Mittwoch, 23. Januar 2019

Rosemarie Marschner: Das Bücherzimmer

Lesen mit Mira

Den Roman hat Mira in der Rubrik "Frauenromane" entdeckt. Obwohl die Protagonistin eine Frau ist, ist er auch ein Roman gegen das Vergessen und ein Beispiel dafür, wie schwierig es für Frauen in der Zeit vor dem 2.Weltkrieg gewesen ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Uns beiden hat der Roman gut gefallen und wir haben uns intensiv über das Leben Marie Zweisams ausgetauscht - über die Zwänge, in denen sie aufgrund ihrer Herkunft und auch ihrer Entscheidung zu heiraten gefangen gewesen ist.

Inhalt
Im Prolog betritt der Enkel Marie Zweisams ihre Villa und entdeckt in den Unterlagen seiner erfolgreichen und gerade verstorbenen Großmutter ein Hochzeitsfoto, obwohl diese seinen Großvater nie geheiratet hat. Er fragt sich, wer der Mann auf dem Foto ist.

Die Geschichte Maries setzt im Jahr 1932 ein und erstreckt sich bis zur Zeit kurz vor dem 2.Weltkrieg.

Sie wächst als uneheliches Kind auf dem Land in Österreich auf. Ihre Mutter, die sich in einen Adligen verliebt hat, der jedoch auf Druck seiner Eltern keine Bindung mit ihr eingegangen ist, wünscht sich für Marie ein besseres Leben. Daher schickt sie sie nach Linz in den angesehenen Haushalt des Notars Horbachs, wo sie als Hausmädchen arbeitet. Ein einsames, eintöniges Leben unter den Blicken der Köchin Amalia, die ihr aber wohl gesonnen ist, und den kritischen Augen der Hausherrin, die selbst in ihrem Leben gefangen scheint.

Auf diese Weise füllte sich nach und nach das schiefe alte Kleiderschränkchen oben im zweiten Stock in der Mädchenkammer mit den Kaufsünden und Fehlentscheidungen einer verwirrten Frau, die sich nicht eingestand, daß viel zu schnell ein Abschnitt ihres Lebens zu Ende gegangen war und ein neuer begonnen hatte, dessen Wert sie nicht begriff. Eine Frau, die immer lächelte, sogar noch vor dem Spiegel, wenn sie allein war. Nur manchmal, an späten Nachmittagen, wenn die Geschäftigkeiten des Tages sie müde gemacht hatten, vergaß sie zu lächeln. Wenn sie dann unerwartet im Spiegel ihrem Gesicht begegnete, erschrak sie über die Fremde, die sie da so unverhohlen fixierte. Hungrig und verlassen. (S.73)

Ihr Vater, der alte Notar, befiehlt, dass Marie ihm täglich im Bücherzimmer aus der Zeitung vorlesen soll. Da Marie eine sehr gute Schülerin gewesen ist, fällt es ihr leicht, und sie profitiert von den Monologen des alten Herren, der die politischen Ereignisse kommentiert.

Da fiel ihr das Bücherzimmer ein, in dem der Herr Notar seine schwachen Augen marterte, und sie dachte, daß dies der Platz wäre, an dem sie glücklich sein könnte. (S.52)

Während ihrer Zeit im Hause Horbach lernt sie den adligen Richard Ohnesorg kennen, eine Verbindung, die aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede nicht möglich ist.

Marie stand außerhalb. Außerhalb wie überall hier in der Stadt. Nur in der Horbach-Villa war ihr eine Rolle zugewiesen worden, aber die – das wurde ihr bewußt, während sie von außen in den Garten Eden hineinblickte –wollte sie nun selbst nicht. (S.64)

Als ihre Mutter erkrankt, muss sie zurück in ihre Heimat und gibt ihre Stellung auf - als verheiratete Frau kehrt sie nach Linz zurück und erlebt das Erstarken des Nationalsozialismus und die Annexion Österreichs.

Gleichzeitig muss sie feststellen, dass ihre Heirat nicht die von ihre erhoffte Freiheit bietet - ist sie im falschen Leben gefangen?

Was soll aus mir werden? Wo gehöre ich eigentlich hin? Gibt es auf dieser Welt einen Platz, an dem ich so sein darf, wie ich bin? Ja, was will ich überhaupt? Und habe ich eine Chance, es zu erreichen? (S.147)

Bewertung
Der Roman hat mir aus mehreren Gründen gefallen, da er

- aufzeigt, wie sehr die gesellschaftliche Herkunft die Lebenschancen beschränkt; auch Marie kann sich nur aufgrund eines glücklichen Zufalls daraus befreien,

- ein authentisches Bild der politischen Verhältnisse in Linz und im Vorort St.Peter in der Umbruchzeit bis hin zum 2.Weltkrieg zeichnet: die anfängliche Begeisterung für den Führer einerseits, die beginnende Desillusionierung in weiten Teilen der Bevölkerung andererseits,

- mit der sympathischen Protagonistin eine starke Identifikationsfigur schafft und die weiteren Figuren authentisch und differenziert darstellt.

Schade fanden wir, dass die Zeit des Weltkriegs und Maries Weg zum Erfolg selbst nicht thematisiert wurden. Die Autorin beschränkt sich auf die Phase bis zu Maries "Befreiung" und lässt einige Fragen offen. So schließt sich am Ende zwar der Rahmen mit dem Enkel, über dessen Eltern erfährt man sich jedoch nichts.

Hier geht es zu Miras Rezension.





Donnerstag, 17. Januar 2019

Dörte Hansen: Mittagsstunde

- in der alle (?) schlafen.

