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Dienstag, 20. Juli 2021

Stefan Zweig: Schachnovelle

 - ein Psychodrama.

Leserunde auf whatchaReadin

Die Novelle spielt ausschließlich auf einem "großen Passagierdampfer, der um Mitternacht von New York nach Buenos Aires abgehen sollte" (5). Der Ich-Erzähler, ein Österreicher, erfährt von einem Freund, dass der Weltschachmeister Mirko Czentovic an Bord ist, dessen ungewöhnlicher Werdegang im Folgenden geschildert wird. Der 12-jähriger Slawe wurde als Waise von einem Pater aufgenommen. Er lernt weder korrekt zu schreiben noch zeigt er sich in Mathematik fähig, aber es stellt sich per Zufall heraus, dass er eine Begabung fürs Schachspielen hat, obwohl er nicht in der Lage ist, Partien blind zu spielen. Das verrät "einen Mangel an imaginativer Kraft" (12), trotzdem steigt er zum Weltmeister auf. Der Freund des Ich-Erzählers stellt fest, dass Czentovic nur an Schach und Geld interessiert und vor allem von sich überzeugt ist.
Die Neugier des Ich-Erzählers ist geweckt und er will dieses Genie kennenlernen, was ihm auch gelingt, als er selbst mit einem reichen Schotten McConnor Schach spielt, um den Weltmeister anzulocken. Dieser wiederum lässt sich vom Geld verführen und spielt gegen einige "drittklassigen Spielern", die er natürlich besiegt. Bis ein Unbekannter ins Spiel kommt, der dem Weltmeister ein Remis entlockt. Neugierig geworden sucht der Ich-Erzähler diesen Schachvirtuosen auf, der sich als Wiener Rechtsanwalt Dr. B. entpuppt, der "am selben Abend, da Schuschnigg seine Abdankung bekannt gab, und einen Tag, ehe Hitler in Wien einzog" (S.41), also am 11.3.1938 von der Gestapo verhaftet wird, da seine Kanzlei Kontakt zur Krone hatte, Vermögenswerte von Klöstern heimlich gesichert hat und er selbst von einem Spion verraten wird. Er wird jedoch nicht in ein Konzentrationslager deportiert, sondern in einem Hotel in Isolationshaft genommen.

Die Novelle führt den Leser*innen an diesem Beispiel die perfide Grausamkeit des nationalsozialistischen Regimes vor Augen, da sich Dr.B. zum Nichtstun gezwungen wird und ohne soziale Kontakte allein in seinem Zimmer auf die Verhöre warten muss.

"Man tat uns nichts - man stellte uns nur in das vollkommene Nicht, denn bekanntlich erzeugt kein Ding auf Erden einen solchen Druck auf die menschliche Seele wie das Nichts." (43)

Dieses Nichts beginnt ihn innerlich zu zerstören, doch per Zufall gelingt es ihm vor einem Verhör ein Buch aus einem Mantel zu entwenden - "ein Schachrepititorium, eine Sammlung von hundertfünfzig Meisterpartien." (55)

Das, was Czentovic nicht gelingt, das Blindspielen, vermag Dr. B. und zunächst scheint es ein Segen für ihn zu sein. Mithilfe der Repitition berühmter Schachpartien kann er den endlosen Verhören und der Einsamkeit entkommen. Indem er jedoch beginnt, gegen sich selbst zu spielen, seine Persönlichkeit in ein "Ich Schwarz" und "Ich Weiß" (63) zu spalten, die imaginativ - ohne echtes Schachbrett - gegeneinander wetteifern und Züge antizipieren müssen, steigert er sich in eine Manie, bis hin zur "Schachvergiftung" (66), die zu seinem Zusammenbruch führt.

