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Dienstag, 5. Februar 2019

Robert Seethaler: Der Trafikant

- politische Bildung und sexuelle Erlösung

Lesekreis

"An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte." (7)

Mit dieser  Feststellung beginnt "Der Trafikant": Der 17-jährige Franz muss aus finanziellen Gründen vom beschaulichen Attersee im Salzkammergut in die Hauptstadt Wien ziehen. Ein Freund der alleinerziehenden Mutter Franz - Otto Trsnjek - ist ihr noch einen Gefallen schuldig, so dass Franz in seiner Trafik, ein Geschäft, in dem Zeitungen, Zeitschriften und Zigaretten verkauft werden, als Lehrling anfangen kann.


Die Ankunft in der Großstadt ist überwältigend für den Bub vom Land:
"Die Stadt brodelte wie der Gemüsetopf auf Mutters Herd. Alles war in ununterbrochener Bewegung, selbst die Mauern und die Straßen schienen zu leben, atmeten, wölbten sich. Es war, als könnte man das Ächzen der Pflastersteine und das Knirschen der Ziegel hören. (...) Dazu das Licht. Überall ein Flimmern, Glänzen, Blitzen und Leuchten..." (20)

Seethaler beschreibt das Gewimmel auf den Straßen sprachlich so detailliert, dass man glaubt, den Lärm und die Stimmen zu hören, das Licht und die vielen Menschen zu sehen.

Als Trafikant, so lernt Franz, kommt es nur auf eines an:

"Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein." (25)

Otto Trsnjek sorgt für Franz politische Bildung, wobei er dem erstarkenden Nationalsozialismus deutlich entgegentritt. Als Kriegsinvalide hat er diese Trafik zugesprochen bekommen und sich in seinem Wiener Bezirk etabliert. Bei ihm kaufen alle ein, Kommerzialräte, Doktorenwitwen, Rentner, Hausfrauen, Arbeiter und Professor Sigmund Freud, dessen Ruf

"mittlerweile nicht nur an die entlegensten Flecken der Erde, sondern sogar bis ins Salzkammergut gelangt [war] und dort die meist eher dumpfen Fantasien der Einheimischen angeregt [hatte]" (38).

Als dieser seinen Hut in der Trafik vergisst, sprintet Franz ihm hinterher und fragt ihn unbekümmert  aus. Freud rät ihm, seine Zeit nicht mit dem Lesen seiner Bücher zu verbringen, sondern sich ein Mädchen zu suchen und fordert ihn auf, das zu tun, was Franz schon lange will: seine sexuellen Triebe auszuleben.

Politische Entwicklung durch den Mentor Trsnjek und das Entdecken der Sexualität verändern Franz. Er wird erwachsen in einer Zeit, in der in Österreich ein politischer Umbruch stattfindet.

"Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass es diesen Buben nicht mehr gab. Weg war der. Abgetrudelt und untergegangen, irgendwo im Strom der Zeit. Wobei das alles ja schon recht schnell gegangen war, dachte er, vielleicht sogar insgesamt ein bisschen zu schnell." (236)

Die schnelle Entwicklung Franz - die erzählte Zeit umfasst knapp ein Jahr (Spätsommer 1937- Sommer 1938), mit einem Zeitsprung ins Jahr 1945 - war einer der Diskussionspunkte im Lesekreis. Kann man so schnell erwachsen werden? Die Diskrepanz zwischen der Äußerung von Lebensweisheiten, wenn er beispielsweise Freuds Couchmethode "analysiert" und den naiven Betrachtungen des 17-Jährigen lassen vermuten, dass Seethaler das ein oder andere Mal durch seinen Protagonisten spricht. Auf der anderen Seite muss Franz sich weiterentwickeln, denn die bevorstehende Annexion an Hitler-Deutschland betrifft auch sein Leben: Trsnjek verkauft seine Zeitungen und Zigarren an Juden und wird Opfer antisemitischer Anfeindungen, genau wie Freud, der seine Ausreise bisher hinausgeschoben hat.

"Freud zuckte mit den Schultern. Natürlich wusste er es. Er war alt. Er war krank. Er war Jude. Und in den Straßen trieb sich viel zu viel Gesindel herum. Doch vor Geschehnissen zu kapitulieren, die noch nicht einmal begonnen hatten, kam nicht in Frage." (124)

Franz sieht sich mit der Gestapo konfrontiert und beweist einen Mut, den man dem unbedarften Bub aus dem beschaulichen Nußdorf nicht zugetraut hätte. Ist diese Entwicklung stimmig?

Seine sexuelle Erweckung wirkt glaubwürdiger: Er verliebt sich in eine junge böhmischen Frau, die ihn jedoch mehrmals verlässt. Rat sucht er beim Professor, so entsteht eine kurze, ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden, die sein Handeln maßgeblich beeinflusst, wie das Aufschreiben seiner Träume, die seine sexuellen Wünsche, aber auch die Zeitgeschichte widerspiegeln und in ihrer Doppeldeutigkeit wie Vorausdeutungen erscheinen:

Im Prater geht ein Mädchen, es steigt ins Riesenrad,
überall blitzen Hakenkreuze, das Mädchen steigt immer
höher, plötzlich brechen die Wurzeln, und das Riesenrad
rollt über die Stadt und walzt alles nieder, das Mädchen
juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein
Wolkenfetzen. (180)

Mag man Franz "Tat" am Ende auch für unglaubwürdig halten, Seethaler stellt sich mit seinem Protagonisten gegen eine Haltung, die mehrfach im Roman thematisiert wird.

"Denn abwarten war ja bekanntlich sowieso immer die beste und vielleicht sogar die einzige Möglichkeit, die verschiedenen Schwierigkeiten der Zeit unbeschadet an sich vorbeiströmen zu lassen." (165)

Abwarten, nicht hinsehen, verdrängen - in vielen Textpassagen erscheinen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit schon alltäglich, das Zerstören jüdischer Geschäfte, die Deportationen oder die Folterung im Keller der Gestapo. Franz setzt dagegen ein Zeichen, das zugegebenermaßen etwas zu plakativ wirkt, aber deutlich ist.

Wir waren uns alle einig, dass "Der Trafikant" (erstens) ein toller Roman ist und (zweitens) eine hervorragende Schullektüre abgeben würde, wegen der jungen Identifikationsfigur Franz, seiner Entwicklung, der klaren Botschaft des Romans und seiner Sprache und Metaphorik, der unterschiedlichen Erzählperspektiven sowie dem Humor Seethalers, der in dieser Rezension etwas zu kurz gekommen ist ;)

"Jetzt verschreib ich dir ein Rezept", antwortete Freud, "respektive sogar drei Rezepte. (...)
Erstes Rezept (gegen dein Kopfweh): Hör auf, über die Liebe nachzudenken. Zweites Rezept (gegen dein Bauchweh und die wirren Träume): Leg dir Papier und Feder neben das Bett und schreib sofort nach dem Aufwachen alle Träume auf. Drittes Rezept (gegen dein Herzweh): Hol dir das Mädchen wieder - oder vergiss sie!" (78)

Mein Rezept: Den Roman lesen ;)

Mittwoch, 22. August 2018

Carol Rifka Brunt: Sag den Wölfen, ich bin zuhause

- ein Plädoyer für Toleranz.

Kurzrezension
Die 14-jährige June Albus, aus deren Ich-Perspektive die Geschichte erzählt wird, hat ein besonderes Verhältnis zu ihrem Onkel Finn, ihrem Paten und einem Künstler, der in New York lebt, jedoch keine Bilder mehr veröffentlicht.
Da Finn an Aids erkrankt ist, möchte er ein letztes Porträt von June und ihrer 16-jährigen Schwester Greta malen. Die Geschwister, die einst beste Freundinnen waren, haben sich auseinander gelebt. Während Greta eine Art "Superstar" ist, da sie eine Klasse übersprungen hat, in einem Musical die Hauptrolle singt, hübsch, intelligent und beliebt ist, fühlt sich June ihr unterlegen. Sie streift nach der Schule am liebsten im Wald herum, in einem mittelalterlichen Aufzug und hört den "Wölfen" zu. Sie ist eine Träumerin, die sich in eine Fantasiewelt flüchtet und am liebsten Zeit mit ihrem Onkel verbringt.


Als dieser stirbt, vermacht er ihnen das Porträt "Sag den Wölfen, ich bin zuhause" und lässt June todtraurig zurück. Auf der Beerdigung taucht ein junger Mann auf, über den Junes Mutter sagt, er habe Finn getötet.

Toby bemüht sich Kontakt zu June aufzunehmen, da er Finn genau so geliebt habe wie sie. Zunächst weigert sich June, ihn zu treffen, doch dann wagt sie den Schritt, den Menschen kennen zu lernen, den Finn geliebt hat und es entwickelt sich eine besondere Freundschaft zwischen den beiden.
Neben dieser Beziehung steht auch die der beiden Schwestern im Mittelpunkt, die von Eifersucht, aber auch von Sehnsucht zueinander geprägt ist.

Bewertung

Die Geschichte spielt in den 80er Jahren, als die Krankheit Aids gerade erst ins Bewusstsein rückte und viele dachten, es sei die gerechte Strafe für Homosexualität. Diesem Gedanken tritt der Roman entschieden entgegen, indem die Liebe zwischen Finn und Toby sehr sensibel geschildert wird und es keinen Unterschied macht, ob man hetero- oder homosexuell "liebt".
June sieht in Toby konsequenterweise einen Konkurrenten, einen jungen Mann, der ihren Onkel ebenso sehr geliebt hat wie sie selbst.
Die sympathische Identifikationsfigur sensibilisiert Jugendliche für das Thema Aids, gleichzeitig geht es um erste Liebe, Eifersucht und Konkurrenz unter Geschwistern. Gretas Kratzbürstigkeit gegenüber June resultiert letztlich daraus, dass sie sich in der besonderen Beziehung zwischen June und Finn ausgeschlossen fühlt. Das Porträt als Chance sie zusammenzuführen?
Finn hat seine eigene Beziehung zu seiner Schwester, Junes Mutter vor Augen, die an seiner Homosexualität und seinem Drang nach Freiheit gescheitert ist. Hat sie deswegen so große Erwartungen an Greta? Soll diese ihre ungelebten Chancen verwirklichen?
Ein Jugendroman, in dem es ums Erwachsenwerden geht, darum seinen Weg im Leben zu finden und eigene Entscheidungen zu treffen, mit dem für Jugendliche typischen Pathos und ihrer Absolutheit - das Differenzieren muss noch warten ;)

Ein schönes Hörbuch für zwischendurch, das mir auch als Erwachsenen gut gefallen hat - vielleicht auch, weil meine Tochter das Alter der Protagonistin hat ;)

Hörbuch, 13 Stunden und 17 Minuten
Sprecherin: Jodie Ahlborn

Freitag, 26. Januar 2018

Markus Zusak: Der Joker

- und die Botschaften.

Lesen mit Mira

Seit über einem Jahr lesen Mira und ich jetzt schon jeweils am Monatsende einen Roman gemeinsam, gerne auch einen Jugendroman. Da wir beide "Die Bücherdiebin" kennen, liegt es nahe, auch diesen zu lesen, für den Zusak im Jahr 2007 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat.

Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht Ed Kennedy, aus dessen Ich-Perspektive die Handlung erzählt wird und der sich selbst den Leser/innen vorstellt:

"Mein Name lautet Ed Kennedy. Ich bin neunzehn Jahre alt. Eigentlich zu jung, um als Taxifahrer zu arbeiten. Ich bin ein typisches Beispiel für viele der jungen Männer, denen man in diesem provinziellen Außenposten der Großstadt begegnet - man hat hier einfach kaum Perspektiven oder Möglichkeiten." (S.12)

Eds Vater, ein stiller Alkoholiker, ist vor kurzem gestorben, seine Mutter verhält sich ihm gegenüber lieblos und distanziert, während seine drei Geschwister alle die Stadt verlassen haben.
Neben dem Taxifahren verbringt er die Abende mit seinen Freunden Marv, der eine Schrottkarre fährt und unglaublich geizig ist, und Richie, der von der Sozialhilfe lebt und keine Lust auf gar nichts zu haben scheint. Mit von der Partie ist auch die hübsche Audrey, die ebenfalls Taxi fährt und in die Ed verliebt ist.
Allerdings kommt Audrey, genau wie Ed aus schwierigen familiären Verhältnissen und will sich nicht auf eine echte Liebesbeziehung einlassen, obwohl sie ihn offenkundig ebenfalls liebt.
Beide leben jeweils allein ein einer "Hütte" (S.25) - Eds Mitbewohner ist der stinkende Hund "Türsteher", der jeden freudig begrüßt ;) und mit dem Ed die schönsten Gespräche führt.

Zu Beginn gerät Ed in einen Banküberfall, der offenkundig von einem Amateur durchgeführt wird, so dass es Ed gelingt, ihn an der Flucht zu hindern. Er wird kurzfristig zum lokalen Helden, während der Bankräuber, der ins Gefängnis muss, ihn bedroht:

"Du bist ein toter Mann. Wart´s nur ab (...). Denk dran, was ich dir gesagt habe. Denk jeden Tag daran, wenn du in den Spiegel schaust." (S.52)

Zeitgleich findet Ed eine Spielkarte in seinem Briefkasten - das Karo-Ass, auf dem drei Adressen und eine Uhrzeit stehen. Schnell wird Ed klar, dass er dorthin gehen muss. Gleich bei der ersten Adresse erwartet ihn ein sich abendlich wiederholendes Verbrechen - ein Mann, der seine Frau missbraucht.

"Es ist so, las ob ich auserwählt wäre. Aber auserwählt wozu?, frage ich mich. Die Antwort ist ganz einfach. Damit es nicht egal ist" (S.57)

...dass so etwas geschieht und möglich ist. Und in der Tat scheint Ed von jemand Unbekanntem dazu auserkoren, anderen Menschen Gutes zu tun, ihnen Botschaften zu überbringen.

Vier Asse - vier mal drei Aufgaben, die auf eine kreative Lösung warten. Immer näher dringen sie in sein unmittelbares Umfeld vor. Ganz am Ende wartet der Joker auf ihn.

Bewertung
Ein bemerkenswerter Roman und das aus vielerlei Hinsicht:

1. Der Aufbau ist interessant - 5 Teile, jeweils ein Ass und der Joker stehen für einen Teil. Die Kapitel gehen von Ass-König (also jeweils 14) und enthalten jeweils drei Botschaften, die Ed "überbringen" muss. Ausnahme bildet der letzte Teil, in dem sich die Frage nach dem Joker löst.

2. Die Sprache ist außergewöhnlich. Neben der Ansprache an die Leser/innen und sehr kurzen Sätzen, manchmal nur einzelne Worte,

"Du weißt wahrscheinlich bereits, was ich in der Angelegenheit Edgar Street beschlossen habe zu unternehmen. Zumindest wenn du begriffen hast, wie ich bin.
Zögerlich.
Nachgiebig.
Schwach." (S.61)

stehen derbe Ausdrücken unter den Jugendlichen ungewöhnlichen Bildern gegenüber.

"Die Gewalt mischt sich ein. Sie bohrt ihre Finger in alles was sie zu fassen kriegt, und reißt es auf. Alles fällt entzwei, und ich verfluche mich selbst, weil ich so lange damit gewartet haben, dem ein Ende zu bereiten." (S.101)

3. Der Protagonist wird, obwohl er zunächst wie ein Loser wirkt, der zu schwach und antriebslos ist, irgendetwas zu bewegen, immer sympathischer und wächst an seinen Aufgaben. Er entwickelt sich, schöpft aus den geglückten Botschaften Kraft und verändert Schritt für Schritt sein Leben.

4. Der Schluss, den ich nicht vorwegnehmen will, hat eine klare "Lehre". Sinngemäß: Auch du - wie schwach du auch sein magst - kannst die Welt zu einer besseren machen.
Das mag jetzt simpel und banal klingen, aber wenn dies alle tun würden...
Insgesamt werden christliche Werte, wie Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und gegenseitige Achtsamkeit in den Vordergrund gestellt, eine Botschaft, die ihre Aktualität nicht verliert.

5. Der Roman berührt beim Lesen. Einige der Botschaften, die Ed übermittelt, sind nicht weltbewegend, es sind Kleinigkeiten. Freundlichkeiten, die das Leben schöner machen, wie für die allein erziehende Mutter, die von ihrem kargen Gehalt ihren Kindern einmal in der Woche ein Eis kauft. Und sie selbst? Wer kauft ihr eins?

6. Während der Handlung werden auch einige Romane erwähnt, zufällig gerade solche, die ich im letzten Jahr gelesen habe, wie "Sturmhöhe" oder "Schuld und Sühne" - eines der Asse enthält sogar nur Namen von Autoren. Die intertextuellen Bezüge zeigen das Entwicklungspotential Eds, aus dem er nur schöpfen muss.

7. Einen Kritikpunkt muss ich noch loswerden. Zwei der Botschaften werden mittels Gewalt übermittelt und auch Ed wird zu Beginn von Unbekannten gewaltsam aufgefordert seinen Aufgaben nachzukommen. Gewalt als Lösung? Als Weg zur Veränderung? Diese Episoden erscheinen mir - und da bin ich mit Mira einer Meinung - etwas dubios. Dem gegenüber stehen glücklicherweise liebevolle, empathische Verhaltensweisen, die zum Ende hin überwiegen.

8. Der Roman ist sehr spannend, gerade mal in drei Tagen habe ich ihn verschlungen. Die gestellten Aufgaben und der Aufbau verführen dazu, dass man einen Teil zu Ende lesen will. Und weil es gerade so schön ist, weiterlesen ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Taschenbuch, 446 Seiten
cbt-Verlag, 2006

Freitag, 26. Mai 2017

Simon Mason: Mondpicknick

ein Jugendroman zum Thema Alkoholismus.

Lesen mit Mira

Gebundene Ausgabe, 302 Seiten
Carlsen, 2013


Inhalt
Martha ist 11 Jahre alt, gemeinsam mit ihrem 5-jährigen Bruder Christopher, "Tug" genannt, und ihrem Vater lebt sie in einem kleinen Haus. Vor zwei Jahren ist plötzlich ihre Mutter, eine bekannte Schauspielerin, gestorben.
Ihr Papa kann nicht über den Verlust reden, statt dessen kündigt er seine Arbeit als Kameramann, da er Abstand zu der Welt braucht, in der er seine Frau kennen gelernt hat. Auch mit den Eltern seiner Frau bricht er fast den Kontakt ab.

Das durchschaut Martha, aus deren personaler kindlicher Sicht die Ereignisse erzählt werden, jedoch nicht. Statt dessen bemerkt sie, dass ihr Vater komisch ist. Mitten in der Nacht weckt er sie und ihren Bruder, um im Park ein "Mondpicknick" zu veranstalten. Martha ist es, die sich um alles kümmert, ständig denkt sie daran, was noch zu tun ist.

" Wie üblich machte Martha im Kopf eine Liste:

  • putzen
  • Mittagessen kochen
  • nähen
  • zu Marcus gehen [Das ist ihr Freund, der eine Vorliebe für klassische Filme und schöne Kostüme hat.]
  • Papa mit dem Abendessen helfen
  • Tug baden
  • Tug vorlesen
  • ins Bett gehen" (S.20)

Da das Verhältnis zu ihren Großeltern, die sehr vernünftig und streng sind, unterkühlt ist, sucht sie dort keine Hilfe. Eine zu große Verantwortung für ein elfjähriges Mädchen, sei sie noch so vernünftig. Ihr Vater verlangt unbewusst von ihr, für Tug, der immer Hunger hat, Ersatzmutter zu sein, und für ihn selbst gleichberechtigte Gesprächspartnerin. Diese hohen Erwartungen zehren an Martha, die unter Schwindel und Kopfschmerzen leidet.

"Ich bin elf, dachte sie. Ich darf keine Angst vor der Stille oder vor der Dunkelheit haben. Ich muss einen klaren Kopf behalten und darf nicht albern sein." (S.37)

Einzige Konstante in diesem chaotischen Leben ist der Mond, den sie immer wieder betrachtet und mit verschiedenen Vergleichen versucht zu beschreiben.

Erst ein gemeinsames Abendessen mit ihrer Freundin Laura und deren Mutter offenbart das Problem, das Marthas Vater offenkundig hat - er ist Alkoholiker.
Schonungslos beschreibt Simon Mason seinen allmählichen Niedergang und die verzweifelten Versuche, dem Trinken zu widersagen.
Wird er aus Liebe zu seinen Kindern den Entzug schaffen?

Beurteilung
Ein heikles Thema, das aus der kindlichen Sicht heraus, umso schlimmer erscheint. Wenn man Marthas Vater aus ihren Augen betrachtet, wie er betrunken am Boden liegt oder unberechenbar reagiert, ahnt man, was Kinder von Alkoholikern aushalten müssen. Dabei wird er nicht handgreiflich, bringt seine Kinder jedoch aufgrund der Vernachlässigung und Unvorsichtigkeit in Gefahr.
Was Martha leistet, ist unfassbar - und unrealistisch. Mira und ich haben darüber diskutiert, ob ein 11-jähriges Mädchen tatsächlich in der Lage wäre, diese Leistung über einen solchen Zeitraum zu erbringen. Sie wirkt zu perfekt, macht eigentlich keine Fehler. Glaubwürdiger wäre gewesen, wenn sie 13 oder 14 Jahre alt wäre. Vielleicht hat der Autor auch unterschätzt, welche Leistung Martha jeden Tag erbringt, das war zumindest eine Erklärung Miras.
Ich kann mir vorstellen, dass ein Kind unter bestimmten Umständen in der Lage ist, eine solche Verantwortung zu übernehmen - aber nicht so perfekt und so lange.
Man bewundert Martha und empfindet Mitleid mit ihr, denn eine 11-Jährige sollte unbeschwert und ohne Pflichten, wie Essen kochen, für die Familie sorgen, aufwachsen dürfen.
Trotzdem gelingt es Simon Mason auch Verständnis für Marthas Vater zu erzeugen -zumindest kann man nachvollziehen, dass er sich nach dem Tod seiner Frau in tiefer Trauer befindet und das Trinken als Ausweg angesehen hat. Nichtsdestotrotz werden sein Verhalten und die Konsequenzen für die Kinder verurteilt - aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern indem man Anteil an Marthas Gefühlen nimmt, die sich bemüht, nachdem die beiden Geschwister zu ihren Großeltern kommen, ihren Vater zu vergessen.
Das Verhalten aller Beteiligten nach der Wende - ein Verkehrsunfall - wird im Vergleich zum ersten Teil glaubwürdig geschildert, da waren Mira und ich uns einig.

Der Jugendroman zeigt die Gefahren und die Auswirkungen des Alkoholismus gut auf, aber auch Möglichkeiten, wie Marthas Vater seine Sucht bekämpfen kann. Gleichzeitig verschließt er nicht die Augen vor den Schwierigkeiten, wieder in die Normalität zurückkehren zu können.
Noch glaubwürdiger wäre er, wenn die Protagonistin ein wenig älter gewesen wäre. Oft ist es jedoch so, dass sich Jugendliche daran - im Gegensatz zu erwachsenen Leser*innen - nicht stören.

Am Ende wird alles, sehr gut sogar. Führt man sich die Zielgruppe vor Augen, ist das jedoch legitim, wenn es auch in der Realität selten so positiv für alle ausgeht.

Hier geht es zu Miras Rezension.



Montag, 22. Mai 2017

Heike Trojnar: Rescue Center Nord

- Stuttgart 2040.

Taschenbuchausgabe,191 Seiten
EINBUCH, 2017

Der Roman wurde mir von der Autorin freundlicherweise als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

Inhalt
Der 19-jährige Rano arbeitet im Rescue Center Nord, einem großen Secondhand-Kaufhaus in Stuttgart. Er jobbt, um später sein Studium finanzieren zu können. Sein größtes Problem ist seine Schwester Alani, die gesundheitlich angeschlagen und psychisch labil ist. Von ihren Eltern haben beide keine Hilfe zu erwarten. In einer Gesellschaft, in der der Krankenversicherungsstatus darüber entscheidet, welche ärztliche Hilfe man in Anspruch nehmen kann, scheint sie keine Chance zu haben. Wer kein Geld hat, sich teuren Versicherungsschutz zu leisten, muss lange auf einen Termin warten und auf die neueste Technologie verzichten - oder selbst zahlen.
Da ist es nicht erstaunlich, dass Krankenversicherungskarten gestohlen werden. Xeta, eine Studentin, die auch im Rescue Center arbeitet, vermittelt Rano an jemanden weiter, der ihm helfen kann, einen entsprechenden Versicherungsstatus für seine Schwester zu "stehlen", die sich inzwischen in der Psychiatrie befindet. Rano sieht keine andere Möglichkeit als zu betrügen, da der wohlhabende Vater seiner Freundin Karla, sich nicht bereit erklärt, ihn finanziell zu unterstützen. Ob der Betrug gelingt? Kann Alani gerettet werden?

Bewertung
Die Autorin malt ein düsteres Zukunftsbild, in der die Schere zwischen Arm und Reich sich am Krankenversicherungsstatus manifestiert. Schaut man in die USA, wo Obamacare wieder rückgängig gemacht werden soll, scheint diese Vision recht realistisch. Der Grundidee des Romans hat mir sehr gut gefallen, die sprachliche Umsetzung und die präsentierte "Lösung" jedoch weniger.

[SPOILER]
Rano findet Hilfe in einer christlichen Vereinigung, die "Gottesdienste" in einer alten Kneipe abhalten. Erstaunlicherweise wird auch Karlas Vater von der Mitmenschlichkeit "angesteckt", kann aus der Trauer darüber, dass seine Frau ihn verlassen hat, gerettet werden und entpuppt sich am Ende als großer Wohltäter. Plötzlich ist Rano sein Freund, er hilft Alani, diese Veränderung war für mich beim Lesen nicht glaubwürdig.
Dass gegenseitige Hilfe und Menschlichkeit aus einem Dilemma herausführen können und die Religion dabei eine wichtige Rolle spielen kann, ist eine "gute" Botschaft. Die Umkehrung der Figuren und ihre Handlungsweisen sind meines Erachtens aber psychologisch nicht nachvollziehbar. Zu schnell wechseln sie ihr Verhalten, ohne dass dies plausibel dargelegt wird. So verändert sich Alani von einer depressiven, passiven jungen Frau zu einer lebensbejahenden, nur weil sie die Veranstaltung eines medizinischen Gurus und Betrügers besucht und diesen erstaunlicherweise "durchschaut" hat. Sehr unwahrscheinlich, wenn man ihre grundlegende psychische Verfassung betrachtet. Am Ende ist alles gut, aber die Problematik der Zwei-Klassengesellschaft bleibt bestehen. Was tun diejenigen, die keine Hilfe in der religiösen Gemeinschaft oder keinen reichen Wohltäter finden?

Der Roman beschreibt zu Beginn durchaus ein realistisches Bild, wie sich die Gesellschaft entwickeln wird oder kann, bietet aber keine politischen Lösungen an. Statt dessen sollen wir auf Gott und die Freundschaft vertrauen und darauf, dass uns jemand hilft. Eine schöne Botschaft, aber reicht das aus? Hätte mir von einer Dystopie mehr erwartet.

Samstag, 29. April 2017

Frances Hodgson Burnett: Der geheime Garten

- ein Kinderbuchklassiker über den Zauber der Natur.

Gebundene Ausgabe, 223 Seiten
Gerstenberg Verlag, 1987

Gemeinsam mit meiner 10-jährigen Tochter habe ich diesen Kinderbuchklassiker, der 1911 unter dem Titel "The secret Garden" veröffentlicht wurde, gelesen. Die Autorin ist vor allem bekannt geworden durch ihren Roman "Der kleine Lord", der alljährlich an Weihnachten die Herzen rührt.

Inhalt
Die Britin Mary Lennox lebt zu Beginn des 20.Jahrhunderts in Indien. Während einer Choleraepedimie sterben ihre Eltern, die sich überhaupt nicht um sie gekümmert haben, und ihr Kindermädchen, das sie zwar behütet, aber nicht geliebt hat. So wird das verzogene und unsympathische Gör zu ihrem Onkel Archibald Craven gebracht, der auf dem Gut Misselthwaite in England lebt. Begleitet wird sie von Mrs Medlock, der Haushälterin, die Mary für ein unliebsames Mädchen hält. Mr Craven verhält sich ähnlich wie ihre Eltern, er ist fast nie zu Hause und überlässt sie der Obhut seiner Diener, insbesondere dem Hausmädchen Martha, die mit 11 Geschwistern aufgewachsen ist und einen Zugang zu dem verschlossenen Mädchen sucht.
Da es keine Spielsachen gibt, ist Mary gezwungen sich selbst zu beschäftigen und entdeckt den riesigen Garten. Dabei stößt sie auf ein Geheimnis. Der mürrische Gärtner Ben erzählt ihr von dem geheimen Garten, der seit 10 Jahren verschlossen ist und dessen Eingang niemand kennt.
Diesen Garten hat die einstige Hausherrin in ein blühendes Paradies verwandelt, seit ihrem Tod darf niemand ihn mehr betreten. Gemeinsam mit dem Rotkehlchen Robin gelingt es Mary den verborgenen Eingang zum Garten zu entdecken und mit Marthas erstaunlichem Bruder Dickon, der Tiere "verzaubern" und zähmen kann, gelingt es ihr, den Garten wieder zum Leben zu erwecken. Dabei verwandelt auch sie sich: Aus dem mürrischen, dürren und verschlossenen Mädchen wird ein blühendes und fröhliches, das sich mit Dickon anfreundet.
Doch Misselthwaite birgt noch ein anderes Geheimnis, denn Mary ist nicht das einzige Kind auf dem Gut. Als sie eines Nachts einem unheimlichen Weinen folgt, entdeckt sie den gleichaltrigen Colin, ihren Cousin, den Sohn Mr Cravens. Seine Mutter starb während seiner Geburt, ihren Tod hat sein Vater nicht verwunden, so dass auch dieser Junge ohne Liebe aufwächst. Zudem in der ständigen Angst, bald sterben zu müssen und einen Buckel zu bekommen. So ist er ans Bett gefesselt und kann nicht gehen. Doch Mary nimmt es mit dem verzogenen Jüngling auf und weiß mit ihm umzugehen, so dass auch er sich im geheimen Garten zu einem gesunden, fröhlichen und starken Kind verwandelt.

Bewertung
Eigentlich passiert nicht viel in diesem Kinderbuchklassikers - keine Action, keine Fabelwesen, wenige Figuren. Und doch ist es bezaubernd, wie aus den beiden verzogenen, egozentrischen und unausstehlichen jungen Menschen, liebenswerte Kinder werden. Weil sie zum ersten Mal Freundlichkeit, Zuneigung und auch Widerworte erfahren. Mary wächst an der Freundschaft mit Dickon, aber auch in ihrer Auseinandersetzung mit Colin, der wiederum jemanden gebraucht hat, der ihm widerspricht, ihm sein unmögliches Verhalten nicht durchgehen lässt, ihm aber auch mit Menschlichkeit und echter Zuneigung begegnet.
So wie der Garten im Frühling erblüht, so erblühen und entwickeln sich die Figuren. So wie der Garten 10 Jahre keine Zuwendung erfahren hat, so konnten auch die Kinder in der sie missachtenden Umgebung nicht gedeihen - Colin hat im Bett gelegen, weil er glaubte, er müsse bald sterben und sei Schuld daran, dass sein Vater ihn nicht lieben könne.

Im Roman ist oft vom Zauber des Gartens und von Dickon als Zauberer die Rede. Es ist die Kraft der Natur, die Freundlichkeit und Menschlichkeit, mit der Dickon den Kindern und auch den Tieren begegnet, die beide"heilt". Es sind die positiven Gedanken, der Glaube daran, dass es gut wird, die den Zauber bewirken, wie meine Tochter so treffend bemerkt hat. Der Glaube Colins an sich selbst, daran, dass er gehen lernen wird, an seine Kräfte.
Selbst die lange Beschreibung der einzelnen Pflanzen, der Art und Weise ihres Wachstum und die Fürsorge, die sie benötigen, hat uns nie gelangweilt. Im Gegenteil, es hat fast eine meditative Wirkung, wenn davon erzählt wird, wie es Mary gelingt, die zarten Triebe vom Unkraut zu befreien und ihnen Luft und Sonne zu schenken. Wir brauchen Wärme und Zuneigung zum Gedeihen und Wachsen, genau wie die Natur - die Pflanzen und Tiere.

Ein schönes "Märchen", das für Humanität und sorgsamen Umgang mit der Natur plädiert - mit Illustrationen, die die Entwicklung der Kinder und des Gartens wunderschön darstellen.

Montag, 3. April 2017

Jonathan Crown: Sirius

- ein heldenhafter Vierbeiner in einer unerträglichen Farce.

Taschenbuchausgabe, 309 Seiten
KiWi Taschenbuch, 8.April 2017

Inhalt
Der kleine Foxterrier Levi ist Mitglied der jüdischen Familie Liliencron, die in Berlin lebt. Wir schreiben das Jahr 1938, der Sohn Georg besucht das Gymnasium und hat mit der antisemitischen Haltung seiner Mitschüler zu kämpfen. Seine Schwester Else, eine begabte Klavierspielerin, hätte eigentlich eine vielversprechende Karriere vor sich.
Professor Liliencron, Familienoberhaupt, ist Wissenschaftler und eine Koryphäe in der Plankton-Forschung, Politik interessiert ihn ebenso wenig wie Levi. Und doch dämmert es ihm, dass der Hundename ihn offensichtlich als jüdisch ausgibt, so wird er kurzerhand nach dem Sternbild Großer Hund in Sirius umgetauft.
Der Foxterrier ist gewitzt und versteht alles, was die Menschen um ihn herum reden und bewegt. So realisiert er in der Reichspogromnacht, dass er die Familie in Sicherheit bringen muss, was ihm auch gelingt. Glücklicherweise sind sie gut befreundet mit Benno Fritsche, einem bekannten Schauspieler, der in die Partei eingetreten ist, um weiter auftreten zu können. Mit seiner Hilfe und der von Andreas - Elses Freund - gelingt ihnen die Flucht über die Schweiz nach Genua und von dort nach Los Angelos. Benno ist nämlich mit Peter Lorre bekannt, einem berühmten Schauspieler, der tatsächlich gelebt hat, ebenso wie James Warner (in Anlehnung an Warner Brothers), der den Liliencrons hilft. Carl wird Chauffeur eines abenteuerlustigen Schauspielers - John Clark, der wiederum entdeckt das Talent des pfiffigen Foxterriers. Es kommt,wie es kommen muss, und aus dem kleinen Vierbeiner wird der Fernsehstar Hercules, so dass die Familie ihrer finanziellen Sorgen entbunden ist. Andreas ist ebenfalls die Flucht gelungen und er heiratet Else, während Georg Medizin studieren kann. Alles scheint sich zum Positiven zu wenden, doch Sirius wird aus finanziellen Erwägungen einem großen Zirkus ausgeliehen, in dem er zunächst erfolgreich agiert, dann aber aufgrund eines Missgeschicks verwechselt wird und verloren geht. Auf abenteuerlichem Weg landet er wieder in Berlin. Ausgerechnet der Hauptsturmführer Erwin Wünsche findet ihn - ein strammer Nationalsozialist, der auch noch zum persönlichen Adjutanten des Führers befördert wird. Hansi, wie er inzwischen heißt, schließt sich dem Widerstand an, denn eine glückliche Fügung hat ihn zurück zu Benno Fritsche geführt. Der kluge Hund - inzwischen Hitler vorgestellt und zu dessen Liebling avanciert - soll den Führer auskundschaften. Die Geschichte hetzt im letzten Drittel durch die militärischen Niederlagen der Wehrmacht, reißt den Niedergang des 3.Reiches an und macht den Hund verantwortlich für den missglückten Attentatsversuch, worauf sich dieser bittere Vorwürfe macht. Den Rest habe ich - ehrlich gesagt - nur noch quer gelesen - Happy End inklusive.

Bewertung
Der Roman wird auf der Rückseite als "charmante, lustige Farce" beschrieben. Ich fand ihn einfach nur ärgerlich. In kurzen, sprachlich wenig anspruchsvollen Sätzen werden die Ereignisse aneinander gereiht - mit vielen Wiederholungen und zusammenfassenden Erklärungen. Und das aus wechselnden Perspektiven, in direkter und erlebter Rede - auch aus der Sicht des Hundes. Was teilweise schon ganz lustig sein könnte...
Spannender wäre die Ich-Perspektive "Hund", im Unverständnis dessen, was sich da abspielt. Denn natürlich ist Sirius weltgeschichtlich immer auf dem neuesten Stand und versteht alles - das ist Fiktion und erlaubt. Aber es ist nicht witzig - zumindest trifft es meinen Humor nicht.
Die Lebensphase der Familie Liliencron in Hollywood gleicht einer Aufzählung des Who is who der damaligen Zeit - der Autor hat seine Hausaufgaben gemacht und alle wichtigen Filmstars und Filme aufgezählt, die in jener Epoche entstanden sind. Das ist ganz amüsant, sorgt für den ein oder anderen Aha-Effekt...
Ärgerlich ist die Phase Sirius´ alias Hercules alias Hansi in Berlin zu lesen. Hätte der Autor doch die Geschichte verändert und eine fiktive Welt dargestellt, die zeigt, was gewesen wäre, wenn das Attentat auf Hitler geglückt wäre oder Hercules auf andere Art und Weise den Führer besiegt hätte.
So bleiben die bekannten geschichtlichen Ereignisse unangetastet und ich muss lesen, wie angetan der Führer von dem kleinen Hund ist, der zwar einer Spionagetätigkeit nachgeht, aber ansonsten Hitler gehorcht...was lerne ich daraus?? Immer brav mit dem Schwanz wedeln, dann überlebe ich den Krieg und die Bomben und alles ist gut?

Dass man den Holocaust und das 3.Reich in einer Tragikomödie darstellen kann, hat Roberto Benigni in seinem Film "Das Leben ist schön" bewiesen, diesem Roman gelingt weder Komik noch Tragik.

Keine Leseempfehlung!

Sonntag, 19. Februar 2017

Philipp Kerr: Winterpferde

- eine berührende Geschichte über ein mutiges Mädchens.

Gebundene Ausgabe, 288 Seiten
Rowohlt, 21.Oktober 2015
Empfohlenes Alter: ab 13 Jahre


Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar!

"Viele Teile dieser alten Geschichte wurden zusammengesetzt wie die Scherben einer kaputten Vase. (...) und selbst wenn einige Teile dieser Geschichte nicht ganz genau so gewesen sind, dann hätten sie doch genau so sein können, und das ist viel wichtiger. (S.7)



Inhalt
Im Sommer 1941 verlässt die gesamte Belegschaft des Staatlichen Naturreservates Askania-Nowa, das in der Ukrainisch-Sozialistischen Sowjetrepublik liegt und seltene Tierarten beheimatet - unter anderem die Urpferde, die sogenannten Przewalskis, die schon auf Höhlenmalereien zu sehen sind. Nur der alte Max, eine Art Zoowärter, bleibt, denn das Reservat ist seine Heimat. Es ist

"ein entlegener, verzauberter Ort mit einem Zoo und einer offenen Steppe, die mehr als dreihundert Quadratkilometer umfasst." (S.12)

Quelle: wikipedia
Gegründet würde es von einem Deutschen, dem Baron Falz-Fein, der vor den Kommunisten fliehen musste und der Max immer freundlich behandelt hat. Daher spricht Max auch Deutsch und wird von den SS-Leuten und deren Hauptmann Grenzmann geduldet. Als Grenzmann erfährt, dass es echte Hannoveraner im Stall gibt und Max etwas von Pferden versteht, ernennt er ihn zu seinem Stallburschen. Doch für die seltenen Urpferde kann er sich nicht begeistern, er hält die hässlichen Pferde für eine zum Aussterben bestimmte Rasse - er argumentiert dabei mit dem Gesetz des Stärken von Charles Darwin - Rassentheorie auf Pferde übertragen.

Gleichzeitig mit der Besetzung der SS-Truppen durchstreift das jüdische Mädchen Kalinka Askania-Nowa, sie hat sich mit einem Pferdepaar angefreundet.

"Kalinka war eines frühen Morgens aufgewacht, nachdem sie die Nacht eingewickelt in eine zerrissene Decke, unter einem Moosbeerenbusch verbracht hatte, weil eines der Pferde - eine Stute - über ihr stand. Instinktiv hatte Kalinka gewusst, dass das Pferd trotzt seiner Wildheit mit ihr Freundschaft schließen wollte." (S.21)

Kalinkas gesamte Familie fiel den ethnischen Säuberungen in Dnipropetrowsk zum Opfer, durch einen glücklichen Zufall konnte sie fliehen und in das 350 Kilometer südlich gelegenere Reservat fliehen. Während ihr auffällt, wie unglaublich klug und listig die außergewöhnlichen Pferde sind, erhält Hauptmann Grenzmann aus Berlin Weisung, die seltenen Tiere zu erschießen, da sie nicht den Rassestandards der Nazis entsprechen.
Er rechtfertigt sich vor Max, der heftig protestiert, damit, dass er nur den Befehl ausführe.

"Sie sind der Mann, der entscheidet. (...) Ich glaube, man hat immer eine Wahl. Das ist das, was uns zu Menschen macht." (S.50)

Während der Tötungsaktion, die Max zu verhindern sucht, gelingt Kalinka mit dem Pferdepaar die Flucht und sie lernt den alten Mann dabei kennen. Obwohl er versucht, sie zu schützen, muss sie mit den beiden Tieren und Max Hund Taras das Reservat verlassen. Sie macht sich auf den Weg gen Südost, wo sie hofft, auf die Rote Armee zu treffen. Eine spannende Verfolgungsjagd beginnt, in der sowohl die Tiere als auch Kalinka ihre Klugheit und Tapferkeit unter Beweis stellen müssen.

Bewertung
Der Roman erzählt von einem mutigen Mädchen, das einen besonderen Draht zu diesen außergewöhnlichen Tieren hat und für deren Rettung es unermüdlich kämpft. Ein gutes Jugendbuch, das die Grausamkeit des Krieges und die furchtbaren Taten der SS-Truppen nicht verschweigt, aber altersgemäß erzählt - abwechselnd aus der Sicht Max und Kalinkas.

Bemerkenswert ist, dass der Erzähler pauschale Verurteilungen meidet und ein differenziertes Bild der "Deutschen" zeigt. So hat der künstlerisch begabte Hauptmann Grenzmann durchaus seine sympatischen Seite und hegt eine große Liebe für einen Hannoveraner, gleichzeitig ist er in der Lage grausam zu agieren und keine Gnade walten zu lassen.
Seine Männer

"wollten nichts lieber als ihre Gewehre und Uniformen wegwerfen und nach Deutschland zurückkehren, um dort einer ehrlichen Arbeit nachzugehen, falls so etwas überhaupt möglich war, und so tun, als wäre nichts von alldem je passiert." (S.117)

Das entschuldigt in keinster Weise ihre Verbrechen, aber ihre Normalität abseits der blutigen Taten wird thematisiert und problematisiert. Max denkt auch an den sowjetischen Geheimdienst, von dem er wegen seiner Arbeit für den Baron verhört und gefoltert wurde.

"Auch in ihm waren ganz normale Männer gewesen. Max fand, dass das nicht viel Gutes über die Menschheit im Allgemeinen sagte." (S.117)

Der Roman vermittelt die Erkenntnis, dass Kultiviertheit nicht mit Menschlichkeit gleichzusetzen ist, wie im Falle des Hauptmanns deutlich wird.
Der junge Mann, der sich selbst für zivilisiert hält und eigentlich Jura studieren wollte, kommt mit der Kriegssituation und der Verbrechen, die er begangen hat, nicht zurecht. Doch statt sich diesen zu widersetzen, lässt er seine Wut darüber an den Schwächeren aus und macht sie dafür verantwortlich. Seine Strategie, um der Erkenntnis, dass er Unrechtes verübt hat, aus dem Weg zu gehen.

Aber der Roman verzichtet auf ein Schwarz-Weiß bzw. Gut-Böse-Denken, das macht ihn besonders und sensibilisiert Jugendliche darüber nachzudenken, warum Menschen so handeln konnten und können.
Es finden sich auch positive Vorbilder im Roman, wie ein deutscher Wachpolizist, der sich den Befehlen widersetzt und Kalinka hilft, oder der Baron, der als Tier- und Menschenfreund beschrieben wird. Deshalb ermutigt Max sie in einem Brief, den er ihr mit auf die Reise gibt, Hass nicht mit Hass zu beantworten und erinnert sie daran, dass es auch gute Menschen unter den Deutschen gibt.

Man könnte der Geschichte vorhalten, dass die Story zum Ende hin sehr actionreich wird, der Schluss selbst etwas rührselig ist und die Botschaft recht plakativ daherkommt. Aber man muss auch bedenken, dass es für Jugendliche verfasst ist und da ist ein versöhnliches Ende ebenso wichtig wie eine klare Botschaft, umso mehr, wenn das den Wunsch weckt, sich weiterhin mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Für mich ein guter Jugendroman gegen das Vergessen!

Montag, 23. Januar 2017

Lewis Carroll: Alice im Wunderland

- der englische Kinderbuchklassiker.

Gebundene Ausgabe, 150 Seiten
mit Illustrationen von John Tenniel
Büchergilde
englischer Originaltitel: Alice´s Adventures in Wonderland
1865 erstmals erschienen

Das Kinderbuch gehört inzwischen zu den Klassikern der Weltliteratur und ist in Büchern, Filmen, Theaterstücken und sogar Opern adaptiert worden. Die Figuren und einige Situationen haben sozusagen Kultstatus, nicht zuletzt auch durch die Verfilmung Tim Burtons mit Johnny Depp als verrücktem Hutmacher.
Ich habe den Roman gemeinsam mit meiner 10-jährigen Tochter gelesen und wir hatten viel Spaß an den skurrilen Situationen, in die Alice gerät.

Inhalt
Alice ist gemeinsam mit ihrer Schwester am Bachufer und schläft ein, als ein weißes Kaninchen vorbeihuscht, dass bekleidet ist und vor sich hin redet,

"als daraufhin das Kaninchen aber wahrhaftig eine Uhr aus der Westentasche zog, nach der Zeit sah und dann weiterlief, da war Alice mit einem Satz auf den Beinen, denn mit einemmal war ihr klargeworden, daß sie noch nie zuvor ein Kaninchen mit einer Westentasche gesehen hatte, am allerwenigsten eines mit einer Uhr darin" (S.10)

Alice folgt dem Kaninchen und fällt in ein tiefes Loch, das sie unversehrt ins fantastische Wunderland entführt, in dem sie zunächst in einem Raum festsitzt, da sie zu groß ist, um durch die einzige Tür ins Freie zu gelangen. Mit Hilfe verschiedener Speisen und Getränke schrumpft bzw. wächst sie, schrumpft wieder und ertrinkt fast in ihrem salzigen See aus Tränen.

">Wenn ich doch nicht soviel geweint hätte!<, sagte Alice, während sie hin und her ruderte, um aus dem Wasser herauszukommen.> Zur Strafe dafür soll ich jetzt anscheinend in meinen eigenen Tränen ertrinken! Wenn das nicht sonderbar ist! Nun, heute ist ja alles sonderbar.<" (S.27)

Nach der Bekanntschaft mit einigen gesprächigen Tieren und einer Maus, der Alice etwas unsensibel begegnet, da sie ihr immerzu von ihrer Katze Suse erzählt, gelingt es ihr schließlich, durch die geheimnisvolle Tür zu gelangen.

Auf ihrer Reise durchs Wunderland gelangt sie zunächst ins Haus des weißen Kaninchens, aus dem sie fast nicht mehr herauskommt.
Ihr begegnen seltsame, fantasievolle Figuren, wie
eine Raupe, die ihr Pilzstücke zum Wachsen und Schrumpfen schenkt,
die Herzogin und das Baby, das sich in ein Schwein verwandelt,
die Edamer Katze (Grinsekatze), die auftaucht und verschwindet,
der verrückter Hutmacher, der Schnapphase und die Haselmaus, die immer beim Fünf-Uhr-Tee sitzen, da die Zeit für die drei still steht,
und der Herzkönig und die Herzkönigin, deren Lieblingssatz lautet: "Kopf ab mit ihr!" (S.100)

Sie nimmt an einer königlichen Croquetpartie teil, hört die Geschichte der traurigen Falschen Suppenschildkröte, erfährt, was eine Hummer-Quadrille ist, bis sie schließlich einen Prozess gegen den Herzbuben gerät und am Ende den Kampf gegen die Spielkarten aufnimmt.

Bewertung
Das Werk zählt zum Genre des literarischen Nonsens (wikipedia) und enthält satirische Anspielungen auf die Schullektüre der Zeit Carrolls. So sagt Alice im Wunderland alle Gedichte falsch auf und vieles scheint völliger Unsinn zu sein. Nichtsdestotrotz wohnt diesem "Nonsens" ein Zauber inne, der einen beim Lesen gefangen nimmt.
Sowohl meine Tochter als auch ich haben mehrmals gelacht und uns köstlich über die köpfende Königin amüsiert, da ihr Gatte hinter ihrem Rücken alle wieder begnadigt - sonst wäre ja keiner mehr übrig, der mit ihr Croquet spielt.
Warum die Falsche Suppenschildkröte so traurig ist, haben wir allerdings noch nicht herausgefunden. Wir haben uns jedenfalls vorgenommen auch die Fortsetzung  - Alice hinter den Spiegeln - zu lesen.

Am Ende stellt sich heraus, dass alles nur ein Traum gewesen ist, eine wunderbare, wenn auch skurrile Fantasie, aber wie Dumbledore Harry in "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" antwortet, als dieser wissen will, ob sich alles nur in seinem Kopf abspiele:

"Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum in alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist." (S.731)

Alice im Wunderland ist ein Plädoyer für grenzenlose Fantasie, für die kindliche Lust am Fabulieren und gehört für mich auf jeden Fall zu den Romanen, die man im Leben gelesen haben sollte!

Mittwoch, 4. Januar 2017

Gavriel Savit: Anna und der Schwalbenmann

- eine ungewöhnliche Freundschaft in Zeiten des Krieges.


Gebundene Ausgabe, 272 Seiten
ctb-Verlag, 29. Februar 2016
ab 14 Jahren









Inhalt
Anna Lania lebt in Krakau, ihre Mutter ist gestorben und ihr Vater ist Professor für Sprachen.
Er spricht unablässig mit Anna, "sie hatte keine Erinnerung an ihren Vater, in der er nicht redete" (S.14),  und das in vielen Sprachen u.a. in Deutsch, Englisch, Jiddisch, Russisch und Französisch, sogar Armenisch.

"Wenn aber ein Vater mit jedem eine andere Sprache spricht, stellt sich ein Kind irgendwann die Frage: Was ist die Sprache meines Vaters? Was ist meine? Die Antwort war einfach: Ihre Sprache war die der anderen." (S.14)

Am 6.November 1939 wird ihr Vater mit der gesamten Professorenschaft der Karkauer Jagiellonen-Universität verhaftet und in ein Internierungslager gebracht, das er nicht überlebt. Doch die 7-jährige Anna ahnt nichts davon. Statt dessen wartet sie vergeblich bei Doktor Fuchsmann, der eine Apotheke führt, auf die Rückkehr ihres Vaters aus der Universität.
Widerwillig lässt Doktor Fuchsmann sie in seiner Apotheke schlafen, bringt sie jedoch am nächsten Tag vor ihre Wohnungstür, vor der sie erneut vergeblich wartet. Als sie verzweifelt in die Apotheke zurückkehren will, begegnet sie dem Schwalbenmann.

"Er war groß und ungewöhnlich dünn. Der Anzug, ein Dreiteiler aus brauner Schurwolle, musste ihm auf den Leib geschneidert sein. Sie konnte sich keinen zweiten Mann mit den gleichen Maßen vorstellen und seine Kleider saßen wie angegossen. Er trug eine alte Arzttasche bei sich, deren braunes, abgewetztes Leder ein wenig heller als sein dunkler Anzug war." (S.27) 

Nachdem er gegenüber einem deutschen Soldaten autoritär aufgetreten ist, spricht er die verängstigte Anna ebenfalls auf Deutsch an. Als sie nicht antwortet, versucht er es auf Polnisch, danach Russisch und sogar Jiddisch. Das löst Annas Ängste auf, genauso wie das Anlocken einer Schwalbe, die dem Mann furchtlos in die Hand flattert.
Sie beschließt ihm zu vertrauen und ihm zu folgen, da sie nicht glaubt, dass ihr Vater wiederkehrt.
Der Schwalbenmann macht sich auf den Weg, wobei er kein Ziel zu haben scheint, er möchte nur nicht gefunden werden. Wovor er auf der Flucht ist, wird erst ganz am Ende angedeutet.
Aber er nimmt Anna mit und kümmert sich um sie, wenn auch mit äußerster Zurückhaltung.

"Er war ein Mann, der nicht immer sagte, was er dachte oder fühlte." (S.37)

Er lehrt sie die Gesetze der Straße und deren Sprache, denn sein Ziel ist, im Krieg zu überleben. Dazu ist es wichtig in Deckung zu bleiben, sich anzupassen, um nicht gefunden zu werden, und keinen Namen zu haben. So leiht Anna ihren Namen dem Schwalbenmann, der auf der Straße zu ihrem Papa wird.
In ihren Gesprächen während der Wanderschaft lehrt der Schwalbenmann Anna vieles über die Tiere und Pflanzen auf ihrem Weg. Die Soldaten aus dem Westen, die Polen besetzt haben, vergleicht er mit Wölfen, während die russischen für ihn wie Bären sind.

"Die Wölfe und Bären mögen keine Menschen, und wenn sie einen Grund finden, dir wehzutun, dann werden sie es tun. Sie sind hier, weil sie die Welt mit ihrer eigenen Art bevölkern wollen. Sie versuchen, sich soviel Platz wie möglich zu schaffen, und das tun sie, indem sie die Menschen loswerden, und dazu kannst jederzeit du gehören." (S.87)

Ihre Zweisamkeit endet, als Anna im Wald dem jüdischen Musiker Reb Hirschl begegnet, der mit seiner Klarinette aus dem Lubliner Ghetto geflohen ist. Der Schwalbenmann lässt ihn zunächst zurück, da er die Gefahr sieht, in der er sie bringen könnte. Doch Anna ist fasziniert von diesem lebenslustigen, unvorsichtigen Mann, der offenkundig alle Gebote der Straße verletzt und schleicht sich nachts zurück, um ihn zu finden.

"Hätte sie innegehalten, um nachzudenken wäre ihr klar gewesen, dass sie mit ihrem Vorhaben ein schreckliches Risiko einging - (...). Doch es ist die besondere Gabe der Kinder, ganz im Moment zu sein, ohne sich mit der Voraussicht zu belasten." (S.137)

In dieser Situation zeigt sich, dass scheinbare unzugängliche Schwalbenmann, Anna tief in sein Herz geschlossen hat, denn er folgt Anna und ihr zuliebe nimmt er Reb Hirschl in ihre Gemeinschaft auf. Ein humaner Akt in einer Welt, in der Menschlichkeit gefährlich ist.

Sie geraten auf ihrer Wanderschaft in das Unternehmen Barbarossa - im Juni 1941 ist Hitler in die Sowjetunion eingefallen. Zwischen den Fronten überleben sie, bis es irgendwann Anna ist, die den Schwalbenmann retten muss.

Bewertung
Ein stiller, leiser Jugendroman, der zunächst sehr sensibel die Kriegssituation in Polen darstellt. Gleich zu Beginn werden "sachlich" die notwendigen Fakten genannt, die Inhaftierung des Vaters, die Kriegssituation und auch die entsprechenden geschichtlichen Daten fließen mit ein. Die Grausamkeit, die Situation der Juden wird angedeutet, erst gegen Ende konfrontiert der Krieg Anna mit seiner hässlichen Fratze und fordert seine Opfer - allerdings sind auch diese Szenen behutsam formuliert und mit entsprechenden Leerstellen versehen. So weigert sich der Erzähler Details zu Reb Hirschls Ende preiszugeben, aber das macht es auch nicht ungeschehen.

Die Beziehung zwischen Anna und dem Schwalbenmann, der seine Zuneigung nicht offen, sondern in seinen Handlungen zeigt, ist einfühlsam beschrieben.  Allerdings gehört ein gewisses Maß an Empathie und Lebenserfahrung dazu, um dies wirklich zu erfassen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Jugendliche damit nicht überfordert sind. Genauso wie mit den Grausamkeiten des Krieges, die zwar größtenteils ausgespart sind oder nur angedeutet werden, aber sie schweben zwischen den Zeilen und fordern zu Fragen heraus. Was auf der einen Seite genau das ist, was ein guter Roman gegen das Vergessen für Jugendliche tun sollte, andererseits ist es ein schmaler Grat, wie viel Jugendliche an realem Horror verkraften können.

Das Ende lässt viele Fragen offen, hier hätte ich mir gewünscht, man würde mehr über Annas weiteres Schicksal und das des Schwalbenmanns erfahren.

Trotz der Altersangabe ab 14 Jahren ist es für mich eher ein Roman - und zwar ein guter - für Erwachsene gegen das Vergessen.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Anne Freytag: Mein bester letzter Sommer

- ein Hommage an das Leben und die Liebe.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Erschienen am: 8.März 2018
ISBN-13: 978-3453270121



Inhalt
Die 17jährige Tessa aus München führt scheinbar ein perfektes Leben: Sie ist wunderschön, eine sehr gute Schülerin, spielt Geige und Klavier, hat ein Stipendium für Oxford und beste Freundinnen.
Doch all das war einmal, denn sie wird sterben, Seit ihrer Geburt hat sie einen inoperablen Herzfehler und ihr fehlt die Lungenschlagader - von zahlreichen Operationen hat sie eine große Narbe behalten, aber eine Heilung oder eine Lebensverlängerung ist nicht mehr möglich. Die Ärzte geben ihr wenige Wochen, vielleicht ein paar Monate.
Und dabei hat Tessa immer von einem perfekten Leben geträumt, auf den perfekten ersten Kuss gewartet, den richtigen Jungen, die erste große Liebe - und jetzt ist es zu spät.
Deprimiert schließt sie sich in ihrem Zimmer ein und wartet auf den Tod. Sie ist wütend auf ihre Mutter, die die Wahrheit schon lange kennt und ihr nichts davon gesagt hat - wie kann eine Mutter ihrer Tochter auch sagen, dass sie sterben muss - eine sehr emotionale Szene, der Streit zwischen Tessa und ihrer Mutter. Auch von ihrer Schwester Larissa, mit der sie einst ein Herz und eine Seele gewesen ist, hat sie sich entfremdet. Larissa, die stets in ihrem Schatten gestanden hat, geht inzwischen ihren eigenen Weg und bemüht sich das Gegenteil einer perfekten Tochter zu leben.

Doch dann lernt Tessa Oskar kennen. Einen gut aussehenden Jungen, zu dem sie sich sofort hingezogen fühlt - und dass nicht nur wegen seiner Erscheinung. Er vermag sie zu verstehen, in ihren Kopf zu schauen und ihrem Denken zuzuhören.
Mit ihm möchte sie ihre letzte Zeit verbringen, er wird ihr Freund zum Sterben. Spontan beschließen die beiden eine Reise durch Italien anzutreten und es wird Tessas bester letzter Sommer mit wunderschönen Momenten und sehr emotionalen Szenen, die jedoch nie kitschig sind.
Der größte Teil des Romans wird aus der Ich-Perspektive Tessas erzählt, wir hören ihr beim Denken zu und erleben gemeinsam mit ihr die erste große Liebe mit all ihren überwältigenden Gefühlen.
Gegen Ende kommt auch Oskar zu Wort und er schildert aus seiner Sicht, wie es sich anfühlt, eine große Liebe gefunden zu haben, um sie sogleich wieder zu verlieren.


Bewertung
Vom Thema her eigentlich ein Roman, der sehr belastend ist. Ein junges Mädchen, das weiß, dass es sterben muss und dass seiner Meinung nach noch nicht wirklich gelebt und geliebt hat.
Dann trifft sie diesen Jungen, verliebt sich und sie weiß, es wird nur für kurze Zeit sein.
Trotzdem ist es kein Roman, der nur traurig stimmt, sondern auch zum Lachen einlädt und uns bewusst macht, wie kostbar unser Leben ist. Er erinnert an die unvergleichlichen Momente, die so oft vorüber ziehen, weil wir sie nicht bewusst wahrnehmen. Tessa genießt jeden Augenblick, weil sie weiß, dass es ihr letzter sein könnte. Das klingt jetzt ziemlich abgedroschen, aber der Autorin gelingt es, die Leser/innen auf Tessas Reise und in ihre Gedanken mitzunehmen. Man glaubt ihr diese großen Gefühle, über die wir, wenn wir ehrlich sind, als Erwachsene lächeln und sie nicht immer ernst nehmen. In diesem Roman jedoch ist diese Intensität stimmig, nichts wirkt kitschig oder sentimental.
Im Gegenteil, der Roman hat mich persönlich sehr berührt und ich muss zugeben, dass ich an der ein oder anderen Stelle weinen musste. Wenn Tessa den Aufsatz ihrer Schwester liest, oder sie sich von ihren Eltern verabschiedet....
Auch die Liebesszenen sind sehr einfühlsam erzählt, weder peinlich noch voyeuristisch.

Ein Roman, der mich an "Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe" erinnert und den ich Jugendlichen und auch Erwachsenen empfehlen möchte, auch wenn er - wie der Titel es andeutet - nicht mit einem glücklichen Ende aufwarten kann, der aber trotz allem eine Hommage an das Leben ist.


Freitag, 16. September 2016

Krystyna Kuhn: Monday Club. Das zweite Verrat

- der 2.Teil der Mystery-Thriller-Reihe.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger
Erschienen: 9.Mai 2016
ISBN-13: 978-3789140624


Zuerst eine Bewertung...
Den ersten Teil fand ich sehr faszinierend, spannend und war wirklich auf die Fortsetzung gespannt, die mich jedoch ziemlich enttäuscht hat. Einerseits hat sich mein Leseverhalten im letzten halben Jahr sehr verändert, hin zur Gegenwartsliteratur und zu Romanen gegen das Vergessen. Zwar bleibe ich den Krimis und der Fantasy treu, aber sie sind etwas in den Hintergrund gerückt. Andererseits liegt es auch am Roman selbst, in dem sich die Protagonistin, die aus der Ich-Perspektive erzählt, vorwiegend um sich selbst dreht und die Handlung auf der Stelle zu treten scheint. Den dritten Teil der Trilogie werde ich sicherlich nicht mehr lesen. Dabei ist die grundlegende Idee, dass ein Mädchen die seltene Gabe besitzt, sich mit den Toten in Verbindung zu setzen, interessant und auch der Schreibstil der Autorin flüssig und sprachlich ansprechend.


...und ganz kurz der Inhalt
Aber der Handlungsbogen wird überspannt, der zweite Band bringt lediglich die Erkenntnis, dass Faye seit Jahren von der Psychologin Erica Meyers und dem Monday Club als kostbarstes Gut gesehen wird. Sie findet heraus, worin ihre besondere Gabe besteht, kann sich nicht zwischen den attraktiven jungen Männern Josh (ihrem Jugendfreund) und Luke (der die Nachforschungen angestoßen hat) entscheiden und weiß aber ihre Freunde, deren Eltern dem ominösen Monday Club angehören, hinter sich.
Ihr Großvater, ein renommierter Arzt hat anscheinend die Forschungen im Bereich der Nahtoderlebnisse angestoßen und seine Tochter Liz, Fayes Tante, hat diese fortgesetzt. Im Roman bleibt lange unklar, ob Liz Faye all die Jahre benutzt hat oder ob sie sie beschützen möchte.
Sicher ist, dass der Monday Club nicht davor zurückschreckt, Kinder zu opfern, wie Fayes Freundin Amy, um die Grenze zwischen Leben und Tod zu überschreiten.

Fazit
Schade um die gute Idee!

Vielleicht werde ich auch einfach zu alt, für diese Art von Jugendromanen ;)

Dienstag, 2. August 2016

Aharon Appelfeld: Ein Mädchen nicht von dieser Welt

- ein Jugendbuch, über Freundschaft, Güte und Mut.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Berlin
Erschienen am: 28.August 2015
ISBN-13:978-3871347887

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Vorne weg
Der Autor Aharon Appelfeld ist 1932 in Czernowitz, das liegt in der heutigen Westukraine, geboren. Er selbst war im Ghetto und konnte in den ukrainischen Wäldern und als Küchenjunge der Roten Armee den Krieg überleben. Er kam 1946 nach Palästina und lebt heute als Professor der Literatur und Romanautor in Jerusalem. (Quelle, S. 127)

Inhalt
Die beiden neunjährigen, jüdischen Jungen Adam und Thomas werden von ihren Müttern jeweils aus dem Ghetto heraus in den Wald gebracht, da die Mütter die Deportation der Jungen befürchten.

"Hab keine Angst, wiederholte die Mutter. Du kennst unseren Wald und alles darin. Setz dich unter einen Baum, zum Beispiel unter den mit der runden Krone, lies das Buch von Jules Verne oder spiel das Spiel mit den fünf Steinen, dann wird dir die Zeit schnell vergehen." (S. 7)

Die beiden Jungen treffen im Wald aufeinande

Freitag, 3. Juni 2016

A.J. Betts: Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe

- ein Jugendroman über zwei Jugendliche, die der Kampf gegen Krebs verbindet.


Buchdaten
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Fischer KJB
Erschienen am: 16. September 2015
ISBN-13: 978-3596812547
Originaltitel: Zac & Mia


Vorne weg
Natürlich denkt man, wenn man den Klappentext gelesen hat, sofort an den Roman "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", in dem sich auch zwei Jugendliche, die an Krebs erkrankt sind, kennen und lieben lernen. Abgesehen von dieser Konstellation unterscheiden sich die beiden Romane aber erheblich voneinander, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass die Autorin selbst in einem Krankenhaus unterrichtet und das Schicksal der Jugendlichen hautnah miterlebt. So liegt der Fokus des Romans zunächst auch auf dem Krankenhausaufenthalt, der sehr realitätsnah geschildert wird.

Inhalt
Der 17-jährige Zac liegt nach einer Knochenmarktransplantation in einem isolierten Zimmer der Onkologie eines Krankenhauses in Perth (Australien). Lediglich seine Mutter darf zu ihm und kümmert sich rührend (für ihn teilweise nervend) um ihn. Zac nimmt sein Schicksal, an Leukämie erkrankt zu sein, an und geht sehr offensiv damit um. Alle seine Freunde hält er über Facebook auf dem Laufenden und er kennt jede erdenkliche Statistik, die mit seiner Erkrankung und Krebs generell zu tun hat. So hat er stets die Wahrscheinlichkeit des Überlebens parat.
Im Nebenzimmer, Kopf an Kopf sozusagen, zieht Mia ein, die einen Tumor am Unterschenkelknochen hat und ihrer Wut über die Ungerechtigkeit der Krankheit freien Lauf lässt und ihren Freunden eine Lügengeschichte über ihren Aufenthaltsort auftischt.
Nach einer sehr lauten Musikattacke nimmt Zac über Klopfzeichen Kontakt mit Mia auf. Doch der Start ihrer Freundschaft ist holprig, über missverstandene Zettel, eine etwas verunglückte Facebook-Kommunikation und dann wird Mia nach der Chemo entlassen. Mit ihrer ehrlichen Art fehlt sie Zac, der aufgrund einer Erkältung noch länger in Isolation verbringt - ohne seine Mutter. Dann kehrt Mia zurück und wird operiert - mit für sie unerträglichen Folgen, für die sie ihre Mutter verantwortlich macht. Viel mehr will ich an der Stelle nicht verraten!
Die Wut, der Schmerz und die Ungerechtigkeit, die sie empfindet, und die Unfähigkeit, sich selbst annehmen zu können, führen sie schließlich zur Olivenfarm von Zacs Familie. Die grundverschiedenen Teenager nähern sich in dieser für Mia ungewohnten Umgebung an und schließlich gelingt es ihnen, sich für kurze Zeit gegenseitig Halt zu geben.
Der Roman wird jeweils aus der Ich-Perspektive von Zac und Mia erzählt, wobei zunächst Zacs Sicht und im weiteren Verlauf der Handlung Mias Perspektive im Vordergrund stehen. Das Schlusswort hat Zac und der Epilog spannt einen gelungenen Bogen zum Beginn der Geschichte.

Bewertung
Obwohl die Thematik eine ähnliche ist, ist das ein völlig anderer Roman als "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", der wesentlich emotionaler erzählt, die Figuren ganz dicht an die Leser/innen heranrücken lässt und der mit der Suche nach dem Autor Peter Van Houten in Amsterdam neben der "Liebesgeschichte" noch einen weiteren Handlungsstrang hat.

Der vorliegende Roman hingegen ermöglicht den Leser/innen eine größere Distanz. Denn trotz der Ich-Perspektive erlebt man die Emotionen desjenigen, dem es gerade schlechter geht, immer aus der Sicht des anderen mit. Viele Gefühle und Gedanken werden nur angedeutet und es obliegt den Leser/innen, sie zu interpretieren. Dadurch ist die Geschichte zwar nicht so emotional aufwühlend, der Kampf gegen den Krebs und die Tatsache, dass er Mias und Zacs Leben bestimmt, wird jedoch sehr einfühlsam geschildert. Wie schwierig und vor allem überlebenswichtig es ist, sich auf den jeweils anderen einzulassen, wenn man so doch so viel mit sich selbst zu tun hat, wird sehr subtil erzählt. Mias verzweifelter Kampf, ihren Körper mit der Krankheit anzunehmen, ein neuen Lebensentwurf zu beginnen, berührt ebenso, wie Zacs verzweifelter Versuch, sich nicht vom Krebs unterkriegen zu lassen. Die sich entwickelnde Liebe - auch hier ein Kontrast zu "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" - ist ein wichtiger Teil der Handlung, steht jedoch nicht im Vordergrund.

Der Roman schildert empathisch und sensibel, wie wichtig das gegenseitige "Halten" und Mut machen ist, um den Kampf gegen eine unberechenbare Krankheit, die weder mit Wut noch mit Statistiken zu bändigen ist, aufzunehmen.

Ein lesenswerter Roman!



Donnerstag, 3. Dezember 2015

Krystyna Kuhn: Monday Club. Das erste Opfer.

Ein Jugendroman, auch für Erwachsene.

Inhalt:
Faye lebt in Bluehaven, einer scheinbar perfekten Kleinstadt und gehört zu einer der wohlhabenden Familien vor Ort. Sie ist gut aussehend, intelligent, wird in einem Jahr ihren High School Abschluss machen und dann nach Harvard gehen. Ihr einziges Problem ist, dass sie sehr schlecht schläft und deshalb auch schon in Behandlung gewesen ist. Bei Dr. Meyers -einer Freundin ihrer Tante Liz, die auch gleichzeitig die Ärztin in Bluehaven ist und sich um sie kümmert, da Fayes Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist.
Sie hat einen smarten Freund, Josh Lancaster, der ebenfalls einer der einflussreichen Familien angehört. Diese Familien gehören dem geheimnisumwobenen Monday Club an, der caritativ arbeitet, dessen Sitzungen aber der Geheimhaltung unterliegen.

Freitag, 30. Oktober 2015

Ted Staunton - Who I am not

- Von Lügen und anderen Wahrheiten.
 Basierend auf einem realen Kriminalfall.

Inhalt:
Der Ich-Erzähler des Jugendkrimis ist ein 15jähriger Junge, weiß nicht, wer er wirklich ist:
"Es ist einfacher, wenn ich euch erzähle, wer ich nicht bin. Ich bin weder Kerry Ludwig noch Sean Callahan.
(...) Und Danny Dellmondo bin ich auch nicht, egal, was ich gesagt habe. Wäre ich Danny, würde ich das jetzt nicht erzählen, oder?" (S.9)
 Seit er zurückdenken kann, hat er bei Pflegefamilien gelebt. Er nennt das die "Böse Zeit", da er entweder geschlagen, schlecht behandelt oder auch von seinen Pflegeeltern missbraucht wurde.
Bis er den Kleinkriminelle Harley trifft, der sich seiner annimmt, angeblich, weil man mit ihm Geld machen kann. Die beiden freunden sich an und für den Jungen ist er so etwas wie ein Vaterersatz. Dann stirbt Harley bei einer Betrügerei und der Ich-Erzähler landet wieder bei den Sozialbehörden.

Samstag, 29. August 2015

Tamara Bach: Was vom Sommer übrig bleibt

Genre: Jugendbuch

Inhalt
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive der 17-jährigen Louise und der 13-jährigen Jana erzählt, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie in den Sommerferien sich selbst überlassen sind.
Louises Eltern müssen sehr viel arbeiten, haben kaum Zeit für ihre Tochter und sind immer müde, Geld für einen Urlaub scheint auch nicht da zu sein. So jobbt Louise als Zeitungsausträgerin, Bäckereiaushilfe und versorgt den Hund ihrer Oma, um sich Geld für den Führerschein zu verdienen, den sie ebenfalls in den Ferien machen will.
Janas Bruder Tom liegt im Koma im Krankenhaus, er hat sich aus unerfindlichen Gründen von einer Brücke gestürzt. Die Eltern sind getrennt und die Mutter nimmt Jana überhaupt nicht mehr wahr, so dass sie zuhause immer wieder verschwindet und sich teilweise auf potentiell gefährliche Situationen einlässt. Dabei begegnen sich die beiden Mädchen und nach einigen zufälligen Treffen machen sie eine gemeinsame ungeplante Autofahrt (erinnert ein wenig an "tschick"), die aber nur einen Tag und eine Nacht dauert. Am Ende zeichnet sich ab, dass beide trotz des Altersunterschieds in Zukunft Freundinnen werden, da sie das "als ob" verbindet - die Freude an Fantasiewelten und die Vorstellung, was wäre wenn....