Posts mit dem Label Gegen das Vergessen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gegen das Vergessen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 7. Dezember 2021

Bernhard Schlick: Die Enkelin

- gesucht und gefunden. 

Leserunde auf whatchaReadin

Kaspar, aus dessen personaler Sicht der Roman vorwiegend erzählt wird, ist Bibliothekar und mit Birgit verheiratet.

"Es war ein Abend wie viele andere. An manchen Abenden, wenn Birgit schon früh mit dem Trinken angefangen hatte, war mehr als zwei Taschen und ein Weinglas umgefallen und lag mehr als eine Vase in Scherben. An anderen Abenden, wenn sie erst kurz bevor er nach Hause kam, das erste Glas getrunken hatte, war sie fröhlich, gesprächig, zärtlich, und wenn's nicht Wein, sondern Champagner war, von einer Lebendigkeit, die ihn glücklich machte und wehmütig wie alles Gute, von dem man weiß, dass es nicht stimmt." (7)

Doch an diesem Abend findet er seine Frau tot in der Badewanne vor, betrunken eingeschlafen und ertrunken. Kaspar ist erschüttert, denn trotz ihrer Alkoholprobleme, trotz ihres Geheimnisses, das sie um das Schreiben ihres Roman gemacht hat, trotz ihrer Unstetigkeit liebt er sie bedingungslos.
Das Verständnis, das Kaspar für Birgit aufgebracht hat, und seine Liebe bringt sie selbst wunderbar zum Ausdruck:
"Du liebst mich immer noch, ich weiß. Es ist der große Trost in meinem Leben: was immer ich in meinem Leben nicht bin, was immer ich dir nicht bin - ich bin genug, dass ich bis jetzt von dir geliebt werde." (129)

Im Rückblick wird erzählt, wie die beiden sich im Mai 1964 im Osten Berlin kennengelernt haben und wie Birgit sich entscheidet, zu Kaspar in den Westen zu fliehen, was ihr auch gelingt. Sie haben sich ein gemeinsames Leben aufgebaut und doch gibt es ein Geheimnis, das Kaspar in Birgits Schreibzimmer entdeckt. Ein Dokument "Ein strenger Gott", das er nach langem Ringen liest und das Birgits Lebensgeschichte erzählt, davon wie die beiden sich kennengelernt haben, aber auch davon, dass sie eine Tochter zurückgelassen hat (das verrät auch schon der Klappentext!), die sie nie gewagt hat zu suchen.
Um das wieder gutzumachen, was Birgit nicht gelungen ist, begibt sich Kaspar im 2.Teil des Romans auf die Suche nach jener Tochter und findet sie - gemeinsam mit Birgits Enkelin ist sie Teil einer völkischen Siedlungsbewegung, die fest an die Ideale des Nationalsozialismus glauben, den Holocaust leugnen und die deutsche Demokratie unterwandern möchten, dabei aber unauffällig agieren. Eine Welt, die Kaspar völlig fremd ist, und doch möchte er einen Kontakt mit Sigrun, der Enkelin aufbauen.
In der Leserunde gab es viele Diskussionen darüber, wie Kaspar in dieser Situation agiert. Wie hätte man selbst reagiert? Sofort vehement widersprochen, versucht alle Lügen sofort und gleich argumentativ zu widerlegen? Kaspar wählt einen anderen Weg, einen behutsameren und indem wir gemeinsam mit Kaspar diesen Weg beschreiten, ermöglicht uns Schlink einerseits einen Blick auf diese völkische Welt, andererseits entlarvt er ihre falschen Werte und ihren Lügen, so dass der pädagogische Anspruch des Romans nicht verborgen bleibt. Das hat mich jedoch beim Lesen nicht gestört. Im Gegenteil, interessant ist eben die Frage: Wie gehe ich mit einem jungen Mädchen um, das bisher in einer Blase aus nationalsozialistischen Ideen und Bräuchen gelebt hat? Schlink vermeidet auch eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren, z.B. kann man Svenjas, Birgits Tochter, Motivation sich den Rechten anzuschließen, verstehen, wenn man es auch definitiv nicht gutheißen kann. Lediglich die Darstellung der 14-jährigen Sigrun gerät teilweise etwas zu naiv und kindlich für ein Mädchen dieses Alters, aber sie entwickelt sich und der 3.Teil des Romans ist auch gleichzeitig der stärkste. 
Ein Roman, der zum Diskutieren und Nachdenken einlädt, und den ich uneingeschränkt weiter empfehlen kann.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.


Dienstag, 18. August 2020

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Geschichte des tschechischen Kinder- und Jugendpsychiaters Pavel Vodák, der im Jahr 1970 aus der dem sozialistischen Staat fliehen will, nachdem der Prager Frühling im Jahr 1968 - und auch seine Hoffnungen - gewaltsam niedergeschlagen wurden.

Die Geschichte beginnt am 25.6.1970, am Vorabend seiner Flucht, an dem Pavel, aus dessen personaler Perspektive die Handlung erzählt wird, über sein Leben reflektiert und in Endlosschleifen darüber nachdenkt, ob er die Gefahr einer Flucht wirklich auf sich nehmen will. 
Aber es bleibt ihm keine Wahl aus seiner geliebten Heimatstadt Prag zu fliehen:
"Er steht unter Beobachtung, darf nicht mehr ins westliche Ausland reisen. Keine Dozententätigkeit mehr, kein fachlicher Austausch auf Kongressen, keine Begegnungen mit frei denkenden Menschen. Pavel hat aufgehört, die Warnschüsse zu zählen. Äußerlich ließ er sie abprallen, innerlich reiht sich Wunde an Wunde. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, vielleicht auch nur Stunden, bis er endgültig getroffen und niedergestreckt wird." (10)

Er will vor allem für seine 12jährige Tochter Pavlina fliehen, dass "ein politisches System die Potenziale einer nächsten Generation einschränkt, ist ihm unerträglich. Der Traum von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, für den er einst kämpfte und alles riskierte, wurde am 21.August 1968 unter Panzerketten begraben." (15)

Am Vorabend der Flucht erhält er deutsche Pässe für seine Frau, seine Tochter, seine Schwiegermutter und sich selbst. "Ausgerechnet deutsche Pässe. Deutsche! Jene Menschen, die einst tiefste traumatische Erlebnisse in Pavels Seele säten, wandeln sich heute zu Verbündeten." (17)

Als er im Bett liegt und auf den als Urlaubsreise getarnten Beginn der Flucht wartet, denkt Pavel an sein Leben zurück. Die Handlung springt zurück zum 15.März 1939, als die Nationalsozialisten widerrechtlich das verbliebene Staatsgebiet der Tschechoslowakei besetzt haben. Da ist Pavel 18 Jahre alt. Seine Mutter ist eine Deutsche, "weniger die Kategorie böhmische Hausfrau, eher die Dame von Welt" (32), sein Vater ein tschechischer Offizier.
Die Wehrmachtssoldaten nimmt er als "Krokodil" wahr, eine Metapher, die im Verlauf des Romans für "Vernichtungskraft" (55) steht, die überall lauert.

Während des Krieges wird ihm  das Medizinstudium verwehrt, hilflos erlebt er die Demütigung jüdischer Freunde und wie so viele andere, will er die Gräueltaten aus den Konzentrationslagern, von denen erzählt wird, nicht glauben. Bis er selbst unmittelbar nach Kriegsende als Medizinstudent nach Theresienstadt kommt.

"Ursprünglich wollte er Arzt werden, um Menschen zu heilen. Jetzt lernt er, wie sie sterben. Erwachsene bäumen sich auf und klammern sich fest. Kinder verabschieden sich still wie das Licht einer dünnen Kerze im Wind. Das ist, obwohl so leise und beiläufig, schwerer auszuhalten." (83)

Ein Bild, das wirklich zu Herzen geht. Pavel muss gleichzeitig erkennen, dass das Krokodil überall lauert: „Wer oder was ist das Krokodil?“ (85)

Die verschiedenen Ausschnitte aus Pavels Leben geben jeweils einen intensiven Einblick in die Zeitgeschichte und seine persönliche Entwicklung, die damit einhergeht. Der Schrecken der Nazidiktatur, die Erlebnisse in Theresienstadt, der Sozialismus, die neue Diktatur - wieder ein hungriges Krokodil - und die Hoffnung auf eine Öffnung, die gnadenlos zerschlagen wird. Die beiden Tage im August 1968 erhalten dadurch, dass zwei aufeinanderfolgende Kapitel zwei Tage hintereinander schildern, besonderes Gewicht. Das Präsens sorgt dafür, dass das Lesetempo hoch gehalten wird, man ist mittendrin.

Nach dem Rückblick auf Pavels Leben wird seine Flucht und seine Ankunft im vermeintlichen goldenen Westen geschildert. Es spricht für die Autorin, dass sie dies realistisch erzählt, mit all den Zweifeln, die Pavel überkommen. Wie schwierig es ist, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, wird eindrücklich aufgezeigt, aber auch dass es Jüngeren gelingen kann, wie das Beispiel seiner Tochter zeigt.
Insgesamt ein empathischer Roman, der historisch sehr interessant ist und auch für Jugendliche eine spannende - und lehrreiche - Lektüre bietet, ohne dass der viel zitierte pädagogische Zeigefinger erhoben wird.

Noch interessanter wird es, wenn man die Entstehungsgeschichte des Romans "Pavel und ich" liest. Darin erzählt Sandra Brökel amüsant und auch spannend, wie sie auf die Notizen des tschechischen Arztes gestoßen ist und warum gerade sie dessen Lebensgeschichte aufschreiben musste.

Vielen Dank dem Pendragon-Verlag für die Leseexemplare.

Donnerstag, 30. Juli 2020

Sandra Brökel: Pavel und Ich

- die Entstehungsgeschichte des Romans "Das hungrige Krokodil"


Im Rahmen einer Leserunde auf whatchaReadin lesen wir "Das hungrige Krokodil", freundlicherweise hat uns der Pendragon Verlag auch die Geschichte hinter der Geschichte zukommen lassen, die Sandra Brökel im Anschluss verfasst hat.

Darin erzählt sie aus der Ich-Perspektive, wie sie auf die Idee gekommen ist, das Leben des tschechischen Kinderarztes und Psychiaters Dr. Pavel Vodák aufzuschreiben. Ihre Erinnerungen beginnen im Jahr 2019 während einer Lesung in Prag, der Stadt, aus der Pavel Vodák nach dem Prager Frühling fliehen musste.

"Erstmals lese ich ausschließlich vor Menschen, die wirklich erlebten, worin ich nur literarisch eintauchte." (22)

Ihr wird bewusst: "Durch das Schreiben und den Automatismus, der sich dabei entwickelte, bekam Pavel ein Eigenleben in mir, es gesellte sich eine literarische Figur zu dem realen Menschen. In den Diskussionen wird deutlich, dass kleinste Details in seinen Erinnerungen nicht eins zu eins der objektiven Realität entsprechen können." (23)

Doch die Frage stellt sich, warum ausgerechnet sie die Lebensgeschichte des tschechischen Psychiaters aufgeschrieben hat.
"Ich habe das Leben des Pavel Vodák nur für meine Freundin, seine Tochter, aufgeschrieben, damit sie mit sich und ihrem Leben ins Reine kommt." (30)

Was folgt, sind einige unglaubliche Zufälle, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann. Sandra Brökel ist ein Adoptivkind und auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern hat sie sich intensiv mit der Problematik adoptierter Kinder auseinandergesetzt. Auf der Suche nach wissenschaftlicher Literatur stößt sie auf zwei Fachbücher von Pavel Vodák, allerdings in tschechischer Sprache, die sie immer schon fasziniert hat - wer kennt nicht den wunderbaren Pan Tau ;).

