Dienstag, 15. August 2017

Ian McEwan: Der Zementgarten

Gestörte Jugend


Taschenbuchausgabe, 208 Seiten
Diogenes, 2. Januar 1999


Die Originalausgabe erschien bereits 1978, "The Cement Garden" ist McEwans erster veröffentlichter Roman.

In der Leserunde auf whatchareadin gab zu "Der Zementgarten" einigen Diskussionsstoff. Wer die Beiträge verfolgen will, klickt hier.

Freundlicherweise wurde mir das Buch vom Diogenes Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.



Inhalt
Die Handlung wird aus der Ich-Perspektive des fast 14-jährigen Jack erzählt.

"Ich habe meinen Vater nicht umgebracht, aber manchmal kam es mir vor, als hätte ich ihm nachgeholfen. Und bis auf die Tatsache, daß sein Tod zeitlich mit einem Meilenstein in meiner eigenen körperlichen Entwicklung zusammenfiel, schien er unbedeutend, verglichen mit dem, was dann kam." (S.5)

Niemand aus der Familie scheint dem Vater, der beim Zementieren gestorben ist, wirklich nachzutrauern. Jack sagt über ihn, er sei ein "schwächlicher, jähzorniger, verbohrter Mann" (S.5), vor dem die Kinder - Julie, (16 Jahre), Sue, die jüngere Schwester und der 6-jährige Tom Angst haben, und der mit seinem jüngsten Sohn um die Gunst der Mutter konkurriert. Die Familie scheint völlig isoliert, Verwandte gibt es keine mehr und Freund*innen dürfen nicht ins Haus gebracht werden. In der Umgebung stehen vorwiegend abrissreife Häuser - Tristesse.
Seit der Vater Halbinvalide ist, kann er sich nicht mehr um seinen Steingarten kümmern, der nur wenige Blumen enthält, und diese müssen strikt angeordnet sein - keine Platz zum Spielen, kein Ort, um kindliche Kreativität auszuleben. Also soll der Garten einzementiert werden, die fantasieloseste Lösung. Während der Arbeit, bei der ihm Jack hilft, erleidet der Vater einen Herzinfarkt und fällt mit dem Kopf in den frischen Zement - er ist tot.

"Als der Krankenwagen fort war, ging ich nach draußen, um unseren Pfad anzuschauen. Ich hatte keinen Gedanken im Kopf, als ich das Brett aufhob und Vaters Abdruck in dem weichen, frischen Zement sorgfältig wegglättete." (S.22)

Trauer empfindet Jack keine, im Gegenteil, der Vater wird aus den Gedanken ausradiert. Seine Aufmerksamkeit gilt seiner älteren Schwester, die seine sexuelle Fantasie beflügelt und die er sich beim Onanieren vorstellt. Eine Tätigkeit, auf die ihn die Mutter in einem peinlichen Gespräch anspricht und ihm unterbreitet, er schade seiner Gesundheit.

"Jedesmal...wenn du das tust, brauchst du zwei Liter Blut, um es wieder zu ersetzen." (S.38)

Darüber hinaus nimmt Jack seine ruhige, stille Mutter, die in ihrer Schwäche dem Vater nichts entgegensetzen konnte, kaum wahr.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters wird die Mutter krank, bis sie schließlich stirbt. Vorher instruiert sie Jack, er solle gemeinsam mit Julie die Familie zusammenhalten, Verantwortung übernehmen.
Was in der Konsequenz bedeutet, dass die Kinder, den Tod der Mutter in der Öffentlichkeit geheim halten müssen - sie zementieren sie im Keller ein.
Es gibt wenige berührende Szenen im Roman. Die Situation, wenn die Kinder die Mutter in ein Laken hüllen, um ihre Leiche zu "begraben" ist eine davon:

"Als wir sie auf das Laken niederlegten, sah sie so gebrechlich und traurig aus in ihrem Nachthemd, vor unseren Füßen liegend wie ein Vogel mit einem gebrochenen Flügel, daß ich zum erstenmal über sie weinte und nicht über mich." (S.92)

Es gelingt den Kindern über die Ferien ihr Geheimnis zu bewahren, auch als Julies Freund Derek auftaucht, der mehr an dem Haus, als an Julie interessiert scheint und willens ist, die Rolle des "Familienoberhaupts" zu übernehmen. Eine Rolle, die Jack nicht aus der Hand geben will und der sich mit Julie fast in eine Art Mutter-Vater-Situation gebracht hat. Sue hält sich weitgehend aus allem heraus und schreibt ihre Gedanken nieder, ihrer Tagebuchaufzeichnung ist es zu verdanken, dass die Leser*innen auch einen Außenblick auf Jack erhaschen, der seine Hygiene seit dem Tod der Mutter eingestellt hat - bis ein fauliger Geruch aus dem Keller steigt....

Bewertung
Ian McEwan sagt in einem Interview über "Der Zementgarten", dass er die Abgründe der Jugend sezieren wollte. Das ist ihm hervorragend gelungen.
In der Familie herrschen verstörende Beziehungen und Verhaltensweisen. Die Doktorspiele zwischen Julie, Sue und Jack sind ebenso befremdend wie Julies und Sues Versuche aus Tom eine kleines Mädchen zu machen. Da die Familie so abgeschottet ist, der Vater dominant und kaltherzig, die Mutter schwach, scheinen die Kinder Liebe und Zuneigung nur untereinander zu finden. Andererseits geht es oft um Macht und wer als Gewinner aus der Konfrontation hervorgeht.
Tom, als das schwächste Familienmitglied wird Opfer des Machtmissbrauchs. Indem er wieder in infantile Verhaltensmuster verfällt, erhält er zwar Aufmerksamkeit, andererseits wird früh ins Bett geschickt, muss tun, was Julie und Jack sagen.
Die vermeintliche Freiheit der Kinder entpuppt sich als Trugschluss. Jack äußert gegenüber Julie, es sei ihm, als ob er schlafe (S.199). Und genau so liest es sich, wie ein zähflüssiger Alptraum und man wünscht sich, dass diesem Traum von außen ein Ende gemacht wird. Denn wirklich glücklich ist keiner der Kinder. Jack onaniert, um die Gegenwart zu vergessen, Tom flüchtet sich in sein Kleinkindverhalten, Sue in ihre Gedankenwelt und Julie in eine vermeintliche Liebesgeschichte.
Beziehungen sezieren, das wolle er, sagt Ian McEwan ebenfalls in dem Interview. "Der Zementgarten" ist dieser Hinsicht messerscharf.

Montag, 14. August 2017

Imbolo Mbue: Das geträumte Land

- nur ein Alptraum?

Hörbuch von Audible
gelesen von Nils Nelleßen
12 Stunden und 27 Minuten

Diesen Roman habe ich gemeinsam mit "Literaturhexle" gehört, die genau wie ich im Forum whatchareadin aktiv ist.

Von ihr stammt er erste Teil des Blogbeitrags:

Inhalt 

Jende und Neni Jonga stammen aus Kamerun und haben in Amerika einen Asyl Antrag gestellt, um dauerhaft dort leben zu können. Der Titel trifft es sehr genau: Das Ehepaar hat ein völlig unrealistisches Bild von Amerika, dem Land ihrer Träume und der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die Geschichte ist eingebettet in die beginnende Finanzkrise Amerikas: Jende bekommt einen Job als Chauffeur bei Mr Clark und seiner Familie. Clark repräsentiert zunächst ein Abbild des Amerikaners, der es "geschafft" hat: Er ist Manager bei Lehman Brothers (man ahnt, was kommen wird...), ständig unter Strom, in Eile und mit wenig Zeit für die Familie. Diese Familie mit zwei Söhnen lernen wir besser kennen und es tun sich tiefe Risse in der amerikanischen Idylle auf...

Schließlich verliert Jende seinen Job, er und seine Frau kämpfen um die Existenz, mit der Einwandererbehörde, schließlich auch miteinander...

Literaturhexles Bewertung
Ich gestehe, dass ich das Buch so etwa bis 2/3 als relativ vorhersehbar empfunden habe. Nicht schlecht, weil man beide SEITEN der Medaille kennenlernt und sich sehr gut in die Lage der Asylanten hineinversetzen kann. Danach entwickelten sich die Dinge aber nochmal interessant und anders, als ich erwartete!
Der Vorleser hat mich dieses Mal nicht umgehauen, er las ziemlich "dröge".

Meine Bewertung
Der Beginn des Romans suggeriert zunächst, dass der amerikanische Traum ein weiteres Mal Realität werden wird - ein guter Job als Chauffeur, der Jendes Frau Neni die Möglichkeit eröffnet, weiter am College zu studieren und gegebenenfalls ihren Traum - Apothekerin werden zu wollen, leben zu können. Ein Traum, der realistisch betrachtet, wenig Aussichten auf Erfolg hat, wie ihr der Dekan ihres Colleges sehr gewissenhaft auseinander setzt. Amerika ist das "geträumte Land".
Der Roman führt deutlich vor Augen, was es heißt als Asylbewerber in einem schwebenden Verfahren in einem fremden Land zu bestehen. Die Ängste, die permanenten finanziellen Nöten, die Ansprüche aus der Heimat, Geld zu schicken, und immer noch die Unterschiede zwischen "Schwarz" und "Weiß".
Gleichzeitig sind mir die kulturellen Unterschiede zwischen Jendes Ansichten zur Rolle des Mannes in der Familie und meiner eigenen aufgefallen. Für Jende und auch Neni steht außer Frage, dass er das Sagen hat, bestimmt, welchen Weg die Familie geht. Neni muss sich seinem Willen beugen, so bestimmt er, dass sie mit dem Neugeborenen zuhause bleibt und ein Urlaubssemester macht.
Trotzdem wirkt er nicht unsympatisch, er ist seinem Arbeitgeber loyal gegenüber, verlässlich und gewissenhaft. Das Hörbuch zeichnet ein sehr differenziertes Bild der beiden Familien - der Clarks und der Jongas und verurteilt nicht...
Die Wende sorgt für die nötige Spannung und wirft viele Diskussionspunkte auf, so dass ich/wir das Hörbuch weiter empfehlen können.


Samstag, 12. August 2017

Milena Busquets: Auch das wird vergehen

- das Ende der Kindheit.

Taschenbuch, 169 Seiten
Suhrkamp, 13.Juni 2017

Mein Dank geht an den Suhrkamp Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Hier geht es zur Buchseite des Verlags, die ein interessantes Interview mit der Autorin enthält, in dem sie davon spricht, dassder Roman autobiographische Züge hat.

Inhalt

"Aus einem mir nicht ersichtlichen Grund habe ich nie gedacht, ich würde mal vierzig sein. (...) Aber da bin ich jetzt. Auf der Beerdigung meiner Muter und noch dazu vierzig." (S.9)

Nach langer Krankheit ist Blancas Mutter gestorben, ohne dass sie in den letzten Stunden an ihrem Krankenhausbett gewesen ist - sie hatte sich schlafen gelegt und kann sich das nicht verzeihen.
Aus ihrer Ich-Perspektive erfahren wir, dass sie sehr unglücklich über den Tod ihrer Mutter ist, an die sie oft ihre Gedanken richtet.

Obwohl sie so traurig ist, fällt ihr auf der Beerdigung ein Unbekannter auf.

"Ich bin drauf und dran, vor Entsetzen und Hitze ohnmächtig zu werden, aber weiterhin fähig, einen attraktiven Mann sofort zu erkennen. Vermutlich der schiere Überlebensinstinkt." (S.13)

Dieser Umstand weist auf die beiden Hauptmotive des Romans hin. Die tiefe Trauer um ihre Mutter, ihr Gefühl von Verlorenheit, vom Verlust der Kindheit, jetzt da ihre Mutter nicht mehr für sie da ist. Ihr Vater ist bereits gestorben, da war sie erst siebzehn.

"Seither reihen sich die Toten, und das letzte Glied dieser tonnenschweren Kette werde dann wohl ich sein." (S.42)

Um der Trauer zu begegnen, um sich lebendig zu fühlen, schläft sie mit ihrem Ex-Mann, Tage später mit ihrem Geliebten.

"Soviel ich weiß, ist das Einzige, was einem keinen Kater verursacht und was für Augenblicke den Tod- wie auch das Leben - verschwinden lässt, Sex. Seine Sprengkraft pulverisiert alles. Aber nur für Momente..." (S.15)

Auf diese frivole Seite Blankas, die sich leidenschaftlich hingibt, sollte man sich einlassen - mag es auch seltsam anmuten, der Trauer mit Sex zu begegnen.

