Dienstag, 27. Juni 2017

Lars Vasa Johansson: Anton hat kein Glück

- ein Märchen für Erwachsene.

Gebundene Ausgabe, 416 Seiten
Rowohlt, 21. Oktober 2016

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Diesen Roman haben Mira und ich auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt. Beim Lesen des Klappentextes hat er uns beide gleichermaßen angesprochen, so dass wir uns entschieden, ihn gemeinsam zu lesen. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht.


Inhalt

Anton ist ein Zauberer mit mäßigem Erfolg, der in Altersheimen, auf Festen und kleineren Veranstaltungen auftritt. Zu Beginn der Geschichte feiert er seinen 45. Geburtstag - allein auf einem Rastplatz, die einzigen Gratulanten, die ihn morgens angerufen haben, sind seine Eltern. Wie es scheint, macht ihm das nichts aus, doch im Verlauf der Handlung blickt man hinter die gleichgültige Fassade des Ich-Erzählers Anton.
Der Berufszauberer - stolz darauf, den Beruf auszuüben zu können, der ihm Spaß macht, erweist sich als egoistischer, nörgelnder und unsympathischer Zeitgenosse, den niemand vermissen würde. Einer, der von Neid erfüllt ist und von der Frage umgetrieben wird, warum er keinen Erfolg hat.

Neidisch ist er vor allem auf Sebastian. In Rückblicken erzählt er, dass die beiden als Jugendliche gemeinsam ein Zauberprogramm auf die Beine gestellt haben und aufgetreten sind. Zuerst wenig erfolgreich, bis sie tatsächlich Geld damit verdienen konnten.
Anton lernte nach einer Zaubervorstellung Charlotta kennen, verliebte sich und die beiden wurden ein Paar. Der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch auch, dass Anton sehr wenig von sich preisgibt und seinen Mitmenschen wenig Empathie entgegenbringt. So hört er Charlotta kaum richtig zu, bietet Sebastian zwar ein Zuhause, dessen Vater Alkoholiker ist, ist jedoch eher daran interessiert, dass sie weiter zusammen auftreten können.
Um sich ganz der Zauberei hinzugeben, "opfert" er Charlotta, die statt dessen mit Sebastian zusammenkommt. Die Wege der beiden Jungen trennen sich und während Anton als mittelmäßiger Zauberer kaum noch Engagements ergattern kann, haben Sebastian und Charlotta Erfolg und werden reich.

In dieser kritischen Lebensphase verirrt sich Anton im Naturschutzgebiet Tiveden National Park, weil ein rotes Chesterfield Sofa mitten auf der Straße steht, so dass er einen Autounfall hat. Auf seinem Weg durch den Wald ignoriert er mehrere Warntafeln, überschreitet eine "Salzlinie" und trifft auf ein kleines Mädchen, das ihn bittet ihm sieben verschiedene Blumen zu pflücken. Da er es eilig hat und ein Telefon sucht, weigert er sich ihr zu helfen.
Ein fataler Fehler, denn sie ist eine Waldfee, die ihn mit einem Todesfluch belegt. Das erklären ihm Gunnar und Greta, zwei Nachfahren der Hexen, die in einem kleinen Häuschen im alten Wald leben und diesen vor Straßenläufern (Touristen) beschützen. Von nun an wird Anton immer Unglück haben, bis er sich das Leben nehmen will. Die darauffolgenden Tage sind tatsächlich von skurrilen Unglücksfälle geprägt, die jedoch sehr lustig zu lesen sind.
Dabei lernt Anton Jorma kennen, einen jungen Mann, der sich auf einer Liebesquest befindet und der im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen wird. In seiner Verzweiflung kehrt Anton zu den beiden Alten zurück und sie erklären ihm, dass er den Todesfluch lösen kann, indem er drei Aufgaben bewältigen muss, so wie sich das für ein Märchen gehört. Erst dann kann die Königin des Waldes mit der Fee vereinbaren, den Fluch aufzuheben. Widerwillig lässt sich der Zauberer Anton auf die "echte" magische Welt ein. Seine ständigen Begleiter sind ein Spray und Gunnars selbst gebackene Biskuitrolle, die vor bösen Geistern und Flüchen schützen sollen.
Wird er die Aufgaben lösen und geläutert von seiner Heldenreise zurückkehren?


Bewertung
Gestern Abend haben Mira und ich telefoniert und uns hat der Roman gut gefallen. Beide haben wir den Protagonisten zu Beginn als unsympathisch empfunden, denn den Bewohner*innen des Altenheims bringt er während seines Auftritts keinen Respekt entgegen, schikaniert die Pflegerin und beschwert sich auch im Hotel permanent. Er ist ein echter Nörgler, der im Selbstmitleid ertrinkt und neidisch auf den Erfolg seiner ehemals besten Freunde schielt.
Während der Aufgaben, die er zu bewältigen hat, wird er jedoch geläutert. Er durchläuft eine Quest, eine Heldenreise, die ihn letztlich zu einem besseren Menschen macht, da waren wir uns einig.
Indem er sich mit seinem Verhalten und seiner Lebenssituation auseinander setzen muss, erkennt er, wie er sich anderen gegenüber verhält. Die nörgelnde alte Hexe, der er helfen muss, spiegelt sein Verhalten ebenso wider wie der Tränentriefer, dem er am Ende begegnet und der sich selbst zutiefst bemitleidet. Jorma, der seiner Freundin nachtrauert und in der Vergangenheit verhaftet ist, erscheint in der Hinsicht als Alter Ego des Protagonisten, wobei Jorma sich seine Empathie und Mitmenschlichkeit bewahrt hat.
Die Moral der Geschichte kommt in der Szene mit dem Tränentriefer für meinen Geschmack etwas zu deutlich daher und das Ende ist überaus positiv, zu positiv, wie auch Mira fand. Allerdings handelt es sich um ein Märchen und da ist nun mal am Ende alles gut.

Der phantastischen Anteile - die "echte" Magie, gegen die sich Anton lange wehrt, die mythologischen Figuren, wie das Miststück und der Tränentriefer, sind besonders gelungen und kleiden die Moral in ein Augenzwinkern. Die vielen skurrilen Situationen sorgen für gute Unterhaltung und Lesegenuss.

Ein Warnung am Ende:
Der Roman macht eine unbändige Lust auf gefüllte Biskuitrolle, die so oft erwähnt wird, das man dem Wunsch, sie sofort essen zu wollen, irgendwann nicht mehr widerstehen kann ;)

Ein schöner Roman, der uns auf unterhaltsame und lustige Weise erzählt, wie wir dem Tränentriefer entkommen:

"Je mehr ich lächelte, desto leichter konnte ich mich seiner destruktiven Energie entziehen." (S.375)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Paul Auster: Mann im Dunkel

- der eine düstere Parabel über den Krieg ersinnt.

Gebundene Ausgabe, 220 Seiten
Rowohlt, 1.April 2010


Inhalt
Der 72-jährige August Brill liegt nachts in seinem Bett und kann wieder einmal nicht schlafen. Er lebt nach einem Unfall im Haus seiner 47-jährigen Tochter Miriam, die vor fünf Jahren von ihrem Mann verlassen wurde. Auch deren Tochter Katya liegt wach. Sie studiert an der Filmakademie in New York, hat aber aufgrund eines traumatischen Ereignisses, das mit dem Tod ihres ehemaligen Freundes Titus Small zusammenhängt, ihr Studium unterbrochen. Ein Ereignis, das auch der alte Mann nicht vergessen kann.

"Ich denke oft an Titus´Tod, die entsetzliche Geschichte dieses Todes, die Bilder dieses Todes, seine verheerenden Folgen für meine Enkelin, aber dorthin will ich jetzt, kann ich jetzt nicht gehen, ich muss ihn so weit von mir fernhalten wie möglich." (S.10)

Statt dessen flüchtet sich August in eine selbst erdachte Geschichte, die einen Großteil des Romans ausmacht. Es ist eine Parabel über den Krieg.

Der junge Owen Brick, von Beruf Zauberer erwacht im Jahr 2007 in einem zylindrischen Erdloch, aus dem er nicht entkommen kann - keine Szene für Klaustrophobiker*innen. Er weiß nicht, wo er sich befindet und wie er in diese Situation geraten ist. Im Hintergrund hört er Kriegsgeräusche und plötzlich taucht ein Sergeant auf, befreit ihn und teilt ihm mit, dass sich die USA im Bürgerkrieg befänden. Statt dessen stehen die Twin Towers noch und im Irak herrscht kein Krieg.

"Bürgerkrieg, Brick. Weißt du denn gar nichts? Er geht schon ins vierte Jahr. Aber jetzt, wo du aufgetaucht bist, wird es bald vorbei sein. Du bist der Mann, der das Ende bringt." (S.17)

Seine Aufgabe besteht darin, den Mann zu töten, der sich diese Geschichte ausdenkt, die dann zur Wirklichkeit wird. Der Autor als Erfinder von Realitäten, von parallelen Welten, die neben der unseren existieren.
(Diese Theorie der parallelen Welten, formuliert von Giordano Bruno im 16. Jahrhundert, liegt auch der Fantasy-Reihe von Philip Pullman zugrunde.)

Ausgerechnet seine Jugendliebe, die einst unerreichbare Virginia Blaine, hat ihn in jene Welt geholt. Zurück in seiner eigenen soll er "August Brill" töten, damit der Krieg in der parallelen Welt beendet ist. Der Literaturkritiker Brill taucht in seiner eigenen Geschichte auf, er ist es, der getötet werden muss, damit der erdachter Krieg in der parallelen Welt beendet werden kann.
Eine Parabel darauf, dass Kriege von Menschen verursacht werden, in den Gedanken der Mächtigen entstehen? Auch in der parallelen Welt herrscht Krieg, sogar im Land selbst. Und der Autor der Geschichte sieht "schwarz" - es wird keine Hoffnung geben.

Parallel zu der erdachten Geschichte denkt der Schlaflose über die gemeinsamen Filmnachmittage mit seiner Enkelin nach, in die er sich flüchtet, weil er seit dem Tod seiner Frau Sonia nicht mehr in der Lage ist, an seiner Familiengeschichte weiterzuschreiben.

"Sich in einen Film zu flüchten ist etwas anderes, als sich in ein Buch zu flüchten. Bücher zwingen einen, ihnen etwas zurückzugeben, den Verstand und die Phantasie zu gebrauchen, wohingegen man einen Film im Zustand geistiger Passivität sehen und auch genießen kann." (S.25)

In den Filmen sind es die Frauen, die "die Welt auf ihren Schultern tragen." (S.33)
Im Gegensatz zu den Männern, die die Kriege verantworten und darin kämpfen?

Eine weitere nächtliche Beschäftigung, um die Gedanken an Sonia zu vertreiben, ist, Miriams Manuskript zu lesen, die sich mit der Autorin Rose Hawthorne beschäftigt. Einer mittelmäßigen Dichterin, die jedoch eine Zeile geschrieben hat, die August gefällt:

"Und die wunderliche Welt dreht sich weiter." (S.59)

- trotz der Kriege, der Grausamkeiten, die sich die Menschen einander antun. Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen.

"Das Thema diese Nacht ist der Krieg" (S.146)

So denkt August an seine letzte Europareise zurück, an die Geschichten über den Krieg, die ihm begegnet sind.

  • Eine Literaturlehrerin, die sich in Belgien im 2.Weltkrieg einer Widerstandsgruppe angeschlossen hat und im KZ exekutiert wurde.

Eine Szene, nach der ich den Roman aus der Hand legen musste und die aufsteigenden Bilder am liebsten verbannt hätte.

  • Die Rettung einer jüdischen Familie als positivem Gegenentwurf zur vorherigen Erinnerung.
  • Eine Geschichte über einen Doppelagenten aus dem Kalten Krieg.

"Kriegsgeschichten. Kaum verlässt man für einen Augenblick seine Deckung fallen sie über einen her, eine nach der anderen..." (S.146)

Bevor August sich wieder mit dem grausamen Tod Titus im Irak-Krieg beschäftigt, erzählt er seiner Enkelin Katya, die auch nicht schlafen kann, die Geschichte seiner Liebe zu Sonia, von ihrer ersten Verliebtheit, der Trennung - er hatte Sonia für eine andere verlassen - und ihrer zweite Beziehung, bis diese lange Nacht vorüber ist.


Bewertung
Paul Auster erzählt mehr als eine Geschichte in diesem Roman. Neben der Parabel auf den Krieg, die erdachte Geschichte seines Protagonisten, reflektiert der Ich-Erzähler über sein eigenes Leben. Im Fokus steht seine große Liebe Sonia, der Verlust ihrer Ehe und sein Werben um die Frau, mit der er alt werden will. Er verschweigt die Tücken des Ehelebens - das Auseinanderleben, der Wunsch, wieder Neues zu entdecken - und des Alterns dabei nicht.
Ein wohltuende Episode in dem ansonsten düsteren Roman, der viele grausame Bilder aufsteigen lässt und ein dunkles Bild unserer Gesellschaft zeichnet.

Die Kriegsszenerie, die Unausweichlichkeit des Krieges, der die Geschichte durchzieht und auch in der parallelen Welt herrscht (vielleicht einer von vielen), ist das, was nach dem Lesen bleibt und wach rüttelt. Jeden Tag bestimmen Kriegsbilder die Nachrichten, man nimmt sie oftmals gar nicht mehr wahr. Indem Auster jedoch einzelne Personen ins Rampenlicht stellt und ihr furchtbares Schicksal schonungslos erzählt, führt er uns die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges brutal vor Augen.

