Montag, 16. Oktober 2017

Isabella Archan: Helene geht baden

- ein rabenschwarzer Krimi.

Taschenbuch, 300 Seiten
Conte Verlag, 1.September 2014

Krimi und Komik - geht das? Isabella Archan verbindet geschickt einen spannenden Kriminalfall, in der ein schreckliches und grausames Verbrechen begangen wird, mit komischen Elementen und außergewöhnlichen Erzählperspektiven, die die Tat erträglich machen. Eine Kostprobe - der Beginn:

"Sie sitzt auf einem Ast und versucht, mit Hilfe ihrer Gedanken den dünnen Zweig zu bewegen. Tatsächlich wippen die Blätter leicht auf und ab. Das könnte natürlich auch am Wind liegen. Moni ist zwar tot, aber nicht blöd." (S.11)

Worum geht es?
Moni ist ermordert worden und ihre Seele beobachtet, wie ein Jogger ihre übel zugerichtete Leiche findet. Auf ihrem Bauch finden sich Schnitte, die wie ein Jägerzaun aussehen. Gestorben ist sie am Blutverlust, gequält wurde sie nicht am Ufer des kleinen Sees im Park, an dem sie gefunden wird, sondern in ihrer Wohnung.

Die Ermittlungen übernehmen Peter Kraus, Spitzname: alter Rocker, und die junge Kommissarin Willa Stark - gebürtig aus Graz, das Fräulein Ösi. Dort löste sie einen spektakulären Fall, der auch europaweit Interesse erzeugt hat. Die Publicity nahm man der jungen Kriminalinspektorin übel und sie wird zur Außenseiterin. Deshalb hat sie das Angebot Interpols angenommen an einem länderübergreifenden Entführungsfall mitzuhelfen. Und ist in Köln gestrandet und geblieben, wo sie beginnt, sich heimisch zu fühlen. In dem Gerichtsmediziner Harro deNärtens hat sie einen guten Freund gefunden. Trotz zahlreicher Spuren kann der Fall Moni nicht gelöst werden...

Die zweite Protagonistin ist die junge Helene, die Baden über alles liebt und sich dieser Wonne fast täglich hingibt, beobachtet vom Rentner Fritz, der sein einsames Dasein mit Spannen fristet.
An einem Abend beobachtet er Schreckliches gegenüber und verhindert einen weiteren Todesfall. Das, was er sieht, verändert Helenes und sein Leben nachhaltig und beschert Willa neue Ermittlungen, da der Fall dem Monis gleicht. Wird es der jungen Grazerin, deren Onkel Willi vor Jahren einen Mord im Affekt begangen hat, gelingen den mysteriösen Messermann zu finden?

Bewertung
Die außergewöhnliche Erzählperspektive zu Beginn des Kriminalromans hat mich neugierig gemacht und das grausame Verbrechen aus der Sicht der unbeteiligten "Seele", die ganz neutral und schmerzfrei ihren Körper betrachtet, ist so distanziert dargestellt, dass auch zart Besaitete es gut ertragen können. Die Außenperspektive tritt mehrfach im Roman auf - mit dem gleichen Effekt.
Die ehrgeizige Ermittlerin Willa Stark, eine fast klassische Einzelgängerin, ist sehr sympathisch und erfrischend. Das Team bleibt blasser, außer der Gerichtsmediziner, aber im Mittelpunkt soll neben dem Opfer die Grazerin stehen.
Die Handlungsweise Helenes nach dem Überfall ist schwer nachzuvollziehen, als langjährige Krimileserin und Tatort-Liebhaberin aber nicht unwahrscheinlich. Psychologisch lässt sich das "unvernünftige" Handeln sicherlich erklären.
Die Motive des Täters werden nur angedeutet, doch auch er bleibt als Figur glaubhaft. Das Ende ist spannend und gut konzipiert - dramaturgisch gut umgesetzt.

Eine klare Lese-Empfehlung!

Sonntag, 15. Oktober 2017

Frankfurter Buchmesse 2017

- Besuch am Freitag.

Wie im letzten Jahr traf ich mich mit Mira auf der Buchmesse. Da wir beide als Bloggerinnen eine Akquirierung erhalten hatten, wählten wir den Freitag aus, in der Hoffnung, dass es etwas ruhiger zugehen würde - was sich zumindest teilweise bestätigt hat. Auch meine Kinder sowie eine Freundin meiner Ältesten waren mit von der Partie.

Unser erster Höhepunkt war das Interview mit Klaus Cäsar Zehrer zu seinem Debütroman "Das Genie" aus dem Diogenes Verlag.
Seinen ersten Roman habe er mit 16 Jahren verfasst, verrät er. Dieser sei jedoch nur zwei Seiten lang gewesen, so dass er ihn verworfen habe. "Das Genie" ist seiner Aussage nach eine Romanbiografie und basiert auf der realen Figur William James Sidis.

Klaus Cäsar Zehrer liest aus "Das Genie"
Die Idee kam ihm, als er beim Surfen im Internet auf eine Liste der 10 intelligentesten Menschen gestoßen ist, auf dem ihm der Name Sidis ins Auge fiel. Er wollte mehr über diese Person herausfinden, der Anfangsfaden für den Roman war gesponnen.
Vor 9 Jahren hat er mit der Arbeit begonnen, die  mit immenser Rechercheleistung verbunden war. Schließlich spielt der Roman zu Beginn des 19. Jahrhunderts und Zehrer gibt die wissenschaftlichen mathematischen Erkenntnisse der Zeit wieder, die heute teilweise überholt sind, so dass er in alten Lexika wälzen musste.
Sidis ist das Ergebnis eines Erziehungsexperimentes. Sein Vater, ein ukrainischen Einwanderer und Psychologe will beweisen, dass man Kinder zu intelligenten Wesen heranziehen kann. So bringt er Sidis ganz früh das Lesen bei und mit 11 Jahren besucht er bereits eine Universität. Wie bewertet man ein solches Erziehungsexperiment? Diese Frage sollen die Leser*innen selbst beantworten, Zehrer lässt sie offen.

Ann-Katrin Heger
In der kurzen Lesung vermittelt Zehrer einen ersten Eindruck des Romans, der durchaus auch humoristisch ist. Uns hat er jedenfalls überzeugt und Mira und ich haben spontan beschlossen, den Roman im Oktober gemeinsam zu lesen.

Im Anschluss blieben wir im Agora Lesezelt sitzen und hörten uns den Anfang des neuen Kriminalfalls der Drei !!! an - eine Lesung für die Kinder, die aber auch uns gefallen hat.
Ann-Katrin Heger, die Autorin von "Tanz der Herzen", vermochte es mit ihrer Stimme die Lesung spannend und interessant zu gestalten. Besonders gelungen war der Einstieg, in dem zur Musik von Schwanensee die letzte Szene der Ballettaufführung geschildert wird - sehr dramatisch.



Daniel Kehlmann mit Klaus Brinkbäumer
Danach schlenderten wir durch die Hallen, während die Kinder sich vor allem der Hobbit-Presse des Klett-Cotta-Verlages widmeten, pilgerten Mira und ich ins Spiegel-Forum, wo Daniel Kehlmann im Interview mit Klaus Brinkbäumer seinen neuen Roman "Tyll" vorstellte.

Die Sagengestalt des Till Eulenspiegel versetzt Kehlmann in den 30jährigen Krieg - ob die Person
wirklich gelebt hat? Es gibt eine Quelle aus dem 14.Jahrhundert, die dazu passt, trotzdem kann man die Frage letztlich nicht beantworten.

Zu Beginn des Romans übernimmt Kehlmann die Schelmengeschichte, in der Tyll auf einem Seil tanzt und alle Zuschauer auffordert, ihm den rechten Schuh zuzuwerfen. Damit richtet er ein heilloses Chaos an und bereitet das gewaltsame Chaos, das der Religionskrieg mit sich bringt, sozusagen vor.

Cartoon auf der Buchmesse
Die Gauklerfigur, die die Atmosphäre erträglich macht, ohne selbst eine lustige Figur zu sein.
Eine andere Funktion Tylls ist es, die verschiedenen Handlungsstränge zu verbinden. In der immobilen Gesellschaft des 17.Jahrhunderts vermag das fahrende Volk verschiedene Orte aufzusuchen und auch in Kontakt mit unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zu treten.
Auch Kehlmann hat für seinen Roman umfangreich recherchiert. Geholfen hat ihm das einjährige Stipendium an der Public Library in New York. Dort erhielt er Zugriff auf alle Bücher und innerhalb eines Tages landeten sie auf seinem Schreibtisch. Die Erwartung vor Ort zu sein, half ihm die nötige Disziplin aufzubringen, um den Roman in recht kurzer Zeit fertigzustellen. Tauchte man drei Tage hintereinander nicht auf, wurde man freundlich kontaktiert, erzählte Kehlmann, der an New Yorker University zurzeit einen Lehrauftrag für deutsche Literatur hat. Gefragt nach Trump, erwiderte Kehlmann, dieser mache ihn wütend, gleichzeitig wecke er große Ängste.
Nach seiner Heimat befragt, nennt Kehlmann Wien, als den Ort, an dem er aufgewachsen sei. Im Moment sei es New York, da sein Sohn dort zur Schule ginge. Ein sehr interessantes Interview, das mich sehr neugierig auf den Roman gemacht hat.

Peter Wohlleben
Anschließend schauten wir uns das Gastland Frankreich an, um dann im ARD Forum, Peter Wohlleben zuzuhören, der sich mit dem Netzwerk der Natur beschäftigt hat. Er forderte dazu auf, Kinder im Wald nicht zu ermahnen, leise zu sein. Denn durch die lauten Rufe fühlte sich das Wild sicher und wisse, es könne ihm nichts passieren. Gefragt danach, welches Tier er gerne sei, gab er zur Antwort, ein Wolf. Allein das Dasein des Wolfes führe zu einer Stärkung des Waldes. Sei ein Wolf am Fluss, halten sich dort keine Hirsche mehr auf, die die jungen Bäume fressen. Das Flussufer werde befestigt, das Wasser könne mäandern und der Biber wieder ansässig werden. Mit einer Krähe würde er gerne mal einen Kaffee trinken, da sie sehr intelligente Tiere seien. Ein sympathischer Förster, der Unglaubliches aus der Natur berichtet.

Markus Heitz

Weiter ging es mit den Kindern zu Markus Heitz, der den zweiten Teil seines Fantasy-Romans Wédora vorstellte. Die Idee zu dieser fiktiven Welt stammt aus den in den 90er Jahren beliebten Rollenspielen, die er im Studium gespielt hat. Die Wédora-Welt habe er sich damals gemeinsam mit seinen Mitspielern ausgedacht und jetzt aus der Schublade gezogen. Markus Heitz plaudert mit dem Interviewer über die Protagonisten des Romans, ohne zu viel zu verraten, so dass wir alle neugierig geworden sind.

Als Fantasyliebhaber werden wir uns sicherlich in nächster Zukunft  der Wédora-Welt widmen.