Blanca beschließt in das Dorf Cadaqués zu reisen, gemeinsam mit ihren Exmännern Guillem und Óscar sowie mit ihren beiden Söhnen Edgar und Nico, in jenes Haus, in dem sie so viele Sommer mit ihrer Mutter verbracht hat. Ein Ort, an dem die Erinnerung allgegenwärtig ist.

Auch ihre beiden Freundinnen begleiten sie dorthin.

"Elisa schafft es, aus allem, selbst aus dem Sex mit einem neuen Freund, etwas Kopflastiges und Durchdachtes zu machen. Sofía dagegen macht aus allem etwas fröhlich Frivoles, das ausgelassen um sie herumgaukelt. Jeder besitzt doch ein Leitmotiv, einen roten Faden, einen Refrain, einen eigenen Duft, der ihn einhüllt, eine Hintergrundmusik, die ihn immer begleitet, unveränderlich, manchmal gedämpft, aber beständig und unausweichlich." (S.45)

Blancas Leitmotiv ist es genussvoll zu leben, fast scheint es, als habe sie keine Verantwortung zu tragen - trotz der Kinder. Sie kocht nicht, kümmert sich nicht um das Haus - es ist Elisa, die diese Aufgaben übernimmt - und auch ansonsten scheint wenig in ihrem Leben geregelt zu sein. Sie wirkt auf mich wie ein Kind, das trauert und erkennt, dass es jetzt auf eigenen Füßen stehen muss.

"Ich bin ein Erwachsenen-Fake, alle meine Bemühungen, den Pausenhof zu verlassen, sind krachend gescheitert, ich empfinde genau das, was ich mit sechs Jahren empfunden habe... (S.47)

Um der Trauer zu entfliehen, trinkt sie, raucht Joints Óscar und gibt sich ihrer Leidenschaft hin und kann doch ihrer Verlorenheit nicht entkommen.


Bewertung
Der Roman ist zusammengesetzt aus Reflexionen Blancas und aus ihren fiktiven Gesprächen mit der Mutter, die traurig wirken, berühren und deutlich machen, wie verletzlich sie ist, wie sehr sie ihre Mutter geliebt hat und dass sie immer auf der Suche nach dieser Liebe ist:

"Und obwohl er mir nicht eigentlich gefällt, fange ich an, mit ihm zu flirten. Und spüre, wie der Honig zu schmelzen beginnt, flüssig und sonnengelb wird, als wären wir zwei Kinder, die gleich nach der Tüte mit den Süßigkeiten greifen und aus dem Laden rennen, völlig außer sich vor Lachen und Schiss. Es ist nicht der dicke und zähle und dunkle Honig, für den wir bereit wären, in die Hölle zu kommen, aber Honig ist es allemal, das Gegengift gegen den Tod. Seit deinem Tod, und auch schon früher, kommt es mir vor, als täte ich nichts anderes, als mir Liebe zu stibitzen, noch die kleines Krümel vom Weg aufzulesen, als wären es Goldklümpchen." (S.60)

Gleichzeitig ist sie eine freiheitsliebende Frau, die entgegen der Konventionen ihrer Leidenschaft nachgibt und mit dieser frivolen Art die ein oder andere Leserin abschrecken könnte.
Doch aus ihrer Perspektive ist die Suche nach einem Mann, der Versuch, die Liebe zu ihrer Mutter wiederzufinden.
Ihre Handlungen sind davon geleitet, über den Tod ihrer Mutter hinwegzukommen und die Trauer zu ertragen: "Auch das wird vergehen".

Ein ungewöhnlicher Roman, der mich durch seine außergewöhnliche Sprache beeindruckt hat.





Dienstag, 8. August 2017

Marion Bischoff: Heidelbeerkind

- ein historischer Liebesroman.

Taschenbuchausgabe, 268 Seiten
Rhein-Mosel-Verlag, 20. März 2017


Der Roman wurde von der Autorin zur Verfügung gestellt, vielen Dank an den Rhein-Mosel-Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zugeschickt hat.

Inhalt
Der Liebesroman spielt in Clausen, im Pfälzer Wald, unweit von Pirmasens. Im August 1944 entdeckt die junge Elise, deren Vater und Verlobter beide im Krieg ums Leben gekommen sind und die mit ihrer Mutter, ihrem Großvater und kleinen Bruder Hans zusammen auf einem kleinen Hof lebt, in einem Heidelbeergebüsch einen verletzten Deserteur. Sie hilft ihm in die Waldhütte ihres Vaters und versorgt seine Wunde. In den folgenden Nächten schleicht sie sich heimlich aus dem Haus, um dem sympathischen und schwer verwundeten Julius zu helfen.
Ihr Freund Ferdinand, der wegen einer Beinverletzung nicht im Krieg ist, dient sich dagegen dem Hitler Regime an und arbeitet für den Ortsgruppenleiter Müller. Elise hat kein Verständnis dafür, hat ihr der Krieg doch ihren Vater und Verlobten genommen. Der Gedanke den Deserteur zu verraten, kommt ihr nicht, obwohl sie sich der Gefahr, der sie sich aussetzt, durchaus bewusst ist. Nur ihren Großvater weiht sie ein, da die Julius Wunde zu eitern beginnt und er Gefahr läuft am Fieber zu sterben.
Während der Pflege verliebt sich Elise in den gut aussehenden Deserteur, kann jedoch niemandem davon erzählen. Kann sie ihrer besten Freundin Greta vertrauen, die sich grämt, da sie in Ferdinand verliebt ist? Der seinerseits tut alles, um Elise für sich zu gewinnen. Während die Mutter Elise dazu drängt, eine Ehe mit Ferdinand einzugehen, da er als Nazi immer an Sonderrationen herankommt und das Überleben im Krieg auf dem Spiel steht, will Elise auf ihr Herz hören.
Kann sie ihre Familie im Stich lassen? Wem kann sie vertrauen? Und dann wird das Dorf auch noch bombardiert...

Bewertung
Marion Bischoff hat für ihren Roman mit vielen Zeitzeugen gesprochen und das spiegelt dieser auch wider. Sowohl die Bombardierung Clausens als auch die Situation Elises, der Hunger, die Verzweiflung, nicht mehr genug zum Leben zu haben, lässt die Leser*innen mit der sympathischen Protagonistin mitfühlen, die in manchen Situation allzu naiv agiert. Trotzdem sind ihre Handlungen und ihr Verhalten glaubwürdig. Besonders gut hat mir gefallen, dass fast keine der Figuren schwarz/weiß gezeichnet ist. Selbst Ferdinands Verhalten, das nicht immer uneigennützig ist, bleibt verständlich. Nur Gretas Verhalten und Elises Vertrauen gegenüber ihrer Freundin konnte ich nicht nachvollziehen - diese Beziehung bleibt rätselhaft.
Während der Mittelteil mit der nächtlichen Pflege, die sich täglich wiederholt, Längen hat, ist der Schluss temporeich und sehr realitätsnah.
Weiterer Kritikpunkt ist der sentimentale Sprachstil, der mich an Romane wie "Die Nachtigall" und "Honigtot" erinnert und der Situation, in der sich die Protagonisten befinden, nicht immer gerecht wird.

+++Spoiler+++
Die Behandlung Elises durch die Dorfbewohner, als das "Ergebnis" der unehelichen Liebe sichtbar wird, ist schockierend, aber realistisch dargestellt. Auch ihre Mutter hat so reagiert, wie man es in dieser Zeit erwarten würde. Unglaublich eigentlich, obwohl sie am Ende ein Einsehen hat.
Sehr positiv habe ich empfunden, dass die Autorin auf ein offensichtliches Happy End verzichtet hat, was in diesem Fall nicht authentisch gewesen wäre. Ein mögliches ist denkbar und bleibt der Fantasie der Leser*innen überlassen.

Sonntag, 6. August 2017

Paul Auster: 4321

"Identisch, aber verschieden": 4 Variationen eines Lebens.

Lesen mit Mira

Gebundene Ausgabe, 1264 Seiten
Rowohlt, 31.Januar

Lese-Erfahrung
Mira und ich haben uns diesen sehr umfangreichen Roman für den Urlaub vorgenommen. Während der langen Lesezeit haben wir unzählige Sprachnachrichten ausgetauscht und über den Roman diskutiert.

Deshalb wird dieser Blogbeitrag auch keine Rezension im üblichen Sinne, sondern gibt meine bzw. unsere Lese-Erfahrung wieder.

Im Klappentext steht, "4321 - das sind vier Variationen eins Lebens", dem Leben von Archie Ferguson.
Mein erster Gedanke war, dass diese vier Variationen hintereinander präsentiert würden.

Kapitel 1.0 bietet die Basis dieses Lebens, die Geschichte von Archies Großvater wird erzählt, einem jüdischen Russen aus Minsk, der am 1.Januar 1900 in Ellis Island, New York eintrifft. Wir erfahren, wie er zu seinem Namen kommt, wie er seine Frau Fanny kennen lernt, dass sie gemeinsam drei Kinder haben und wie ihr jüngster Sohn Stanley sich in Fergusons Mutter Rose verliebt und am 3.März 1947 erblickt Archie Ferguson das Licht der Welt.

In Kapitel 1.1 wird die frühe Kindheit aus Archies kindlicher Perspektive erzählt, der mit seinen Eltern aus der Wohnung in Newark nach Montclair, Bundesstaat New Jersey gezogen ist. Er wünscht sich ein Geschwisterchen, doch da dies laut Aussage seiner Mutter, die er über alles liebt, nicht möglich ist, stellt er sich einen älteren Bruder vor.

"Ferguson war noch keine fünf Jahre alt, hatte aber schon begriffen, dass die Welt in zwei Reiche aufgeteilt war, ein sichtbares und ein unsichtbares, und dass die Dinge, die er nicht sehen konnte, oft wirklicher waren als die, die er sehen konnte." (S.60)

Als er 6 Jahre alt ist, eröffnet seine Mutter ein Fotoatelier - Roseland Fotos, in dem sie Porträts anfertigt, auch eines von Archie, das im Schaufenster ausgestellt wird.
Das Ereignis, das sein weiteres Leben prägt, ist ein besonderes Baseballspiel im Jahre 1954, das erste Spiel der World Series.

"Seit jenem Nachmittag Ende September 1954, jenem unvergesslichen Nachmittag, an dem er mit Cassie am Fernseher den Sieg von Mays und Rhodes über die Indians verfolgt hatte, war Baseball seine größte Leidenschaft (...)" (S.174)

Auch Archies Onkel Lew profitiert von der Serie, denn der Wettsüchtige setzt auf den unerwarteten Sieg der Giants und wird reich. Im gleichen Jahr wird das Geschäft "Three Brothers Home World", das die drei Brüder - Lew, Arnold und Stanley Ferguson - führen, ausgeraubt. Ein harter Schlag für Archies Vater.

Im Kapitel 1.2 ist Archie fünf Jahre alt - ein Rückblick?
Er ist von einer Eiche gefallen und muss den Sommer mit einem Gipsbein zuhause im Bett verbringen. Seine Großmutter Emma lernt ihn das Lesen und Schreiben, bevor er nach dem Sommer eingeschult wird.
Da er viel Zeit zum Nachdenken hat, spekuliert der junge Archie über seinen Unfall:

 "(...) wäre der Ast nur winziges Stück näher dran gewesen, könnte von Dummheit gar keine Rede sein. Hätte Chuckie nicht an diesem Morgen geklingelt und ihn gefragt, ob er draußen mit ihm spielen wolle, wäre davon Dummheit keine Rede. Wären seine Eltern auf der Suche nach dem richtigen Haus in irgendeine andere Stadt gezogen, würde er Chuckie Brower nicht kennen (...) " (S.86)

- und der Unfall wäre nicht geschehen. Was wäre wenn?
Am Ende des Kapitels brennt Three Brothers Home World ab.

In darauffolgenden Kapitel 1.3. bin ich durcheinander geraten, denn plötzlich passten die Tatsachen nicht mehr zusammen und nach einigem Hin-und Herblättern und Nachrichtenaustausch mit Mira, haben wir erkannt, dass jedes Kapitel bereits eine unterschiedliche Variante von Archies Leben erzählt.
So wohnt er in 1.2. in West Orange, während er in 1.3. Milburn und in 1.4 in Maplewood, später in South Orange lebt.

