Dienstag, 20. Juli 2021

Stefan Zweig: Schachnovelle

 - ein Psychodrama.

Leserunde auf whatchaReadin

Die Novelle spielt ausschließlich auf einem "großen Passagierdampfer, der um Mitternacht von New York nach Buenos Aires abgehen sollte" (5). Der Ich-Erzähler, ein Österreicher, erfährt von einem Freund, dass der Weltschachmeister Mirko Czentovic an Bord ist, dessen ungewöhnlicher Werdegang im Folgenden geschildert wird. Der 12-jähriger Slawe wurde als Waise von einem Pater aufgenommen. Er lernt weder korrekt zu schreiben noch zeigt er sich in Mathematik fähig, aber es stellt sich per Zufall heraus, dass er eine Begabung fürs Schachspielen hat, obwohl er nicht in der Lage ist, Partien blind zu spielen. Das verrät "einen Mangel an imaginativer Kraft" (12), trotzdem steigt er zum Weltmeister auf. Der Freund des Ich-Erzählers stellt fest, dass Czentovic nur an Schach und Geld interessiert und vor allem von sich überzeugt ist.
Die Neugier des Ich-Erzählers ist geweckt und er will dieses Genie kennenlernen, was ihm auch gelingt, als er selbst mit einem reichen Schotten McConnor Schach spielt, um den Weltmeister anzulocken. Dieser wiederum lässt sich vom Geld verführen und spielt gegen einige "drittklassigen Spielern", die er natürlich besiegt. Bis ein Unbekannter ins Spiel kommt, der dem Weltmeister ein Remis entlockt. Neugierig geworden sucht der Ich-Erzähler diesen Schachvirtuosen auf, der sich als Wiener Rechtsanwalt Dr. B. entpuppt, der "am selben Abend, da Schuschnigg seine Abdankung bekannt gab, und einen Tag, ehe Hitler in Wien einzog" (S.41), also am 11.3.1938 von der Gestapo verhaftet wird, da seine Kanzlei Kontakt zur Krone hatte, Vermögenswerte von Klöstern heimlich gesichert hat und er selbst von einem Spion verraten wird. Er wird jedoch nicht in ein Konzentrationslager deportiert, sondern in einem Hotel in Isolationshaft genommen.

Die Novelle führt den Leser*innen an diesem Beispiel die perfide Grausamkeit des nationalsozialistischen Regimes vor Augen, da sich Dr.B. zum Nichtstun gezwungen wird und ohne soziale Kontakte allein in seinem Zimmer auf die Verhöre warten muss.

"Man tat uns nichts - man stellte uns nur in das vollkommene Nicht, denn bekanntlich erzeugt kein Ding auf Erden einen solchen Druck auf die menschliche Seele wie das Nichts." (43)

Dieses Nichts beginnt ihn innerlich zu zerstören, doch per Zufall gelingt es ihm vor einem Verhör ein Buch aus einem Mantel zu entwenden - "ein Schachrepititorium, eine Sammlung von hundertfünfzig Meisterpartien." (55)

Das, was Czentovic nicht gelingt, das Blindspielen, vermag Dr. B. und zunächst scheint es ein Segen für ihn zu sein. Mithilfe der Repitition berühmter Schachpartien kann er den endlosen Verhören und der Einsamkeit entkommen. Indem er jedoch beginnt, gegen sich selbst zu spielen, seine Persönlichkeit in ein "Ich Schwarz" und "Ich Weiß" (63) zu spalten, die imaginativ - ohne echtes Schachbrett - gegeneinander wetteifern und Züge antizipieren müssen, steigert er sich in eine Manie, bis hin zur "Schachvergiftung" (66), die zu seinem Zusammenbruch führt.

Er muss in ein Krankenhaus und dem Arzt gelingt es, ihn in die Freiheit zu entlassen, so dass er sich jetzt auf dem Schiff befindet. Jener Arzt hat ihn auch davor gewarnt, wieder Schach zu spielen. Und doch reizt es ihn gegen den behäbig langsamen Schachweltmeister anzutreten. In der Partie offenbaren sich die unterschiedlichen Spielweisen - Czentovic überlegt sehr lange, bevor er zieht, während Dr. B. bereits alle möglichen Spielzüge antizipiert hat und blitzschnell reagiert. Seine Ungeduld wächst und dem Ich-Erzähler fällt auf, "dass seine Schritte trotz aller Heftigkeit dieses Auf und Abs immer nur die gleiche Spanne Raum ausmaßen [...] schaudernd erkannte [er], es reproduzierte unbewusst dieses Auf und Ab das Ausmaß seiner einstmaligen Zelle" (78). Das reale Schachspiel hat Dr. B. wieder in den Bann seiner Isolationshaft hineingezogen, in der er gegen sich selbst gespielt hat. Dem Ich-Erzähler gelingt es während der 2.Partie, in der Dr. B. den Bezug zur Realität verliert, diesen wieder zurückzuholen und man kann vermuten, dass er nie mehr ein Schachbrett anrühren wird.


Eine lesenswerte Novelle, die, wie im Nachwort ausgeführt, ganz unterschiedliche Lesarten hat. Im Vordergrund stehen die sehr gut erzählte Geschichte -

"Zweig reißt die Aufmerksamkeit des Lesers geradezu an sich, zieht ihn förmlich in die imaginäre Welt seiner Erzählung hinein." (89, Nachwort) -

und das Aufeinandertreffen zweier Lebensweisen. Die langsame „Schachmaschine“ trifft auf den schnellen, imaginativ Denkenden und treibt ihn in den Wahnsinn. Die perfide Grausamkeit der Isolationshaft der Nazis wird ebenfalls deutlich vor Augen geführt - was macht das psychisch aus einem Menschen. Und nicht zuletzt die Spaltung der Persönlichkeit, die Schachmanie, die entsteht und droht wieder aufzubrechen, wenn der entsprechende Reiz gesetzt wird - eine Folge der Haft. Zu Recht ist die Novelle Zweigs bekanntestes Werk!

Klare Lese-Empfehlung ;)