Bisher habe ich von Auster nur die schöne Hundegeschichte "Timbuktu" gelesen, doch dieser Roman hat mich davon überzeugt, noch weitere von ihm lesen zu wollen.





Montag, 19. Juni 2017

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

- ein mutiger Liebesroman.

Gebundene Ausgabe, 208 Seiten
Diogenes, 22. März 2017


Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt

"Und dann kam der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Waters klingelte." (S.7)

Mit dieser Aussage beginnt die ungewöhnliche Beziehung zwischen Addie und Louis, denn sie unterbreitet ihm den Vorschlag:

"Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen." (S.9)

Das "Und" zu Beginn der ersten Aussage zeigt, dass sich Addie dieses Angebot lange überlegt und gezögert hat, es auszusprechen.

Schließlich bringt sie den Mut auf, es geht ihr nicht um Sex, sondern darum
"die Nacht zu überstehen" (S.9), mit jemandem zu reden und nicht mehr einsam zu sein.

Addie ist 70 Jahre, Louis noch etwas älter und beide sind verwitwet. Sie leben in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado (in der alle sechs Romane des Autors spielen) und wohnen einen Häuserblock voneinander entfernt. Dieses ungewöhnliche "Arrangement" wird sie zwangsläufig zum Gerede der Leute machen. Doch Addie reagiert auf Louis Bedenken, der am ersten Abend über den Hintereingang kommt, gelassen.

"Ich habe mir das genau überlegt - es ist mir egal, was die Leute denken. Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss." (S.13)

Louis, ehemaliger Lehrer in Holt, wird nach der ersten gemeinsamen Nacht, in der er überhaupt nicht schläft, krank - Harnwegsinfektion. Addie reagiert verletzt, da sie glaubt, er wolle nicht mehr kommen. Als sie ihn im Krankenhaus besucht, klärt er das Missverständnis auf und sobald er gesund ist, verbringt er erneut die Nacht gemeinsam mit Addie. Langsam werden sie sich vertrauter, er lässt seinen Pyjama und seine Zahnbürste bei ihr und benutzt den Vordereingang. Sie zeigen sich in der Öffentlichkeit und eröffnen sich nachts ihre Geheimnisse, reden sich ihre Sorgen von der Seele.

Addie spricht vom tragischen Unfalltod ihrer Tochter Connie, von den Vorwürfen, die sich ihr kleiner Sohn Gene gemacht hat; davon, dass Carl, ihr Mann, diesen Tod nie verwunden und seinen Sohn nicht mehr wahrgenommen hat, dass ihre Ehe dadurch sehr gelitten und sie seit Jahrzehnten keinen Sex mehr hatte.

Louis erzählt von seine außerehelichen Affäre, davon, dass er Diane und seine Tochter Holly verlassen hat, aber wieder zurückgekehrt sei und dass er es bereut, sie verletzt zu haben; von der schmerzhaften Krebserkrankung seiner Frau und ihrem leidvollen Tod.

Addies Enkelsohn Jamie unterbricht ihre Zweisamkeit, seine Eltern haben sich getrennt und daher verbringt er die Ferien bei seiner Großmutter. Doch der Junge vertieft ihre Bindung, er fasst Vertrauen zu Louis und als dieser ihm die Hündin Bonny schenkt, kann Jamie wieder ruhig und ohne Alpträume schlafen.

Als der Sommer zu Ende geht, verändert sich ihr idyllisches Leben...

Bewertung
Ein mutiger Roman, der ein Tabuthema aufgreift. Die Tatsache, dass sich viele alte Menschen einsam fühlen und gerne jemanden zum Reden oder eben abends in ihrem Bett neben sich haben möchten. Und dass auch der Wunsch nach Sexualität immer noch da ist.
Doch kaum einer oder eine bringt tatsächlich den Mut auf, den Schritt zu tun, den Addie gewagt hat. Bewundernswert, sich nicht um das zu kümmern, was die anderen sagen. Warum auch? Ist sie nicht alt genug, um zu wissen, was gut für sie ist? Wem verletzt sie damit, außer gängige Konventionen? Unverständlich, dass ihr Sohn so unsensibel reagiert, aber auch realistisch. Die eigenen Eltern in einer neuen Rolle wahrzunehmen scheint schwer zu fallen. Statt es seiner Mutter zu gönnen, erpresst er sie? Hat er selbst nicht gelernt zu lieben, nagt die Zurückweisung seines Vaters an ihm?

Ein wunderbar leiser Roman, der unaufgeregt von gemeinsamen Tagen berichtet, den Alltag schildert, das Leben so wie es ist, erzählt und zeigt, wie zwei Menschen Vertrauen zueinander aufbauen, sich gegenseitig in ihrer Einsamkeit beistehen und ihre "Seelen bei Nacht" öffnen.

"Wer hätte gedacht, dass wir in unserem Alter noch einmal so etwas erleben. Dass noch längst nicht alle Veränderungen und Aufregungen hinter uns liegen, wie sich herausstellt. Dass wir noch nicht körperlich und geistig vertrocknet sind." (S.163)

Zwei alte Menschen, die bereits gelebt haben, ein Leben, das nicht ihren Erwartungen entsprochen hat und die dennoch ein spätes Glück finden.

"Wer bekommt denn schon das, was er sich wünscht? Nicht viele, wie mir scheint, wenn überhaupt. Immer sind es zwei Menschen, die blindlings aufeinanderstoßen und alte Ideen und Träume und falsch verstandene Erkenntnisse ausleben. Allerdings finde ich nach wie vor, dass dies nicht für dich und mich gilt. Jedenfalls nicht hier und jetzt. " (S.145)

Am Ende schildert er schonungslos, dass dieses Glück nicht akzeptiert wird - ausgerechnet von den Jungen. Man wünscht Addie und Louis, dass sie wieder zueinander kommen und den Mut nicht verlieren.

Ein Roman, der berührt und bei dem ich oft inne gehalten habe, um über einzelne Sätze nachzudenken und der viel zu kurz ist!

Eine klare Leseempfehlung!

Sonntag, 18. Juni 2017

E.O.Chirovici: Das Buch der Spiegel

Wer sagt die Wahrheit?

Quelle: pixabay
Hörbuch von audible

gesprochen von Jonas Nay, Stephan Kampwirth, Volker Lechtenbring, Sebastian Rudolph und Sasche Rotermund

8 Stunden und 15 Minuten





Inhalt

1.Teil
Der Literaturagent Peter Katz erhält per Email ein Manuskript von Richard Flynn, in dem dieser von wahren Ereignissen aus dem Jahr 1987 berichtet. Er verspricht den Mordfall des berühmten Professors Wieder in Princeton aufzuklären, der jetzt über 20 Jahre zurückliegt. In dem Auszug aus dem Manuskript erzählt Richard, dass die junge Laura Baines, eine begabte Mathematikstudentin bei ihm eingezogen ist und ihn mit dem Professor bekannt gemacht hat. Dieser bot ihm einen Job an - seine umfangreiche Bibliothek mithilfe eines Computerprogramms zu erfassen und zu sortieren. Richard, der eine Liebesbeziehung mit Laura unterhielt, war eifersüchtig auf den Professor und glaubte, er habe ein Verhältnis mit Laura. Zudem arbeite Wieder an einem geheimen Projekt, in dem es um traumatische Erinnerungen von Soldaten gehe. Sehr mysteriös. Richard erwähnt auch den Handwerker Derek, der unter retrograder Amnesie leidet und der für den Professor Reparaturarbeiten erledigt. Wieder hatte ihn einst begutachtet und ihm eine Schizophrenie bescheinigt, dadurch musste Derek, der des Mordes an seiner Frau verdächtigt wurde, nichts ins Gefängnis. In der forensischen Psychiatrie wurde er von einem Patienten niedergeschlagen und verlor sein Gedächtnis. Aus Nächstenliebe nahm sich der Professor seiner an und Derek war es auch, der die Leiche des Professors an einem Wintermorgen gefunden hat.
Das Manuskript bricht vor der Schilderung der Mordnacht ab, so dass Peter Katz versucht, Richard Flynn zu kontaktieren. Er kommt jedoch zu spät, denn Flynn stirbt an den Folgen einer Krebserkrankung und das Manuskript ist nicht auffindbar. Richard Flynn galt anfangs als Tatverdächtiger, doch letztlich konnte der Mord an Wieder nie aufgeklärt werden.

2.Teil
Besessen davon, die Wahrheit herauszufinden, beauftragt Katz den befreundeten Journalisten John Keller damit, die Beteiligten von damals ausfindig zu machen und Licht in die Ereignisse zu bringen.
Der findet heraus, dass sich Wieder einen Namen als psychiatrischer Gutachter gemacht hat und dass Laura Baines ihren Namen in Westlake geändert hat und inzwischen Professorin für Psychologie ist. Sie spricht nur unter der Voraussetzung mit Keller, dass sie vorher Richards Manuskript lesen darf.
Laura stellt die Ereignisse fast konträr zu der Erzählung Flynns dar. Während Richard behauptet, Lauras Exfreund habe sie verfolgt und ihr nachgestellt, behauptet Laura, sie habe nie eine Liebesbeziehung mit Richard gehabt und er sei es gewesen, der ihr und ihrem Freund gefolgt sei, nachdem dieser eine Zeit lang in Europa studiert habe. Auch habe sie nie eine Affäre mit dem Professor gehabt, sondern lediglich seine Arbeit unterstützt. Keller unterhält sich auch mit Derek, der wiederum behauptet, in der Mordnacht habe es einen heftigen Streit zwischen dem Professor, Laura und Richard gegeben, da Richard deren Affäre entdeckt habe. Und er sei sich sicher, dass Richard den Professor umgebracht habe.
Wem soll Keller glauben?
Nach den Gesprächen mit Lauras ehemaliger Freundin und dem ermittelnden Detective in dem Fall - Roy Freeman - scheint dieser immer komplizierter zu werden, da sich alle Aussagen widersprechen. Keller entdeckt zudem, dass ein verschollenes Buch, das der Professor veröffentlichen wollte, unter Laura Westlakes Namen erschienen ist. Hat sie es gestohlen und den Professor ermordet? Oder sich Richards bedient?

3.Teil
Der letzte Teil wird vom inzwischen pensionierten Detective Freeman erzählt, dem es letztendlich gelingt den Fall aufzuklären und der erkennt, dass alle Beteiligten sich geirrt haben und ihre Wahrnehmungen von den eigenen Obsessionen verzerrt waren.

Bewertung
Ein gelungener Krimi, indem alle Aussagen einer Person von der nächsten widerlegt werden und man irgendwann überhaupt nicht mehr weiß, wer lügt und wer die Wahrheit gesprochen hat. Schritt für Schritt setzen sich die Puzzleteile zusammen und ergeben ein Gesamtbild des Mordes, an dem - so viel sei hier verraten - mehrere beteiligt waren. Das Verbrechen ist sehr vielschichtig und in jedem Teil wird eine Schicht abgetragen, bis die Tat am Ende in ihrer Gesamtheit sichtbar wird.

Unglaublich spannend, kunstvoll komponiert und als Hörbuch von den einzelnen Sprechern sehr gut gelesen. Man sollte es allerdings nicht mit vielen Pausen oder "nebenbei" hören, da die Handlung kompliziert ist und man Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren.

Ein schönes Spiel mit Sein und Schein, mit dem, was die Menschen wahrnehmen wollen und dadurch die "objektive" Wahrheit verzerren.





Freitag, 16. Juni 2017

Volker Kutscher: Lunapark

- der sechste Fall für Gereon Rath.

Gebundene Ausgabe, 557 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, 2016



Inhalt
Dies ist bereits der 6.Fall, den der unkonventionelle und eigenwillige Kriminalkommissar Gereon Rath in der Berliner Kriminalgruppe unter Ernst Gennat, der Buddha genannt, löst.
Spielte der 1.Fall noch in der Weimarer Republik, sind im Jahr 1934 die Nazis an der Macht und bauen ihren Terrorstaat aus - im Fokus stehen die Braunhemden. Der Roman spielt unmittelbar vor und während dem sogenannten Röhm-Putsch, in dem große Teile der SA liquidiert wurden.

In der Gestapo hat der ehemalige Kriminalsekretär Raths, Reinhold Gräf inzwischen Karriere gemacht hat, während Rath weiterhin vergeblich auf eine Beförderung wartet.

Im aktuellen Fall wird ein SA-Mann tot unter einer Brücke aufgefunden, an dessen Pfeiler die Parole:

"ARBEITER WEHRT EUCH! TOD DEN HITLERFASCHI..." (S.17)

unvollständig gepinselt wurde. Die Vermutung liegt nahe, dass das Opfer Hermann Kaczmarek, ein SA-Rottenführer, die Kommunisten dabei gestört hat, die Parole zu vollenden und dafür mit seinem Leben bezahlen musste.
Neben dem Morddezernat ermittelt auch die Gestapo in dem Fall, für Rath äußerst ungewöhnlich, der eine gemeinsame Arbeit mit der Politischen Polizei immer schon abgelehnt hat.
Bei der Durchsuchung der Wohnung des Toten stößt Andreas Lang, Raths Kriminalsekretär, auf ein kleines Waffenarsenal und eine hohe Summe Geld. Wie kommt ein einfacher SA-Rottenführer zu solch einer Summe? Daneben findet Lang auch ein Foto, auf dem der Tote gemeinsam mit Hermann Lapke zu sehen ist, dem ehemaligen Chef der Nordpiraten, eines kriminellen Ringverbandes, der unter den Nazis zerschlagen wurde und anscheinend im SA-Sturm 101 im Wedding aufgegangen ist. Des Weiteren ist Erich Sperling auf der Fotografie zu sehen, der zum Feldjägerkorps gehört, die schwarze Schafe in der SA aufspüren sollen - eine interessante und nützliche Verbindung.
Die Gestapo ist an dem Fall deshalb interessiert, da die Parolen überall in der Stadt auftauchen und sie vermutet ein nach Moskau emigrierter Kommunist sei zurückgekehrt.
Zeitgleich taucht die junge Alex Reinhold bei Charly Rath auf. Alex Bruder, ein Kommunist, stand einst unter Verdacht einen SA-Mann getötet zu haben. Hängen diese Ereignisse zusammen?
Charly hatte in einem anderen Fall Alex zur Flucht geholfen, denn sie hat ein Herz für Straßenkinder. So kommt es, dass sie und Gereon Fritz Thormann, eine Waise, als Pflegekind angenommen haben.