Am Schluss wartete das Interview mit dem Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises: Robert Menasse, der auf die vielen auf ihn gerichteten Smartphones derart reagierte, dass er ein Foto von der Menschenmenge schoss, die gekommen war, um ihn zu sehen und zu hören.
Er erläuterte, dass er in seinem Roman das Abstraktum EU an einigen Figuren, u.a. an einem EU-Beamten veranschaulichen wollte. Dazu hat er selbst 5 Jahre in Brüssel gelebt und hinter die Kulissen der Europäischen Union geblickt. Anschaulich erzählte der gebürtige Wiener von den sogenannten Märtyrerpapieren, Entwürfe und Vorschläge für die EU-Kommission, die (fast) immer "zerrissen" werden. Am Beispiel der gescheiterten Jubiläumsfeier, die in Auschwitz als Geburtsort der Europäischen Union stattfinden sollte, verdeutlicht er, dass immer noch nationale Interessen die EU bestimmen. Auschwitz als Ort, der den Nationalismus als Aggressor in grausamster Art und Weise vor Augen führt, und gleichzeitig ein Ort, an dem die Nationalität keine Rolle mehr gespielt hat.
Menasse verteidigte vehement die europäische Idee und die Notwendigkeit eines vereinigten Europas, in dem sich nationale Interessen unterordnen - ein mitreißendes politisches Statement, das spontan Beifall erhielt.

Bevor wir uns auf den Heimweg machten, trafen wir noch kurz Helmut Pöll, Autor und Initiator des Forums whatchareadin, meine Leseheimat, und Renie von Renie´s Lesetagebuch, die ebenfalls als Moderatorin im Forum mitwirkt.

Fazit: Ein freudiges Wiedersehen mit Mira und ein interessanter, spannender Besuch, der mich neugierig auf viele weitere Bücher gemacht hat, die ich noch lesen will. Auch den Mädels hat es gefallen und die Wunschliste für Weihnachten wird wohl noch um ein paar Bücher wachsen.  Nächstes Jahr kommen wir wieder!

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Rowan Coleman: Einfach unvergesslich

- berührende Geschichte einer Frau, die an Alzheimer erkrankt.

Taschenbuch, 416 Seiten
Piper, 5. Januar 2016

Das Cover hat mich zunächst abgeschreckt, den Roman zu lesen, auch die Marienkäfer auf den einzelnen Seiten hätten mich fast das Buch wieder zuklappen lassen ;)
Doch eine gute Freundin, auf deren Meinung Verlass ist, hat mir den Roman empfohlen. Also habe ich meine Vorurteile überwunden und zu lesen begonnen.

Worum geht es?
Claire Armstrong ist Mitte 40 als sie die Diagnose Alzheimer erhält, an der schon ihr Vater verstorben ist.
Sie hat eine 20jährige Tochter Caitlin, die ihren Vater nicht kennt - eine Jugendliebe Claires - und eine dreijährige Tochter Esther gemeinsam mit Greg, ihrem Ehemann.
Kennen gelernt haben die beiden sich, während Greg ihren Dachboden ausgebaut hat, da Claire ein Schreibzimmer haben wollte.

Claire, die ihr Studium wegen der Schwangerschaft geschmissen hat, ist Lehrerin für englische Literatur an einer Schule und muss diesen Job aufgrund ihrer Krankheit aufgeben. Ihre Therapeutin rät ihr, ein Erinnerungsbuch anzulegen, in der sie ihre wichtigsten Ereignisse festhält und in das auch ihre Familienmitglieder hineinschreiben sollen.
Inzwischen ist Claires Mutter Ruth, die bereits ihren Mann an die Krankheit verloren hat, im Hause Armstrong eingezogen und passt auf Claire auf, die immer häufiger in der Vergangenheit lebt und nicht mehr weiß, wie man ein Telefon bedient, oder den Weg nach Hause nicht mehr findet.
Viel trauriger ist es jedoch, dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann, Greg zu lieben - wie ein Fremder wirkt er in ihrer Nähe. Nur zu dem geheimnisvollen Ryan, den sie zufällig trifft, fühlt sie sich hingezogen.
Wir erleben mit, wie Claire sich verliert, aber auch, wie sie sich bemüht, ihr Leben in Ordnung zu bringen und sich entschließt Caitlin, die selbst vor großen Problemen steht, die Wahrheit über ihren Vater zu sagen.
Die parallelen Geschichten des Erinnerungsbuches gewähren Einblick in Claires Lebensgeschichte und zeichnen das Bild einer starken und selbstbestimmten Frau.


Bewertung
Der Originaltitel "The Memory Book" ist wesentlich passender als der deutsche Titel, denn in den Erinnerungen setzt sich Claires Leben wie ein Puzzle für die Leser*innen zusammen. Interessant sind die Geschichten, die die einzelnen Familienmitglieder in das Buch hineinschreiben und die ein sehr positives Bild der noch jungen Frau zeichnen, die Schritt für Schritt ihre Erinnerungen und damit auch sich selbst verliert.
Sehr detailliert schildert Claire aus der Ich-Perspektive, was in ihrem Kopf vorgeht. Situationen, in denen sie Aussetzer hat, bleiben Leerstellen und so kann man sich intensiv in ihre Verzweiflung hineinversetzten. Auch die Fremdheit, die sie inzwischen für ihren Ehemann empfindet, ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar und für ihn grausam.
Trotz der ernsten Thematik ist der Roman nicht kitschig (das Cover bestätigt sich nicht) - vielleicht etwas sentimental und rührselig. Natürlich sind die Protagonisten gute, liebenswerte Menschen und sie handeln stets mit hehren Motiven.
Schiebt man das beiseite, berührt das Schicksal der jungen Frau, die weiß, dass sich ihre kleine Tochter nie an sie, so wie sie war, erinnern kann. Alzheimer ist eine Krankheit, die man normalerweise nur mit älteren Menschen in Verbindung bringt. Der Roman führt vor Augen, dass es auch relativ junge Menschen treffen kann und dass ein geringer Anteil der Erkrankungen auf eine genetische Disposition zurückzuführen ist.

"Weniger als 2% aller Fälle von Alzheimer-Krankheit werden dominant vererbt. Dies bedeutet, dass die Veränderung (Mutation) eines einzigen Gens für die Entstehung der Krankheit ausreicht und dass statistisch gesehen die Hälfte der Nachkommen eines Betroffenen ebenfalls erkranken."  (Quelle: Deutsche Alzheimergesellschaft)

Ein Roman, der trotz stilistischer Schwächen und einseitiger Figurenzeichnung aufzeigt, wie Vergessen erlebt werden kann und dadurch berührt.

Sonntag, 8. Oktober 2017

Stefan Bachmann: Palast der Finsternis

- ein faszinierendes Labyrinth in der Tiefe, das ein ungeheures Geheimnis birgt.
Quelle: Diogenes Verlag


Taschenbuch, 400 Seiten
Diogenes, 23. August 2017

Vielen Dank an Diogenes für das Leseexemplar,
hier geht es zur Buchseite des Verlages.

Vor zwei Jahren habe ich "Die Seltsamen" und "Die Wedernoch" von Stefan Bachmann gelesen. Diese Steampunk Fantasy- Romane, die am viktorianischen England orientiert sind, haben mich begeistert, so dass ich mich schon auf den neuen Roman gefreut habe.

Worum geht es?
Im Chateau du Bessancourt im Oktober 1789 fliehen die vier Mädchen des Marquis Frédéric du Bessancourt in den unterirdischen Palast, den er erschaffen hat, um den Schrecken der französischen Revolution zu entkommen. Aus der Sicht der ältesten Tochter Aurélie erfahren wir, dass die Mutter kurz vor dem Eingang in die Tiefe umkehrt und von den Aufständischen auf der Treppe erschossen wird und zurück gelassen werden muss.

"Die Wachen drängen uns voran - hinab und immer weiter hinab in die Schwärze, zu Glück, Sicherheit und ewigem Frieden, wo Vater wartet." (S.11)

Dieser Handlungsstrang verläuft parallel zu einem in der Gegenwart, in dem die 17-jährige Anouk Geneviève van Roijer-Peerenboom, die gerade ihre Familie verlässt, in der sie sich nicht wohl zu fühlen scheint, im Mittelpunkt steht und aus deren Perspektive erzählt wird.

"Das Haus wirkt riesig und leer. Marmorblass. Ich bin ein vorsätzlicher Schmutzfleck inmitten all dieser Makellosigkeit, eine Radiergummispur auf den geraden Linien. Penny hat eine Ballettaufführung. Alle sind dort." (S.13)

Sie folgt der Einladung der Familie Sapani, die sie zusammen mit vier weiteren Jugendlichen für eine Expedition in Frankreich ausgewählt hat. Sie sollen den unterirdischen Palast der Familie Bessancourt erforschen, der zufällig unter einem Schloss gefunden wurde. Am Flughafen trifft sie auf die anderen, Will, Lilly, Jules und Hayden, die sie auf Anhieb unsympathisch findet.
Anouk spricht fünf Sprachen fließend und ist anerkannte Jungakademikerin, im sozialen Umgang jedoch zynisch, unfreundlich und auf Abwehr bedacht - das scheint von ihrer schwierigen familiären Situation herzurühren, davon, dass ihre Eltern sie offensichtlich nicht lieben. Sie selbst mag nur ihre kleine Schwester Penny, von der sie Ucki genannt wird. Ein Name, mit dem Anouks sich in Reflexionen selbst anspricht.

"Vier Gelegenheiten, Freundschaft zu schließen, vermasselt. Das war´s. Bravo, Ucki, hast es mal wieder geschafft.
Es gibt Menschen, die besitzen die besondere Fähigkeit, überall unglücklich zu sein, egal wo, egal mit wem und egal warum. Vielleicht ist diese Fähigkeit aber auch nur typisch für mich." (S.50)

Im Jahr 1789 erzählt Aurélie, wie ihre Mutter im August zum ersten Mal den von ihrem Vater erbauten Palast in der Tiefe besucht und verängstigt daraus zurückkehrt. Was verbirgt sich dort unten?

Die Expedition der Gegenwart wird von einem gewissen Professor Dorf geleitet, der sie bei einem Abendessen im Schloss begrüßt. Eine Frage, die sich Anouk und auch die anderen stellen, ist die, warum gerade sie - junge Studenten und Studentinnen für diese Expedition ausgewählt wurden. Warum untersucht nicht ein wissenschaftliches Forscherteam den unterirdischen Palast, der teilweise von Wasser überflutet sein soll? Das ergibt keinen Sinn.
Die Frage stellt Anouk auch Professor Dorf, der sie jedoch nur ausweichend beantwortet und ihnen stattdessen in Aussicht stellt, im unterirdischen Palais eine umfangreiche Sammlung historischer Kunstwerke, architektonischer Wunder und Zeugnisse aus dem Zeitalter der frz. Revolution zu entdecken. Am Ende des Abendessen sollen alle eine Kapsel schlucken, angeblich gegen Mikroben und Toxine, doch Anouk bezweifelt dies und im Hinauslaufen versucht sie die Kapsel wieder auszuspuken und wird ohnmächtig.

Während im Jahr 1789 Aurélie mit ihren Schwestern im Palais ankommt und Graf Havriel, der Bruder Frédérics die Wachen zwingt, ihre tote Mutter ebenfalls nach unten zu bringen, wacht Anouk in der Gegenwart in einem Spiegelsaal auf und wird Zeuge, wie Miss Sei, Dorfs Assistentin, Hayden einen
"Tankstutzen (...). Länglich. Mit Widerhaken. Eine Silbernadel ragt am Ende hervor wie ein Stachel" (S.101)
in die Schädelbasis hineintreibt. Panisch fliehen die anderen vier und werden von behelmten Trackern verfolgt.

