Samstag, 18. August 2018

Hélène Gestern: Der Duft des Waldes

- Spurensuche in Briefen und Bildern.

Eine Lektorin des S.Fischer Verlages war so freundlich und hat mir ein Rezensionsexemplar dieses Romans angeboten und zukommen lassen. Was für ein Glück, denn er hat mich über eine Woche völlig in seinen Bann gezogen und mit Freude habe ich das, was die Protagonistin über die Geschehnisse der Vergangenheit Schritt für Schritt herausfindet, mitverfolgt.

Worum geht es?
Der Historikerin Elisabeth Bathori, deren große Liebe vor zwei Jahren unter tragischen Umständen gestorben ist und die immer noch mit der Rückkehr ins "normale" Leben kämpft, werden Briefe, Postkarten und Bilder eines französischen Frontsoldaten aus dem 1.Weltkrieg angeboten.

"Mir lag das Album eines poilu vor, eines Frontsoldaten, der während des Ersten Weltkriegs zweieinhalb Jahre lang Postkarten und selbstaufgenommene Fotos vom Alltag in den Schützengräben verschickt hatte. Außerdem hatte er fast jede Woche seiner Schwester geschrieben und dem berühmten postsymbolischen Dichter Anatole Massis, der offenbar sein bester Freund gewesen war. Der Fundus war von unschätzbarem historischem Wert" (11).

Der "Schatz" gehört Alix de Chandelar, 89 Jahre alt, und stammt von ihrem Onkel Alban de Willecot. Da sie nicht will, dass dieser ihrem "nutzlosen" Enkelsohn in die Hände fällt, hat sie entschieden, ihn Elisabeth anzuvertrauen, die für das Institut für Fotogeschichtsschreibung des 20.Jahrhunderts arbeitet.

Elisabeth erwirbt den historischen Schatz für das Institut und freundet sich in den wenigen Monaten, die bis zum Tod der alten Dame vergehen, mit ihr an, und erbt von ihr überraschenderweise deren Haus in Jaligny-sur-Besbre. In dem abgeschiedenen Haus, in dem "der Duft des Waldes" zu riechen ist, vertieft sie sich in die Briefe Willecots und findet durch die Arbeit einen Weg, ihre Trauer zu überwinden.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt, gerichtet an ein Du, an den verlorenen Geliebten der Protagonistin. Daneben stehen die Briefe Alban, einen Eindruck von der wachsenden Verzweiflung Albans an der Front und seine Erkenntnis, dass man seine Menschlichkeit verliert und der Krieg sinnlos erscheint. 1916 hat er die Hölle von Verdun erlebt.

"Und weißt Du, was das Schlimmste ist, Anatole? Man gewöhnt sich daran. Man gewöhnt sich an diese Routine, die daraus besteht, dem Tod entgegenzugehen oder den Tod zu bringen. Nach den ersten paar Tagen springen wir nun alle mit Geschrei aus unseren Löchern, als hätten wir ein Leben lang nichts anderes gemacht." (29)

Neben den Briefen hat Alban seinem seinem Freund Anatole Massis auch Bilder vom Alltag der Frontsoldaten schickt - anscheinend finden auch unentwickelte Filme trotz Zensur ihren Weg zum Dichter und werden von diesem heimlich entwickelt. Was zeigen sie? Und wo befinden sich diese Bilder? Welches Ziel verfolgen die beiden Freunde damit?
Als der Enkel Anatoles Kontakt mit Elisabeth aufnimmt, schöpft sie die Hoffnung auf die Antwort-Briefe des Dichters, die angeblich beim Brand des Wohnhauses von Blanche de Borges, der Schwester Alban de Willecots, in Othiermont verloren gegangen sein sollen. Statt dessen erhält sie eines der heimlich aufgenommenen Bilder, das neue Fragen aufwirft.

Neben der Ich-Perspektive und den Briefen bilden erzählte Passagen, die Elisabeths Hypothesen abbilden, was damals geschehen sein könnte, eine weitere Erzählebene, ebenso wie Dianas Tagebuch, die eine Freundin oder Geliebte (?) Albans gewesen ist.

In alten Briefen Alix´findet Elisabeth einen Hinweis, der sie zu Violeta Mahler nach Lissabon und die Leser*innen zu einem weiteren Handlungsstrang in den 2.Weltkrieg führt, der sehr komplex mit dem ersten verwoben ist.

Violetas Mutter Suzanne gelang mit ihrem Onkel Ari während der Besatzung Frankreichs die Flucht nach Lissabon, während ihre jüdische Mutter Tamara bis heute als verschollen gilt. Warum hat sie ihr einziges Kind im Stich gelassen? Auf der Suche nach Antworten stieß Suzanne auf den Namen Victor Ducreux, der Sohn Dianas.

