Samstag, 18. August 2018

Hélène Gestern: Der Duft des Waldes

- Spurensuche in Briefen und Bildern.

Eine Lektorin des S.Fischer Verlages war so freundlich und hat mir ein Rezensionsexemplar dieses Romans angeboten und zukommen lassen. Was für ein Glück, denn er hat mich über eine Woche völlig in seinen Bann gezogen und mit Freude habe ich das, was die Protagonistin über die Geschehnisse der Vergangenheit Schritt für Schritt herausfindet, mitverfolgt.

Worum geht es?
Der Historikerin Elisabeth Bathori, deren große Liebe vor zwei Jahren unter tragischen Umständen gestorben ist und die immer noch mit der Rückkehr ins "normale" Leben kämpft, werden Briefe, Postkarten und Bilder eines französischen Frontsoldaten aus dem 1.Weltkrieg angeboten.

"Mir lag das Album eines poilu vor, eines Frontsoldaten, der während des Ersten Weltkriegs zweieinhalb Jahre lang Postkarten und selbstaufgenommene Fotos vom Alltag in den Schützengräben verschickt hatte. Außerdem hatte er fast jede Woche seiner Schwester geschrieben und dem berühmten postsymbolischen Dichter Anatole Massis, der offenbar sein bester Freund gewesen war. Der Fundus war von unschätzbarem historischem Wert" (11).

Der "Schatz" gehört Alix de Chandelar, 89 Jahre alt, und stammt von ihrem Onkel Alban de Willecot. Da sie nicht will, dass dieser ihrem "nutzlosen" Enkelsohn in die Hände fällt, hat sie entschieden, ihn Elisabeth anzuvertrauen, die für das Institut für Fotogeschichtsschreibung des 20.Jahrhunderts arbeitet.

Elisabeth erwirbt den historischen Schatz für das Institut und freundet sich in den wenigen Monaten, die bis zum Tod der alten Dame vergehen, mit ihr an, und erbt von ihr überraschenderweise deren Haus in Jaligny-sur-Besbre. In dem abgeschiedenen Haus, in dem "der Duft des Waldes" zu riechen ist, vertieft sie sich in die Briefe Willecots und findet durch die Arbeit einen Weg, ihre Trauer zu überwinden.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt, gerichtet an ein Du, an den verlorenen Geliebten der Protagonistin. Daneben stehen die Briefe Alban, einen Eindruck von der wachsenden Verzweiflung Albans an der Front und seine Erkenntnis, dass man seine Menschlichkeit verliert und der Krieg sinnlos erscheint. 1916 hat er die Hölle von Verdun erlebt.

"Und weißt Du, was das Schlimmste ist, Anatole? Man gewöhnt sich daran. Man gewöhnt sich an diese Routine, die daraus besteht, dem Tod entgegenzugehen oder den Tod zu bringen. Nach den ersten paar Tagen springen wir nun alle mit Geschrei aus unseren Löchern, als hätten wir ein Leben lang nichts anderes gemacht." (29)

Neben den Briefen hat Alban seinem seinem Freund Anatole Massis auch Bilder vom Alltag der Frontsoldaten schickt - anscheinend finden auch unentwickelte Filme trotz Zensur ihren Weg zum Dichter und werden von diesem heimlich entwickelt. Was zeigen sie? Und wo befinden sich diese Bilder? Welches Ziel verfolgen die beiden Freunde damit?
Als der Enkel Anatoles Kontakt mit Elisabeth aufnimmt, schöpft sie die Hoffnung auf die Antwort-Briefe des Dichters, die angeblich beim Brand des Wohnhauses von Blanche de Borges, der Schwester Alban de Willecots, in Othiermont verloren gegangen sein sollen. Statt dessen erhält sie eines der heimlich aufgenommenen Bilder, das neue Fragen aufwirft.

Neben der Ich-Perspektive und den Briefen bilden erzählte Passagen, die Elisabeths Hypothesen abbilden, was damals geschehen sein könnte, eine weitere Erzählebene, ebenso wie Dianas Tagebuch, die eine Freundin oder Geliebte (?) Albans gewesen ist.

In alten Briefen Alix´findet Elisabeth einen Hinweis, der sie zu Violeta Mahler nach Lissabon und die Leser*innen zu einem weiteren Handlungsstrang in den 2.Weltkrieg führt, der sehr komplex mit dem ersten verwoben ist.

Violetas Mutter Suzanne gelang mit ihrem Onkel Ari während der Besatzung Frankreichs die Flucht nach Lissabon, während ihre jüdische Mutter Tamara bis heute als verschollen gilt. Warum hat sie ihr einziges Kind im Stich gelassen? Auf der Suche nach Antworten stieß Suzanne auf den Namen Victor Ducreux, der Sohn Dianas.

