Dienstag, 20. Februar 2018

Paolo Cognetti: Acht Berge

- die Geschichte zweier Lebenswege.

"Ihre ersten Berge, ihre erste große Liebe, waren die Dolomiten gewesen." (S.8)

Den Roman habe ich mir in einer Buchhandlung in Brixen, Südtirol gekauft, zu Beginn des Skiurlaubs in den Dolomiten. Passende Lektüre für einen Urlaub in den Bergen, die auf mich eine genauso große Faszination ausüben, wie auf den Protagonisten Pietro.

Worum geht es?
Pietros Eltern leben in Mailand, kommen aber aus einem kleinen Bergdorf aus dem ländlichen Veneto. Sein Vater ist Kriegswaise und ein besessener Gipfelstürmer, der sich nur in den Bergen zuhause fühlt.

"Meine Mutter, die ihn schon von klein auf kannte, erzählte, dass er schon damals auf niemanden warten wollte, so wild war er darauf gewesen, jeden einzuholen, den er vor sich hatte. Deshalb musste man gut zu Fuß sein, im in den Augen meines Vaters Gnade zu finden." (S.7)

In Mailand hingegen ist er ein anderer Mensch, statt auf die Gipfel blickt er auf die Autobahn, so dass sich Pietros Eltern im Juli 1984 ein Haus in Grana mieten, das am Monte Rosa Massiv liegt, am Fuße des Grenon.
Dort lernt Pietro den Kuhhirten Bruno kennen, der auch 11 Jahre alt ist. Sie freunden sich an und verbringen die folgenden Jahre jeden Sommer gemeinsam, erforschen den Wildbach, erkunden verlassene Ruinen und klettern an Berghängen, wobei Bruno stets vorne weg läuft.

"Vermutlich war schon damals klar, dass ich ihm überallhin folgen würde." (S.29)

Pietros Vater kann wegen seiner Arbeit immer nur für wenige Tage bleiben, doch seine Mutter blüht in Grana auf. Sie knüpft Freundschaften, liest, pflanzt Blumen und kümmert sich um das Haus - und sie stellt Nachforschungen zu Brunos Familie an, denn er lebt mit seiner Mutter alleine unter der Fürsorge seines Onkels.

Blick auf den Sella-Stock, Südtirol
In diesem ersten Sommer beschließt Pietros Vater, dass sein Sohn ihn auf seinen Bergtouren begleiten soll. Eine seltsame Erfahrung für den Jungen, dem der Gipfel nichts bedeutet. Sein Vater hingegen scheint ein anderer Mensch dort oben zu sein. Gemeinsam mit Bruno unternehmen sie auch eine Wanderung auf den Gletscher, auf dem Pietro höhenkrank wird. Statt der erwarteten Wut, reagiert sein Vater mit Angst und kehrt sofort um. Ein Ereignis aus seiner Vergangenheit scheint ihn zu verfolgen. Warum ist er so besessen davon, alle Berge zu erklimmen, abzuhaken auf einer riesigen Landkarte. Warum fühlt er sich nur auf dem Gipfel wirklich frei?

Bruno wird Teil der Familie, mit seiner Wissbegierigkeit und Bewunderung für Pietros Vater wäre er der ideale Sohn gewesen. Die Familie unternimmt den Versuch, Bruno mit nach Mailand zu nehmen, damit er weiter auf die Schule gehen kann. Doch dessen Vater verhindert dies, so dass Bruno in den Bergen bleibt und Maurer wird, während die Freundschaft der beiden für eine lange Zeit unterbrochen wird.

Sie finden wieder zueinander, als Pietros Vater stirbt und ihm ein "Haus" in den Bergen vermacht. Pietro bedauert, dass er seinen Vater Jahre zuvor abgewiesen hat und erkennt, dass er vieles mit seinem Vater gemeinsam hat.

"Ich wusste nicht mehr, warum ich die Berge hinter mir gelassen, und auch nicht, was ich stattdessen geliebt hatte, als meine Liebe zu ihnen erloschen war. Aber wenn ich allmorgendlich schweigend aufstieg, war es so, als würde ich wieder meinen Frieden mit ihnen machen." (S.138)

Er begibt sich auf Spurensuche und erfährt, warum sein Vater im Sommer die Berge bezwingen und seine Erinnerungen an Vergangenes auslöschen will.

"Aber der Gletscher ist der Schnee vergangener Winter, die Erinnerung an einen Winter, der einfach nicht vergehen will." (S.148)

Bewertung
Der Roman erzählt die Geschichte zweier ungleicher Freunde. Während der eine sein Leben lang in dem kleinen Bergdorf bleibt, reist der andere in die fernen Bergwelten des Himalaya. Ihre unterschiedlichen Lebenswege spiegeln sich in einem tibetanischen Symbol, das ein alter Nepalese Pietro erklärt:

"Für uns ist der Mittelpunkt der Welt ein sehr hoher Berg, der Sumeru, der wiederum von acht Bergen und acht Meeren umgeben ist. Das ist unsere Vorstellung von der Welt. (...) Wer hat mehr gelernt? Derjenige, der alle acht Berge gesehen, oder derjenige, der den Gipfel des Sumeru bestiegen hat?" (S.170)

Die Frage, die man sich beim Lesen zwangsläufig stellt: Welcher Weg ist der bessere? Zu allen Bergen reisen oder den höchsten besteigen. Im eigenen Umfeld bleiben oder Unbekanntes entdecken. Der Roman gibt keine Antworten, sondern stellt viele existentielle Fragen, so dass mehr als nur eine gute Geschichte erzählt wird.

Neben der Freundschaft steht die schwierige Vater-Sohn-Beziehung im Mittelpunkt. Pietro macht sich Vorwürfe, da er den Vater zurückgewiesen hat - ein Verhalten, das zum Erwachsen werden dazu gehört. Doch die beiden gehen nicht mehr aufeinander zu - bis es zu spät ist? Wann ist es Zeit, den ersten Schritt zu tun? Wie gehe ich mit der Schuld um? Eine Frage, der sich Pietros Vater zeitlebens stellt, warum will ich hier nicht verraten.