Violeta besitzt das verschlüsselte Tagebuch Dianas, das sie Elisabeth überlässt und deren Inhalt immer neue Überraschungen bereit hält, so dass Elisabeths Hypothesen permanent revidiert werden müssen, bis am Ende die "Wahrheit" endlich ans Licht kommt.

Durch Violeta lernt die Historikerin deren Bruder Samuel kennen, in den sie sich verliebt - auch dessen Vergangenheit birgt ein Geheimnis, das enträtselt werden will.

Bewertung
Ein inhaltlich sehr komplexe Geschichte über Freundschaft und Liebe, Verrat und Betrug, über die Erinnerung und den Wunsch, die Wahrheit herauszufinden, und vor allem über die Grausamkeiten des Krieges. Über Gerechtigkeit, die einigen Soldaten posthum widerfährt und über dunkle Flecken, auch in der Militärgeschichte.

Die Figuren aus der Vergangenheit, die in den Briefen, im Tagebuch und auch in einzelnen Kapiteln erscheinen, wirken authentisch - nur der Dichter bleibt blass, aber auch das hat seinen Sinn, wie sich am Ende herausstellt. Gestern hat einerseits die weiblichen Figuren in den Vordergrund gestellt, die Historikerin mit ihrer Trauer und die jugendliche starke Diana, die in einer männerdominierten Welt keine Chance hat, ihre Träume auszuleben. Die heimlich ihr Abitur machen muss und deren mathematische Begabung sich nicht entfalten darf.
Andererseits liegt der Fokus auf dem 1.Weltkrieg, auf das, was Alban in den Schützengräben erlebt, was er fotografisch eigentlich nicht festhalten darf und wie er mit seinen Bilder das Gestellte entlarvt. Dass Gesterns Fachgebiet die Fotografiegeschichte ist, zeigt sich in ihren detailgetreuen und profunden Beschreibungen der Postkarten und Bilder.
Was mich fasziniert hat, sind die vielen Wendungen, die sich aufgrund neuer Funde und der akribische Quellenarbeit der Protagonistin ergeben, die eine neue Sichtweise eröffnen, eine andere Lesart ermöglichen. Damit verdeutlicht sie implizit und explizit an der Figur der unsympathischen "Wissenschaftlerin" Joyce Bennington, die Anatole und Alban ein homosexuelles Verhältnis unterstellt, wie gefährlich und unseriös es ist, voreilig Schlüsse zu ziehen, die sich nicht entsprechend belegen lassen.

Eine packende, wenn auch sehr komplexe Geschichte (daher die Figurenkonstellation ;)), die beim Lesen Aufmerksamkeit fordert, die berührt und betroffen macht.

Vielen Dank an den S.Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mittwoch, 8. August 2018

George Saunders: Lincoln im Bardo

- ein außergewöhnlicher Roman.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman wurde 2017 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet, Grund genug ihn im Rahmen einer Leserunde gemeinsam zu diskutieren. Obwohl ich viel und quer lese, habe ich solch eine Art zu erzählen noch nicht erlebt. Aus einer historischen Begebenheit strickt Saunders "eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust, die jede bisher bekannte Form des Romans sprengt." (Klappentext)

Der historische Hintergrund

Im amerikanischen Bürgerkrieg, in der Nacht vom 20. Februar 1862, stirbt Abraham Lincolns 11-jähriger Sohn Willie, den er über alles geliebt hat. Lincoln soll nach der Beerdigung zum Friedhof zurückgekehrt sein, um seinen Sohn ein letztes Mal in den Armen zu halten. Während der Vater trauert, wird seine Kriegsführung kritisiert und man unterstellt ihm mangelnde Führung. Auf beiden Seiten sind hohe Verluste zu verzeichnen, daher lässt Saunders Lincoln auf dem Friedhof über den Sinn dieses Krieges reflektieren.
Die historischen Gegebenheiten sind aus zeitgenössischen Quellen, fiktiven und realen, montiert, die sich wie ein Fließtext lesen lassen - trotz der Quellenangaben.

Dass diese Quellen nicht immer verlässlich sind, zeigt zum Beispiel eine Gegenüberstellung der Aussagen über das Aussehen des Mondes in der Nacht, in der Lincoln ein Bankett gegeben hat, während sein Sohn schon fieberte.