"Vor dreieinhalb Jahren, als sie und sein Vater beschlossen hätten, aus der Wohnung in Newark auszuziehen und ein Haus zu kaufen, hätten sie sich mehrere Städte angesehen, Montclair und Maplewood, Milburn und South Orange, aber nirgends das richtige Haus gefunden (...)." (S.81, 1.2)

4 Varianten - 4 Wohnorte
Danach habe ich mir genau wie Mira einen Stammbaum gemacht und mir die Ereignisse der frühen Kindheit, die das weitere Leben Archies jeweils (!) prägen, notiert.



So erleben wir, wie verschiedene Archies in parallelen Welten aufwachsen oder wie Archie es in ausdrückt, er habe

"das beständige Gefühl, dass die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen und der nicht eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war, allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirklich auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen kennen, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer, aber das Qualvoll daran, in einem einzigen Körper am Leben zu sein (...) (S.1254)

Auster verleiht Archie "vier" Körper, vier Leben, die zeigen, wie er sich unter verschiedenen Umständen und Wohnorten entwickelt.
Meistens wird aus der Perspektive Archies erzählt, aber in einigen Situationen schaut der auktoriale Erzähler in die Köpfe anderer Figuren, die überlegen, was wäre wenn ich dies und jenes getan hätte, was wäre anders gewesen oder was wäre anders gekommen.
Ein Spiel mit parallelen Wirklichkeiten, ein Thema, das auch schon im "Mann im Dunkel" angeklungen ist.


Nach den vier Varianten der frühen Kindheit, erfahren wir in 2.1. bis 2.4, wie der junge Archie zum 11-13-jährigen Jugendlichen heranwächst.
In den Kapiteln 3.1-3.4 ist er in der Pubertät, erlebt die erste Liebe und macht erste sexuelle Erfahrungen. Die Zeit bis zum High School Abschluss wird in den 4er Kapiteln, das erste Jahr auf der Uni bzw. in Frankreich in den 5er Kapiteln erzählt. Die letzten beiden Teile widmen sich der Zeit auf der Universität und sind stark von den politischen Unruhen Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre geprägt.

Soviel zur Struktur - ohne allzu viel zu verraten. Ganz am Ende des Romans deckt Auster sehr geschickt die Konzeption des Romans auf und dann ergibt auch der Titel plötzlich einen Sinn.

Was uns beim Lesen beschäftigt hat, ist die Frage, wodurch sich die Archies in den einzelnen Varianten unterscheiden und was gleich bleibt. Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen sind unabhängig von den äußeren Umständen?

In allen Versionen ist Archie ein Sympathieträger, der auf unterschiedliche Art und Weise unkonventionell handelt, wie Mira treffend bemerkt hat.
Ein junger Mann, der nach Liebe sucht, loyal wenige, aber tiefgehende Freundschaften pflegt.
Er ist politisch interessiert, bleibt aber eher ein Beobachter, eine Randfigur mit gemäßigter liberaler Einstellung, der jedoch klar Stellung gegen den Vietnamkrieg bezieht.

Was gleich bleibt, ist die Figur der Mutter (immer Fotografin), von der Archie sehr geliebt wird und die bis zum Ende der High School Zeit seine Bezugsfigur, die wichtigste Person in seinem Leben ist.
Das Verhalten seines Vater hingegen wird von den äußeren Umständen beeinflusst. Während in der 1.Variante die Eltern permanent mit finanziellen Problemen kämpfen haben und sich dadurch eine verschworene Familiengemeinschaft bildet, ist in Version 4, der Vater beruflich erfolgreich und die Familie bricht auseinander.  In Variante 3, in der der Vater stirbt, beeinflusst das Archies Leben entscheidend, wir erleben den labilsten Archie,

(...) den stolzen, überempfindlichen, mit krankhaften Selbstzweifeln gesegneten Ferguson" (S.975).

Auch andere Figuren tauchen in unterschiedlicher Funktion in den einzelnen Varianten auf, wie die Familie Schneidermann:
Beim alten Schneidermann hat Rose ihre Ausbildung als Fotografin absolviert und dabei seine Sohne Gil und Dan kennengelernt - so viel sei hier verraten, sie bleibt ihnen verbunden und damit spielen sie auch in Archies Leben eine Rolle.
Auch Dans Kinder Jim und Amy (!) beeinflussen Archies Leben. Die Liebe zu Amy ist eine der Konstanten, wenn sie auch nicht in allen Variationen ein Paar werden.

"und noch einige Jahre lang würde sie die größten Freuden und die größten Qualen in sein junges Leben bringen und für ihn die unverzichtbare Andere sein, die er brauchte wie die Luft zum Atmen" (S.209, 2.1)

"Amy war die Dreingabe, das unter einem Haufen zerknülltem Einwickelpapier versteckte Geburtstagsgeschenk, das erst gefunden wird, wenn die Party vorbei ist und alle Gäste nach Hause gegangen sind." (S.336, 2.3)

Die Stelle offenbart Austers Vorlieben für Vorausdeutungen und auch für Vorankündigungen.
Das nimmt zwar einen Teil der Spannung, andererseits fokussiert es die Leser*innen auf bestimmte wichtige Vorkommnisse.
Ebenso hat er hat eine Vorliebe für Schicksalsschläge, die dem jungen Archie zustoßen und mit denen er in allen Varianten seines Lebens konfrontiert wird und die uns als Leserinnen getroffen haben. Mitlachen, mitfühlen und mitweinen.

"Alles eine Zeitlang stabil, und dann eines Morgens geht die Sonne auf, und alles bricht in Stücke."(S.158)

Die Frage war: Welche Welt bewohnte Ferguson jetzt, und wie hatte diese Welt sich für ihn verändert? (S.506)


Wie in "Mann im Dunkel" gibt es im Roman einige Geschichten in der Geschichte: Kurzgeschichten Prosastücke von Archie, Allegorien, die auch die Konzeption des Romans "erklären".

In "Elf Augenblicke aus dem Leben des Gregor Flamm" erzählt er die Lebensgeschichte eines Menschen in 11 Momentaufnahmen, so dass

"trotz der Lücken und der Stille zwischen den einzelnen Teilen (...) der Leser sie im Kopf zusammenfügen (würde), sodass die gesammelten Szenen sich zu etwas summierten, das einer Geschichte oder mehr als einer Geschichte gleich - einem langen Roman im Kleinformat." (S.711)

Müssen wir uns Archie zusammensetzen - aus all den Varianten?

Interessanterweise ist die Liebe zum Lesen und zur Literatur, zu Filmen und zum Schreiben in "allen Archies" vorhanden. Das, was er schreibt, variiert, aber er schreibt - Reportagen, Berichte, Filmkritiken, Kurzgeschichten, Romane. Das kreative Talent bricht sich seine Bahn - unabhängig der äußeren Umstände.

Weitere Gemeinsamkeiten sind
  • Liebe zum Sport, Baseball und/oder Basketball
  • Liebe zu Frankreich und zur französischen Sprache
  • Veröffentlichungen, allerdings unter verschiedenen Namen, die zusammengesetzt, den vollen Namen ergeben: A.I. Ferguson, Archie Ferguson, Isaac Ferguson
  • Figuren, die verschiedenen Varianten auftauchen, wie Howard Small, der Archies Freund in 2.2. ist und in 5.4. sein Freund am College wird
  • ....
Ich könnte noch viele Seiten darüber füllen, was der Roman neben einem Entwicklungsroman noch zu bieten hat und hätte trotzdem das Gefühl, dem Roman nicht gerecht zu werden, der ein Buch über Bücher und Filme ist, ein Literaturkanon, eine Hommage an Paris, ein Buch über den Schreibprozess und ein Roman, der ein detailliertes Porträt der amerikanischen Geschichte von 1954-1971 zeichnet. Themen wie der Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung, die Ermordung Kennedys, der Rassenkonflikt, die brennenden Ghettos amerikanischer Großstädte, die Entstehung der Black-Power-Bewegung...um nur einiges zu nennen, was Archies Leben beeinflusst und begleitet. Auch vor dem Thema Bi- und Homosexualität macht Auster nicht Halt.
Ein unglaublich vielfältiger Roman, der offensichtlich auch eine autobiografische Dimension hat, wenn man den Klappentext auf dem Rückumschlag liest. Wobei mich das beim Lesen weniger beschäftigt hat. Auster bezieht jedoch durch seinen sympathischen Protagonisten eine klare Position, spricht sich für die friedliche Studentenbewegung und die Emanzipation aus, gegen die Außenpolitik der USA in den 50er/60er Jahren, gegen die Rassendiskriminierung und gegen die Ausgrenzung Homosexueller,  nicht zufällig endet der Roman mit einem politischen Ereignis.

Trotz der Länge ist dieser Roman niemals langweilig, bis auf die Seiten über Baseball und Basketballspiele (ich kann diesen amerikanischen Sportarten nichts abgewinnen) habe ich jede Seite genossen und ehrlich gesagt, fällt mir der Abschied von Archie genauso schwer wie Mira. Eine sehr intensive Lesezeit und eine Lektüre, die ich weiterempfehlen möchte.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Dienstag, 25. Juli 2017

T.C. Boyle: Wassermusik

- Abenteuerreisen zum Niger.

Taschenbuchausgabe, 575 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft, 1. Juni 2015
Neuübersetzung

"Wassermusik" ist Boyles Debüt aus dem Jahr 1981 und hat ihn als amerikanischen Kultautor etabliert (Quelle: Klappentext).
Im Rahmen einer Leserunde auf whatchareadin haben wir uns gemeinsam diesem Erstlingswerk gewidmet und darüber diskutiert.

Inhalt
Im Mittelpunkt des Abenteuerromans stehen die Reisen des schottischen Entdeckers Mungo Park, dessen erklärtes Ziel es war, den Verlauf des Niger zu erkunden. Boyle hält sich weitestgehend an die historischen Daten der Reisen.

Der Roman beginnt während der ersten Reise (1795-1797), als Mungo in die Gefangenschaft der Mauren gerät.

"Während die meisten jungen Schotten seines Alters Röcke lüpften, Furchen pflügten und die Saat ausbrachten, stellte Mungo Park seinen nackten Hintern vor al-Hadsch Ali ibn Fatoudi, dem Emir von Ludamar, zur Schau." (S.13)

Gequält wird er von Alis Scherge und menschlichem Schakal Dassoud, der ihn bis an sein Lebensende immer wieder verfolgen wird. Begleitet wird Mungo von einem Schwarzen - Johnson, der zunächst als Sklave in den USA Baumwolle gepflückt hat, unter glücklichen Umständen nach London gelangte und dort als Kammerdiener Sir Reginald Durfeys arbeitet. Er bringt sich selbst Griechisch und Latein bei, liest die Klassiker und erzählt seinem Herren vom schwarzen Kontinent.
Nachdem ihn ein britischer Gentleman beleidigt, tötet er diesen im Duell und wird nach Gorée deportiert. Er kann fliehen und kehrt in sein Heimatdorf Dindiku nach Westafrika zurück, wo Mungo ihn auf Vermittlung von Sir Durfeys für seine Reise als Dolmetscher mitnimmt.

Als Sekundant des Mannes, den er erschossen hat, dient Ned Rise. Ein Überlebenskünstler, Sohn einer Alkoholikeren, als Kind misshandelt und gedemütigt. Er lebt auf der Straße, als sich der Musiker Prentiss Barrenboyne seiner annimmt, ihm das Klarinette spielen beibringt und sieben gute Jahre beschert. Bis zu jenem Duell, in dem sein Gönner von Johnson getötet wird.

Abwechselnd erzählt Boyle vom abenteuerlichen Verlauf der Afrikareise und von Ned Rise schauerlichem und nicht weniger abenteuerlustigen Leben in London im Jahre 1795. Man fragt sich, wie die beiden Handlungsstränge zusammenlaufen werden.

Während Mungo der Gefangenschaft der Mauren entkommen kann, wartet seine Verlobte Ailie in Schottland sehnsüchtig auf ihn. Der Gehilfe ihres Vaters, der als Arzt tätig ist, Georgie Gleg umwirbt sie mit Gedichten, Liedern und Geschenken, ein linkischer Junge, mit Segelohren und Pferdegebiss. Wird sie auf Mungo warten?

