Donnerstag, 17. September 2020

Joachim B. Schmidt: Kalmann

 - der Sheriff von Raufarhöfn.

Leserunde bei whatchaReadin

Kalmann ist Anfang 30 und wohnt in einem kleinen isländischen Dorf, das immer vom Fischfang gelebt hat, inzwischen aber ökonomisch am Boden liegt.

"Und darum gab es hier in Raufharhöfn noch eine ordentliche Industrie, bis dann das Fangquotensystem von den Politikern eingeführt und die Quote fast gänzlich aus Raufarhöfn abgezogen wurde. Nun lagen die Hallen brach, jedes dritte Haus stand leer. Es gab inzwischen nur noch einen Mann, der eine ordentliche Fangquote hatte, wenn auch keine große: Róbert McKenzie." (33)

Jener Róbert hat versucht, den Ort zu einer touristischen Attraktion zu machen, betreibt ein Hotel, hat einen Golfplatz anlegen lassen. Beim Bau des Artic Henge, dieses steinerne Kunst-Bauwerk gibt es tatsächlich, ist ihm das Geld ausgegangen - und jetzt ist er verschwunden, während Kalmann, aus dessen Ich-Perspektive die Geschichte erzählt wird, eine Blutlache außerhalb des Ortes findet.

"Wenn man eine Person ist, die eine Leiche oder deren Überreste findet, und sei es auch nur eine Pfütze Blut, hat man etwas mit der Sache zu tun. Man gehört dann einfach in die Geschichte und damit in die Geschichtsbücher. Und das wollte ich verhindern, indem ich einfach nichts sagte." (35)

Kalmann ist geistig beeinträchtigt, einerseits wirkt er naiv, andererseits sind einige seiner Reflexionen scharfsinnig und tiefgründig. In der Diskussionsrunde stand die Frage im Raum, ob die Erzählperspektive authentisch ist, ob ein Mensch, der wie Kalmann unter einer geistigen Beeinträchtigung leidet, sich derart ausdrücken und solche Schlussfolgerungen ziehen kann, während er gleichzeitig grammatikalisch falsche Sätze produziert. Ich bin regelmäßig über diese Diskrepanz gestolpert, für mich hat es den Lesegenuss dieser ansonsten sehr unterhaltsamen Geschichte etwas getrübt.

Nichtsdestotrotz ist das, was geschieht, teilweise skurril und oft unfreiwillig komisch, was aus dem für Fremde seltsamen Verhalten Kalmanns resultiert. Wie schon gesagt, ist er aber auch in der Lage, genau dies zu reflektieren:

„Manchmal guckt man mich einfach nur an, die Leute starren geradezu, völlig behindert, und dann muss ich grinsen, auch wenn ich gar nicht grinsen will, aber ich grinse einfach, und es hat auch schon der ein oder andere gesagt:“Wieso grinst der so blöd.“ (87)

Das hat eine gewisse Komik, ist aber auch tragisch, weil er nicht aus der Situation heraus kann und sich letztlich so verhält, wie es von ihm erwartet wird.

Man erfährt einiges über diese nordische Insel, v.a. über Gammelhai - eine Spezialität, der sich Kalmann widmet. Von seinem Großvater, bei dem er aufgewachsen ist, da seine Mutter arbeiten musste, hat er das Jagen des Grönlandhais, ebenso wie die Herstellung von Gammelhai gelernt, dessen Geruch allein den Großvater aus dem Vergessen holen kann.

Der Großvater hat eine besondere Bedeutung für Kalmann, da er sich immer für ihn eingesetzt und ihm alles so erklärt hat, dass er es verstehen konnte. Doch jetzt ist Kalmann auf sich gestellt und muss sich den Fragen der Polizistin Birna stellen, die das Verschwinden Róberts untersucht. Kalmann behauptet, ein Eisbär sei Schuld daran. Ein Witz oder meint er es ernst? Auf dem Buchrücken ist zu lesen: "Unter einem Eisbär kann es sehr dunkel sein." Was hat es also mit diesem Eisbären auf sich? Und welche Rolle spielen die Litauer, die in Róberts Hotel arbeiten? Vor allem die hübsche Nadja hat es Kalmann angetan, der sich nach einer Frau sehnt. Sein bester Freund ist Noí, mit dem er nur via Internet kommuniziert. Jener scheint krank zu sein und darf das Haus nicht verlassen. Auch er beteiligt sich virtuell an der Suche nach Róbert, der im Dorf nicht beliebt gewesen ist.