"goldene Mond, der pittoresk über der Szenerie hängt - In jener Nacht schien kein Mond" (28)

Der geisterhafte Hintergrund

"Willie Lincoln befindet sich im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, in tibetischer Tradition Bardo genannt." (Klappentext)

Dort geistern die Toten, die ihren Tod nicht wahrhaben wollen und daran glauben, ins Leben zurückkehren zu können. Ihre "Kranken-Gestalt" liegt in einer "Kranken-Kiste". In der Dämmerung wandeln sie in einer Erscheinung über den Friedhof, die ihre Innerstes zum Ausdruck bringt. Erst wenn sie ihre Illusionen verlieren, verschwinden sie mit einem "[d]urch Mark und Bein dringenden Feuerball, der mit dem Phänomen der Materienlichtblüte" (123) einhergeht.

Die häufigsten Stimmen, die zu Wort kommen, sind die
  • von Hans Vollmann, einem Drucker, der von einem Balken erschlagen wurde, kurz bevor seine Frau zugestimmt hat, endlich mit ihm das Bett zu teilen. Eine Erfahrung, auf die er immer noch hofft. Willie beschreibt seine Erscheinung:
"Ganz schön nackt    Glied angeschwollen auf die Größe von   Konnte gar nicht woandershin gucken" (40)
  • von Roger Bevins III, einem homosexuellen jungen Mann, der sich aus Liebeskummer die Adern aufgeschlitzt hat und der im Moment des Sterbens erkennt:
"Erst jetzt (wo ich schon fast durch die Tür war, sozusagen) wurde mir klar, wie unsagbar schön alles war, wie akkurat zu unserem Vergnügen eingerichtet, ich begriff, dass ich kurz davorstand, ein wundersames Geschenk zu verschleudern" (37)
  • von Reverend Everly Thomas, der weitergegangen ist und zurück in den Bardo gekehrt ist. Was hat er gesehen?
Das Problem, das die Geister haben, ist, dass Kinder nicht im Bardo verweilen dürfen. Das ist nicht vorgesehen und führt zu drastischen Maßnahmen...
Willie wartet jedoch auf seinen Vater. Nachdem dieser seine "Kranken-Gestalt" aus der "Kranken-Kiste" genommen, angefasst und versprochen hat, wieder zu kommen, will er bleiben.
Auch die anderen sind voller Hoffnung und wollen mit diesem Jungen reden, denn noch nie hat jemand die "Kranken-Gestalt" berührt. Sie hoffen vielleicht, dass er zurückkehren kann und sie mitnimmt?

Eine Kakophonie aus Stimmen erhebt sich - alle wollen ihre Geschichten erzählen, die die zeitgenössischen politischen, moralischen und religiösen Einstellungen der Zeit widerspiegeln - die Geister als Abbild der amerikanischen Gesellschaft.

Erzählweise

Der Roman besteht einerseits aus den montierten Quellen, die die historischen "Fakten" erzählen, andererseits aus den Gesprächen auf dem Friedhof, wobei unter jeder Aussage der Name der Figur zu lesen ist, die gesprochen hat. Das gleicht einem Theaterstück, wobei das Erzählte im Präteritum steht und die Figuren wiedergeben, was andere gesagt haben.

"Dass du immer noch hier bist, ist beeindruckend, sagte der Reverend zu dem Knaben.
Heroisch geradezu, fügte ich an.
Aber unklug, sagte der Reverend.
                                   hans vollmann" (135)

Dadurch entsteht eine kritische Distanz, weil das Geschehen nicht unmittelbar "mit-"erlebt wird. Gleichzeitig wird uns die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt, was wiederum zu dem Abbild der Gesellschaft passt.

Bewertung

Ein experimenteller Roman, der sich erstaunlich gut lesen lässt und den man, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen will. Zu amüsant sind die "Dialoge" zwischen den Geistern, deren Treiben teilweise einem Klamauk gleicht. Das ist jedoch nur vordergründig so. Saunders stellt auch die Vorstellungen von Himmel und Hölle satirisch auf den Kopf und bezieht eindeutig politisch Stellung gegen den Rassismus. Beklemmend ist eine Szene, in der eine ältere schwarze Sklavin für eine stumme, junge schwarze Frau erzählt, wie diese vergewaltigt und misshandelt wurde - wie ein Stück Vieh, weil jeder Weiße es mit ihr machen durfte.
Oder wie ein Sklave, der immer gut behandelt wurde, erkennt, dass er sein Leben lang nie das machen durfte, was er wollte, sondern Befehlen gehorchte.

Ein gelungenes Experiment und für mich eine besonderes Lese-Highlight!

Freitag, 3. August 2018

John Irving: Bis ich dich finde

- Suche nach dem Vater.

