplage die Straße heim und trübt das bisher friedliche Zusammenleben.
Der Vorfall hat Auswirkungen auf alle, auch auf die Ehe der Nolans und deren Familie.

"Die Menschen gehen im dem Glauben durchs Leben, wie würden Entscheidungen treffen, dabei machen sie im Grunde nur Pläne, was keineswegs das Gleiche ist. Unterwegs nehmen sie ein wenig Schaden, es entstehen lauter kleine Risse, auch wenn sie ganz bleiben, sind sie doch ein wenig lädiert." (358)

Ein kluger Roman über die unsichtbare Linie, die die sozialen Schichten in New York trotz aller Veränderungen immer noch trennt. Über die Frage, wie lange man eine Ehe aufrecht halten kann, darüber, wann man die Loyalität aufkündigen muss, um sich selbst treu zu bleiben.

Klare Leseempfehlung!

Vielen Dank dem Penguin-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Dienstag, 1. Oktober 2019

Andrew Ridker: Die Altruisten

- ein Gesellschaftsroman.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman wird als "Sensationsdebüt aus den USA" angepriesen, eine Bewertung, mit der einige von uns in der Leserunde ihre Schwierigkeiten hatten. Am Anfang habe ich mir schwer getan hineinzukommen, doch im Verlauf der Handlungen hat es mir zunehmend Spaß gemacht zu lesen, wie es mit dieser "verkorksten" Familie und den schrägen, teils skurrilen Figuren weitergeht und wie sie sich weiterentwickeln.

Arthur Alter (lat. der Mitmensch) hat seit dem Tod seiner Frau Francine vor zwei Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern Ethan und Maggie. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass er genau einen Tag, bevor bei Francine im Herbst 2012 Brustkrebs diagnostiziert wurde, eine Affäre mit der deutschen Historikerin Ulrike begonnen hat, die über 20 Jahre jünger als er ist. Dass er trotz der Erkrankung Francines diese Beziehung intensiviert hat, verzeihen ihm die Kinder nicht.
Jetzt ist Arthur, der seit Jahren an der Universität Danforth in St.Louis vergeblich auf eine Festanstellung gewartet hat, pleite, während Ethan und Maggie von ihrer Mutter eine erhebliche Summe Geld geerbt haben. Arthur lädt die Kinder ein, ihnen finanzielle Unterstützung für das Haus, in das die Familie einst aus Boston gezogen ist, zu erbitten, da er es allein ihr Haus nicht halten kann. Die Einladung an Ethan ist kurz und knapp formuliert:

E.- wäre gut, dich zu Hause zu haben. Du (&Maggie) kannst Mitte April kommen. (Semesterferien.) Wichtig, die Familie zu sehen, sich an die Wurzeln zu erinnern usw.
- A. (S.38)

Bei Ethan "waren  Zuhause und Demütigung untrennbar miteinander verknüpft." (38) Er erinnert sich voller Scham an sein Outing, daran, dass sein Vater ihn nie wahrzunehmen schien. Heute ist Ethan ein in sich zurückgezogener junger Mann, der seinen Job als Unternehmensberater gekündigt hat, weil er nicht mehr bereit war, die Verantwortung für Kündigungen mitzutragen. Er lebt von dem Geld seiner Mutter, wobei seine horrenden Ausgaben für Luxusartikel sein Erbe aufgezehrt haben - und das bisher folgenlos.
"Schulden waren immatriell, ein bildlicher Abgrund - und spielte die Tiefe des Abgrunds eine Rolle, wenn der Abrund nur bildlich war?" (44)

Er ist ein Einsiedler, der einer unglücklichen Liebe hinterher trauert, was man in Rückblicken erfährt.
"Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes aufgehört, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein." (42)
Auch den Beginn von Arthurs und Francines Beziehung, ihre Ehe und auch der Familienalltag wird im Rückblick aufgerollt - eine der interessantesten Episoden ist Arthurs Reise nach Simbabwe, wo er seine Erfindung - einen Zementersatz - zum Einsatz bringen will. Sehr skurrile, aber auch tragische Geschichte, die den Leser*innen hilft, den Protagonisten Arthur, der mit einem Altruisten nichts gemein zu haben scheint, besser zu verstehen. Gleichzeitig ist diese Episode eine kritische Auseinandersetzung mit westlicher Entwicklungshilfe und sie zeigt, dass durch die Übertreibungen vieles sichtbarer, deutlicher wird.

Auch Maggie ist nur vordergründig eine Altruistin.
"Es ging ihr doch gut. Sie brachte die Miete zusammen, indem sie für anständige Leute in Queens arbeitete. Ihr einziger Chef war ihr Gewissen. An den meisten Tagen hieß das: Besorgungen machen, babysitten oder im Namen ihre spanisch, russisch oder chinesisch sprechenden Nachbarn Verbindung mit der Stadtverwaltung aufnehmen. Gelegenheitsarbeiten. (...) Es war eine zufriedenstellende Arbeit, wenn auch nicht sonderlich gut bezahlt." (20)

Allerdings gewinnt man den Eindruck, dass sie sich selbst bestraft, so hungert sie ständig und isst kaum, lässt sich von einem ihrer Schützlinge schlagen, um sich dadurch "wertig" zu fühlen. Aus ihrem Helfersyndrom bezieht sie ihre Wertigkeit.