Mich hat dieser Roman nicht nur bewegt, weil ich die Faszination für die Berge teile, sondern weil er zwei Lebensweisen und -einstellungen gegenüberstellt, ohne diese zu bewerten. Und man sich zwangsläufig die Frage stellt, welchen Lebensweg man selbst eingeschlagen hat und ob dies der richtige gewesen ist.

"Wenn man noch jung ist, kann man vielleicht noch umsatteln. Aber irgendwann muss man in sich gehen und sich eingestehen: Das kann ich, und das kann ich nicht." (S.238)

Ein Roman, für den man Muße braucht - ein klare Lese-Empfehlung!

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 245 Seiten
DVA, 202017

Sonntag, 18. Februar 2018

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

- im Kriegsjahr 1944.

Hören mit Sabine

Quelle: pixabay, Der Mondsee
Hörbuch von Audible
gesprochen von Torben Kessler, Michael Quast, Cornelia Niemann, Torsten Flassig
14 Stunden 22 Minuten

Von Arno Geiger habe ich vor Jahren "Es geht uns gut" sowie "Alles über Sally" gelesen - mit Freude und Begeisterung. Daher war ich sofort einverstanden, als Sabine vorgeschlagen hat, den neuen Roman von Arno Geiger gemeinsam zu hören.

Worum geht es?

Quelle: Hanser Verlag
Veit Kolbe wird im Russlandfeldzug 1943 schwer am Bein verletzt und ins Lazarett im Saargebiet geschickt. Nach seiner Rückkehr in die Heimat - Wien - wird er von seinen Erinnerungen heimgesucht und beschließt der Einladung seines Onkels, der am Mondsee, "Unter der Drachenwand" im Salzkammergut lebt und dort die politische Führung repräsentiert, zu besuchen.
Veits Vermieterin ist eine unfreundliche Frau, deren Mann, ein überzeugter Nationalsozialist, ebenfalls im Krieg ist, genau wie der Mann "der Darmstädterin" - Margot -, die im gleichen Haus wie Veit lebt, gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter Lilo.
Im Dorf sind auch einige Mädchen aus Wien, die im Zuge der Kinderlandverschickung im Lager "Schwarzindien" gelandet sind. Die junge Lehrerin, die sie begleitet, verhält sich gegenüber Veit sehr zurückhaltend und abweisend. Unter den Mädchen ist Annemarie Schaller - Nanni - genannt, die Briefe von ihrem Cousin Kurti erhält, die, von der Lehrerin gelesen, großen Anstoß erregen. Offenkundig haben beide - die 13-Jährige und der 17-Jährige - eine Liebesbeziehung.

Der Roman spiegelt die Ereignisse des Kriegsjahres 1944 wider. Erzählt wird überwiegend aus der Sicht Veit Kolbes in Form von Tagebucheinträgen, die er während seines Aufenthaltes am Mondsee schreibt. Briefe von drei weiteren Figuren berichten von den Auswirkungen des Krieges in Darmstadt, Wien und in Budapest.

  • Margots Mutter schreibt aus Darmstadt, wo sie inzwischen ganz allein lebt. Ihr Mann ist in einem Vorbereitungslager, während ihre andere Tochter Bettine in Berlin als Schaffnerin arbeitet. Ihre Briefe haben einen typischen mütterlichen Ton, in die sich neben der Fürsorge um Margot und um ihre Enkeltochter auch offene Vorwürfe und Ermahnungen stehlen. Auf mich wirken sie sehr authentisch, wenn sie von ihren täglichen Sorgen und Ängsten erzählt, von denen, die gestorben sind, aber auch Klatsch und Tratsch verbreitet und ihre ältere Tochter bittet, die jüngere zur Räson zu bringen.
  • Die Briefe von Kurti an Nanni aus Wien sprechen von der Sehnsucht nach der gemeinsam verbrachten Zeit und von der Angst, in den Krieg geschickt zu werden. Eine Befürchtung, die sich bewahrheiten wird.
  • Bedrückend sind die Schilderungen des Juden Oskar Meyer, der unter verschiedenen Namen lebt und seine Erlebnisse in Wien bis zu seiner Emigration nach Budapest schildert. Die zunehmenden Demütigungen, die Hoffnung, es werde wieder besser, die Erkenntnis fliehen zu müssen - gemeinsam mit seiner Frau Walli und seinem Sohn Georgili. Ein weiteres Kind wird nach London geschickt und verbringt dort die Kriegsjahre.

In Veits Tagebucheinträgen spielt zudem Brasilianer eine große Rolle, er ist der Bruder der Vermieterin und hat lange Jahre in Rio de Janeiro verbracht, wohin er unbedingt zurückkehren möchte. Er betreibt eine Gärtnerei, in der sich Veit und Margot nach der Verhaftung des Brasilianers, der offen gegen den Führer Reden schwingt, näher kommen.
Hat diese Beziehung eine Chance? Muss Veit erneut in den Krieg zurückkehren, obwohl er von traumatischen Anfällen heimgesucht wird? Was wird aus Nanni und Kurt? Wird Oskar Meier mit seiner Familie den Einmarsch der Deutschen in Budapest überleben?

Bewertung
Eigentlich erzählt Arno Geiger nichts Neues. Was es an historischen Ereignissen über das Kriegsjahr 1944 zu berichten gibt, kennen wir alles. Dieses Mal erfahren wir etwas von einem Kriegsveteranen und einigen anderen Menschen, die lose mit ihm verbunden sind.

Und doch gibt der Roman Zeugnis vom Leben einzelner Menschen, das vom Krieg bestimmt wurde und die diesen niemals vergessen können. Am Ende reflektiert Veit darüber:

"Und ich wusste, dass ich tatsächlich und unwiderruflich in diesem Krieg bleiben würde. Egal, wann der Krieg zu Ende ging und was aus mir noch wurde, ich würde für immer in diesem Krieg bleiben, als Teil von ihm." (Kapitel 222)

Er trifft auf eine Gruppe von Zwangsarbeitern und ist nicht in der Lage ihnen zu helfen, da er kein Held ist, sondern einer, der den Krieg überleben will.