Lesen mit Mira

Den umfangreichen Roman Irvings, von dem ich noch eine alte Ausgabe des Diogenes-Verlages besitze, habe ich gemeinsam mit Mira gelesen, wobei wir ihn gesplittet haben. Die erste Teil - Ende Juni, die restliche 580 Seiten im Juli. Aufgrund der Pause fiel es mir zunächst schwer wieder in die Handlung hineinzufinden, doch beim Weiterlesen zog mich die Geschichte wieder in ihren Bann und es zeigte sich, dass die losen Fäden des 1.Teils im 2. wieder aufgenommen und verknüpft werden.

Worum geht es?

I Die Nordsee

"Laut seiner Mutter war Jack Burns bereits ein Schauspieler, bevor er Schauspieler wurde, doch die lebhaftesten Erinnerungen an seine Kindheit waren die an jene Augenblicke, in denen er den Drang verspürte, sich an der Hand seiner Mutter festzuhalten. Das waren die Augenblicke, in denen er nicht spielte." (11)


Jack Burns, als Erwachsener ein bekannter Schauspieler, ist der Sohn von William Burns, einem sehr talentierten Organisten aus Edinburgh, der die junge Chorsängerin Alice in Leith schwängert, Tochter des legendären Tätowierers Aberdeen-Bill. Doch statt sich der Verantwortung für seinen Sohn Jack zu stellen, flieht William nach Kanada, Halifax, um dort einerseits die Orgel zu spielen und andererseits ein weiteres Mädchen unglücklich zu machen. Ein Muster, das sich in jeder Stadt, in die er flieht, zu wiederholen scheint. Und Alice reist ihm nach. Zunächst nach Halifax, wo sie ihre Tätowierkünste bei Charlie Snow und Matrosen- Jerry verfeinert, weiter nach Toronto, wo ihr Mrs. Wicksteed unter die Arme greift. Sie beauftragt auch Caroline Wurtz, eine junge Lehrerin der St.Hilda Schule, an der auch William unterrichtet hat, Alices schottischen Akzent auszumerzen. Die Wurtz, wie Jack sie nennen wird, bleibt eine der Konstanten in seinem Leben - und nicht nur in seinem.

Als Jack vier Jahre ist, im Jahr 1969, beschließt Alice ihren "Mann" in Europa zu finden, um ihn "mit seiner Pflicht und Schuldigkeit" (14) zu konfrontieren. Jack ist bereits als Kind der Überzeugung, sein Vater sei für immer fort und habe ihn vergessen - ein Umstand, der sein Leben entscheidend prägt.

"Es ist mir egal, ob wir ihn finden oder nicht!" schrie er seine Mutter an. "Ich hoffe, wir finden ihn nicht!" (73)
"(...) die Suche nach seinem Vater ein Traum war, allerdings ein Traum, der niemals aufhörte." (99)

Diese Suche nach dem Vater ist das Schlüsselmotiv des Romans und erklärt den Titel, dessen Bedeutung in all seinen Facetten erst vom Ende her zu entschlüsseln ist.

Da William, nachdem er sich erstmalig von Alices Vater Musiknoten hat tätowieren lassen, tintensüchtig geworden ist, fügt der Musikmann in jeder Stadt seinem Körper weitere Tatoos hinzu.

So hat Alice einen Anhaltspunkt und lernt nebenbei die berühmtesten Tätowierer Europas und die Organisten der jeweiligen Kirchen kennen, in denen William spielt.
In jeder Stadt stehen somit die Tätowierer und ihre Kunst ebenso wie eine bestimmte Kirche und deren Orgel im Mittelpunkt.

Der Erzähler weist uns immer wieder darauf hin, was der vierjährige Jack von all den Ereignissen mitbekommt und versteht. Viele Jahre später wird sich herausstellen, dass seine Erinnerungen äußert lückenhaft und unvollständig sind. So glaubt er, eine Prostituierte sei eine "Frau, die Männer Ratschläge gebe, wenn diese Schwierigkeiten hätten, Frauen im allgemeinen oder eine Frau - möglicherweise ihre Frau - im besonderen zu verstehen." (126)

Ihr Weg führt sie von Kopenhagen, wo Alice ihren Künstlernamen - Tochter Alice - kreiiert, nach Stockholm, von dort nach Oslo, Helsinki und schließlich nach Amsterdam - dort endet die Reise. Aus welchen Gründen soll Jack ebenfalls erst viele Jahre später, als er die Reise wiederholt, erfahren.