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem ich mit Mira im September 2016 "Altes Land" gelesen habe - unsere erste gemeinsame Lektüre - stand für mich fest, dass ich an der Leserunde zur "Mittagsstunde" teilnehmen möchte, da mir der Debütroman sehr gut gefallen hat.
Hansen versteht es ein Bild der dörflichen Strukturen in Norddeutschland, wie es sie in der Vergangenheit gegeben hat und wie sie sich heute darstellen, zu zeichnen. Gleichzeitig ziehen die Figuren die Leser*innen in ihren Bann, so dass man den Roman nicht aus der Hand legen will.

Worum geht es?
Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Marret Feddersen und ihr unehelicher Sohn Ingwer.

Das erste Kapitel stellt uns zunächst die verrückt erscheinende Marret vor, die überall nur Marret Ünnergang genannt wird, da sie überall Zeichen des Weltuntergangs sieht.

"Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder." (8)

Immer wieder streut Hansen plattdeutsche Sätze ein, die jedoch den Lesefluss nicht stören, im Gegenteil, sie sorgen neben der bildreichen Beschreibung der Landschaft für das entsprechende norddeutsche "Feeling".

Wir erfahren über Marret, sie

"wurde siebzehn, wurde schwanger, sagte niemandem, von wem. Und ließ sich auch nicht heiraten von Hauke Godbersen, der sie genommen hätte, mit ihrer hohen Nase und dem Rest." (12)

Der Rest besteht, neben dem unehelichen Kind, aus ihrem Vater Sönke Feddersen, Kriegsveteran, der im Gefangenenlager in Russland gewesen ist, und ihrer stillen Mutter Ella, die gemeinsam den Gasthof des Ortes Brinkebüll führen, der im Sommer 1965 im Rahmen der Flurbereinigung sein Antlitz verändert.

Fast ein halbes Jahrhundert später kehrt Ingwer, Marrets Sohn nach Brinkebüll zurück, der an der Universität Kiel Ur- und Frühgeschichte lehrt und in einer Dreier-WG gemeinsam mit Ragnhild und Claudius lebt - "Übriggebliebene" aus der Studentenzeit. Er als Kind vom Land, als "Kartoffelkind", wie er sich selbst bezeichnet. Sie kreisen

"lebenslang um ihre Dörfer, blieben auf den Umlaufbahnen, die sie hielten, nicht zu nah und nicht zu fern. Treue Mondgesichter, die an ihrer alten Erde hingen." (27)

Da sein Großvater Sönke inzwischen 93 Jahre alt ist und seine Großmutter Ella dement,

"[s]ie war in fließenden Gewässern unterwegs, wo Menschen, Zeiten, Orte durcheinandertrieben" (49), 

nimmt er sich ein Sabbatical, damit er sich um die beiden kümmern und herausfinden kann, welche Richtung er in Zukunft einschlagen will.

Abwechselnd wird geschildert, wie Ingwer an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, an den viele Erinnerungen geknüpft sind. Wie er sich um seine Großeltern kümmert, sich seinem Großvater annähert und alte Rechnungen begleicht.

In den Kapiteln der Vergangenheit steht Marret im Mittelpunkt, ihr seltsames Verhalten als Kind und Jugendliche, das darauf schließen lässt, dass sie eine Beeinträchtigung hat, die jedoch weder erkannt noch therapiert wird.

"Marret Feddersen schien hinter einer Wand aus Glas zu leben. Man musste rufen oder winken, um sie zu erreichen, und manchmal war das Glas auch noch beschlagen." (33)

Die einzelnen Figuren sind detailliert gezeichnet und repräsentieren verschiedene Typen, wie diejenigen, die selbst in dörflichen Strukturen aufgewachsen sind, sie alle kennen. Eine besondere Rolle spielt der Lehrer Steensen, der dafür sorgt, dass Ingwer auf die Oberschule nach Husum gehen kann.

Das Dorf selbst könnte überall sein - die gleichen Verhaltensmuster, das Gerede, der Spott, aber auch das Schweigen bei offensichtlichem Unrecht.

"Ingwer fragte sich, was man als Brinkebüller wohl verbrechen musste, bevor man ausgeschlossen wurde. [...] Ihm fiel nichts ein." (97)

Die Mittagsstunde, die dem Roman den Titel gibt, ist in beiden Handlungssträngen ein Leitmotiv, ebenso wie die Liedtitel, die als Kapitelüberschriften dienen.

"Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde." (22)

Obwohl alle zu schlafen scheinen, geschieht Verborgenes, Heimliches in dieser Stunde.

"Sie [Marret] tauchte meistens in der Mittagsstunde unter, sie machte es wie alle, die in Brinkebüll für eine Zeit verschwinden wollten. Die nicht gesehen werden wollten..." (31)

Zwei Fragen sorgen für Spannung beim Lesen: Warum taucht Marret in den Kapiteln der Gegenwart nicht mehr auf? Welche Richtung wird Ingwers Leben nehmen, wird ihn das Jahr auf dem Land verändern, so dass er nicht mehr tiefstapelt und sich wegduckt?

Bewertung
Ein beeindruckender Roman, der eine Welt auferstehen lässt, die bereits vergangen ist und von der sich viele wünschen, dass sie wiederkehren würde.

"Es war ein großes Missverständnis. Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft." (268)

Doch Hansen stellt das Leben auf dem Land nicht als Idylle dar. Es erscheint als Enge, in der sich Menschen wie Marret nicht entfalten können. Geheimnisse bleiben nicht geheim, doch es wird nicht offen darüber geredet - das kann entlastend, aber auch, wie Hansen anhand einiger Protagonisten aufzeigt, belastend sein. Ingwers Blick auf das Dorf ist ein realistischer und zeigt die Veränderungen zum Guten, aber auch zum Schlechten deutlich auf - kein Bäcker, kein Kaufmann, keine Schule mehr.