"Schade, dass das, was hinter mir liegt, nicht geändert werden kann. Was ich in den vergangenen sechs Jahren begriffen habe, ist, dass die Weisheit hinter mir hergeht und selten voraus. Am Abend kommt sie und sitzt mit am Tisch, als unnützer Esser." (Kapitel 222)

Im Laufe des Hörens kommen einem die einzelnen Figuren näher, da wir von ihren Gedanken und Ängsten erfahren, beginnt man sie und ihr Handeln zu verstehen. Dadurch dass Geiger den jungen Kurti von seinen Ängsten schreiben lässt, die alte Mutter von ihrer Einsamkeit in Darmstadt, den Kriegsveteranen von der Panik, in den Krieg zurück zu müssen, und Oskar Meyer von der Verzweiflung, seine Familie nicht schützen zu können, erhalten wir ein weites Spektrum dessen, wie der Krieg das Schicksal des Einzelnen bestimmt.

Der Roman zeigt das alltägliche Leben, wie Arno Geiger in einem kurzen Interview sagt, interessiere ihn "das Individuum in seiner Einzigartigkeit, mit seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen Gefühlen." Er stellt sich die Frage: "Wie fühlt es sich an, im fünften, sechsten Kriegsjahr zu leben?"
Inspiriert wurde sein Roman von Briefen aus dem Lager "Schwarzindien", von Behördenbriefen und Elternbriefen, das "hat alles in Gang gesetzt."
(Quelle: Hanser-Verlag)

Auch wenn die Handlung manche Längen aufweist und dahin "plätschert", berühren diese Einzelschicksale, die insgesamt sehr authentisch wirken, so dass der Roman für mich ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen ist.

Gemeinsam mit Sabine habe ich festgestellt, dass ich den Roman allerdings lieber gelesen hätte. Der Hauptsprecher Torben Kessler ist leider der schwächste Sprecher, während die Briefe sehr überzeugend gelesen werden. Aber auch die sprachlichen Feinheiten und Formulierungen gehen beim Hören ab und an verloren, was in diesem Fall sehr schade ist, so dass ich eine klare Lese-Empfehlung aussprechen möchte.

Samstag, 17. Februar 2018

Franz Hohler: Das Päckchen

- ein Exemplar des "Abrogans".

Im Roman fällt dem Bibliothekar Ernst Stricker per Zufall die Abrogans in die Hände. Original oder Abschrift? Das offenbart sich erst am Ende des Romans. Doch was ist die Abrogans überhaupt?
Es handelt sich um ein lateinisch-althochdeutsches Glossar und gilt als das älteste erhaltene Buch in deutscher Sprache. Da der erste Eintrag abrogans = dheomodi (bescheiden, demütig) lautet, hat die Schrift diesen Namen erhalten.
In St.Gallen in der Stiftsbibliothek wird heute eine Abschrift von 911 aufbewahrt.

Doch wie gelangt dieses kostbare Buch in Ernst Besitz?

Am Bahnhof in Bern, wo er sich dienstlich aufhält, will er gerade seine Frau Jaqueline von einem öffentlichen Telefon anrufen, als der Apparat neben ihm klingelt. Warum er abnimmt, kann er sich, dessen Leben bisher in geordneten Bahnen verlaufen ist, nicht erklären. Die Frau am anderen Ende der Leitung, fragt:

"Ernst, (...) bist du es?" (S.5)

Quelle: wikipedia
Nach einem Zögern antwortet er und kommt ihrer Aufforderung um Hilfe nach, indem er sie in ihrer Wohnung besucht und ein geheimnisvolles Päckchen entgegennimmt. Es gehörte ihrem Mann Philipp Schaefer, einem passionierten Bergsteiger, der im Jahr 1980 von einer Ski-Tour, die er allein unternommen hat, nicht mehr zurückgekehrt ist.
Die fast blinde Frau Schaefer hält Ernst für ihren Neffen und vertraut ihm das Päckchen an, nach dem sich ein alter Bergfreund und ein angeblicher Antiquitätenhändler bereits erkundigt haben.

Ohne seiner Frau die Geschichte zu erzählen, stellt Ernst Nachforschungen zu der Handschrift an, nachdem er sie zuhause aus einem Blatt aus einer Liedersammlung ausgewickelt hat und sie sofort als eine Abschrift oder als Original der Abrogans erkannt hat. Er sucht die alte Dame ein weiteres Mal auf und trifft dabei auch auf den echten Neffen.

Der Roman wird aus verschiedenen personalen Perspektiven erzählt. Im Mittelpunkt steht Ernst, aber auch seine Frau Jaqueline, die ihn als unverbesserlichen Anachronisten beschreibt, da er sich gegen ein Smartphone wehrt, kommt zu Wort. Aufgrund der Geheimniskrämer Ernst glaubt sie, er betrüge sie.

"Sie waren damals, als sie sich zur Heirat entschlossen hatten, übereingekommen, dass die Basis ihrer Beziehung nur Offenheit sein konnte, denn auch Ernsts langjährige Freundin war ohne sein Wissen eine zweite Liaison eingegangen, ein Umstand, der sie beide verband." (S.46)

Beide lassen sich Raum für ihre jeweiligen Vorlieben, Ernst ist passionierter Berggänger, sie singt im Chor und Ernst zerstreut ihre Bedenken mit einem "feurigen Abend" (S.46).

Parallel zu den Nachforschungen Ernsts, die ihn zu jener Berghütte führen, auf der Philipp Schaefer im Jahr 1980 gewesen ist, wird die Entstehung der originalen Handschrift des Abrogans und seiner "Verbreitung" erzählt.

Im Jahr 772 schreibt der junge Novize Haimo das lateinisch-althochdeutsche Glossar und wird anschließend vom Abt Sigido des Klosters Weltenburg in Regensburg auf die Reise gen Süden geschickt. Während Haimo das Wörterbuch in verschiedenen Klöstern abschreiben lassen soll, wird er beauftragt für Sigido ebenfalls Abschriften anzufertigen. Unter anderem besucht er auch das Kloster in St. Gallen. Eine mühsame Arbeit, schließlich gab es noch keinen Buchdruck. Doch Haimo reist nicht allein, so viel sei schon verraten.

Während der Abrogans seine Reise antritt, findet Ernst in den Bergen einen Hinweis darauf, wie das Päckchen in Philipps Besitz gelangt ist sowie ein weiteres Buch aus dem 2.Weltkrieg, das erklärt, warum der angebliche Antiquar aus Deutschland auf der Suche nach dem Päckchen ist.