II Das Meer von Mädchen
Zurück in Toronto besucht er die "konfessionelle Mädchenschule" St.Hilda, die Jungen in den ersten vier Schuljahren aufnimmt. Dort wird der Grundstein seiner Fixierung auf ältere Frauen gelegt - unter den Mädchen ist der bildhübsche Junge eine Herausforderung. Besonders ein Mädchen hat es auf ihn abgesehen - Emma Oastler, die sieben Jahre älter ist als er und deren Freundschaft ihn über viele Jahre begleiten wird. Es ist eine Beziehung der besonderen Art - mit einer sexuellen Komponente, die recht skurril erscheint und Jacks Entwicklung vorantreibt.
In der Schule entdeckt Jack seine Liebe zum Theater, von Miss Wurtz erhält er den Hinweis das Herz eines "Einmannpublikums" zu rühren.

"Jacks Einmannpublikum war natürlich sein Vater." (225)

Herausragend ist er zunächst in Frauenrollen, was ihn im späteren Leben immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob er ein Transvestit sei und eine Parallele zum Roman "In einer Person" darstellt, dessen Protagonist seine Bisexualität entdecken muss, während Jack eindeutig heterosexuell veranlagt ist.

Während seiner Schulzeit entfremdet er sich von seiner Mutter, die ihr eigenes Studio in Toronto eröffnet und eine feste Beziehung eingeht. Sie erkennt nicht, dass er sexuell missbraucht wird - ein Umstand, den er auch erst als Erwachsener aufarbeitet...
Bevor er auf eine Jungenschule geschickt wird, soll er ringen lernen, damit er sich wehren kann. Eine Sportart, in der sehr gut wird und die ihm viele Vorteile einbringt.

III Glück - V.(Dr.Garcia)
In der Jungenschule Redding, USA, kommt er unerwartet gut zurecht.

"Man geht in eine Land, das einem fremd ist oder fremd erscheint, und man nimmt seine Probleme mit, aber trotzdem paßt man dorthin. Jack hatte noch nie irgendwohin gepaßt." (396)

In Exeter, seiner nächsten Schule, erkennt er, dass er kein Intellektueller ist und entscheidet sich Schauspieler zu werden, während Emma Schriftstellerin wird. 16 Jahre wird er in L.A. wohnen, bevor er sich erneut auf die Suche macht - bis er ihn findet. Dazu muss er jedoch erst seiner Selbst gewiss werden und die Wahrheit über die Reise und über seine Mutter herausfinden.

Bewertung
Der erste Teil erinnert an einen Roadtrip durch Nordeuropa, die verzweifelte Suche nach Jacks Vater, die im IV.Teil wieder aufgenommen wird. Die Wiederholung offenbart ein völlig neues Bild der Ereignisse und letztlich ist Jack weniger auf der Suche nach seinem Vater, sondern auf der Suche nach sich selbst. Wie ist eine Entwicklung unter diesen Vorzeichen möglich? Wer sagt die Wahrheit?
Er ist ein schräger Vogel, wie alle Figuren Irvings und was die sexuellen Erlebnisse anbetrifft, erscheint vieles unglaubwürdig - als sei Irvings Fantasie mit ihm durchgegangen. Vor allem die Zeit in St.Hilda wirkt skurril, ist jedoch so satirisch überzeichnet, dass man sie kaum Ernst nehmen will - trotz der Übergriffe auf Jack.
In seiner Widmung richtet sich Irving an seinen jüngsten Sohn, und hofft, er werde eine bessere Kindheit haben als die im Roman beschriebene!

Während die Handlung in der Mitte an Fahrt und Intensität verliert, gelingt es Irving mit Jacks erneuter Reise nach Europa die Spannung bis zum Schluss wieder aufzubauen.
Es ist ein Trip durch Tatoosstudios, Kirchen und die Orgelmusik, durch die Filme und die amerikanische Gesellschaft der 2.Hälfte des letzten Jahrhunderts und vor allem - ein Seelentrip.

Irvings Erzählweise überzeugt auch dieses Mal, mir gefällt sein Ton, der über skurrile Szenen hinweg trägt und der einfach Spaß macht. Irving bricht Tabus und tritt damit für Toleranz ein - warum sonst hätte er sich einen Schauspieler als Protagonist aussuchen sollen, der gerne Frauenkleider anzieht und trotzdem kein Transvestit ist. Der eine Vorliebe für ältere Frauen hat und es mag, wenn sein Penis gehalten wird - und trotzdem sensibel mit seiner besten Freundin umgeht. Der Umgang der Medien mit Jack macht deutlich, wie schnell sie den gängigen Vorurteilen unterliegen. Irving hält der Gesellschaft einen Spiegel vor - wie in allen Romanen, die ich bisher von ihm gelesen habe. Dieser wird sicher nicht mein letzter sein ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Diogenes, 1140 Seiten
2006 erschienen

Dienstag, 31. Juli 2018

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

- Roman über eine düstere Freundschaft.