Der 13jährige Junge möchte unbedingt Mitglied in der Hitlerjugend werden und bringt folgendes Argument vor:

"Weißt du eigentlich, wie peinlich das ist?", sagte er, und sein Stimme war kurz davor, sich zu überschlagen. "Ich bin der Einzige in unserer Klasse, der noch nicht dabei ist. Der Einzige! Weißt du, was ich mir alles anhören muss?" (S.31)

Trotzdem ist Charly dagegen, während Gereon die HJ als harmlose Pfadfindertruppe abtut. Sein mangelndes politisches Interesse scheint zunehmend gefährlicher für ihn zu werden, während Charly die neue Situation gut einschätzen kann.

Als Gereon Rath den Obduktionsbericht erhält, ist er sicher. Das ist kein politischer Mord, denn Hermann Kaczmarek ist an einem Glasauge erstickt - und erst nach seinem Tod so übel zugerichtet worden. Wie kommt das Glasauge Walter Spindlers in Katsches, der Spitzname Kaczmareks - Luftröhre - was hat der Kommunist Spindler mit dem Fall zu tun?
Des Weiteren findet Raths Sekretärin heraus, dass fast alle Mitglieder des SA-Sturmes 101 ehemalige Nordpiraten sind, anscheinend hat ihr Chef Hermann Lapke nach der Säuberungsaktion seine Truppe in die SA überführt und geht weiterhin seinen Geschäften - Waffenhandel, illegale Spielcasinos - nach.
Nachdem ein weiterer SA-Mann ermordet wird, taucht ein weiterer alter Bekannte Gereon Raths auf, der mächtige Gangster Johann Marlow. Die beiden verbindet eine lange - für einen Polizeibeamten unheilvolle - Geschichte. Erneut bittet Marlow Rath um einen Gefallen, denn er kennt den Mörder der SA-Männer und auch das dahinter stehende Motiv.
Wird Rath darauf eingehen? Wem gilt seine Loyalität? Und welche Rolle spielt der stillgelegte Lunapark im Kriminalfall?
Der Fall nimmt noch einige unerwartete Wendungen und am Ende stellt sich heraus, dass man im Neuen Deutschland kaum noch jemandem trauen kann und offene Rechnungen beglichen wurden.

Bewertung
Kutscher zeichnet ein realistisches Bild Berlins im Jahre 1934. Die umgehende Angst, das Misstrauen, das Zerwürfnis innerhalb der Familie, wenn sich politische Einstellungen widersprechen, aber auch die Naivität derer, die glaubten, der Spuk sei bald vorüber, wird deutlich.
So gesehen ist dieser Roman auch ein Beitrag gegen das Vergessen, da er sehr deutlich die Brutalität der SA, SS und Gestapo und die Hilflosigkeit derer schildert, die noch an den Rechtsstaat glauben - obwohl längst Willkür und Terror herrschen.

Der Kriminalfall ist spannend, aber wie immer bei Kutscher sehr kompliziert. Über 560 Seiten fällt es manchmal schwer alle Handlungsfäden im Blick zu behalten. Zudem gibt es viele Anspielungen auf die vorangegangenen Fälle, Ereignisse, die mir nicht mehr so präsent waren.
Nichtsdestotrotz habe ich auch diesen Kriminalfall bis zum Ende hin mit Interesse verfolgt und mein geschichtliches Wissen aufgefrischt und einiges dazugelernt.

Die Figur Gereon Raths ist faszinierend, da er sich den einfachen Kategorien gut - böse entzieht. Zwar ist er als Kriminalpolizist auf der Seite, die Verbrecher ausfindig macht und der Bestrafung zuführen soll - doch wie immer handelt er auf eigene Faust und verfolgt eigene Ziele.
In der Zusammenarbeit mit Marlow zeigt sich zum ersten Mal, dass er sich mit einem brutalen Gangster eingelassen hat und Raths Widerwille nimmt zu, Marlow zu Diensten zu sein. Doch dieser weiß, wie er Rath auf Kurs bringen kann.
Seine politische Naivität ist nur schwer zu ertragen, Charly bietet da einen positiven Gegenentwurf, doch seine Geheimniskrämer gefährdet wieder einmal ihre Beziehung und am Ende dieses Falls kann man gespannt sein, wie es mit den beiden und dem Jungen Fritz weitergeht.

Donnerstag, 8. Juni 2017

John Irving: In einer Person

- auf der Suche nach Identität.

Taschenbuchausgabe, 734 Seiten
Diogenes, 27. November 2013


Vielen Dank an den Diogenes Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.



Inhalt
Der Schriftsteller William Abbott, fast 70 Jahre, blickt als erzählendes Ich auf sein bewegtes Leben zurück. Chronologisch erzählt er von seiner frühen Jugend bis ins Jahr 2010, greift immer wieder vor, weckt Neugier und springt zurück.

Geboren wird er im März 1942 als William Dean. Sein Vater, William Francis Dean, kämpft im 2.Weltkrieg als "Codeknacker ", heiratet 1943 seine Mutter Mary und bereits ein knappes Jahr später sind die beiden wieder geschieden, da Mary beobachtet hat, wie er eine andere Person geküsst hat,

"als sie mit mir schwanger war - möglicherweise sogar nach meiner Geburt-, und dass sie genug von der Mund-zu-Mund- Begegnung gesehen hatte, um zu wissen, dass es sich nicht um einen unschuldigen Kuss handelte." (S.25)

In der Geschichte seines Vater gibt es Unstimmigkeiten, die sich vor allem um sein Alter und seinen Verbleib drehen. Nach Billys Rechnung war sein Vater noch keine 18 Jahre, als sein Sohn auf die Welt gekommen ist und wer ist die andere Person, die er geküsst hat? Wer ist sein Vater und warum ist das Jahrbuch der Schule aus dem Jahre 1940 im Besitz seines Onkels Bob, der es nicht zurückgeben will? Welches Geheimnis verbirgt Bills schräge Familie vor ihm?

Seinem Grandpa Harry Marshall gehört das Sägewerk und das Holzlager von Fist Sister, einer Stadt in Vermont. Grandpa Harry "war ein grandioser Frauendarsteller" (S.28) - zum Leidwesen seiner konservativen Frau Victoria. Er lebt erst auf der Bühne in Frauenrollen mit entsprechender Verkleidung auf, die Jeanshose und das Holzfällerhemd, seine "Berufskleidung", hingegen wirken wie eine Tarnung. Nach dem Tod seiner Frau wird er am liebsten ihre Kleidung tragen.

"War Harry Marshall ein richtiger Transvestit? Zog Grandpa Harry sich einfach nur gelegentlich Frauenklamottten an, oder steckte mehr dahinter? Würden wir meinen Grandpa heutzutage einen verkappten Schwulen nennen, der sich nur als Frau verkleidete, wenn es gesellschaftlich statthaft war? Keine Ahnung. Wenn schon meine Generation unterdrückt war, und das war sie zweifellos, kann ich mir vorstellen, das Homosexuelle aus der Generation meines Großvaters - ob nun lupenrein oder nicht - alles daransetzten, unbemerkt zu bleiben. (S.93)

Harrys Geschäftspartner ist der Norweger Nils Borkman, der gleichzeitig die Theatergruppe First Sister Players leitet - ein Ibsen-Fan, immer bestrebt die schwierigen Stücke den Laiendarstellern nahe zu bringen.

Auch Marys ältere Schwester Muriel ist Mitglied des Ensembles und genau so nörglerisch wie ihre Mutter Vicky. Sie ist gehört zu denjenigen, für die Toleranz ein Fremdwort ist. Ihr Mann Bob ist da offener, hat jedoch ein Alkoholproblem und ist für die Auswahl der Schüler an der Favorite River Academy zuständig - einer Jungenschule, auf die Billy ebenfalls geht.

Die Theatergruppe erhält Aufwind, als 1955 der neue Englischlehrer der Favorite River Academy auftaucht - Robert Abbott, ein Shakespeare-Fan, der selbst in der Schule Theateraufführungen leiten wird, in denen Billy mitspielt.

Billys Mutter, Souffleuse der First Sister Players, verliebt sich in den 10 Jahre jüngeren Mann genauso wie Billy selbst, der es eine "Schwärmerei für die Falschen" (S.72) nennt, da ihm durchaus bewusst ist, dass ein Junge nicht für einen Mann "schwärmen" sollte. Ein Glaubenssatz, der ihm in der Schule eingetrichtert wird.

Nach der Heirat seiner Mutter mit Robert ziehen sie in die Lehrerwohnungen der Schule, dort lernt Billy Elaine kennen, deren Eltern ebenfalls unterrichten. Die beiden freunden sich an - eine Verbindung, die ihr ganzes Leben bestehen bleiben wird.

"Vielleicht könnte ich ihn einfach nur anfassen", meinte Elaine nachdenklich. "Nicht deinen nackten Ständer!", ergänzte sie rasch. "Vielleicht könnte ich ihn nur fühlen - also, durch deine Klamotten." "Klar, warum nicht?"; sagte ich möglichst beiläufig, fragte mich allerdings (noch Jahre später), ob je ein anderer Mensch seine erste sexuelle Erfahrung so gründlich ausgehandelt hatte. (S.164)

Beide hegen eine gemeinsame Leidenschaft für Billys Mitschüler Kittredge (Elaine geht auf eine Mädchenschule), einen Ringer und grandiosen Schauspieler in den Shakespeare Stücken. Sie spielen den anderen jedoch vor, sie seien ein Liebespaar.

"Wollte ich bei meinen Mitschülern bewusst den Eindruck erwecken, Elaine Hadley wäre meine Freundin? Spielte ich schon da nur eine Rolle? Ob bewusst oder unbewusst, ich benutzte Elaine zur Tarnung." (S.108)

Elaines Mutter - Billys Logopädin vertraut er seine "Schwärmereien für die Falschen" ebenso wie seinem Grandpa an, beide zeigen Verständnis für den unsicheren jungen Mann.

Dank Kittredge erhält Bill den Spitznamen "Nymphe", da er im Shakespeare Stück "Sturm" die Rolle des/der Ariel übernimmt.

"Ich glaube, dass das Geschlecht von Ariel wandelbar ist." (S.102)

Ein Vorausdeutung auf Bills Bisexualität:

"Wenn ich wollte, konnte ich auch unsichtbar sein - ein Luftgeist wie Ariel. Es gibt kein eindeutig festgelegtes bisexuelles Äußeres, aber dieses Aussehen strebte ich an." (S.200)

Neben der Leidenschaft für Kittredge ist es die Bibliothekarin Miss Frost, die Billy maßgeblich beeinflusst, nicht nur, weil sie für ihn die "passende" Lektüre bereit hält.

"Ich lernte Miss Frost in einer Bibliothek kennen. Ich mag Bibliotheken, obwohl ich Mühe mit der Aussprache des Wortes habe - im Plural wie im Singular. Offenbar fällt mir die Aussprache bestimmter Wörter äußerst schwer; überwiegend Hauptwörter: Menschen, Orte und Dinge, die mich entsetzlich aufgeregt, in schwere Konflikte oder abgrundtiefe Panik gestürzt haben." (S.11)

"Miss Frost war eine Frau mit aufrechter Haltung und breiten Schultern, mein Hauptaugenmerk allerdings galt ihren kleinen, aber wohlgeformten Brüsten. In scheinbaren Widerspruch zu ihrer mannhaften Größe und unübersehbaren körperlichen Stärke hatten Miss Frosts Brüste etwas überraschend Frisches, unwahrscheinlich Knospendes, Jungmädchenhaftes." (S.14)

Mit seiner Obsession für die Bibliothekarin legt Bill auch den Grundstein für seine weitere literarische Karriere, die er auch seinem Stiefvater verdankt, der es ihm ermöglicht hat- gegen den Widerstand seiner Mutter - einen Ausweis für die Stadtbibliothek zu erhalten und seine Liebe für das Theater geweckt hat. Miss Frost ist die erste, der er seinen Wunsch, Schriftsteller zu werden, eröffnet. Und sie ist die erste, die seine sexuelle Identität festigt, was zu einem Zerwürfnis mit seiner Familie führt.
Genau wie Billys Vater umgibt nämlich auch Miss Frost, "der Liebe seines Lebens" (S.419), ein Geheimnis. Gleiches gilt für Kittredge, dessen Leben eine unerwartete Wende nehmen wird - mehr sei hier nicht verraten.