Bewertung
Laut Literaturhexle, mit der ich den Roman gemeinsam gelesen habe, "las es sich einfach und gut, aber insgesamt hat [ihr] die Tiefe gefehlt."

Den ersten Teil der Aussage kann ich bestätigen, durch die Nachforschungen Ernst und die parallele Handlung um die Entstehung und Verbreitung der Abrogans ist der Roman sehr spannend und interessant. Die liebevolle Herstellung der Abrogans - Haimo schmückt einzelne Buchstaben aus und verwendet kostbare Farbe - vermittelt den Wert der einzelnen Handschriften und führt uns anschaulich vor Augen, wie mühselig die Produktion der Bücher einst gewesen ist. Dieser Teil der Geschichte hat mich besonders fasziniert.
Der Handlungsstrang um Haimo gibt gleichzeitig einen Einblick in das Leben im 8.Jahrhundert, vor allem in das der Benediktinermönche mit ihren strengen Regeln.

Zudem ist der Abrogans nicht irgendein Buch, sondern das älteste erhaltene Buch in deutscher Sprache, mit dem der Abt ein besonderes Ziel verfolgt.

"Wir müssen das Lateinische in unsere deutsche Sprache bringen, damit alle das Wort des Herrn verstehen, auch diejenigen, die der alten Sprache nicht mächtig sind." (S.69)

Ein Anliegen, das auch Luther mit seiner Bibelübersetzung verfolgt hat, wenn auch einige Hunderte Jahre später.

Das Verstehen und das Lesen  kommen mehrfach im Roman zur Sprache. Ernst ist Bibliothekar und verweigert sich der digitalen Welt, er bedauert, dass immer weniger gelesen werde und - er heißt "Stricker", spinnt er also den Handlungsfaden? Franz Hohler wird Fabulierlust nachgesagt, das zeigt er eindrücklich mit diesem Roman, der einige skurrile Szenen enthält.

Ein anderer Aspekt, warum mir der Roman so gut gefallen hat, mag daher kommen, dass ich die Berge, ebenso wie der Protagonist Ernst liebe und mich die Schilderung seiner Wanderung zu der einsamen Berghütte besonders angesprochen hat.

Ebenso wie Haimo begibt sich auch Ernst auf eine Reise, die ihn und sein Leben letztlich verändert - der irregeleitete Anruf hat dazu geführt, dass er sich weiter entwickelt und seine geregelten Bahnen verlassen muss.

Daher von meiner Seite, eine klare Lese-Empfehlung ;)

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 223 Seiten
Luchterhand, 2017

Vielen Dank dem Blogger-Portal für das Rezensionsexemplar.


Dienstag, 6. Februar 2018

Kent Haruf: Lied der Weite

- erzählt von Zwischenmenschlichkeit und Güte.

Nachdem im letzten Jahr der Roman "Unsere Seelen bei Nacht" mein Lieblingsbuch gewesen ist, wollte ich natürlich auch den neu erschienenen Roman von Kent Haruf lesen. Meine Buchhändlerin war so freundlich, ihn mir als Leseexemplar zur Verfügung zu stellen und bei whatcharadin läuft eine Leserunde, an der ich teilnehme.

"Lied der Weite" ist vor "Unsere Seelen bei Nacht" entstanden und spielt ebenfalls in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, wie alle der 6 Romane des verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf (1943-2014).

Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen mehrere Figuren, die am Ende in einer Gemeinschaft zueinander finden.

Da ist zunächst der Lehrer Tom Guthrie, der an der High School unterrichtet und dessen Frau unter Depressionen leidet.

"Drinnen war es fast völlig dunkel, der Raum wirkte abweisend und Ruhe gebietend wie der Altarraum einer leeren Kirche nach der Beerdigung einer zu früh verstorbenen Frau-" (S.10).

Ihre beiden Jungen Ike (10) und Bobby (9) sind mit der Situation überfordert und wünschen sich, die Mutter würde wieder aufstehen. Gemeinsam tragen sie jeden Tag die Zeitung aus und beim wöchentlichen Kassieren treffen sie auf die einsame, alte Mrs Stearns, deren Sohn im 2.Weltkrieg gefallen ist. Als sie erfährt, dass die Mutter der Jungen ausgezogen ist, äußert sie ihr Mitleid:

"Ihr müsst sehr einsam sein" (S.59),

und bringt den beiden jenes freundliche, gütige Verhalten entgegen, dass uns mehrfach in dieser Geschichte begegnet.

Victoria Roubideaux ist eine weitere Hauptfigur, sie steht im Zentrum des Romans. Gerade erst 17 Jahre alt ist sie schwanger von einem Jungen aus einer anderen Stadt, der sie verlassen hat. Ihre Mutter weigert sich ihr zu helfen und weist sie mit grausamer Kälte zurück.

"Dem Mädchen kamen die Tränen. Hilf mir, Mama. Ich brauch dich, du musst mir helfen. Zu spät, sagte die Frau. Du hast dir die Suppe eingebrockt, jetzt löffel sie auch aus." (S.15)

Allein gelassen wendet sich Victoria an die Lehrerin Maggie Jones, die ebenfalls an der High School unterrichtet. Maggie nimmt sie zwar auf, doch wegen ihres dementen Vaters kann Victoria dort nicht bleiben. Der Vater des Kindes scheint keine Verantwortung tragen zu wollen, trotzdem will Victoria das Kind behalten.

"Maggie Jones betrachtete eine Zeitlang ihr Gesicht. Das Mädchen sah müde und traurig aus, sie hatte die Decke um die Schultern gewickelt wie jemand, der ein Zugunglück oder eine Überschwemmung überlebt hat, trauriges Überbleibsel einer Katastrophe, die ihren Schaden angerichtet hat." (S.46)

Maggie hat die Idee, sie bei den Brüdern McPherons unterzubringen. Raymond und Harold führen seit dem frühen Tod ihrer Eltern eine Farm, 17 Meilen außerhalb von Holt, und züchten Rinder. Sie kennen auch Tom, der ihnen ab und an hilft, wenn es gilt zu überprüfen, ob die Kühe trächtig sind.