Unser neu gegründeter Lesekreis, der alle zwei Monate in der Bücherhütte Wadern stattfindet, hat sich diesen Roman als erste Lektüre ausgesucht, der für kontroverse Diskussionen sorgte. Wie kann ein Kind nur so tyrannisch sein? Warum greift die Mutter nicht ein? Ist die Entwicklung der Figuren glaubwürdig?, waren nur einige Fragen, über die wir diskutiert haben.

Worum geht es?
Moritz (34) ist im Jahr 2017 kurz davor Vater zu werden. Er lebt mit seiner hübschen Freundin Kristin in Hallein, soll bald die Baufirma seines Cousins übernehmen und hat sich in seinem Leben eingerichtet, als es eines Abends an der Tür klingelt.

"Das Geräusch fährt hinein in die Stille wie ein Säbel. Er steht auf, geht zur Tür und öffnet sie. Moritz erkennt ihn sofort. Er ist älter geworden, natürlich, und doch sieht er aus wie damals. Blondes, kurzes Haar, eisenblaue Augen, ein Lächeln, das Männer versöhnlich macht und Frauen ruhelos. In einer Hand hält er einen großen schwarzen Koffer, von seinem Jackett perlen Regentropfen. Vor ihm steht Raffael. Er ist sein bester Freund. Sie haben sich sechzehn Jahre lang nicht gesehen." (11)

- seit Raf im Herbst 2001 nach der Matura das kleine Dorf Dürrnberg in der Nähe Halleins verlassen und jeglichen Kontakt zu Motz abgebrochen hat.
Raf bezaubert Kristin, doch das Grün, das Moritz um ihn herum sieht,

"ist dunkler geworden, viel dunkler, tief und massiv, fast schwarz. Es füllt den Raum, bis an die Decke strahlt es. Einst war Raffael knospengrün, raupengrün, wie Zuckererbsen in ihrer frisch geöffneten Schote, an manchen Tagen limonenhell. Schwarze Flecken hat das Grün bekommen, wie Schimmel." (39)

Dass Moritz ein Synästhet ist, hat er außer Raf niemandem erzählt. Es ist ihr Geheimnis.
Warum taucht er gerade jetzt auf, kurz bevor Moritz Vater wird, wo er ihn doch vor langer Zeit im Stich gelassen hat?

Zunächst erzählt Moritz aus personaler Er-Perspektive die Geschichte, dann wechselt sie jedoch zu Maries Ich-Perspektive. Moritz Mutter erinnert sich an das Jahr 1986, in dem sie in jenen verlassenen Ort in den Bergen gezogen ist, mit zwei kleinen Kindern, während ihr Mann Alexander in Wien sein Medizinstudium fortsetzt, um die Praxis seines Vaters übernehmen zu können.

"Die Stille ist wie Gelee, das in die Ohren rinnt und sie verschließt." (24)

Gemeinsam leben sie im alten Haus von Alexanders verstorbenen Großeltern. Marie fühlt sich allein und verlassen, Moritz ist drei Jahre alt, Sophie noch ein Baby. Auf dem Spielplatz trifft sie auf Sabrina, Raffaels Mutter, die ihre Fotomodell-Karriere für die Kinder aufgegeben hat. Raffael hat einen kleine Bruder, Samuel, der gleichaltrig mit Moritz Schwester Sophie ist.
Sabrina bemüht sich mit Marie Freundschaft zu schließen, doch diese kommt mit Sabrinas Nähe und ihrem Hilfeersuchen nicht zurecht.

"Es fühlt sich an, als säße eine Spinne auf meiner Haut, genau da, wo ihre Finger sie gestreift haben." (29)

Moritz und Raffael hingegen werden unzertrennlich, doch es ist eine eigenartige Freundschaft. Als sich Moritz am Daumen verletzt, schneidet sich Raf in die Handfläche.

"Blutsbrüder", sagte er, ohne zu lächeln.
"Was heißt das?", fragte Motz.
"Dass wir jetzt mehr sind als Freunde. Wie verwandt", sagte Raf und schaute ihn immer noch an. "Dass du jetzt mir gehörst."
"Dass wir zusammengehören", berichtigte Motz.
"Ja", sagte Raf, aber Motz wusste, dass er es nicht so gemeint hatte." (44)

Marie sieht diese Freundschaft nicht gern, sie ahnt Rafs dunkle Seite, seinen Wunsch Moritz zu beherrschen.

