Donnerstag, 23. Februar 2017

Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch

- ein Klassiker der Kinderliteratur, für den Kipling u.a. 1907 den Literaturnobelpreis erhielt.

Lesen mit Mira

gebundene Ausgabe, 192 Seiten
Knesebeck, 7.Oktober 2013
illustriert von Robert Ingpen

Das Dschungelbuch besteht eigentlich aus zwei Bänden, der erste ist ursprünglich 1894 erschienen und erzählt die Abenteuer von Mowgli (in dieser Übersetzung "Mogli"). Er umfasst drei Erzählungen mit sich anschließenden Liedtexten.
Auf diesen Geschichten basiert der gleichnamige bekannte Walt Disney Film, der Motive des Buches zu einer neuen Geschichte verarbeitet hat und dessen Zielpublikum aufgrund der Fröhlichkeit und der lustigen Lieder eindeutig Kinder sind. Ich habe da sofort den rundlichen Bären Balu vor Augen, im Ohr "Probier´s mal mit Gemütlichkeit".

Der zweite Band enthält vier weitere Erzählungen, die unabhängig voneinander sind und in keinem Zusammenhang mit dem Mogli-Erzählungen stehen. Protagonisten sind meist einzelne Tiere.
Heute werden die beiden Bände in der Regel zusammen publiziert, dessen waren Mira und ich uns nicht bewusst und haben uns darüber gewundert, dass Mogli in den weiteren Geschichten nicht mehr auftaucht.

Die Mogli-Geschichten

Im Gegensatz zu der lustigen und fröhlichen Verfilmung zeichnen die Erzählungen ein weitaus grausameres Bild des Dschungels, deren Bewohner bestimmten Gesetzen und Regeln unterworfen sind.
Mogli gelangt als kleines Kind, das gerade laufen kann, zur Familie Wolf, die selbst vier Junge haben. Verfolgt wird Mogli vom Tiger Shir Khan, der die Herausgabe des Menschenkindes fordert. Doch Mutter Wolf weigert sich das wehrlose Kind, das so vertrauensvoll zu ihr gekommen ist, herauszugeben und prophezeit dem von Geburt an lahmen Tiger:

"Das Menschenjunge gehört mir, Langri - mir ganz allein. Es wird nicht getötet! Es soll leben, um mit dem Rudel zu laufen und zu jagen, und am Ende - sieh dich vor, du großer Jäger kleiner, nackter Jungen, du Froschfresser und Fischfänger! - am Ende wird es dich jagen!" (S.18)

Sie nennt das Findelkind Mogli, was "Frosch" bedeutet, weil es im Gegensatz zu ihren Kindern nackt ist.
Alle Jungen müssen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, dem Rudel vorgestellt werden, um aufgenommen zu werden. Die Wölfe sehen sich selbst als freies Volk an, die nur ihrem Rudelführer gehorchen, dem Stärksten, der seine Kräfte bei der Jagd unter Beweis stellen muss.
Akela, der Rudelführer, lässt auch über Moglis Zugehörigkeit zum Rudel entscheiden. Aufgrund Balus Fürsprache, der eine Stimme in der Ratsversammlung der Wölfe hat, und Baghiras Einschreiten, der Mogli in das Rudel "einkauft", wird er aufgenommen und von Balu fortan in den Gesetzen des Dschungels unterrichtet. Er und Baghira werden neben den Wolfsbrüdern Moglis beste Freunde.
Doch Shir Khan hat seine Schmach nicht vergessen und will sich an Mogli rächen, indem er das Rudel entzweit. Mit Hilfe der "roten Blume", dem Feuer, das nur die Menschen beherrschen, kann Mogli sich wehren und kehrt daraufhin zu seinesgleichen zurück.

In der 2.Erzählung wird im Rückblick das Abenteuer mit den Affen erzählt. Das Affenvolk, die Bandar-log, erscheinen als chaotisches Volk ohne Führung, Regeln und Gesetze und werden von den Dschungelbewohnern nicht beachtet. Daher entführen sie Mogli, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Um Mogli zu retten, arbeiten Baghira und Balu mit der Schlange Kaa zusammen, die besonders gefährlich und grausam ist.

In der letzten Erzählung kehrt Mogli zu den Menschen zurück und erfüllt die Prophezeiung von Mutter Wolf. Er muss jedoch erkennen, dass er aufgrund seiner "wölfischen" Sozialisation im Dschungel ein Außenseiter bleiben wird, aber auch innerhalb des Wolfrudels bleibt ihm ein Platz verwehrt.
"Aber er blieb nicht für immer allein. Denn als er Jahre später ein Mann geworden war, heiratet er. Aber das ist eine Geschichte für Erwachsene." (S.94)

Die weiteren Erzählungen
1. Die weiße Robbe

Das Robbenjunge Kotick ist aufgrund seiner weißen Farbe ebenfalls ein Außenseiter, das jedoch einen Traum hegt. Es möchte einen Platz finden, an dem die Robben nicht mehr von den Menschen abgeschlachtet werden. Obgleich bittere Wahrheit, ist die Szene, in der Kotick mitansieht, wie seine Spielkameraden von den Menschen in die Irre geführt und grausam getötet werden, sicherlich nicht für Kinder geeignet - zumindest nicht in der dargestellten Brutalität. Da würde ich als Mutter den Text etwas verändern wollen.