Ausgerechnet dort soll Victoria leben, bei diesen beiden Männern, die zu schweigen gewohnt sind und nicht wissen, was sie mit einem jungen Mädchen reden sollen.

"Zwei alte Männer, allein. Klapprige alte Junggesellen hier draußen auf dem Land, siebzehn Meilen von der nächsten Stadt, und auch die macht nicht viel her, wenn man hinfährt Schau uns an. Verschroben und ungebildet. Einsam. An Unabhängigkeit gewöhnt. Mit eingefahrenen Gewohnheiten. Wie willst du das alles in unserem Alter noch ändern? (S.143)

Sie sind nicht die einzige, deren Leben in Holt sich ändern wird.

Bewertung
Die Szene, in der der alte Arzt Victoria zum ersten Mal untersucht, zeugt von jener zwischenmenschlichen Güte, der meines Erachtens im Mittelpunkt des Romans steht. Behutsam erklärt er jeden seiner Schritte und behandelt sie respektvoll und freundlich.
Doch auch grausames Verhalten, wie Victorias Mutter es an den Tag legt, und Vorurteile herrschen in der Stadt. Der Junge Russell Beckmann demütigt Victoria vor der Klasse und gerät in einen heftigen Streit mit Tom Guthrie - ein Konflikt, in den auch die seine beiden Kinder hineingezogen werden.  Während die Beckmanns die Beschränktheit und asoziales Verhalten verkörpern, stehen die McPherons für Güte und Humanität. Aber auch die beiden "profitieren" von der Anwesenheit Victorias, denn nun müssen sie sich um jemanden kümmern, sich sorgen, sind "gezwungen" zwischenmenschlich zu agieren. Zuerst legen sie die Decke nachts über sie, dann kaufen sie ein Kinderbettchen und bringen sie zur Entbindung in die Stadt - berührende Szenen, ohne rührselig zu sein.
Haruf verdeutlicht an kleinsten Veränderungen, wie sich das Verhalten der beiden alten Männer gegenüber Victoria ändert. Zunächst gelingt es ihnen nicht, sie anzuschauen.

"Ich fürchte, das ist eine schwere Zeit für dich, sagte Raymond zu dem dem Mädchen. Er sah sie nicht an, sondern an ihr vorbei ins Leere." (S.163)

Als sie zurückkehrt, hat sich dies geändert.

"Wir haben uns Sorgen gemacht, sagte Raymond. Er saß neben ihr am Tisch und schaute sie an." (S.307)

Der Roman zeigt, wie Schlink treffend sagt (Buchrückseite), die Kraft der Liebe, aber auch die Schwächen der Menschen und
- das Leben selbst. Von trächtigen Kälbern ist zu lesen, von sterbenden Pferden, von der Geburt des kleinen Mädchens und dem Tod der alten Mrs Stearns. Von Sex und Liebe, Demütigung und Güte...

Ein unaufgeregter Roman, der mich genauso berührt hat, wie "Unsere Seelen bei Nacht" und für den ich eine klare Lese-Empfehlung aussprechen kann.

Hier geht es zur Verlagsseite.

Dienstag, 30. Januar 2018

Yael Inokai: Mahlstrom

"Einen starken Sog auslösend"

- so beschreibt der Text auf dem Buchrücken den Effekt, den der Roman bei den Leser*innen auslöst.
Treffend, wie ich finde, denn einmal begonnen, kann man diesen kurzen Roman - eigentlich eine Erzählung, nicht mehr aus der Hand legen.

Worum geht es?
In einem Dorf im Tal entwendet eine junge Frau - Barbara - den dicken Wollmantel ihres Bruders und geht in den Fluss. Im "Mahlstrom" wird sie hinunter gerissen und ertrinkt. Warum hat sie ihrem Leben ein Ende gesetzt? Die Lösung des Rätsels liegt in der Vergangenheit, in ihrer Kindheit verborgen - teilweise.

Abwechselnd aus drei Sichtweisen - ihres Bruders Adam, ihrer Freundin Nora und dem Jungen Yann - wird die Geschichte jeweils in der Ich-Perspektive erzählt. Wie ein Puzzle setzen sich die vergangenen Ereignisse zusammen, bis am Ende ein vollständiges Bild entsteht.

Im Dorf herrscht eine Kultur des Schweigens, Wahrheiten werden nur heimlich geflüstert, das zeigt sich auch auf der Beerdigung Barbaras.

"Während der Predigt saht ich von meinem Platz aus Münder Dutzende von Mündern, die zu Ohren geführt wurden. Ich sah, wie sich die Münder bewegten, dun auch die Ohren, die das Gesagte aufnahmen. Ich sah, wie aus einem Ohr ein Mund wurde und er sich auf das nächste Ohr richtete, das wiederum zu einem Mund wurde, und wie der Pfarrer vorne seinen Mund weit und weiter aufsperrte beim Reden und doch nicht gegen das Wiederfinden der Worte ankam." (S.9)

Die christliche Botschaft vermag nichts gegen die Gerüchte auszurichten, denn Barbara passt nicht in das dörfliche Bild. Ein Mädchen, das geht wie ein Junge, sich hartnäckig im Architektenbüro des Vaters einen Platz erobert hat, obwohl ihm der Besuch des Gymnasiums verweigert wurde. Eine junge Frau, die sich mit der ihr zugedachten Rolle nicht zufrieden geben will, die Stille sucht und Einsamkeit sucht, sich zurückzieht.

Nora beschreibt die ihre Beziehung zu Barbara und die der anderen Dorfbewohner untereinander mit treffenden Worten:

"Manche hätten gesagt, wir sein Freundinnen gewesen. In einem Dorf von dieser Größe gibt es nicht viele Möglichkeiten: Entweder man mag sich, oder man hasst sich, oder man ist sich gleichgültig. Meist empfindet man das eine und handelt nach dem anderen." (S.15)

Schwächere werden gnadenlos in der Schule unterdrückt, "[k]einer war zu junge, getriezt zu werden, und kein Plärren und Betteln konnte das Gegenüber in seinem Angriff besänftigen." (S.16)

Barbara, die sehr groß ist und zu allem schweigt, entgeht diesen Demütigungen. Im Gegensatz zu Yann, dessen Familie von der Stadt ins Dorf zieht, in das Haus, das gegenüber von Noras steht. Klein und schmächtig hat er in der Schule keine Chance, in der Clique von Barbara, Adam, Nora sowie den Geschwistern Hans und Annemarie aufgenommen zu werden.

