Samstag, 17. November 2018

Laetitia Colombani: Der Zopf

- drei Frauen, deren Schicksal sich berührt.

Hörbuch

"Der Zopf" wird in Rezensionen sehr unterschiedlich bewertet und eigentlich hatte ich schon beschlossen, den Roman nicht zu lesen, da erzählte mir eine gute Freundin, dieses Buch sei ihr Hörbuch-Highlight in diesem Jahr.

Wie schon bei "Die Katze und der General" gehen die Meinungen über das, was gut oder schlecht, hörenswert oder abzulehnen ist, weit auseinander.

Ein Versuch ist es wert, schließlich kann man bei Audible auch Hörbücher umtauschen...

Erzählt wird das Schicksal dreier Frauen aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen und Schichten:

1. Smita lebt in Indien und gehört zu den Unberührbaren. Für ihre Tochter erhofft sie sich ein besseres Leben als das, was sie zu führen gezwungen ist. Denn sie muss die Latrinen der Menschen in ihrem Dorf entleeren und wird dafür mit Essensabfällen "bezahlt". Als ihre Tochter vom Lehrer in der Schule vor den anderen Kindern aufgefordert wird, den Klassenraum zu kehren, erkennt sie, dass sie im Dorf ihrer "Kaste" nicht entfliehen können. Sie beschließt gegen das ihr vorherbestimmte Schicksal anzukämpfen.

2. Giulia lebt in Palermo und arbeitet in der Perückenfabrik ihres Vaters. Sie wird vor die Aufgabe gestellt, die Rolle ihres Vaters zu übernehmen, als dieser einen Autounfall erleidet. Wie geht sie mit der neuen Situation um?

3. Sarah ist eine erfolgreiche Anwältin in Montreal. Bisher hat sie ihr ganzes Leben ihrer Arbeit gewidmet, selbst ihre drei Kinder müssen sich mit der zweiten Rolle begnügen. Doch dann findet man einen Tumor in Sarahs Brust und ihr Leben wird auf den Kopf gestellt.

Abwechselnd wird jeweils aus der personalen Perspektive der drei Frauen erzählt, wie sie die neue Herausforderung annehmen. Wie ein Zopf verflechten sich ihre Schicksale, wenn auch nur ganz lose.

Ihre Gemeinsamkeiten bestehen darin, dass sie jeweils vor einer wichtigen Wende ihres Lebens stehen, diese meistern müssen und gezwungen werden gegen Widerstände anzukämpfen.
Und alle werden auf unterschiedliche Art und Weise diskriminiert:

- Smita in religiöser Hinsicht als Unberührbare (Dalit), die auch heute noch oft aus dem indischen Kastensystem ausgeschlossen sind und praktisch keine Rechte haben

- Giulia als Frau, der man es nicht zutraut, die Geschäfte zu übernehmen und die einen Inder kennen lernt, den ihre streng katholische Umgebung als Freund ablehnen würde, so dass sie sich heimlich mit ihm trifft

- Sarah wird aufgrund ihrer Krankheit ausgeschlossen, da sie nicht mehr "leistungsfähig" ist.

Die drei Sprecherinnen - Andrea Sawatzki, Valery Tscheplanowa, Eve Gosciejewicz - entführen die Hörer*innen in die unterschiedlichen Lebenswelten der Frauen.

Trotz der vielen negativen Kritiken hat mir das Hörbuch gut gefallen, die Verflechtung der drei Frauen ist zwar lose - das wird oft kritisiert - aber vorhanden. Im Vordergrund steht ihr Mut, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Insofern dienen sie als Identifikationsfiguren, deren Schicksal mich berührt hat.

Montag, 12. November 2018

Salih Jamal: Orpheus

- Musik, Liebe, Tod.

Selten bringt ein Untertitel einen Roman so auf den Punkt wie dieser. Orpheus in der Postmoderne angekommen, könnte man auch sagen.