"Die Leute hatten sich das abgewöhnt wie ihre Mittagsstunde, es legte sich jetzt kaum noch jemand hin tagsüber." (256)

Die Stärke des Romans liegt in den vielen, kleinen berührenden Szenen,
wenn Ella und Sönke zusammen tanzen, als "wäre die Musik ihre Gebrauchsanweisung füreinander" (123)
oder Sönke seinen Enkelsohn "wie ein Beuteltier (...) am Bauch trug." (184)

Und in der großartigen Beschreibung der Landschaft, die allen Veränderung trotzt.

"Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch." (17)

Klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank dem Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar und die netten Worte!

Samstag, 5. Januar 2019

Gerdt Fehrle: Und nachts fluten sie die Straßen

- Erinnerungen an eine dunkle Zeit.

Zu Beginn erfahren wir aus der Sicht einer Psychiaterin, dass sie den Hundertjährigen, der in der Klinik seinen Lebensabend verbringt, nicht mag.

"Wie der in seinem Sessel saß, der unheimliche alte Nöck. Verschrumpelt, zäh, lauernd. Überhaupt nicht bedürftig, in keinster Weise gebrechlich. Eher kalt wie ein Fossil. Mit kaltem, versteinertem Herzen." (6)

Doch an diesem Abend kann sie ihm nicht entkommen, denn

"[j]etzt kommt der Schluss, die letzte große Beichte, der Abgesang. Und kein Entkommen." (7)

Nach dieser Rahmenhandlung erzählt der hundertjährige Kannengießer, der aus dem Elsass stammt, aus der Ich-Perspektive überwiegend seiner Zuhörerin von zwei Phasen seines Lebens.
Einerseits vom Mai 1968, die Zeit der Studentenunruhen in Paris, wo er ein kleines Hotel, "Les belles Hirondelles" (8), gemeinsam mit seiner Frau Michelle führt.
Andererseits von 1943-1944 im besetzten Paris, zu der Zeit ist er Polizist gewesen und hat in besonders brutalen Gewaltverbrechen an Prostituierten ermittelt.

"Wir sollten Morde aufklären. Wirklich. Das war zum Totlachen. In ganz Europa brachten sich die Menschen gegenseitig in Massen um, in Auschwitz und Treblinka und Majdanek wurden die Menschen maschinell vernichtet, wer die falsche Nationalität, Religion oder Nase hatte, konnte auf offener Straße erschossen werden, selbst in Paris, obwohl sich die Deutschen hier ja immer bemühten, kultiviert zu erscheinen, aber dennoch, erschossen und noch an Ort und Stelle verscharrt. Und ich war Kriminaler bei der Pariser Polizei. Zum Brüllen, nicht wahr?" (12)

Nach dem Abzug der Deutschen wurde Kannengießer unehrenhaft entlassen, weil sein Pariser Polizeichef, der selbst mit den Deutschen kollaboriert hat, ihm genau dies vorgeworfen hat. Als Kannengießer später rehabilitiert wird, hat er sich bereits gemeinsam mit seiner Frau als Hotelier eine neue Lebensgrundlage geschaffen.

Er hatte 1943 einen Deutschen im Verdacht, die Prostituierten getötet zu haben. Friedrich Morgenthaler, der beim SD gearbeitet hat und der am 3.Mai 1968 plötzlich in seinem Hotel auftaucht.

"Er trat einfach in unser Hotel und damit in mein Leben. Klingt ganz einfach, ganz banal, nicht wahr? Aber für mich begann die Hölle. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, vielleicht ist das die Gelegenheit, die ich 1944 nicht bekommen habe. Die einmalige Chance, ihn doch noch zu erwischen." (15)

Der Ich-Erzähler springt zwischen den beiden Zeiträumen, so dass die Erzählstränge immer wieder unterbrochen werden, was für entsprechende Spannung sorgt.
Hinzu kommt, dass Kannengießer seine Vergesslichkeit thematisiert und das ein oder andere Mal abschweift. So erzählt er zum Beispiel, wie er zur Polizei gekommen ist, was er erlebt hat, während der erste Mord an einer Prostituierten geschehen ist, wie der Pathologe gearbeitet hat und entwirft dabei ein düsteres Bild des besetzten Paris - ein Film noir läuft im Kopf ab.
Wir erfahren von den Morden, von seinem Verdacht, am Rande von der Ermittlungsarbeit - es sind Erinnerungsbilder und -momente, weit entfernt von einem chronologischen knappen Lebensbericht.

"Die Panzer auf den Champs-Élysées vergisst man nicht, (...). Aber wie das ist, sich Tag für Tag in einer kalten Wohnung mit kaltem Wasser zu waschen, Kohle aus dem Keller zu holen, den Geruch von Öl in der kleinen Heizung, den Geschmack von echtem Camemberts, das vergisst man. Das wirklich Unschöne und das wirklich Schöne, das einem so ganz und gar unter die Haut gefahren ist, das verschwindet. Und schon ist man alt, und das sogenannte Gedächtnis besteht nur noch aus Zeitungsschnipseln und Fernsehbildern, die man für die eigenen Erinnerungen hält." (23)

Trotz seiner vermeintlichen Vergesslichkeit gelingt es dem Erzähler hervorragend die Stimmung, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit einzufangen. Man fühlt mit Kannengießer, der Morgenthaler 1968 verfolgt, um herauszufinden, ob er tatsächlich der Mörder der Prostituierten gewesen ist und vielleicht einen Hinweis auf die verschwundene Chantal, ebenfalls eine Prostituierte, zu erhalten.