"Es wäre die Gerechtigkeit der Natur. (,,,) Dabei wäre ein Eisbär das Letzte, wovor sich der Gauner hätte fürchten müssen." (71)

Es bleibt spannend und als Leser*innen werden wir auf verschiedene Fährten gelockt und folgen dem Sheriff Kalmann auf seinen Wegen durch das Dorf. Sein Outfit - Cowboyhut, Sheriffstern und eine waschechte Mauser - hat er von seinem Vater geerbt, einem amerikanischen Soldaten.

"Du bist der Sheriff. Und du hast vor niemandem Angst." (258)

Entpuppt sich der "Dorftrottel", wie der Autor seinen Protagonisten im Interview bezeichnet (353), tatsächlich als Held?

Ein unterhaltsamer Roman, in dem man einiges über Island lernt und hinterfragt, welches Verhalten eigentlich "normal" ist. Mein Lesegenuss hat aufgrund der inkonsequenten Erzählperspektive etwas gelitten. Sieht man darüber hinweg, ist es ein spannender, witziger Krimi.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Lese-Exemplar.

Donnerstag, 3. September 2020

Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück

ein Roman?


Leserunde Whatchareadin

Diese Frage haben wir uns in der Leserunde gestellt, nachdem wir die ersten Kapitel gelesen haben. Es scheint so, als sei die Verbindung zwischen diesen nur die kleine Stadt Hollyhock im ländlichen Virginia.

Zunächst erwartet die Leser*innen in jedem Kapitel eine eigene Geschichte, ein bedeutender Ausschnitt aus dem Leben einer Figur aus der Stadt Hollyhock.
In Retter steht Robert im Vordergrund, der mit seiner Frau ein Arrangement hat, „sie durften beide mit anderen schlafen. Das Problem war nur, dass Robert das gar nicht wollte.“(9)

Während seine Frau mit ihrem Arbeitskollegen Liam schläft, leidet Robert an dieser Vereinbarung, hat keine Lust, mit einer anderen zu schlafen - bis er im Zug auf die mittellose Julie trifft, der er aus der Klemme hilft. Am Ende der Geschichte bleibt offen, ob die beiden zusammen bleiben werden und es stellt sich zwangsläufig die Frage, ob dies im Verlauf der Handlung aufgelöst wird.

Im 2.Kapitel muss die Maklerin Susan erfahren, dass sich ihr derzeitiger Lebensgefährte einer anderen Frau öffnet. Ist sie nur Gast in ihrem Leben? Als sie einer Familie ein Haus zeigt, wird ihr bewusst, was ihr fehlt. Auch Robert taucht als Randfigur auf - nur lose Fäden zwischen den Geschichten?

In Verbündete eröffnet Aikos Mutter Nomi, eine Japanerin, dass sie ihren Mann bzw. Aikos Vater Saul verlassen will, um nach Japan zurückzukehren. Aiko wird von der Tochter zur Verbündeten der Mutter, während sie sich jahrelang eher als Verbündete des Vaters gefühlt hat. Während Aiko sich von der Mutter bewertet fühlt, aber als Verbündete akzeptiert, wünscht sie sich, so geliebt zu werden, wie ihre Mutter ihren Bruder Kenji (Protagonist der 4.Geschichte) liebt. Und ausgerechnet der Mann, der sie an Kenji erinnert, lässt sie fallen. Die Sehnsucht nach Nähe und Liebe bleibt unerfüllt - ein Motiv, das immer wieder kehrt.
Auch Kenji hat seine große Liebe Lucy verloren, da sie mit seinem besten Freund aus Kindertagen weggegangen ist - das ist seine subjektive Wahrheit. Glücklicherweise kommen auch noch Lucy und Basil selbst zu Wort und es kristallisiert sich heraus, dass die Wahrheit vielschichtig ist.

Kenji, ein Schriftsteller, der einen mäßig erfolgreichen Erzählband herausgegeben hat, über den Basil sagt, er sei
"eine nur unzulänglich veränderte Variation von Hollyhock, zwei oder drei vollkommen unwichtige Mitschülerinnen, Kenjis Eltern natürlich - auch sie verändert, aber doch in manchem ähnlich-, eine Frau, die offen bar eine idealisierte Version von Lucy war" (271)

Fast scheint es, als habe die Autorin ihren eigenen Roman beschrieben. Kenji kristallisiert sich als der eigentliche Protagonist, da er die meisten Bezüge zu den anderen Figuren hat, aus deren personaler Perspektive wir jeweils einen "Splitter" ihres Lebens ansehen dürfen.
Am Ende des Romans fügen sich einige dieser Splitter zusammen, einiges wird nur angedeutet, der Fantasie der Leser*innen überlassen.