Hans, der das Dorf verlassen hat, erscheint ebenso wenig auf der Beerdigung wie Yann.

"Da war ich wesentlich erstaunter, dass der Yann und seine Eltern nicht erschienen sind, auch wenn sie eher zurückgezogen leben. Ein Dorf trauert eigentlich lückenlos." (S.25)

Nora stellt fest: "Die Abwesenden störten ihn." (S.30)

Von Hans erfahren wir, dass er eines von 13 Geschwistern gewesen ist und offensichtlich mit Nora eine Beziehung hatte, bis er vor vier Jahren einfach verschwunden ist. Der Tod Barbaras reißt die zurück gebliebenen Freunde aus ihrem mühsam aufrecht erhaltenen Leben und schwemmt jene Erinnerungen an die Oberfläche, die sie zu vergessen suchen.

Nora denkt an Yanns Eltern zurück, die mit dem beginnenden Frühjahr jedes Jahr ihr Leben nach draußen verlagerten.

"Den Sommer vor elf Jahren hatten sie ausgelassen. Keine Stimmen, kein Gebell, nicht einmal Wäsche an den Leinen. Leer und tot wie in all den früheren Jahren waren Haus und Garten die warmen Monate durch gewesen." (S.80)

Was ist in jenem Winter vor elf Jahren geschehen, was haben die fünf Kinder getan? Wie hängen Barbaras Tod und Hans Verschwinden aus dem Dorf und die Tat zusammen?

Während Nora Rechenschaft über das Geschehen ablegt und Yann sich behutsam an das Vergangene erinnert, verdrängt Adam die offenkundige Wahrheit. Wird es ihm gelingen, sich seinen Erinnerungen zu stellen? Wird er zu seiner Identität finden, die er ebenso erfolgreich verdrängt?

Bewertung
Die Erzählung spiegelt das Schweigen, das Verdrängen innerhalb einer Gemeinschaft, in die keiner von außerhalb vorzudringen vermag, authentisch wieder. Nach dem Selbstmord finden die Bewohner keine Worte, das Offensichtliche wird nur geflüstert, hinter dem Rücken weiter getragen. Auch das Verbrechen, das die Kinder begangen haben, wird von ihren Eltern zugedeckt, damit der Schein gewahrt bleibt. Was die Gemeinschaft bedroht, darf nicht sein oder muss weichen.

Eine Nebenepisode verdeutlicht das besonders gut. Barbaras Tante, unangepasst, da sie keiner Arbeit nachgeht und allein in einem kleine Haus lebt, mit den Kindern spielt, wird von ihrem Bruder gezwungen, das Dorf zu verlassen - sie passt nicht ins Bild, ebenso wenig wie Barbara.

Yanns Eltern werden gegrüßt, doch niemals aufgenommen, Zugehörigkeit wird verweigert.

"Hauptsache, man kann sich noch anständig grüßen. Anstand. Wo wären wir ohne Anstand!" (S.171)

Die Autorin deckt die Doppelmoral und Scheinheiligkeit dieser dörflichen Gemeinschaft schonungslos auf, die keine Abweichungen zulässt.

Aber sie zeigt auch, dass die Schuldigen mit der Tat letztlich nicht weiter leben können, wie sie Wege suchen, Reue zu zeigen und sich zu entschuldigen. Mut aufbringen, sich dem zu stellen, was sie dem Schwächsten angetan haben. Dafür findet Inokai wunderbare Worte, wie "schwarzer Schnee" für die Depressionen, unter denen das Opfer leidet. Noras Sprache ist wunderbar poetisch, Adam wirkt direkt, flüchtet jedoch vor seinen Erinnerungen und Yanns Stimme ist leise, behutsam, vorsichtig. Die Sprache spiegelt die Eigenschaften und Psyche der Figuren perfekt wider und jede der Figuren berührt auf ihre Weise.

Klare Lese-Empfehlung!


Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 180 Seiten
Rotpunktverlag, 2017

Sonntag, 28. Januar 2018

Peter Wohlleben: Das geheime Netzwerk der Natur

- verästelt, undurchschaubar, erstaunlich.


Das ist das erste Sachbuch, das ich auf meinen Blog bespreche. Das liegt daran, dass ich Romane bevorzuge und die Sachbücher, die ich lese, in der Regel beruflichen Hintergrund haben - und über die möchte ich nicht schreiben.

Warum also ein Sachbuch? Peter Wohlleben gab im letzten Jahr auf der Buchmesse ein Interview, das ich unbedingt hören wollte, da ich zuvor im Fernsehen eine Dokumentation zum geheimen Leben des Waldes gesehen hatte, die mich faszinierte. Im Interview stellte er sein neues Sachbuch vor und die Beispiele, die er daraus erzählte, schlugen mich in ihren Bann.


Auch deshalb, weil ich selbst im ländlichen Raum lebe, mitten im Naturpark Saar-Hunsrück - ein Gebiet mit großen zusammenhängenden Waldflächen. Gemeinsam mit der Familie nebst Momo, unserem schwarzen Labrador, wandern wir regelmäßig auf dem Saar-Hunsrück-Steig oder den dazugehörigen Traumschleifen oder streifen einfach durch den Wald. Da Spaziergänge zum alltäglichen Leben gehören, liegt mir der Wald sehr am Herzen, genau wie der ehemalige Förster Peter Wohlleben, der das Zusammenleben der Tiere und Bäume in der Natur erforscht hat und ganz in der Eifel eine Waldakademie leitet.

"Je intensiver man die Beziehungen zwischen den Arten beleuchtet, desto mehr wunderbare Dinge offenbaren sich. Ist die Natur nicht sogar noch viel komplexer als ein Uhrwerk? In ihr greift ja nicht nur ein Zahnrad ins andere, sondern alles ist auch noch untereinander vernetzt." (S.8)

An vielen Beispielen erklärt Peter Wohlleben verständlich und anschaulich, wie dieses Netzwerk der Natur funktioniert und welche großen Auswirkungen kleine Veränderungen nach sich ziehen können.