Er muss in ein Krankenhaus und dem Arzt gelingt es, ihn in die Freiheit zu entlassen, so dass er sich jetzt auf dem Schiff befindet. Jener Arzt hat ihn auch davor gewarnt, wieder Schach zu spielen. Und doch reizt es ihn gegen den behäbig langsamen Schachweltmeister anzutreten. In der Partie offenbaren sich die unterschiedlichen Spielweisen - Czentovic überlegt sehr lange, bevor er zieht, während Dr. B. bereits alle möglichen Spielzüge antizipiert hat und blitzschnell reagiert. Seine Ungeduld wächst und dem Ich-Erzähler fällt auf, "dass seine Schritte trotz aller Heftigkeit dieses Auf und Abs immer nur die gleiche Spanne Raum ausmaßen [...] schaudernd erkannte [er], es reproduzierte unbewusst dieses Auf und Ab das Ausmaß seiner einstmaligen Zelle" (78). Das reale Schachspiel hat Dr. B. wieder in den Bann seiner Isolationshaft hineingezogen, in der er gegen sich selbst gespielt hat. Dem Ich-Erzähler gelingt es während der 2.Partie, in der Dr. B. den Bezug zur Realität verliert, diesen wieder zurückzuholen und man kann vermuten, dass er nie mehr ein Schachbrett anrühren wird.


Eine lesenswerte Novelle, die, wie im Nachwort ausgeführt, ganz unterschiedliche Lesarten hat. Im Vordergrund stehen die sehr gut erzählte Geschichte -

"Zweig reißt die Aufmerksamkeit des Lesers geradezu an sich, zieht ihn förmlich in die imaginäre Welt seiner Erzählung hinein." (89, Nachwort) -

und das Aufeinandertreffen zweier Lebensweisen. Die langsame „Schachmaschine“ trifft auf den schnellen, imaginativ Denkenden und treibt ihn in den Wahnsinn. Die perfide Grausamkeit der Isolationshaft der Nazis wird ebenfalls deutlich vor Augen geführt - was macht das psychisch aus einem Menschen. Und nicht zuletzt die Spaltung der Persönlichkeit, die Schachmanie, die entsteht und droht wieder aufzubrechen, wenn der entsprechende Reiz gesetzt wird - eine Folge der Haft. Zu Recht ist die Novelle Zweigs bekanntestes Werk!

Klare Lese-Empfehlung ;)

Mittwoch, 3. Oktober 2018

T.C. Boyle: Das wilde Kind

Kurzrezension

Meine bisherigen Erfahrungen mit Boyle beschränken sich auf seinen Erstling "Wassermusik", zu dem ich thematisch wenig Zugang gefunden habe, während mich die Sprache begeistert hat. Ein Freund hat mir, um mich weiterhin zu motivieren, Boyle zu lesen, "Das wilde Kind" empfohlen. Es scheint, seine Rechnung ist aufgegangen - der nächste Boyle liegt schon auf meinem Stapel und wird "América" sein.

Worum geht es?
In der Novelle erzählt Boyle von einem "Wolfskind", das tatsächlich gelebt hat. Victor von Aveyron wurde um 1788 geboren und um die Jahrhundertwende gefangen genommen.

Zunächst haben Jäger den Jungen im Wald entdeckt.

"Es schien sich um ein Kind zu handeln, um einen vollkommen nackten Jungen, dem Kälte und Regen offenbar nichts ausmachten." (5)

Dann begegnet ihm wenige Zeit später ein Bauer, so dass die Legende vom wilden Kind entstehen kann:

"Eine unnatürliche Stille lag über dem Land: Die Vögel in den Hecken hielten den Atem an, der Wind erstarb, ja selbst die Insekten verstummten. Dieser unverwandte Blick- die Augen, so schwarz wie frisch gebrühter Kaffee, das Fletschen bräunlich verfärbter Zähne - war der Blick eines Wesens aus dem Spiritus Mundi: fremd, gestört, hassenswert." (6)

Boyle gelingt es, nicht nur die Perspektive der Bauern und Jäger zu schildern, sondern auch sich der Sicht des Jungen zu nähern, der, als er schließlich gefangen wird, von der Situation völlig überfordert ist.
"Man stelle sich ihn vor, denn er selbst war dazu nicht imstande. Er kannte nur das Unmittelbare, spürte nur was seine Sinne ihm mitteilten." (7)

Er ist fünf Jahre alt, als er aufgegriffen wird. Der Versuch seiner Stiefmutter ihn im Wald zu töten, ist fehl geschlagen, so dass er sich alleine durchschlagen musste - ohne die menschliche Sprache zu lernen und die Regeln des Zusammenlebens erfahren zu haben.

Er wird zum Spielball von Wissenschaftlern, die herausfinden wollen, ob er sich zivilisieren lässt.