Was bleibt, sind kleine Ausschnitte aus dem Leben von Menschen, die auf der Suche nach dem Glück sind, dieses "entsetzlichen Glücks". Neben vielen traurigen Geschichten und tragischen Situationen scheinen immer wieder diese Momente auf, in denen alles vollkommen ist und die mich als Leser*in berührt haben.

In Lucys Geschichte entdeckt diese eine 90jährige Malerin, zu der es ein reales Vorbild gibt. Über deren Bilder sagt Lucy:
"Sie sind so schlicht und doch nie so schlicht, wie man am Anfang meint. Sie sind nicht gemalt, um jemanden zu beeindrucken, sondern einfach Ausdruck einer Wahrnehmung." (215)

Besser könnte man Mingels Roman nicht beschreiben!

Ich möchte mich herzlich beim Penguin-Verlag für das Leseexemplar bedanken und hoffe, dass der Roman noch viele Leser*innen findet, die ebenso begeistert sind, wie ich es bin.

Dienstag, 18. August 2020

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Geschichte des tschechischen Kinder- und Jugendpsychiaters Pavel Vodák, der im Jahr 1970 aus der dem sozialistischen Staat fliehen will, nachdem der Prager Frühling im Jahr 1968 - und auch seine Hoffnungen - gewaltsam niedergeschlagen wurden.

Die Geschichte beginnt am 25.6.1970, am Vorabend seiner Flucht, an dem Pavel, aus dessen personaler Perspektive die Handlung erzählt wird, über sein Leben reflektiert und in Endlosschleifen darüber nachdenkt, ob er die Gefahr einer Flucht wirklich auf sich nehmen will. 
Aber es bleibt ihm keine Wahl aus seiner geliebten Heimatstadt Prag zu fliehen:
"Er steht unter Beobachtung, darf nicht mehr ins westliche Ausland reisen. Keine Dozententätigkeit mehr, kein fachlicher Austausch auf Kongressen, keine Begegnungen mit frei denkenden Menschen. Pavel hat aufgehört, die Warnschüsse zu zählen. Äußerlich ließ er sie abprallen, innerlich reiht sich Wunde an Wunde. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, vielleicht auch nur Stunden, bis er endgültig getroffen und niedergestreckt wird." (10)

Er will vor allem für seine 12jährige Tochter Pavlina fliehen, dass "ein politisches System die Potenziale einer nächsten Generation einschränkt, ist ihm unerträglich. Der Traum von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, für den er einst kämpfte und alles riskierte, wurde am 21.August 1968 unter Panzerketten begraben." (15)

Am Vorabend der Flucht erhält er deutsche Pässe für seine Frau, seine Tochter, seine Schwiegermutter und sich selbst. "Ausgerechnet deutsche Pässe. Deutsche! Jene Menschen, die einst tiefste traumatische Erlebnisse in Pavels Seele säten, wandeln sich heute zu Verbündeten." (17)

Als er im Bett liegt und auf den als Urlaubsreise getarnten Beginn der Flucht wartet, denkt Pavel an sein Leben zurück. Die Handlung springt zurück zum 15.März 1939, als die Nationalsozialisten widerrechtlich das verbliebene Staatsgebiet der Tschechoslowakei besetzt haben. Da ist Pavel 18 Jahre alt. Seine Mutter ist eine Deutsche, "weniger die Kategorie böhmische Hausfrau, eher die Dame von Welt" (32), sein Vater ein tschechischer Offizier.
Die Wehrmachtssoldaten nimmt er als "Krokodil" wahr, eine Metapher, die im Verlauf des Romans für "Vernichtungskraft" (55) steht, die überall lauert.

Während des Krieges wird ihm  das Medizinstudium verwehrt, hilflos erlebt er die Demütigung jüdischer Freunde und wie so viele andere, will er die Gräueltaten aus den Konzentrationslagern, von denen erzählt wird, nicht glauben. Bis er selbst unmittelbar nach Kriegsende als Medizinstudent nach Theresienstadt kommt.