"Dies hier ist das Palais du Papillon. Es gibt das Palais wirklich. Es ist hier, und es hat eine sehr moderne Tresortür und neonerleuchtete Korridore. Sie haben uns angelogen, von Anfang an." (S.106)

Das Abenteuer im finsteren Palast beginnt, in dem sie viele Fallen bewältigen müssen; Perdu, der angeblich über 200 Jahre alt ist und französisch spricht, und eine geheimnisvolle Dame im roten Kleid treffen und immer wieder ein unheimliches Sirren hören. Neben Dorf, der sie suchen lässt, scheint es noch etwas anderes im Labyrinth zu geben und immer wieder stellen sich die Jugendlichen die Frage, warum sie an diesen Ort gelangt sind und ob sie ihn jemals wieder verlassen werden.

Eine Frage, die sich im Jahr 1789 auch Aurélie stellt, die von ihren Geschwistern isoliert wurde und nur Hilfe von Jacques, dem ihr zugeteilten Diener erwarten kann, der ihr Schauerliches aus dem Palast berichtet. Blutige Experimente, Menschen, die verschwinden, wer und was ist da am Werk?
Und wer ist der geheimnisvolle Schmetterlingsmann?

Bewertung
Ein echter Pageturner! Die Kapitel in den verschiedenen Zeitebenen, die inhaltlich aufeinander abgestimmt sind, enden fast immer mit einem Cliffhanger, so dass man atemlos weiter liest. Die Irrwege der Jugendlichen durch den Palast erzeugen neben klaustrophobischen Momenten immense Spannung. Die Frage, zu welchem Zweck diese Außenseiter, die sich allmählich anfreunden, in den Palast der Finsternis gelockt wurden und warum sie von Dorf so verzweifelt gesucht werden, schwebt immer im Raum und sorgt für zusätzliche Dynamik.

Lange bleibt in der Schwebe, ob es "nur" ein Abenteuer- oder doch ein Fantasyroman ist - bis sich herausstellt, dass wir es mit Science Fiction in der wörtlichen Bedeutung zu tun haben. Eine wissenschaftliche Fiktion - ein Experiment, das 1789 geglückt ist und bis in die Gegenwart andauert - so viel sei verraten.
Obwohl die dahinter stehende Ideen nicht neu sind, arrangiert sie Bachmann so, dass alle Puzzleteile perfekt zusammenfallen und alle Fragen beantwortet werden - auch die nach Anouks unglücklichen Familienverhältnissen.
Am Ende hätte es für meinen Geschmack etwas weniger actionreich zugehen können, bis zur "Lösung" vollbringt eine der Jugendlichen fast Unmögliches - nun gut, das kann man verkraften. Die Botschaft am Ende fällt klar und deutlich aus - vielleicht etwas zu plakativ.

Sehr unterhaltsam ist auf jeden Fall Anouks Perspektive. Ihre zynisches Art und ihre selbstkritischen und sarkastischen eingestreuten Kommentare und Gedanken sind teilweise witzig und legen Zeugnis ab von einem Kind, das nicht gesehen worden ist. Sehr authentisch wirken die Dialoge zwischen den Jugendlichen, die sich in diesem finsteren Palast, dessen Architektur und Ausgestaltung Bachmann virtuos komponiert hat, weiterentwickeln - psychisch und in ihren Beziehungen zueinander.

Klare Leseempfehlung!

Donnerstag, 5. Oktober 2017

John Williams: Nichts als die Nacht

- Novelle mit offenem Ende.

Leserunde auf whatchareadin

Hardcover, 160 Seiten
dtv, 8.September 2017

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar.

Der Erstlingsroman von John William, Autor von "Stoner", ist entstanden, nachdem der jungen Air Force Pilot Willams zu Beginn des 2.Weltkriegs auf einem Erkundungsflug in Burma abgeschossen wurde und sich in einem Lager von den traumatischen Erlebnissen erholt hat.
Im Nachwort heißt es, es sei "das Werk eines Zweiundzwanzigjährigen, den die unmittelbare Begegnung mit dem Tod verstört zurückließ und zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal zwang." (S.152).

Diese Verstörung stellt sich auch beim Lesen ein, ganz besonders nach dem offenen Ende, das viele Fragen unbeantwortet lässt.

Worum geht es?
Wir erleben gemeinsam einen Tag und eine Nacht mit Arthur Maxley in San Francisco, der mit einem surrealen Traum des Protagonisten beginnt. Er sieht auf einer Party einen Fremden.

"Ihn schien eine innere Ruhelosigkeit zu plagen, die ihm keinen lockeren Umgang mit sich oder den anderen gestattete. Angespannt beugte er sich im Sessel vor, als sei er kurz davon, aufzuspringen und in heller Panik zu fliehen." (S.11)

Dieser Fremde wird von allen bedrängt, immer näher rücken die Menschen bedrohlich an ihn heran und der Träumende erkennt,

"das hier war seine wahre Identität, das war er selbst" (S.14)

- ein Fremder in der Menge, außerhalb der Gesellschaft.

Nach dem Aufwachen beschließt er sein Versprechen einzuhalten und in den Park zu gehen, seinen Tag auszufüllen, um den Selbstreflexionen zu entgehen? Es gelingt ihm nicht dorthin zu kommen, statt dessen frühstückt er und kehrt in seine Wohnung zurück, in der eine Überraschung auf ihn wartet:
Ein Brief seines Vaters, den er schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Das letzte Telefongespräch verursachte einen psychischen Zusammenbruch Arthurs. Was ist geschehen?

Spontan verabredet er sich mit seinem Vater für den Abend.
Wir erfahren, dass Arthur voller Zärtlichkeit an seine Mutter zurückdenkt, aber auch, dass sie tot ist und dass es mit dem Tod etwas Seltsames auf sich hat.
Sie scheint eine labile Frau gewesen zu sein, minutiös beschreibt Arthur das Ritual des Gute-Nacht-Sagens.

"Er hatte gelernt, dass er in diesem heikelsten aller Augenblicke abwarten musste, in welcher Stimmung sie war. Manchmal legte sie die Arme um ihn, streckte sich neben ihm aus, zerzauste sein Haar und flüsterte ihm zu. Bei anderen Gelegenheiten wirkte sie abgelenkt, abwesend, nicht ganz bei ihm." (S.46)

 "Das ist die beste Zeit im Leben, dachte er erneut: Wenn man noch sehr jung ist, wenn das Leben einfach scheint, eine vollkommene Abfolge goldener Augenblicke." (S.47)

Bevor er seinen Vater sieht, trifft er beim Mittagessen ein Freund. Die einzige Szene im Roman, die "normal" wirkt. Doch die Bitte des Freundes ihm Geld zu leihen, schlägt er ab. Als dieser ihm vorschlägt, doch seinen Vater zu fragen, ist Arthur voller Angst.

Auch das Gespräch mit dem Vater offenbart nicht das Familiengeheimnis, doch die aufkeimende Wärme zwischen beiden wird jäh gestört, als eine Geliebte des Vaters auftaucht. Der Vater ist wie der Sohn auf der Flucht vor jenen schrecklichen Ereignissen, die zwischen den beiden ungesagt bleiben.

"Hast, dachte er, ständige Hast, immerwährende Flucht, Tage ohne Ende und kein Entkommen." (S.69)

Während der Vater sich jedoch in seiner Arbeit vergräbt, ist Arthur in seinen Selbstreflexionen gefangen.

"Wer könnte das schon, die Seele säubern?" (S.151)

Im Anschluss besucht Arthur einen Nachtclub und flirtet mit einer jungen Frau. Beim Auftritt einer Tänzerin, die in völliger Ekstase sich ihren Bewegungen hingibt, wird Arthur von seinen Erinnerungen an jenen Abend überflutet, der die die Familie Maxley zerstört hat.

Eine Erinnerung, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet und die zu einem Verhalten gegenüber der jungen Frau führt, dass sehr verstörend ist. Aus einer Angst wird Hass, der sich entlädt - plötzlich und unerwartet. Abrupt endet der Roman und lässt die Leser*innen allein.

Bewertung
Ein sehr intensiver Roman, den man nicht mal eben so zwischendurch lesen kann und der volle Aufmerksamkeit erfordert. Die Sprache ist so metaphernreich, dass es schon fast zu viel des Guten ist. Interessanterweise hat der Autor die Novelle in späteren Jahren verleugnet, weil sie ihm - wie es im Nachwort heißt - zu unfertig schien.

Sie wirkt tatsächlich nicht "fertig", am Ende stolpert der Protagonist allein in die Nacht. Ohne eine Versöhnung mit den Vater, ohne Zukunft, innerlich angetrieben.

Viele offene Fragen, was bleibt ist eine "Metaphernvielfalt", dynamische Passagen, wie der ekstatische Tanz, neben anstrengend zu lesenden Selbstreflexionen und das Aufdecken eines traumatischen Erlebnisses, mit der Protagonist offenkundig nicht leben kann.




Samstag, 30. September 2017

Anna Porter: Mord auf der Buchmesse

- Doppelmord auf der Frankfurter Buchmesse.

Lesen mit Mira

Taschenbuch, 447 Seiten
Econ&List, 1999

So kurz vor der Frankfurter Buchmesse hat Mira den Vorschlag gemacht, diesen Krimi zu lesen - auch wenn er im englischen Original schon vor gut 20 Jahren erschienen ist.



Worum geht es?
Margaret Drury Carter, Bestsellerautorin romantischer Historienromane, hat einen neuen Literaturagenten -Andrew Myles, der ihr prompt einen großen Deal beschert hat.
An den kanadischen Verleger A&M, für den die Lektorin Marsha Hillier arbeitet, hat er die Rechte für drei Romantik-Thriller verkauft - für 20 Millionen Dollar. Darin enthalten ein "fetter" Vorschuss, natürlich auch für ihn.

Marsha, die Protagonistin des Romans, befindet sich zu Beginn der Handlung auf der Bertelsmann- Party auf der Frankfurter Buchmesse und will ein Gespräch mit Andrew über das versprochene Manuskript des ersten der drei Romane von Drury Carter führen.

"Als sie sich auf die weiche, schwarzlederne Lehne seines Sessels setzte, sackte Andrew Myles leicht nach vorne. (>Was genau meinen Sie mit sacken?<, sollte die Polizei später fragen.)" (S.17)

">Andrew<, sagte Marsha leichthin, >ich frage mich, ob Sie nicht vielleicht etwas für mich haben.< Andrew Myles antwortete nicht. Er war bereits tot." (S.18)

Es stellt sich heraus, dass er mit flüssigem Nikotin vergiftet wurde, auf einer Party mit über 500 Gästen. Keine leichte Aufgabe für den deutschen Kommissar Hübsch, der auch die Lektorin Marsha verdächtigt, die sich in der Nacht nach dem Mord mit ihrer jährlichen Buchhandels-Affäre, dem norwegischen Verleger Bertil, tröstet.

Die Welt der Verleger und Literaturagenten gerät ins Wanken, als es den zweiten Toten gibt:
Jerry Haines, Hauptgeschäftsführer des Fennell-Konzerns, der angeblich ebenfalls die Rechte an den Drury Carter Romanen erworben haben will. Ein Umstand, der bei Marsha für Verwirrung sorgt.
Hat Andrew sie betrogen? Im Rückblick erscheint er als windiger Geschäftsmann, der vor seiner Tätigkeit als Literaturagent an der Börse Geld gemacht hat.