"Hier, dachte er, bot sich die Gelegenheit - sofern es sich nicht um eine Monstrosität oder einen aus irgendeiner privaten Menagerie ausgebrochenen afrikanischen Affen handelte-, Rousseaus Hypothese vom edlen Wilden auf die Probe zu stellen." (25)

Von Abbé Pierre-Joseph Bonnaterre, Professor für Naturgeschichte, gelangt er zu Abbé Roch-Ambroise Sicard vom Taubstummeninstitut in Paris, da man annimmt, er könne nicht hören.
Während Sicard aufgibt, versucht sich ein junger Arzt, Jean-Marc Gaspard Itard, daran, Victor, so wird er inzwischen genannt, etwas beizubringen - ohne Erfolg.

"Er wollte die Thesen von Locke und Condillac überprüfen: War der Mensch bei seiner Geburt eine tabula rasa, ungeformt und ohne Ideen, bereit, von der Gesellschaft beschrieben zu werden, erziehbar und imstande, auf dem Weg zur Vervollkommnung voranzuschreiten?" (53)

Bewertung
Dass Itard scheitert, aus Victor ein Mitglied der Gesellschaft zu machen, deutet der Erzähler zu Beginn an. Die Fragen, die sich stellen, sind:

  • warum gelingt es ihm nicht, dem "wilden Kind" das Sprechen beizubringen,
  • warum kann er den Jungen nicht zu einem sozialen Wesen erziehen, das die Bedürfnisse anderer Menschen erkennt und respektiert.
Liegt es an seinen Methoden - am System von Belohnungen und Bestrafungen oder an der mangelnden Intelligenz Victors, oder daran, dass er, um überleben zu können, von Anfang an nur auf sich selbst gestellt ist?

Die Novelle gibt keine Antworten, sie erzählt einfühlsam davon, wie die Wissenschaftler sich die Zähne ausbeißen. Nur Madame Guérin, die sich im Taubstummen-Institut um ihn kümmert - eine Art Mutterersatz - findet einen Zugang zu ihm. Sie ist die Einzige, die nach seinem Verschwinden die Suche nicht einstellt, denn, indem sie sich seiner angenommen hat, hat sie die Verantwortung für ihn übernommen - eine Verantwortung, die Itard gerne abgeben würde, da er gescheitert ist. Aber darf man den Jungen, nachdem man ihn aus dem Wald herausgeholt hat und ihn an die Zivilisation gewöhnt hat, einfach wieder sich selbst überlassen?

Die Novelle bietet viel Diskussionsstoff und für mich den Anreiz, weitere Romane von Boyle zu lesen.

Buchdaten
Taschenbuchausgabe, 108 Seiten
dtv, 2012

Montag, 13. November 2017

Bernd Mittenzwei: Die zweite Luft

- eine Novelle.

Taschenbuchausgabe, 182 Seiten
A. Fritz Verlag, 5. Juni 2017


Das Leseexemplar wurde mir vom Verlag zur Rezension angeboten. Da ich schon einige schlechte Erfahrungen mit solchen Anfragen gemacht habe, war ich zunächst kritisch. Doch die Thematik der Novelle hat mich angesprochen und überzeugt.

Worum geht es?
Der Roman spielt im Jahre 1986 in Altdorf, einer Stadt in der Nähe von Nürnberg. Zu Beginn folgen wir der 40-jährigen Lydia auf ihrem morgendlichen Lauf aus der Stadt heraus, die ihr jahrelang Heimat gewesen ist.

"Dies war ihr Nest gewesen, ihre Geborgenheit, ihr Platz im Leben. Doch das war vorbei, es bedeutete nichts mehr. Dieser ganze Mikrokosmos, der ihre Welt gewesen war, diese ökologische Nische für Kleinstädter, dieser Tümpel, in dem jede Generation aufs Neue ihren Laich ablegte, sich vermehrte, fraß und starb, dessen Gerüche sie ihr Legen lang aufgesogen hatte, sie hatte sich satt gelebt darin." (S.10)

Lydias Leben ist im Wandel, auf ihrem langen Lauf gedenkt sie ihrer besten Freundin Sulla, die sie einst aus einer heiklen Situation gerettet hat und die in Südafrika gestorben ist. An ihre Arbeitsstelle, an ihren Exfreund und als Leser*in spürt man, dass Lydia davon läuft...