"Ich darf den Kreis vom Raf nie verlassen, Mama", flüsterte Moritz (...)" (78)

Doch sie findet keinen Weg ihn zu beschützen. Und als Leser*in fragt man sich, wann wird sich Moritz endlich gegen Raffael zur Wehr setzen, wann wird sich seine Wut Bahn brechen...? Und wie könnte Marie ihren Sohn beschützen? Wie sich wehren gegen ein durchtriebenes Kind, das gezielt die Schwächen anderer ausnutzt?

Die dritte Sicht ist Johannas personale Perspektive. Zunächst erfahren wir, dass sie einen morbiden Blog betreibt: "www.fuckthetourists.com", in Florenz lebt und physisch und psychisch in schlechter Verfassung ist.

"Wenn du ein gestörtes Verhältnis zum Leben hast, kannst du Essen nicht gelassen gegenüberstehen.
Ich kann nicht essen,
steht im Logbuch,
weil ich hungere nach Zuneigung.
Pathetisch ist das Logbuch. Es darf alles sein, was Jo nicht ist." (55)

Sie scheint mit Raf zusammen und ihm hörig zu sein.

"Raf kommt dann, um Jo in Besitz zu nehmen." (57)
"Nichts beherrscht ihn so sehr wie das Habenwollen."(61)

Eine sexuelle Abhängigkeit? Im Verlauf der Handlung erschließt sich, dass Johanna als Waise zu ihrer Tante nach Hallein gezogen ist und das letzte Schuljahr gemeinsam mit Moritz und Raffael bestritten hat. Aus dem Zweigestirn wird ein Dreigestirn und ein dunkles Geheimnis, das sowohl Jo als auch Motz verdrängt haben, lastet auf der einstigen Freundschaft.

Die Zeitebenen und Perspektiven wechseln kontinuierlich, die Puzzleteile aus der Vergangenheit setzen sich langsam zusammen, bis ein Bild der "Freundschaft" und des unglaublichen Verrates entsteht. Und die lang verdrängten Verletzungen aller werden offen gelegt...

Bewertung

"Diese Geschichte ist ein Mosaik. Aus vielen Splittern besteht sie, Splittern aus der Vergangenheit und der Gegenwart (...)" (258)

Die Frage, ob diese Splitter letztlich ein glaubwürdiges und nachvollziehbares Bild ergeben, war der größte Diskussionspunkt in unserem Lesekreis. Es gebe Brüche in der Geschichte, die Entwicklung Maries sei unglaubwürdig, einige Figuren blieben zu blass und das Ende sei zu versöhnlich, waren die Kritikpunkte, über die wir teilweise unterschiedlicher Ansicht waren, einhellig hingegen die Meinung, es sei ein "klasse Erstlingswerk", in der alle Figuren "so kaputt" sind.

Die Figuren fordern wirklich heraus:
Moritz, ein "sensibles, naives Weichei", das alles über sich ergehen lässt. Man möchte ihm zurufen, wehr dich doch endlich gegen Raf! Johanna - psychisch krank und von Schuld zerfressen. Raffael - ein echter "Kotzbrocken", ein Spieler, ein Bestimmer, der raffiniert alle manipuliert und provoziert, um endlich an seine Grenzen zu stoßen.
Wie reagiert man auf ein solches Kind? Was kann man ihm entgegensetzen?

Dadurch, dass Moritz Synästhet ist, spielen Farben eine große Rolle im Roman. Seine besondere Art und Weise der Wahrnehmung bringt Fallwickel mit außergewöhnlich sprachlichen Bildern zum Ausdruck, der an den Künstlerroman "Leinsee" erinnert, nicht inhaltlich, sondern von der Beschreibung der Farben her. Dass ihre Sprache außergewöhnlich schön und beeindruckend ist, hat keine von uns in Frage gestellt. Ebenso wenig, dass sie in der Lage ist, Gefühle treffend zu beschreiben, so dass man sich selbst wiedererkennt - ob als Kind oder Mutter.

"Daran, wie gut es war, ein Kind zu sein. Mit einem leichten,wendigen Körper und ohne das Gewicht einer Sorge durch das Schlupfloch im Zaun zu passen, durch den Wald zu jagen ohne ein Ziel. Erst jetzt, da er längst kein Kind mehr ist, weiß er die Freiheit zu schätzen, die er damals hatte. Ohne zu zögern, würde er zurückgehen in jene Jahre der silbernen Leichtigkeit." (48)

Interessanterweise wird nicht aus Raffaels Perspektive erzählt, wir müssen uns seine Figur aus den Aussagen der anderen erschließen. Besonders intensiv ist Maries Perspektive, da sie als Einzige aus der Ich-Perspektive erzählt. Auch sie ist gefangen in ihrem Leben und sucht verzweifelt einen Ausweg aus ihrer Überforderung und ihrem Alltag. Alle tragen "Schuld" an dem, was geschieht und trotzdem hat man das Gefühl, es habe so kommen müssen.