"Sich an die Regeln zu halten, hatte seiner Ansicht nach nur den einen Sinn und Zweck, den anderen das angenehme Gefühl zu geben, daß man ihre Gewohnheiten akzeptierte. Andrew hatte nicht die Absicht, angenehme Gefühle hervorzurufen." (S.38)

Als Marsha wieder in New York ist, stellt sich heraus, dass der Vorschuss, den Andrew erhalten hat, nie bei der Bestsellerautorin angekommen ist. Diese möchte sich jedoch ein Haus auf der kanadischen Insel Grand Manan kaufen und verlangt den zweiten Teil des Vorschusses, obwohl das Manuskript, das Marsha bereits gelesen hat, nicht den Erwartungen entspricht.
So beschließt Marsha zur Insel zu fahren, um selbst mit Margaret zu sprechen - gegen deren Willen und vor allem gegen den Willen ihrer Nichte Elinor, die sich um alle Belange ihrer Tante kümmert.
Auch Marshas beste Freundin Judith, die eine Reportage für Home&Garden über die Autorin und deren Cottage schreiben will, reist gemeinsam mit ihrem halbwüchsigen Sohn Jimmy auf die neblige und malerische Insel.
Es gelingt ihr jedoch nicht, die Bestsellerautorin zu interviewen, die sich zu verschanzen scheint.
Das Ende wartet mit einem packenden Finale und einer interessanten Wendung auf.

Bewertung
Der erste Teil vermittelt einen guten Eindruck in die Literaturszene, in der es letztlich auch ums harte Geschäft geht und darum, dass die Verkaufszahlen stimmen. Besonders die beiden Kanadier Thurgood und Morris, die Inhaber des A&M Verlages, die selbst kein Interesse am Lesen haben, sondern nur am Profit, repräsentieren das Verlags-"Buisness", in dem Andrew Myles mit seiner Geldgier nur ein kleines Rädchen ist. Dazu passt auch die ominöse Saddam Hussein-Biografie, an der er mit verdienen will. Politische oder moralische Verantwortung scheint ihn - im Gegensatz zur Protagonistin - nicht zu kümmern.
Am Ende stellt sich heraus, dass Andrew mit Manuskripten und dem Geld aus den Vorschüssen skrupellos umgegangen ist und genau wie an der Börse spekuliert hat. Insofern desillusioniert der Roman eine Welt, von der wir gerne nur die fertigen Produkte - die literarischen Werke - betrachten, ohne zu hinterfragen, welches Millionen Geschäft zumindest hinter den Bestsellern steckt.
Der zweite Teil ist dann eher ein klassischer Krimi mit Spannungsbogen, falschen Fährten und einem "Showdown" mit entsprechender überraschender Wende.

Der Roman ist nur noch antiquarisch erhältlich - schade eigentlich.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Samstag, 23. September 2017

Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher

- ein Buch über Bücher.

Taschenbuch, 256 Seiten
Atlantik, 8.September 2014
Die Originalausgabe erschien 1919 unter dem Titel
"The Haunted Bookshop"

Inhalt
Dieser Roman ist den Buchhändlern gewidmet, wie Christopher Morley in seiner Widmung kund tut.

In der antiquarischen Buchhandung "Parnassus", die im Stadtteil Brooklyn in einem gemütlichen Stadthaus der Gissing Street untergebracht ist, spukt es. Das behauptet zumindest der Besitzer des Sammelsuriums kostbarer Bücher, Roger Mifflin. Seine ganze Leidenschaft gehört seinen Schätzen, dem guten Essen, seiner Frau Helen - und seiner Maiskolbenpfeife.
An einem kalten Novemberabend macht er die Bekanntschaft von Aubrey Gilbert, der ein bestimmtes Anliegen hat.

"Ich vertrete die Grey Matter Advertising Agency- Reklame mit Grips, wie der Name schon sagt - und möchte Ihnen zu bedenken geben, ob Sie Ihre Werbung nicht in unsere Hände legen, uns mit der Abfassung schmissiger Werbesprüche für Sie betrauen und uns deren Platzierung in auflagenstarken Medien übertragen wollen. Jetzt, wo der Krieg zu Ende ist, sollten Sie an eine effektive Kampagne zur Erzielung größerer Umsätze denken." (S.11)

Bei Miffley, der nicht einmal eine Registrierkasse besitzt, stößt er dabei auf taube Ohren. Er vertritt die These, dass die Menschen nicht wissen, dass sie Bücher brauchen, also helfe auch keine Werbung dafür.

"Die Menschen gehen erst dann zu einem Buchhändler, wenn sie nach einem schweren Unfall ihrer Seele oder durch Krankheit die Gefahr erkennen. Dann kommen sie hierher. Würde ich Werbung machen, wäre das etwas so sinnvoll, als würde man kerngesunde Menschen zum Arzt schicken." (S.12)

Dennoch lädt Roger Mifflin den jungen Mann zum Essen ein, das seine Gattin gerade einen Familienbesuch in Boston tätigt. Dabei vertraut er Aubrey seine eigene sehr amüsante Küchenphilosophie an:

"In der Küche sehe ich den Schreiben unserer Kultur, die Essenz all dessen, was wohlgestalt ist im Leben." (S.15)

In die beschauliche Welt der Mifflins kommt Bewegung, denn Mr Mifflin hat sich aus Verbundenheit zu einem alten Freund - Mr Chapman, für dessen Kurpflaumen Aubreys Agentur Werbung macht - bereit erklärt, dessen Tochter in den Buchhandel einzuführen. Daher reist die junge Dame, Titania, an, um bei den Mifflins zu wohnen und zu arbeiten.

Ein anderes Ereignis, dass Roger Mifflin aus der Fassung bringt, ist ein verschwundenes, oder vielleicht gestohlenes Buch: Thomas Carlyles Oliver Cromwell.

Seltsamerweise entdeckt Titania eine Suchanzeige in der Zeitung, in der eben jenes Buch als verloren gemeldet wird, von einem Beikoch des Octagon-Hotels. Die gleiche Meldung zeigt auch Aubrey Mr Mifflin und bei der Gelegenheit lernt er die junge Dame kennen und verliebt sich selbstredend in sie.

Aubrey hat jedoch noch Seltsameres zu erzählen. Er begegnet nämlich jenem Koch in der Hotellobby, wobei dieser das Buch in der Hand trägt. Darauf angesprochen scheint er erschrocken und es stellt sich heraus, dass er derjenige gewesen ist, der in der Buchhandlung Paranassus auch nach diesem Roman gefragt hat. Und, das Buch ist zurück, aber mit einem neuen Umschlag.
Noch skurriler wird es, wenn Aubrey den Buchumschlag im Drugstore von Mr Weintraub, einem Deutschen, findet, geistesgegenwärtig steckt er es ein und wird anschließend auf einer Brücke überfallen.
Was geht da vor sich? Er beschließt die Buchhandlung zu beschatten und Titania zu beschützen.


Bewertung

"Das sogenannte gute Buch gibt es nicht. Ein Buch ist nur dann gut, wenn es menschlichen Hunger stillt oder einen menschlichen Irrtum widerlegt. Ein Buch, das aus meiner Sicht gut ist, ist für Sie vielleicht ohne jeden Wert." (S.13)

Die Ausführungen Roger Mifflins zu der Literatur, der amerikanischen, zum Buchhandel, zur Weltlage sind interessant zu lesen und manchmal erschreckend aktuell. Zum Beispiel, wenn er den patriotischen Egoismus als Ursache der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Staaten anprangert:

"Lasst uns die Welt lieben, lasst uns die Menschheit lieben - und nicht nur unser Land. Deshalb ist die Rolle so wichtig, die wir auf der Friedenskonferenz spielen werden. Unser Motto dort drüben muss "Amerika zuletzt" lauten, und darauf sollten wir stolz sein, denn als einzige Nation sollte es uns da drüben nicht um Eigennutz gehen, sondern nur um den Frieden." (S.114)

Vielleicht sollte man dem amerikanischen Präsidenten diesen Roman zur Lektüre empfehlen!

Der Spionagefall ist zweitrangig und recht konfus, allerdings sorgt er im letzten Teil des Romans für eine Spannungssteigerung, während der erste Teil den Reflexionen, die manchmal etwas zu ausschweifend sind, und dem Wert der Bücher gewidmet ist.

Dafür entschädigen die Erzählerkommentare:

"Unsere Leser würden uns berechtigtermaßen grollen, wenn wir uns nicht an einer Beschreibung der jungen Dame versuchen würden, und wir wollen die wenigen Häuserblocks, die sie auf der Gissing Street zurücklegte, dazu nutzen." (S.65),

die genau, wie die heutzutage altmodisch wirkende Sprache den ganz besonderen Reiz dieses ruhigen Romans ausmachen, der betulich die Spionage Geschichte entwickelt, um sie überraschend aufzulösen.

Ein Roman, der sich an Bibliophilie richtet und für Lesevergnügen sorgt.

Und ich weiß jetzt, dass ich eine "Librocubicularistin" bin, jemand, der gerne im Bett liest ;)


Dienstag, 19. September 2017

Anne B. Ragde: Sonntags in Trondheim

- ein unterhaltsamer Abschluss der Familiensaga.

Klappentext Rückseite
Taschenbuch, 352 Seiten
btb Verlag, 14. August 2017

Der Roman ist der letzte Teil der Geschichte um die Familie Neshov, die mit "Das Lügenhaus" begonnen hat und in "Einsiedlerkrebse" und "Hitzewelle" fortgeführt wird.

Anna Neshov hat gemeinsam mit ihrem Schwiegervater Tallak drei Söhne gezeugt und ihren eigentlichen Ehemann Tormod bevormundet und menschenunwürdig behandelt.
Der älteste Sohn Tor ist nach dem Tod der Mutter auf dem Hof geblieben und hat die Schweinezucht weitergeführt, während Margido ein Bestattungsunternehmen eröffnet hat und der jüngste, Erlend, nach Dänemark geflüchtet ist. Dort lebt er mit Krumme zusammen und gemeinsam mit dem lesbischen Pärchen Jytte und Lizzi haben sie beschlossen Kinder in die Welt zu setzen. Torunn, Tors Tochter aus einer kurzen Affäre, hilft ihrem Vater auf dessen Hof, als er in einer ausweglosen Situation steckt. Dann stirbt er an einem Herzinfarkt. Am Ende des letzten Bandes läuft Torunn davon, da Erlend und Krumme aus den Silos auf dem Hof schicke Ferienwohnungen gestalten wollen und sie glaubt, jeder missbrauche sie für seine Zwecke. Seitdem steht der Hof leer und Tormod lebt in einem Altenheim.

Inhalt
Klappentext Vorderseite
Einige Jahre danach setzt die Handlung ein. Torunn hat ihre Beteiligung an der Tierklinik verkauft und lebt wieder mit Christer zusammen, ein Mann, der sein Geld mit Aktiengeschäften verdient und Schlittenhundrennen fährt. Und der sie schamlos betrügt, worüber sich ihre Freundin Margaret furchtbar aufregt. Lange nimmt Torunn dies hin, doch irgendwann ist es ihr zuviel. Sie beschließt kurzentschlossen ihren Onkel Margido aufzusuchen, der aus allen Wolken fällt. Abwechselnd aus der Sicht Margidos, Torunns und Erlends wird der erste Teil des Romans erzählt. Erlend ist inzwischen Vater und im Rückblick erfahren die Leser*innen, wie er und sein Partner die Zeit der Schwangerschaft ihrer lesbischen Freundinnen erlebt haben, wie die Kinder auf die Welt gekommen sind und sich im Leben der beiden Paare eingerichtet haben - bis ein Herzinfarkt Krummes diese Welt ins Wanken bringt.
Der zweite Teil fokussiert sich auf Torunn, die mit 40 Jahren beschlossen hat, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Sie will zum Hof zurückkehren und einen neuen Anfang wagen - mit ihrer Familie.