6 Jahre später realisiert sie, dass Paula, die mit ihr gemeinsam eine Ausbildung zum "Zertifizierten Kindertrauerbegleiter" (72) absolviert, die Tochter eben jenes Pavel Vodák ist. In Gesprächen mit Paula hat sie das Gefühl, sich Pavel verbunden zu fühlen. Ihre Freundin fasst so viel Vertrauen zu ihr, dass sie ihr die Lebenserinnerungen ihres Vaters anvertraut - die Grundlage für "Das hungrige Krokodil".

Sandra Brökel gibt den Leser*innen im Folgenden Einblicke in ihren Schaffensprozess, mehrfach reist sie nach Prag, um sich Pavel näher zu fühlen.

Nachdem ich diese sehr interessante Entstehungsgeschichte gelesen habe, die auch die politischen Hintergründe kurz und knapp erklärt, freue ich mich jetzt darauf, den Roman selbst zu lesen.

Vielen Dank an den Pendragon-Verlag für dieses Leseexemplar.

Montag, 27. Juli 2020

Marco Balzano: Ich bleibe hier


Leserunde auf WhatchaReadin

Wenn man den Reschenpass in Richtung Vinschgau überquert hat, erstreckt sich der Rechensee vor dem Betrachter und zwangsläufig fährt man an dem berühmten Glockenturm vorbei, der einst Teil des Dorfs Graun gewesen ist. Ein beliebtes Fotomotiv, vor dem die Touristen Schlange stehen. Auch Marco Bolzano war dort, wie er im Nachwort zu seinem Roman verrät:
"Hätte ich nicht sofort den Eindruck gehabt, hier eine private und persönliche Geschichte anzusiedeln, in der sich die historischen Abläufe spiegeln und die die Möglichkeit bot, ganz allgemein über Verantwortungslosigkeit, über Grenzen, über Machtmissbrauch und die Bedeutung des Wortes zu sprechen, dann hätte ich, trotz der Faszination, die dieser Ort auf mich ausübt, nicht genug Interesse aufgebracht... Auch ich wäre stehen geblieben und hätte mit offenem Mund den Kirchturm bestaunt, der auf dem Wasser zu schwimmen scheint." (S.284)

Balzano bettet die historischen Ereignisse Grauns von der Unterdrückung der Südtiroler durch Mussolini, der Option, die Hitler ihnen angeboten hat, "heim ins Reich" zu kommen sowie die Fertigstellung des Staudamms nach dem 2. Weltkrieg in die persönliche Geschichte der Lehrerin Trina ein, die aus der Ich-Perspektive erzählt und ihre Geschichte an ihre Tochter richtet, so dass das Erzählte wie ein langer Brief erscheint.

"Du weißt nichts über mich, und doch weißt du viel, weil du ja meine Tochter bist." (13)

So beginnt der erste Teil, der die Frage aufwirft, warum die Tochter nichts über die Mutter weiß, die als Lehrerin im Untergrund Kinder weiterhin in Deutsch unterrichtet, obwohl Mussolini die Sprache verboten und italienische Lehrer nach Südtirol entsendet hat.

"Um bloß nicht uns nehmen zu müssen, stellten sie lieber halbe Analphabeten aus Sizilien und dem ländlichen Venetien ein. Ob die Tiroler Kinder etwas lernten, kümmerte den Duce sowieso herzlich wenig." (36)

Der erste Teil (Die Jahre) erzählt von dieser Zeit, in der Trina ihr Examen gemeinsam mit ihren Freundinnen Barbara und Maja macht, im Wechsel der Jahreszeiten lebt, ihren Vater in der Schreinerei unterstützt und Erich kennenlernt - einen stillen jungen Mann, obwohl ihr Herz eigentlich für ihre Freundin Barbara schlägt. Nichtsdestotrotz heiratet sie Erich, der Widerstand gegen die Faschisten leistet, und nach dem Sohn Michael wird die Tochter Marica geboren. Trina glaubt, sie sei keine gute Mutter, sie hat Angst ihr Leben zu verpassen.

"Auf dich und deinen Bruder aufzupassen war mir bald zu viel. Ich litt, weil mir die Zeit fehlte. Während ich mit euch beschäftigt war, dachte ich, verpasste ich so viele schöne Dinge auf der Welt, die ich später, wenn ihr groß sein würdet, nicht nachholen könnte." (62)

Nachdem Hitler Österreich annektiert hat, eröffnet er den Südtirolern die Option, ins Reich zu kommen. Er wird als Befreier wahrgenommen, da er ihnen die Möglichkeit eröffnet, in ihrer Muttersprachen sprechen zu können.

"Auf Adolf Hitler zu hoffen war die einzige Rebellion." (71)
"Mama, ich will weg aus diesem Dorf. Hier kann ich nicht einmal mehr zur Schule gehen" (75), sagt Trinas Tochter.

Aus heutiger Perpektive völlig unverständlich, aus der damaligen Situation heraus, in der die italienischen Faschisten die deutschsprachigen Bewohner Grauns unterdrückt haben, teilweise nachvollziehbar. Wobei Erich durchaus weitsichtig erkennt, dass die diejenigen, die sich gegen die große Option entschieden haben, die "hier geblieben" sind, nach der Machtübernahme Hitlers in Südtirol mit Repressionen zu rechnen haben.

Von dieser Zeit handelt der 2.Teil, "Auf der Flucht", während der 3.Teil von der Fertigstellung des Staudamms und der Entstehung des Reschensees erzählt. Während der 2.Teil mitreißend und teilweise sehr emotional ist, fällt der letzte Teil im Vergleich zu den beiden vorherigen aus meiner Sicht etwas ab, da man weiß, dass der Kampf gegen den mächtigen Konzern nicht gewonnen werden kann und auch die Protagonistin selbst passiver wirkt, weniger in den Widerstand involviert ist, allerdings für diejenigen, die protestieren, die richtigen Worte findet.

Balzano hat dazu in einem Interview gesagt:

"Ein Schriftsteller muss immer versuchen, das Schweigen zum Reden zu bringen, das ist die größte Herausforderung. Ein Schweigen, dem es gelingt, das auszudrücken, was man nicht sagen kann, das, wofür die Wörter nicht genügen. In „Ich bleibe hier“ wollte ich eine Frau darstellen, die an das Wort als Mittel zum Widerstand glaubt. Auch als das Wasser das Dorf überflutet, auch als Trina alles verliert, auch als sie besiegt ist, bleiben ihr die Worte. Und solange wir die Möglichkeit haben, sie auszusprechen, haben wir nicht alles verloren."
(https://www.buchkultur.net/marco-balzano/)


Dass Balzano das "Schweigen zum Reden" bringen will, dies ist ihm mit diesem Roman gelungen. Die Situation der Südtiroler, die im Dilemma zwischen Bleiben oder Gehen standen, deren kulturelle Identität Spielball der politischen Kräfte geworden ist, hat er beeindruckend dargelegt.
Aber auch, wie machtlos die Bewohner Grauns gegenüber den ökonomischen Interessen des Konzerns Montecatini gewesen sind.

Ein lesenswerter Roman gegen das Vergessen!

Dienstag, 30. April 2019

Lukas Hartmann: Der Sänger

"Ein Lied geht um die Welt"

Leserunde auf whatchaReadin

Im September 1942 befindet sich der berühmte jüdische Tenor Joseph Schmidt aus Bukowina, Czernowitz, auf der Flucht. Zu Beginn der Handlung versteckt er sich im Haus von Freunden, im Süden Frankreichs.
Während er am letzten Abend dort die Elegie von Massenet singt, denkt er über seine Situation nach.

"Geliebte hatte er, der Sänger, viele gehabt und sie immer wieder verlassen, wie er nun auch diesen Ort verlassen würde. Nicht um der Einen die Treue zu halten, der Mutter, die starrsinnig in Czernowitz bleiben wollte, sondern dieses Mal, um der Deportation zu entgehen und sein Leben zu retten. Die Deutschen warne unterwegs in Pétains Rumpf-Frankreich und durchsuchten es nach versteckten Juden, sie würden auch nach La Bourboule kommen." (7)

Er hadert damit, dass er, den "man als den deutschen Caruso bejubelt hatte, [...] aus den Blättern und Radiosendern verschwunden, aus Filmen herausgeschnitten [war], die Schallplatten gab es nicht mehr in den Läden. [...] Er wusste, worum es ging: um die Ausrottung des Judentums in Europa." (8-9)

Um den Nationalsozialisten zu entgehen, ist eine Fluchtroute bereits festgelegt, ein Passeur soll ihm gemeinsam mit seiner Geliebten Selma, deren Bruder in der Schweiz lebt, sowie weiteren Flüchtlingen helfen, über die Schweizer Grenze zu gelangen. Schmidts rumänischer Pass ist ungültig, als staatenloser Jude hat er kaum eine Chance legal über die Grenze zu kommen.

"Die Schweiz hatte in den letzten Monaten ihre Abwehrmaßnahmen gegen Flüchtlinge rigoros verstärkt, Juden, erkennbar meist am J im Pass, wurden seit August konsequent zurückgewiesen." (12)

Trotzdem gelingt ihm die Einreise, wenn auch nicht ohne Hindernisse und Umwege. Sein Berühmtheit erleichtert ihm jedoch die Situation nicht - im Gegenteil, es entsteht der Eindruck, dass an ihm eine Art Exempel statuiert werden soll.

"[E]s sei beschlossene Sache, den Deutschen zu zeigen, dass der berühmte Joseph Schmidt gleich behandelt werde wie ein x-beliebiger jüdischer Viehhändler." (231)

Neben der personalen Perspektive aus der Sicht des Sängers Joseph Schmidt sind in die Handlung Aussagen eines Schweizer Doktor der Jurisprudenz in der Eidgenössischen Polizeiabteilung eingefügt, in denen dieser den Versuch unternimmt, die strengen Gesetze des Bundesrates zur Begrenzung des Flüchtlingsstroms mit ökonomischen Argumenten sowie der Bemerkung, man dürfe der Bevölkerung keine Überfremdung zumuten, zu rechtfertigen.

"Die Stimmung gegen Juden hat sich auch bei uns verstärkt. Das war noch anders vor dem Krieg. Nun ducken sich ja alle vor einem möglichen Überraschungsangriff der Wehrmacht." (88)

So erhält der Einzelfall Joseph Schmidt eine politische, allgemeinere Dimension.
Einschübe gibt es auch von einem seiner weiblichen Fans aus der Schweiz. Eine alte Dame, die sich daran erinnert, wie Joseph Schmidt in ihrer Nähe in einem Internierungslager untergebracht wurde und wie sie sich bemüht hat, ihn zu treffen. Diese Schilderungen verleihen dem Roman Authentizität und stellen das, was dem Sänger widerfahren ist, aus einer weiteren Perspektive dar.

Immer wieder werden die Ereignisse der Gegenwart von Erinnerungen des Sängers durchzogen. Ein wiederkehrendes Motiv ist dabei seine große Liebe zur Musik.

"Töne hatten Jossele von klein auf magisch angezogen, auch die Stimmen von Tieren, die er bald nachzuahmen versuchte, so wie er im Bethaus schon mit drei, vier Jahren in die gesungenen Gebete einstimmte, oft zum Verdruss des Vorsängers. Vom Singen ließ er sich nicht abhalten (...) " (19)

Der Musik ordnet er alles unter, auch seine Rolle als Vater. Er hat einen 7-jährigen Sohn, Otto, Lotte, dessen Mutter reist ihm nach, bittet ihn um Geld und um eine legale Verbindung. Doch er weist sie zurück.

"Aber die Vaterrolle im Ernst übernehmen, das konnte er nicht, er reiste zu viel herum." (21)

Zudem liebt er sein unstetes Leben, hat Geliebte, gibt sein Geld freigiebig aus, er ist ein "Bonvivant" (15), dessen Konstante im Leben die Mutter zu sein scheint. An sie, die inzwischen im Ghetto in Czernowitz ist, denkt er besonders oft. Sie, die ihn - im Gegensatz zum Vater - in seiner Liebe zur Musik unterstützt und durchgesetzt hat, dass er Sänger werden konnte.

Der Roman bringt den Leser*innen die etwas eigensinnige Person Joseph Schmidt näher, der unter seiner Größe (1,54 m) gelitten hat und dessen schwieriges Verhältnis zum Vater eine Ursache dafür sein kann, dass er selbst seine Vaterrolle nicht ausfüllen konnte.

Gleichzeitig stellt er die in der Schweiz während des 2.Weltkrieges herrschende Flüchtlingspolitik gegenüber den Juden dar. Die Parallelen zur heutigen Zeit scheinen nicht zufällig zu sein, das ist auch der Tenor in der Leserunde.

Doch Hartmann klagt nicht nur an, sondern erzählt auch von Menschen, die Schmidt geholfen und sich der offiziellen Politik widersetzt haben, und somit als positives Beispiel gelten können.
Ein lesenswerter Roman gegen das Vergessen!

Ein Dankeschön an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Freitag, 15. März 2019

Nicoletta Giampietro: Niemand weiß, dass du hier bist

- ein Roman gegen das Vergessen.

Leserunde auf whatchaReadin

Die Ereignisse in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges sind aus vielen Büchern gegen das Vergessen präsent - ob aus Sicht der Bevölkerung, der Verfolgten, KZ-Insassen oder aus der Perspektive Kinder und Jugendlicher, die sich von der Indoktrination haben blenden lassen -

- wie der Protagonist des Romans von Giampietro, der 11-jährige Lorenzo Guerrini, aus dessen Ich-Perspektive der Roman erzählt wird. Die Handlung beginnt im Jahr 1942 in Siena, wo Lorenzos Großvater, seine Tante Chiara, eine Lehrerin, sowie deren gläubige, katholische Haushälterin Cesarina leben.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat Lorenzo in Tripolis, Libyen, gelebt, das von den Italienern kolonialisiert gewesen ist. Obwohl sein Vater eine Kriegsverletzung hat, wird er erneut in den Kampf in Libyen geschickt, während seine Mutter sich bemüht, seine Rückkehr in Rom zu erwirken. Daher ist Lorenzo nun in der Obhut seiner Verwandten in Siena.

Lorenzo freundet sich mit Franco Tacconi an, dessen Eltern einen Lebensmittelladen im gleichen Haus wie die Guerrinis besitzen. Die beiden Jungen teilen die Auffassung, dass der Krieg etwas Heroisches sei, man müsse für Ehre und Vaterland kämpfen - eine Einstellung, die ihnen in der Schule eingetrichtert wird.

"Mamma und Zia Chiara hatten keine Ahnung vom Krieg. Jetzt, mit den Deutschen zusammen, unter der Führung Rommels und meines Vaters, würden wir siegen. Wir würden die Engländer ins Meer zurückwerfen. Papà würde ein Held sein." (18)

Sie sind von Mussolini begeistert, der Italien ihrer Meinung nach, wieder zu einem  Land gemacht hat, auf das sie stolz sein können. Ihr Lehrer vertritt dazu eine simple Meinung:

"Ein Junge, der zwar gehorcht, aber zugleich fragt >Warum?<, ist wie ein Bajonett aus weichem Bleich. Was sagt Mussolini dazu? Gehorcht, weil ihr gehorchen müsst!" (73)

Sie sind beseelt vom Faschismus, das Wort

"kommt von >fascio< [=Rutenbündel]. Deshalb ist das Symbol des Faschismus ein Bündel von dünnen, eng zusammengeschnürten Stangen. Diese Stangen stellen die einzelnen Italiener dar." (63f.)

Als Lorenzo erkennt, dass seine Tante Chiara seine Einstellung nicht teilt, spioniert er ihr hinterher und findet heraus, dass sie heimlich jüdische Kinder unterrichtet, die nicht mehr in die Schule gehen dürfen. Obwohl er die Rassengesetze selbst nicht nachvollziehen kann -

"Waren denn die nettesten Menschen in Siena alle jüdisch?" (149)

- ist er mit dem Handeln seiner Tante nicht einverstanden, die ihn jedoch mit seiner Einstellung konfrontiert:

"Du bist in einer Fantasiewelt voller Pathos und Helden aufgewachsen. Aber es nicht die echte Welt. In der echten Welt wirst du deine Kindheit schneller verlieren als deinen nächsten Milchzahn." (92)

Und sie hat Recht - Lorenzo schließt Freundschaft mit dem jüdischen Jungen Daniele und als sich die geschichtlichen Ereignisse in Siena überschlagen, muss er eine wichtige Entscheidung treffen.

Bewertung
Der Roman hat mich in vielerlei Hinsicht angesprochen, da

  • er einen Einblick in die italienische Geschichte während des 2.Weltkrieges gibt,
  • er sehr differenziert die verschiedenen Parteien darstellt, ob Partisanen, deutsche Wehrmachtssoldaten oder italienische Faschisten,
  • er glaubwürdig aufzeigt, wie sich Lorenzo weiterentwickelt, welche inneren Beweggründe ihn antreiben und zwischen welchen Konflikten er steht,
  • der Protagonist eine Identifikationsfigur für Jugendliche bietet,
  • er mit einem realistischen Ende aufwartet,
  • er eine für die kindliche Perspektive adäquate Sprache findet, die Lorenzos Handeln nachvollziehbar macht.


Lesenswert und meines Erachtens gerade für Jugendliche geeignet.

Vielen Dank dem Piper-Verlag für das Leseexemplar.



Dienstag, 5. Februar 2019

Robert Seethaler: Der Trafikant

- politische Bildung und sexuelle Erlösung

Lesekreis

"An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte." (7)

Mit dieser  Feststellung beginnt "Der Trafikant": Der 17-jährige Franz muss aus finanziellen Gründen vom beschaulichen Attersee im Salzkammergut in die Hauptstadt Wien ziehen. Ein Freund der alleinerziehenden Mutter Franz - Otto Trsnjek - ist ihr noch einen Gefallen schuldig, so dass Franz in seiner Trafik, ein Geschäft, in dem Zeitungen, Zeitschriften und Zigaretten verkauft werden, als Lehrling anfangen kann.


Die Ankunft in der Großstadt ist überwältigend für den Bub vom Land:
"Die Stadt brodelte wie der Gemüsetopf auf Mutters Herd. Alles war in ununterbrochener Bewegung, selbst die Mauern und die Straßen schienen zu leben, atmeten, wölbten sich. Es war, als könnte man das Ächzen der Pflastersteine und das Knirschen der Ziegel hören. (...) Dazu das Licht. Überall ein Flimmern, Glänzen, Blitzen und Leuchten..." (20)

Seethaler beschreibt das Gewimmel auf den Straßen sprachlich so detailliert, dass man glaubt, den Lärm und die Stimmen zu hören, das Licht und die vielen Menschen zu sehen.

Als Trafikant, so lernt Franz, kommt es nur auf eines an:

"Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein." (25)

Otto Trsnjek sorgt für Franz politische Bildung, wobei er dem erstarkenden Nationalsozialismus deutlich entgegentritt. Als Kriegsinvalide hat er diese Trafik zugesprochen bekommen und sich in seinem Wiener Bezirk etabliert. Bei ihm kaufen alle ein, Kommerzialräte, Doktorenwitwen, Rentner, Hausfrauen, Arbeiter und Professor Sigmund Freud, dessen Ruf

"mittlerweile nicht nur an die entlegensten Flecken der Erde, sondern sogar bis ins Salzkammergut gelangt [war] und dort die meist eher dumpfen Fantasien der Einheimischen angeregt [hatte]" (38).

Als dieser seinen Hut in der Trafik vergisst, sprintet Franz ihm hinterher und fragt ihn unbekümmert  aus. Freud rät ihm, seine Zeit nicht mit dem Lesen seiner Bücher zu verbringen, sondern sich ein Mädchen zu suchen und fordert ihn auf, das zu tun, was Franz schon lange will: seine sexuellen Triebe auszuleben.

Politische Entwicklung durch den Mentor Trsnjek und das Entdecken der Sexualität verändern Franz. Er wird erwachsen in einer Zeit, in der in Österreich ein politischer Umbruch stattfindet.

"Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass es diesen Buben nicht mehr gab. Weg war der. Abgetrudelt und untergegangen, irgendwo im Strom der Zeit. Wobei das alles ja schon recht schnell gegangen war, dachte er, vielleicht sogar insgesamt ein bisschen zu schnell." (236)

Die schnelle Entwicklung Franz - die erzählte Zeit umfasst knapp ein Jahr (Spätsommer 1937- Sommer 1938), mit einem Zeitsprung ins Jahr 1945 - war einer der Diskussionspunkte im Lesekreis. Kann man so schnell erwachsen werden? Die Diskrepanz zwischen der Äußerung von Lebensweisheiten, wenn er beispielsweise Freuds Couchmethode "analysiert" und den naiven Betrachtungen des 17-Jährigen lassen vermuten, dass Seethaler das ein oder andere Mal durch seinen Protagonisten spricht. Auf der anderen Seite muss Franz sich weiterentwickeln, denn die bevorstehende Annexion an Hitler-Deutschland betrifft auch sein Leben: Trsnjek verkauft seine Zeitungen und Zigarren an Juden und wird Opfer antisemitischer Anfeindungen, genau wie Freud, der seine Ausreise bisher hinausgeschoben hat.

"Freud zuckte mit den Schultern. Natürlich wusste er es. Er war alt. Er war krank. Er war Jude. Und in den Straßen trieb sich viel zu viel Gesindel herum. Doch vor Geschehnissen zu kapitulieren, die noch nicht einmal begonnen hatten, kam nicht in Frage." (124)

Franz sieht sich mit der Gestapo konfrontiert und beweist einen Mut, den man dem unbedarften Bub aus dem beschaulichen Nußdorf nicht zugetraut hätte. Ist diese Entwicklung stimmig?

Seine sexuelle Erweckung wirkt glaubwürdiger: Er verliebt sich in eine junge böhmischen Frau, die ihn jedoch mehrmals verlässt. Rat sucht er beim Professor, so entsteht eine kurze, ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden, die sein Handeln maßgeblich beeinflusst, wie das Aufschreiben seiner Träume, die seine sexuellen Wünsche, aber auch die Zeitgeschichte widerspiegeln und in ihrer Doppeldeutigkeit wie Vorausdeutungen erscheinen:

Im Prater geht ein Mädchen, es steigt ins Riesenrad,
überall blitzen Hakenkreuze, das Mädchen steigt immer
höher, plötzlich brechen die Wurzeln, und das Riesenrad
rollt über die Stadt und walzt alles nieder, das Mädchen
juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein
Wolkenfetzen. (180)

Mag man Franz "Tat" am Ende auch für unglaubwürdig halten, Seethaler stellt sich mit seinem Protagonisten gegen eine Haltung, die mehrfach im Roman thematisiert wird.

"Denn abwarten war ja bekanntlich sowieso immer die beste und vielleicht sogar die einzige Möglichkeit, die verschiedenen Schwierigkeiten der Zeit unbeschadet an sich vorbeiströmen zu lassen." (165)

Abwarten, nicht hinsehen, verdrängen - in vielen Textpassagen erscheinen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit schon alltäglich, das Zerstören jüdischer Geschäfte, die Deportationen oder die Folterung im Keller der Gestapo. Franz setzt dagegen ein Zeichen, das zugegebenermaßen etwas zu plakativ wirkt, aber deutlich ist.

Wir waren uns alle einig, dass "Der Trafikant" (erstens) ein toller Roman ist und (zweitens) eine hervorragende Schullektüre abgeben würde, wegen der jungen Identifikationsfigur Franz, seiner Entwicklung, der klaren Botschaft des Romans und seiner Sprache und Metaphorik, der unterschiedlichen Erzählperspektiven sowie dem Humor Seethalers, der in dieser Rezension etwas zu kurz gekommen ist ;)

"Jetzt verschreib ich dir ein Rezept", antwortete Freud, "respektive sogar drei Rezepte. (...)
Erstes Rezept (gegen dein Kopfweh): Hör auf, über die Liebe nachzudenken. Zweites Rezept (gegen dein Bauchweh und die wirren Träume): Leg dir Papier und Feder neben das Bett und schreib sofort nach dem Aufwachen alle Träume auf. Drittes Rezept (gegen dein Herzweh): Hol dir das Mädchen wieder - oder vergiss sie!" (78)

Mein Rezept: Den Roman lesen ;)

Mittwoch, 23. Januar 2019

Rosemarie Marschner: Das Bücherzimmer

Lesen mit Mira

Den Roman hat Mira in der Rubrik "Frauenromane" entdeckt. Obwohl die Protagonistin eine Frau ist, ist er auch ein Roman gegen das Vergessen und ein Beispiel dafür, wie schwierig es für Frauen in der Zeit vor dem 2.Weltkrieg gewesen ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Uns beiden hat der Roman gut gefallen und wir haben uns intensiv über das Leben Marie Zweisams ausgetauscht - über die Zwänge, in denen sie aufgrund ihrer Herkunft und auch ihrer Entscheidung zu heiraten gefangen gewesen ist.

Inhalt
Im Prolog betritt der Enkel Marie Zweisams ihre Villa und entdeckt in den Unterlagen seiner erfolgreichen und gerade verstorbenen Großmutter ein Hochzeitsfoto, obwohl diese seinen Großvater nie geheiratet hat. Er fragt sich, wer der Mann auf dem Foto ist.

Die Geschichte Maries setzt im Jahr 1932 ein und erstreckt sich bis zur Zeit kurz vor dem 2.Weltkrieg.

Sie wächst als uneheliches Kind auf dem Land in Österreich auf. Ihre Mutter, die sich in einen Adligen verliebt hat, der jedoch auf Druck seiner Eltern keine Bindung mit ihr eingegangen ist, wünscht sich für Marie ein besseres Leben. Daher schickt sie sie nach Linz in den angesehenen Haushalt des Notars Horbachs, wo sie als Hausmädchen arbeitet. Ein einsames, eintöniges Leben unter den Blicken der Köchin Amalia, die ihr aber wohl gesonnen ist, und den kritischen Augen der Hausherrin, die selbst in ihrem Leben gefangen scheint.

Auf diese Weise füllte sich nach und nach das schiefe alte Kleiderschränkchen oben im zweiten Stock in der Mädchenkammer mit den Kaufsünden und Fehlentscheidungen einer verwirrten Frau, die sich nicht eingestand, daß viel zu schnell ein Abschnitt ihres Lebens zu Ende gegangen war und ein neuer begonnen hatte, dessen Wert sie nicht begriff. Eine Frau, die immer lächelte, sogar noch vor dem Spiegel, wenn sie allein war. Nur manchmal, an späten Nachmittagen, wenn die Geschäftigkeiten des Tages sie müde gemacht hatten, vergaß sie zu lächeln. Wenn sie dann unerwartet im Spiegel ihrem Gesicht begegnete, erschrak sie über die Fremde, die sie da so unverhohlen fixierte. Hungrig und verlassen. (S.73)

Ihr Vater, der alte Notar, befiehlt, dass Marie ihm täglich im Bücherzimmer aus der Zeitung vorlesen soll. Da Marie eine sehr gute Schülerin gewesen ist, fällt es ihr leicht, und sie profitiert von den Monologen des alten Herren, der die politischen Ereignisse kommentiert.

Da fiel ihr das Bücherzimmer ein, in dem der Herr Notar seine schwachen Augen marterte, und sie dachte, daß dies der Platz wäre, an dem sie glücklich sein könnte. (S.52)

Während ihrer Zeit im Hause Horbach lernt sie den adligen Richard Ohnesorg kennen, eine Verbindung, die aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede nicht möglich ist.

Marie stand außerhalb. Außerhalb wie überall hier in der Stadt. Nur in der Horbach-Villa war ihr eine Rolle zugewiesen worden, aber die – das wurde ihr bewußt, während sie von außen in den Garten Eden hineinblickte –wollte sie nun selbst nicht. (S.64)

Als ihre Mutter erkrankt, muss sie zurück in ihre Heimat und gibt ihre Stellung auf - als verheiratete Frau kehrt sie nach Linz zurück und erlebt das Erstarken des Nationalsozialismus und die Annexion Österreichs.

Gleichzeitig muss sie feststellen, dass ihre Heirat nicht die von ihre erhoffte Freiheit bietet - ist sie im falschen Leben gefangen?

Was soll aus mir werden? Wo gehöre ich eigentlich hin? Gibt es auf dieser Welt einen Platz, an dem ich so sein darf, wie ich bin? Ja, was will ich überhaupt? Und habe ich eine Chance, es zu erreichen? (S.147)

Bewertung
Der Roman hat mir aus mehreren Gründen gefallen, da er

- aufzeigt, wie sehr die gesellschaftliche Herkunft die Lebenschancen beschränkt; auch Marie kann sich nur aufgrund eines glücklichen Zufalls daraus befreien,

- ein authentisches Bild der politischen Verhältnisse in Linz und im Vorort St.Peter in der Umbruchzeit bis hin zum 2.Weltkrieg zeichnet: die anfängliche Begeisterung für den Führer einerseits, die beginnende Desillusionierung in weiten Teilen der Bevölkerung andererseits,

- mit der sympathischen Protagonistin eine starke Identifikationsfigur schafft und die weiteren Figuren authentisch und differenziert darstellt.

Schade fanden wir, dass die Zeit des Weltkriegs und Maries Weg zum Erfolg selbst nicht thematisiert wurden. Die Autorin beschränkt sich auf die Phase bis zu Maries "Befreiung" und lässt einige Fragen offen. So schließt sich am Ende zwar der Rahmen mit dem Enkel, über dessen Eltern erfährt man sich jedoch nichts.

Hier geht es zu Miras Rezension.





Samstag, 5. Januar 2019

Gerdt Fehrle: Und nachts fluten sie die Straßen

- Erinnerungen an eine dunkle Zeit.

Zu Beginn erfahren wir aus der Sicht einer Psychiaterin, dass sie den Hundertjährigen, der in der Klinik seinen Lebensabend verbringt, nicht mag.

"Wie der in seinem Sessel saß, der unheimliche alte Nöck. Verschrumpelt, zäh, lauernd. Überhaupt nicht bedürftig, in keinster Weise gebrechlich. Eher kalt wie ein Fossil. Mit kaltem, versteinertem Herzen." (6)

Doch an diesem Abend kann sie ihm nicht entkommen, denn

"[j]etzt kommt der Schluss, die letzte große Beichte, der Abgesang. Und kein Entkommen." (7)

Nach dieser Rahmenhandlung erzählt der hundertjährige Kannengießer, der aus dem Elsass stammt, aus der Ich-Perspektive überwiegend seiner Zuhörerin von zwei Phasen seines Lebens.
Einerseits vom Mai 1968, die Zeit der Studentenunruhen in Paris, wo er ein kleines Hotel, "Les belles Hirondelles" (8), gemeinsam mit seiner Frau Michelle führt.
Andererseits von 1943-1944 im besetzten Paris, zu der Zeit ist er Polizist gewesen und hat in besonders brutalen Gewaltverbrechen an Prostituierten ermittelt.

"Wir sollten Morde aufklären. Wirklich. Das war zum Totlachen. In ganz Europa brachten sich die Menschen gegenseitig in Massen um, in Auschwitz und Treblinka und Majdanek wurden die Menschen maschinell vernichtet, wer die falsche Nationalität, Religion oder Nase hatte, konnte auf offener Straße erschossen werden, selbst in Paris, obwohl sich die Deutschen hier ja immer bemühten, kultiviert zu erscheinen, aber dennoch, erschossen und noch an Ort und Stelle verscharrt. Und ich war Kriminaler bei der Pariser Polizei. Zum Brüllen, nicht wahr?" (12)

Nach dem Abzug der Deutschen wurde Kannengießer unehrenhaft entlassen, weil sein Pariser Polizeichef, der selbst mit den Deutschen kollaboriert hat, ihm genau dies vorgeworfen hat. Als Kannengießer später rehabilitiert wird, hat er sich bereits gemeinsam mit seiner Frau als Hotelier eine neue Lebensgrundlage geschaffen.

Er hatte 1943 einen Deutschen im Verdacht, die Prostituierten getötet zu haben. Friedrich Morgenthaler, der beim SD gearbeitet hat und der am 3.Mai 1968 plötzlich in seinem Hotel auftaucht.

"Er trat einfach in unser Hotel und damit in mein Leben. Klingt ganz einfach, ganz banal, nicht wahr? Aber für mich begann die Hölle. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, vielleicht ist das die Gelegenheit, die ich 1944 nicht bekommen habe. Die einmalige Chance, ihn doch noch zu erwischen." (15)

Der Ich-Erzähler springt zwischen den beiden Zeiträumen, so dass die Erzählstränge immer wieder unterbrochen werden, was für entsprechende Spannung sorgt.
Hinzu kommt, dass Kannengießer seine Vergesslichkeit thematisiert und das ein oder andere Mal abschweift. So erzählt er zum Beispiel, wie er zur Polizei gekommen ist, was er erlebt hat, während der erste Mord an einer Prostituierten geschehen ist, wie der Pathologe gearbeitet hat und entwirft dabei ein düsteres Bild des besetzten Paris - ein Film noir läuft im Kopf ab.
Wir erfahren von den Morden, von seinem Verdacht, am Rande von der Ermittlungsarbeit - es sind Erinnerungsbilder und -momente, weit entfernt von einem chronologischen knappen Lebensbericht.

"Die Panzer auf den Champs-Élysées vergisst man nicht, (...). Aber wie das ist, sich Tag für Tag in einer kalten Wohnung mit kaltem Wasser zu waschen, Kohle aus dem Keller zu holen, den Geruch von Öl in der kleinen Heizung, den Geschmack von echtem Camemberts, das vergisst man. Das wirklich Unschöne und das wirklich Schöne, das einem so ganz und gar unter die Haut gefahren ist, das verschwindet. Und schon ist man alt, und das sogenannte Gedächtnis besteht nur noch aus Zeitungsschnipseln und Fernsehbildern, die man für die eigenen Erinnerungen hält." (23)

Trotz seiner vermeintlichen Vergesslichkeit gelingt es dem Erzähler hervorragend die Stimmung, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit einzufangen. Man fühlt mit Kannengießer, der Morgenthaler 1968 verfolgt, um herauszufinden, ob er tatsächlich der Mörder der Prostituierten gewesen ist und vielleicht einen Hinweis auf die verschwundene Chantal, ebenfalls eine Prostituierte, zu erhalten.

Wird er die Wahrheit herausfinden und seine Chance nutzen? Oder bleiben die Morde ungesühnt? Ist Morgenthaler überhaupt der Mörder?

Bewertung

"Nachts fluten sie in Paris die Straßen. Der Unrat einer Nacht fließt dann hinab in die Katakomben der Kanalisation. Und mit ihr das weniger Schillernde, das Heimliche, das Böse. Vom Wasser weggeschwemmt." (143)

So wie das Wasser das Böse wegschwemmt, will Kannengießer mit seiner Lebensbeichte kurz vor seinem Tod das Böse vertreiben. Er will sich das, was er erlebt hat, von der Seele reden, um ihn Ruhe sterben zu können - so habe ich den Titel in Bezug auf den Roman interpretiert.

Ein beeindruckender Roman, der vordergründig einen Kriminalfall zu erzählen scheint, der jedoch das Psychogramm eines Mörders und seines Verfolgers zu zeichnen versucht, wobei vieles vage und damit der Fantasie der Leser*innen überlassen bleibt.

Sowohl die Geschichte selbst als auch die Erzähltechnik, das Springen zwischen den beiden Lebensphasen verbunden mit der Zuwendung zur "Beicht"ärztin und das Ringen um Erinnerung machen für mich den besonderen Reiz dieses Romans aus.

Klare Lese-Empfehlung!

Lieben Dank an den Louisoder-Verlag für das Rezensionsexemplar

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Frank Goldammer: Roter Rabe

- ein Fall für Max Heller.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Krimi ist bereits der vierte Fall des Oberkommissars Max Heller und spielt 1951 in Dresden. Obwohl ich die vorangegangenen Romane nicht gelesen habe, bin ich gut in die Handlung hinein gekommen.

Worum geht es?
Max Heller kehrt zu Beginn der Handlung von einem gemeinsamen Urlaub mit seiner Frau Karin und der Pflegetochter Anni von der Ostsee zurück. Während seine Frau die Erlaubnis hat, ihren erwachsenen Sohn Erwin in Köln zu besuchen, und sich auf die Reise in den Westen macht, wird Max mit zwei Selbstmorden in der Untersuchungshaft konfrontiert.

"Bei den Verhafteten handelt es sich um Mitglieder der Wachturmgesellschaft. Die Anklage lautet Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Spionage. Ihnen werden Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst nachgesagt. Es gibt konkrete Hinweise, vor allem aus sowjetischen Geheimdienstkreisen und vom MGB." (17/18)

Der zuständige Wachmann - Walter Rehm - wird verhaftet, Heller nimmt Ermittlungen auf. Allerdings wird er von seinem Vorgesetzten Niesbach gewarnt:

"Max, die Sowejts sind aufgebracht. Ein Mitarbeiter des MGB unterstellte mir wortwörtlich, wir hätten die beiden Verdächtigen umgebracht. Ich habe diesen Vorwurf mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen (...), doch gerade jetzt schlägt uns wieder großes Misstrauen entgegen. (...)
Max, gehen Sie mit aller Vorsicht an den Fall heran. Handeln Sie vollkommen transparent, geben Sie Informationen weiter, suchen Sie den Kontakt zum MfS." (26)

Der Fall entwickelt sich zu einem scheinbar undurchdringlichen Knäuel von Handlungsfäden, weitere Tote säumen Hellers Weg. Es scheint so, als ob alle, von denen er Informationen erhalten möchte und oder die er befragt, ermordet würden.
Zudem taucht ein Bekannter aus der Vergangenheit auf, Alexej Saizev, der für den russischen Geheimdienst arbeitet, aber ständig alkoholisiert wirkt. Welche Rolle spielt er in diesem Fall?
Und wer ist der ominöse Amerikaner, dessen Existenz in verschiedenen Kreisen ins Spiel gebracht wird? Ein Spion, oder ein Agent, der in den Westen überlaufen will? Wem kann Heller noch trauen? Während sein Mitarbeiter, Kommissar Werner Oldenbusch verlässlich zu sein sein, hat jener den jungen Unterkommissar Peter Salbach in Verdacht, Informationen weiterzugeben.
Am Ende lösen sich alle Fäden, allerdings hatte ich Mühe, sie immer beim Lesen präsent zu haben, obwohl ich den Roman ohne große Unterbrechungen gelesen habe.

Bewertung
Die Story ist insgesamt solide, wenn auch vielleicht etwas zu verworren, doch die Leistung des Romans besteht darin, die zeitgenössische Atmosphäre der Aufbaujahre in Dresden erlebbar zu machen.
In der Leserunde wurde einhellig die Meinung geäußert, der Roman spiegele die Beklommenheit und Ängste der damaligen Zeit sehr gut wider: Die Angst vor dem kalten Krieg, sogar vor einem Atomkrieg, die Angst davor, seine Meinung frei zu äußern und das Gefühl, niemandem vertrauen zu können.
Das Beispiel Werner Oldenbuschs, der zwei Tage befragt wird, weil seine Verlobte in den Westen "rübergemacht" hat, zeigt die Willkür des neuen Staates, denn Oldenbusch hat offenkundig nichts von den Plänen seiner Zukünftigen gewusst. Während sich die Anzeichen häufen, dass sich eine neue Diktatur anbahnt, ist der Glaube an den Kommunismus bei vielen Parteigenossen noch vorhanden, so glaubt Max Vorgesetzter fest daran, dass die Utopie verwirklicht werden könne - ein Trugschluss, wie wir heute wissen.

Lesenswertes Zeitdokument, das einen guten Einblick in die Anfänge der DDR gewährt.

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

- Schuld und Sühne.

Da ich vor ca. zwei Jahre von Haratischwilis Roman "Das achte Leben" trotz des immensen Umfangs (1280 Seiten!) begeistert war, wollte ich unbedingt auch ihren neuen Roman, der es auf die Short-List für den deutschen Buchpreis in diesem Jahr geschafft hat, lesen. Ich habe mich schließlich für das Hörbuch entschieden - trotz einiger negativer Kritiken, die in Blogger-Kreisen und der Presse kursieren. Glücklicherweise habe ich mir selbst ein Bild gemacht ;)

Worum geht es?
Alexander Orlow, "Der General" genannt, hat sich während des Tschetschenien-Krieges Mitte der 1990er, obwohl er nie in diesen Krieg wollte, wie der Rückblick aus der Sicht des jungen Malish (=Alexander Orlow) verrät, eines Kriegsverbrechen schuldig gemacht.
Eine junge Frau wird vergewaltigt und ermordet. Mit ihr beginnt der Roman, denn Nura lebt in einem Tal bei Grosny. Doch bevor sie das ihr vorbestimmte Leben in der Enge des Dorfes verlassen kann, hält der Krieg Einzug und setzt ihrem Leben brutal ein Ende.
Ein Fall, für das die Autorin ein reales Geschehen vor Augen hatte. (vgl. Rezension beim Deutschlandfunk)

Lange erfahren wir nichts über Nura und den jungen Alexander, sondern die Handlung springt in die Gegenwart, ins Jahr 2016 - zur Katze.
Katze ist eine junge Schauspielerin, Sesili, Georgierin, die in Berlin lebt. Sie gleicht der ermordeten Nura so sehr, dass der General sie engagieren möchte, um das zu Ende zu führen, was in der Mitte der 90er Jahre misslang - er will für Gerechtigkeit sorgen.
Mithilfe des Journalisten Onno Bender, der seit Jahren versucht, mehr über die Lebensgeschichte des Generals und vor allem über seinen märchenhaften Aufstieg nach dem Krieg herauszufinden, will Orlow sie überreden, ein Video zu drehen.
In diesem Video soll sie die tote Nura verkörpern. Alexander Orlows Plan ist es, die damaligen Verantwortlichen an dem Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Er selbst hatte sich nach dem Tod der jungen Frau angezeigt, doch das Verfahren wurde abgebrochen, nachdem der Rechtsanwalt, der die Familie Nuras vertrat, ermordet wurde. Daraufhin lässt sich Malish (Alexander) auf einen faulen Kompromiss ein. Inzwischen hat der General das Geld und die Macht, diejenigen, die damals beteiligt waren, zur Rechenschaft zu ziehen.

„Nun war er mächtig genug, brauchte keine Gerichte und keine Staatsanwälte, keine Richter und keine Zeugen mehr, er war jetzt sein eigenes Gericht. All das, was damals versäumt wurde, hatte er nun selbst in der Hand. Aus jetziger Sicht erschien es ihm nahezu kindlich naiv, dass er sich einmal an die Illusion von Gerechtigkeit geklammert hatte.“

Welche Rolle spielt Onno, der den Spitznamen "Die Krähe" hat, dabei? Onno war einst mit Orlows Tochter Ada liiert, die jedoch inzwischen tot ist. Selbstmord? Auch sie wollte die Wahrheit über das in Erfahrung bringen, was wirklich in Tschetschenien geschehen ist, wollte wissen, ob ihr Vater der Mörder Nuras ist.

Die Handlung springt zwischen den Zeitebenen und den Perspektiven der einzelnen Figuren: die Katze, der General, der junge Alexander (Malish), die Krähe und Nura. Aber auch Nebenfiguren werden sehr ausführlich vorgestellt, so dass die Kritik, die Geschichte ufere aus, berechtigt scheint.
Andererseits eröffnet der Einblick in verschiedene "Köpfe" mögliche Antworten auf die Frage, wie dieses furchtbare Verbrechen geschehen konnte. Die Frage, die die Autorin umtreibt ist: Wer kann eine solche Tat begehen, wie kann man mit der Schuld leben und kann es eine Form von Gerechtigkeit für Nura geben?

Bewertung
Haratischwili lässt sich Zeit beim Erzählen, die einzelnen Figuren haben Platz sich zu entfalten und gerade beim Hören ist mir am Anfang schwer gefallen, die losen Fäden zusammenzuspinnen. Doch nach einiger Zeit entwickelt sich ein Sog, so dass ich die fast 24 Stunden Hörzeit insgesamt als sehr kurz empfunden habe, wozu auch die hervorragenden Sprecher beigetragen haben.
Sehr eindringlich fand ich die Szenen aus Tschetschenien, die der junge Malish erzählt. Seine Wandlung zum General sowie Katzes Identifikation mit Nura sind psychologisch am schwierigsten nachzuvollziehen. Haratischwili bezieht zu dieser Kritik im Deutschlandfunk Stellung:

„Was mich eigentlich viel mehr interessiert hat, war erstmal: Was passiert, wenn man Menschen in rechtsfreie Räume schickt? Was ist da möglich? Was sind das für Mechanismen? Sind alle Menschen gleich? Kann jeder potenziell zu einem Mörder werden? Kann jeder all das tun, was sie da in Tschetschenien tun? Oder gibt es auch Ausnahmen?“ 

Die Antwort in ihrem Roman ist eindeutig. Krieg "entmenschlicht" und letztlich gibt es keine Gewinner, sondern nur Verlierer.

Lese- bzw. Hör-Empfehlung!

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Marion Bischoff: Heidelbeerfrau

Historischer Roman

"Heidelbeerfrau" ist die Fortsetzung von "Heidelbeerkind" und erzählt die Geschichte Elises, die in Clausen während des 2.Weltkrieges einen Deserteur - Julius- gesund gepflegt hat und sich in ihn verliebte, weiter. Julius musste, da sie verraten wurden, fliehen, so dass er nicht weiß, dass er Vater eines kleinen Jungen, Reinhard, ist.

Im Prolog erfahren wir, dass Julius auf der Flucht in französische Kriegsgefangenschaft geraten ist, in der er von einem Bauer misshandelt wird. Er traut sich nicht Elise von seinen Sorgen zu schreiben, so dass diese in Ungewissheit lebt, ob er noch am Leben ist.

Die Handlung, die aus der personalen Perspektive Elises erzählt wird, setzt am 20. August 1945 ein. Elise arbeitet inzwischen in Heimarbeit für einen Schuhfabrikanten in Pirmasens, dessen Fabrik zwar in Schutt und Asche liegt, der aber sein Material hatte retten können. Aus dem Leder, das sie von ihm erhält, nähen sie und ihre Mutter Schuhe. Gleichzeitig versorgt sie Ferdinands Hof samt dessen Kühe. Als ehemaliger Nationalsozialist, der sich hat blenden lassen, ist er auf der Flucht vor den französischen Machthabern. Von der Milch ernährt sie ihren kleinen Reinhard und stößt heimlich Butter, obwohl sie die gesamte Milch eigentlich abgeben müsste. Die Butter wiederum tauscht sie gegen zusätzliches Leder, die Schuhe dienen als Tauschmittel auf dem Schwarzmarkt.
Obwohl der Krieg zu Ende ist, geht es den Menschen in der Pfalz weiterhin schlecht.

"Mutter kam einfach nicht darüber hinweg, dass sie es nach wie vor kaum schafften, den Hunger der ganzen Familie zu stillen" (14),

zu der noch Elises kleiner Bruder Hans sowie der Großvater gehören. Hinzu kommen die Verleumdungen gegenüber der jungen Frau, die das uneheliche Kind eines Deserteurs groß zieht.

Auf Ferdinands Hof, der im Krieg einen Holzhandel betrieben hatte, findet Elise plötzlich einen Brief, in dem er sie auffordert, die Kühe zu verkaufen, damit er neue Papiere bekommt.
Wie soll sie dann ihren Sohn ernähren? Da scheint das Angebot des Schuhfabrikanten Weber verlockend, der Schuhe an die Franzosen liefern will und dafür jemanden braucht, der die Schuhe übergibt. Eine gefährliche Aufgabe, da dies verboten ist - allerdings könnte Elise neue Aufträge gut gebrauchen.

Ein weiteres Problem taucht in Gestalt ihrer ehemaligen Freundin Gerda auf, die Elise am Felsen bei den Heidelbeerbüschen völlig aufgelöst findet.

"Vor Elises innerem Auge tauchten verstörende Bilder auf, als Gerdas Vater zu ihnen nach Hause gekommen war und Elise hatte verhaften wollen. Weil sie einen Deserteur versteckte. [...] Unwillkürlich verkrampften sich ihre Muskeln, wenn sie daran dachte, dass dieser Nazi völlig unbehelligt geblieben war. Sogar als Bürgermeister tat er jetzt seinen Dienst." (40)

Dass überzeugte Nationalsozialisten auch nach dem Krieg Karriere gemacht haben, ist inzwischen hinreichend untersucht und belegt. Bischoff zeigt jedoch eindrucksvoll auf, wie auch im Kleinen die Einstellung bewahrt wird, der verlorene Krieg nicht automatisch zur Läuterung geführt hat. So äußert ein ehemaliger Frontsoldat, der früher für Ferdinand gearbeitet hat:

"Wir haben alle Dinge getan, die wir besser nicht getan hätten. Aber es war ja auch nicht alles schlecht" (198),

und verweist darauf, man habe sich ja gegen die Polen wehren müssen. Damit übernimmt er die Lügen des nationalsozialistischen Regimes und trägt sie auch nach dessen Untergang weiter.

Bischoff deckt diese Verdrängungsmechanismen auf und zeigt eindrücklich die desolaten Lebensbedingungen in Clausen nach dem Krieg, die Verdrängung dessen, was der Nationalsozialmus in Deutschland angerichtet hat und am Beispiel von Gerdas Vater auch, die mangelnde Aufarbeitung bzw. Bestrafung derer, die aktiv daran beteiligt waren.
Dass die Autorin für ihre Recherche mit vielen Zeitzeugen gesprochen hat, wie sie im Nachwort verrät, wird in der authentischen Schilderung des Alltags in der harten Nachkriegszeit deutlich. Darin liegt meines Erachtens die Stärke des Romans, wobei die sympathische Protagonistin als Identifikationsfigur und moralischer Kompass dient und viele Schicksalsschläge hinnehmen muss.

Wird sie ihren Julius wiedersehen und ihrer Freundin Gerda, die in einer ähnlichen Situation ist wie Elise im "Heidelbeerkind" helfen können?

Eine gelungene Fortsetzung, die die Alltags-Geschichte in den Vordergrund stellt und sie spannend, wenn auch sehr konventionell, erzählt.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Der Roman ist im Rhein-Mosel-Verlag erschienen und umfasst 234 Seiten.

Samstag, 18. August 2018

Hélène Gestern: Der Duft des Waldes

- Spurensuche in Briefen und Bildern.

Eine Lektorin des S.Fischer Verlages war so freundlich und hat mir ein Rezensionsexemplar dieses Romans angeboten und zukommen lassen. Was für ein Glück, denn er hat mich über eine Woche völlig in seinen Bann gezogen und mit Freude habe ich das, was die Protagonistin über die Geschehnisse der Vergangenheit Schritt für Schritt herausfindet, mitverfolgt.

Worum geht es?
Der Historikerin Elisabeth Bathori, deren große Liebe vor zwei Jahren unter tragischen Umständen gestorben ist und die immer noch mit der Rückkehr ins "normale" Leben kämpft, werden Briefe, Postkarten und Bilder eines französischen Frontsoldaten aus dem 1.Weltkrieg angeboten.

"Mir lag das Album eines poilu vor, eines Frontsoldaten, der während des Ersten Weltkriegs zweieinhalb Jahre lang Postkarten und selbstaufgenommene Fotos vom Alltag in den Schützengräben verschickt hatte. Außerdem hatte er fast jede Woche seiner Schwester geschrieben und dem berühmten postsymbolischen Dichter Anatole Massis, der offenbar sein bester Freund gewesen war. Der Fundus war von unschätzbarem historischem Wert" (11).

Der "Schatz" gehört Alix de Chandelar, 89 Jahre alt, und stammt von ihrem Onkel Alban de Willecot. Da sie nicht will, dass dieser ihrem "nutzlosen" Enkelsohn in die Hände fällt, hat sie entschieden, ihn Elisabeth anzuvertrauen, die für das Institut für Fotogeschichtsschreibung des 20.Jahrhunderts arbeitet.

Elisabeth erwirbt den historischen Schatz für das Institut und freundet sich in den wenigen Monaten, die bis zum Tod der alten Dame vergehen, mit ihr an, und erbt von ihr überraschenderweise deren Haus in Jaligny-sur-Besbre. In dem abgeschiedenen Haus, in dem "der Duft des Waldes" zu riechen ist, vertieft sie sich in die Briefe Willecots und findet durch die Arbeit einen Weg, ihre Trauer zu überwinden.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt, gerichtet an ein Du, an den verlorenen Geliebten der Protagonistin. Daneben stehen die Briefe Alban, einen Eindruck von der wachsenden Verzweiflung Albans an der Front und seine Erkenntnis, dass man seine Menschlichkeit verliert und der Krieg sinnlos erscheint. 1916 hat er die Hölle von Verdun erlebt.

"Und weißt Du, was das Schlimmste ist, Anatole? Man gewöhnt sich daran. Man gewöhnt sich an diese Routine, die daraus besteht, dem Tod entgegenzugehen oder den Tod zu bringen. Nach den ersten paar Tagen springen wir nun alle mit Geschrei aus unseren Löchern, als hätten wir ein Leben lang nichts anderes gemacht." (29)

Neben den Briefen hat Alban seinem seinem Freund Anatole Massis auch Bilder vom Alltag der Frontsoldaten schickt - anscheinend finden auch unentwickelte Filme trotz Zensur ihren Weg zum Dichter und werden von diesem heimlich entwickelt. Was zeigen sie? Und wo befinden sich diese Bilder? Welches Ziel verfolgen die beiden Freunde damit?
Als der Enkel Anatoles Kontakt mit Elisabeth aufnimmt, schöpft sie die Hoffnung auf die Antwort-Briefe des Dichters, die angeblich beim Brand des Wohnhauses von Blanche de Borges, der Schwester Alban de Willecots, in Othiermont verloren gegangen sein sollen. Statt dessen erhält sie eines der heimlich aufgenommenen Bilder, das neue Fragen aufwirft.

Neben der Ich-Perspektive und den Briefen bilden erzählte Passagen, die Elisabeths Hypothesen abbilden, was damals geschehen sein könnte, eine weitere Erzählebene, ebenso wie Dianas Tagebuch, die eine Freundin oder Geliebte (?) Albans gewesen ist.

In alten Briefen Alix´findet Elisabeth einen Hinweis, der sie zu Violeta Mahler nach Lissabon und die Leser*innen zu einem weiteren Handlungsstrang in den 2.Weltkrieg führt, der sehr komplex mit dem ersten verwoben ist.

Violetas Mutter Suzanne gelang mit ihrem Onkel Ari während der Besatzung Frankreichs die Flucht nach Lissabon, während ihre jüdische Mutter Tamara bis heute als verschollen gilt. Warum hat sie ihr einziges Kind im Stich gelassen? Auf der Suche nach Antworten stieß Suzanne auf den Namen Victor Ducreux, der Sohn Dianas.

Violeta besitzt das verschlüsselte Tagebuch Dianas, das sie Elisabeth überlässt und deren Inhalt immer neue Überraschungen bereit hält, so dass Elisabeths Hypothesen permanent revidiert werden müssen, bis am Ende die "Wahrheit" endlich ans Licht kommt.

Durch Violeta lernt die Historikerin deren Bruder Samuel kennen, in den sie sich verliebt - auch dessen Vergangenheit birgt ein Geheimnis, das enträtselt werden will.

Bewertung
Ein inhaltlich sehr komplexe Geschichte über Freundschaft und Liebe, Verrat und Betrug, über die Erinnerung und den Wunsch, die Wahrheit herauszufinden, und vor allem über die Grausamkeiten des Krieges. Über Gerechtigkeit, die einigen Soldaten posthum widerfährt und über dunkle Flecken, auch in der Militärgeschichte.

Die Figuren aus der Vergangenheit, die in den Briefen, im Tagebuch und auch in einzelnen Kapiteln erscheinen, wirken authentisch - nur der Dichter bleibt blass, aber auch das hat seinen Sinn, wie sich am Ende herausstellt. Gestern hat einerseits die weiblichen Figuren in den Vordergrund gestellt, die Historikerin mit ihrer Trauer und die jugendliche starke Diana, die in einer männerdominierten Welt keine Chance hat, ihre Träume auszuleben. Die heimlich ihr Abitur machen muss und deren mathematische Begabung sich nicht entfalten darf.
Andererseits liegt der Fokus auf dem 1.Weltkrieg, auf das, was Alban in den Schützengräben erlebt, was er fotografisch eigentlich nicht festhalten darf und wie er mit seinen Bilder das Gestellte entlarvt. Dass Gesterns Fachgebiet die Fotografiegeschichte ist, zeigt sich in ihren detailgetreuen und profunden Beschreibungen der Postkarten und Bilder.
Was mich fasziniert hat, sind die vielen Wendungen, die sich aufgrund neuer Funde und der akribische Quellenarbeit der Protagonistin ergeben, die eine neue Sichtweise eröffnen, eine andere Lesart ermöglichen. Damit verdeutlicht sie implizit und explizit an der Figur der unsympathischen "Wissenschaftlerin" Joyce Bennington, die Anatole und Alban ein homosexuelles Verhältnis unterstellt, wie gefährlich und unseriös es ist, voreilig Schlüsse zu ziehen, die sich nicht entsprechend belegen lassen.

Eine packende, wenn auch sehr komplexe Geschichte (daher die Figurenkonstellation ;)), die beim Lesen Aufmerksamkeit fordert, die berührt und betroffen macht.

Vielen Dank an den S.Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

Freitag, 27. Juli 2018

Erich Hackl: Am Seil

- eine Heldengeschichte.

Leserunde auf whatchareadin

Hackl erzählt die wahre Geschichte der Jüdin Lucia Heilmann, die von Reinhold Duschka in Wien während der Nazi-Herrschaft gemeinsam mit ihrer Mutter versteckt wurde.

"Er war der beste Freund ihres Vaters, zu einer Zeit, in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten, vor einer halben Ewigkeit also." (7)

Lucias Vater, Rudolf Kraus, und Reinhold lernen sich Mitte der 20er Jahre in Wien kennen, wie, darüber kann Hackl nur spekulieren, da Lucia es nicht weiß.
Duschka, der aus Berlin stammt, entdeckt während seiner Gesellenwanderung im Schwarzland seine Liebe zu den Bergen und wird zeitlebens ein begeisterter Kletterer und Skifahrer sein. Rudolf führt ihn in Wien in eine Gruppe um Regina Steinig, Lucias Mutter, ein:

"Regina bildete das Gravitationszentrum der Gruppe, wegen ihres geselligen Naturells und weil sie die Gabe besaß, das Vertrauen wildfremder Menschen im Handumdrehen zu gewinnen und diese miteinander anzufreunden." (10)

Reinhold, der an der Wiener Kunstgewerbeschule studiert und aus Metallblechen Kunstgegenstände fertigt, ist stilles Mitglied in der kommunistisch, pazifistischen Gruppe.

Am 25.7.1929 wird Lucia geboren, ihre Eltern Regina und Rudolf sind freundschaftlich verbunden, so dass Lucia in der Obhut ihres Großvaters aufwächst, während Regina im Labor des Lainzer Krankenhaus arbeitet. Aber das Mädchen hat auch regelmäßig Kontakt zu ihrem Vater, der 1936 sein Mathematikstudium mit dem Doktorat beendet.

"Lucias knappe Erinnerung, daß sie bei der Promotionsfeier dabei war. (...) Zweite und wesentlich schärfere Erinnerung, an die Puppe Susi, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte" (15).

Hackl beschreibt, wie sich die Lebensumstände der Jüdin Lucia, deren Mutter mit dem jüngeren Fritz Hildebrandt zusammenzieht, kontinuierlich verschlechtern. Im November 1941, als Fritz schon Soldat in der deutschen Wehrmacht und Rudolf als Gefangener in Australien ist, entkommen Regina und Lucia per Zufall knapp einer Deportation.

 "Längst hat sich herumgesprochen, daß Judenhäuser geräumt, ihre Bewohner auf Lastwagen weggeschafft werden. Wohin, dorthin, von wo niemand zurückkommt." (25)

Ihre einzige Anlaufstelle in Wien ist der Werkstättenhof, in dem Reinhold eine Werkstatt angemietet hat. Dort überleben beide dank seines Wagemutes und seiner Zivilcourage den Krieg - sie bilden eine Seilschaft, wie beim Klettern. So erkläre ich mir den Titel des Romans.

Dadurch, dass er die beiden nicht nur in seiner Werkstatt versteckt, sondern sie auch arbeiten lässt, überstehen sie die lange Zeit. Lucia fertigt Kunstgegenstände aus Metallblechen und überbrückt so die lange Zeit des Wartens.

"Er hat es mir immer wieder wieder gezeigt. Liebevoll, er hat nie geschimpft, nie die Geduld verloren." (37)

Hackl schildert auch die Zeit nach dem Krieg, in der Duschka über seine Taten schweigt und Lucia sich bemüht, ihn für seine selbstlose Tat zu ehren.

Bewertung
Erich Hackl erzählt in nüchtern-sachlichem Ton von der Heldentat Reinhold Duschkas. Er stützt sich auf die bruchstückhaften Erinnerungen der jungen Lucia, lässt sie aber auch direkt zu Wort kommen, so dass allmählich ein Bild des schweigsamen, verlässlichen und freundlichen Duschkas entsteht. Dadurch, dass er die Zeit im Versteck aus ihrer Perspektive beschreibt, gibt er im Wesentlichen ihre Beobachtungen wieder und verdeutlicht, dass die Grundlage des Textes ein Gespräch zwischen Erzähler und Lucia darstellt. Explizit verweist er auf Erinnerungslücken und Spekulationen.

"Ausgedacht also, vorgestellt, auf jeden Fall unverbürgt, nur nicht das gute Ende (...)" (69)

Im Nachhinein stellen sich einige Beobachtungen und Schlüsse Lucias auch als falsch heraus, wie das Schicksal ihrer besten Freundin belegt.
Hackl spannt den Bogen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, indem er Lucias Bemühen, Reinhold für seine Tat auszuzeichnen ebenso dokumentiert, wie ihren Versuch mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, die ihn gekannt haben.
Ein lesenswerter Roman, der die Zivilcourage eines Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, der in unmenschlichen Zeiten Menschlichkeit gelebt hat. Ein Vorbild,  gerade in der heutigen Zeit.

"Reinhold (war) wie geschaffen dafür, intelligenten Widerstand zu leisten. Das lag zum einen daran, daß er es als Bergsteiger gewohnt war, auf andere angewiesen und für sie verantwortlich zu sein, zweitens an persönlichen Eigenschaften, die dazu beitrugen, das Risiko möglichst gering zu halten: Selbstdisziplin, Verschwiegenheit, Einzelgängertum, Menschenkenntnis." (110)

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sonntag, 15. Juli 2018

Mary Ann Shaffer/ Annie Barrows: Deine Juliet

- eine Hommage an das Lesen.

Diesen Roman hat meine Buchhändlerin im Rahmen einer Challenge auf Facebook gepostet, in der man sieben Tage hintereinander das Cover seiner Lieblingsbücher vorstellen sollte. Es war ihr erster Beitrag und hat mich daran erinnert, dass ich diesen Briefroman schon lange gelesen haben wollte ;)

Die Autorin, selbst Buchhändlerin und Bibliothekarin, starb leider kurz vor Veröffentlichung des Romans. Ihre Nichte Annie Barrows half ihr bei der Fertigstellung dieses wunderschönen Romans, der im Jahr 1946 in England und auf Guernsey (Kanalinseln) spielt.

Im Mittelpunkt steht die junge Autorin Juliet Ashton, die während des Krieges unter dem Pseudonym Izzy Bickerstaff Kolumnen im Spectator veröffentlicht hat, die zu Beginn der Handlung sehr erfolgreich im Verlag Stephens&Stark unter dem Titel Izzy Bickerstaff zieht in den Krieg erschienen sind.

Inhaber des Verlags ist ihr Freund Stephan, mit dessen jüngerer Schwester Sophie Juliet seit ihrer Zeit im Internat - sie ist eine Waise, die früh ihre Eltern verloren hat - befreundet ist.

Die Handlung wird vollständig in Briefen von Juliet und Briefen an Juliet erzählt. Aus den Briefen spricht eine sympathische, leidenschaftliche junge Frau, die ihren ersten Verlobten kurz vor der Heirat "verworfen" hat, weil er aus ihrer zukünftigen neuen Wohnung all ihre Bücher verbannen wollte.
Ein besonderer Brief gibt Juliets Leben eine neue Richtung, in dem Moment, da sie auf einer Lesereise verzweifelt ein Thema für ein neues Buch sucht.
Sie erhält diesen von Dawsey Adams, der auf Guernsey lebt und eines ihrer alten Bücher antiquarisch erstanden hat: "Ausgewählte Essys von Elia von Charles Lamb". Da er von diesem Autor begeistert sei, weil er ihn während der deutschen Besatzungszeit zum Lachen gebracht habe, bittet er Juliet ihm eine Adresse einer Buchhandlung in London zu schicken, um weitere Werke des Autors erwerben zu können. In seinem Brief erwähnt er den "Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf, [der] wegen eines gebratenen Schweins ins Leben gerufen" (14) wurde.

Dieser ungewöhnliche Literaturclub weckt Juliets Neugier, so dass sie einen Briefverkehr mit dessen Gründungsmitgliedern auf Guernsey beginnt:

  • Amelia Maugery, eine gebildete, ältere Dame
  • Dawsey Adams, ein 40-jähriger, stiller Mann, der einen Bauernhof betreibt und als Handwerker arbeitet
  • John Booker, ein Jude, der sich während der Besatzungzeit als ein anderer ausgegeben hat,
  • Isola Pribby, eine "Kräuterhexe", die die Bronte-Schwestern liebt
  • Eben Ramsey, ein älterer Herr, dessen verstorbene Tochter mit Elisabeth befreundet war und dessen Enkel die Besatzungszeit in England verbracht hat,
  • Will Thisbee, ein Lumpensammler, der sich für Religion interessiert
Dazu gehörte auch Elizabeth McKenna, auf deren Idee alles zurückgeht und die gleichsam im Mittelpunkt der Geschehnisse steht, jedoch nicht mehr auf Guernsey ist, während sich die Mitglieder des Literaturclubs um ihre vierjährige Tochter Kit kümmern. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter?

Juliet erfährt in den Briefen die Erlebnisse der Bewohner während der Zeit der deutschen Besatzung Guernseys, das fünf Jahre von der Außenwelt abgeschnitten war. Die einzelnen Geschichten wecken ihr Interesse und eine neue Buchidee nimmt Gestalt an, die Juliet schließlich selbst nach Guernsey führt, obwohl gerade ein amerikanischer Verleger in ihr Leben getreten ist, der ihr Herz erorbern will.

Ob er gegen den Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf ankommt?

Bewertung
Die Geschichte Guernseys während des 2.Weltkrieges, die Ereignisse um Juliet und ihre Korrespondenz mit den Bewohner der Insel sowie Juliets Aufenthalt auf Guernsey bilden den Kern dieses Briefromans, der gleichzeitig aber auch "eine Verbeugung vor der Literatur" (Buchrücken), dem Lesen selbst und vor den Buchhändler*innen ist.

"Das ist es, was ich am Lesen so liebe; an einem Buch interessiert eine winzige Kleinigkeit, und diese Kleinigkeit führt zu einem anderen Buch, und etwas in diesem führt wiederum zu einem dritten Buch. Es ist geometrisch progressiv - es ist kein Ende in Sicht und es hat keinen anderen Zweck als das pure Vergnügen." (16)

"Buchhändler sind wirklich ein eigener Menschenschlag. Niemand, der alle fünf Sinne beisammen hat, würde des Gehalts wegen in einer Buchhandlung arbeiten oder sich wünschen, eine zu besitzen  die Gewinnspanne ist zu gering. Es muss die Liebe zu den Lesern und zum Lesen sein, die sie dazu treibt - und die Möglichkeit, die neuen Bücher als Erste in die Hände zu bekommen." (20)

Dadurch, dass viele der Geschichte, die Juliet sammelt, von der Besatzungszeit handeln, ist der Briefroman gleichzeitig ein Roman gegen das Vergessen, der kein Schwarz-Weiß-Bild zeichnet. Auf der einen Seite haben Bürger*innen Guernseys kollaboriert, während sich die deutschen Soldaten teilweise anständig verhalten haben, zum Beispiel als die Bewohner Lebensmittel aus England erhielten:

"Ehre, wem Ehre gebührt. Sie haben all die Kartons für uns ausgeladen und sich keinen einzigen genommen." (160)

Die Geschichte Elisabeths hingegen zeigt die ganze Grausamkeit des Terror-Regimes, das die Nationalsozialisten errichtet haben. Ihr Schicksal beeinflusst Juliet so, dass ihre eigene (Liebes-) Geschichte eine neue Wendung erfährt.

Ein wunderschöner Roman, den ich ab jetzt auch als eines meiner Lieblingsbücher posten werde ;)



Samstag, 16. Juni 2018

Michael Chabon: Moonglow

- Memoiren des Großvaters...

Kleine Leserunde auf whatchareadin

Diesen Roman hat mir meine Buchhändlerin aus der Bücherhütte empfohlen und da sie meinen Geschmack inzwischen sehr gut kennt, habe ich zugegriffen und mich auf diese ungewöhnliche Geschichte eingelassen. Da Anne Parden im Rahmen einer Leserunde auf whatchaReadin, Thema USA, Interesse an dem Roman gezeigt hat, haben wir beschlossen ihn gemeinsam zu lesen.

Vor dem Beginn der Handlung merkt der Autor an, dass er sich beim Schreiben der Memoiren seines Großvaters an die Fakten gehalten hat, es sei denn, "sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe beugen." (11) In dem Fall hat er sie "mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit" (11) verändert.

Diese Bemerkung macht neugierig, was erwartet uns beim Erzählen der Lebensgeschichte seines Großvaters?

Der Ich-Erzähler, der Autor selbst oder eher die Person, die uns der Autor als sein "Ich" präsentiert, erzählt die Geschichte nicht chronologisch, obwohl sein Großvater ihn darum gebeten hat:

"Auf jeden Fall ist es eine ziemlich gute Story", sagte ich. "Das musst du zugeben." "Ja?" Er zerknüllte das Kleenex, nachdem er die Träne weggetupft hatte. "Kannst du haben. Schenke ich dir. Wenn ich nicht mehr da bin, schreib sie auf. Erkläre alles. Sorg dafür, dass sie etwas bedeutet. Bau deine ganzen ausgefallenen Metaphern ein. Bring alles in die richtige zeitliche Reihenfolge, nicht dieses Durcheinander, das ich dir erzähle." (284)

So startet die Handlung konsequenterweise nicht mit der Geburt des Großvaters, sondern mit dem 25.Mai 1957. An dem Tag unternimmt er einen tätlichen Angriff auf seinen Chef, den Inhaber von Feathercombs Inc., weil er entlassen werden soll. Eine unbändige Wut ergreift ihn, die niemand dem ansonsten sehr ruhigen Mann zugetraut hätte. Ein furioser und sehr komischer Beginn.

Der Ich-Erzähler berichtet im Anschluss, wie er zu den Erinnerungen seines Großvaters gelangt ist, der an seinem Lebensende im November 1989 aufgrund seiner Knochenkrebs-Erkrankung ein starkes Hydromorphon erhält, das ihn offenkundig gesprächig macht:

"Aus ihm sprudelte nur so eine Bilanz seiner Missgriffe, seines fragwürdigen Glücks, seiner Leistungen und Pleiten durch schlechtes Timing und versagende Nerven. Schon seit fast zwei Wochen lag er im Gästezimmer meiner Mutter, und als ich endlich in Oakland eintraf, bekam er annähernd zwanzig Milligramm am Tag. Er begann quasi in dem Moment zu reden, als ich mich auf den Stuhl neben seinem Bett setzte." (18)

Seine Kindheit hat er gemeinsam mit seinen Eltern und seinem Bruder Reynard - Onkel Ray - in South Philadelphia verbracht, das "damals voller Moonblatts und Newmans, jenen Cousins und Cousinen [war], die später die Hochzeiten und Beerdigungen meiner Kindheit und die meiner Mutter bevölkern sollten. Ihre Wohnungen dienten meinem Großvater als Zwischenstation." (21)

Er war ein wildes Kind, das die ihm gesetzten Grenzen ständig unterlief und tat, was es wollte.

Im folgenden Kapitel erinnert sich der Ich-Erzähler an seine eigene Kindheit, daran, wie er seine Großeltern, die in der Bronx lebten, besucht hat. Sein Großvater ist Ende der 60er Jahre mit seiner Firma, die maßstabsgetreue Modelle für die Raumfahrt herstellt, sehr erfolgreich - die Begeisterung für den Mond - "Moonglow" - für Raketen und die Raumfahrt sind eines der Schlüsselmotive des Romans. Bis an sein Lebensende baut der Großvater an einem Modell einer Mondstation, zu der er seine Familie bringen möchte, um sie zu beschützen.

Die Großmutter des Ich-Erzählers erscheint liebevoll, aber manchmal auch beängstigend, wenn sie mithilfe ihrer französischen Wahrsagekarten für Hexen eine Geschichte erfindet. Zudem wird sie von Depressionen heimgesucht und hat eine Tätowierung auf dem linken Unterarm...

"Sie war ein Gefäß, gebaut, um den Schmerz ihrer Vergangenheit zu tragen, doch das Gefäß hatte einen Riss, und durch den sickerte strahlende Dunkelheit heraus." (120)

Sie stammt aus Frankreich, wo sie sich als Jüdin im besetzten Frankreich mit ihrem Kind, der Mutter des Ich-Erzählers, in einem Kloster versteckt musste, da ihre Familie - bekannte jüdische Pferde- und Fellhändler - sie verstoßen hatten. Ihr Mann, ein Katholik, wurde ermordet, ihre Familie in Auschwitz vergast. Nach dem Krieg emigriert sie in die USA, wo sie den Großvater im Jahr kennengelernt hat, der somit nicht der leibliche Großvater des Ich-Erzählers ist.

Verschiedene Erzähllinien kristallisieren sich im ersten Teil heraus, die dann mit Zeitsprüngen weitergeführt werden. Gleichzeitig werden Fragen aufgeworfen, die erst in den letzten Kapiteln eine Antwort finden.

Die Rahmenhandlung bildet einerseits das Gespräch des Ich-Erzählers mit dem Großvater 1989, während dieser im Sterben liegt, sowie mehrere Gespräche mit der Mutter in dieser Zeit.
Eine weitere Zeitebene, die nur wenige Episoden umfasst, spielt Anfang des neuen Jahrtausend, wenn sich der Ich-Erzähler entscheidet, aus der Story seines Großvaters einen Roman zu schreiben und weitere Recherchen anstellt.

Eine Erzähllinie führt vom Anschlag auf seinen Chef im Jahr 1957 hin zum Gefängnisaufenthalt und den Folgen, die sich daraus für ihn und seine Familie ergeben.

Seine Militärzeit, die mit der Verpflichtung am 8.12.1941 startet, und seine Rolle beim amerikanischen Geheimdienst führt ihn 1944 nach Deutschland, wo er mit Wernher von Braun und dessen Rolle bei den Nationalsozialisten in Berührung kommt. In dem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie seine Bewunderung für den Erfinder der V2 in Hass umschlagen konnte, der so stark ist, dass er keine Modelle der Raketen gebaut hat, die von Braun in den USA mit entwickelt hat.

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg lernt er im Februar 1947 die Großmutter kennen. Diese Erzähllinie schildert ihre ersten Treffen, ihre Karriere als Vorleserin gruseliger Geschichten im Fernsehen von 1948-52 bis zu ihrem ersten Ausraster, in der ein gehäutetes Pferd, das ihr regelmäßig erscheint, eine wichtige Rolle spielt - ein zweites Schlüsselmotiv des Romans.
Gleichzeitig fällt in diese Phase der berufliche Niedergang des Großvaters, der mit jenem Wutausbruch im Jahr 1957 seinen Höhepunkt findet.
Erst nach dem Gefängnisaufenthalt macht er sich einen Namen als Modellbauer für Raketen und Raumfähren.

Ein Teil der Handlung spielt in Florida, ebenfalls 1989, wo der Großvater seit Mitte der 70er - nach dem Tod der Großmutter - in einer Wohnanlage für ältere Menschen lebt, während er Modelle für private Sammler und die NASA baut. Dort lernt er Sally Sichel kennen. Beim Versuch ihren entlaufenen Kater vor einer Schlange zu retten, entspinnt sich ein neuer Faden.

Zusammen ergeben sie die Lebensgeschichte eines ruhigen Mannes, der Wut in sich trägt, aber auch den Wunsch, diejenigen, die ihm am Herzen liegen, zu beschützen.

Bewertung
Zu Beginn hatte ich einige Probleme in die Geschichte hinein zu kommen, da die Episoden mit ihren Zeitsprüngen mich verwirrten. Erst im Verlauf kristallisierten sich für mich die verschiedenen Handlungslinien heraus und allmählich setzten sich das spannende und interessante Leben des Großvaters einerseits und das der Großmutter andererseits wie ein Puzzle zu einem Ganzen zusammen. Die letzten Hundert Seiten halten dann einige Überraschungen bereit, vor allem das Nachwort wirft ein neues Licht auf den ganzen Roman ;)

Am interessantesten  waren für mich die Episoden, die sich mit Wernher von Braun, dem Erfinder der V2-Rakete, beschäftigt haben. Der Autor hat gründlich recherchiert und die Lebenslüge des SS-Sturmbannführers geschickt mit der Geschichte des Großvaters verknüpft. Unglaublich, dass von Braun, der als Leiter der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, KZ-Insassen unter menschenunwürdigen Bedingungen hat arbeiten lassen und damit in den Häftlingseinsatz verwickelt war, in den USA bei der NASA hat Karriere machen können und mit zahlreichen internationalen Ehren überhäuft wurde. Erst in den vergangenen Jahren fand eine intensive Auseinandersetzung mit seiner Rolle im Nationalsozialismus statt. Insofern liefert dieser Roman auch einen Beitrag gegen das Vergessen - auch was die Geschichte der Großmutter betrifft.

Daneben überzeugt er durch seinen Humor und die kurzweiligen Episoden aus dem Leben des Großvaters, die mich oft zum Lachen gebracht haben. Man muss sich nur auf das Chaos zu Beginn einstellen, dann liest sich der Rest von allein.