"Ursprünglich wollte er Arzt werden, um Menschen zu heilen. Jetzt lernt er, wie sie sterben. Erwachsene bäumen sich auf und klammern sich fest. Kinder verabschieden sich still wie das Licht einer dünnen Kerze im Wind. Das ist, obwohl so leise und beiläufig, schwerer auszuhalten." (83)

Ein Bild, das wirklich zu Herzen geht. Pavel muss gleichzeitig erkennen, dass das Krokodil überall lauert: „Wer oder was ist das Krokodil?“ (85)

Die verschiedenen Ausschnitte aus Pavels Leben geben jeweils einen intensiven Einblick in die Zeitgeschichte und seine persönliche Entwicklung, die damit einhergeht. Der Schrecken der Nazidiktatur, die Erlebnisse in Theresienstadt, der Sozialismus, die neue Diktatur - wieder ein hungriges Krokodil - und die Hoffnung auf eine Öffnung, die gnadenlos zerschlagen wird. Die beiden Tage im August 1968 erhalten dadurch, dass zwei aufeinanderfolgende Kapitel zwei Tage hintereinander schildern, besonderes Gewicht. Das Präsens sorgt dafür, dass das Lesetempo hoch gehalten wird, man ist mittendrin.

Nach dem Rückblick auf Pavels Leben wird seine Flucht und seine Ankunft im vermeintlichen goldenen Westen geschildert. Es spricht für die Autorin, dass sie dies realistisch erzählt, mit all den Zweifeln, die Pavel überkommen. Wie schwierig es ist, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, wird eindrücklich aufgezeigt, aber auch dass es Jüngeren gelingen kann, wie das Beispiel seiner Tochter zeigt.
Insgesamt ein empathischer Roman, der historisch sehr interessant ist und auch für Jugendliche eine spannende - und lehrreiche - Lektüre bietet, ohne dass der viel zitierte pädagogische Zeigefinger erhoben wird.

Noch interessanter wird es, wenn man die Entstehungsgeschichte des Romans "Pavel und ich" liest. Darin erzählt Sandra Brökel amüsant und auch spannend, wie sie auf die Notizen des tschechischen Arztes gestoßen ist und warum gerade sie dessen Lebensgeschichte aufschreiben musste.

Vielen Dank dem Pendragon-Verlag für die Leseexemplare.

Donnerstag, 6. August 2020

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

- ein Erzählband.


In den Geschichten thematisiert Schlink das Abschiednehmen, wie der Titel bereits vermuten lässt, allerdings geht es nicht nur um den Abschied von einer geliebten Person, sondern die Plots der Erzählungen und die Art und Weise, wie sie erzählt werden, sind vielfältig und sehr unterschiedlich.

"Abschied muss sein; das Wissen, dass einer gestorben ist, bleibt beunruhigend, bis der Abschied ihn seine Ruhe finden lässt - und einen selbst." (7)

"Es hilft, beim Sterben dabei zu sein." (7)

Der Ich-Erzähler, Informatiker, der ein staatliches Institut in der ehemaligen DDR geleitet hat, führt in der ersten Geschichte "Künstliche Intelligenz" zunächst seine Gedanken zum Thema Abschied nehmen von Verstorbenen aus - die allgemeinen Gedanken bieten insofern einen perfekten Einstieg in den Erzählband. Von Menschen, die man nicht so oft treffe und mit denen man nicht mehr so oft zu tun habe, falle der Abschied schwerer, dazu zählt auch sein Freund Andreas, der ebenso wie er selbst als Informatiker am gleichen Institut gearbeitet hat. Stutzig gemacht haben mich die Gedanken zu Andreas Tod -

"(...) auch mit ihm blieb ich im Zwiegespräch, als gelte es, nur eine Weile zu überbrücken, bis wir uns wiedersähen. Und während ich, als Andreas lebte, Angst hatte, unsere Freundschaft könnte plötzlich einer Belastung ausgesetzt werden, war das Zwiegespräch mit dem toten Andreas angstfrei." (10)

Welches Geheimnis birgt der Ich-Erzähler? Schlink deckt ganz geschickt Schritt für Schritt das Ausmaß eines Verrats auf, für den sich Andreas Freund rechtfertigt, indem er jegliche Schuld von sich weist und keine Reue zeigt.
Der Ich-Erzähler ist bis zum Schluss überzeugt das Richtige getan zu haben - die Leser*innen werden das anders wahrnehmen.

Auch in der zweiten Geschichte "Picknick mit Anna" steht ein männlicher Ich-Erzähler im Vordergrund, und wie in der ersten thematisiert sie nicht nur den Abschied von einem Menschen, sondern auch die Schuld, die damit einhergeht. Ein ältere Herr hat nachts von seinem Fenster aus beobachtet hat, wie Anna zusammengeschlagen wurde und an den Folgen verstorben ist. Warum hat er die Polizei oder den Notarztwagen nicht informiert, obwohl er Anna gut gekannt hat. Langsam entwirrt sich das komplizierte Beziehungsgeflecht, das ihn mit der jungen Frau verbunden hat.