Bewertung
Nachdem der letzte Band der Reihe etwas abrupt geendet hat und viele Fragen offen geblieben sind, schließt die Autorin mit diesem Teil die Familiengeschichte glücklich ab. Ein schöner Unterhaltungsroman, mit Humor und melancholischen Szenen, der aber nicht an den ersten Roman dieser Reihe herankommt, in der ein dunkles Familiengeheimnis - die Identität des wahren Vaters der drei Jungen - im Vordergrund gestanden hat. Torunn entwickelt sich als Figur und gibt ihrem Leben eine neue Richtung. Witzig sind die Schilderungen Erlends über die Schwangerschaft und die Zeit danach - die ungewöhnliche Konstellation, dass ein schwules Pärchen mit einem lesbischen beschließt Kinder in die Welt zu setzen, hat einen gewissen Charme.

Insgesamt gute Unterhaltung, nicht mehr, aber auch nicht weniger ;)







Sonntag, 17. September 2017

Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter

- ein Ohrenschmaus.

Quelle: pixabay
Hörbuch von Audible
gesprochen von Uve Teschner
27 Stunden 26 Minuten


Kleine Leserunde auf whatchareadin
mit Literaturhexle







Obwohl es der 4.Band der Reihe "Friedhof der vergessenen Bücher" ist, lässt sich dieser Teil unabhängig von den anderen lesen bzw. hören. Ich habe selbst vor Jahren "Im Schatten des Windes" gelesen und während des Hörens kam die ein oder andere Erinnerung daran auf. Doch die Geschichte steht für sich und ist extrem spannend und gut erzählt.

Inhalt
Zu Beginn begegnet uns Daniel Sempere, der von seinem Vater im ersten Band in das Geheimnis des Friedhofs der vergessenen Bücher eingeweiht wird.
Inzwischen ist er mit Beatrix verheiratet, hat einen vierjährigen Sohn, Julian, und ist mit seinem Vater gemeinsam Besitzer der Buchhandlung Sempere. Auch sein alter Freund Fermin ist noch an seiner Seite und sorgt mit seiner metaphorischen Sprache und seinen Zoten für Heiterkeit.

Er erzählt im Rückblick von seiner Ankunft in Barcelona im Jahre 1939, als er als blinder Passagier auf einem Schiff die Botschaft seines Freundes an dessen Frau (seiner einstigen Liebe) überbringen will. Dabei wird er von seinem alten Feind, dem brutalen und skrupellosen Fumero von der Geheimpolizei entdeckt, kann aber fliehen. Er erreicht das Haus seines Freundes, trifft aber nur dessen Mutter an sowie die kleine 8-jährige Alicia, die ihr Lieblingsbuch in der Hand hält: "Alice im Wunderland." Das Haus wird bombardiert, es gelingt Fermin sich und Alicia zu retten, gemeinsam fliehen sie im Feuer durchtränkten Barcelona.
Doch sie verlieren sich und Alicia stürzt in eine Bücherkathedrale - mitten in den Friedhof der vergessenen Bücher. Schwer verletzt überlebt sie diese Nacht und träumt immer wieder von diesem Ort - doch Fermin glaubt, sie habe nicht überlebt und er habe seinen Freund "verraten".

Die Handlung springt ins Jahr 1959. Der Kulturminister Mauricio Valls gibt gerade ein rauschendes Maskenfest, während seine schwer kranke Frau dahin vegetiert, sich seine Tochter Mercedes jedoch gut amüsiert.
Valls wird bedroht - mit Briefen, auch einen Anschlag hat es bereits auf sein Leben gegeben. An diesem Abend erhält er ein schwarzes Buch - es gehört zur Reihe "Das Labyrinth der Lichter" von Victor Mateix, der im Gefängnis Montjuic gesessen hat, in dem Valls während und nach dem Bürgerkrieg Gefängnisaufseher gewesen ist. Valls glaubt, dass hinter den Drohungen und dem Anschlag der Schriftsteller David Martin steckt, der gemeinsam mit Mateix eingeperrt war.
Valls versucht sich in Sicherheit zu bringen und verschwindet spurlos - nur sein Auto wird mit Blutspuren aufgefunden.

Alicia - jene Alicia, die Fermin hatte retten wollen - soll sich auf die Suche nach Valls machen. Sie arbeitet für Leandro, der wiederum der Politischen Polizei zuarbeitet. Er war es, der sie herunter gekommen auf den Straßen Barcelonas aufgelesen hat und sie zur einer Art "Geheimagentin" ausgebildet hat. Mehr oder weniger gezwungen arbeitet sie sehr effektiv für ihn, möchte ihn und ihre Arbeit jedoch verlassen. Der Fall Valls solle ihr letzter werden, verspricht Leandro, dann sei sie frei.
Gemeinsam mit dem Polizisten Vargas ermittelt sie und ihre Spur - nämlich der 4.Band der Reihe "Das Labyrinth der Lichter", den sie bei Valls finden, führt sie von Madrid nach Barcelona, auch in die Buchhandlung Sempere, die sie bereits als Kind besucht hat.
Alicia recherchiert die Fakten zu Victor Mateix und sie stoßen auf weitere ehemalige Insassen des Gefängnis Montjuic. So soll ein gewisser Salgado die Briefe geschrieben haben, er ist jedoch selbst ermordet worden.
Ein Fall mit vielen Handlungsfäden, die am Ende in einem Trommelwirbel entwirrt werden, bevor der Roman in einem ruhigen Fahrwasser zu Ende geht.

Denn Julian Sempere verfolgt das ehrgeizige Projekt, die Geschichte seiner Familie zu erzählen und mit diesem Kunstgriff führt Zafon alle Teile der Reihe - "Der Schatten des Windes", "Das Spiel der Engel", Der Gefangene des Himmels" und "Das Labyrinth der Lichter" - geschickt zusammen.

Bewertung
Trotz der sehr langen Hörzeit wird dieser Roman - bis auf den letzten Teil, der etwas ausufert - nicht langweilig. Im Gegenteil, ich bin in eine Art Sog geraten und wollte immer weiter hören, was auch dem hervorragenden Vorleser gelegen hat. Vielen Dank an Literaturhexle, die mir alle Namen aufgeschrieben hat, denn beim Hören der spanischen gerät man zu Beginn durcheinander.

Eine sehr spannende Geschichte, in der man wenig vorhersehen kann und die Charaktere glaubwürdig agieren, die Handlung immer wieder Fahrt aufnimmt, es aber auch ruhige, reflektierende Passagen gibt. Die Fäden entwirren sich zufriedenstellend am Ende, wenn auch der ein oder andere sympathische Protagonist auf der Strecke bleibt.
Meine Lieblingsfigur ist der kauzige Fermin, über dessen Sprache und Witze ich immer wieder lachen musste.
Der geschichtliche Hintergrund hätte für meinen Geschmack noch stärker thematisiert werden können, da ergeht sich Zafon in vielen Andeutungen, während die Topographie Barcelonas ausführlich geschildert wird.

Insgesamt ein echter Hörgenuss, ein opulenter, nach dem ich persönlich jetzt was Leichteres und sprachlich Puristischeres brauche ;)

Auf whachtareadin ist unser gesamter Dialog zu lesen:

Literaturhexles Meinung
Ich bin total begeistert vom Erzählstil des Autoren: Die Sprache erscheint ein klein wenig distinguiert, aber passend zur Zeit, in dem es spielt. Auch gibt es in Spanien starke Standesunterschiede, auf die auch in Dialogen Rücksicht genommen wird. Trotzdem blitzt hier und da auch Humor auf. Viele Namen treten schon im ersten Viertel auf. Zum Glück habe ich das Buch hier, wenn man sie geschrieben sieht, ist das Einprägen leichter. Auch die Zeitsprünge kann man im Buch leichter nachvollziehen.
Die Figuren sind sehr genau gezeichnet, der Autor kann die Atmosphäre mit seinen Worten heraufbeschwören, die recht dunkel und geheimnisvoll ist. Das Personal ist zum Teil mit dem der Romanvorgänger identisch. Man kann das Labyrinth der Lichter aber völlig losgelöst lesen.

Donnerstag, 7. September 2017

Nicholson Baker: Das Regenmobil

- ein launiger Monolog darüber, wie man einen Songtext schreibt.

Taschenbuchausgabe, 300 Seiten
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 21. Juli 2017

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar, hier geht es zur Buchseite des Verlages.

Inhalt

Paul Chowder ist Lyriker, "bekannt" geworden durch eine Anthologie "Reim allein", die ihm immer noch Tantiemen und einige Vorträge einbringt.
Zur Zeit lebt er auf einem alten Bauernhof in Maine, gemeinsam mit seinem Hund und trauert seiner Ex-Freundin Rosslyn nach.

Zu seinem 55. Geburtstag wünscht er sich sehnlichst eine Akkustikgitarre, die er sich kurzerhand selbst schenkt. Denn statt Gedichte zu schreiben, hat er sich vorgenommen ab jetzt Songtexte zu komponieren. Dabei experimentiert er mit Wortkaskaden und verschiedenen Akkorden, Klängen und allem, was Geräusche macht.

"Ich möchte Songs schreiben. Keine Gedichte mehr - Songs." (S.28)

Der Ich-Erzähler lässt uns in einem inneren Monolog daran teilhaben, welche Herausforderungen ein Songtext mit sich bringt:

"Er (gemeint ist sein Freund Tim) sagte: "Schreib doch mal ein Buch darüber, wie du versuchst, einen Protestsong zu schreiben."
"Das mache ich ja schon irgendwie", sagte ich." (S.183)

Neben den Songtexten gilt sein Interesse doch immer noch der Lyrik. Ein Gedicht von Keats,

"Bevor die Feder noch hat eingebracht/ Die Ernte meines Geistes..." (S.10)

fasziniert ihn, ebenso Gedichte über Fagotte und Musikstücken mit Fagott, da er selbst Fagott gespielt hat. Besonders Debussys "versunkene Kathedrale" hat es ihm angetan.

Und natürlich hat er ein Faible für Regenmobile:

"Das Regenmobil ist ein langsam fahrendes Techno-Dance-Trance-Gerät aus schwerem Metall mit zwei weißen gusseisernen Hinterrädern, die sich in die Erde graben, und obendrauf einer Art Taktstock oder Hubschrauberflügel, der sich dreht. Der Schlauch wird am Heck angeschraubt. Das Schlauchwasser fließt mit Hochdruck in den Anus bzw. das Rektum des Traktors. Es läuft durch den Traktor hoch und tritt an den Löchlein am Ende der rotierenden Wirblis aus und fliegt in einem gleißenden Bagel sinusoider Formen auf den Garten." (S.247)

Paul kümmert sich jedoch auch um Menschen - um seine Nachbarin Nan, deren Hühner er des Öfteren versorgt und deren Sohn Raymond ihm beim Komponieren hilft. Und vor allem kümmert er sich liebevoll um Rosslyn, die krank ist und die er davon überzeugen will, dass er der Richtige für sie ist. Nicht ihr derzeitiger Freund Harris. Ob ihm das gelingen kann?