Mungos und Johnsons Weg führt auf verwunschenen Pfaden bis nach Segu, wo der Entdecker voll Enthusiasmus zum ersten Mal in den Niger springt. Eigentlich ein erhebender Moment:

"Die Stimme des Entdeckers bebt und stockt, ein Schauer überläuft ihn. Die blaue Samtjacke hängt formlos und schwarz vor Nässe an ihm herab, sein Hemd ist mit Entengrütze gesprenkelt, seine Stiefel sind Fischteiche. Ein riesiger Wasserläufer hat sich im Bart verfangen und rudert mit seinen hässlichen Beinen." (S.144)

Boyle vermag erhebende Momente, derart komisch darzustellen, dass ich beim Lesen oft laut lachen musste. Bildlich lassen die Helden Zelte einstürzen, werden tiefgefroren in der Themse gefunden und flüchten auf abenteuerliche Art und Weise aus den Gefahrenzonen.

Am Ende des ersten Teils ist Johnson von einem Krokodil in die Tiefe gezogen worden.
Mungo musste aufgrund der einbrechenden Regenzeit umkehren und ihm gelingt im Dezember 1797 die Rückkehr nach England, wo er als Held gefeiert wird, während seine Verlobte Georgie Gleg versprochen hat, ihn an Weihnachten 1797 zu heiraten.
Ned Rise hingegen ist am Strang gestorben, zu oft hat er betrogen und mit dem Feuer gespielt.

Wie soll es weitergehen? Im 2.Teil, der in England und Schottland spielt, wird die zweite Afrikareise (1805-1806) Mungos vorbereitet, von der 3.Teil des Romans erzählt. Dabei warten einige Überraschungen und zahlreiche skurrile Szenen auf die Leser*innen.

Bewertung
Auf der Buchrückseite ist zu lesen, dass "Wassermusik" ein Meisterwerk sei, "in dem zwischen Absurdem und Komischem, bitterer Ernst lauert."

Treffender kann man es nicht ausdrücken. Die witzigen Szenen im Roman sind zahlreich, sie unterhalten, verführen beständig zum Weiterlesen, ebenso wie die verschiedenen Erzählstränge, die geschickt verflochten werden.
Unzählige kleine Geschichten entfaltet Boyle und gleichzeitig entsteht ein Bild Londons Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts vor dem inneren Auge - man kann den Dreck auf den Straßen sehen, den bestialischen Gestank riechen und den Lärm der Kutschen und Menschen hören.
Genauso gut gelingt es Boyle die afrikanische Landschaft, die Hitze, die Feuchtigkeit erlebbar zu machen. Aber auch die vielfältigen Krankheiten, die sehr detailliert in ihren Auswirkungen beschrieben werden.
Die kulturellen Unterschiede werden thematisiert, genauso wie die Diskrepanz zwischen Erlebtem und dem Reisebericht, in dem vieles geschönt wird. Das Opfer an Menschen, die für die Expedition ihr Leben lassen oder zuhause leiden, wird ebenso wenig verschwiegen, wie Mungos Fehlentscheidungen auf der 2.Reise, sein Größenwahn und seine mangelnde Menschenkenntnis. Er ist kein strahlender Held, eher ein Mensch, der für sein Vorhaben über Leichen geht.

Aber auch gesellschaftliche Verhältnisse werden unter die Lupe genommen. So wie Ailie aus Langeweile mikroskopiert, so stellt Boyle die Situation in den Gefängnissen Londons detailliert dar, die Farce des Gerichtsprozesses von Ned Rise und die Perversionen der Oberschicht. Unter welch unwürdigen Umständen die Menschen teilweise gelebt haben - man mag es nicht glauben, Boyle kann es erzählen.

Diese Fülle an Geschichten, der Einfallsreichtum und die skurrilen Situationen, die Fähigkeit Situationen so zu beschreiben, dass die Leser*innen sie sehen, hören und riechen, sind der Grund, warum ich den Roman weiter gelesen habe. Interessant fand ich auch die historisch eingebetteten Informationen, die Beschreibung, wie eine Forschungsreise vor 200 Jahren ausgesehen hat - ohne die Möglichkeiten, wie wir sie heute kennen. Der schonungslose Blick auf die Gesellschaft auf beiden Kontinenten ist ebenfalls faszinierend und im Fall des Verhaltens der Weißen gegenüber den Schwarzen schockierend, aber wirklich berührt hat mich der Roman nicht.

Für mich ist es ein ideenreicher, detaillierter Abenteuerroman, der längst vergangene Zeiten wieder auferstehen lässt.


Samstag, 22. Juli 2017

Claire Fuller: Eine englische Ehe

- ein Liebesroman (?)

Hörbuch von Audible
gelesen von Heikko Deutschmann, Leslie Malton
9 Stunden 56 Minuten

Inhalt
Gil Coleman, ein bekannter Schriftsteller, steht in einer Buchhandlung und während er im Roman "Wer verändert war und wer gestorben war" blättert und dort einen Brief vom 2.Juli 1992 findet, der an ihn selbst gerichtet ist, sieht er draußen seine Frau Ingrid vorüber gehen. Ingrid, die vor 12 Jahren (1992) spurlos verschwunden ist. Ihre Sachen wurden am Nudistenstrand gefunden, unweit vom Haus, dem Swimming Pavilion, in dem sie mit ihren beiden Kindern, Flora (9) und Nan (15) gewohnt hat. Ingrid liebte es zu schwimmen und war eine hervorragende Schwimmerin.

Während er ihr folgt, lehnt er sich über die Balustrade zur Strandpromenade des kleinen englischen Dorfes und fällt. Aufgrund seiner Verletzung informiert Nan Flora, die inzwischen Kunst studiert und gerade einige Nächte mit Richard verbracht hat.

Kurz entschlossen leiht er ihr sein Auto und sie fährt zum Swimming Pavilion. Von ihrer Schwester Nan erfährt sie, dass ihr Vater sterbenskrank ist und die alten Fragen nach dem Verbleib ihrer Mutter tauchen wieder auf. Das Haus ist zudem in einem chaotischen Zustand. Überall sind Bücher zu Stapeln aufgetürmt. Folge der Leidenschaft Gils, der Bücher sammelt, in die die Leser*innen hineingeschrieben, gemalt oder beschriftete Notizzettel hinterlassen haben.

Schon in der Zeit als Literaturprofessor ist es seine feste Überzeugung, dass Belletristik Leser*innen braucht, findet ein Roman keine, ist er sinnlos. Es ist die eine Seite, was der Autor oder die Autorin mit dem Werk "aussagen" wollte, die andere, wichtigere, was macht der Roman mit den Leser*innen, was löst er aus, welche Gedanken und Gefühle haben sie beim Lesen?

Die Rückkehr in ihr Zuhause und die Tatsache, dass ihr Vater ihre Mutter gesehen hat, wirft bei Flora Fragen an die Vergangenheit auf. Und die Antworten sind so nah - in Briefen, die Ingrid im Sommer 1992 an Gil geschrieben hat. In der Zeit, in der er sie verlassen hatte, um in London zu sein.
Die Briefe sind in seinen Büchern versteckt, die Titel passen jeweils zum Inhalt des Briefes. Wer die Romane oder Sachbücher alle kennt, könnte sicherlich weitere Bezüge entdecken.

Die Briefe, die parallel zur Handlung der Gegenwart eingeschoben werden, decken Ingrids gemeinsame Vergangenheit mit Gil bis zu dem Zeitpunkt ihres Verschwindens auf und erklären, warum sie sich für diesen radikalen Schritt - ihre Kinder zu verlassen, entschieden hat.

Kennen gelernt hat Ingrid Gil Coleman als ihren Literaturprofessor. Die beiden verliebten sich und Gil hat offensiv um die junge, hübsche Frau, die gebürtig aus Norwegen stammt, geworben. Er nimmt sie mit in sein Haus, den Swimming Pavilion, den er von seinen Eltern geerbt hat und zu dem ein Schreibzimmer außerhalb des Hauses gehört - Rückzugsort für den Schriftsteller.

Sowohl Gils Freund Jonathan als auch Ingrids Freundin Louise warnen sie vor der Beziehung. Jonathan deutet an, dass Gil nicht treu sein wird, Louise erinnert sie an ihre Träume, die nicht darin bestehen, Ehefrau und Mutter zu werden. Doch dann wird Ingrid schwanger, Gil muss die Universität verlassen, Ingrid darf ihr Studium nicht zu Ende machen - es ist das Jahr 1976.

Die beiden heiraten und alles scheint gut zu sein, sie sind glücklich in ihrem Haus am Meer, auch wenn sie kein Geld haben. Partys werden gefeiert, bis das Baby - Nan - auf die Welt kommt und Ingrid merkt, dass ihr eine tiefe Bindung zu dem Kind fehlt. Ihr Lebenstraum scheint sich in Luft aufzulösen.

Während sich in der Gegenwart die Beziehung zwischen Flora und Richard, der in das Küstendorf gekommen ist, festigt, und Gil Richard bittet, nach seinem Tod alle Bücher zu verbrennen, reflektieren die Schwestern die Vergangenheit ihrer Eltern. Nan schenkt Flora endlich reinen Wein ein: Gil war ein Frauenheld. Doch das ist nicht der einzige Verrat an Ingrid.

Die Briefe zeigen schonungslos Gils rücksichtsloses Verhalten, aber  auch seine Liebe zu Ingrid, die ihm nichts entgegensetzen kann. Weder kann sie ihn verlassen noch sich mit ihrer Rolle  als Ehefrau und Mutter abzufinden.
Am Ende schließt sich der Kreis zum Beginn des Romans und lässt die Leser*innen mit einigen Fragen zurück.

Bewertung
Der Roman hat mich an "Eine treue Frau" von Jane Gardam erinnert. Die Unfähigkeit ein neues Leben beginnen zu können, an der Ehe festzuhalten, obwohl Gefühle dagegen sprechen.
Nach den letzten Sätzen des Romans habe ich den Anfang wieder gehört und festgestellt, wie gut er komponiert er ist. Die Symbolik der flatternden Plastiktüte, der Roman, in dem der letzte Brief Ingrids zu finden ist  - durchdacht.
Auch der Wechsel zwischen der Handlung der Gegenwart und den Briefen hat mir gut gefallen. Oft wird in der Gegenwart ein Thema angesprochen, wie der "blaue Babyschuh", dessen Bedeutung dann in einem Brief Ingrids erklärt wird. Auch dass die Briefe alle in anderen Büchern versteckt waren und die Titel jeweils zum Inhalt des Briefes gepasst haben, hat mich fasziniert.
Neben dem Aufbau und den intertextuellen Bezügen trägt vor allem die Frage, warum Ingrid verschwunden ist, durch die Handlung. Ihre Briefe - einfühlsam gelesen von Leslie Malton, sind so authentisch, so gefühlvoll formuliert, dass sie Verständnis für Ingrid hervorrufen und man als Leser*in mit ihr leidet und liebt. Sie ist eindeutig, neben Flora und Nan, die Sympathiefigur im Roman. Doch auch Gil erscheint nicht als reine Antipathiefigur - mit seinem Charme und seiner Liebe zu Ingrid, empfindet man trotz seiner Untreue und seines Verrates an Ingrid am Ende Mitleid mit ihm. Hat er aus seinen Fehlern gelernt? Zumindest war er nach Ingrids Verschwinden für die Mädchen da, ob er ein guter Vater war?
Das Ende wirft einige Fragen auf, hier wäre Platz für Notizen im Buch. 😉

Ein lesenswerter Roman, der mit den Reflexionen zu Lebensträumen und -wegen, zur Ehe und Freundschaft bei mir als Leserin Fragen zum eigenen Leben ausgelöst hat.
Laut Gil Coleman also ein guter Roman 😉.



Donnerstag, 20. Juli 2017

Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

- ein einfühlsame Geschichte über eine Sterbende und ihren Begleiter.

Gebundene Ausgabe, 288 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, 16.Februar 2017

Inhalt

Im Zentrum der Geschichte stehen drei Personen, aus deren Perspektive in der Er/Sie-Form die Handlung abwechselnd erzählt wird.

Karla Jenner-García ist eine Frau über 60 Jahre und unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Die Chemotherapie hat sie abgebrochen, ihr bleiben noch etwa 5-6 Monate zu leben. Sie ist schmal, blass und geht immer barfuß.

Jahrelang hat sie in Ibizia und Formentera gelebt, zuletzt Immobilien mit ihrem spanischen Mann verkauft, so dass sie keine finanziellen Nöte hat.
Da sie keine Familie und den Kontakt mit ihrer Schwester vor 40 (!) Jahren abgebrochen hat und nicht in ein Hopiz will, hat sie sich für eine Sterbebegleitung zuhause entschieden.