Ich möchte eines der Beispiele herausgreifen, um deutlich zu machen, dass es keine einfachen Zusammenhänge in diesem Netzwerk gibt.
Im Yellowstone-Nationalpark wurden im 19. Jahrhundert die Wölfe ausgerottet, in der Folge vermehrten sich die Hirsche so stark, dass diese die Flussufer kahl fraßen. Dadurch verödete das Land, es gab weniger Vögel und auch Biber, die auf Bäume am Flussufer angewiesen sind. Verödete Ufer bedeuten auch weniger Befestigung, so dass es zu Hochwasser und Erosionen kam.
1995 wurden Wölfe im Naturpark ausgesetzt, was eine Veränderung des Ökosystems nach sich zog.
Die Anzahl der Hirsche ging zurück und auch die Biber siedelten sich wieder an, die Überschwemmungen, die von ihren Dämmen verursacht werden, helfen den Bäumen in trockenen Monaten an Wasser zu kommen. Gleichzeitig vermehrten sich die Grizzlys, die im Herbst auf süße Beeren angewiesen sind, die ihnen aber von der Überpopulation an Hirschen "weggefressen" wurden.
Gleichzeitig lässt sich im Nationalpark noch ein anderes Phänomen beobachten. Dort haben wahrscheinlich Angler die "Amerikanische Seeforelle" eingeführt, die die ansässige "Cutthroat-Forelle" verdrängt, die von den Bären gerne gefressen wird. Da sie in kleinen Bächen laichen, sind sie für die braunen Jäger gut zu erreichen. Anders die Amerikanische Seeforelle, die ihre Eier am Seeboden ablegen, so dass die Bären hungrig bleiben, was dazu führt, dass sie verstärkt die Kälber der Hirsche ins Visier nehmen - im Gegensatz zu den Wölfen, die auch ältere Tiere jagen. Dadurch dass die Bären den Nachwuchs fressen, verändert sich die Altersstruktur der Hirschrudel.

"Der Fall zeigt noch einmal deutlich: Ökosysteme sind überaus vielschichtig, und Veränderungen betreffen niemals nur einzelne Arten. (...) Die große Uhr hat doch mehr Zahnräder, als bis heute bekannt ist." (S.24)

An vielen weiteren Beispielen zeigt Peter Wohlleben eindrücklich auf, wie kompliziert die Zusammenhänge im Ökosystem sind und dass das gut gemeinte Eingreifen des Menschen oft fatale Folgen haben kann.

Er führt uns vor Augen, wie wenig wir eigentlich wissen, so ist das Leben im Grundwasser beispielsweise kaum erforscht und er weist ausdrücklich auf die Gefahren des Fracking hin, dessen Folgen seiner Meinung nach wir nicht abschätzen können:

"Auf solche rüde Eingriffe ist dieses Ökosystem nicht vorbereitet. Seine Eigenschaften sind ja die ewig gleichbleibenden Bedingungen und die extreme Langsamkeit." (S.52)

Der Fokus seiner interessanten Untersuchungen liegt auf dem Wald und seinen Bewohnern und dem Einfluss, den wir Menschen auf den Wald ausüben. Sei es die wirtschaftliche Nutzung, die Fütterung der Waldtiere oder die Folgen der Monokultur. An vielen Beispielen bringt er uns diesen Lebensraum näher und immer wieder gerät man ins Staunen darüber, wie gut die einzelnen Lebewesen und Pflanzen vernetzt sind.
Ein Kapitel widmet sich auch den Mythen, den einfachen Zusammenhängen wie die alten Bauernregeln, die Wohlleben ins Reich der Märchen verbannt.
Er räumt auch mit dem Mythos auf, dass wir mit Rettungsmaßnahmen für einzelne Tiere oder Pflanzen etwas Gutes tun würden:

"An den in den vorherherigen Kapiteln dargestellten Beispielen kann man gut erkennen, wie fragil das System ist und welche Folgen der Ausfall einer einzigen Art haben kann." (S.137)

"Anstatt hier und da einen Rettungsversuch in Form einzelner Bäume zu unternehmen, die vor der Holzernte verschont werden, sollten großflächige Areale komplett aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen werden." (S.144)

Auch der Frage, was denn eigentlich Natur sei, widmet er sich.

Am Ende des Sachbuches steht das Klima und die Erderwärmung im Vordergrund. Wohlleben weist darauf hin, dass es vor allem die Geschwindigkeit ist, mit der sich die Kohlenstoffdioxidkonzentration verändert, die den Bäumen zu schaffen macht. Schwankungen hat es in der langen Erdgeschichte mehrere gegeben, doch der Eingriff des Menschen, die Industrialisierung hat diese torpediert.

"Höhere Temperaturen sind nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, solange die Natur sich darauf einstellen kann." (S.155)

Auch Bäume wandern und können sich auf veränderte Temperaturen einstellen, aber sie brauchen Zeit dafür, die wir ihnen nicht geben.

Wohlleben stellt viele interessante Fragen, gibt Denkanstöße und bringt uns das geheimnisvolle Netzwerk der Natur näher.

Ein Muss für alle, die den Wald lieben und denen die "Natur" am Herzen liegt.

Vielen Dank ans das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar,

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Ludwig Verlag, 2017

Freitag, 26. Januar 2018

Markus Zusak: Der Joker

- und die Botschaften.

Lesen mit Mira

Seit über einem Jahr lesen Mira und ich jetzt schon jeweils am Monatsende einen Roman gemeinsam, gerne auch einen Jugendroman. Da wir beide "Die Bücherdiebin" kennen, liegt es nahe, auch diesen zu lesen, für den Zusak im Jahr 2007 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat.

Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht Ed Kennedy, aus dessen Ich-Perspektive die Handlung erzählt wird und der sich selbst den Leser/innen vorstellt:

"Mein Name lautet Ed Kennedy. Ich bin neunzehn Jahre alt. Eigentlich zu jung, um als Taxifahrer zu arbeiten. Ich bin ein typisches Beispiel für viele der jungen Männer, denen man in diesem provinziellen Außenposten der Großstadt begegnet - man hat hier einfach kaum Perspektiven oder Möglichkeiten." (S.12)

Eds Vater, ein stiller Alkoholiker, ist vor kurzem gestorben, seine Mutter verhält sich ihm gegenüber lieblos und distanziert, während seine drei Geschwister alle die Stadt verlassen haben.
Neben dem Taxifahren verbringt er die Abende mit seinen Freunden Marv, der eine Schrottkarre fährt und unglaublich geizig ist, und Richie, der von der Sozialhilfe lebt und keine Lust auf gar nichts zu haben scheint. Mit von der Partie ist auch die hübsche Audrey, die ebenfalls Taxi fährt und in die Ed verliebt ist.
Allerdings kommt Audrey, genau wie Ed aus schwierigen familiären Verhältnissen und will sich nicht auf eine echte Liebesbeziehung einlassen, obwohl sie ihn offenkundig ebenfalls liebt.
Beide leben jeweils allein ein einer "Hütte" (S.25) - Eds Mitbewohner ist der stinkende Hund "Türsteher", der jeden freudig begrüßt ;) und mit dem Ed die schönsten Gespräche führt.

Zu Beginn gerät Ed in einen Banküberfall, der offenkundig von einem Amateur durchgeführt wird, so dass es Ed gelingt, ihn an der Flucht zu hindern. Er wird kurzfristig zum lokalen Helden, während der Bankräuber, der ins Gefängnis muss, ihn bedroht:

"Du bist ein toter Mann. Wart´s nur ab (...). Denk dran, was ich dir gesagt habe. Denk jeden Tag daran, wenn du in den Spiegel schaust." (S.52)

Zeitgleich findet Ed eine Spielkarte in seinem Briefkasten - das Karo-Ass, auf dem drei Adressen und eine Uhrzeit stehen. Schnell wird Ed klar, dass er dorthin gehen muss. Gleich bei der ersten Adresse erwartet ihn ein sich abendlich wiederholendes Verbrechen - ein Mann, der seine Frau missbraucht.

"Es ist so, las ob ich auserwählt wäre. Aber auserwählt wozu?, frage ich mich. Die Antwort ist ganz einfach. Damit es nicht egal ist" (S.57)

...dass so etwas geschieht und möglich ist. Und in der Tat scheint Ed von jemand Unbekanntem dazu auserkoren, anderen Menschen Gutes zu tun, ihnen Botschaften zu überbringen.

Vier Asse - vier mal drei Aufgaben, die auf eine kreative Lösung warten. Immer näher dringen sie in sein unmittelbares Umfeld vor. Ganz am Ende wartet der Joker auf ihn.

Bewertung
Ein bemerkenswerter Roman und das aus vielerlei Hinsicht:

1. Der Aufbau ist interessant - 5 Teile, jeweils ein Ass und der Joker stehen für einen Teil. Die Kapitel gehen von Ass-König (also jeweils 14) und enthalten jeweils drei Botschaften, die Ed "überbringen" muss. Ausnahme bildet der letzte Teil, in dem sich die Frage nach dem Joker löst.

2. Die Sprache ist außergewöhnlich. Neben der Ansprache an die Leser/innen und sehr kurzen Sätzen, manchmal nur einzelne Worte,

"Du weißt wahrscheinlich bereits, was ich in der Angelegenheit Edgar Street beschlossen habe zu unternehmen. Zumindest wenn du begriffen hast, wie ich bin.
Zögerlich.
Nachgiebig.
Schwach." (S.61)

stehen derbe Ausdrücken unter den Jugendlichen ungewöhnlichen Bildern gegenüber.

"Die Gewalt mischt sich ein. Sie bohrt ihre Finger in alles was sie zu fassen kriegt, und reißt es auf. Alles fällt entzwei, und ich verfluche mich selbst, weil ich so lange damit gewartet haben, dem ein Ende zu bereiten." (S.101)

3. Der Protagonist wird, obwohl er zunächst wie ein Loser wirkt, der zu schwach und antriebslos ist, irgendetwas zu bewegen, immer sympathischer und wächst an seinen Aufgaben. Er entwickelt sich, schöpft aus den geglückten Botschaften Kraft und verändert Schritt für Schritt sein Leben.

4. Der Schluss, den ich nicht vorwegnehmen will, hat eine klare "Lehre". Sinngemäß: Auch du - wie schwach du auch sein magst - kannst die Welt zu einer besseren machen.
Das mag jetzt simpel und banal klingen, aber wenn dies alle tun würden...
Insgesamt werden christliche Werte, wie Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und gegenseitige Achtsamkeit in den Vordergrund gestellt, eine Botschaft, die ihre Aktualität nicht verliert.

5. Der Roman berührt beim Lesen. Einige der Botschaften, die Ed übermittelt, sind nicht weltbewegend, es sind Kleinigkeiten. Freundlichkeiten, die das Leben schöner machen, wie für die allein erziehende Mutter, die von ihrem kargen Gehalt ihren Kindern einmal in der Woche ein Eis kauft. Und sie selbst? Wer kauft ihr eins?

6. Während der Handlung werden auch einige Romane erwähnt, zufällig gerade solche, die ich im letzten Jahr gelesen habe, wie "Sturmhöhe" oder "Schuld und Sühne" - eines der Asse enthält sogar nur Namen von Autoren. Die intertextuellen Bezüge zeigen das Entwicklungspotential Eds, aus dem er nur schöpfen muss.

7. Einen Kritikpunkt muss ich noch loswerden. Zwei der Botschaften werden mittels Gewalt übermittelt und auch Ed wird zu Beginn von Unbekannten gewaltsam aufgefordert seinen Aufgaben nachzukommen. Gewalt als Lösung? Als Weg zur Veränderung? Diese Episoden erscheinen mir - und da bin ich mit Mira einer Meinung - etwas dubios. Dem gegenüber stehen glücklicherweise liebevolle, empathische Verhaltensweisen, die zum Ende hin überwiegen.

8. Der Roman ist sehr spannend, gerade mal in drei Tagen habe ich ihn verschlungen. Die gestellten Aufgaben und der Aufbau verführen dazu, dass man einen Teil zu Ende lesen will. Und weil es gerade so schön ist, weiterlesen ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Taschenbuch, 446 Seiten
cbt-Verlag, 2006