Bewertung
Zunächst kommt der Roman etwas belanglos daher. Ein mittelmäßiger Lyriker, der sich vorgenommen hat, Songtexte zu schreiben und darüber hinaus mit Tabak und Zigarren experimentiert.
Doch die Gedanken Pauls sind alles andere als belanglos, wenn er sich zu amerikanischen Lyrikern oder zu klassischen Komponisten äußert. Oder wenn er beschreibt, welche Rolle ein Fagott in unterschiedlichen Musikstücken spielt oder wenn er sich vehement gegen die Drohnen im Kampf gegen den Terrorismus ausspricht. Er geht Fragen nach wie,
"was ist metaphorische Interferenz?" (S.49)
und zeigt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen als warmherziger Freund.

Die musikalischen Experimente und die sehr detaillierte Beschreibung, wie man einen Song komponiert, die Wortfindungen waren mir jedoch zu ausführlich und dadurch letztlich zu langatmig.
Menschen, die selbst mit Musik experimentieren und sich in diesem Gebiet auskennen, werden das zu schätzen wissen - im Gegensatz zu mir.




Sonntag, 27. August 2017

Graham Swift: Ein Festtag

- ein wunderbares, kleines Buch.

Ein Gastbeitrag von Literaturhexle


Gebundene Ausgabe, 144 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft, 15.Mai 2017


Inhalt
Die Erzählerin ist eine sehr alte Dame jenseits der 90. Sie erzählt im Wesentlichen von einem einzigen Tag ihres Lebens, der aber sehr einschneidend gewesen ist und in Folge ihrem Leben eine neue Richtung gegeben hat.
Es ist der Muttertag 1924, von dem sie erzählt, weshalb der Roman im Original auch "Mothering Sunday" heißt und ich mich über den deutschen Titel geärgert habe...


Die Erzählerin Jane ist 1924 eine Waise und Hausmädchen bei den Nivens, wo sie die Bücher des Hausherren lesen darf und über eine überdurchschnittliche Bildung verfügt.

"Aber es stimmte, sie war klug. Klug genug, um zu wissen, dass sie klüger war als er. Immer schon, besonders am Anfang, war sie ihm an Klugheit überlegen gewesen." (S.20)

Jane unterhält seit Jahren ein Verhältnis mit Paul Sheringham, der in Kürze standesgemäß Emma Hobday heiraten wird. Der Großteil des Romans handelt von letzten Stelldichein an jenem Muttertag. Zwischendrin berichtet die Erzählerin von anderen Erlebnissen in ihrem Leben: Sie wird Buchhändlerin, schließlich Schriftstellerin und ist verheiratet mit einem Philosophen.
Doch der Muttertag bewegt sie immer noch.

Bewertung
Die eigene, feine Sprache, hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Es ist die Art Buch, die ich liebe: Eindringlich, ruhig, aber spannend mit interessanten Charakteren. So dass man sich am Ende fragt: "Was wäre gewesen, wenn..." Es hallt nach!



Meine Bewertung

"Und du sollst doch zum Ball gehen!"

Das Zitat ist dem Roman vorangestellt und erinnert an das Märchen "Aschenputtel". Ganz so schlecht ergeht es Jane nicht, doch auch sie ist verliebt in einen Prinzen. Wie Literaturhexle angedeutet hat, ist der vorliegende Roman kein Märchen, im Leben heiratet das Dienstmädchen nicht den Adligen.

"Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es war ein Tag wie im Juni. Es musste kurz nach zwölf Uhr mittags sein. Ein Fenster stand offen, und er ging unbekleidet durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer. Da konnte er tun und lassen, was er wollte. Das konnte er. Und sie war noch nie hier gewesen, würde auch nie wieder herkommen. Auch sie war nackt." (S.11)

Trotzdem beeinflusst er - wie die Bücher, die Niven ihr zu lesen erlaubt - ihre Sprache, ihr Vokabular und gibt ihrem Leben eine neue Richtung: vom Dienstmädchen zur Buchhändlerin zur Schriftstellerin.

"Man nannte es >Regenerierung<, dachte sie, ein Wort, das gewöhnlich nicht im Vokabular eines Dienstmädchens vorkam. Inzwischen kannte sie viele Wörter, die nicht in das Vokabular eines Dienstmädchens passten. Auch das Wort Vokabular. Sie sammelte sie, wie die Vögel draußen, die für den Nestbau sammelten." (S.40)

Die Affäre hat ihr Leben bereichert und sie bereut nichts:
"Wir sind alle Brennstoff. Wir werden geboren, und wir brennen, manche schneller als andere. Und es gibt unterschiedliche Zündstoffe. Aber nicht zu brennen, nie zu entflammen, das wäre wahrhaftig ein trauriges Leben." (S.112)

Der Roman ist aber auch Buch über Bücher, nicht nur, dass Jane einige der Romane erwähnt, die sie geprägt haben, sie reflektiert auch über das Erfinden von Geschichten:

"Alles Fiktion! Aber etwas, das eindeutig und vollständig Fiktion war, konnte - und das war der Dreh- und Angelpunkt und das ganze Geheimnis - auch Wahrheit enthalten." (S.134)

Ein schöner Satz - ein lesenswerter Roman!

Freitag, 25. August 2017

Anna Kim: Fingerpflanzen

Erzählungen mit und nach Bildern von Kristian Evju

Paperback, 128 Seiten
Topalian & Milani Verlag, 2017

Im vorliegenden Erzählband treten die Schriftstellerin Anna Kim und der Künstler Kristian Evju in einen Dialog.
Kim ließ sich von Bildern zu Geschichten inspirieren, adaptierte Ideen auf die Bilder hin und umgekehrt schuf Evju Bilder für die Erzählungen. So finden sich neben den 6 Erzählungen auch zahlreiche Schwarz-Weiß-Bilder in der bibliophilen Ausgabe.

Die Erzählungen
Einige der Erzählungen erinnern mich an die Franz Kafkas. Wie es im Nachwort heißt, hat die Autorin "Freude an surrealer Wirklichkeitsausdehnung" (S.123). Dadurch erschließen sich die Geschichten nicht sofort, fordern zu intensiver Auseinandersetzung heraus.

In "Nasenhörner" erhält Herr Schmidt einen Brief von seiner Ehefrau, mit der er seit 3 Jahren verheiratet ist. Die Ehe wird aber nicht gelebt - trotz einer standesamtlichen Trauung.
Erst nach einem Jahr fällt Irina Kranz, der Ehefrau auf, dass ihr Mann abwesend ist, da sie alleine den Kühlschrank füllt. Aufgrund eines Geruchs geht sie von der Annahme aus, dass ihr Mann, der offenkundig nichts von der Ehe weiß, sie betrogen hat und sie nimmt sich das Recht heraus sich scheiden zu lassen. Eine überaus skurrile Situation.
Eine Allegorie auf das Leben nebeneinander ohne Liebe und Zuneigung? Ein Bild für die Kälte zwischen einem Paar? Darauf, was ein unbedachtes Wort auslösen kann? Viele Fragen, als Leser*innen dürfen wir uns die Antworten geben. Das Titelbild gehört zu der Geschichte und zeigt eine selbstbewusste Frau vor einer Schreibmaschine...

In der zweiten Erzählung "Die unerwünschte Liebe in der Montrose Street" scheint die Handlung realitätsnaher zu sein. Ein Lyriker trifft seinen immer schlecht gelaunten Lektor, der endlich auch von der Liebe befallen wird und darüber seine Arbeit vernachlässigt. Wer die junge Dame ist, bleibt vorläufig im Dunkeln. Doch die Handlung nimmt eine unerwartete Wendung und führt dem Lyriker vor Augen, dass man das Offensichtliche nicht sehen will und dass eine Liebe, für die man nicht bereit ist, Veränderungen einzugehen, verloren geht.

Meine Lieblingsgeschichten sind der "Ball der Gewichtheber" und "Die Zeitbraut", die beide mit einer überraschenden Wende aufwarten.

Im "Ball der Gewichtheber" wird ein Mann von seiner Freundin verlassen und zieht sich völlig seine neue Wohnung zurück. Wie ein Einsiedler verkriecht er sich und lauscht den Schritten vor seiner Tür, wandert nachts durch die leeren Straßen.

"Diese Leere erfreute mich, sie spiegelte die Leere wider, die ich schon seit Jahren fühlte; endlich hatte ich die Landschaft gefunden, die meiner Seele entsprach." (S.45f.)

Die überraschende Einladung zu dem "Ball der Gewichtheber" reißt ihn aus der Lethargie und Fokussierung auf die Schritte, die er vor seiner Wohnung hört.

"Die Zeitbraut" ist auf einem Bild in einem Fotoladen zu sehen. Der Inhaber erzählt, sie habe Männer vorm Altar stehen lassen, was zuvor verabredet wurde, damit andere Frauen diese Männer aus Mitleid heiraten. Eine interessante Geschäftsidee - sie selbst sei verlassen worden, am Tag ihrer Hochzeit, an dem das Foto entstanden ist. Eine traurige Geschichte, die am Ende eine unerwartete Wendung erfährt.

Die letzten beiden Erzählungen "Die Zähne" und "Fingerpflanzen" sind wieder sehr skurril. In "Die Zähne" verwandelt sich ein Mann in ein Nagetier und zieht sich aus der Gesellschaft zurück...ehrlich gesagt habe ich dazu keinen Zugang gefunden.

Anders bei den "Fingerpflanzen", in der ein Mann auf andere Lebewesen, wenn er sie mit dem Finger berührt, Arme pflanzen kann, die gleichsam mit ihm verbunden bleiben. Überall finden sich seine Spione, er selbst hat acht Arme. Eine Allegorie auf einen totalen Überwachungsstaat? Auf ein übersteigertes Kontrollbedürfnis? Auf übergriffiges Verhalten? Deutungsmöglichkeiten, die den Leser*innen Raum für Spekulationen lassen.

Anna Kim bietet keine leicht verdauliche Unterhaltung. Ihre Beobachtungsgabe ist bemerkenswert, ihre Sprache fantasievoll, klar und ansprechend.

Eine Herausforderung, zu der mich die Autorin eingeladen hat.
Vielen Dank an den Topalian & Milani Verlag für dieses Leseexemplar.





Dienstag, 22. August 2017

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

- in der Todeszone des Reaktors Tschernobyl.

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 17. August 2015

Inhalt
Baba Dunja ist eine alte Frau, die beschlossen hat, in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückzukehren. Ein Ort, der aufgrund der Strahlenbelastung in der sogenannten Todeszone liegt. Als medizinische Hilfsschwester hat sie es nach dem Super-Gau in Tschernobyl als eine der Letzten verlassen.
Die nächste Stadt Malyschi ist weit weg und nur mit dem Bus zu erreichen - fast zwei Stunden braucht Baba Dunja inzwischen für den Weg zur Bushaltestelle.

Nach Baba Dunja sind weitere Alte zurückgekehrt oder haben sich im verlassenen, einsamen Dorf niedergelassen, wie die Melkerin Marja, deren Hahn Konstantin zu Beginn der Handlung stirbt.