Fred Wiener übernimmt diese Aufgabe, ein ca. 40 Jahre alter Mann, geschieden, übergewichtig und überpünktlich. Es ist seine erste Sterbebegleitung - sein Versuch einen Sinn im Leben zu finden?

"Es gehörte zu seinen Gewohnheiten, Anfahrtszeiten so großzügig zu kalkulieren, dass ihm bei der Ankunft noch genügend Zeit zur Orientierung bleib. Das gab ihm Sicherheit." (S.7)

Ihr erstes Zusammentreffen, in dem Fred sich angestrengt bemüht, eine Unterhaltung zu bestreiten, verläuft schwierig.

"Tun sie mir den Gefallen und hören Sie bitte mit dieser Scheißkonversation auf." Sie sagte es nicht unfreundlich, aber bestimmt." (S.14)

Karla bleibt unzugänglich, lässt sich aber zunächst auf die Begleitung ein.

Phil Wiener ist Freds Sohn und ein Einzelgänger, ein 13-jähriger, der Gedichte liest und verfasst.
Er hat sich bereits als Achtjähriger ein ein "Wörterkrankenhaus" ausgedacht, es

"bestand aus einer dreibändigen handschriftlichen Sammlung von Wörtern, die Phils Meinung nach vorübergehend längerfristig oder, wenn sie unheilbar erkrankt waren, auch endgültig aus dem Verkehr gezogen werden mussten." (S.26)

Er lebt nach der Scheidung seiner Eltern bei seinem Vater, seine esoterisch veranlagte Mutter schickt ihm Wachstumselixier und versucht, ihn mit positiver Energie per Telefon zu versorgen. Phil hasst es und bringt in seinen Gedichten seine Gefühle deutlich zum Ausdruck.

Karla war in den 80/90er Jahren ein Groupie der Band "The Grateful Dead" und hat unzählige hochwertige Fotographien aus dieser Zeit, die Phil digitalisieren soll. So lernen sich beide kennen und behutsam baut sich eine Freundschaft zwischen den beiden auf, da Karla Phil so sieht, wie er wahrgenommen werden möchte und er ihren Wunsch nach Ruhe akzeptiert.
Gleichzeitig verändert sich auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Auch Karla schreibt Gedichte, Wortlisten, die mehr über sie verraten, als die Gespräche, die sie führt.

"otto verschont

gudrun vertraut

meiner kunst nicht vertraut

zweimal abgetrieben

mit dem fotografieren aufgehört

joaquín verlassen

chemo besseres wissen

weitere idiotische fehlentscheidungen
vielleicht sterbebegleiter engagiert

kinderarbeitgeberin geworden" (S.79)


Zwei Kapitel sind aus der Perspektive von Karlas Schwester Gudrun verfasst, die Leser*innen ahnen, welche Familientragödie sich abgespielt hat - Mutter weggelaufen, Vater Alkoholiker, Schwester frisst sich einen Schutzwall an, Karla muss für den Vater tanzen...der Rest bleibt offen und der Fantasie der Lese*innen überlassen.

Im Haus, in dem sich Karlas Wohnung befindet, wohnt auch Leo Klaffki, allein stehender, älterer Herr und bekennender Werder-Fan und Hundebesitzer, der sich ebenso um sie sorgt und an Freds Seite steht. Genauso wie die junge Reno, in die sich Phil verliebt. Sie lassen sich nicht von Karlas spröder und zugänglicher Art abschrecken.
Fred startet einen Versuch, die Schwestern an Weihnachten zu versöhnen. Ob das gelingen kann? Ob Karla diesen Übergriff verzeiht?

Bewertung
Susann Pásztor hat selbst eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin abgeschlossen und ist ehrenamtlich tätig (Quelle: Klappentext). Diese Erfahrung wird im Roman erlebbar.
Das Ende Karlas ist absehbar und der Sterbeprozess wird sensibel und sehr berührend geschildert, Szenen, die wirklich ans Herz gehen, ohne kitschig zu sein.
Ein trauriger, aber auch sehr schöner Roman, der ohne erhobenen Zeigefinger deutlich macht, dass das Sterben zum Leben gehört und jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, selbst zu entscheiden, wann und wie er gehen möchte.
"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster", damit die Seele den Körper verlassen kann.

Neben der Thematik Sterben (begleiten) steht die Beziehung zwischen Phil und seinem Vater im Fokus. Die Arbeit für Karla eröffnet dem Jungen die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu finden, festigt sein Selbstvertrauen und der Vater erkennt das Potential seines Sohnes. Doch auch Fred geht nicht unverändert aus dieser Begleitung hervor, die Erfahrungen erweitern auch seinen Horizont.

Ein lesenswerter Roman, der lange nachhallt.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Tana French: Gefrorener Schrei

- ein packender Psychokrimi.

Taschenbuch, 656 Seiten
Fischer Scherz, 29. Dezember 2016

Gefrorener Schrei ist der 6. Kriminalroman Tana Frenchs, der in Irland spielt. Während in den ersten vier Romanen die Ermittler*innen wechseln und immer eine Figur aus den vorherigen Band wieder eine Rolle spielt, durchbricht sie im vorliegenden Roman dieses Muster.

Die ermittelnden Detectives sind die gleichen wie in "Geheimer Ort", nämlich Antoinette Conway und Stephen Moran, mit dem Unterschied, dass die Handlung dieses Mal ausschließlich aus der Ich-Perpektive Conways erzählt wird.


Inhalt
Antoinette Conway ist die einzige Frau im Morddezernat in Dublin. Seit sie gemeinsam mit Stephen Moran den Fall im Mädcheninternat gelöst hat (Geheimer Ort), sind die beiden ein Team. Während Stephen ein Sonnenschein ist und dazu gehören will, ihr gegenüber aber loyal ist, wird sie ausgegrenzt und jemand oder mehrere behindern ganz offensichtlich ihre Arbeit - Dokumente verschwinden, Mitteilungen werden nicht weitergeleitet, in ihr Spind wurde uriniert.

"Im Grunde aber ging es nicht darum, dass ich eine Frau bin. Das war bloß ihr Ansatzpunkt, bloß der Umstand, von dem sie glaubten, er würde, müsste es ihnen leichtmachen, mich herumzuschubsen. Im Grunde war es einfach. Es ging um genau dasselbe wie in der Grundschule, als Irland noch schneeweiß, ich das einzige in bisschen dunklere Kind in der Klasse und mein allererster Spitzname Kackgesicht war." (S.56)

Trotzdem gibt sie nicht auf, obwohl sie mit dem Gedanken spielt, in ein privates Wachunternehmen zu wechseln, denn sie glaubt, alle seien gegen sie. Kann sie ihrem Partner wirklich vertrauen?

Im vorliegenden Mordfall geht es die junge Aislinn Murray, die tot in ihrer Wohnung gefunden wird, nachdem ein anonymer Anruf auf der Polizeiwache eingeht. Gefallen auf die Sockelplatte ihres Kamins - Schädelbruch. Der Tisch festlich gedeckt für ein Candlelight-Dinner. Die Sachlage scheint klar zu sein - eine Beziehungstat.
Warum stellt der Superintendent O´Kelly dem Team Conway und Moran dann den erfahrenen Detective Breslin zur Seite? Wenn der Fall doch so klar erscheint? Vor Ort und nach dem Gespräch mit der besten Freundin des Opfers, Lucy, tauchen weitere Fragezeichen auf. Lucy bringt einen geheimnisvollen Lover ins Spiel, nicht der Mann, der zum Essen eingeladen war - Rory Fallon, Besitzer einer Buchhandlung.
Er ist zunächst der einzige Verdächtige, wirkt jedoch kaum wie jemand, der im Affekt eine junge Frau niederschlägt. Trotzdem will Breslin ihn möglichst schnell dingfest machen - Conway und Moran hegen jedoch erhebliche Zweifel an der Schuld Fallons.

Sie erwägen eine andere Theorie - Aislinns geheimer Lover könnte ein Krimineller sein, der eine Verbindung zur Polizei, vielleicht zu Breslin selbst hat.
Auch Breslins Partner McCann verhält sich eigenartig. Zudem finden Conway und Moran heraus, dass er vor langer Zeit das Verschwinden von Aislinns Vater untersucht hat - ein Umstand, der für den Fall noch wichtig werden wird.

Der aber auch die Wahrnehmung Conways beeinflusst, deren Vater selbst unbekannt ist und nie versucht hat, einen Kontakt zu ihr herzustellen. Immer verzwickter erscheint dieser Fall und hält einige unerwartete Wendungen bereit.

Bewertung
Der Fall ist spannend - keine Frage. Doch die Besonderheit dieses Krimis ist die Ich-Perspektive von Detective Conway - mit ihren messerscharfen Schlussfolgerungen einerseits, aber auch mit ihrer Unsicherheit, ihren Ängsten andererseits. Ihr Denken wird davon bestimmt, dass ihr im Dezernat jeder Böses will, sogar ihren Partner verdächtigt sie illoyal zu sein. Ständig fühlt sie sich beobachtet, ausgegrenzt. Auf wen kann sie sich verlassen?
Sie will mit aller Macht die starke, unangreifbare Frau sein, die niemanden an sich heran lässt  und genau das scheint ihre größte Schwäche zu sein.
Der schmale Grat zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Wahrheit, die permanente Verschiebung dieser Linie machen den besonderen Reiz dieses Krimis aus.

Bei Tana French ist psychologisch anspruchsvolle und unterhaltsame Kriminalliteratur garantiert!


Dienstag, 4. Juli 2017

Lena Andersson: Unvollkommene Verbindlichkeiten

- eine obsessive Liebesbeziehung.

Gebundene Ausgabe, 380 Seiten
Luchterhand, 10.April 2017

Ich danke dem Bloggerportal für dieses Leseexemplar.

Widerrechtliche Inbesitznahme heißt der erste Roman, der sich um die Protagonistin Ester Nilsson und ihre unerwiderte Liebe zu einem Mann dreht. Mich hat er begeistert, auch wegen der außergewöhnlichen Sprache und den philosophischen Reflexionen über die Liebe und die zwischenmenschlichen Beziehungen.
Aus diesem Grund war ich besonders neugierig auf "Unvollkommene Verbindlichkeiten" und wollte wissen, wie Ester Nilssons nächste Beziehung fünf Jahre später aussehen wird.

Inhalt
Sie verliebt sich in einen älteren, verheirateten Mann, Olof Sten, einen Schauspieler, der in ihrem Stück "Dreisamkeit" eine Hauptrolle innehat. Dieses Mal will sie von Anfang an Klarheit schaffen und konfrontiert ihn mit ihrer Liebe:

"Ich will mein Leben mit dir teilen." (S.18)

Es sagt nicht Nein, doch im Laufe ihrer Beziehung, die sich schließlich über mehr als drei Jahre erstreckt, macht er mehrmals deutlich, dass er seine Frau nicht verlassen will, während Ester immer wieder hofft, dass er es sich anders überlegen wird, obwohl ihre anfänglichen Betrachtungen auf das Gegenteil hinweisen:

"Olof und Ester waren wie zwei Zahnräder. Zahnräder verwachsen nicht miteinander. Sie treiben einander lediglich an. So kam es Ester jedenfalls vor. Allein ist ein Zahnrad einfach ein gezackter, stillstehender Gegenstand ohne Sinn und Zweck, was an sich nicht weiter schlimm ist. Aber um Bewegung zu erzeugen und das dem Zahnrad innewohnende Potential auszuschöpfen, braucht man zwei. Leider funktioniert es auch zu dritt, rein mechanisch geht das sogar ganz hervorragend." (S.13) 

Olof ist nicht in der Lage, sich zu entscheiden, immer wieder gibt er Ester zu verstehen, dass er seine Frau nicht verlassen will, macht mit ihr Schluss, um sich dann doch wieder zu melden und erneut eine Beziehung zu beginnen - und das sogar im Jahreszeitenrhythmus.