"[A]llein auf dem College in New York [...], konnte ich mich endlich zu meinen homosexuellen Anteilen bekennen. Nach Tom [ein Mitschüler] hatte ich viele Beziehungen mit Männern. Im März 1963, kurz bevor ich erfuhr, dass ich einen Platz am Institut für Europäische Studien in Wien bekommen hatte, hatte ich mein Coming-out bereits hinter mir." (S.205)

In Wien lebt Billy auch mit einer Frau zusammen und lernt den Literaturprofessor und Lyriker Larry kennen, auch er wird ein wichtiger Freund in den nächsten Jahrzehnten, die im Zeichen der Krankheit AIDS stehen, an der viele Weggefährten Billys sterben.
Am Ende der Handlung kehrt er nach First Sister zurück, das sich zumindest den Anschein gibt, toleranter geworden zu sein - inzwischen gibt es "Gruppen für lesbische, schwule, bisexuelle und Transgender-Kids" (S.659) - und schließt die offenen Kapitel seines Lebens.


Bewertung
Dies ist mein vierter Roman von John Irving. Nachdem ich vor langer Zeit "Gottes Werk und Teufels Beitrag" gelesen habe, liegen "Die vierte Hand" und "Straße der Wunder" noch nicht so lange zurück.
Mich hat er gepackt - die Figuren sind schräg, anders, besonders und immer liegt den Romanen ein gesellschaftlich brisantes Thema zugrunde.

In diesem Roman ist es der Umgang mit Bi- und Homosexualität, mit Transsexuellen oder wie man heute sagt, Transgender. Die Hauptfigur selbst ist bisexuell mit einer Vorliebe für Männer, die wie Frauen aussehen, sexuell jedoch noch Männer sind. Damit sitzt Billy zwischen allen Stühlen.

"In dieser bitterkalten Nacht im Februar 1978 in New York mit knapp sechsunddreißig, war mir bereits klar: Meine Bisexualität bedeutete, dass Heterofrauen mich für noch unzuverlässiger als den typischen Heteromann hielten, während schwule Männer mir (aus den gleichen Gründen) auch nie ganz trauten." (S.496)

Viele Strategien werden angewandt, um die

"weitestverbreiteten Heimsuchungen mit der Wurzel auszurotten. [...] ein unangebrachtes erotisches Hingezogensein zu anderen Jungen oder Männern." (S.47)

Billys Mutter greift zu Geheimniskrämerei und zu offenen Verboten, Kittredges Mutter verführt ihren Sohn, um seine Vorliebe für das eigene Geschlecht zu beenden, die Betroffenen werden Ausgestoßene und müssen Beschimpfungen und Anfeindungen über sich ergehen lassen.

Der Roman plädiert offen für Toleranz - gegenüber all jenen, deren Sexualität von der sogenannten Normalität abweicht.

"Mein lieber Junge, bitte stecke mich nicht in eine Schublade. Ordne mich nirgends ein, bevor du mich überhaupt kennst", hatte Miss Frost zu mir gesagt; ich habe es nie vergessen. (S.722)

Gleichzeitig bietet "In einer Person" eine Kulturgeschichte der Homosexualität von den 1940er bis heute. Im letzten Drittel des Romans bestimmt vor allem die Konfrontation mit der Krankheit AIDS Billy Leben, da viele Weggefährten daran sterben.
Am Ende kehrt Billy nach Hause zurück und wird selbst Lehrer - in einer toleranten Schule, in der sogar offen ein Junge den Geschlechterwandel vollzieht. Das heißt jedoch nicht, dass die Anfeindungen und Vorurteile vollständig verschwunden sind oder jemals verschwinden werden.

Die Suche nach der eigenen Identität im binären Geschlechtermodell ist hoch aktuell. In der Serie "Billions" spielt Asia Kate Dillon zum ersten Mal eine Figur, die sich dem binären Geschlechtermodell verweigert, weder er noch sie noch es ist.

Auf Twitter sagt Dillon über sich selbst:
"My sex ist Female. My gender ist identity is Non-binary. Sex ist between legs. Identitiy ist between ears. (17:39 - 10. Februar 2017)

Erneut ein Roman von John Irving, der mich trotz seiner recht drastischen Sprache, überzeugen kann, der sich flüssig liest und trotz seines Umfangs nie langweilig wird - eine klare Leseempfehlung.

Freitag, 26. Mai 2017

Simon Mason: Mondpicknick

ein Jugendroman zum Thema Alkoholismus.

Lesen mit Mira

Gebundene Ausgabe, 302 Seiten
Carlsen, 2013


Inhalt
Martha ist 11 Jahre alt, gemeinsam mit ihrem 5-jährigen Bruder Christopher, "Tug" genannt, und ihrem Vater lebt sie in einem kleinen Haus. Vor zwei Jahren ist plötzlich ihre Mutter, eine bekannte Schauspielerin, gestorben.
Ihr Papa kann nicht über den Verlust reden, statt dessen kündigt er seine Arbeit als Kameramann, da er Abstand zu der Welt braucht, in der er seine Frau kennen gelernt hat. Auch mit den Eltern seiner Frau bricht er fast den Kontakt ab.

Das durchschaut Martha, aus deren personaler kindlicher Sicht die Ereignisse erzählt werden, jedoch nicht. Statt dessen bemerkt sie, dass ihr Vater komisch ist. Mitten in der Nacht weckt er sie und ihren Bruder, um im Park ein "Mondpicknick" zu veranstalten. Martha ist es, die sich um alles kümmert, ständig denkt sie daran, was noch zu tun ist.

" Wie üblich machte Martha im Kopf eine Liste:

  • putzen
  • Mittagessen kochen
  • nähen
  • zu Marcus gehen [Das ist ihr Freund, der eine Vorliebe für klassische Filme und schöne Kostüme hat.]
  • Papa mit dem Abendessen helfen
  • Tug baden
  • Tug vorlesen
  • ins Bett gehen" (S.20)

Da das Verhältnis zu ihren Großeltern, die sehr vernünftig und streng sind, unterkühlt ist, sucht sie dort keine Hilfe. Eine zu große Verantwortung für ein elfjähriges Mädchen, sei sie noch so vernünftig. Ihr Vater verlangt unbewusst von ihr, für Tug, der immer Hunger hat, Ersatzmutter zu sein, und für ihn selbst gleichberechtigte Gesprächspartnerin. Diese hohen Erwartungen zehren an Martha, die unter Schwindel und Kopfschmerzen leidet.

"Ich bin elf, dachte sie. Ich darf keine Angst vor der Stille oder vor der Dunkelheit haben. Ich muss einen klaren Kopf behalten und darf nicht albern sein." (S.37)

Einzige Konstante in diesem chaotischen Leben ist der Mond, den sie immer wieder betrachtet und mit verschiedenen Vergleichen versucht zu beschreiben.

Erst ein gemeinsames Abendessen mit ihrer Freundin Laura und deren Mutter offenbart das Problem, das Marthas Vater offenkundig hat - er ist Alkoholiker.
Schonungslos beschreibt Simon Mason seinen allmählichen Niedergang und die verzweifelten Versuche, dem Trinken zu widersagen.
Wird er aus Liebe zu seinen Kindern den Entzug schaffen?

Beurteilung
Ein heikles Thema, das aus der kindlichen Sicht heraus, umso schlimmer erscheint. Wenn man Marthas Vater aus ihren Augen betrachtet, wie er betrunken am Boden liegt oder unberechenbar reagiert, ahnt man, was Kinder von Alkoholikern aushalten müssen. Dabei wird er nicht handgreiflich, bringt seine Kinder jedoch aufgrund der Vernachlässigung und Unvorsichtigkeit in Gefahr.
Was Martha leistet, ist unfassbar - und unrealistisch. Mira und ich haben darüber diskutiert, ob ein 11-jähriges Mädchen tatsächlich in der Lage wäre, diese Leistung über einen solchen Zeitraum zu erbringen. Sie wirkt zu perfekt, macht eigentlich keine Fehler. Glaubwürdiger wäre gewesen, wenn sie 13 oder 14 Jahre alt wäre. Vielleicht hat der Autor auch unterschätzt, welche Leistung Martha jeden Tag erbringt, das war zumindest eine Erklärung Miras.
Ich kann mir vorstellen, dass ein Kind unter bestimmten Umständen in der Lage ist, eine solche Verantwortung zu übernehmen - aber nicht so perfekt und so lange.
Man bewundert Martha und empfindet Mitleid mit ihr, denn eine 11-Jährige sollte unbeschwert und ohne Pflichten, wie Essen kochen, für die Familie sorgen, aufwachsen dürfen.
Trotzdem gelingt es Simon Mason auch Verständnis für Marthas Vater zu erzeugen -zumindest kann man nachvollziehen, dass er sich nach dem Tod seiner Frau in tiefer Trauer befindet und das Trinken als Ausweg angesehen hat. Nichtsdestotrotz werden sein Verhalten und die Konsequenzen für die Kinder verurteilt - aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern indem man Anteil an Marthas Gefühlen nimmt, die sich bemüht, nachdem die beiden Geschwister zu ihren Großeltern kommen, ihren Vater zu vergessen.
Das Verhalten aller Beteiligten nach der Wende - ein Verkehrsunfall - wird im Vergleich zum ersten Teil glaubwürdig geschildert, da waren Mira und ich uns einig.

Der Jugendroman zeigt die Gefahren und die Auswirkungen des Alkoholismus gut auf, aber auch Möglichkeiten, wie Marthas Vater seine Sucht bekämpfen kann. Gleichzeitig verschließt er nicht die Augen vor den Schwierigkeiten, wieder in die Normalität zurückkehren zu können.
Noch glaubwürdiger wäre er, wenn die Protagonistin ein wenig älter gewesen wäre. Oft ist es jedoch so, dass sich Jugendliche daran - im Gegensatz zu erwachsenen Leser*innen - nicht stören.

Am Ende wird alles, sehr gut sogar. Führt man sich die Zielgruppe vor Augen, ist das jedoch legitim, wenn es auch in der Realität selten so positiv für alle ausgeht.

Hier geht es zu Miras Rezension.



Montag, 22. Mai 2017

Heike Trojnar: Rescue Center Nord

- Stuttgart 2040.

Taschenbuchausgabe,191 Seiten
EINBUCH, 2017

Der Roman wurde mir von der Autorin freundlicherweise als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

Inhalt
Der 19-jährige Rano arbeitet im Rescue Center Nord, einem großen Secondhand-Kaufhaus in Stuttgart. Er jobbt, um später sein Studium finanzieren zu können. Sein größtes Problem ist seine Schwester Alani, die gesundheitlich angeschlagen und psychisch labil ist. Von ihren Eltern haben beide keine Hilfe zu erwarten. In einer Gesellschaft, in der der Krankenversicherungsstatus darüber entscheidet, welche ärztliche Hilfe man in Anspruch nehmen kann, scheint sie keine Chance zu haben. Wer kein Geld hat, sich teuren Versicherungsschutz zu leisten, muss lange auf einen Termin warten und auf die neueste Technologie verzichten - oder selbst zahlen.
Da ist es nicht erstaunlich, dass Krankenversicherungskarten gestohlen werden. Xeta, eine Studentin, die auch im Rescue Center arbeitet, vermittelt Rano an jemanden weiter, der ihm helfen kann, einen entsprechenden Versicherungsstatus für seine Schwester zu "stehlen", die sich inzwischen in der Psychiatrie befindet. Rano sieht keine andere Möglichkeit als zu betrügen, da der wohlhabende Vater seiner Freundin Karla, sich nicht bereit erklärt, ihn finanziell zu unterstützen. Ob der Betrug gelingt? Kann Alani gerettet werden?

Bewertung
Die Autorin malt ein düsteres Zukunftsbild, in der die Schere zwischen Arm und Reich sich am Krankenversicherungsstatus manifestiert. Schaut man in die USA, wo Obamacare wieder rückgängig gemacht werden soll, scheint diese Vision recht realistisch. Der Grundidee des Romans hat mir sehr gut gefallen, die sprachliche Umsetzung und die präsentierte "Lösung" jedoch weniger.

[SPOILER]
Rano findet Hilfe in einer christlichen Vereinigung, die "Gottesdienste" in einer alten Kneipe abhalten. Erstaunlicherweise wird auch Karlas Vater von der Mitmenschlichkeit "angesteckt", kann aus der Trauer darüber, dass seine Frau ihn verlassen hat, gerettet werden und entpuppt sich am Ende als großer Wohltäter. Plötzlich ist Rano sein Freund, er hilft Alani, diese Veränderung war für mich beim Lesen nicht glaubwürdig.
Dass gegenseitige Hilfe und Menschlichkeit aus einem Dilemma herausführen können und die Religion dabei eine wichtige Rolle spielen kann, ist eine "gute" Botschaft. Die Umkehrung der Figuren und ihre Handlungsweisen sind meines Erachtens aber psychologisch nicht nachvollziehbar. Zu schnell wechseln sie ihr Verhalten, ohne dass dies plausibel dargelegt wird. So verändert sich Alani von einer depressiven, passiven jungen Frau zu einer lebensbejahenden, nur weil sie die Veranstaltung eines medizinischen Gurus und Betrügers besucht und diesen erstaunlicherweise "durchschaut" hat. Sehr unwahrscheinlich, wenn man ihre grundlegende psychische Verfassung betrachtet. Am Ende ist alles gut, aber die Problematik der Zwei-Klassengesellschaft bleibt bestehen. Was tun diejenigen, die keine Hilfe in der religiösen Gemeinschaft oder keinen reichen Wohltäter finden?