Wird er die Wahrheit herausfinden und seine Chance nutzen? Oder bleiben die Morde ungesühnt? Ist Morgenthaler überhaupt der Mörder?

Bewertung

"Nachts fluten sie in Paris die Straßen. Der Unrat einer Nacht fließt dann hinab in die Katakomben der Kanalisation. Und mit ihr das weniger Schillernde, das Heimliche, das Böse. Vom Wasser weggeschwemmt." (143)

So wie das Wasser das Böse wegschwemmt, will Kannengießer mit seiner Lebensbeichte kurz vor seinem Tod das Böse vertreiben. Er will sich das, was er erlebt hat, von der Seele reden, um ihn Ruhe sterben zu können - so habe ich den Titel in Bezug auf den Roman interpretiert.

Ein beeindruckender Roman, der vordergründig einen Kriminalfall zu erzählen scheint, der jedoch das Psychogramm eines Mörders und seines Verfolgers zu zeichnen versucht, wobei vieles vage und damit der Fantasie der Leser*innen überlassen bleibt.

Sowohl die Geschichte selbst als auch die Erzähltechnik, das Springen zwischen den beiden Lebensphasen verbunden mit der Zuwendung zur "Beicht"ärztin und das Ringen um Erinnerung machen für mich den besonderen Reiz dieses Romans aus.

Klare Lese-Empfehlung!

Lieben Dank an den Louisoder-Verlag für das Rezensionsexemplar

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Frank Goldammer: Roter Rabe

- ein Fall für Max Heller.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Krimi ist bereits der vierte Fall des Oberkommissars Max Heller und spielt 1951 in Dresden. Obwohl ich die vorangegangenen Romane nicht gelesen habe, bin ich gut in die Handlung hinein gekommen.

Worum geht es?
Max Heller kehrt zu Beginn der Handlung von einem gemeinsamen Urlaub mit seiner Frau Karin und der Pflegetochter Anni von der Ostsee zurück. Während seine Frau die Erlaubnis hat, ihren erwachsenen Sohn Erwin in Köln zu besuchen, und sich auf die Reise in den Westen macht, wird Max mit zwei Selbstmorden in der Untersuchungshaft konfrontiert.

"Bei den Verhafteten handelt es sich um Mitglieder der Wachturmgesellschaft. Die Anklage lautet Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Spionage. Ihnen werden Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst nachgesagt. Es gibt konkrete Hinweise, vor allem aus sowjetischen Geheimdienstkreisen und vom MGB." (17/18)

Der zuständige Wachmann - Walter Rehm - wird verhaftet, Heller nimmt Ermittlungen auf. Allerdings wird er von seinem Vorgesetzten Niesbach gewarnt:

"Max, die Sowejts sind aufgebracht. Ein Mitarbeiter des MGB unterstellte mir wortwörtlich, wir hätten die beiden Verdächtigen umgebracht. Ich habe diesen Vorwurf mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen (...), doch gerade jetzt schlägt uns wieder großes Misstrauen entgegen. (...)
Max, gehen Sie mit aller Vorsicht an den Fall heran. Handeln Sie vollkommen transparent, geben Sie Informationen weiter, suchen Sie den Kontakt zum MfS." (26)

Der Fall entwickelt sich zu einem scheinbar undurchdringlichen Knäuel von Handlungsfäden, weitere Tote säumen Hellers Weg. Es scheint so, als ob alle, von denen er Informationen erhalten möchte und oder die er befragt, ermordet würden.
Zudem taucht ein Bekannter aus der Vergangenheit auf, Alexej Saizev, der für den russischen Geheimdienst arbeitet, aber ständig alkoholisiert wirkt. Welche Rolle spielt er in diesem Fall?
Und wer ist der ominöse Amerikaner, dessen Existenz in verschiedenen Kreisen ins Spiel gebracht wird? Ein Spion, oder ein Agent, der in den Westen überlaufen will? Wem kann Heller noch trauen? Während sein Mitarbeiter, Kommissar Werner Oldenbusch verlässlich zu sein sein, hat jener den jungen Unterkommissar Peter Salbach in Verdacht, Informationen weiterzugeben.
Am Ende lösen sich alle Fäden, allerdings hatte ich Mühe, sie immer beim Lesen präsent zu haben, obwohl ich den Roman ohne große Unterbrechungen gelesen habe.

Bewertung
Die Story ist insgesamt solide, wenn auch vielleicht etwas zu verworren, doch die Leistung des Romans besteht darin, die zeitgenössische Atmosphäre der Aufbaujahre in Dresden erlebbar zu machen.
In der Leserunde wurde einhellig die Meinung geäußert, der Roman spiegele die Beklommenheit und Ängste der damaligen Zeit sehr gut wider: Die Angst vor dem kalten Krieg, sogar vor einem Atomkrieg, die Angst davor, seine Meinung frei zu äußern und das Gefühl, niemandem vertrauen zu können.
Das Beispiel Werner Oldenbuschs, der zwei Tage befragt wird, weil seine Verlobte in den Westen "rübergemacht" hat, zeigt die Willkür des neuen Staates, denn Oldenbusch hat offenkundig nichts von den Plänen seiner Zukünftigen gewusst. Während sich die Anzeichen häufen, dass sich eine neue Diktatur anbahnt, ist der Glaube an den Kommunismus bei vielen Parteigenossen noch vorhanden, so glaubt Max Vorgesetzter fest daran, dass die Utopie verwirklicht werden könne - ein Trugschluss, wie wir heute wissen.

Lesenswertes Zeitdokument, das einen guten Einblick in die Anfänge der DDR gewährt.