Doch die Geschichte zeigt, wenn man nur beharrlich an seinem Traum festhält und danach strebt, ihn zu verwirklichen, kann man sein Ziel erreichen. Auch wenn sich Kotick mit Gewalt gegen seine Widersacher durchsetzen muss, so dass sein Fell blutgetränkt ist.

Quelle wikipedia
2. Rikki-Tikki-Tavi

In dieser Fabel steht vorwitziger und pfiffiger Mungo im Vordergrund, der innerhalb einer Familie im Sugauli-Distrikt heimisch geworden ist und sie mit Hilfe zweier Webervögel vor gefährlichen Schlangen bewahrt.

3. Elefanten-Toomai

Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht der Junge Toomai, doch er wächst nicht im Dschungel auf, sondern als Sohn eines Elefantenführers. Dieser befehligt den majestätischen Elefanten Kala Nag, was "Schwarze Schlange" bedeutet, der dazu eingesetzt wird, wilde Elefanten zu jagen und zu fangen.
Die sozialen Unterschiede innerhalb der stark hierarchisch gegliederten Gesellschaft des kolonialisierten Indiens werden in dieser Erzählung besonders deutlich. Als Toomai im Elefantengehege aushilft, ist sein Vater wütend, da er die niedere Arbeit eines Elefantenjägers verrichtet hat:
"Du hast da eine Arbeit gemacht, die dieses schmutzige assamesische Dschungelvolk machen soll." (S.151)

Doch der Junge bricht aus dieser starren Struktur aus und kann aufgrund eines einzigartigen Abenteuers einen neuen Platz einnehmen.

4. Die Diener ihrer Majestät
Die letzte Geschichte fand ich sehr seltsam. Da unterhalten sich verschiedene Kriegstiere über die Vor- und Nachteile ihrer Aufgabe. Es sprechen die beschränkten Ochsen stolz von ihrer Kanone, die sie ziehen, oder das Kavalleriepferd, das seinem Reiter blind in der Schlacht vertraut. Sie repräsentieren die hierarchischen Strukturen des englischen Militärs, gleichzeitig aber auch dessen Beschränktheit?
Nur der Elefant stellt das Kämpfen und den Krieg ansatzweise in Frage, indem er das Blutvergießen thematisiert, dass die anderen Tiere zu verdrängen suchen.


Bewertung
Liest man das Dschungelbuch, insbesondere die Geschichten um Mogli, stehen die Abenteuer, die Entwicklung und der Mut des Jungen im Vordergrund, ebenso wie seine Erkenntnis, dass er ein Außenseiter in beiden Welten bleiben wird.

Für Kindergeschichten sind sie mir persönlich etwas zu grausam. Einerseits gefallen mir die Regeln im Dschungel, die das Zusammenleben der unterschiedlichen Tiere ermöglichen und Frieden und Gerechtigkeit stiften, andererseits sind sie letztlich auf das Recht des Stärkeren ausgerichtet, wie auch die anderen Erzählungen und Fabeln sehr deutlich zeigen. Der Mungo tötet die Schlange, die Robbe bekämpft ihre Widersacher - der Stärkere, aber auch Klügere setzt sich durch. Darwin lässt grüßen!

In der letzten Geschichte erscheint Kipling offensichtlich als Vertreter des Imperialismus. 1865 in Bombay geboren, hat er seine Kindheit und Jugend in England, größtenteils in einer Pflegefamilie verbracht - mit ähnlich traumatischen Erlebnissen, wie sie auch Edward Feathers in "Ein untadeliger Mann" beschreibt. Später kehrte er jedoch nach Pakistan und Indien als Journalist und Schriftsteller zurück.
In seinem Gedicht "The White Man´s Burden" vertritt Kipling die Auffassung, die Kolonialmächte, müssten die "Bürde für die Entwicklung der Menschen in den Kolonien auf ihre Schultern nehmen." (Quelle: wikipedia) Diese Einstellung ist in einigen Szenen zu spüren und für mich heute sehr befremdlich.

Die Geschichten um Mogli haben mir am besten gefallen und sind heute immer noch für Kinder geeignet, da sich in ihnen sich die Faszination, die der indische Dschungel und seine tierischen Bewohner ausüben, widerspiegelt.
Bei den übrigen Fabeln bin ich mir da nicht so sicher - gerade die letzte würde ich Kindern nicht vorlesen. Im Austausch mit Mira haben wir beide festgestellt, dass vor allem die Fabeln sehr grausam sind und uns weniger als die Mogli-Geschichten angesprochen haben.

Gelungen finde ich in dieser Ausgabe die wunderschönen Illustrationen von Robert Ingpen, die mir viel besser als bei Peter Pan gefallen haben.

Hier geht es zu Miras Besprechung.

1 Kommentar:

  1. Wow, Tina, was für eine ausführliche Rezi, die du hier hinterlegt hast. Sehr schön. Die Tiergeschichten fand ich auch recht grausam, andererseits ist das die Realität, wie Robben tatsächlich abgeschlachtet werden. Für größere Kinder finde ich das in Ordnung. Wie kann man eine Welt sonst besser machen, wenn man Probleme wie diese verschleiert? In dieser Beziehung ist das die Tierwelt, die arg unter der Menschenhand leidet. Da ich diese Realität schon kenne, hatte ich selbst keine Lust mehr, darüber nochmal zu lesen.
    Liebe Grüße, Mira

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