"Geschwistermusik" gehört neben "Der Sommer auf der Insel" und "Daniel, my Brother" zu den Geschichten, die mir am besten gefallen haben.

Sie offenbart ein kompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen einem Jungen, Philip, der sich in seine Klassenkameradin verliebt, die - so seine Interpretation - ihn benutzt, damit ihr behinderter Bruder einen Freund hat. Jahre später trifft er sie wieder und muss erkennen, dass er sich von seiner Sicht der Geschichte verabschieden muss.

Im Sommer auf der Insel verabschiedet sich ein 11-jähriger Junge, der allein mit seiner Mutter im Jahr 1957 Urlaub macht, von seiner Kindheit und entdeckt die weibliche Sexualität. Aber auch die Mutter muss Abschied nehmen von einem alternativen Leben, einer Liebe, die nicht gelebt werden kann, ebenso wie in der Geschichte "Altersflecken" ein 70-Jähriger über die verpassten Gelegenheiten seines Lebens sinniert, während in "Jahrestag" eine Beziehung zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau im Mittelpunkt steht. Er nimmt Abschied von dem Gedanken, ihr alles geben zu können.

Die Geschichte "Das Amulett" zeigt, wie eine von ihrem Mann verlassene Frau, loslassen muss, wie es ihr gelingt ihre Wut, aber auch ihre Trauer hinter sich zu lassen - eine sehr beeindruckende psychologische Studie.

Die persönlichste Geschichte ist "Daniel, my Brother", die autobiografischen Bezüge drängen sich auf, da der Ich-Erzähler Schriftsteller ist und Jura studiert hat. Der Ich-Erzähler verabschiedet sich von seinem Bruder, der gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord begangen hat, da sie schwer krank ist und er offenbar am Ende seiner Kräfte. Allmählich kommen die Erinnerungen.
"Sie stahlen sich schon in die Nacht, nicht als Bilder und Geschichten aus der Vergangenheit, aber als Erschrecken, verloren zu sein." (178)
Der Ich-Erzähler rekapituliert das Verhältnis zu seinem Bruder, stellt die positiven, aber auch negativen Seiten heraus, stolpert über einige Erinnerungen, hadert.
Der Trauerprozess ist sensibel und empathisch nachvollziehbar geschildert, ein Stück Prosa, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte.

Nur eine Geschichte hat mich enttäuscht, und wie mir ging es einigen aus der Leserunde ebenso damit:
"Geliebte Tochter" fängt gut an, doch die Wende wirkt konstruiert, zudem hat sich uns nicht erschlossen, welche "Botschaft" Schlink mit dieser Geschichte vermitteln will. Allerdings stellt sich die Frage, ob immer eine Botschaft nötig ist ;) Auf jeden Fall laden die Erzählungen zum Diskutieren ein!

Insgesamt wunderbare Prosa, die nachhallt und die immer wieder gelesen werden kann, da sie sich durch authentische Figuren, eine plausible Handlung mit unerwarteten Wendungen und nicht zuletzt durch eine unprätentiöse Sprache auszeichnet. 

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Leseexemplar.

Donnerstag, 30. Juli 2020

Sandra Brökel: Pavel und Ich

- die Entstehungsgeschichte des Romans "Das hungrige Krokodil"


Im Rahmen einer Leserunde auf whatchaReadin lesen wir "Das hungrige Krokodil", freundlicherweise hat uns der Pendragon Verlag auch die Geschichte hinter der Geschichte zukommen lassen, die Sandra Brökel im Anschluss verfasst hat.

Darin erzählt sie aus der Ich-Perspektive, wie sie auf die Idee gekommen ist, das Leben des tschechischen Kinderarztes und Psychiaters Dr. Pavel Vodák aufzuschreiben. Ihre Erinnerungen beginnen im Jahr 2019 während einer Lesung in Prag, der Stadt, aus der Pavel Vodák nach dem Prager Frühling fliehen musste.

"Erstmals lese ich ausschließlich vor Menschen, die wirklich erlebten, worin ich nur literarisch eintauchte." (22)

Ihr wird bewusst: "Durch das Schreiben und den Automatismus, der sich dabei entwickelte, bekam Pavel ein Eigenleben in mir, es gesellte sich eine literarische Figur zu dem realen Menschen. In den Diskussionen wird deutlich, dass kleinste Details in seinen Erinnerungen nicht eins zu eins der objektiven Realität entsprechen können." (23)

Doch die Frage stellt sich, warum ausgerechnet sie die Lebensgeschichte des tschechischen Psychiaters aufgeschrieben hat.
"Ich habe das Leben des Pavel Vodák nur für meine Freundin, seine Tochter, aufgeschrieben, damit sie mit sich und ihrem Leben ins Reine kommt." (30)

Was folgt, sind einige unglaubliche Zufälle, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann. Sandra Brökel ist ein Adoptivkind und auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern hat sie sich intensiv mit der Problematik adoptierter Kinder auseinandergesetzt. Auf der Suche nach wissenschaftlicher Literatur stößt sie auf zwei Fachbücher von Pavel Vodák, allerdings in tschechischer Sprache, die sie immer schon fasziniert hat - wer kennt nicht den wunderbaren Pan Tau ;).