Violeta besitzt das verschlüsselte Tagebuch Dianas, das sie Elisabeth überlässt und deren Inhalt immer neue Überraschungen bereit hält, so dass Elisabeths Hypothesen permanent revidiert werden müssen, bis am Ende die "Wahrheit" endlich ans Licht kommt.

Durch Violeta lernt die Historikerin deren Bruder Samuel kennen, in den sie sich verliebt - auch dessen Vergangenheit birgt ein Geheimnis, das enträtselt werden will.

Bewertung
Ein inhaltlich sehr komplexe Geschichte über Freundschaft und Liebe, Verrat und Betrug, über die Erinnerung und den Wunsch, die Wahrheit herauszufinden, und vor allem über die Grausamkeiten des Krieges. Über Gerechtigkeit, die einigen Soldaten posthum widerfährt und über dunkle Flecken, auch in der Militärgeschichte.

Die Figuren aus der Vergangenheit, die in den Briefen, im Tagebuch und auch in einzelnen Kapiteln erscheinen, wirken authentisch - nur der Dichter bleibt blass, aber auch das hat seinen Sinn, wie sich am Ende herausstellt. Gestern hat einerseits die weiblichen Figuren in den Vordergrund gestellt, die Historikerin mit ihrer Trauer und die jugendliche starke Diana, die in einer männerdominierten Welt keine Chance hat, ihre Träume auszuleben. Die heimlich ihr Abitur machen muss und deren mathematische Begabung sich nicht entfalten darf.
Andererseits liegt der Fokus auf dem 1.Weltkrieg, auf das, was Alban in den Schützengräben erlebt, was er fotografisch eigentlich nicht festhalten darf und wie er mit seinen Bilder das Gestellte entlarvt. Dass Gesterns Fachgebiet die Fotografiegeschichte ist, zeigt sich in ihren detailgetreuen und profunden Beschreibungen der Postkarten und Bilder.
Was mich fasziniert hat, sind die vielen Wendungen, die sich aufgrund neuer Funde und der akribische Quellenarbeit der Protagonistin ergeben, die eine neue Sichtweise eröffnen, eine andere Lesart ermöglichen. Damit verdeutlicht sie implizit und explizit an der Figur der unsympathischen "Wissenschaftlerin" Joyce Bennington, die Anatole und Alban ein homosexuelles Verhältnis unterstellt, wie gefährlich und unseriös es ist, voreilig Schlüsse zu ziehen, die sich nicht entsprechend belegen lassen.

Eine packende, wenn auch sehr komplexe Geschichte (daher die Figurenkonstellation ;)), die beim Lesen Aufmerksamkeit fordert, die berührt und betroffen macht.

Vielen Dank an den S.Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mittwoch, 8. August 2018

George Saunders: Lincoln im Bardo

- ein außergewöhnlicher Roman.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman wurde 2017 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet, Grund genug ihn im Rahmen einer Leserunde gemeinsam zu diskutieren. Obwohl ich viel und quer lese, habe ich solch eine Art zu erzählen noch nicht erlebt. Aus einer historischen Begebenheit strickt Saunders "eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust, die jede bisher bekannte Form des Romans sprengt." (Klappentext)

Der historische Hintergrund

Im amerikanischen Bürgerkrieg, in der Nacht vom 20. Februar 1862, stirbt Abraham Lincolns 11-jähriger Sohn Willie, den er über alles geliebt hat. Lincoln soll nach der Beerdigung zum Friedhof zurückgekehrt sein, um seinen Sohn ein letztes Mal in den Armen zu halten. Während der Vater trauert, wird seine Kriegsführung kritisiert und man unterstellt ihm mangelnde Führung. Auf beiden Seiten sind hohe Verluste zu verzeichnen, daher lässt Saunders Lincoln auf dem Friedhof über den Sinn dieses Krieges reflektieren.
Die historischen Gegebenheiten sind aus zeitgenössischen Quellen, fiktiven und realen, montiert, die sich wie ein Fließtext lesen lassen - trotz der Quellenangaben.

Dass diese Quellen nicht immer verlässlich sind, zeigt zum Beispiel eine Gegenüberstellung der Aussagen über das Aussehen des Mondes in der Nacht, in der Lincoln ein Bankett gegeben hat, während sein Sohn schon fieberte.