Der zweite Protagonist ist Stenger, verheiratet und zum Abendessen mit den Nachbarn geladen. Eine gesellschaftliche Verpflichtung, der er sich gerne entziehen will. Eoch eine Schuld lastet auf ihm, an die ihn seine Frau erinnert. Etwas, das ihn niederdrückt und ihn zum Alkohol greifen lässt.

"Andere Männer hatten es da leicht. Sie spielten leidenschaftlich Fußball, schraubten an imposanten Motorrädern, bastelten respektable Modellflugzeuge, planten aufregende Reisen oder bauten repräsentative Gartenhäuser. All dies stand ihm nicht zur Verfügung. Dies konnte er nicht, jenes wollte er nicht, und was er gewollt und gekonnt hätte, das ließ er bleiben, damit es ihm nicht misslingen konnte. Bis in alle Ewigkeit ist Sisyphos verdammt." (S.17)

Auch das Abendessen bei den Nachbarn misslingt, da Stenger sich haltlos betrinkt - mit fatalen Folgen.

Die dritte Figur ist der Zivildienstleistende Stefan, der in einem Altenheim arbeitet und sich um Theodor Macke, eine alten Herrn mit "schleimigen Altmännerphantasien" (S.31) kümmert.
Stefan ist ein Einzelgänger, ein Junge, der in seiner Kindheit wenig Liebe erfahren hat und sich in der Gegenwart der Alten gebraucht und geborgen fühlt. Doch dann macht er eine Dummheit und glaubt, er müsse fliehen. Mit dem Fahrrad macht er sich auf den Weg.

Genau wie Stenger nach dem katastrophalen Abend mit den Nachbarn in sein Auto steigt und davon  fährt.

Bewertung
Drei Menschen, die an einer Wegkreuzung stehen und weglaufen wollen, die ihren Weg suchen und Möglichkeiten ausloten und dann überraschend zusammen treffen.
Da der Roman jeweils aus der personalen Perspektive dieser Personen erzählt wird, taucht man als Leser*in intensiv in die jeweilige Gedankenwelt ein. Dem Autor gelingt es ein stimmiges Bild der Gefühlswelt der Figuren zu zeichnen - sehr authentisch die Situation, als Stenger im Bad betrunken versucht, die Richtung wieder zu finden. Die Sprache ist teilweise etwas überladen, aber immer wieder finden sich originelle Bilder und eindringliche Aussagen, die nur manchmal zu plakativ daherkommen. Insgesamt eine sehr positive Überraschung, eine unterhaltsame Novelle, die nachdenklich macht und ganz wunderbar das positive Gefühl beim Laufen beschreibt.

Die Schlüsselszene für mich ist, als Stefan und der alte Macke einmal zufällig Lydia und Sulla beobachten. Sulla, die ihrer Freundin zeigen will, dass man immer die Wahl hat - bei jeder Entscheidung. Dieses Gespräch geht Lydia beim Laufen durch den Kopf - "etwas anderes machen, das ganz andere".

Eine positive Überraschung!



Freitag, 16. Dezember 2016

Patrick Süskind: Die Taube

- eine psychologische Erzählung.

Taschenbuch, 100 Seiten
Diogenes Verlag, erschienen 1987

Vielen Dank an meine Lesefreundin Mira, die mir diese Erzählung geschenkt hat.

Inhalt

"Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, daß ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Welsentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod." (S.5)

Mit nur wenigen Sätzen umreißt der Erzähler das tragische Leben des Protagonisten, dessen Eltern als Juden im 2.Weltkrieg aus Frankreich deportiert wurden, so dass Jonathan gemeinsam mit seiner Schwester im Süden auf dem Bauernhof seines Onkels aufwächst. Anfang der 50er Jahre schickt ihn dieser zum Militärdienst, er wird nach Indochina verschifft und dort verletzt. Als er zurückkehrt, ist seine Schwester nach Kanada ausgewandert.
Er soll verheiratet werden, doch seine zukünftige Frau verlässt ihn vor der Hochzeit, da ist sie von einem anderen schwanger.
Diese tragischen Ereignisse werden in sachlichem Ton kurz und knapp zusammengefasst und gipfeln in Jonathans Erkenntnis:
"daß auf die Menschen kein Verlaß sei und daß man nur in Frieden leben könne, wenn man sie sich vom Leibe hielt." (S.8)