Sonntag, 23. Dezember 2018

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

- 10 Kurzgeschichten aus 10 Jahren.

Lesen mit Mira

Benedict Wells Roman "Vom Ende der Einsamkeit" war eines der Lese-Highligths aus dem Jahr 2016. Danach habe ich seinen Erstling "Spinner" gelesen, während die anderen Romane noch auf mich warten. Deshalb war ich glücklich, als Mira vorschlug, gemeinsam die Neuerscheinung von Wells zu lesen, auch wenn es "nur" Kurzgeschichten sind. Uns beiden gefällt seine Art und Weise zu schreiben und unsere übereinstimmende Meinung ist, er möge wieder einen Roman schreiben, damit wir länger daran lesen können - die Geschichten sind viel zu schnell vorbei.
Wir haben uns darauf geeinigt, dass jede von uns zwei der 10 Geschichten intensiver rezensiert, hier geht es zu Miras Geschichten, die sich "Richard" und "Die Nacht der Bücher" ausgesucht hat. Letzteres stammt aus dem Kosmos "Vom Ende der Einsamkeit", genau wie die Geschichte "Die Entstehung der Angst", die die Kindheit von Jules Vater Stéphane Moreau näher beleuchtet.

Einige der Geschichten haben eine fantastische Komponente, in zwei Geschichten reisen die Protagonisten in der Zeit. In der ersten Geschichte "Die Wanderung" steht der erfolgreiche Geschäftsmann Henry im Mittelpunkt, der seine Freiheit liebt und darüber seine verständnislose Frau und seine beiden Kinder Mia und David vernachlässigt. Selbst im Urlaub wickelt er Geschäfte ab und kann sich nicht entschließen mit seiner Familie zu entspannen.

"Wir wollen gleich grillen." Sie hielt seine Hand. "Bist du dabei?" Henry gefiel die Vorstellung, den Tag mit seiner Familie zu verbringen, doch im selben Moment blickte er wieder zum Berg. Trotz seiner Wanderleidenschaft war er noch nicht dort oben gewesen, dabei konnte der Aufstieg kaum länger dauern als...was, zwei, drei Stunden?" (15)

Bevor Henry zur Wanderung aufbricht, schaut er noch kurz nach seinem kränklichen Sohn David, der von Migräneanfällen heimgesucht wird. Unbeholfen bemüht er sich um ein Gespräch, verspricht ihm eine Überraschung zur Geburtstagsfeier, die am Abend stattfinden soll.

"Der Gedanke an das Geschenk schien den Jungen tatsächlich aufzumuntern. Seine Augen leuchteten auf, er wollte gerade etwas erzählen, als das Handy läutete. Henry zögerte, dann streichelte er seinem Sohn durchs Haar und ging zum Telefonieren auf den Flur; auf der Geburtstagsfeier am Abend würde er es wiedergutmachen." (17)

Als seine Tochter Mia ihn begleiten will, weist er sie ab. Sie darf ihn ein Stück Weg begleiten, doch er will allein sein, um noch Geschäfte zu erledigen. Am frühen Nachmittag erreicht er eine Almwirtschaft, während ihn die freudige Nachricht erreicht, dass die geplante Fusion unterzeichnet worden war - es ist der Höhepunkt seiner Karriere.

"Dies waren die goldenen Jahre, als Vater, als Mann und im Beruf, und er genoss seine Freiheit als Wanderer zwischen diesen Welten, die er für seine größte Leistung hielt." (21)

Statt umzukehren, damit er pünktlich auf der Feier erscheinen kann, will er noch zum Gipfel. An der Bergspitze angekommen, schlägt das Wetter um, Wolken ziehen auf und ein Unwetter kündigt sich an. An der fast verlassenen Almwirtschaft trifft er einen alten Kommilitonen, der ihn mit dem Aussage verwirrt, das mit seinem Sohn tue ihm leid, so früh, das sei tragisch.

An dieser Stelle deutet sich der Zeitsprung offensichtlich an.

Henry versucht zuhause anzurufen, doch ohne Erfolg, später lautet die Ansage, die Nummer sei nicht vergeben. Der Heimweg ist beschwerlich, da Henry vor einem großen Schäferhund flüchtet, verliert er die Orientierung, gerät in einen heftigen Regenschauer und er verstaucht sich den Knöchel. In dieser Ausnahmesituation stellt er sein Leben in Frage.

"Es schien ein anderer Tag gewesen zu sein, als er am Pool gestanden und den Sprüngen seiner Tochter zugesehen hatte. Wieso hatte er sie nicht mitgenommen? Wieso zog es ihn in harmonischen Momenten so oft fort, von seiner Familie, von Abenden bei Freunden?( (26/26)

"Die Urlaube, die er verpasst hatte, weil er beruflich wegmusste oder geglaubt hatte, wegzumüssen; die vielen Erlebnisse seiner Kinder, die er bloß vom Hörensagen kannte und kaum wahrnahm." (27)

Und er nimmt sich vor, all dies zu ändern. Mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, alles nachzuholen.

"Vielleicht hatte er erst eine Wanderung wie diese gebraucht, um seine Lektion zu lernen, aber er würde sein Fehler korrigieren und alles ändern, wenn er nur endlich wieder zu Hause war." (29)

Doch als er nach einer gefühlten Ewigkeit ankommt, hat sich sein Leben verändert - seine Tochter ist erwachsen, sein Sohn gestorben.

Die Geschichte zeigt eindrücklich die Wahrheit über das Lügen, denn Henry belügt sich, wenn er sich vornimmt, ab jetzt alles zu ändern. Wie oft fassen wir gute Vorsätze, mehr Zeit mit den Menschen zu verbringen, die uns am Herzen liegen. Und als erfolgreicher Geschäftsmann ist er der Prototyp all derjenigen, für die der Beruf an erster Stelle steht. Die Wahrheit ist, er wird sich nicht ändern, wie das Ende deutlich zeigt.