"goldene Mond, der pittoresk über der Szenerie hängt - In jener Nacht schien kein Mond" (28)

Der geisterhafte Hintergrund

"Willie Lincoln befindet sich im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, in tibetischer Tradition Bardo genannt." (Klappentext)

Dort geistern die Toten, die ihren Tod nicht wahrhaben wollen und daran glauben, ins Leben zurückkehren zu können. Ihre "Kranken-Gestalt" liegt in einer "Kranken-Kiste". In der Dämmerung wandeln sie in einer Erscheinung über den Friedhof, die ihre Innerstes zum Ausdruck bringt. Erst wenn sie ihre Illusionen verlieren, verschwinden sie mit einem "[d]urch Mark und Bein dringenden Feuerball, der mit dem Phänomen der Materienlichtblüte" (123) einhergeht.

Die häufigsten Stimmen, die zu Wort kommen, sind die
  • von Hans Vollmann, einem Drucker, der von einem Balken erschlagen wurde, kurz bevor seine Frau zugestimmt hat, endlich mit ihm das Bett zu teilen. Eine Erfahrung, auf die er immer noch hofft. Willie beschreibt seine Erscheinung:
"Ganz schön nackt    Glied angeschwollen auf die Größe von   Konnte gar nicht woandershin gucken" (40)
  • von Roger Bevins III, einem homosexuellen jungen Mann, der sich aus Liebeskummer die Adern aufgeschlitzt hat und der im Moment des Sterbens erkennt:
"Erst jetzt (wo ich schon fast durch die Tür war, sozusagen) wurde mir klar, wie unsagbar schön alles war, wie akkurat zu unserem Vergnügen eingerichtet, ich begriff, dass ich kurz davorstand, ein wundersames Geschenk zu verschleudern" (37)
  • von Reverend Everly Thomas, der weitergegangen ist und zurück in den Bardo gekehrt ist. Was hat er gesehen?
Das Problem, das die Geister haben, ist, dass Kinder nicht im Bardo verweilen dürfen. Das ist nicht vorgesehen und führt zu drastischen Maßnahmen...
Willie wartet jedoch auf seinen Vater. Nachdem dieser seine "Kranken-Gestalt" aus der "Kranken-Kiste" genommen, angefasst und versprochen hat, wieder zu kommen, will er bleiben.
Auch die anderen sind voller Hoffnung und wollen mit diesem Jungen reden, denn noch nie hat jemand die "Kranken-Gestalt" berührt. Sie hoffen vielleicht, dass er zurückkehren kann und sie mitnimmt?

Eine Kakophonie aus Stimmen erhebt sich - alle wollen ihre Geschichten erzählen, die die zeitgenössischen politischen, moralischen und religiösen Einstellungen der Zeit widerspiegeln - die Geister als Abbild der amerikanischen Gesellschaft.

Erzählweise

Der Roman besteht einerseits aus den montierten Quellen, die die historischen "Fakten" erzählen, andererseits aus den Gesprächen auf dem Friedhof, wobei unter jeder Aussage der Name der Figur zu lesen ist, die gesprochen hat. Das gleicht einem Theaterstück, wobei das Erzählte im Präteritum steht und die Figuren wiedergeben, was andere gesagt haben.

"Dass du immer noch hier bist, ist beeindruckend, sagte der Reverend zu dem Knaben.
Heroisch geradezu, fügte ich an.
Aber unklug, sagte der Reverend.
                                   hans vollmann" (135)

Dadurch entsteht eine kritische Distanz, weil das Geschehen nicht unmittelbar "mit-"erlebt wird. Gleichzeitig wird uns die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt, was wiederum zu dem Abbild der Gesellschaft passt.

Bewertung

Ein experimenteller Roman, der sich erstaunlich gut lesen lässt und den man, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen will. Zu amüsant sind die "Dialoge" zwischen den Geistern, deren Treiben teilweise einem Klamauk gleicht. Das ist jedoch nur vordergründig so. Saunders stellt auch die Vorstellungen von Himmel und Hölle satirisch auf den Kopf und bezieht eindeutig politisch Stellung gegen den Rassismus. Beklemmend ist eine Szene, in der eine ältere schwarze Sklavin für eine stumme, junge schwarze Frau erzählt, wie diese vergewaltigt und misshandelt wurde - wie ein Stück Vieh, weil jeder Weiße es mit ihr machen durfte.
Oder wie ein Sklave, der immer gut behandelt wurde, erkennt, dass er sein Leben lang nie das machen durfte, was er wollte, sondern Befehlen gehorchte.

Ein gelungenes Experiment und für mich eine besonderes Lese-Highlight!

Freitag, 3. August 2018

John Irving: Bis ich dich finde

- Suche nach dem Vater.

Lesen mit Mira

Den umfangreichen Roman Irvings, von dem ich noch eine alte Ausgabe des Diogenes-Verlages besitze, habe ich gemeinsam mit Mira gelesen, wobei wir ihn gesplittet haben. Die erste Teil - Ende Juni, die restliche 580 Seiten im Juli. Aufgrund der Pause fiel es mir zunächst schwer wieder in die Handlung hineinzufinden, doch beim Weiterlesen zog mich die Geschichte wieder in ihren Bann und es zeigte sich, dass die losen Fäden des 1.Teils im 2. wieder aufgenommen und verknüpft werden.

Worum geht es?

I Die Nordsee

"Laut seiner Mutter war Jack Burns bereits ein Schauspieler, bevor er Schauspieler wurde, doch die lebhaftesten Erinnerungen an seine Kindheit waren die an jene Augenblicke, in denen er den Drang verspürte, sich an der Hand seiner Mutter festzuhalten. Das waren die Augenblicke, in denen er nicht spielte." (11)


Jack Burns, als Erwachsener ein bekannter Schauspieler, ist der Sohn von William Burns, einem sehr talentierten Organisten aus Edinburgh, der die junge Chorsängerin Alice in Leith schwängert, Tochter des legendären Tätowierers Aberdeen-Bill. Doch statt sich der Verantwortung für seinen Sohn Jack zu stellen, flieht William nach Kanada, Halifax, um dort einerseits die Orgel zu spielen und andererseits ein weiteres Mädchen unglücklich zu machen. Ein Muster, das sich in jeder Stadt, in die er flieht, zu wiederholen scheint. Und Alice reist ihm nach. Zunächst nach Halifax, wo sie ihre Tätowierkünste bei Charlie Snow und Matrosen- Jerry verfeinert, weiter nach Toronto, wo ihr Mrs. Wicksteed unter die Arme greift. Sie beauftragt auch Caroline Wurtz, eine junge Lehrerin der St.Hilda Schule, an der auch William unterrichtet hat, Alices schottischen Akzent auszumerzen. Die Wurtz, wie Jack sie nennen wird, bleibt eine der Konstanten in seinem Leben - und nicht nur in seinem.

Als Jack vier Jahre ist, im Jahr 1969, beschließt Alice ihren "Mann" in Europa zu finden, um ihn "mit seiner Pflicht und Schuldigkeit" (14) zu konfrontieren. Jack ist bereits als Kind der Überzeugung, sein Vater sei für immer fort und habe ihn vergessen - ein Umstand, der sein Leben entscheidend prägt.

"Es ist mir egal, ob wir ihn finden oder nicht!" schrie er seine Mutter an. "Ich hoffe, wir finden ihn nicht!" (73)
"(...) die Suche nach seinem Vater ein Traum war, allerdings ein Traum, der niemals aufhörte." (99)

Diese Suche nach dem Vater ist das Schlüsselmotiv des Romans und erklärt den Titel, dessen Bedeutung in all seinen Facetten erst vom Ende her zu entschlüsseln ist.

Da William, nachdem er sich erstmalig von Alices Vater Musiknoten hat tätowieren lassen, tintensüchtig geworden ist, fügt der Musikmann in jeder Stadt seinem Körper weitere Tatoos hinzu.

So hat Alice einen Anhaltspunkt und lernt nebenbei die berühmtesten Tätowierer Europas und die Organisten der jeweiligen Kirchen kennen, in denen William spielt.
In jeder Stadt stehen somit die Tätowierer und ihre Kunst ebenso wie eine bestimmte Kirche und deren Orgel im Mittelpunkt.

Der Erzähler weist uns immer wieder darauf hin, was der vierjährige Jack von all den Ereignissen mitbekommt und versteht. Viele Jahre später wird sich herausstellen, dass seine Erinnerungen äußert lückenhaft und unvollständig sind. So glaubt er, eine Prostituierte sei eine "Frau, die Männer Ratschläge gebe, wenn diese Schwierigkeiten hätten, Frauen im allgemeinen oder eine Frau - möglicherweise ihre Frau - im besonderen zu verstehen." (126)

Ihr Weg führt sie von Kopenhagen, wo Alice ihren Künstlernamen - Tochter Alice - kreiiert, nach Stockholm, von dort nach Oslo, Helsinki und schließlich nach Amsterdam - dort endet die Reise. Aus welchen Gründen soll Jack ebenfalls erst viele Jahre später, als er die Reise wiederholt, erfahren.