Und Ester? Nimmt alles hin, verzeiht, liebt und lässt sich wie ein Hund behandeln. Deutet seine Äußerungen und glaubt immer wieder, es gäbe eine Entwicklung und seine Ehe stünde kurz vor dem Aus. Dennoch durchschaut sie sein Handeln, ohne ihres zu verändern:

"In dir gibt es ein Konto mit automatischen Überweisungen. Du kennst deinen Saldo bis auf die Öre genau, und davon ausgehend entscheidest du, wie du dich mir gegenüber verhalten sollst. Jedenfalls musst du einzahlen oder abheben. Oder du kannst es auch lassen, falls du rücksichtsvoll sein musst oder spöttisch, kalt und gleichgültig sein willst. Alle Menschen haben so ein Konto, alle Menschen passen auf, wo die Grenzen dafür verlaufen, wann man sich anstrengen muss und wann man sich zurücklehnen kann, wann man abheben kann und wann man einzahlen muss." (S.221)

Olof ist berechnend, er kommt Ester entgegen, wenn sie Kälte zeigt, unterwirft sie sich ihm, behandelt er sie wie der letzte Dreck.

Das ist sehr ermüdend zu lesen, trotz der interessanten philosophischen Betrachtungen. In der Mitte des Romans hatte ich den Impuls, einfach aufzuhören, doch ich war neugierig, ob der ewige Kreislauf durchbrochen wird. Irgendwann ist es dann auch soweit und Ester wagt einen radikalen Schritt.

"Und zum ersten Mal verlor sie den Respekt vor ihm. Diese ausgleichende Unterwürfigkeit, die er hier vorführte, da er sich dazu gezwungen fühlte, gehörte zu den bedrückendsten Dingen, die sie je erlebt hatte. Die aggressiven Schmeicheleien ekelten sie ebenso an wie seine feindselige Abweisung, aber ganz besonders widerlich fand sie sein pathologisches Pendeln zwischen beiden Extremen. (S.330)

Bewertung
Der intellektuelle Roman bietet tiefe Einsichten in die Natur der unerfüllten und unentschiedenen Liebe. Am Beispiel von Olof und Ester erkennt man den, der an der bewährten Beziehung festhalten will und trotzdem die Affäre mit der Geliebten genießt, und diejenige, die an der Hoffnung, aus ihrer Geliebtenrolle in die der Gattin zu wechseln, zugrunde geht.

Esters Verhalten, immer zu verzeihen, alles für den Geliebten zu tun, sich wirklich wie ein Hund behandeln zu lassen, ist über diese Länge fast nicht zu ertragen. Mehrmals dachte ich, ich kann das nicht weiterlesen, wollte dann aber doch wissen, ob ihre eine Befreiung gelingt. Ihre Unfähigkeit, die Unmenschlichkeit Olofs als solche anzuerkennen, die permanente Deutung seine Äußerung sind meines Erachtens "too much".
Wäre der Roman 150 Seiten kürzer, die "Affäre" dichter geschildert, hätte das der Handlung gut getan. Der Schluss entschädigt etwas für die Länge im Mittelteil.

Empfehlenswert? Wem die Darstellung einer aufopferungsvollen Liebe, eines sich wiederholendes Beziehungsmusters und philosophischen Betrachtungen darüber gefällt, wird vom Roman begeistert sein. Mich hat er nicht überzeugt, obwohl die Reflexionen über solche eine Beziehung interessant sind, behindern sie den Handlungsfluss und führen zu einer völligen Distanzierung - und das bei einer Liebesgeschichte ;)



Sonntag, 2. Juli 2017

Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage

- angekommen im Wunsch-Leben?


Quelle: Suhrkamp Verlag

Taschenbuch, 306 Seiten
Suhrkamp, 10.4.2017


Vielen Dank dem Suhrkamp Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Hier geht es zur Buchseite des Verlags.



Inhalt

Der Roman spielt im Herbst in Stuttgart, in der Constantinstraße - einer Straße, in der die Wohlsituierten leben. Darunter Julia und Leonie und die alte Frau Posselt - Luise.

Julia lebt mit ihren beiden Kindern Kilian, 2 Jahre, Uli, 5 Jahre, und ihrem Mann Klaus, einem Universitätsprofessor, in einer schönen Wohnung, das Gärtle im Hinterhof hat sie sich vom älteren Ehepaar Posselt erorbert. Ein Idylle?

"Hackstraßenmist ist Klaus´Codewort für verschiedene schlechte Gewohnheiten, die Judith aus ihren Jahren in der dunklen Einzimmerwohnung im Stuttgarter Osten mitgebracht hat." (S.10)

Dazu gehört das Rauchen und auch ihre Abhängigkeit von Tavor, einem Medikament, das Ängste unterdrückt und gleichgültig macht.
Julia hat Kunstgeschichte studiert. Sie ist eine eifrige Studentin, die nächtelang lernt, aber unter Panikattacken leidet. Während ihrer Abschlussarbeit über Otto Dix steigern sich diese derart, dass ihr ein Arzt die blauen Pillen verschreibt.

"Das Medikament tauchte Canetti-Baumeister [ihren Professor], Dix´ Bilder und Judiths Zukunftsaussichten im Stuttgarter Kunstbetrieb in einen wabernden Nebel, vertrieb die Angst für eine Weile und half auch, die tägliche zermürbende Warterei auf Sörens Anrufe und sein sonstiges Verhalten zu ertragen." (S. 16)

Sören ist Medizinstudent, der in Tübingen lebt, sie zitiert, wenn er Lust hat, und nebenbei mindestens noch eine weitere Beziehung laufen hat. Trotzdem ist Judith ihm verfallen.
Klaus wohnt in dieser schwierigen Phase unter eine Etage unter ihr, "macht ihr den Hof", doch sie weist ihn ab. Dann zieht er in die Constantinstraße und hinterlässt ihr seine Telefonnummer. Als Judith am Boden ist, flieht sie zu Klaus, aufgelesen von Frau Posselt gelingt ihr der "Einbruch" in seine Wohnung und sein Leben.

Inzwischen hat sie sich eingenistet, geht scheinbar in der Rolle der fürsorglichen Mutter auf, hat sich der Waldorfpädagogik verschrieben - sie

"empfand eine befreiende Freude über die Strenge der dort vorgegebenen Richtlinien. Ihre Entscheidung für die Waldorf-Welt glich einer plötzlichen Erleuchtung, dem Übertritt in einen geistigen Orden." (S.18)

In dieser begrenzten Welt, die sie nicht hinterfragt, fühlt sie sich sicher, ist überzeugt davon, dass ihr die Erziehung gelingen kann.

"Es schien einfach und bestechend: Ihre Kinder würden nicht krank werden, sie konnten zu geradlinigen, phantasievollen und glücklichen Menschen heranwachsen, frei von Süchten, Zweifeln, unvertraut mit Hackstraßenmist." (S.19)

Ihre Familie dient Leonie, die im Nachbarhaus wohnt, als Vorbild:

"Wenn Leonie in das Fester auf der anderen Straßenseite schaut, hat sie das Gefühl, ein Bilderbuch aufzuschlagen, in dem alles so ist, wie es sein soll." (S.101)

Leonie, die aus einer wohlsituierten Familie stammt, hat Simon geheiratet, den Aufsteiger aus der Unterschicht. Doch er hat es geschafft, hat sich in seiner Firma hoch gearbeitet, die schöne
Wohnung in der Constantinstraße, ein Symbol auf dem Weg nach oben.
Die beiden haben ebenfalls zwei Kinder, Feli, 2 Jahre, und Lisa, 6 Jahre, die ganztags in einen katholischen Kindergarten gehen.
Leonie arbeitet bei der Bank und an ihr nagt das schlechte Gewissen, dass sie zu wenig für ihre Mädchen da ist, gleichzeitig jedoch ihre Arbeit liebt.

"Als größten Verrat empfindet sie das Gefühl der Erleichterung, wenn sie im Büro ankommt und hinter ihrem Schreibtisch Platz nimmt. [...] Sie genießt die Telefonate und Meetings, oft nur aus dem Grund, daß sie dort die Kinder ausblenden kann." (S.43)

Zerrissen zwischen schlechtem Gewissen, dem Anspruch eine gute Mutter zu sein und ihre Arbeit gewissenhaft zu bewältigen, ist auch Leonie nur scheinbar in einem besseren Leben angekommen.

"Sie hat keine Zeit, bleibt die Neue, die Eilige, die sich mit Nadelstreifenkostüm und Make-up vorkommt wie ein Raubtier, das eine Kolonie kuscheliger Pinguine umkreist." (S.69)

An einem warmen Herbsttag, um Halloween herum, treffen die beiden Frauen mit ihren Kindern im Gärtle aufeinander. Judith betrachtet die Eindringlinge skeptisch, da sie in ihre wohl geordnete Welt einbrechen.

"Gleichzeitig weiß sie, daß der ungewollte Besuch der Nachbarin Störungen bringen wird. Lisa und Felicia haben abwaschbare Glitzer-Tätowierungen auf den Handrücken, Kaugummis in den Backentaschen." (S.127)

Während beide Frauen in ihrem Leben gefangen sind, blickt die alte Luise auf ihres zurück, während ihr Mann neben ihr im Bett liegt. Alles in allem war es erfüllt, sie, die Schwäbin, die einen Sudetendeutschen, einen Vertriebenen geheiratet und den Krieg überstanden hat. Jetzt hat sie mit dem Alter zu kämpfen, mit den täglichen Gebrechen und der zunehmenden Immobilität, während der junge Marco versucht aus seiner Welt auszubrechen.

Marcos Mutter hat sich mit einem Mann eingelassen, den Marco "Pornostar" nennt und der ihn während ihrer ersten Begegnung verprügelt hat. Um seiner Gewalt zu entgehen und dem lieblosen Zuhause zu entkommen, plant er seine Flucht nach Estland. Dort lebt der vorherige Freund seiner Mutter, der gut zu Marco gewesen ist.
Das Geld, das in Nazims Laden versteckt ist, wie ihm sein Freund Murat verraten hat, soll im diese Flucht ermöglichen. Wird es ihm gelingen, seinem Leben zu entkommen?

Wird Judith ihrer von Tavor hervorgerufenen Gleichgültigkeit entkommen und Leonie ihrem Streit mit Simon, dass er nie für sie und die Kinder da ist, beilegen können?


Bewertung
Der Roman lebt am Anfang vom Kontrast der beiden Lebenswelten der Frauen, aus deren Perspektive abwechselnd erzählt wird.
Auf der einen Seite Judith, die ihren Kindern eine heile Welt ermöglichen will und immer für sie da ist, und Leonie, die berufstätige Mutter mit chronisch schlechtem Gewissen, die stolz mit ihrem Mann den sozialen Aufstieg geschafft hat.
Doch die Klischees bleiben nicht als solche bestehen, sondern werden von innen aufgeweicht. Aus der Perspektive der Frauen blicken wir hinter die "Kulissen". Das wird besonders an Hanna deutlich, einer Nebenfigur, die für ihr krankes Kind zu leben "scheint".

Im Klappentext steht, dass Anna Katharina Hahn von Frauen erzählt, "deren Lebensraum zum Käfig geworden ist."
Judith, deren Leben wie eine Idylle zwischen Kürbissuppe, Holzspielzeug und selbst gestrickten Mützen wirkt, ist in ihrer Gleichgültigkeit und ihrer Liebe zu Sören gefangen. Sie vermag es nicht, sich ihren Ängsten zu stellen.

Leonie, gefangen in ihrem schlechten Gewissen und dem Gefühl, das Leben gehe an ihr vorüber. Simon selbst, seinem sozialen Umfeld entkommen, vergleicht sich permanent mit den anderen, so fehlt ihm die Selbstverständlichkeit sich unter den Wohlsituierten zu bewegen.

Die alte Frau Posselt, Luise, ist in ihrem Körper gefangen und muss sich eingestehen, dass sie innerhalb der Vertriebenen nie wirklich dazugehört hat.

Und Marco, der einzige männliche Protagonist, ein Kind noch, setzt alles daran seinem Käfig zu entkommen, wenn es auch auf Kosten anderer geht.

Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und die Frauen werden aus ihren vertrauten Bahnen geworfen, während Marco seinen Plan in die Tat umsetzen will. Die Autorin lässt offen, wie die Figuren mit den Rissen, die die Mauern ihrer scheinbar heilen Welt aufgebrochen haben, umgehen.

Ein Roman, der Fragen aufwirft und in klarer Sprache ungeschminkt die dunklen Seiten hinter der hellen Fassade aufdeckt - lesenswert.

Dienstag, 27. Juni 2017

Lars Vasa Johansson: Anton hat kein Glück

- ein Märchen für Erwachsene.