6 Jahre später realisiert sie, dass Paula, die mit ihr gemeinsam eine Ausbildung zum "Zertifizierten Kindertrauerbegleiter" (72) absolviert, die Tochter eben jenes Pavel Vodák ist. In Gesprächen mit Paula hat sie das Gefühl, sich Pavel verbunden zu fühlen. Ihre Freundin fasst so viel Vertrauen zu ihr, dass sie ihr die Lebenserinnerungen ihres Vaters anvertraut - die Grundlage für "Das hungrige Krokodil".

Sandra Brökel gibt den Leser*innen im Folgenden Einblicke in ihren Schaffensprozess, mehrfach reist sie nach Prag, um sich Pavel näher zu fühlen.

Nachdem ich diese sehr interessante Entstehungsgeschichte gelesen habe, die auch die politischen Hintergründe kurz und knapp erklärt, freue ich mich jetzt darauf, den Roman selbst zu lesen.

Vielen Dank an den Pendragon-Verlag für dieses Leseexemplar.

Montag, 27. Juli 2020

Marco Balzano: Ich bleibe hier


Leserunde auf WhatchaReadin

Wenn man den Reschenpass in Richtung Vinschgau überquert hat, erstreckt sich der Rechensee vor dem Betrachter und zwangsläufig fährt man an dem berühmten Glockenturm vorbei, der einst Teil des Dorfs Graun gewesen ist. Ein beliebtes Fotomotiv, vor dem die Touristen Schlange stehen. Auch Marco Bolzano war dort, wie er im Nachwort zu seinem Roman verrät:
"Hätte ich nicht sofort den Eindruck gehabt, hier eine private und persönliche Geschichte anzusiedeln, in der sich die historischen Abläufe spiegeln und die die Möglichkeit bot, ganz allgemein über Verantwortungslosigkeit, über Grenzen, über Machtmissbrauch und die Bedeutung des Wortes zu sprechen, dann hätte ich, trotz der Faszination, die dieser Ort auf mich ausübt, nicht genug Interesse aufgebracht... Auch ich wäre stehen geblieben und hätte mit offenem Mund den Kirchturm bestaunt, der auf dem Wasser zu schwimmen scheint." (S.284)

Balzano bettet die historischen Ereignisse Grauns von der Unterdrückung der Südtiroler durch Mussolini, der Option, die Hitler ihnen angeboten hat, "heim ins Reich" zu kommen sowie die Fertigstellung des Staudamms nach dem 2. Weltkrieg in die persönliche Geschichte der Lehrerin Trina ein, die aus der Ich-Perspektive erzählt und ihre Geschichte an ihre Tochter richtet, so dass das Erzählte wie ein langer Brief erscheint.

"Du weißt nichts über mich, und doch weißt du viel, weil du ja meine Tochter bist." (13)

So beginnt der erste Teil, der die Frage aufwirft, warum die Tochter nichts über die Mutter weiß, die als Lehrerin im Untergrund Kinder weiterhin in Deutsch unterrichtet, obwohl Mussolini die Sprache verboten und italienische Lehrer nach Südtirol entsendet hat.

"Um bloß nicht uns nehmen zu müssen, stellten sie lieber halbe Analphabeten aus Sizilien und dem ländlichen Venetien ein. Ob die Tiroler Kinder etwas lernten, kümmerte den Duce sowieso herzlich wenig." (36)

Der erste Teil (Die Jahre) erzählt von dieser Zeit, in der Trina ihr Examen gemeinsam mit ihren Freundinnen Barbara und Maja macht, im Wechsel der Jahreszeiten lebt, ihren Vater in der Schreinerei unterstützt und Erich kennenlernt - einen stillen jungen Mann, obwohl ihr Herz eigentlich für ihre Freundin Barbara schlägt. Nichtsdestotrotz heiratet sie Erich, der Widerstand gegen die Faschisten leistet, und nach dem Sohn Michael wird die Tochter Marica geboren. Trina glaubt, sie sei keine gute Mutter, sie hat Angst ihr Leben zu verpassen.