II Das Meer von Mädchen
Zurück in Toronto besucht er die "konfessionelle Mädchenschule" St.Hilda, die Jungen in den ersten vier Schuljahren aufnimmt. Dort wird der Grundstein seiner Fixierung auf ältere Frauen gelegt - unter den Mädchen ist der bildhübsche Junge eine Herausforderung. Besonders ein Mädchen hat es auf ihn abgesehen - Emma Oastler, die sieben Jahre älter ist als er und deren Freundschaft ihn über viele Jahre begleiten wird. Es ist eine Beziehung der besonderen Art - mit einer sexuellen Komponente, die recht skurril erscheint und Jacks Entwicklung vorantreibt.
In der Schule entdeckt Jack seine Liebe zum Theater, von Miss Wurtz erhält er den Hinweis das Herz eines "Einmannpublikums" zu rühren.

"Jacks Einmannpublikum war natürlich sein Vater." (225)

Herausragend ist er zunächst in Frauenrollen, was ihn im späteren Leben immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob er ein Transvestit sei und eine Parallele zum Roman "In einer Person" darstellt, dessen Protagonist seine Bisexualität entdecken muss, während Jack eindeutig heterosexuell veranlagt ist.

Während seiner Schulzeit entfremdet er sich von seiner Mutter, die ihr eigenes Studio in Toronto eröffnet und eine feste Beziehung eingeht. Sie erkennt nicht, dass er sexuell missbraucht wird - ein Umstand, den er auch erst als Erwachsener aufarbeitet...
Bevor er auf eine Jungenschule geschickt wird, soll er ringen lernen, damit er sich wehren kann. Eine Sportart, in der sehr gut wird und die ihm viele Vorteile einbringt.

III Glück - V.(Dr.Garcia)
In der Jungenschule Redding, USA, kommt er unerwartet gut zurecht.

"Man geht in eine Land, das einem fremd ist oder fremd erscheint, und man nimmt seine Probleme mit, aber trotzdem paßt man dorthin. Jack hatte noch nie irgendwohin gepaßt." (396)

In Exeter, seiner nächsten Schule, erkennt er, dass er kein Intellektueller ist und entscheidet sich Schauspieler zu werden, während Emma Schriftstellerin wird. 16 Jahre wird er in L.A. wohnen, bevor er sich erneut auf die Suche macht - bis er ihn findet. Dazu muss er jedoch erst seiner Selbst gewiss werden und die Wahrheit über die Reise und über seine Mutter herausfinden.

Bewertung
Der erste Teil erinnert an einen Roadtrip durch Nordeuropa, die verzweifelte Suche nach Jacks Vater, die im IV.Teil wieder aufgenommen wird. Die Wiederholung offenbart ein völlig neues Bild der Ereignisse und letztlich ist Jack weniger auf der Suche nach seinem Vater, sondern auf der Suche nach sich selbst. Wie ist eine Entwicklung unter diesen Vorzeichen möglich? Wer sagt die Wahrheit?
Er ist ein schräger Vogel, wie alle Figuren Irvings und was die sexuellen Erlebnisse anbetrifft, erscheint vieles unglaubwürdig - als sei Irvings Fantasie mit ihm durchgegangen. Vor allem die Zeit in St.Hilda wirkt skurril, ist jedoch so satirisch überzeichnet, dass man sie kaum Ernst nehmen will - trotz der Übergriffe auf Jack.
In seiner Widmung richtet sich Irving an seinen jüngsten Sohn, und hofft, er werde eine bessere Kindheit haben als die im Roman beschriebene!

Während die Handlung in der Mitte an Fahrt und Intensität verliert, gelingt es Irving mit Jacks erneuter Reise nach Europa die Spannung bis zum Schluss wieder aufzubauen.
Es ist ein Trip durch Tatoosstudios, Kirchen und die Orgelmusik, durch die Filme und die amerikanische Gesellschaft der 2.Hälfte des letzten Jahrhunderts und vor allem - ein Seelentrip.

Irvings Erzählweise überzeugt auch dieses Mal, mir gefällt sein Ton, der über skurrile Szenen hinweg trägt und der einfach Spaß macht. Irving bricht Tabus und tritt damit für Toleranz ein - warum sonst hätte er sich einen Schauspieler als Protagonist aussuchen sollen, der gerne Frauenkleider anzieht und trotzdem kein Transvestit ist. Der eine Vorliebe für ältere Frauen hat und es mag, wenn sein Penis gehalten wird - und trotzdem sensibel mit seiner besten Freundin umgeht. Der Umgang der Medien mit Jack macht deutlich, wie schnell sie den gängigen Vorurteilen unterliegen. Irving hält der Gesellschaft einen Spiegel vor - wie in allen Romanen, die ich bisher von ihm gelesen habe. Dieser wird sicher nicht mein letzter sein ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Diogenes, 1140 Seiten
2006 erschienen