Gebundene Ausgabe, 416 Seiten
Rowohlt, 21. Oktober 2016

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Diesen Roman haben Mira und ich auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt. Beim Lesen des Klappentextes hat er uns beide gleichermaßen angesprochen, so dass wir uns entschieden, ihn gemeinsam zu lesen. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht.


Inhalt

Anton ist ein Zauberer mit mäßigem Erfolg, der in Altersheimen, auf Festen und kleineren Veranstaltungen auftritt. Zu Beginn der Geschichte feiert er seinen 45. Geburtstag - allein auf einem Rastplatz, die einzigen Gratulanten, die ihn morgens angerufen haben, sind seine Eltern. Wie es scheint, macht ihm das nichts aus, doch im Verlauf der Handlung blickt man hinter die gleichgültige Fassade des Ich-Erzählers Anton.
Der Berufszauberer - stolz darauf, den Beruf auszuüben zu können, der ihm Spaß macht, erweist sich als egoistischer, nörgelnder und unsympathischer Zeitgenosse, den niemand vermissen würde. Einer, der von Neid erfüllt ist und von der Frage umgetrieben wird, warum er keinen Erfolg hat.

Neidisch ist er vor allem auf Sebastian. In Rückblicken erzählt er, dass die beiden als Jugendliche gemeinsam ein Zauberprogramm auf die Beine gestellt haben und aufgetreten sind. Zuerst wenig erfolgreich, bis sie tatsächlich Geld damit verdienen konnten.
Anton lernte nach einer Zaubervorstellung Charlotta kennen, verliebte sich und die beiden wurden ein Paar. Der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch auch, dass Anton sehr wenig von sich preisgibt und seinen Mitmenschen wenig Empathie entgegenbringt. So hört er Charlotta kaum richtig zu, bietet Sebastian zwar ein Zuhause, dessen Vater Alkoholiker ist, ist jedoch eher daran interessiert, dass sie weiter zusammen auftreten können.
Um sich ganz der Zauberei hinzugeben, "opfert" er Charlotta, die statt dessen mit Sebastian zusammenkommt. Die Wege der beiden Jungen trennen sich und während Anton als mittelmäßiger Zauberer kaum noch Engagements ergattern kann, haben Sebastian und Charlotta Erfolg und werden reich.

In dieser kritischen Lebensphase verirrt sich Anton im Naturschutzgebiet Tiveden National Park, weil ein rotes Chesterfield Sofa mitten auf der Straße steht, so dass er einen Autounfall hat. Auf seinem Weg durch den Wald ignoriert er mehrere Warntafeln, überschreitet eine "Salzlinie" und trifft auf ein kleines Mädchen, das ihn bittet ihm sieben verschiedene Blumen zu pflücken. Da er es eilig hat und ein Telefon sucht, weigert er sich ihr zu helfen.
Ein fataler Fehler, denn sie ist eine Waldfee, die ihn mit einem Todesfluch belegt. Das erklären ihm Gunnar und Greta, zwei Nachfahren der Hexen, die in einem kleinen Häuschen im alten Wald leben und diesen vor Straßenläufern (Touristen) beschützen. Von nun an wird Anton immer Unglück haben, bis er sich das Leben nehmen will. Die darauffolgenden Tage sind tatsächlich von skurrilen Unglücksfälle geprägt, die jedoch sehr lustig zu lesen sind.
Dabei lernt Anton Jorma kennen, einen jungen Mann, der sich auf einer Liebesquest befindet und der im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen wird. In seiner Verzweiflung kehrt Anton zu den beiden Alten zurück und sie erklären ihm, dass er den Todesfluch lösen kann, indem er drei Aufgaben bewältigen muss, so wie sich das für ein Märchen gehört. Erst dann kann die Königin des Waldes mit der Fee vereinbaren, den Fluch aufzuheben. Widerwillig lässt sich der Zauberer Anton auf die "echte" magische Welt ein. Seine ständigen Begleiter sind ein Spray und Gunnars selbst gebackene Biskuitrolle, die vor bösen Geistern und Flüchen schützen sollen.
Wird er die Aufgaben lösen und geläutert von seiner Heldenreise zurückkehren?


Bewertung
Gestern Abend haben Mira und ich telefoniert und uns hat der Roman gut gefallen. Beide haben wir den Protagonisten zu Beginn als unsympathisch empfunden, denn den Bewohner*innen des Altenheims bringt er während seines Auftritts keinen Respekt entgegen, schikaniert die Pflegerin und beschwert sich auch im Hotel permanent. Er ist ein echter Nörgler, der im Selbstmitleid ertrinkt und neidisch auf den Erfolg seiner ehemals besten Freunde schielt.
Während der Aufgaben, die er zu bewältigen hat, wird er jedoch geläutert. Er durchläuft eine Quest, eine Heldenreise, die ihn letztlich zu einem besseren Menschen macht, da waren wir uns einig.
Indem er sich mit seinem Verhalten und seiner Lebenssituation auseinander setzen muss, erkennt er, wie er sich anderen gegenüber verhält. Die nörgelnde alte Hexe, der er helfen muss, spiegelt sein Verhalten ebenso wider wie der Tränentriefer, dem er am Ende begegnet und der sich selbst zutiefst bemitleidet. Jorma, der seiner Freundin nachtrauert und in der Vergangenheit verhaftet ist, erscheint in der Hinsicht als Alter Ego des Protagonisten, wobei Jorma sich seine Empathie und Mitmenschlichkeit bewahrt hat.
Die Moral der Geschichte kommt in der Szene mit dem Tränentriefer für meinen Geschmack etwas zu deutlich daher und das Ende ist überaus positiv, zu positiv, wie auch Mira fand. Allerdings handelt es sich um ein Märchen und da ist nun mal am Ende alles gut.

Der phantastischen Anteile - die "echte" Magie, gegen die sich Anton lange wehrt, die mythologischen Figuren, wie das Miststück und der Tränentriefer, sind besonders gelungen und kleiden die Moral in ein Augenzwinkern. Die vielen skurrilen Situationen sorgen für gute Unterhaltung und Lesegenuss.

Ein Warnung am Ende:
Der Roman macht eine unbändige Lust auf gefüllte Biskuitrolle, die so oft erwähnt wird, das man dem Wunsch, sie sofort essen zu wollen, irgendwann nicht mehr widerstehen kann ;)

Ein schöner Roman, der uns auf unterhaltsame und lustige Weise erzählt, wie wir dem Tränentriefer entkommen:

"Je mehr ich lächelte, desto leichter konnte ich mich seiner destruktiven Energie entziehen." (S.375)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Paul Auster: Mann im Dunkel

- der eine düstere Parabel über den Krieg ersinnt.

Gebundene Ausgabe, 220 Seiten
Rowohlt, 1.April 2010


Inhalt
Der 72-jährige August Brill liegt nachts in seinem Bett und kann wieder einmal nicht schlafen. Er lebt nach einem Unfall im Haus seiner 47-jährigen Tochter Miriam, die vor fünf Jahren von ihrem Mann verlassen wurde. Auch deren Tochter Katya liegt wach. Sie studiert an der Filmakademie in New York, hat aber aufgrund eines traumatischen Ereignisses, das mit dem Tod ihres ehemaligen Freundes Titus Small zusammenhängt, ihr Studium unterbrochen. Ein Ereignis, das auch der alte Mann nicht vergessen kann.

"Ich denke oft an Titus´Tod, die entsetzliche Geschichte dieses Todes, die Bilder dieses Todes, seine verheerenden Folgen für meine Enkelin, aber dorthin will ich jetzt, kann ich jetzt nicht gehen, ich muss ihn so weit von mir fernhalten wie möglich." (S.10)

Statt dessen flüchtet sich August in eine selbst erdachte Geschichte, die einen Großteil des Romans ausmacht. Es ist eine Parabel über den Krieg.

Der junge Owen Brick, von Beruf Zauberer erwacht im Jahr 2007 in einem zylindrischen Erdloch, aus dem er nicht entkommen kann - keine Szene für Klaustrophobiker*innen. Er weiß nicht, wo er sich befindet und wie er in diese Situation geraten ist. Im Hintergrund hört er Kriegsgeräusche und plötzlich taucht ein Sergeant auf, befreit ihn und teilt ihm mit, dass sich die USA im Bürgerkrieg befänden. Statt dessen stehen die Twin Towers noch und im Irak herrscht kein Krieg.

"Bürgerkrieg, Brick. Weißt du denn gar nichts? Er geht schon ins vierte Jahr. Aber jetzt, wo du aufgetaucht bist, wird es bald vorbei sein. Du bist der Mann, der das Ende bringt." (S.17)

Seine Aufgabe besteht darin, den Mann zu töten, der sich diese Geschichte ausdenkt, die dann zur Wirklichkeit wird. Der Autor als Erfinder von Realitäten, von parallelen Welten, die neben der unseren existieren.
(Diese Theorie der parallelen Welten, formuliert von Giordano Bruno im 16. Jahrhundert, liegt auch der Fantasy-Reihe von Philip Pullman zugrunde.)

Ausgerechnet seine Jugendliebe, die einst unerreichbare Virginia Blaine, hat ihn in jene Welt geholt. Zurück in seiner eigenen soll er "August Brill" töten, damit der Krieg in der parallelen Welt beendet ist. Der Literaturkritiker Brill taucht in seiner eigenen Geschichte auf, er ist es, der getötet werden muss, damit der erdachte Krieg in der parallelen Welt beendet werden kann.
Eine Parabel darauf, dass Kriege von Menschen verursacht werden, in den Gedanken der Mächtigen entstehen? Auch in der parallelen Welt herrscht Krieg, sogar im Land selbst. Und der Autor der Geschichte sieht "schwarz" - es wird keine Hoffnung geben.

Parallel zu der erdachten Geschichte denkt der Schlaflose über die gemeinsamen Filmnachmittage mit seiner Enkelin nach, in die er sich flüchtet, weil er seit dem Tod seiner Frau Sonia nicht mehr in der Lage ist, an seiner Familiengeschichte weiterzuschreiben.

"Sich in einen Film zu flüchten ist etwas anderes, als sich in ein Buch zu flüchten. Bücher zwingen einen, ihnen etwas zurückzugeben, den Verstand und die Phantasie zu gebrauchen, wohingegen man einen Film im Zustand geistiger Passivität sehen und auch genießen kann." (S.25)

In den Filmen sind es die Frauen, die "die Welt auf ihren Schultern tragen." (S.33)
Im Gegensatz zu den Männern, die die Kriege verantworten und darin kämpfen?

Eine weitere nächtliche Beschäftigung, um die Gedanken an Sonia zu vertreiben, ist, Miriams Manuskript zu lesen, die sich mit der Autorin Rose Hawthorne beschäftigt. Einer mittelmäßigen Dichterin, die jedoch eine Zeile geschrieben hat, die August gefällt:

"Und die wunderliche Welt dreht sich weiter." (S.59)

- trotz der Kriege, der Grausamkeiten, die sich die Menschen einander antun. Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen.

"Das Thema diese Nacht ist der Krieg" (S.146)

So denkt August an seine letzte Europareise zurück, an die Geschichten über den Krieg, die ihm begegnet sind.

  • Eine Literaturlehrerin, die sich in Belgien im 2.Weltkrieg einer Widerstandsgruppe angeschlossen hat und im KZ exekutiert wurde.

Eine Szene, nach der ich den Roman aus der Hand legen musste und die aufsteigenden Bilder am liebsten verbannt hätte.

  • Die Rettung einer jüdischen Familie als positivem Gegenentwurf zur vorherigen Erinnerung.
  • Eine Geschichte über einen Doppelagenten aus dem Kalten Krieg.

"Kriegsgeschichten. Kaum verlässt man für einen Augenblick seine Deckung fallen sie über einen her, eine nach der anderen..." (S.146)

Bevor August sich wieder mit dem grausamen Tod Titus im Irak-Krieg beschäftigt, erzählt er seiner Enkelin Katya, die auch nicht schlafen kann, die Geschichte seiner Liebe zu Sonia, von ihrer ersten Verliebtheit, der Trennung - er hatte Sonia für eine andere verlassen - und ihrer zweite Beziehung, bis diese lange Nacht vorüber ist.