So trifft er seine erste eigene Entscheidung und zieht nach Paris. Dort mietet er sich eine winzige Mansarde, in der er heimisch wird und tritt eine Stelle als Wachmann einer Bank an. Täglich öffnet er dem Direktor der Bank das Tor, salutiert, während der Wagen vorüber fährt und verabschiedet ihn. In fünf Monaten kann er von seinem Ersparten endlich seine winzige Wohnung sein Eigentum nennen, alles verläuft nach seinem fatalistischen Plan - bis eines Tages jene Taube im engen Gang für seiner Tür sitzt:
"Sie hatte den Kopf zur Seite gelegt und glotzte Jonathan mit ihrem linken Auge an. Dieses Auge, eine kleine, kreisrunde Scheibe, braun mit schwarzem Mittelpunkt, war fürchterlich anzusehen. Es saß wie ein aufgenähter Knopf am Kopfgefieder, wimpernlos, brauenlos, ganz nackt, ganz schamlos nach außen gewendet und ungeheuer offen; zugleich aber war da etwas zurückhaltend Verschlagenes in dem Auge" (S.15)

Die Taube und ihr Blick - ein Symbol für all das, was Jonathan sein Leben lang verdrängen will? Ein Blick in sein Inneres, auf das Verlassensein, seine tiefe Einsamkeit? Sie blickt ihn schamlos an, sieht ihn - erkennt ihn und sein Leben.
Fast traut er sich nicht mehr hinaus, ist nicht in der Lage sich seinem Leben zu stellen. Meisterhaft beschreibt Süskind in zeitdehnendem Erzählen und der ihm so eigenen Beobachtungsgabe, die alle Sinne umfasst, wie Jonathan sich durch seinen Tag quält. Wie plötzlich alle Selbstverständlichkeiten durcheinander geraten, wie das endlose Stehen vor der Bank, das gleichzeitig sein Leben widerspiegelt. Stillstand, keine Veränderung, Kontrolle und Disziplin gegen die Unwägbarkeiten des Lebens; der immer gleiche Tagesablauf als Schutz vor Verletzungen und dem erneuten Verlassen werden.
Doch die Taube hat seine Welt auf den Kopf gestellt:

"Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken, so daß sie die Säule berührten. Dann ließ er sich sachte zurückfallen, gegen die eigenen Hände und gegen die Säule, und lehnte sich an, zum ersten Mal in seiner dreißigjährigen Dienstzeit. Für ein paar Sekunden schloß er die Augen. So sehr schämte er sich." (S.51)

Seine Panik geht so weit, dass er in einem Hotel übernachtet, bis ein reinigendes Gewitter, das großartig beschrieben ist, ihn rettet.

Bewertung
Auf der Rückseite des Buches ist eine Rezension des Rheinischen Merkurs abgedruckt:

"Ein rares Meisterstück zeitgenössischer Prosa, eine dicht gesponnene, psychologisch raffiniert umgesetzte Erzählung."

Treffender lässt sich die Erzählung nicht bewerten. Meisterstück für mich vor allem wegen der genauen Beschreibung der inneren und äußeren Vorgänge Jonathans. Sein körperliches Unwohlsein, seine Ängste beim Anblick der Taube, seine Unsicherheit, das ist als Leser/in unmittelbar erfahrbar. Alle Sinne werden angesprochen, das ist Süskind, so wie ich ihn auch aus dem Roman "Das Parfüm" kenne.
Der Schutzpanzer, den sich der Protagonist über Jahre aufgebaut hat, wird seziert und am Ende erfolgreich aufgebrochen.

Eine kurze Erzählung, die nachdenklich stimmt und beim Lesen viel Freude schenkt.

Sonntag, 30. Oktober 2016

Patrick Süskind: Die Geschichte von Herrn Sommer

- ein klassische Novelle.

Illustration von Sempé, Seite 2
Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 130 Seiten mit Bildern von Sempé
Verlag: Diogenes
Erschienen: 1991
ISBN-13: 978-3257018959

Diese kurze Novelle habe ich auf Miras Blog entdeckt und ihre Rezension hat mich so neugierig gemacht, dass ich das Werk selbst lesen wollte. Von Patrick Süskind kenne ich "Das Parfüm" und bin begeistert von seiner präzisen Sprache und seiner Beobachtungsgabe, die sich auch in der Novelle zeigen.

Inhalt
In einer Novelle gibt es nur einen Handlungsstrang, in dem Fall erzählt der Ich-Erzähler von seiner Kindheit, genau genommen von der Zeit,

"als ich noch auf Bäume kletterte - lang, lang ist´s her, viele Jahre und Jahrzehnte, ich maß nur wenig über einen Meter, hatte Schuhgröße achtundzwanzig und war so leicht, daß ich fliegen konnte - nein, das ist nicht gelogen, ich konnte wirklich fliegen damals- oder wenigstens fast, oder sagen wir besser: es hätte seinerzeit tatsächlich in meiner Macht gelegen zu fliegen, wenn ich es nur wirklich ganz fest gewollt (...)" (S.1)

Assoziativ reiht der Erzähler seine wichtigsten Erlebnisse aneinander wie seinen schlimmer Sturz aus viereinhalb Meter Höhe, den er exakt nach den Fallgesetzen berechnet, der jedoch auch Folgen hinterlassen hat:

"Auch glaube ich, daß eine gewisse Konfusion und Unkonzentriertheit, an der ich neuerdings leide, eine Spätfolge jenes Sturzes von der Weißtanne ist. So fällt es mir beispielsweise immer schwerer, beim Thema zu bleiben (...)" (S.12)

Die meiste Zeit seiner Kindheit verbringt er auf Bäumen, von dort kann er alles überblicken und sieht so den seltsamen Herrn Sommer, dessen Frau Puppenmacherin ist und der selbst überall bekannt ist, da er permanent rastlos zu Fuß unterwegs ist. Auf seinen Spaziergängen kreuzen sich die Wege des Ich-Erzählers und die von Herrn Sommer - immer an einschneidenden Erlebnissen.
So trifft er Herr Sommer nach einer furchtbaren Klavierstunde, in der er sich den Zorn seiner Klavierlehrerin zugezogen hat - eine wunderbar detailliert geschilderte Szene - und beschlossen hat, sich aufgrund der Ungerechtigkeit der Welt von einem hohen Baum zu stürzen.
Bevor er den Sprung in die Tiefe wagt, sieht er Herrn Sommer, der versucht, sich unter dem Baum hinzulegen, jedoch keine Ruhe findet - genau das ist es jedoch, was er sucht. So sagt er zum Vater des Ich-Erzählers, als dieser ihn im Auto nach einem Hagelsturm mitnehmen möchte:

"Ja so laßt mich doch endlich in Frieden!" (S.39)

Den findet er am Ende der Novelle, wenn der Ich-Erzähler an der Schwelle zum Erwachsenenleben steht.

Bewertung
Die Sprachsensibilität der Novelle spiegelt sich nicht nur in den geschaffenen Sätzen und Bildern, sondern Süskind thematisiert sie sogar, indem der Vater des Ich-Erzählers sich über "Stereotype" auslässt und dabei selbst einen benutzt:

"und ein Stereotyp - merkt euch das ein für allemal! - ist eine Redewendung, die schon so oft durch die Münder von Krethi und Plethi (!) gegangen ist, daß sie überhaupt nichts mehr bedeutet." (S.38)

Neben der Sprachfertigkeit ist es aber die skurrile Geschichte von Herrn Sommer und die seltsamen Erlebnisse des Ich-Erzählers, die faszinieren. Neben mathematischen Berechnungen der Fallgeschwindigkeit, gibt der Erzähler zu unzuverlässig zu sein, immer wieder den Faden zu verlieren. So setzt er ein paar Mal an, bis er vermeintlich die Geschichte von Herrn Sommer erzählt. Oder ist es die eigene? Gibt es Herrn Sommer überhaupt? Sein Ende ist jedenfalls sehr befremdlich und hat mich zu der Annahme verleitet, dass Herr Sommer sozusagen symbolisch die Kindheit des Ich-Erzählers begleitet und mit seinem Ende wird aus dem Kind ein Erwachsener. Dieses ruhelose, rastlose Herumwandern könnte bildlich für die Suche nach der eignen Identität stehen, der Wunsch Ruhe zu finden, dafür anzukommen in der Welt der Erwachsenen (?) Eine Novelle, die so schön sie zu lesen und anzuschauen ist, viel Stoff zum Nachdenken liefert und Fragen offen lässt. Die Antworten dürfen wir selbst suchen - ein Glücksfall!