"Auch wenn diese Arbeit sich nicht auszahlte, ertrug Maggie Brunos Misshandlungen, ja, begrüßte sie sogar. Seine tätlichen Angriffe waren der Beweis, dass sie mit einer Arbeit beschäftigt war, die Opfer erforderte. (...) Ein Beweis für Charakter." (24)

Francine erscheint als die Gefestigte der Familie, die alles zusammengehalten hat.
"Scharfsichtig, aber nie mäkelig, intelligent, ohne es zeigen zu müssen, hatte Francine selbstlos ihr berufliches Weiterkommen für die Erhaltung der Familie geopfert - für die sie als Vermittlerin, Schlichterin und Friedenswahrerin fungiert hatte. Sie war Maggie zugleich Vorbild und abschreckendes Beispiel." (72)

Während des Ethans und Maggies Besuch bei Arthur brechen die alten Konflikte wieder auf und es kommt Bewegung in das Leben aller Beteiligten. Wird Arthur seine Kinder tatsächlich um das Geld bitten? Wird er sie wahrnehmen, jetzt da Francine die Vermittlerrolle nicht mehr übernehmen kann?
Wie wird sich die Familienkonstellation verändern?

Es ist vielleicht nicht DAS Sensationsdebüt, aber dennoch ein Roman, der einen kritischen Blick auf die zeitgenössische amerikanische Gesellschaft wirft, indem er die Figuren überzeichnet, ihr Verhalten ins Lächerliche zieht, ihnen aber auch die Möglichkeit gibt, sich weiterzuentwickeln. Auf jeden Fall lesenswert!

Vielen Dank an den Penguin Verlag für das Lese-Exemplar!

Dienstag, 24. September 2019

Wilson Collison: Das Haus am Kongo

- eine Novelle.

Dies ist bereits der dritte Roman, nach "Tod in Connecticut" und "Die Nacht mit Nancy", den ich von Wilson Collison lese, einem Broadway-Autor, den der Louisoder-Verlag glücklicherweise wieder aufgelegt hat.

Im Mittelpunkt seiner Romane stehen unkonventionelle junge Frauen, die für die Zeit, in der die Geschichten spielen- Anfang der 30er Jahre - emanzipiert und selbstbewusst auftreten und die vermeintlich bessere Gesellschaft mit ihren erfrischenden Ansichten schockieren.

Dieses Mal ist es die bildhübsche Blondine Dolly Bretton, eine Wahrsagerin, die aus den USA stammt und ihren Lebensunterhalt u.a. in Nachtclubs, als Stripteasetänzerin und Kellnerin verdient hat. Über ihren Hintergrund erfährt man wenig, nur dass sie in London auf Bill Shane gestoßen ist, der in den USA wegen Mord aus Eifersucht gesucht wird. Dieser nimmt sie mit der Wahrsagernummer mit nach Afrika, wobei sie ihm klare Grenzen vorgibt.

"Ich brauche keinen Mann in meinem Leben. Geschäft ist Geschäft, und ich habe keine Lust, mich so weit weg von zu Hause von Typen wie dir mit der Schlafkrankheit anstecken zu lassen." (16)

Ihr Ziel ist es, so viel Geld zu verdienen, dass die wieder in die USA zurückkehren kann, um dort ein Häuschen zu kaufen und ihre Tage "als Mädchen mit rätselhafter Vergangenheit" (20) zu verbringen.

Die Handlung setzt auf dem trägen Fluss Kongo ein, neben Dolly und Bill befindet sich Lady Essex auf einem alten Dampfer, von der Dolly denkt,
"dass sich die Engländerin schlicht und ergreifend zu ernst nahm. Und solchen Menschen stand Dolly schon per se skeptisch gegenüber. In ihren Augen waren sie bloß Wichtigtuer. Irgendwann musste schließlich jeder sterben. Was hatte es also für einen Sinn, auf andere herabzuschauen?" (25)

- sowie der Captain Finch und der Maschinist Bixby. Aufgrund eines Schadens am Kessel stranden sie im Haus des jungen Arztes Warwick - mitten in der Einsamkeit, dessen schöne Frau sich in der Einsamkeit am Kongo langweilt und die Bills Interesse weckt.

"Da fiel ihr ein, dass sie Bill warnen musste, der die Angewohnheit hatte jede hübsche Frau zu vernaschen, die seinen Weg kreuzte. Er und die Doktorsgattin hatten während des Abendessens schon Blicke gewechselt, und sie wusste, dass Bill die erstbeste Gelegenheit ergreifen würde. Erst hypnotisierte er sein Beute und dann fiel er über sie her." (49)

Dolly hingegen findet Gefallen an Dr. Warwick, der sich zum Ziel gesetzt hat, etwas gegen die Schlafkrankheit zu finden.

Wie auch in "Die Nacht mit Nancy" sind Handlungsschauplatz und -zeit klar umgrenzt und sehr "dicht", so dass die Gefühle und Gedanken der einzelnen Figuren im Mittelpunkt stehen. Aus wechselnder personaler Perspektive erfahren wir vor allem, wie Dolly und der Arzt die Ausnahmesituation erleben. Welche Auswirkungen wird der Besuch für die einzelnen Personen und ihre Beziehungen zueinander haben?

Eine stringent erzählte Geschichte, die unaufhaltsam auf den Höhepunkt zusteuert - spannend zu lesen, was vor allem an der erfrischenden Protagonistin liegt und an dem lakonisch-ironischen Stil Collisons, der die Dekadenz und Langeweile der weißen Ladies und auch Bills unter die Lupe nimmt. Ein Lesegenuss!

Vielen Dank dem Louisoder-Verlag für das Lese-Exemplar!