Bewertung
Paul Auster erzählt mehr als eine Geschichte in diesem Roman. Neben der Parabel auf den Krieg, die erdachte Geschichte seines Protagonisten, reflektiert der Ich-Erzähler über sein eigenes Leben. Im Fokus steht seine große Liebe Sonia, der Verlust ihrer Ehe und sein Werben um die Frau, mit der er alt werden will. Er verschweigt die Tücken des Ehelebens - das Auseinanderleben, der Wunsch, wieder Neues zu entdecken - und des Alterns dabei nicht.
Ein wohltuende Episode in dem ansonsten düsteren Roman, der viele grausame Bilder aufsteigen lässt und ein dunkles Bild unserer Gesellschaft zeichnet.

Die Kriegsszenerie, die Unausweichlichkeit des Krieges, der die Geschichte durchzieht und auch in der parallelen Welt herrscht (vielleicht einer von vielen), ist das, was nach dem Lesen bleibt und wach rüttelt. Jeden Tag bestimmen Kriegsbilder die Nachrichten, man nimmt sie oftmals gar nicht mehr wahr. Indem Auster jedoch einzelne Personen ins Rampenlicht stellt und ihr furchtbares Schicksal schonungslos erzählt, führt er uns die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges brutal vor Augen.

Bisher habe ich von Auster nur die schöne Hundegeschichte "Timbuktu" gelesen, doch dieser Roman hat mich davon überzeugt, noch weitere von ihm lesen zu wollen.





Montag, 19. Juni 2017

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

- ein mutiger Liebesroman.

Gebundene Ausgabe, 208 Seiten
Diogenes, 22. März 2017


Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt

"Und dann kam der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Waters klingelte." (S.7)

Mit dieser Aussage beginnt die ungewöhnliche Beziehung zwischen Addie und Louis, denn sie unterbreitet ihm den Vorschlag:

"Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen." (S.9)

Das "Und" zu Beginn der ersten Aussage zeigt, dass sich Addie dieses Angebot lange überlegt und gezögert hat, es auszusprechen.

Schließlich bringt sie den Mut auf, es geht ihr nicht um Sex, sondern darum
"die Nacht zu überstehen" (S.9), mit jemandem zu reden und nicht mehr einsam zu sein.

Addie ist 70 Jahre, Louis noch etwas älter und beide sind verwitwet. Sie leben in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado (in der alle sechs Romane des Autors spielen) und wohnen einen Häuserblock voneinander entfernt. Dieses ungewöhnliche "Arrangement" wird sie zwangsläufig zum Gerede der Leute machen. Doch Addie reagiert auf Louis Bedenken, der am ersten Abend über den Hintereingang kommt, gelassen.

"Ich habe mir das genau überlegt - es ist mir egal, was die Leute denken. Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss." (S.13)

Louis, ehemaliger Lehrer in Holt, wird nach der ersten gemeinsamen Nacht, in der er überhaupt nicht schläft, krank - Harnwegsinfektion. Addie reagiert verletzt, da sie glaubt, er wolle nicht mehr kommen. Als sie ihn im Krankenhaus besucht, klärt er das Missverständnis auf und sobald er gesund ist, verbringt er erneut die Nacht gemeinsam mit Addie. Langsam werden sie sich vertrauter, er lässt seinen Pyjama und seine Zahnbürste bei ihr und benutzt den Vordereingang. Sie zeigen sich in der Öffentlichkeit und eröffnen sich nachts ihre Geheimnisse, reden sich ihre Sorgen von der Seele.

Addie spricht vom tragischen Unfalltod ihrer Tochter Connie, von den Vorwürfen, die sich ihr kleiner Sohn Gene gemacht hat; davon, dass Carl, ihr Mann, diesen Tod nie verwunden und seinen Sohn nicht mehr wahrgenommen hat, dass ihre Ehe dadurch sehr gelitten und sie seit Jahrzehnten keinen Sex mehr hatte.

Louis erzählt von seine außerehelichen Affäre, davon, dass er Diane und seine Tochter Holly verlassen hat, aber wieder zurückgekehrt sei und dass er es bereut, sie verletzt zu haben; von der schmerzhaften Krebserkrankung seiner Frau und ihrem leidvollen Tod.

Addies Enkelsohn Jamie unterbricht ihre Zweisamkeit, seine Eltern haben sich getrennt und daher verbringt er die Ferien bei seiner Großmutter. Doch der Junge vertieft ihre Bindung, er fasst Vertrauen zu Louis und als dieser ihm die Hündin Bonny schenkt, kann Jamie wieder ruhig und ohne Alpträume schlafen.

Als der Sommer zu Ende geht, verändert sich ihr idyllisches Leben...

Bewertung
Ein mutiger Roman, der ein Tabuthema aufgreift. Die Tatsache, dass sich viele alte Menschen einsam fühlen und gerne jemanden zum Reden oder abends in ihrem Bett neben sich haben möchten. Und dass auch der Wunsch nach Sexualität immer noch da ist.
Doch kaum einer oder eine bringt tatsächlich den Mut auf, den Schritt zu tun, den Addie gewagt hat. Bewundernswert, sich nicht um das zu kümmern, was die anderen sagen. Warum auch? Ist sie nicht alt genug, um zu wissen, was gut für sie ist? Wen verletzt sie damit, außer gängige Konventionen? Unverständlich, dass ihr Sohn so unsensibel reagiert, aber auch realistisch. Die eigenen Eltern in einer neuen Rolle wahrzunehmen, scheint schwer zu fallen. Statt es seiner Mutter zu gönnen, erpresst er sie. Hat er selbst nicht gelernt zu lieben, nagt die Zurückweisung seines Vaters an ihm?

Ein wunderbar leiser Roman, der unaufgeregt von gemeinsamen Tagen berichtet, den Alltag schildert, das Leben so, wie es ist, erzählt und zeigt, wie zwei Menschen Vertrauen zueinander aufbauen, sich gegenseitig in ihrer Einsamkeit beistehen und ihre "Seelen bei Nacht" öffnen.

"Wer hätte gedacht, dass wir in unserem Alter noch einmal so etwas erleben. Dass noch längst nicht alle Veränderungen und Aufregungen hinter uns liegen, wie sich herausstellt. Dass wir noch nicht körperlich und geistig vertrocknet sind." (S.163)

Zwei alte Menschen, die bereits gelebt haben, ein Leben, das nicht ihren Erwartungen entsprochen hat und die dennoch ein spätes Glück finden.

"Wer bekommt denn schon das, was er sich wünscht? Nicht viele, wie mir scheint, wenn überhaupt. Immer sind es zwei Menschen, die blindlings aufeinanderstoßen und alte Ideen und Träume und falsch verstandene Erkenntnisse ausleben. Allerdings finde ich nach wie vor, dass dies nicht für dich und mich gilt. Jedenfalls nicht hier und jetzt. " (S.145)

Am Ende schildert Kent Haruf schonungslos, dass dieses Glück nicht akzeptiert wird - ausgerechnet von den Jungen. Man wünscht Addie und Louis, dass sie wieder zueinander kommen und den Mut nicht verlieren.

Ein Roman, der berührt und bei dem ich oft inne gehalten habe, um über einzelne Sätze nachzudenken und der viel zu kurz ist!

Eine klare Leseempfehlung!

Sonntag, 18. Juni 2017

E.O.Chirovici: Das Buch der Spiegel

Wer sagt die Wahrheit?

Quelle: pixabay
Hörbuch von audible

gesprochen von Jonas Nay, Stephan Kampwirth, Volker Lechtenbring, Sebastian Rudolph und Sasche Rotermund

8 Stunden und 15 Minuten





Inhalt

1.Teil
Der Literaturagent Peter Katz erhält per Email ein Manuskript von Richard Flynn, in dem dieser von wahren Ereignissen aus dem Jahr 1987 berichtet. Er verspricht den Mordfall des berühmten Professors Wieder in Princeton aufzuklären, der jetzt über 20 Jahre zurückliegt. In dem Auszug aus dem Manuskript erzählt Richard, dass die junge Laura Baines, eine begabte Mathematikstudentin bei ihm eingezogen ist und ihn mit dem Professor bekannt gemacht hat. Dieser bot ihm einen Job an - seine umfangreiche Bibliothek mithilfe eines Computerprogramms zu erfassen und zu sortieren. Richard, der eine Liebesbeziehung mit Laura unterhielt, war eifersüchtig auf den Professor und glaubte, er habe ein Verhältnis mit Laura. Zudem arbeite Wieder an einem geheimen Projekt, in dem es um traumatische Erinnerungen von Soldaten gehe. Sehr mysteriös. Richard erwähnt auch den Handwerker Derek, der unter retrograder Amnesie leidet und der für den Professor Reparaturarbeiten erledigt. Wieder hatte ihn einst begutachtet und ihm eine Schizophrenie bescheinigt, dadurch musste Derek, der des Mordes an seiner Frau verdächtigt wurde, nichts ins Gefängnis. In der forensischen Psychiatrie wurde er von einem Patienten niedergeschlagen und verlor sein Gedächtnis. Aus Nächstenliebe nahm sich der Professor seiner an und Derek war es auch, der die Leiche des Professors an einem Wintermorgen gefunden hat.
Das Manuskript bricht vor der Schilderung der Mordnacht ab, so dass Peter Katz versucht, Richard Flynn zu kontaktieren. Er kommt jedoch zu spät, denn Flynn stirbt an den Folgen einer Krebserkrankung und das Manuskript ist nicht auffindbar. Richard Flynn galt anfangs als Tatverdächtiger, doch letztlich konnte der Mord an Wieder nie aufgeklärt werden.

2.Teil
Besessen davon, die Wahrheit herauszufinden, beauftragt Katz den befreundeten Journalisten John Keller damit, die Beteiligten von damals ausfindig zu machen und Licht in die Ereignisse zu bringen.
Der findet heraus, dass sich Wieder einen Namen als psychiatrischer Gutachter gemacht hat und dass Laura Baines ihren Namen in Westlake geändert hat und inzwischen Professorin für Psychologie ist. Sie spricht nur unter der Voraussetzung mit Keller, dass sie vorher Richards Manuskript lesen darf.
Laura stellt die Ereignisse fast konträr zu der Erzählung Flynns dar. Während Richard behauptet, Lauras Exfreund habe sie verfolgt und ihr nachgestellt, behauptet Laura, sie habe nie eine Liebesbeziehung mit Richard gehabt und er sei es gewesen, der ihr und ihrem Freund gefolgt sei, nachdem dieser eine Zeit lang in Europa studiert habe. Auch habe sie nie eine Affäre mit dem Professor gehabt, sondern lediglich seine Arbeit unterstützt. Keller unterhält sich auch mit Derek, der wiederum behauptet, in der Mordnacht habe es einen heftigen Streit zwischen dem Professor, Laura und Richard gegeben, da Richard deren Affäre entdeckt habe. Und er sei sich sicher, dass Richard den Professor umgebracht habe.
Wem soll Keller glauben?
Nach den Gesprächen mit Lauras ehemaliger Freundin und dem ermittelnden Detective in dem Fall - Roy Freeman - scheint dieser immer komplizierter zu werden, da sich alle Aussagen widersprechen. Keller entdeckt zudem, dass ein verschollenes Buch, das der Professor veröffentlichen wollte, unter Laura Westlakes Namen erschienen ist. Hat sie es gestohlen und den Professor ermordet? Oder sich Richards bedient?

3.Teil
Der letzte Teil wird vom inzwischen pensionierten Detective Freeman erzählt, dem es letztendlich gelingt den Fall aufzuklären und der erkennt, dass alle Beteiligten sich geirrt haben und ihre Wahrnehmungen von den eigenen Obsessionen verzerrt waren.

Bewertung
Ein gelungener Krimi, indem alle Aussagen einer Person von der nächsten widerlegt werden und man irgendwann überhaupt nicht mehr weiß, wer lügt und wer die Wahrheit gesprochen hat. Schritt für Schritt setzen sich die Puzzleteile zusammen und ergeben ein Gesamtbild des Mordes, an dem - so viel sei hier verraten - mehrere beteiligt waren. Das Verbrechen ist sehr vielschichtig und in jedem Teil wird eine Schicht abgetragen, bis die Tat am Ende in ihrer Gesamtheit sichtbar wird.

Unglaublich spannend, kunstvoll komponiert und als Hörbuch von den einzelnen Sprechern sehr gut gelesen. Man sollte es allerdings nicht mit vielen Pausen oder "nebenbei" hören, da die Handlung kompliziert ist und man Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren.

Ein schönes Spiel mit Sein und Schein, mit dem, was die Menschen wahrnehmen wollen und dadurch die "objektive" Wahrheit verzerren.