Sprachgewaltig wird die Geschichte des jungen Musikers Orpheus erzählt, dessen Geliebte Nienke, eine Anwältin, die für seinen übermächtigen Großvater Zeus (!) arbeitet, verschwunden ist.
Nienke kann Zeus in einen Zusammenhang mit einem lange zurück liegenden Mordfall bringen - sie hat belastendes Material aus der Firma mitgehen lassen. An dem Morgen, an dem sie zur Polizei gehen will, verliert sich ihre Spur - eine Tatsache, die den liebenden Orpheus um den Verstand bringt.

Zeus ist ein skrupelloser Machtmensch, der in seiner Vergangenheit mehrere furchtbare Verbrechen begangen hat, die in Rückblicken erzählt werden, so dass sich die Familiengeschichte wie ein Puzzle langsam zusammensetzt.
Warum Orpheus Vater einen Biohof betreibt und Orpheus Onkel Dino (Dionysos) der beste Kunde seiner eigenen Kneipe ist, warum Orpheus Bruder Aris eine unberechenbare Wut in sich trägt, schildert der allwissende Ich-Erzähler, der aus der Retrospektive alle Ereignisse durchschaut und in Beziehung zueinander setzen kann.

"Heute begreife ich das Ausmaß dieser Tragödie. Denn von dort, wo ich jetzt bin, kann ich auf das sehen, was gewesen ist." (20)

Jamal erzählt die griechische Sage neu, ohne sie nachzuerzählen. Er bedient sich der mythologischen Vorbilder und kreiert daraus eine außergewöhnliche Geschichte über Liebe, Verrat, Gewalt und Macht.

Meines Erachtens hätte die eigentliche Story auch ohne die Bezüge zur griechischen Sage "funktioniert", denn das Aufdecken der Familiengeheimnisse ist spannend zu lesen und gleicht einem Krimi. Jamals Sprache wartet mit ungewöhnlichen Metaphern und schrägen Vergleichen auf, gleichzeitig ist er in der Lage schonungslos das zu beschreiben, was Menschen sich gegenseitig antun können. Wer gewaltsame Szenen nicht lesen kann, legt diesen Roman besser aus den Händen - aber in diesen Schilderungen und in den schnörkellosen Szenen liegen die Stärken seines Schreibstils.

Ich wünsche ihm, dass er noch viele Leser*innen findet, denn Talent hat Jamal und das schreibe ich nicht, weil er mir seinen Roman als Lese-Exemplar zur Verfügung gestellt hat ;), sondern weil mich bis auf wenige Kleinigkeiten die Story überzeugt hat.

Besonderheit des Romans, die zum Sänger Orpheus passt, sind die vielen Bezüge zur Musik. Jede Kapitelüberschrift ist der Titel eines klassischen Musikstücks oder eines Songs, z.B. "Leaving on a Jet Plane". Wer will, kann sich passend zur Lektüre die entsprechenden Titel anhören - intermedial sozusagen, denn die Playlist gibt es auf YouTube. Originelle Idee!

Sonntag, 4. November 2018

John Jay Osborn: Liebe ist die bester Therapie

- Listen to the Marriage

Leserunde auf whatchaReadin

Der englische Titel ist für den vorliegenden Roman viel passender als der etwas kitschig wirkende deutsche Titel, der suggeriert, es handle sich um einen niveaulosen Liebesroman. Und das würde diesem psychologischen Roman in keinster Weise gerecht.

Worum geht es?
Die Ehe von Steve und Charlotte steht vor dem Aus. Bevor sie sich endgültig trennen, wollen sie den Kindern zuliebe noch einen Versuch starten. Sie besuchen die ungewöhnliche Paartherapeutin Sandy, in deren psychologischer Praxis der Roman spielt. Steve und Charlotte treffen dort zusammen, um über das zu reden, was zu ihrer Trennung geführt hat.