"Auf dich und deinen Bruder aufzupassen war mir bald zu viel. Ich litt, weil mir die Zeit fehlte. Während ich mit euch beschäftigt war, dachte ich, verpasste ich so viele schöne Dinge auf der Welt, die ich später, wenn ihr groß sein würdet, nicht nachholen könnte." (62)

Nachdem Hitler Österreich annektiert hat, eröffnet er den Südtirolern die Option, ins Reich zu kommen. Er wird als Befreier wahrgenommen, da er ihnen die Möglichkeit eröffnet, in ihrer Muttersprachen sprechen zu können.

"Auf Adolf Hitler zu hoffen war die einzige Rebellion." (71)
"Mama, ich will weg aus diesem Dorf. Hier kann ich nicht einmal mehr zur Schule gehen" (75), sagt Trinas Tochter.

Aus heutiger Perpektive völlig unverständlich, aus der damaligen Situation heraus, in der die italienischen Faschisten die deutschsprachigen Bewohner Grauns unterdrückt haben, teilweise nachvollziehbar. Wobei Erich durchaus weitsichtig erkennt, dass die diejenigen, die sich gegen die große Option entschieden haben, die "hier geblieben" sind, nach der Machtübernahme Hitlers in Südtirol mit Repressionen zu rechnen haben.

Von dieser Zeit handelt der 2.Teil, "Auf der Flucht", während der 3.Teil von der Fertigstellung des Staudamms und der Entstehung des Reschensees erzählt. Während der 2.Teil mitreißend und teilweise sehr emotional ist, fällt der letzte Teil im Vergleich zu den beiden vorherigen aus meiner Sicht etwas ab, da man weiß, dass der Kampf gegen den mächtigen Konzern nicht gewonnen werden kann und auch die Protagonistin selbst passiver wirkt, weniger in den Widerstand involviert ist, allerdings für diejenigen, die protestieren, die richtigen Worte findet.

Balzano hat dazu in einem Interview gesagt:

"Ein Schriftsteller muss immer versuchen, das Schweigen zum Reden zu bringen, das ist die größte Herausforderung. Ein Schweigen, dem es gelingt, das auszudrücken, was man nicht sagen kann, das, wofür die Wörter nicht genügen. In „Ich bleibe hier“ wollte ich eine Frau darstellen, die an das Wort als Mittel zum Widerstand glaubt. Auch als das Wasser das Dorf überflutet, auch als Trina alles verliert, auch als sie besiegt ist, bleiben ihr die Worte. Und solange wir die Möglichkeit haben, sie auszusprechen, haben wir nicht alles verloren."
(https://www.buchkultur.net/marco-balzano/)


Dass Balzano das "Schweigen zum Reden" bringen will, dies ist ihm mit diesem Roman gelungen. Die Situation der Südtiroler, die im Dilemma zwischen Bleiben oder Gehen standen, deren kulturelle Identität Spielball der politischen Kräfte geworden ist, hat er beeindruckend dargelegt.
Aber auch, wie machtlos die Bewohner Grauns gegenüber den ökonomischen Interessen des Konzerns Montecatini gewesen sind.

Ein lesenswerter Roman gegen das Vergessen!

Montag, 6. Juli 2020

Kent Haruf: Kostbare Tage

Abschied nehmen

Leserunde auf whatchaReadin

Auch der neue Roman von Kent Haruf spielt in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, ist jedoch im Gegensatz zu seinen Vorgängern im neuen Jahrtausend angesiedelt, wahrscheinlich kurz nach 9/11. Auch die Figuren spielten in den anderen Romanen keine Rolle, so dass uns neue, andere Schicksale erwarten.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Dad Lewis, der Besitzer der Eisenwarenhandlung in Holt.
Gleich zu Beginn der Handlung erfahren wir, dass Dad Lewis wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat:
"Leider habe ich keine allzu guten Nachrichten für sie, sagte der Arzt." (7)

Metaphorisch bietet Haruf mehr Informationen, indem die Tageszeit oder auch das Wetter symbolischen Charakter zeigen.
 "Als sie nach Hause kamen, ging die Sonne gerade unter, und die Luft kühlte allmählich ab." (8)