In allen Geschichten geht es darum, dass Menschen mit einer Lüge leben oder die Wahrheit nicht wahrhaben wollen.

In der Erzählung "Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen" schildert der fiktive erfolgreiche Drehbuchautor und Filmproduzent Adrian Brooks einem Journalisten von der Lüge, auf der er sein Imperium aufgebaut hat. In seiner offiziellen Vita ist er 1946 geboren und hat als Waise auf der Straße gelebt, bis ihm mit Star Wars (!) der große Durchbruch gelungen ist.
Doch Winkler gegenüber will er jetzt endlich die Wahrheit erzählen. Eigentlich sei er
1986 in San Francisco geboren, ein erfolgloser Drehbuchschreiber gewesen und sei in seiner Funktion als Filmkritiker von Georg Lucas, dem Vater von Star Wars, beauftragt worden, eine Biographie über ihn zu schreiben. Dabei habe er herausgefunden, auf wie vielen Zufällen die Entstehung des erfolgreichsten Weltraumabenteuers basiere.
Aus ihm unbekannten Gründen wurde er jedoch gefeuert und er entwickelt einen Hass auf Lucas, steigt beruflich ab, so dass er Pizzabote werden muss.
Während einer Lieferung in einem verfallenen Haus landet er in einem Aufzug und reist zurück ins Jahr 1973 - vier Jahre bevor Star Wars in die Kino kommt.
Brooks fasst den irrwitzigen Plan, selbst das Weltraumabenteuer zu verfassen, schließlich kennt er den Entstehungsprozess aus seinen Recherchen.

Eine skurrile Geschichte, die durch 40 Jahre Filmgeschichte führt und zeigt, dass Zufälle nicht planbar sind und auch dass winzigen Veränderungen der Geschichte - Butterfly-Effekt genannt - trotzdem große Auswirkungen haben können. Obwohl ich kein Star Wars -Fan bin, hat mich die Erzählung in ihren Bann gezogen.

Brooks fantastisches Beispiel verdeutlicht jedoch auch, dass ein Leben basierend auf einer Lüge kein  glückliches werden kann - sofern man ein Gewissen hat.

Auch wenn ich persönlich die Geschichte "Die Fliege" metaphorisch zu offensichtlich empfunden habe, hat uns beiden der Erzählband insgesamt gut gefallen und viele Geschichten laden zum intensiven Austausch ein. Die Hoffnung bleibt, Wells möge bald wieder einen Roman veröffentlichen ;)

Samstag, 22. Dezember 2018

Leserückblick - 2018

Wenn ich das letzte Lesejahr Revue passieren lasse, fällt mir auf, dass ich viele eingeschlagene Lesepfade weitergegangen bin,
- indem ich der Gegenwartsliteratur, amerikanischen Autoren, Klassikern, der Literatur gegen das Vergessen, den Krimis und der Kinder- und Jugendliteratur treu geblieben bin,
- indem ich an Leserunden auf whatchaReadin, für die ich gern mehr Zeit hätte, teilgenommen habe,
- indem ich einmal im Monat mit Mira gemeinsam ein Buch gelesen und mit ihr die Frankfurter Buchmesse besucht habe,
- indem ich ab und zu mit Sabine gemeinsam gelesen oder einen Roman habe,

aber auch einige neue Wege eingeschlagen habe,
- da sich mein Lese-Schwerpunkt tendenziell in Richtung zeitgenössische,
anspruchsvolle, sogar experimentelle Literatur verschoben hat,
- da ich seit Juni Mitglied eines Lesekreises bin, der in der "Bücherhütte" Wadern stattfindet,
- da ich inzwischen auch auf dem E-Reader lese, ein Medium, dem ich mich lange verweigert habe, es inzwischen aber schätze.

Meine Highlights

Gegenwartsliteratur

"Leinsee" von Anne Reinecke habe ich im Rahmen einer Leserunde auf whatchaReadin gelesen, in der man auch Fragen an die sympathische Autorin stellen konnte. Ein Künstlerroman, in dem Farben eine besondere Rolle spielen, ebenso wie die Beziehung eines jungen Mädchens zu einem Mann, der auf der Suche nach seiner Identität ist und sich von der Dominanz seiner Künstler-Eltern befreien muss.

Auch in "Dunkelgrün fast schwarz" von Mareike Fallwickl, eine psychologische Dreiecks-Geschichte, spielen Farben eine besondere Rolle, da einer der Protagonisten Synästhetiker ist. Der Roman hat in unserem Lesekreis für intensive Diskussionen gesorgt und uns so einen guten Einstieg beschert. Er durchleuchtet die einzelnen Figuren ebenso wie "Kleine Feuer überall", eine Familiengeschichte, in der ein Unglück geschieht, das sukzessive aufgedeckt wird. Meisterhaft erzählt wie der erste Roman der Autorin: "Was ich euch nicht erzählte".

Klassische Amerikanische Autoren
- leider muss ich in diesem Fall die weibliche Form weglassen, da es tatsächlich nur Romane von Männern sind, die inzwischen schon als moderne Klassiker gelten, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Das muss sich im nächsten Jahr ändern!

Zu einem meiner Lieblingsautoren ist John Irving avanciert, von dem ich in diesem Jahr gleich zwei dicke Wälzer gestemmt habe: "Zirkuskind" und "Bis ich dich finde".
"Das wilde Kind" von T.C. Boyle hat den negativen Eindruck, den "Wassermusik" hinterlassen hat, weggefegt, so dass auch im Jahr 2019 ein Roman dieses Autors dabei sein wird: "America" liegt schon bereit.
In dieser Reihe darf Paul Auster nicht fehlen, in dessen erster, noch sehr experimenteller Erzählung, "Stadt aus Glas" ich versucht habe, einen Sinn zu finden.