Aus der personalen Erzählperspektive Sandys, die fast immer zu wissen scheint, was in den Köpfen ihre Klient*innen vorgeht, erleben wir mit, wie die beiden ihre Beziehung "auseinander nehmen".

In der ersten Sitzung geht es zunächst um das Finanzielle und da Charlotte sich Sorgen macht, wie lange das Geld noch reichen wird, macht Sandy einen ungewöhnlichen Vorschlag. Sie will, dass Steve Charlotte den gesamten Erlös, den sie mit dem Verkauf ihres Hauses erzielt haben, gibt.

"Ja, alles", erwiderte Sandy. Charlotte hat ganz schön viel auf sich genommen, indem sie mit den Kindern ausgezogen ist. Soll sie sich jetzt etwas auch noch Sorgen machen, wie sie finanziell über die Runden kommt?" Ganz genau, Steve, dachte Sandy. Sie hat dich verlassen, und ich will trotzdem, dass du ihr die ganzen zweihunderttausend gibst. Verstehst du, warum?" (8)

Immer wieder provoziert sie Steve oder Charlotte, damit diese ihre eingefahrenen Verhaltensweisen überdenken. Beruflich geht es ihnen beiden gut, denn Steve ist gerade "Teilhaber einer großen Private-Equity-Firma" (10) geworden, während Charlotte englische Literaturwissenschaft an der Universität lehrt und vor kurzem eine Festanstellung erhalten hat.
Doch Steve hat Charlotte betrogen, worauf sie ein Affäre mit einem verheirateten Mann begonnen hat, der ebenfalls Literaturdozent ist.
Gibt es eine Chance für die beiden? Sind sie in der Lage sich zu ändern? Lernt Steve Charlottes Äußerungen zu verstehen, wird sie über ihre Gefühle sprechen können?
Sandy scheint wechselweise auf der Seite des einen oder der anderen zu stehen, doch ihr liegt an der Ehe der beiden, auf sie sollen beide hören - "listen to the marriage"!

Bewertung
Obwohl der Roman fast ausschließlich aus den Dialogen in den Therapiesitzungen und Sandys Gedanken währenddessen besteht, ist er überaus spannend zu lesen. Schließlich will man wissen, ob die beiden wieder zueinander finden - gleichzeitig erkennt man, wenn man selbst in einer Ehe lebt und Kinder hat - viele Verhaltensmuster wieder.
Sandys Reflexionen dazu sind erhellend und sorgen für den ein oder anderen Aha-Effekt. Ein überaus intelligenter Roman, mit einer ungewöhnlichen Protagonistin, bei der man selbst gerne eine Therapiesitzung machen würde. Fraglich, was dann im mysteriösen grünen Sessel sitzen würde, der in seinem viktorianischen Stil nicht zu den Ikea-Sesseln passt, auf dem die Therapeutin und die Klient*innen Platz nehmen.
Er ist für das reserviert, was die Beteiligten mit in die Sitzung bringen - die Ehe, ein andere Person... - ein sehr interessanter Gedanke, wenn man sich darauf einlässt.

Kurzweilig, psychologisch interessant und authentisch - klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Samstag, 3. November 2018

Juli Zeh: Neujahr

- neuer Anfang?

Hörbuch
Am Neujahrsmorgen 2018 sitzt Henning in Lanzarote auf dem Fahrrad. Sein Ziel ist der steile Pass von Fermés, da er sich beweisen will, dass er das schafft. "Erster, erster, erster", betet er sich vor, wenn seine Kräfte ihn verlassen.