Dad Lewis bleibt ein Sommer, um sich vom Leben und seinen Lieben zu verabschieden. Dies ist der Erzählstrang, der am meisten Raum einnimmt. Seine Frau Mary begleitet seinen Sterbeprozess, bleibt an seiner Seite, unterstützt von ihrer Tochter Lorraine, die aus Denver angereist ist, um die letzten Wochen in der Nähe ihres Vaters zu sein.
Doch die Familie ist nicht vollständig, denn Lorraines jüngerer Bruder Frank hat keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Während Mary darunter leidet, scheint Dad Lewis mit diesem Thema abgeschlossen zu haben. Im Verlauf der Handlung erfahren wir aus Rückblicken, dass Franks Homosexualität zum Bruch mit dem Vater geführt hat, dem es nicht gelingt, dies zu akzeptieren. Werden sie sich vor Dad Lewis Tod versöhnen?
Dies ist nicht der einzige Konflikt, der Dad Lewis beschäftigt. Einst hat er einen Angestellten entlassen, der Einnahmen veruntreut hat, und ihn gezwungen, Holt zu verlassen. Daraufhin hat sich Clayton umgebracht, eine Frau und zwei Kinder hinterlassen. Auch daran denkt Dad Lewis zurück - er will in Frieden gehen.

Ein weiterer Handlungsstrang rankt sich um Willa und Alene Johnson - Mutter und Tochter, die mit den Lewis befreundet sind.

Während Dad Lewis am Ende seines Lebens steht, hat Alene das Gefühl, jenes bereits erreicht zu haben. Offenkundig hat sie eine unglückliche Liebe hinter sich und will keine traurige alte Frau werden.
"Ich werde sterben, ohne jemals gelebt zu haben. Es ist so lächerlich. So absurd. Alles ist so sinnlos." (65)

Die beiden freunden sich mit Alice an, die bei ihrer Großmutter Berta May, Nachbarin der Lewis, lebt, nachdem ihre Mutter an Krebs gestorben ist. Alice wird eine Art Ersatzkind und in einer der schönsten Szenen des Romans baden vier Frauengenerationen gemeinsam nackt.
Alice, Lorraine, Alene und Willa - in der Beschreibung ihres Körpers und dem Vergnügen, dass sie beim Baden in einem kalten Wassertrog an einem heißen Tag empfinden, offenbart Haruf seine sensible Art zu erzählen. Er begegnet seinen Figuren mit Empathie, beschreibt ohne zu werten, überlässt es den Leser*innen sich eine Meinung zu bilden.

Neben diesen Figuren, die in Holt verhaftet sind, steht der neue Reverend Lyle, der aus Denver nach Holt "strafversetzt" wurde. Sein pubertierender Sohn John Wesley fühlt sich in der Kleinstadt nicht wohl, daran ändert auch seine Freundin nichts, die ihm vorwirft:

„Du wirst noch alles kaputtmachen, merkst du das nicht? Du siehst ja nicht mal, was du vor der Nase hast. (...) Du träumst rückwärts.“(80)
Auch die Frau des Reverend möchte zurück nach Denver, vor allem nach einer denkwürdigen Predigt Lyles, in der - das war der Tenor der Leserunde - Haruf seinen amerikanischen Traum zu Papier bringt. Es könnte ein Amerika geben, das statt in den Krieg gegen die Terroristen zu ziehen, großzügig ist, dass seine Stärke dafür einsetzt, "etwas zu erschaffen. Wir werden eure Straßen und Highways reparieren, eure Schulen ausbauen, eure Brunnen und Staudämme modernisieren, eure alten Denkmäler und eure Kulturgüter retten, eure Tempel und Moscheen renovieren. Genauer gesagt: Wir werden euch lieben." (186)

Eine Botschaft, die konträr zum derzeitigen Kurs der amerikanischen Außenpolitik steht und die sowohl bei den Figuren im Roman als auch in der Gegenwart für Unverständnis sorgt. Eine mutige Botschaft, die Haruf hinterlässt und die sich auch auf der Ebene der Figuren widerspiegelt.
Sein Protagonist Dad Lewis möchte Frieden schließen, sich aussöhnen und Liebe geben, auch wenn ihm das im Leben nicht immer gelungen ist.

"Vergib mir, flüsterte er. Ich habe eine Menge Dinge versäumt. Ich hätte es besser machen können." (291)

Es sind "kostbare Tage", die wir als Leser*innen miterleben dürfen. Die letzten Tage Dad Lewis, der Abschied nimmt. Aber auch kostbare Momente erleben wir, z.B. wenn Dad seiner Tochter sagt, er liebe sie oder das gemeinsame Mahl bei Willa und Alene, die Lyle in seinem Traum unterstützen und das gemeinsame generationenübergreifende Baden. Das ist es, was am Ende bleibt und kostbar ist.

Ein wunderbarer Roman!