Deutsche Autorinnen

wie Juli Zeh, Monika Maron, Judith Hermann sowie die Deutsche Buchpreisgewinnerin Inger-Maria Mahlke und die deutsch schreibende Nino Haratischwili standen als Gegengewicht zu den amerikanischen Autoren in diesem Jahr auch auf meiner Leseliste.
Am meisten beeindruckt hat mich die Novelle "Neujahr" von Juli Zeh, die ich gemeinsam mit Mira gelesen habe und die von einem jungen Vater erzählt, der in Lanzarote mit einem Kindheitstrauma konfrontiert wird. Demnächst nehmen wir uns "Unter Leuten" vor, darauf freue ich mich schon.

Man Booker Prize
In unregelmäßigen Abständen widmen wir uns auf whatchaReadin einem Preisträger des wichtigsten britischen Literaturpreises. Der experimentelle Roman "Lincoln im Bardo" stand dieses Jahr auf dem Programm. 

Im amerikanischen Bürgerkrieg, in der Nacht vom 20. Februar 1862, stirbt Abraham Lincolns 11-jähriger Sohn Willie, den er über alles geliebt hat. Lincoln soll nach der Beerdigung zum Friedhof zurückgekehrt sein, um seinen Sohn ein letztes Mal in den Armen zu halten. Während der Vater trauert, wird seine Kriegsführung kritisiert und man unterstellt ihm mangelnde Führung. Auf beiden Seiten sind hohe Verluste zu verzeichnen, daher lässt Saunders Lincoln auf dem Friedhof über den Sinn dieses Krieges reflektieren.
Die historischen Gegebenheiten sind aus zeitgenössischen Quellen, fiktiven und realen, montiert, die sich wie ein Fließtext lesen lassen - trotz der Quellenangaben.

Ein Roman, der wirklich außergewöhnlich ist und mich absolut fasziniert hat.


Eine Hommage an das Lesen ist der wunderbare Roman "Deine Juliet" von Mary Ann Shaffer und Annie Barrows, eine Empfehlung meiner Buchhändlerin. Im Brief - und Liebesroman, der kurz nach dem 2.Weltkrieg auf der Insel Guernsey spielt, steht neben der Protagonistin Juliet die Mitglieder des "Clubs der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf im Mittelpunkt. 

Eine "Verbeugung vor der Literatur", dem Lesen und den Buchhändler*innen, was würden wir nur ohne euch machen!





Freitag, 21. Dezember 2018

John Irving: Zirkuskind

- (k)ein Roman über Indien.

Quelle: Diogenes
In einer Vorbemerkung weist Irving die Leser*innen darauf hin:

"Dieser Roman handelt nicht von Indien. Ich kenne Indien nicht. Ich war nur einmal dort, knapp einen Monat." (13)

Die Fremdartigkeit des Landes habe ihn verblüfft und es bliebe ihm fremd, so wie sein Protagonist Farrokh Daruwalla ebenfalls ein Fremder bleibt - in Indien und Kanada.
Mit 17 Jahren wurde er von seinen Eltern zur Ausbildung nach Wien geschickt. Das ist im Jahr 1947, als sein älterer Bruder bereits Psychologie in der besetzten Stadt studiert, in der die beiden auch ihre zukünftigen Frauen - die Schwestern Josefine und Julia Zilk kennen lernen. Beruflich tritt Farrokh in die Fußstapfen seines Vaters, Lowji Daruwalla, da er ebenfalls Medizin studiert und Orthopäde wird.
Er "verpasst" die indische Unabhängigkeit und kehrt erst im Jahr 1949 für einen Sommer nach Bombay zurück, bevor er sich endgültig in Toronto niederlässt, jedoch regelmäßig in seine alte "Heimat" reist.

"Inzwischen kannte der Doktor das Gefühl, Bombay immer wieder >endgültig< zu verlassen; fast jedes Mal, wenn er abreiste, schwor er sich, nie mehr nach Indien zurückzukehren." (17)

Obwohl er die kanadische Staatsbürgerschaft inne hat, fühlt er sich auch in Kanada nicht wirklich zuhause. Auf die Frage eines kleinen Jungen, woher er komme, denkt er:

"Nun, das ist die Frage, nicht wahr? (...) Das war schon immer die Frage. Sein ganzen Erwachsenenleben lang war das die Frage gewesen, die er normalerweise mit der buchstabengetreuen Wahrheit beantwortete, die er in seinem Herzen als Lüge empfand." (967)

Daruwalla verkörpert den nach außen hin assimilierten Einwanderer, der seine Heimat verlassen hat, scheinbar eine neue gefunden, in Wahrheit jedoch keine mehr hat.

"Wohin Farrokh auch ging, überall begegnete ihm eine immerwährende Fremdheit - ein Widerschein jener Fremdheit, die er in sich trug, in seinem tiefsten, eigentümlichen Innern." (963)

Der Inder, der sich nicht als solcher fühlt, ist in Kanada auch rassistischen Angriffen ausgesetzt, obwohl sie nicht im Mittelpunkt des Romans stehen, weist Irving in vielen Episoden nach, welchen Vorurteilen der renommierte Orthopäde ausgesetzt ist.