Während er einsam gegen Wind und Berg kämpft, lässt er den letzten Abend Revue passieren und reflektiert über sein Leben, das objektiv betrachtet, gut verläuft:
Er liebt seine Frau Theresa, gemeinsam kümmern sie sich um die Kinder Bibi (2) und Jonas (4), wobei er mehr Zeit zu Hause verbringt, da seine Frau besser verdient. Wurmt ihn das? Ist das Grund, warum "Es" immer wieder hervor kriecht.
Henning leidet unter Angstzuständen, hat Panikattacken, die ihn überfallen und mit denen er nicht zurecht kommt. Hat Theresa deshalb den letzten Abend mit dem Franzosen vom Tisch gegenüber Tango getanzt? Wird dieser Urlaub der letzte gemeinsame sein? Während er sich weiter den Berg hinauf quält, beschleicht ihn das Gefühl, dass er diese Gegend kennt. Er erreicht eine einsame Villa, an deren Hauswand viele Spinnen sitzen - schlagartig hat er ein Déja-Vu, er kennt dieses Haus...

Im zweiten Teil des Romans erzählt der vierjährige Henning von einem schrecklichen Erlebnis aus seiner Kindheit, das er bisher verdrängt hat.

Bewertung
Zu Beginn kann man als Elternteil Hennings Gedanken gut nachvollziehen. Wenn er von seiner Erschöpfung spricht, davon, wie anstrengend die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, wie unzufrieden er sich in seiner Rolle fühlt, dann nickt man zustimmend beim Hören und denkt, genauso ist es. Juli Zehs klare Sprache deckt die Widersprüche in Hennings Leben auf, seine Unsicherheit und seine Verzweiflung darüber, dass es scheinbar keinen Grund für die Panikattacken gibt. Besonders gut hat mir der Teil aus der kindlichen Perspektive gefallen - sehr genau beschreibt Zeh, wie die Situation auf ein vierjähriges Kind wirken muss, so dass man zwangsläufig intensiv mitfühlt - viel mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten, aber ich konnte beim 2.Teil fast nicht mehr auf "hören" ;), wozu auch der hervorragende Sprecher Florian Lukas maßgeblich beigetragen hat.
Die psychologischen Ursachen für die Panikattacken, Hennings Reaktionen und Wahrnehmungen während der Fahrradfahrt werden im 2.Teil nachvollziehbar erzählt und den Schluss fand ich ebenso schlüssig wie genial.

Klare Lese-Empfehlung!
Jetzt freue ich mich demnächst auf "Unterleuten", das noch ungehört in meiner Bibliothek auf mich wartet.

Donnerstag, 1. November 2018

Marie Gamillscheg: Alles was glänzt

- im Schatten des Berges.

Der Roman ist mir beim Bloggerportal ins Auge gefallen und aufgrund des Covers habe ich zugegriffen, ohne recht zu wissen, was mich erwartet. Eine positive Überraschung, denn Gamillscheg erzählt subtil, in leisen Tönen und aus unterschiedlichen Perspektiven, wie die Menschen in einem Dorf, das am Hang eines Berges, in dem Erz abgebaut wurde, mit dem allmählichen "Niedergang" leben.

Das Bergwerk ist inzwischen stillgelegt und Risse bereits am Rand des Berges auszumachen, wie die Schülerin Teresa, eine der Protagonisten bemerkt. Nur noch wenige Familien leben im Dorf, nachdem ein Journalist den Untergang vorhergesagt hat - da der Berg irgendwann "zusammenbreche":


"Überall Gänge, Löcher. Höhlen. Stollen und Schächte." (8)

"Der rote Knopf im Schaubergwerk funktioniert nicht mehr, und niemand repariert ihn." (7)

Denn niemand besucht das Dorf, außer Merih, dem Regionalmanager, der den Ortskern neu beleben soll. Aus seiner Sichtweise erfahren wir, dass er die Bewohner überreden will, in die verlassenen Häuser um die Ortsmitte zu ziehen. Unterschriften für ein Landschulheim sammelt, das Museum auf Vordermann bringen will. Insofern steht er für einen Neuanfang - sofern dieser noch möglich ist.

Vor seiner Ankunft ist Martin, ein junger Mann aus dem Dorf, aus einer der Serpentinen am Berg geflogen und tödlich verunglückt. Symbolisch steht er für die Zukunft, er sollte Esther heiraten, Teresas Schwester. Eigentlich will Teresa aufs Konservatorium in der Stadt, nun hat sie Angst, dass es Esther sein wird, die den Ort verlässt und das Gleichgewicht stört.

Eine weitere Perspektive ist die Susas, Wirtin der einzigen Gaststätte "Espresso" und heimliche "Herrscherin" über das Dorf. Sie hält am Status quo fest und arbeitet gegen Merih, während "Wenisch", ein ehemaliger Bergarbeiter, die Erfahrung macht, dass er allein, ohne seine Tochter, die in die Stadt gezogen ist, im Dorf nicht mehr zurechtkommt. Er grübelt darüber nach, ob sein Nachbar Martin seinem Leben willentlich ein Ende gesetzt hat.

Die vier Perspektiven spiegeln die unterschiedliche Sicht auf das Dorf wider, das vom Erzabbau gelebt, den Berg dadurch ausgehöhlt hat, so dass sein Ende bevorsteht (?): Status quo, Neuanfang, Flucht und Einsamkeit treffen aufeinander. Im Raum steht die Frage, ob man verantwortungsvoller mit der Natur hätte umgehen können und müssen.

Interessant sind die Einschübe, die die sagenhafte Geschichte der Entstehung des glänzenden Erz erzählt, am Ende bleiben die Serpentinen, die durch den Abbau entstanden sind und die Namen tragen:

S.195


Diese bilden jeweils die Kapitelüberschriften, von (0,0) bis (1555,3) zurück zu (0,0), wobei das erste und letzte Kapitel insofern einen Rahmen bilden, da sie aus keiner bestimmten Perspektive erzählt werden.
Die Sprache ist sehr reduziert, Gedanken, Wünsche, Ängste werden angedeutet, die Leser*innen sind gefordert, sich ihren Reim auf die Handlungen der Figuren zu machen - es wird wenig erklärt. Erinnert hat mich der Roman an "Bevor alles verschwindet" von Annika Scheffel, da auch dort ein Untergangsszenario im Vordergrund steht, ein Dorf, aus dem die Bewohner flüchten, da es geflutet werden soll. Auch sprachlich und stilistisch gibt es Parallelen.

Lese-Empfehlung!

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Luchterhand, 19.März 2018


Sonntag, 28. Oktober 2018

Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

- Lebensweisheiten.

Lesen mit Mira

Das Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne, d.h. es wird keine Geschichte erzählt, sondern viele kleine Geschichten. Rahmenhandlung ist eine Therapiesituation: Demian, ein Student, sucht Hilfe bei Jorge, einem Gestalttherapeuten, den er wie folgt beschreibt:
"informell, unordentlich, chaotisch, warm, kunterbunt, unberechenbar, und warum es leugnen, ein bißchen schmuddelig."

Jorge ist speziell, wird von Demian "der Dicke" genannt und liebt

"Fabeln [...], Parabeln, Märchen, kluge Sätze und gelungene Metaphern. Seiner Meinung nach war der einzige Weg, etwas zu begreifen, ohne die Erfahrung am eigenen Leib machen zu müssen, der, ein konkretes symbolisches Abbild für das Ereignis zu haben."

Jedes Kapitel beinhaltet solch eine Geschichte, eine Art Gleichnis, das auf Demians Probleme Antworten geben soll. Gleich die erste Geschichte thematisiert, warum es sinnvoll sein kann, sich in der Therapie mit sich und seinen gelernten Verhaltensweisen auseinander zu setzen.

Ein Zirkuselefant, der seit ewiger Zeit an einen Pflock gebunden ist, wird nicht weglaufen, weil er von Anfang an gelernt hat, dass er sich nicht losreißen kann. Irgendwann hat er seine Gefangenschaft akzeptiert und glaubt, selbst wenn kein Pflock mehr da ist, dass er sich nicht mehr befreien kann.

"Wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet."

"Ich kann nicht, und werde es niemals können", lautet die Prämisse, unter der wir unser Leben daraufhin gestalten.

Sowohl Mira und mir hat die Geschichte "Der wahre Wert des Rings" besonders gut gefallen:

"Du bist wie dieser Ring: ein Schmuckstück, kostbar und einzigartig. und genau wie diesem Ring kann deinen wahren Wert nur ein Fachmann erkennen."

Die einzelnen Geschichten bieten viele Denkanstöße und laden dazu ein, nachdem man sie gelesen, darüber nachzudenken. Allerdings geht es Jorge in der Therapie nicht darum, dass Demian seine Geschichten "richtig" interpretiert.

"Wenn sie überhaupt eine Aussage hat, dann nur die, die sie für dich hat."

Es ist ein Buch, das man immer wieder in die Hand nehmen kann, um die ein oder andere Geschichte, in der man sich wiedererkannt hat, erneut zu lesen.
Interessant fand ich die Erklärung zu den unterschiedlichen Therapierichtungen - klassische Psychoanalyse, psychoanalytische, Verhaltenstherapie und die Gestalttherapie, die sich mit der Gegenwart des Patienten beschäftigt und herausfinden soll,

"was in der Person, die sich an den Therapeuten gewandt hat, vor sich geht, und wozu sie in eine solche Situation hineingeraten ist."

Auch philosophische Fragen werden aufgeworfen, wie die nach der Zufriedenheit und der Vorstellung, dass uns immer irgendetwas zu unserem Glück fehlt.

"Wir haben gelernt, daß sich das Glück einstellt, sobald wir das fehlende Stück haben. Und da uns immer etwas fehlt, kehrt der Gedanke an seinen Ausgangspunkt zurück, und man kann niemals sein Leben genießen."

Die Geschichten sind kleine Kostbarkeiten, die man mit Muße lesen sollte, "in der Tiefe jeder Geschichte" kann man, wenn sie einen anspricht und zur eigenen Lebenssituation passt, einen "Diamanten" findet.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

- Schuld und Sühne.

Da ich vor ca. zwei Jahre von Haratischwilis Roman "Das achte Leben" trotz des immensen Umfangs (1280 Seiten!) begeistert war, wollte ich unbedingt auch ihren neuen Roman, der es auf die Short-List für den deutschen Buchpreis in diesem Jahr geschafft hat, lesen. Ich habe mich schließlich für das Hörbuch entschieden - trotz einiger negativer Kritiken, die in Blogger-Kreisen und der Presse kursieren. Glücklicherweise habe ich mir selbst ein Bild gemacht ;)

Worum geht es?
Alexander Orlow, "Der General" genannt, hat sich während des Tschetschenien-Krieges Mitte der 1990er, obwohl er nie in diesen Krieg wollte, wie der Rückblick aus der Sicht des jungen Malish (=Alexander Orlow) verrät, eines Kriegsverbrechen schuldig gemacht.
Eine junge Frau wird vergewaltigt und ermordet. Mit ihr beginnt der Roman, denn Nura lebt in einem Tal bei Grosny. Doch bevor sie das ihr vorbestimmte Leben in der Enge des Dorfes verlassen kann, hält der Krieg Einzug und setzt ihrem Leben brutal ein Ende.
Ein Fall, für das die Autorin ein reales Geschehen vor Augen hatte. (vgl. Rezension beim Deutschlandfunk)