"Das ist die Wahrheit. Marja hat immer mit ihm geredet. Das lässt mich befürchten, dass ich ab jetzt weniger Ruhe haben werde Außer mir braucht jeder Mensch jemanden zum Reden, und Marja ganz besonders. Ich bin ihre nächste Nachbarin, nur der Zaun trennt unsere Grundstücke." (S.8)

Lauter Einzelgänger leben in Tschernowo ihr Leben, wie der fast 100-jährige Sidorow oder der krebskranke Petrov und die Gavrilovs, die ganz für sich bleiben - und natürlich die Spinnen, die seltsame Netze weben und das Interesse von Wissenschaftlern wecken. Auch die Geister finden ihren Weg zurück in die Heimat - wie Jegor, Baba Dunjas alkoholsüchtiger Mann und der Hahn Konstantin, der auf dem Zaun thront - mit ihnen redet sie.

Baba Dunjas Kinder haben die Ukraine verlassen, ihre Tochter Irina ist Ärztin bei der Bundeswehr, ihr Sohn lebt in Amerika. Sie schreiben sich Briefe, jeder Brief ist ein Fest für Baba Dunja, doch das Wichtige bleibt ausgespart.

"Es gab eine Sache, über die wir nicht gesprochen haben. Wenn Dinge besonders wichtig sind, dann redet man nicht über sie. Irina hat eine Tochter, und ich habe eine Enkelin, die einen sehr schönen Namen trägt: Laura." (S.17)

Laura, inzwischen 17 Jahre, schreibt Baba Dunja sogar einen Brief zurück, allerdings in einer Sprache, die sie nicht lesen kann und so bleibt der Brief unverständlich - um Hilfe bittet sie nicht.

Statt dessen pflegt sie ihren Garten, Einkaufen kann man nur in der Stadt, Wasser gibt es im Brunnen und Elektrizität ist sogar vorhanden. Ein Ort, an dem die Zeit still zu stehen scheint und die radioaktive Strahlung unsichtbar bleibt.

Doch die Ruhe und vermeintliche Idylle wird von einem Vater gestört, der seine Tochter in die Todeszone bringt, um seine Frau zu erpressen. Welcher Vater ist dazu in der Lage? Baba Dunja muss einschreiten und dann ereignet sich ein Unglück, das alle Dorfbewohner zum Handeln zwingt.

Bewertung
Es ist ein stiller Roman über eine alte Frau, die ihre Heimat so sehr liebt, dass sie sich freiwillig der Strahlung aussetzt und auf einen Kontakt mit ihren Kindern und Enkeln verzichtet. Aus ihren Kindern soll etwas werden, das ist ihr wichtiger, als in ihrer Nähe zu sein. Trotzdem wirkt die Protagonistin sympathisch, "hemdsärmlig" und nach dem Unglück beweist sie großen Mut.
So einfach wie Baba Dunja daher kommt, scheint auch die Sprache Bronskys zu sein, die in klaren Sätzen das Leben im Dorf skizziert und die eigentümliche Stimmung einfangen kann.

Lesenswert!


Dienstag, 15. August 2017

Ian McEwan: Der Zementgarten

Gestörte Jugend


Taschenbuchausgabe, 208 Seiten
Diogenes, 2. Januar 1999


Die Originalausgabe erschien bereits 1978, "The Cement Garden" ist McEwans erster veröffentlichter Roman.

In der Leserunde auf whatchareadin gab zu "Der Zementgarten" einigen Diskussionsstoff. Wer die Beiträge verfolgen will, klickt hier.

Freundlicherweise wurde mir das Buch vom Diogenes Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.



Inhalt
Die Handlung wird aus der Ich-Perspektive des fast 14-jährigen Jack erzählt.

"Ich habe meinen Vater nicht umgebracht, aber manchmal kam es mir vor, als hätte ich ihm nachgeholfen. Und bis auf die Tatsache, daß sein Tod zeitlich mit einem Meilenstein in meiner eigenen körperlichen Entwicklung zusammenfiel, schien er unbedeutend, verglichen mit dem, was dann kam." (S.5)

Niemand aus der Familie scheint dem Vater, der beim Zementieren gestorben ist, wirklich nachzutrauern. Jack sagt über ihn, er sei ein "schwächlicher, jähzorniger, verbohrter Mann" (S.5), vor dem die Kinder - Julie, (16 Jahre), Sue, die jüngere Schwester und der 6-jährige Tom Angst haben, und der mit seinem jüngsten Sohn um die Gunst der Mutter konkurriert. Die Familie scheint völlig isoliert, Verwandte gibt es keine mehr und Freund*innen dürfen nicht ins Haus gebracht werden. In der Umgebung stehen vorwiegend abrissreife Häuser - Tristesse.
Seit der Vater Halbinvalide ist, kann er sich nicht mehr um seinen Steingarten kümmern, der nur wenige Blumen enthält, und diese müssen strikt angeordnet sein - keine Platz zum Spielen, kein Ort, um kindliche Kreativität auszuleben. Also soll der Garten einzementiert werden, die fantasieloseste Lösung. Während der Arbeit, bei der ihm Jack hilft, erleidet der Vater einen Herzinfarkt und fällt mit dem Kopf in den frischen Zement - er ist tot.

"Als der Krankenwagen fort war, ging ich nach draußen, um unseren Pfad anzuschauen. Ich hatte keinen Gedanken im Kopf, als ich das Brett aufhob und Vaters Abdruck in dem weichen, frischen Zement sorgfältig wegglättete." (S.22)

Trauer empfindet Jack keine, im Gegenteil, der Vater wird aus den Gedanken ausradiert. Seine Aufmerksamkeit gilt seiner älteren Schwester, die seine sexuelle Fantasie beflügelt und die er sich beim Onanieren vorstellt. Eine Tätigkeit, auf die ihn die Mutter in einem peinlichen Gespräch anspricht und ihm unterbreitet, er schade seiner Gesundheit.

"Jedesmal...wenn du das tust, brauchst du zwei Liter Blut, um es wieder zu ersetzen." (S.38)

Darüber hinaus nimmt Jack seine ruhige, stille Mutter, die in ihrer Schwäche dem Vater nichts entgegensetzen konnte, kaum wahr.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters wird die Mutter krank, bis sie schließlich stirbt. Vorher instruiert sie Jack, er solle gemeinsam mit Julie die Familie zusammenhalten, Verantwortung übernehmen.
Was in der Konsequenz bedeutet, dass die Kinder, den Tod der Mutter in der Öffentlichkeit geheim halten müssen - sie zementieren sie im Keller ein.
Es gibt wenige berührende Szenen im Roman. Die Situation, wenn die Kinder die Mutter in ein Laken hüllen, um ihre Leiche zu "begraben" ist eine davon:

"Als wir sie auf das Laken niederlegten, sah sie so gebrechlich und traurig aus in ihrem Nachthemd, vor unseren Füßen liegend wie ein Vogel mit einem gebrochenen Flügel, daß ich zum erstenmal über sie weinte und nicht über mich." (S.92)

Es gelingt den Kindern über die Ferien ihr Geheimnis zu bewahren, auch als Julies Freund Derek auftaucht, der mehr an dem Haus, als an Julie interessiert scheint und willens ist, die Rolle des "Familienoberhaupts" zu übernehmen. Eine Rolle, die Jack nicht aus der Hand geben will und der sich mit Julie fast in eine Art Mutter-Vater-Situation gebracht hat. Sue hält sich weitgehend aus allem heraus und schreibt ihre Gedanken nieder, ihrer Tagebuchaufzeichnung ist es zu verdanken, dass die Leser*innen auch einen Außenblick auf Jack erhaschen, der seine Hygiene seit dem Tod der Mutter eingestellt hat - bis ein fauliger Geruch aus dem Keller steigt....

Bewertung
Ian McEwan sagt in einem Interview über "Der Zementgarten", dass er die Abgründe der Jugend sezieren wollte. Das ist ihm hervorragend gelungen.
In der Familie herrschen verstörende Beziehungen und Verhaltensweisen. Die Doktorspiele zwischen Julie, Sue und Jack sind ebenso befremdend wie Julies und Sues Versuche aus Tom eine kleines Mädchen zu machen. Da die Familie so abgeschottet ist, der Vater dominant und kaltherzig, die Mutter schwach, scheinen die Kinder Liebe und Zuneigung nur untereinander zu finden. Andererseits geht es oft um Macht und wer als Gewinner aus der Konfrontation hervorgeht.
Tom, als das schwächste Familienmitglied wird Opfer des Machtmissbrauchs. Indem er wieder in infantile Verhaltensmuster verfällt, erhält er zwar Aufmerksamkeit, andererseits wird früh ins Bett geschickt, muss tun, was Julie und Jack sagen.
Die vermeintliche Freiheit der Kinder entpuppt sich als Trugschluss. Jack äußert gegenüber Julie, es sei ihm, als ob er schlafe (S.199). Und genau so liest es sich, wie ein zähflüssiger Alptraum und man wünscht sich, dass diesem Traum von außen ein Ende gemacht wird. Denn wirklich glücklich ist keiner der Kinder. Jack onaniert, um die Gegenwart zu vergessen, Tom flüchtet sich in sein Kleinkindverhalten, Sue in ihre Gedankenwelt und Julie in eine vermeintliche Liebesgeschichte.
Beziehungen sezieren, das wolle er, sagt Ian McEwan ebenfalls in dem Interview. "Der Zementgarten" ist dieser Hinsicht messerscharf.

Montag, 14. August 2017

Imbolo Mbue: Das geträumte Land

- nur ein Alptraum?

Hörbuch von Audible
gelesen von Nils Nelleßen
12 Stunden und 27 Minuten

Diesen Roman habe ich gemeinsam mit "Literaturhexle" gehört, die genau wie ich im Forum whatchareadin aktiv ist.

Von ihr stammt er erste Teil des Blogbeitrags:

Inhalt 

Jende und Neni Jonga stammen aus Kamerun und haben in Amerika einen Asyl Antrag gestellt, um dauerhaft dort leben zu können. Der Titel trifft es sehr genau: Das Ehepaar hat ein völlig unrealistisches Bild von Amerika, dem Land ihrer Träume und der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die Geschichte ist eingebettet in die beginnende Finanzkrise Amerikas: Jende bekommt einen Job als Chauffeur bei Mr Clark und seiner Familie. Clark repräsentiert zunächst ein Abbild des Amerikaners, der es "geschafft" hat: Er ist Manager bei Lehman Brothers (man ahnt, was kommen wird...), ständig unter Strom, in Eile und mit wenig Zeit für die Familie. Diese Familie mit zwei Söhnen lernen wir besser kennen und es tun sich tiefe Risse in der amerikanischen Idylle auf...

Schließlich verliert Jende seinen Job, er und seine Frau kämpfen um die Existenz, mit der Einwandererbehörde, schließlich auch miteinander...

Literaturhexles Bewertung
Ich gestehe, dass ich das Buch so etwa bis 2/3 als relativ vorhersehbar empfunden habe. Nicht schlecht, weil man beide SEITEN der Medaille kennenlernt und sich sehr gut in die Lage der Asylanten hineinversetzen kann. Danach entwickelten sich die Dinge aber nochmal interessant und anders, als ich erwartete!
Der Vorleser hat mich dieses Mal nicht umgehauen, er las ziemlich "dröge".