Der Roman beschreibt zu Beginn durchaus ein realistisches Bild, wie sich die Gesellschaft entwickeln wird oder kann, bietet aber keine politischen Lösungen an. Statt dessen sollen wir auf Gott und die Freundschaft vertrauen und darauf, dass uns jemand hilft. Eine schöne Botschaft, aber reicht das aus? Hätte mir von einer Dystopie mehr erwartet.

Sonntag, 21. Mai 2017

Jeff Cohen: Eine Leiche riskiert Kopf und Kragen

- ein ungewöhnliches Ermittlerduo in einem skurrilen Fall.


Taschenbuchausgabe, 384 Seiten
blanvalet, 17.Oktober 2016

Danke schön an den blanvalet-Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt
Samuel Hoenig betreibt ein Dienstleistungsunternehmen in Kalifornien, Fragen beantworten, und er hat das Ziel jede erdenkliche Frage, die ihm gestellt wird, gegen Entgelt zu beantworten.
Samuel ist ein ungewöhnlicher junger Mann, Small talk fällt ihm ebenso schwer wie in den Gesichtern seiner Mitmenschen deren Gefühle zu lesen. Jede 23 Minuten steht er auf und bewegt sich eine Drittelmeile, egal, wo er sich befindet, um seine Herzfrequenz zu erhöhen und den Kreislauf auf Touren zu bringen. Er trinkt regelmäßig einen halben Liter Wasser und nimmt immer zur gleichen Zeit seine Mahlzeiten mit seiner Mutter ein. Samuel ist Asperger-Autist.

"Ich schäme mich nicht für mein Asperger-Syndrom. Warum sollte ich? Es hat meiner Persönlichkeit Aspekte verliehen, die ich sehr nützlich finde. (...) Leute, die es nicht haben - und manche, die es haben-, glauben es wäre ein Defekt, der zu Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit anderen Menschen führt und das Verhältnis zu ihnen beeinträchtigt. Um genau zu sein, denken sie, dass wir seltsam sind. Ich für meinen Teil halte die meisten "gewöhnlichen" Menschen für seltsam, mein eigenes Handeln hingegen für ziemlich vernünftig." (S.17)

Der Kriminalfall wird aus der Ich-Perspektive Samuels im Präsens erzählt, dadurch erhalten die Leser*innen direkten Einblick in seine Art zu denken. Sein analytisches Vermögen, seine Fähigkeit nur die relevanten Informationen wahrzunehmen, seine Kombinationsgabe sind bewundernswert - nur in der Interaktion mit den anderen Figuren offenbart sich seine Unzulänglichkeit und Unsicherheit. Glücklicherweise befindet sich gerade Ms. Janet Washburn - eine vertrauenswürdige und hilfsbereite Figur in seinem Büro, als ihm die wohl ungewöhnlichste Frage angetragen wird, die er bisher zu beantworten hatte.

Sie wird ihm gestellt von Mr. Marshall, Direktor des Garden State Cryonics Institute, einer Einrichtung, die mit

"Leichen von kürzlich Verstorbenen zu tun [hat], die sich in der Hoffnung einfrieren lassen, dass es eines Tages einen Weg geben wird sie wieder aufzuwecken und ihre Krankheiten zu heilen" (S.26).

Einrichtungen solcher Art existieren tatsächlich in den USA. Es besteht die Möglichkeit nur den Kopf oder den gesamten Körper in flüssigem Stickstoff gegen entsprechende monatliche Gebühr aufbewahren zu lassen.

"Wer hat einen unserer Köpfe gestohlen, Mr. Hoenig?" (S.28)

Eine sehr interessante Frage, die sofort Samuels Neugier weckt, er nimmt den Auftrag an und bittet Ms. Washburn, die gerade ihren Job bei der Zeitung verloren hat, für diesen Tag mit ihm zusammenzuarbeiten.

Nachdem sie am Institut angekommen sind, begeben sie sich an den Ort, an dem der Kopf von Rita Masters-Powell unter strengen Sicherheitsvorkehrungen - dazu gehört eine permanente Video- und Audioüberwachung-  aufbewahrt wurde. Dabei begegnen Samuel und Ms. Washburn Commander Johnson, dem Sicherheitschef, dessen Frau ihn gerade heute zufällig besucht und ihren Mann später bei der Befragung vehement verteidigen wird.

Als Samuel, Mr. Ackermann und Ms. Washburn den Lagerraum im Schutzanzug betreten wollen, lässt sich die Tür nicht öffnen. Es stellt sich heraus, dass die Leiche von Doktor Rebecca Springer, die für das Institut gearbeitet hat, diese blockiert.
Während Doktor Ackermann widerwillig die Polizei informiert - der Ruf seines Institutes steht schließlich auf dem Spiel - analysiert Samuel den Tatort. Anscheinend ist die Ärztin erstickt, denn der Behälter, in dem sich Rita Masters-Powells Kopf befand, liegt am Boden und ist durch einen Schuss beschädigt worden, so dass der flüssige Stickstoff entweichen konnte.

Viele Fragen bleiben jedoch ungelöst:
Warum trug Doktor Springer keinen Schutzanzug?
Wie konnte sie den gekühlten Behälter überhaupt anfassen?
Warum liegt dieser hinter der Leiche?
Und natürlich die wichtigste: Wo ist Ms. Masters-Powells Kopf?

Detective Lapides trifft ein und übernimmt den Fall, allerdings scheinen seine Fähigkeiten eine Ermittlung zu leiten, begrenzt zu sein, so dass er auf Samuels Hilfe angewiesen ist.

Mit der Bloggerin Charlotte Selby, die sich selbst "Bürgerjournalistin" (S.109) nennt, erweitert sich der Personenkreis derjenigen, die zur Tatzeit am Tatort gewesen. Sie bloggt zu technologischen und spirituellen Themen und hat aus diesem Grund ein Interesse am Garden State Cryonics Institute. Zudem weiß sie sowohl von dem verschwundenen Kopf als auch von der toten Ärztin.
Schließlich tauchen auch noch Ritas wohlhabende Verwandte, ihr Bruder Arthur und ihre Mutter Laverne auf, die nicht bereit sind, die hohen Lösegeldforderungen der Diebe, die sich schließlich melden, zu zahlen.

Immer neue Tatverdächtige kommen für die Verbrechen in Frage und am Ende behält nur Samuel einen kühlen Kopf und löst den Fall und die Frage, die Ms. Janet Washburn in sein Büro geführt hat.


Bewertung
Jeff Cohen hat bereits zwei Sachbücher über das Asperger Syndrom verfasst. Indem er den Protagonisten seines Kriminalromans aus der Ich-Perspektive erzählen lässt, ermöglicht der Autor den Leser*innen einen interessanten Einblick in die Denkweise eines Asperger-Autisten. Selbstbewusst erkennt Samuel seine Stärken, seine analytischen Fähigkeiten, die es ihm ermöglichen emotionslos jede Situation zu untersuchen - ein unschlagbarer Vorteil für einen Detektiv.
Gleichzeitig ist er sich der Tatsache bewusst, dass er Hilfe dabei braucht, die Gefühle anderer Menschen zu erkennen und in Vernehmungen ihre Motive herauszufinden - in Ms. Washburn hat er jemanden gefunden, der ihn neben seiner Mutter unterstützt.
Sein Unvermögen in bestimmten Situation die richtigen Worte zu finden oder sein Gegenüber zu verstehen und seine Handlungsweise, die oftmals mit gesellschaftliche Konventionen bricht, bescheren den Leser*innen zahlreiche witzige Szenen. Mehr als einmal musste ich beim Lesen laut lachen. Samuels Tendenz, Redewendungen wörtlich zu verstehen oder die Sekunden einer Gesprächspause zu zählen, sorgen oft für Erheiterung.
Dabei wird die sympathisch erscheinende Figur niemals bloßgestellt. Dadurch, dass wir das Geschehen aus Samuels Perspektive wahrnehmen, wird plausibel, warum er etwas sagt oder nicht versteht und warum er wie handelt.

So befragt er die Familie Masters, während er selbst auf dem Laufband sein Fitnessprogramm absolviert - ein Vorschlag seiner Assistentin. Zuvor ist er in den Befragungen einfach aufgesprungen und durch den Raum gerannt - für ihn ein völlig normales Verhalten, für sein Gegenüber jedoch höchst seltsam und beängstigend.

"Es war zwar seltsam, dass ein Mann, der einfach nur versuchte, seine Herzfrequenz auf Touren zu bringen ausgewachsene Menschen so sehr verstören konnte, doch dass es so war, war nicht zu leugnen." (S. 152)

Der Roman weckt Verständnis für Samuels "Anderssein" und erklärt viele "typische" Eigenheiten von Asperger-Autisten, wie Unbehagen bei körperlichen Berührungen oder ihr Essverhalten.

"Für uns Menschen mit Asperger-Syndrom können Mahlzeiten sehr stressreich sein. Allgemein kann man sagen, dass unsere kulinarischen Vorlieben im Gegensatz zu denen anderer Menschen eher eingeschränkt sind." (S.197)

Ein Krimi mit einem ungewöhnlichen, interessanten Ermittler und einer klugen und sensiblen Assistentin, die einen skurrilen Fall gemeinsam lösen, wobei das Ende unerwartete Wendungen bereit hält.

Ein traumhaftes Duo, von dem es demnächst  einen weiteren Fall zu lesen geben wird.


Donnerstag, 18. Mai 2017

John Grisham: Das Komplott

- ein ausgeklügelter Racheplan.

Hörbuch von audible
gesprochen von Charles Brauer
14 Stunden 29 Minuten

Inhalt

"Ich bin Anwalt und sitze im Gefängnis", erzählt uns Malcolm Bannister. Er ist 43 Jahre alt und seit 5 Jahren im Gefängnis, 5 Jahre hat er noch vor sich. 8 Monate nach seiner Verhaftung lässt sich seine Frau von ihm scheiden und der Kontakt zu seinem inzwischen 11jährigen Sohn Bo bricht ab. Der Einzige, der ihn regelmäßig im Gefängnis besucht, ist sein Vater Henry, seine Schwester schreibt ihm einmal im Monat einen Brief.
Seine Strafe sitzt er in Frostburg, Maryland, ab, ein "Camp" mit geringen Sicherheitsvorkehrungen. Er arbeitet in der Bibliothek und hält dort seine Sprechstunden ab - als Knastanwalt. Malcom ist schwarz, hat jedoch auch, wie er selbst betont, Freunde unter den Weißen. Er sitzt wegen eines Wirtschaftsverbrechens, sein Fehler hat darin bestanden unwissentlich Gelder für Barry, den Schmiergeldzahler, rein zu waschen. Seine Naivität hat dazu geführt, dass er als kleiner Fisch in einem großen Netz gelandet ist und ohne bewusst ein Verbrechen begangen zu haben, nun im Gefängnis sitzt. Der Freund, der das Geschäft für ihn eingefädelt hat, hat nichts zu seiner Entlastung beigetragen.
Seine Situation verändert sich schlagartig, als er in der Zeitung liest, dass der Bundesrichter Raymond Fawcett tot in seiner Jagdhütte aufgefunden wurde, gemeinsam mit seiner Geliebten und einem geöffneten, leeren Safe. Das FBI tappt völlig im Dunkeln und kann keinerlei Spuren oder Verdächtige finden.
Damit schlägt Malcoms Stunde, er bietet dem FBI einen Deal an. Er präsentiert ihnen den Namen des Mörders, im Gegenzug kommt er aus dem Gefängnis frei und erhält eine neue Identität sowie den Schutz des FBI, sollte Anklage gegen den Mörder erhoben werden.

Quinn Rucker soll den Bundesrichter ermordet haben. In ihrer gemeinsamen Zeit im Gefängnis hat Rucker gegenüber Malcolm mehrfach damit gedroht, Fawcett umzubringen, da er eine Absprache in Bezug auf seinen Neffen nicht eingehalten habe - trotz entsprechender Bestechungsgelder.
Rucker ist vor einiger Zeit aus dem Camp geflüchtet und wird vom FBI mithilfe eines Tipps von Malcolm aufgegriffen. In einem 10-stündigen Verhör gesteht er schließlich die Tat und Malcolm kommt frei. Mittels einiger Schönheitsoperationen verändert er sein Äußeres, seinen Name lautet nun Max Reed Baldwin und er erhält die vom FBI versprochene Belohnung.

Er bezieht eine Wohnung in Florida und genießt den Schutz der Bundespolizei. Schnell wird deutlich, dass er dieser nicht traut - der Ich-Erzähler Max/Malcom - stellt die Hörer/innen vor Rätsel, da er geheime Bankkonten eröffnet, Schließfächer erwirbt und eine fiktive Filmfirma eröffnet.
Was hat er vor?
Währenddessen widerruft Rucker sein Geständnis und es kommt auf die Zeugenaussage Max an, da ansonsten keine objektiven Beweise gegen Quinn vorliegen. In dieser Situation belauscht das FBI ein Telefongespräch von Quinns Bruder Dee Ray mit einem Unbekannten, das darauf schließen lässt, dass die Familie Ruckers die neue Identität Malcolms sowie seinen neuen Aufenthaltsort kennen.

Max beschließt daraufhin, sich in Zukunft selbst zu schützen möchte und taucht unter. Er nimmt Kontakt zu Nathan Cooley auf, unter dem Vorwand einen Film über seinen Bruder drehen zu wollen, der von Polizisten erschossen wurde. Gleichzeitig trifft er sich mit Vanessa, einer Frau, die er aus dem Gefängnis kennt und in die er sich während ihrer Besuche, die einem anderen Insassen galten, verliebt hat.
Der Rachefeldzug beginnt und erst gegen Ende offenbart sich die Genialität seines wohl durchdachten Plans...

Bewertung
Der Roman ist überwiegend aus der Perspektive Malcolm Bannisters verfasst, der uns als Ich-Erzähler Einblick in seine Gedanken gibt, den Plan aber erst am Ende offenbart. Die Spannung bleibt so bis ganz zum Schluss erhalten, schon mit seinem Untertauchen ahnt man, dass die Geschichte komplizierter als zunächst gedacht verläuft und dass der Verrat vielleicht keiner ist.
Obwohl es immer wieder einige Hinweise auf den Plan gibt, tappt man lange im Dunkeln. Das Ende hätte durchaus gekürzt werden können, da nichts Unvorhergesehenes mehr geschieht und die Rache an der Justiz, die Malcolm "unschuldig" ins Gefängnis gebracht hat, gelingt.
Die Tatsache, dass der Protagonist schwarz ist, wird oftmals erwähnt, ein Zeichen dafür, dass die Hautfarbe immer noch eine entscheidende Rolle spielt. Sei es, dass er vor Gericht strenger beurteilt worden ist, dass er als Anwalt wenig Erfolg hatte, er sich einen Wohnort suchen muss, an dem er nicht auffällt. Insofern hält der Thriller der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor - vor der Justiz sind eben nicht alle gleich. Gleichwohl steht diese Thematik für mich nicht im Vordergrund, sie schwingt mit - die Rache und deren perfekte Ausführung, der Wunsch nach Gerechtigkeit, sind jedoch die Hauptthemen.

Ein spannender Thriller, der hervorragend von Charles Brauer gelesen, ein echter Hörgenuss ist.

Dienstag, 16. Mai 2017

Kristina Bilkau: Die Glücklichen

"Doch es gibt keinen Anspruch auf Sicherheit." (S.292)


Gebundene Ausgabe, 300 Seiten
Luchterhand, 16. März 2015

Inhalt
Die Cellistin Isabell und der Journalist Georg leben gemeinsam mit ihrem halbjährigen Sohn Matti in einer Altbauwohnung in Hamburg. Das Haus wird kurz vor dem Winter saniert und verschwindet unter einem Plastikvorhang. Isabell spielt abends in einem Musical im Orchestergraben, während Georg tagsüber bei der Zeitung arbeitet. Alles scheint perfekt, die Brötchen kommen von einer "Manufaktor", der Blumenladen um die Ecke nennt sich "Floristenwerk", sie kaufen im Feinkostladen - wohl situierte Mittelschicht, ein glückliches Paar, eine gesicherte Existenz.

Isabells Rückkehr in den Beruf erweist sich jedoch als große psychische Belastung, während ihres Solis zittern ihre Hände.

"Jeder konnte ihr dabei zusehen: Sie hatte den Klang verloren, und die Leichtigkeit." (S.18)

Keiner spricht sie offen darauf an und sie weigert sich, darüber mit Georg zu sprechen oder sich Hilfe zu suchen, aus Angst, dann werde ihr Leiden real.
Der Roman thematisiert auch ihre Wut auf Matti, wenn er ihr keine Zeit, keine Ruhe zum Üben lässt. Ungefiltert lesen wir Isabells Gedanken.

"Beide sind sie erschöpft und zornig, "sei still", spricht sie leise in sein Ohr, "sei doch still, bitte", der letzte Funken Fürsorglichkeit verglimmt, sein Geschrei verschlingt jedes ihrer Worte." (S.32)

Bilkau schreibt nieder, was junge Eltern denken, aber niemals zugeben würden. Die Momente, in denen man sich wünscht, das Kind wäre einfach still, man müsste sich nicht mehr kümmern, man dürfe schlafen und sich ausruhen, die sofort von Reue, Fürsorge und Liebe gegenüber dem Kind abgelöst werden - ungeschminkte Wahrheit.

Dazu gehören die Besuche bei Georgs Mutter, die in einem ehemaligen Elektrogeschäft lebt, das irgendwann von den großen Discountern verdrängt wurde. Ein lästiger Pflichtbesuch für Isabell.

Während ihr eigenes Haus saniert wird, in dem Isabell schon mit ihrer Mutter gelebt hat, verliert sich Georg in Tagträumen vom Aussteigen, während er sich Häuser im Internet ansieht, am Meer, auf dem Land, Bauernhäuser und Villen. Das inspiriert ihn zu einer Reportage über Menschen, die es versuchen und er trifft auf ein Paar, das sich bemüht alles selbst herzustellen.

"Gibt es etwas, das du vermisst, seitdem du hier lebst?" Björn schaut ihn geradewegs an, "Freunde nicht. Die Arbeit nicht. Das Nachtleben auch nicht." Er überlegt weiter. "Du merkst, ich kann dir nur sagen, was ich nicht vermisse. Im Prinzip vor allem - dieses allgegenwärtige Vergleichen. Mich mit den anderen, und umgekehrt. Das bin ich los. Und daraus ergibt sich der Rest." "Was meinst du mit Rest?" Daraus ergibt sich, dass ich mir nichts mehr kaufen muss. Um dem Vergleich standzuhalten." (S.94)

Isabell stellt diese Vergleiche an, sie schaut sich das Glück einer Amsterdamer Familie an, die freizügig Fotos in den sozialen Medien postet, während sie selbst sich krank schreiben lässt. Auch in der Physiotherapie schweigt sie ihr eigentliches Problem - das Zittern der Hände beim Auftritt - tot.

Zeitgleich mit der abgeschlossenen Sanierung des Hauses verliert Georg seinen Job, während das Haus in neuem Glanz erstrahlt, gerät die gesicherte Existenz der Familie ins Wanken.

Der 2.Teil, der ein halbes Jahr später spielt, schildert die sich verändernde Situation. Georgs vergebliche Arbeitssuche. Er will sich weder unter Wert verkaufen noch außerhalb der Stadt arbeiten. Isabells bestehenden psychischen Probleme, die sie daran hindern, erneut irgendwo vorzuspielen. Die Lage spitzt sich zu und belastet zunehmend ihre Ehe. Während Georg sich den neuen Gegebenheiten anpassen möchte, sparen, günstigen Urlaub, ein Haus auf dem Land ansehen, hält Isabell krampfhaft am alten Leben fest, möchte nicht wahrhaben, dass sie sich nicht mehr alles leisten können, vergleicht jetzt, mit dem, was war.

"Urlaub ist ein Gradmesser dafür, wie gut oder schlecht es läuft. Alles wird zum Indiz. Ob es die enge Ferienwohnung mit Kunstledersofa ist oder das Strandhotel mit Meerblick und Kinderbetreuung, ob das Ziel mit dem Auto zu erreichen ist oder eine halbe Weltreise entfernt liegt, ob nur im Sommer verreist wird oder es im Winter noch in den Schnee oder irgendwohin, wo Palmen wachsen, geht, alles ist verräterisch." (S.157)

Die Angst, es nicht zu schaffen, dominiert ihr Leben, aus der schönen Wohnung ziehen zu müssen, unter Wert arbeiten, aber sie haben keine Idee, aus der Situation herauszukommen. Isabell wirkt apathisch, Georg zunehmend verbittert und verzweifelt. Jeder glaubt, der andere gebe ihm bzw. ihr die Schuld - Schweigen dominiert die Gespräche.

In einem Gespräch mit ihrer ehemaligen Mitbewohnerin aus dem Studium und Freundin offenbart sich Isabell, dass sie nie ein Risiko gewagt hat, immer nur vorsichtig gewesen ist.
Findest sie deshalb keinen Ausweg? Werden die beiden gemeinsam noch einen finden?

Bewertung
Ein Roman, der direkt aus dem Leben gegriffen scheint und ein realitätsgetreues Bild eines Paares mit Kind zeichnet, das plötzlich erkennen muss, dass sein wohl situiertes Leben in Gefahr ist. Eine Möglichkeit, die beide nicht einkalkuliert haben, die in ihrem Lebensentwurf nicht vorkommt. Ein Paar, das zunächst nicht bereit ist, seine Ansprüche zu reduzieren, Veränderungen zuzulassen, das geglaubt hat, alles würde immer so weiter gehen.

Die Ängste und Sorgen der beiden sind nachvollziehbar, ihre Handlungsweisen verständlich. Jeder, der selbst Familie, Beruf, ein Haus oder eine Wohnung hat bzw. zur Miete wohnt, kennt diese Existenzängste und die Gedanken daran, was wäre, wenn ich meinen Job verliere. Werde ich meinen Lebensstandard halten können? Was werden die anderen sagen? Gehöre ich noch dazu?

In diesem Roman werden diese Gedanken greifbare Realität und fordern uns dazu auf, über unser eigenes Leben nachzudenken. Ein großartiger Gesellschaftsroman, der das Ansprüche einer Generation (meiner Generation) genau unter die Lupe nimmt. Einer Generation, in der Niederlagen nicht vorkommen dürfen, sich die Zugehörigkeit zu einer Gruppe am Kaufverhalten und den Konsumgewohnheiten widerspiegelt.
Am Ende des Romans, der aufgrund eines Erlebnisses die Einstellung der Figuren zu verändern scheint, erkennt Isabell im Zusammensein mit ihrem Mann und ihrem Sohn, wie vollkommen dieser Moment jetzt ist,

"denn wie vollkommen etwas war, lässt sich oft erst viel später verstehen. Mit der Zeit reifen Momente zu etwas heran, erst dann kristallisiert sich heraus, das war es, das Glück."

In der Intimität der Familie - fernab von materiellen Zwängen und Zukunftsängsten - sind sie "Die Glücklichen."

Danke an Renie´s Lesetagebuch, die mir diesen ehrlichen und wunderbaren Roman ans Herz gelegt hat.

Samstag, 13. Mai 2017

Jeff Talarigo: Die Perlentaucherin

- die bewegende Lebensgeschichte einer Leprakranken, die auf historischen Fakten beruht.


Taschenbuchausgabe, 240 Seiten
btb, August 2007



Inhalt
Im August 1948 erkrankt eine junge, japanische Perlentaucherin an Lepra. Damit ist ihr Traum, ihr Leben dem Tauchen und dem Meer zu widmen, in Gefahr. Bis jetzt hat sie sich jeden Morgen auf den Weg zum Seto-Inlandsee gemacht, ist gemeinsam mit den anderen Taucherinnen in einem Boot nach draußen gefahren, hat ihren Holzbottich ins Wasser gelassen und ist bis 15 Meter in die Tiefe getaucht, um essbare Meerestiere vom Boden heraufzuholen  - und das ohne Sauerstoffzufuhr. Eine anstrengende, harte Arbeit, aber genau das, was sie will und manchmal findet sie eine Perle.

Als sie sich an einem Felsen schneidet und keine Schmerzen an der Stelle spürt, sucht sie einen Arzt auf, der ihr soziales Todesurteil fällt: Sie hat Lepra.

pixabay
In ihrer Verzweiflung versteckt sie sich, wird jedoch von Polizisten gefunden und zur Insel Nagashima gebracht, auf der sich ein Leprosorium, ein "Sanatorium" für Leprakranke befindet.

In Japan wurden bis 1996 (!) Menschen mit Lepra isoliert, basierend auf einem Gesetz aus dem Jahr 1931. Dieses wurde 1953 angepasst, obwohl es bereits neue medizinische Erkenntnisse über Ansteckungsgefahr, Ursachen und Heilung der Krankheit gab. Die Ausgrenzung geht zurück auf eine tief sitzende Furcht vor Ansteckung und dem Glauben, die Krankheit sei ein Fluch. Die Perlentaucherin ist mit der Einlieferung in das Leprosorium für ihre Familie gestorben und wird aus dem Register gestrichen. Ein neues Leben, abseits von der Gesellschaft beginnt. Sie muss sich einen neuen Namen geben und benennt sich nach jenem Berg, den sie gemeinsam mit ihrem Onkel im Alter von 9 Jahren bestiegen hat - Fuji.

Der Roman, größtenteils aus der personalen Perspektive von Frau Fuji erzählt, Nummer 2645, schildert das Leben der Perlentaucherin in der Isolation anhand verschiedener Artefakte, die auf der Insel gefunden wurden.

"Jedes Artefakt hat ein Dutzend Geschichten - tausend." (S.43)

Es sind die hinterlassenen Habseligkeiten Frau Fujis und anderer Kranker, ergänzt um ihre mündlich erzählten Geschichten und die, die Fotos erzählen, wie das, vom 25.6.1949, auf dem der Gesundheitsminister und die dreizehn Leiter der Leprosorien des Landes zu sehen sind, die sich weigern, die Isolation der Leprakranken aufzuheben.

Eine rostige Sichel erzählt  die Geschichte eines Lepra-Kranken, der sich die infizierte Hand damit abgetrennt hat und gestorben ist. Alle Toten müssen verbrannt werden, Frau Fuji sorgt dafür, dass die Hand mit ihm gemeinsam verbrannt werden kann.
Eine handgemalte Landkarte einer kleinen Insel verzeichnet den Lieblingsort Frau Fujis, die man erreicht, wenn Ebbe herrscht. Die "Flaschenkürbisinsel" enthält einen kleinen Schrein, der im Verlauf der Geschichte die Asche der toten Kinder beheimatet. Kinder, die abgetrieben werden musste, da die Leprakranken keinen Nachwuchs haben durften. Ein besonderes dunkles Kapitel des Umgangs mit den Leprakranken, die teilweise auch zwangssterilisiert wurden.

Frau Fujis Aufgabe besteht darin, die Kranken zu massieren, bei ihr ist die Krankheit nur an wenigen Stellen der Haut sichtbar, ansonsten geht es ihr recht gut. Das liegt auch am Medikament Promin, das den Insassen ab 1949 verabreicht wird und die Krankheit teilweise eindämmen kann, wenn sie noch nicht so weit fortgeschritten ist. Weitere Medikamente führen zur Heilung, doch die Situation verändert sich nicht.

Als sehr gute Schwimmerin gelingt es Frau Fuji, die gegenüberliegende Bucht zu erreichen und nachts durch die Straßen der kleinen Stadt zu wandern - ungesehen.
Nur zwei Kindern winkt sie gelegentlich zu und hinterlässt ihnen kleine Geschenke. Ihre heimlichen Fluchten bleiben jedoch nicht unbemerkt und sie wird in die Isolationshaft gesteckt, was zu einem Aufruhr der Insassen führt, der blutig niedergeschlagen wird, jedoch auch kleinere Verbesserungen mit sich bringt.
Es gäbe unzählige weitere, kleine Geschichten zu erzählen, von der Grausamkeit dieses Ortes, aber auch von der Menschlichkeit und Güte der Insassen, die sich gegenseitig stützen und Wege finden, in der Isolation leben zu können.

Nach vielen Jahrzehnten auf der Insel kann Frau Fuji sich nicht mehr vorstellen, diesen Ort zu verlassen, obwohl sie gesund ist und sich eine allmähliche Öffnung der Leprosorien anbahnt.
Ein Ausflug nach Kyoto mit einem Musikensemble des Leprosoriums und ein Rückkehr zu ihrem Heimatort, an dem die Perlentaucherin nur noch eine Touristenattraktion sind, führt sie zurück nach Nagashima, das ihr letztlich zur Heimat geworden ist und sich zu seinen Gunsten verändert hat.

Bewertung
Die Geschichte Frau Fujis hat mich sehr bewegt. Wie konnte man Menschen trotz besseren medizinischen Wissens jahrzehntelang isolieren und solchen inhumanen Gegebenheiten aussetzen?
Die Schilderung der Eingangsuntersuchung von Frau Fuji offenbart das Menschen verachtende Verhalten des Personals, wobei es auch Ausnahmen gegeben hat.
Berührend ist das Verhalten der Isolierten untereinander - es gibt so viele Zeugnisse von Menschlichkeit, von Güte, Mitleid und Mut. So entschließt sich Frau Fuji, die als Strafe für ihren angeblichen Fluchtversuch bei den erzwungenen Abtreibungen assistieren muss, die toten Kinder aus der Mülltonne zu nehmen, sie zu verbrennen und in einer Urne im Schrein zu verstecken, damit sie eine letzte Ruhestätte haben und von ihren Eltern besucht werden können.
Sie transkribiert einem blinden Leprakranken die Kassetten, die er mit Worten bespricht, aus denen Tankas entstehen; begleitet und betreut die Kranken und bleibt bis zu ihrem Ende als Krankenschwester auf der Insel.

Eine tragische Lebensgeschichte! Frau Fuji musste ihren Traum, eine Perlentaucherin zu sein, aufgegeben, weil die Verantwortlichen für die Leprakranken sich gegen medizinische Erkenntnisse für ihre weitere Isolation ausgesprochen haben.

Ein dunkles Kapitel der japanischen Geschichte, feinfühlig erzählt.

Freitag, 12. Mai 2017

Haruki Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne

- "Gefährliche Geliebte" - neu übersetzt.


Taschenbuchausgabe, 224 Seiten
btb, August 2015

Inhalt
Hajime, am 4.1.1951 geboren, ist Einzelkind und lebt im Vorort einer japanischen Stadt.
Dass er keine Geschwister hat, empfindet er als Makel, denn es herrscht der Glaube, dass Einzelkinder

"von ihren Eltern verwöhnt, schwächlich und egoistisch [sind]" (S.8) und eine "echte Rarität" (S.9).

Während der Grundschulzeit lernt er Shimamoto kennen, ein Mädchen, ebenfalls Einzelkind, die zusätzlich unter psychischem Druck steht, da sie ihr linkes Bein etwas nachzieht - Folgen einer Kinderlähmung.
Die beiden freunden sich an, hören gemeinsam Musik, Schallplatten ihres Vaters - klassische, aber auch Jazz.
"Ptretend" von Nat King Cole wird ihr gemeinsames Lieblingslied. Sie haben einen besonderen Verbindung, ein Verlangen nacheinander, das sie mit ihren 11 Jahren noch nicht benennen und stillen können.

"Auch ich fühlte mich auf diese Weise zu ihr hingezogen, wusste aber nicht, wie ich damit umgehen sollte. Shimamoto ging es vermutlich ebenso. Ein einziges Mal nur nahm sie meine Hand, um mich irgendwohin zu ziehen [...]. Sie hielt sie nur etwas zehn Sekunden fest, die mir jedoch wie eine halbe Stunde vorkamen. [...] Noch heute erinnere ich mich genau, wie ihre Hand sich angefühlt hatte." (S.19/20)

Als Shimamoto umzieht, verliert Hajime sie aus den Augen - ein Fehler, wie er im Rückblick feststellt - die Sehnsucht nach ihr begleitet ihn.

In der Oberschule beginnt er mit dem Schwimmtraining, was ihm neues Selbstbewusstsein schenkt, und hat seine erste Freundin - Izumi, die er mit seiner ersten Liebe vergleicht:

"Sie war natürlich ganz anders als Shimamoto. Sie konnte mir nicht geben, was Shimamoto mir gegeben hatte." (S.32)

Sehr einfühlsam schildert der Ich-Erzähler die Begierden des Heranwachsenden und das Zögern seiner Freundin, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Schließlich endet diese Beziehung - wie will ich hier nicht verraten.

Nach einem Studium der Literaturwissenschaften arbeitet Hajiumi in einem Schulbuchverlag - eine Tätigkeit, mit der sich überhaupt nicht anfreunden kann und die ihn nicht ausfüllt.
Einmal in dieser Zeit glaubt er Shimamoto im Gewühl zu entdecken, da die Frau auf die gleiche Art und Weise ihr Bein nachzieht, wie sie es getan hat. Er folgt ihr, traut sich jedoch nicht sie anzusprechen, unsicher, ob sie es wirklich ist. Als er ihr ins Taxi folgen will, hält ihn ein Mann fest und bietet ihm viel Geld, damit er die Frau in Ruhe lässt - eine mysteriöse Begegnung, die bis zum Ende des Romans nicht aufgeklärt wird.

Hajimi heiratet mit 30, Yukiko, deren Vater ein reicher Geschäftsmann ist und es ihm ermöglicht, eine elegante Jazz-Bar zu eröffnen. Eine Aufgabe, die ihn erfüllt und ihn glücklich macht, ebenso wie seine beiden Töchter.

Dann sitzt eines Tages Shimamoto in der Bar...

Bewertung

Wie bei "Lebensgeister" hatte ich zunächst Probleme, in den Schreibstil hineinzukommen. Es ist der erste Roman, den ich von Haruki Murakami lese und ich bin unschlüssig, wie ich den Roman bewerten soll.
Die Geschichte trägt auf jeden Fall, man möchte weiterlesen, wissen, wie die Liebesgeschichte zwischen Shimamoto und Hajimi ausgeht. Die sexuellen Erlebnisse sind mit sensiblen Worten geschildert, die nie peinlich berühren oder abstoßend wirken. Die Reflexionen und Erkenntnisse des Ich-Erzählers und auch seine Handlungen sind plausibel und nachvollziehbar.
Problem für mich ist, dass unglaublich viele Fragen offen bleiben. Vage erhält man einen Eindruck von Shimamotos Leben, eine Ahnung, warum sie so unglücklich ist. Vieles wird angedeutet und das Ende ist offen für die Interpretationen der Leser/innen - für meinen Geschmack zu offen.
Es ist eine schöne Liebesgeschichte, die auch die Zeit nach einer "Affäre" thematisiert. Die nicht ausspart, wie verletzend ein solcher Verrat für die andere ist. Wie geht ein Paar damit um? Dieser Teil der Geschichte wird gut erzählt - nur Shimamoto bleibt ein nicht zu fangender schöner Schmetterling.

Ich werde bestimmt noch einen Roman dieses bekannten japanischen Autors lesen und dann entscheiden, ob weitere folgen werden.


Mittwoch, 10. Mai 2017

Philippe Grimbert: Ein Geheimnis

- eine wahre Geschichte.

Taschenbuchausgabe, 180 Seiten
Suhrkamp Verlag, 10.April 2017
Französische Originalausgabe, "Un secret", 2004


Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.


Inhalt
"Als Einzelkind hatte ich lange Zeit einen Bruder. Meine Ferienbekanntschaften, meine Spielgefährten mußten mir aufs Wort glauben, wenn ich ihnen dieses Märchen auftischte. Ich hatte einen Bruder. Schöner als ich, stärker als ich. Einen älteren Bruder, erfolgreich und unsichtbar. " (S.9)

Philippe, 1948 in Paris geboren, ist ein schwächliches Kind, zur Enttäuschung seiner athletischen Eltern Maxime und Tania, beide Leistungssportler.

"Meine innig geliebten Eltern: Jeder Muskel an ihnen glänzte wie die Statuen, die mich in den Gängen des Louvre betörten." (S.18)

Gemeinsam betreiben sie einen Großhandel mit Trikotagen und Strickwaren.
Nebenan lebt die 60-jährige Louise, die eine Gesundheitspraxis betreibt, den Jungen behandelt und ihm eine Freundin wird.
Nachdem er seine Mutter auf den Dachboden ihres Apartments begleitet hat, findet er dort einen kleinen Stoffhund, was Tania offensichtlich Unbehagen bereitet.

"In der darauffolgenden Nacht preßte ich zum ersten Mal meine nasse Wange an die Brust eines Bruders. So war er in mein Leben getreten, und ich würde ihn nie mehr allein lasen." (S.11)

Der fiktive Bruder ist im Gegensatz zu Philippe stark, selbstbewusst und mutig und der Stolz seiner Eltern, die eine mustergültige Ehe zu führen scheinen. Doch ihre Geschichte basiert auf einer Lüge, die mit dem Nachnamen beginnt.

"Ihren Erzählungen nach hatte ich schon immer diesen in unserem Land sehr gebräuchlichen Namen. Meine Abstammung verurteilte mich nicht mehr zum sicheren Tod, ich war nicht mehr jener dürre Zweig an der Spitze eines Stammbaums, den es zu kappen galt." (S.13)

Aus dem Namen Grinberg wird "Grimbert", Philippe, offensichtlich jüdischer Abstammung, ist auch getauft.

"So setzte sich das Vernichtungswerk im verborgenen fort, das die Schlächter einige Jahre vor meiner Geburt betrieben hatten: Es begrub alles unter sich, was geheimgehalten und verschwiegen wurde, verstümmelte die Familiennamen, erzeugte Lügen, die Scham blieb. Obwohl die Verfolger besiegt waren, triumphierten sie noch immer." (S.14)

Der Roman ist aus der Ich-Perspektive Philipps verfasst, ein erzählendes Ich, das eine Distanz zum Erlebten aufgebaut hat. Mit Hilfe von Louise erstellt er diesen Lebensbericht, der die Lüge seiner Familie aufdeckt.

Erzählt wurde ihm, dass sich Maxime, Sohn rumänischer Einwanderer unsterblich in die Turmspringerin Tania verliebte, die allein von ihrer Mutter, eine Schneiderin groß gezogen worden war. Während der Besetzung Frankreichs flüchteten sie in die freie Zone, erlebten den Krieg

"auf einem Landsitz am Ufer der Creuse bei einem pensionierten Oberst der dort mit seiner Tochter lebte, einer ledigen älteren Dame, die Lehrerin war. Fern des Kriegslärm ist der Marktflecken eine Insel der Ruhe." (S.44)

Dort warten sie den Krieg ab und leben scheinbar ohne Entbehrungen in Frieden, während Louise sich um ihr Geschäft in Paris kümmert. Zwar erzählt ihm Louise von der Verfolgung der Juden, jedoch ohne zu erwähnen, dass sie selbst verfolgt wurde.

Als Philippe 15 Jahre alt ist, wird er im Geschichtsunterricht mit den Gräueln der Nationalsozialisten und den Konzentrationslagern konfrontiert. Er verprügelt einen stärkeren Mitschüler, der sich über die gezeigten Bilder lustig macht. Nachdem er Louise davon erzählt hat, verändert sich ihr Verhalten und die Geschichte seiner Eltern, die ebenfalls Juden sind, erhält Risse.

Lange hat Louise das Geheimnis von Philipps Eltern gewahrt, doch jetzt entrollt sie Schritt für Schritt die Wahrheit. Darüber, dass es tatsächlich einen Bruder gegeben hat, Simon, der Sohn von Maxime und Hannah - der ersten Frau seines Vaters. Tania ist demnach zunächst Maximes Schwägerin, da sie mit Hannahs Bruder Robert verheiratet ist. Doch schon während seiner eigenen Hochzeit verfällt Maxime Tanias Schönheit, so dass er sich während seiner Hochzeitsnacht zwingen muss, nicht an sie zu denken.
Simon wird geboren, während die braune Gefahr näher rückt. Mit der Besetzung Paris und der Deportation der ersten Juden steht außer Frage, dass die Familie in die freie Zone muss, während Robert im Krieg kämpft. Fast allen gelingt die Flucht zu jenem Landsitz an der Creuse und Philippe erfährt, zu welcher Tat sich Hannah hat hinreißen lassen und mit welcher Schuld seine Eltern seit jener Zeit leben müssen.
Sehr berührend sind das Ende Tanias und Maxime, das zeigt, wie sehr sich die beiden trotz der Schuld geliebt haben, und die Erleichterung Maximes, als Philippe ihn nach vielen Jahren von der Lüge befreit..