Die eigentlich Handlung des Roman setzt Ende der 80er Jahre ein. Daruwalla ist wieder einmal in Bombay zu Besuch, seit 15 Jahren verfolgt er ein ehrgeiziges genetisches Projekt. Er will in den Chromosomen von chondrodystrophen Zwergen den Marker isolieren, der diesen Minderwuchs auslöst.
So hat er die Bekanntschaft mit dem Zirkusclown Vinod gemacht, dessen Frau Deepa er nach einem Sturz medizinisch versorgt und der ihm sozusagen Zwergenblut organisiert. Nachdem auch Vinod einen schweren Unfall im Zirkus hat, gründet er ein Taxiunternehmen und wird Daruwallas Fahrer und Freund. Wenn sich Farrokh in Indien aufhält, arbeitet er unentgeltlich als chirurgischer Konsiliar in der Klinik für Verkrüppelte Kinder, die sein Vater aufgebaut hat. Schonungslos schildert Irving das Leben der bettelnden Kinder, analog zu "Straße der Wunder" und zeigt auf, wie gering ihre Chancen sind, aus dieser Situation auszubrechen. Die Idee Vinods und Deepa Mädchen vor den Bordellen zu bewahren, indem sie versuchen, sie im Zirkus unterzubringen, wird an einem Fall ausführlich erzählt und entlarvt den Zauber des Zirkus als Illusion.

Der eigentliche Auslöser der vielen Handlungsfäden ist der Mord an Mr Lal im Duckworth Sports Club, einem privaten exklusiven Club, in dem schon der alte Daruwalla Mitglied gewesen ist. Der alte Mr Lal wurde von seinem eigenen Putter in den Bougainvilleenblüten erschlagen. In seinem Mund steckt ein Geldschein mit der Aufforderung, Inspector Dhar als Mitglied aus dem Club zu entfernen, sonst folgten weitere Tote.

Inspector Dhar ist eine Filmfigur, hinter der sich der Schauspieler John D. verbirgt, der in enger Beziehung zu Daruwalla steht, da dieser der heimliche Drehbuchautor der Inspektor-Dhar-Filme ist.

Diese rufen Kritiker aus allen Bereichen der indischen Gesellschaft auf den Plan, da sie verschiedene Bevölkerungsgruppen verärgern. Im aktuellen Film "Inspector Dhar und der Käfigmädchen-Killer"  sind es die "hijras", kastrierte Eunuchen-Transvestiten-Prostituierte, von denen einer im Film besonders schreckliche Morde an "Käfigmädchen", also ebenfalls Prostituierten, verübt und ihnen anschließend "einen unpassend fröhlichen Elefanten auf den nackten Bauch malt" (99). Seltsamerweise taucht genau jenes Bild in realen Mordfällen auf. Hat sich der Mörder vom Film inspirieren lassen?

Der Mordfall an Mr Lal und die Begegnung mit dem echten Inspector Patel sind Auslöser für die Rückblicke Farrokhs, in denen er sich vor allem an einen Urlaub mit seiner Familie, den er vor 20 Jahren in Goa verbracht hat, erinnert.

In jenem Urlaub kommt es auch zu einem religiösen Wunder, worauf der Parse Farrokh zum christlichen Glauben übertritt, während sein Vater ein strenger Atheist gewesen ist. Lowji Daruwalla, der sich gegenüber sämtlichen Glaubensrichtungen intolerant zeigt, dient Farrokh als Negativbeispiel. Auch politisch äußert sich der alte Daruwalla abfällig gegenüber Gandhi und stößt mit seiner kompromisslosen Art viele vor den Kopf, so dass sich sein Sohn für ihn schämt. Eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung!

Die Aufklärung des Mordfalls ist komplex und führt immer wieder in die Vergangenheit hinein, in der unter anderem auch die Beziehung zwischen Daruwalla und Dhar aufdeckt wird. Gleichzeitig erfahren wir, warum zur Zeit des Mordes Dhars Zwillingsbruder, ein jesuitischer Missionar, in Bombay auftaucht und für zusätzliche Verwirrung sorgt. Doch am Ende sind alle Handlungsfäden zu einem sorgfältigen Knäuel aufgerollt.

Bewertung
"Zirkuskind", 1995 erschienen, ist der 5.Roman, den ich von Irving lese. Thematisch passt er zu "Straße der Wunder", da das Motiv des Zirkus und die Faszination, die dieser ausübt, in beiden eine Rolle spielt. Die Suche nach der eigenen Identität und sexuellen Orientierung erinnern an "In einer Person" und "Bis ich dich finde", ebenso wie die Vater-Sohn-Beziehung, die auch in vorliegenden Roman in mehrfacher Hinsicht thematisiert wird, so dass mich an diesem Roman vor allem die Wiederkehr der Motive, die ich aus den anderen bereits kenne, fasziniert hat - ob Zirkus, Vater-Sohn-Beziehung, Auseinandersetzung mit der Religion und mit sexueller "Andersartigkeit", mit Kinderarmut und Rassismus.

Bei Irving spielen meines Erachtens die Suche nach der eigenen Identität, die Auseinandersetzung mit und die Abgrenzung von den Eltern eine große Rolle. Seine vordergründige Fixierung auf die Sexualität seiner Protagonisten ist für mich verbunden mit dem Aufruf zur Toleranz gegenüber dem vermeintlich "Unnormalen" wie Homosexualität oder Transsexualität.

Im Vordergrund steht jedoch immer die wunderbar erzählte Geschichte, mit ihren skurrilen, sympathischen Figuren und Bösewichten, mit Szenen, die zum Lachen einladen und ebenfalls skurril anmuten. Sie schöpft aus dem vollen Leben mit all seinen Facetten, so dass trotz des Umfangs der Lektüre das Lesen (fast) nie langweilig wird. Definitiv nicht mein letzter Irving ;)

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar.