Sonntag, 19. Februar 2017

Philipp Kerr: Winterpferde

- eine berührende Geschichte über ein mutiges Mädchens.

Gebundene Ausgabe, 288 Seiten
Rowohlt, 21.Oktober 2015
Empfohlenes Alter: ab 13 Jahre


Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar!

"Viele Teile dieser alten Geschichte wurden zusammengesetzt wie die Scherben einer kaputten Vase. (...) und selbst wenn einige Teile dieser Geschichte nicht ganz genau so gewesen sind, dann hätten sie doch genau so sein können, und das ist viel wichtiger. (S.7)



Inhalt
Im Sommer 1941 verlässt die gesamte Belegschaft des Staatlichen Naturreservates Askania-Nowa, das in der Ukrainisch-Sozialistischen Sowjetrepublik liegt und seltene Tierarten beheimatet - unter anderem die Urpferde, die sogenannten Przewalskis, die schon auf Höhlenmalereien zu sehen sind. Nur der alte Max, eine Art Zoowärter, bleibt, denn das Reservat ist seine Heimat. Es ist

"ein entlegener, verzauberter Ort mit einem Zoo und einer offenen Steppe, die mehr als dreihundert Quadratkilometer umfasst." (S.12)

Quelle: wikipedia
Gegründet würde es von einem Deutschen, dem Baron Falz-Fein, der vor den Kommunisten fliehen musste und der Max immer freundlich behandelt hat. Daher spricht Max auch Deutsch und wird von den SS-Leuten und deren Hauptmann Grenzmann geduldet. Als Grenzmann erfährt, dass es echte Hannoveraner im Stall gibt und Max etwas von Pferden versteht, ernennt er ihn zu seinem Stallburschen. Doch für die seltenen Urpferde kann er sich nicht begeistern, er hält die hässlichen Pferde für eine zum Aussterben bestimmte Rasse - er argumentiert dabei mit dem Gesetz des Stärken von Charles Darwin - Rassentheorie auf Pferde übertragen.

Gleichzeitig mit der Besetzung der SS-Truppen durchstreift das jüdische Mädchen Kalinka Askania-Nowa, sie hat sich mit einem Pferdepaar angefreundet.

"Kalinka war eines frühen Morgens aufgewacht, nachdem sie die Nacht eingewickelt in eine zerrissene Decke, unter einem Moosbeerenbusch verbracht hatte, weil eines der Pferde - eine Stute - über ihr stand. Instinktiv hatte Kalinka gewusst, dass das Pferd trotzt seiner Wildheit mit ihr Freundschaft schließen wollte." (S.21)

Kalinkas gesamte Familie fiel den ethnischen Säuberungen in Dnipropetrowsk zum Opfer, durch einen glücklichen Zufall konnte sie fliehen und in das 350 Kilometer südlich gelegenere Reservat fliehen. Während ihr auffällt, wie unglaublich klug und listig die außergewöhnlichen Pferde sind, erhält Hauptmann Grenzmann aus Berlin Weisung, die seltenen Tiere zu erschießen, da sie nicht den Rassestandards der Nazis entsprechen.
Er rechtfertigt sich vor Max, der heftig protestiert, damit, dass er nur den Befehl ausführe.

"Sie sind der Mann, der entscheidet. (...) Ich glaube, man hat immer eine Wahl. Das ist das, was uns zu Menschen macht." (S.50)

Während der Tötungsaktion, die Max zu verhindern sucht, gelingt Kalinka mit dem Pferdepaar die Flucht und sie lernt den alten Mann dabei kennen. Obwohl er versucht, sie zu schützen, muss sie mit den beiden Tieren und Max Hund Taras das Reservat verlassen. Sie macht sich auf den Weg gen Südost, wo sie hofft, auf die Rote Armee zu treffen. Eine spannende Verfolgungsjagd beginnt, in der sowohl die Tiere als auch Kalinka ihre Klugheit und Tapferkeit unter Beweis stellen müssen.

Bewertung
Der Roman erzählt von einem mutigen Mädchen, das einen besonderen Draht zu diesen außergewöhnlichen Tieren hat und für deren Rettung es unermüdlich kämpft. Ein gutes Jugendbuch, das die Grausamkeit des Krieges und die furchtbaren Taten der SS-Truppen nicht verschweigt, aber altersgemäß erzählt - abwechselnd aus der Sicht Max und Kalinkas.

Bemerkenswert ist, dass der Erzähler pauschale Verurteilungen meidet und ein differenziertes Bild der "Deutschen" zeigt. So hat der künstlerisch begabte Hauptmann Grenzmann durchaus seine sympatischen Seite und hegt eine große Liebe für einen Hannoveraner, gleichzeitig ist er in der Lage grausam zu agieren und keine Gnade walten zu lassen.
Seine Männer

"wollten nichts lieber als ihre Gewehre und Uniformen wegwerfen und nach Deutschland zurückkehren, um dort einer ehrlichen Arbeit nachzugehen, falls so etwas überhaupt möglich war, und so tun, als wäre nichts von alldem je passiert." (S.117)

Das entschuldigt in keinster Weise ihre Verbrechen, aber ihre Normalität abseits der blutigen Taten wird thematisiert und problematisiert. Max denkt auch an den sowjetischen Geheimdienst, von dem er wegen seiner Arbeit für den Baron verhört und gefoltert wurde.

"Auch in ihm waren ganz normale Männer gewesen. Max fand, dass das nicht viel Gutes über die Menschheit im Allgemeinen sagte." (S.117)

Der Roman vermittelt die Erkenntnis, dass Kultiviertheit nicht mit Menschlichkeit gleichzusetzen ist, wie im Falle des Hauptmanns deutlich wird.
Der junge Mann, der sich selbst für zivilisiert hält und eigentlich Jura studieren wollte, kommt mit der Kriegssituation und der Verbrechen, die er begangen hat, nicht zurecht. Doch statt sich diesen zu widersetzen, lässt er seine Wut darüber an den Schwächeren aus und macht sie dafür verantwortlich. Seine Strategie, um der Erkenntnis, dass er Unrechtes verübt hat, aus dem Weg zu gehen.

Aber der Roman verzichtet auf ein Schwarz-Weiß bzw. Gut-Böse-Denken, das macht ihn besonders und sensibilisiert Jugendliche darüber nachzudenken, warum Menschen so handeln konnten und können.
Es finden sich auch positive Vorbilder im Roman, wie ein deutscher Wachpolizist, der sich den Befehlen widersetzt und Kalinka hilft, oder der Baron, der als Tier- und Menschenfreund beschrieben wird. Deshalb ermutigt Max sie in einem Brief, den er ihr mit auf die Reise gibt, Hass nicht mit Hass zu beantworten und erinnert sie daran, dass es auch gute Menschen unter den Deutschen gibt.

Man könnte der Geschichte vorhalten, dass die Story zum Ende hin sehr actionreich wird, der Schluss selbst etwas rührselig ist und die Botschaft recht plakativ daherkommt. Aber man muss auch bedenken, dass es für Jugendliche verfasst ist und da ist ein versöhnliches Ende ebenso wichtig wie eine klare Botschaft, umso mehr, wenn das den Wunsch weckt, sich weiterhin mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Für mich ein guter Jugendroman gegen das Vergessen!

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