Bewertung
Philippe Grimbert deckt schonungslos die Lügen seiner Familiengeschichte auf, erzählt mit wenigen, aber bewegenden Worten von der Verzweiflungstat einer jungen Mutter, die sich betrogen fühlt und sich und ihr Kind der Gewalt eines unmenschlichen Regimes überlässt.
Diese Szene ist die seltsamste des Romans.
Warum entscheidet sich Hannah auf der Flucht, sich und den Jungen zu opfern, damit Tania und Maxime ein Paar werden können? Ein Liebesakt? Eine Verzweiflungstat? Wie kann sie das gegenüber ihrem Kind rechtfertigen? Und wie können die anderen Flüchtenden - Louise und Esther - mit dieser Schuld weiterleben. Wie können Maxime und Tania mit dieser Schuld weiterleben, auch wenn sie glaubten, Hannas Verhaftung sei ein Versehen gewesen?

Viele Fragen, die menschlich bewegen, aber nicht vergessen lassen, dass die Situation erst aufgrund der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten entstanden ist.
Philippe Grimbert rechnet gnadenlos mit den Nazi-Regimes ab, auch mit der Kollaboration. Er verurteilt den damaligen Ministerpräsidenten Pierre Étienne Laval, der sich

"-um die Familien nicht zu trennen, wie er später zu seiner Verteidigung vorgab - dafür stark gemacht [hat], daß jüdische Kinder unter sechszehn Jahren zusammen mit ihren Eltern deportiert wurden." (S.170)

Welch ein Zynismus, muss er doch gewusst haben, dass die Kinder ihrem sicheren Tod entgegen gehen. Laval wurde zwar verurteilt und hingerichtet, sein Schwiegersohn hat jedoch versucht, ihn zu rehabilitieren, ebenso wie die Werke des antisemitischen Publizisten Brasillach in Frankreich "wiederentdeckt" werden.
Der Blick auf die Wahlen vergangenen Sonntag in Frankreich zeigt, dass Biographien, Lebensberichte und Romane aus der Zeit des Nationalsozialismus keineswegs von gestern sind, sondern es wichtig bleibt, gegen das Vergessen anzuschreiben und die Lügen, die rechte Populisten verbreiten, zu widerlegen.

Der Autor Philippe Grimbert, der Psychoanalyse studiert hat, da
"Louise, die so gut zuhören konnte, die mir die Türen geöffnet hatte, [es] mir ermöglichte, die Schatten zu vertreiben, sie verschaffte mir Zugang zu meiner Geschichte" (S.160) -

trägt mit seiner lesenswerten Familiengeschichte und damit, dass er die Spuren seines Bruders verfolgt und ihn in einem Buch verewigt, dazu bei, dass nichts vergessen wird.





Donnerstag, 4. Mai 2017

Nathan Hill: Geister

der Vergangenheit, die in die Gegenwart spuken.

Hörbuch von audible
gelesen von Uve Teschner
23 Stunden 49 Minuten

Inhalt
Prolog
Ganz leise schleicht sich Faye Anderson aus dem Leben ihres Sohnes Samuel Anderson und ihres Mannes Henry. Der Weggang seiner Mutter ist ein Ereignis, das das Leben des Jungen entscheidend prägen wird.

Jene Faye Anderson verübt im Sommer 2011 einen Anschlag auf Gouverneur Packer, der erstaunliche Ähnlichkeiten mit Donald Trump aufweist - was sein Auftreten und seine politische Meinung betreffen. Sie bewirft ihn in einem Park mit Kieselsteinen, wobei sie unglücklicherweise sein Auge verletzt. Die Tat wird von den Medien als terroristischer Angriff einer Linksradikalen aufgebauscht. Es wird bekannt, dass Faye an den Chicagoer Aufstände 1968 beteiligt gewesen ist, wie ein Foto eindeutig beweist, und sie als Prostituierte verhaftet wurde.
Um sie zu entlasten, kontaktiert die Anwaltskanzlei Rogers&Rogers den Literaturprofessor Samuel Anderson, damit er dem Richter einen Brief schreibt, indem er seine Muttter mit liebevollen Tönen schildert. Dabei hat Samuel seine Mutter seit Sommer 1988 nicht mehr gesehen und keinen Kontakt mehr zu ihr, er wusste nicht einmal, dass sie in Chicago studiert hat und dort verhaftet wurde.

Samuel Leben hat sich nicht zum Positiven entwickelt: Er ist geschieden, hat Schulden, verbringt sehr viel Zeit in der virtuellen Welt von "Elfscape", einem Internet-Computerspiel. Zudem hat er Ärger mit einer Studentin, die er durchfallen lässt, weil ihre Hausarbeit nicht von ihr selbst verfasst worden ist.
Zu Beginn seiner Collegezeit hat er eine Kurzgeschichte verfasst, die als vielversprechend galt. Daraufhin hat ihn der Verleger Periwinkle kontaktiert, um ihm einen Buchvertrag anzubieten. Das Geld hat Samuel längst ausgegeben, 10 Jahre danach existiert aber immer noch kein Buch, jetzt soll er liefern oder er wird verklagt, das Geld zurückzuzahlen. Samuel ist so verzweifelt, dass er seinem Verleger anbietet, die Geschichte seiner Mutter, der Packer-Attacker, zu schreiben. Dieser ist begeistert, der Verriss einer Frau, die einen Gouverneur angreift und ihren Sohn verlassen hat - das wird die Leser/innen begeistern.

In dieser Lebenssituation erreicht ihn nun der Anruf und wirft ihn völlig aus der Bahn. Ausgerechnet er soll einen Brief für die Mutter schreiben, die sein Leben seiner Meinung nach in die falsche Richtung gelenkt hat.

Der Roman besteht aus10 Teilen, die in verschiedenen Zeiten spielen und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, und in denen sich Schritt für Schritt die Geschichte Fayes zusammensetzt. Die Gründe, warum sie Samuel und ihren Mann verlassen hat, werden aufgedeckt und die Rolle der  "Geister" wird offenbar.

Im 2.Teil lernen wir den 11-jährigen Samuel kennen, dessen Weinerlichkeit seine Mutter kaum ertragen kann. Ein tristes Familienbild. Faye erzählt ihrem Sohn Geschichten von norwegischen Geistern, die ihr Vater, der aus Hammerfest stammt, ihr schon als Kind erzählt hat. Düstere, böse Geister bevölkern die Träume des sensiblen Samuels, der keine echten Freunde hat und spürt, dass er seiner Mutter nicht genügt.

Er lernt die Zwillinge Bishop und Bethany kennen. Während ersterer ein Enfant terrible zu sein scheint, ist seine Schwester ein musikalisches Wunderkind, eine Virtuosin an der Geige. Samuel verliebt sich in sie und freundet sich mit beiden an, wobei Bishop einen für Samuel unbegreiflichen Zorn in sich trägt und ständig Ärger verursacht. Besonders hat er es auf den Rektor seiner ehemaligen Schule abgesehen, aus der er rausgeworfen wurde.
Die Zwillinge verlassen die Stadt, fast zur gleichen Zeit, an dem auch Samuels Mutter ihn verlässt - ein traumatischer Verlust.
Er solle keine Angst haben, sagt Faye ihm zum Abschied, und fragt ihn, was er werden wolle. Schriftsteller - eine Antwort, die den Werdegang seines Lebens bestimmt, da sie ihm verspricht, alles von ihm zu lesen.

Zurück im Jahr 2011 schweigt sich seine Mutter allerdings über die Gründe ihrer Flucht aus, während die Studentin Laura einen betrügerischen Weg sucht, Samuel von der Universität zu entfernen.
Dieser beschließt sich nach dem wenig erfolgreichen Besuch bei seiner Mutter auf Spurensuche zu machen. Er besucht seinen dementen Großvater in Iowa, dort, wo seine Mutter aufgewachsen ist und erhält erste Hinweise auf ihre Studienzeit in Chicago.

Im vierten Teil, der im Jahre 1968, wird die Schlüsselszene des Romans erzählt. Fayes "Bekanntschaft" mit dem Nisse, einem norwegischen Hausgeist, den sie laut Aussage ihres Vaters verärgert hat, was ihre erste von vielen weiteren Panikattacken auslöst. Faye will fortan keine Fehler mehr machen, wird zur Musterschülerin und Perfektionistin, geht aber auch kein Risiko mehr ein. Sie erhält ein Stipendium für die Universität in Chicago. Sowohl ihre Eltern als auch ihr Freund Henry sind dagegen. Der Betrug einer Freundin führt dazu, dass sie aus der Kleinstadt flüchten muss - es wird nicht ihre letzte Flucht sein.

Der 5.Teil ist besonders gut komponiert. Samuel erzählt eine "Erfinde dein eigenes Abenteuer-Geschichte" und blickt zurück auf seine Entscheidungen. Schriftsteller ist er geworden, um seine Mutter, aber auch Bethany zu beeindrucken. In der Kurzgeschichte, die ihn "berühmt" gemacht hat, erzählt er die Geschichte Bishops, da Samuel inzwischen begriffen hat, woher dessen Zorn kommt. Ein Verrat an ihrer Freundschaft.
Eine Entscheidung muss er auch in Bezug auf Bethany treffen. In New York begegnen sie sich 2002 anlässlich einer Protestaktion gegen den Irak-Krieg.
Ein Brief von Bishop, geschrieben aus dem Krieg, beeinflusst diese Entscheidung. Erzählt wird in diesem Teil auch, unter welchen Umständen dieser Brief entstanden ist. Der Roman schlägt damit einen Bogen von den Chicagoer Aufständen (Fayes Geschichte) über Occupy Wall Street, da jedes Telefonat mit seinem Verleger vom Trommeln der Demonstranten begleitet ist, bis hin zum 11.September und dem darauffolgenden Irak-Krieg.

Im 6.Teil (2011) erscheint eine weitere Figur - ein neuer Handlungsstrang, der die Geschichte vorantreibt. Samuel macht mithilfe eines Elfscape-Kumpels die Freundin seiner Mutter ausfindig - Alice, die Frau, die auf dem Foto hinter seiner Mutter gesessen hat. Sie erzählt ihm, warum der Richter, der den Fall seiner Mutter verhandelt - Charles Brown - für Faye so gefährlich ist.

Teil 7 beleuchtet die Ereignisse 1968 in Chicago aus der Sicht Fayes, wie sie den attraktiven Sebastian kennen lernt, in welcher Beziehung Alice zu Charles Brown, damals Polizist, gestanden hat und unter welchen Umständen Faye der Prostitution bezichtigt wurde.
Gleichzeitig entsteht ein ungeschminktes Bild der 68er Bewegung in Chicago, ihres Idealismus und der Brutalität der Chicagoer Polizei.

Im Sommer 2011 (Teil 8) kommt auch der Richter Charles Brown, der inzwischen im Rollstuhl sitzt, zu Wort, bevor der nächste Teil die Ereignisse um Faye, Alice, Sebastian und Charles beleuchtet, an dem Tag der Studentenunruhen anlässlich des demokratischen Parteitages in Chicago (1968).

Viele Fäden entwirren sich in diesem vorletzten Teil, doch erst der letzte lässt alle Ereignisse und einige Figuren in neuem Licht erscheinen und hält überraschende Wendungen bereit.

Bewertung
Ein großartiger Roman, der die Geschichte einer Familie und der sie beherrschenden Geister erzählt. Von einer Frau, die Zeit ihres Lebens auf der Flucht vor dem Hausgeist ihres Vaters ist, der selbst ein Geheimnis birgt, auf der Suche nach ihrem wahren Ich und der eigenen Identität. Führt Fayes Verhalten zu Beginn des Romans dazu, dass man ihr Unverständnis entgegenbringt, wie kann ich mein Kind verlassen, wird diese Handlung im Verlauf des Romans plausibel und nachvollziehbar.
Am Beispiel Samuels zeigt er, dass man im Kreisen um die Frage, ob man die falschen Entscheidungen getroffen hat, in der Gegenwart nicht leben kann.

Ein Roman über Verlust, Verrat, aber auch über das Verzeihen können - sich und anderen.
Gleichzeitig ein großartiges Gesellschaftsbild. Da werden Computerspiele und ihre langfristigen Wirkungen auf die Spieler genauso unter die Lupe genommen, wie die Hohlheit von Apps wie "I feel...", die eine Empfindung wie Zweifel nicht gespeichert hat.
Die Glaubwürdigkeit politischer Vertreter und deren Wahlkampfmanager wird beleuchtet und in Frage gestellt. Der Verleger Periwinkle ist ein besonders gutes Beispiel für einen skrupellosen Opportunisten, der die Medien jederzeit für seine Interessen instrumentalisiert.
Und nebenbei bietet der Roman Einblicke in die studentischen Aufstände in Chicago 1968 und schlägt einen Bogen zur Occupy Wall Street Bewegung.

Zeit- und Entwicklungsroman, Familien- und Liebesgeschichte - wunderbar gelesen von Uve Teschner, der jeder Figur mit eigener Intonation und Akzent Leben schenkt.

Klare Leseempfehlung!