Lange erfahren wir nichts über Nura und den jungen Alexander, sondern die Handlung springt in die Gegenwart, ins Jahr 2016 - zur Katze.
Katze ist eine junge Schauspielerin, Sesili, Georgierin, die in Berlin lebt. Sie gleicht der ermordeten Nura so sehr, dass der General sie engagieren möchte, um das zu Ende zu führen, was in der Mitte der 90er Jahre misslang - er will für Gerechtigkeit sorgen.
Mithilfe des Journalisten Onno Bender, der seit Jahren versucht, mehr über die Lebensgeschichte des Generals und vor allem über seinen märchenhaften Aufstieg nach dem Krieg herauszufinden, will Orlow sie überreden, ein Video zu drehen.
In diesem Video soll sie die tote Nura verkörpern. Alexander Orlows Plan ist es, die damaligen Verantwortlichen an dem Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Er selbst hatte sich nach dem Tod der jungen Frau angezeigt, doch das Verfahren wurde abgebrochen, nachdem der Rechtsanwalt, der die Familie Nuras vertrat, ermordet wurde. Daraufhin lässt sich Malish (Alexander) auf einen faulen Kompromiss ein. Inzwischen hat der General das Geld und die Macht, diejenigen, die damals beteiligt waren, zur Rechenschaft zu ziehen.

„Nun war er mächtig genug, brauchte keine Gerichte und keine Staatsanwälte, keine Richter und keine Zeugen mehr, er war jetzt sein eigenes Gericht. All das, was damals versäumt wurde, hatte er nun selbst in der Hand. Aus jetziger Sicht erschien es ihm nahezu kindlich naiv, dass er sich einmal an die Illusion von Gerechtigkeit geklammert hatte.“

Welche Rolle spielt Onno, der den Spitznamen "Die Krähe" hat, dabei? Onno war einst mit Orlows Tochter Ada liiert, die jedoch inzwischen tot ist. Selbstmord? Auch sie wollte die Wahrheit über das in Erfahrung bringen, was wirklich in Tschetschenien geschehen ist, wollte wissen, ob ihr Vater der Mörder Nuras ist.

Die Handlung springt zwischen den Zeitebenen und den Perspektiven der einzelnen Figuren: die Katze, der General, der junge Alexander (Malish), die Krähe und Nura. Aber auch Nebenfiguren werden sehr ausführlich vorgestellt, so dass die Kritik, die Geschichte ufere aus, berechtigt scheint.
Andererseits eröffnet der Einblick in verschiedene "Köpfe" mögliche Antworten auf die Frage, wie dieses furchtbare Verbrechen geschehen konnte. Die Frage, die die Autorin umtreibt ist: Wer kann eine solche Tat begehen, wie kann man mit der Schuld leben und kann es eine Form von Gerechtigkeit für Nura geben?

Bewertung
Haratischwili lässt sich Zeit beim Erzählen, die einzelnen Figuren haben Platz sich zu entfalten und gerade beim Hören ist mir am Anfang schwer gefallen, die losen Fäden zusammenzuspinnen. Doch nach einiger Zeit entwickelt sich ein Sog, so dass ich die fast 24 Stunden Hörzeit insgesamt als sehr kurz empfunden habe, wozu auch die hervorragenden Sprecher beigetragen haben.
Sehr eindringlich fand ich die Szenen aus Tschetschenien, die der junge Malish erzählt. Seine Wandlung zum General sowie Katzes Identifikation mit Nura sind psychologisch am schwierigsten nachzuvollziehen. Haratischwili bezieht zu dieser Kritik im Deutschlandfunk Stellung:

„Was mich eigentlich viel mehr interessiert hat, war erstmal: Was passiert, wenn man Menschen in rechtsfreie Räume schickt? Was ist da möglich? Was sind das für Mechanismen? Sind alle Menschen gleich? Kann jeder potenziell zu einem Mörder werden? Kann jeder all das tun, was sie da in Tschetschenien tun? Oder gibt es auch Ausnahmen?“ 

Die Antwort in ihrem Roman ist eindeutig. Krieg "entmenschlicht" und letztlich gibt es keine Gewinner, sondern nur Verlierer.

Lese- bzw. Hör-Empfehlung!