Meine Bewertung
Der Beginn des Romans suggeriert zunächst, dass der amerikanische Traum ein weiteres Mal Realität werden wird - ein guter Job als Chauffeur, der Jendes Frau Neni die Möglichkeit eröffnet, weiter am College zu studieren und gegebenenfalls ihren Traum - Apothekerin werden zu wollen, leben zu können. Ein Traum, der realistisch betrachtet, wenig Aussichten auf Erfolg hat, wie ihr der Dekan ihres Colleges sehr gewissenhaft auseinander setzt. Amerika ist das "geträumte Land".
Der Roman führt deutlich vor Augen, was es heißt als Asylbewerber in einem schwebenden Verfahren in einem fremden Land zu bestehen. Die Ängste, die permanenten finanziellen Nöten, die Ansprüche aus der Heimat, Geld zu schicken, und immer noch die Unterschiede zwischen "Schwarz" und "Weiß".
Gleichzeitig sind mir die kulturellen Unterschiede zwischen Jendes Ansichten zur Rolle des Mannes in der Familie und meiner eigenen aufgefallen. Für Jende und auch Neni steht außer Frage, dass er das Sagen hat, bestimmt, welchen Weg die Familie geht. Neni muss sich seinem Willen beugen, so bestimmt er, dass sie mit dem Neugeborenen zuhause bleibt und ein Urlaubssemester macht.
Trotzdem wirkt er nicht unsympatisch, er ist seinem Arbeitgeber loyal gegenüber, verlässlich und gewissenhaft. Das Hörbuch zeichnet ein sehr differenziertes Bild der beiden Familien - der Clarks und der Jongas und verurteilt nicht...
Die Wende sorgt für die nötige Spannung und wirft viele Diskussionspunkte auf, so dass ich/wir das Hörbuch weiter empfehlen können.


Samstag, 12. August 2017

Milena Busquets: Auch das wird vergehen

- das Ende der Kindheit.

Taschenbuch, 169 Seiten
Suhrkamp, 13.Juni 2017

Mein Dank geht an den Suhrkamp Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Hier geht es zur Buchseite des Verlags, die ein interessantes Interview mit der Autorin enthält, in dem sie davon spricht, dassder Roman autobiographische Züge hat.

Inhalt

"Aus einem mir nicht ersichtlichen Grund habe ich nie gedacht, ich würde mal vierzig sein. (...) Aber da bin ich jetzt. Auf der Beerdigung meiner Muter und noch dazu vierzig." (S.9)

Nach langer Krankheit ist Blancas Mutter gestorben, ohne dass sie in den letzten Stunden an ihrem Krankenhausbett gewesen ist - sie hatte sich schlafen gelegt und kann sich das nicht verzeihen.
Aus ihrer Ich-Perspektive erfahren wir, dass sie sehr unglücklich über den Tod ihrer Mutter ist, an die sie oft ihre Gedanken richtet.

Obwohl sie so traurig ist, fällt ihr auf der Beerdigung ein Unbekannter auf.

"Ich bin drauf und dran, vor Entsetzen und Hitze ohnmächtig zu werden, aber weiterhin fähig, einen attraktiven Mann sofort zu erkennen. Vermutlich der schiere Überlebensinstinkt." (S.13)

Dieser Umstand weist auf die beiden Hauptmotive des Romans hin. Die tiefe Trauer um ihre Mutter, ihr Gefühl von Verlorenheit, vom Verlust der Kindheit, jetzt da ihre Mutter nicht mehr für sie da ist. Ihr Vater ist bereits gestorben, da war sie erst siebzehn.

"Seither reihen sich die Toten, und das letzte Glied dieser tonnenschweren Kette werde dann wohl ich sein." (S.42)

Um der Trauer zu begegnen, um sich lebendig zu fühlen, schläft sie mit ihrem Ex-Mann, Tage später mit ihrem Geliebten.

"Soviel ich weiß, ist das Einzige, was einem keinen Kater verursacht und was für Augenblicke den Tod- wie auch das Leben - verschwinden lässt, Sex. Seine Sprengkraft pulverisiert alles. Aber nur für Momente..." (S.15)

Auf diese frivole Seite Blankas, die sich leidenschaftlich hingibt, sollte man sich einlassen - mag es auch seltsam anmuten, der Trauer mit Sex zu begegnen.

Blanca beschließt in das Dorf Cadaqués zu reisen, gemeinsam mit ihren Exmännern Guillem und Óscar sowie mit ihren beiden Söhnen Edgar und Nico, in jenes Haus, in dem sie so viele Sommer mit ihrer Mutter verbracht hat. Ein Ort, an dem die Erinnerung allgegenwärtig ist.

Auch ihre beiden Freundinnen begleiten sie dorthin.

"Elisa schafft es, aus allem, selbst aus dem Sex mit einem neuen Freund, etwas Kopflastiges und Durchdachtes zu machen. Sofía dagegen macht aus allem etwas fröhlich Frivoles, das ausgelassen um sie herumgaukelt. Jeder besitzt doch ein Leitmotiv, einen roten Faden, einen Refrain, einen eigenen Duft, der ihn einhüllt, eine Hintergrundmusik, die ihn immer begleitet, unveränderlich, manchmal gedämpft, aber beständig und unausweichlich." (S.45)

Blancas Leitmotiv ist es genussvoll zu leben, fast scheint es, als habe sie keine Verantwortung zu tragen - trotz der Kinder. Sie kocht nicht, kümmert sich nicht um das Haus - es ist Elisa, die diese Aufgaben übernimmt - und auch ansonsten scheint wenig in ihrem Leben geregelt zu sein. Sie wirkt auf mich wie ein Kind, das trauert und erkennt, dass es jetzt auf eigenen Füßen stehen muss.

"Ich bin ein Erwachsenen-Fake, alle meine Bemühungen, den Pausenhof zu verlassen, sind krachend gescheitert, ich empfinde genau das, was ich mit sechs Jahren empfunden habe... (S.47)

Um der Trauer zu entfliehen, trinkt sie, raucht Joints Óscar und gibt sich ihrer Leidenschaft hin und kann doch ihrer Verlorenheit nicht entkommen.


Bewertung
Der Roman ist zusammengesetzt aus Reflexionen Blancas und aus ihren fiktiven Gesprächen mit der Mutter, die traurig wirken, berühren und deutlich machen, wie verletzlich sie ist, wie sehr sie ihre Mutter geliebt hat und dass sie immer auf der Suche nach dieser Liebe ist:

"Und obwohl er mir nicht eigentlich gefällt, fange ich an, mit ihm zu flirten. Und spüre, wie der Honig zu schmelzen beginnt, flüssig und sonnengelb wird, als wären wir zwei Kinder, die gleich nach der Tüte mit den Süßigkeiten greifen und aus dem Laden rennen, völlig außer sich vor Lachen und Schiss. Es ist nicht der dicke und zähle und dunkle Honig, für den wir bereit wären, in die Hölle zu kommen, aber Honig ist es allemal, das Gegengift gegen den Tod. Seit deinem Tod, und auch schon früher, kommt es mir vor, als täte ich nichts anderes, als mir Liebe zu stibitzen, noch die kleines Krümel vom Weg aufzulesen, als wären es Goldklümpchen." (S.60)

Gleichzeitig ist sie eine freiheitsliebende Frau, die entgegen der Konventionen ihrer Leidenschaft nachgibt und mit dieser frivolen Art die ein oder andere Leserin abschrecken könnte.
Doch aus ihrer Perspektive ist die Suche nach einem Mann, der Versuch, die Liebe zu ihrer Mutter wiederzufinden.
Ihre Handlungen sind davon geleitet, über den Tod ihrer Mutter hinwegzukommen und die Trauer zu ertragen: "Auch das wird vergehen".

Ein ungewöhnlicher Roman, der mich durch seine außergewöhnliche Sprache beeindruckt hat.





Dienstag, 8. August 2017

Marion Bischoff: Heidelbeerkind

- ein historischer Liebesroman.

Taschenbuchausgabe, 268 Seiten
Rhein-Mosel-Verlag, 20. März 2017


Der Roman wurde von der Autorin zur Verfügung gestellt, vielen Dank an den Rhein-Mosel-Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zugeschickt hat.

Inhalt
Der Liebesroman spielt in Clausen, im Pfälzer Wald, unweit von Pirmasens. Im August 1944 entdeckt die junge Elise, deren Vater und Verlobter beide im Krieg ums Leben gekommen sind und die mit ihrer Mutter, ihrem Großvater und kleinen Bruder Hans zusammen auf einem kleinen Hof lebt, in einem Heidelbeergebüsch einen verletzten Deserteur. Sie hilft ihm in die Waldhütte ihres Vaters und versorgt seine Wunde. In den folgenden Nächten schleicht sie sich heimlich aus dem Haus, um dem sympathischen und schwer verwundeten Julius zu helfen.
Ihr Freund Ferdinand, der wegen einer Beinverletzung nicht im Krieg ist, dient sich dagegen dem Hitler Regime an und arbeitet für den Ortsgruppenleiter Müller. Elise hat kein Verständnis dafür, hat ihr der Krieg doch ihren Vater und Verlobten genommen. Der Gedanke den Deserteur zu verraten, kommt ihr nicht, obwohl sie sich der Gefahr, der sie sich aussetzt, durchaus bewusst ist. Nur ihren Großvater weiht sie ein, da die Julius Wunde zu eitern beginnt und er Gefahr läuft am Fieber zu sterben.
Während der Pflege verliebt sich Elise in den gut aussehenden Deserteur, kann jedoch niemandem davon erzählen. Kann sie ihrer besten Freundin Greta vertrauen, die sich grämt, da sie in Ferdinand verliebt ist? Der seinerseits tut alles, um Elise für sich zu gewinnen. Während die Mutter Elise dazu drängt, eine Ehe mit Ferdinand einzugehen, da er als Nazi immer an Sonderrationen herankommt und das Überleben im Krieg auf dem Spiel steht, will Elise auf ihr Herz hören.
Kann sie ihre Familie im Stich lassen? Wem kann sie vertrauen? Und dann wird das Dorf auch noch bombardiert...

Bewertung
Marion Bischoff hat für ihren Roman mit vielen Zeitzeugen gesprochen und das spiegelt dieser auch wider. Sowohl die Bombardierung Clausens als auch die Situation Elises, der Hunger, die Verzweiflung, nicht mehr genug zum Leben zu haben, lässt die Leser*innen mit der sympathischen Protagonistin mitfühlen, die in manchen Situation allzu naiv agiert. Trotzdem sind ihre Handlungen und ihr Verhalten glaubwürdig. Besonders gut hat mir gefallen, dass fast keine der Figuren schwarz/weiß gezeichnet ist. Selbst Ferdinands Verhalten, das nicht immer uneigennützig ist, bleibt verständlich. Nur Gretas Verhalten und Elises Vertrauen gegenüber ihrer Freundin konnte ich nicht nachvollziehen - diese Beziehung bleibt rätselhaft.
Während der Mittelteil mit der nächtlichen Pflege, die sich täglich wiederholt, Längen hat, ist der Schluss temporeich und sehr realitätsnah.
Weiterer Kritikpunkt ist der sentimentale Sprachstil, der mich an Romane wie "Die Nachtigall" und "Honigtot" erinnert und der Situation, in der sich die Protagonisten befinden, nicht immer gerecht wird.

+++Spoiler+++
Die Behandlung Elises durch die Dorfbewohner, als das "Ergebnis" der unehelichen Liebe sichtbar wird, ist schockierend, aber realistisch dargestellt. Auch ihre Mutter hat so reagiert, wie man es in dieser Zeit erwarten würde. Unglaublich eigentlich, obwohl sie am Ende ein Einsehen hat.
Sehr positiv habe ich empfunden, dass die Autorin auf ein offensichtliches Happy End verzichtet hat, was in diesem Fall nicht authentisch gewesen wäre. Ein mögliches ist denkbar und bleibt der Fantasie der Leser*innen überlassen.