Keine leichte Kost, eine Lektüre, die viele Fragen aufwirft und über die man viel diskutieren kann, insofern eine gute Wahl für unser erstes Treffen und ein Roman, den wir trotz der Kontroversen alle weiter empfehlen können.

Montag, 30. Juli 2018

Joel Dicker: Die Geschichte der Baltimores

- die auf die Katastrophe zusteuert.

Quelle: Pixabay
Der Protagonisten des Romans - Marcus Goldman, der Schriftsteller - ist uns schon aus dem letzten Roman Dickers bekannt: "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert".

Dieses Mal erzählt er jedoch seine eigene Familiengeschichte, die der Goldmans aus Montclair (New Jersey) und der Goldmans aus Baltimore. Um beide voneinander zu unterscheiden, bezeichnet er die einen als die Montclairs, zu denen Marcus sowie seine Eltern gehören, und die anderen als die Baltimores, bestehend aus seinem Onkel Saul, Tante Anita, deren Sohn Hillel - hochintelligent - und dem Ziehsohn Woody, gutaussehend und ein Sport-As.
Während die Montclairs eine mittelständische Familie sind, umgibt die Baltimores eine Aura von Prestige und Wohlstand. Onkel Saul hat seine eigene Rechtsanwaltskanzlei und verliert keinen Fall, Tante Anita engagiert sich ehrenamtlich und natürlich haben sie ein Haus in den Hamptons. Marcus wäre gerne ein Baltimore. Wenn die drei Cousins zusammen ihre Ferien verbringen, bilden sie die Goldman-Gang, zu der sich im Lauf der Jahre auch Alexandra Neville gesellt. Eine bildhübsche junge Frau, in die sich alle drei verlieben.

Bereits im Prolog, in dem der Erzähler ankündigt, die Geschichte der Baltimores zu erzählen, erfahren wir, dass Woody für fünf Jahre ins Gefängnis muss und sich an Thanksgiving im Jahr 2004 die Katastrophe ereignet hat.

Die Handlung setzt im Jahr 2012 ein, da ist Marcus bereits ein berühmter Schriftsteller, der sich ein Haus in Florida gekauft hat. Sein Onkel Saul, der die letzten Lebensjahre in Miami verbracht hat, ist vor wenigen Monaten mittellos gestorben. Als Nachlassverwalter wird Marcus mit der Vergangenheit der Baltimores konfrontiert, ebenso wie durch einen Hund, der ihm in seinem neuen Zuhause in Florida zuläuft und dessen Besitzerin sich als seine ehemalige Freundin Alexandra herausstellt. Inzwischen ist sie eine berühmte Popsängerin und mit einem Footballstar liiert. Nach der Katastrophe hatte er sie verlassen, obwohl er sie immer noch liebt. Aus welchen Gründen?

Marcus erzählt seinem Nachbarn Leo von seinem Wunsch, ein Baltimore zu sein, von seinen beiden Cousins, davon, wie Woody in die Familie Baltimore aufgenommen wurde, von seiner Beziehung zu Alexandra.
Im Roman werden - wie im letzten - alle Puzzleteilchen zusammengetragen, die zu der Katastrophe geführt haben, gleichzeitig erfahren wir, welche Auswirkungen sie auf die einzelnen Protagonisten gehabt hat.

Bewertung
Ein Hörbuch, das man nicht unterbrechen möchte - spannend, mit authentischen und sympatischen Figuren - und bei dem während des Hörens immer die Frage im Raum schwebt, was es mit dieser Katastrophe auf sich hat.

Eine Geschichte über Freundschaft, die erste Liebe, über Bewunderung und Neid, der zum Verrat führt.
Dicker versteht es die einzelnen Handlungsfäden geschickt zu verweben, uns durch die verschiedenen Zeitebenen zu führen und er wartet mit einigen überraschenden Wendungen auf. Vieles, was das Kind Marcus beobachtet und wahrgenommen hat, stellt sich im Nachhinein als falsch heraus - die Familiengeschichte und die Beziehungen zwischen seinem Großvater, seinem Vater Nathan und seinem Onkel Saul sind komplexer als Marcus sich vorgestellt hat. Während er in der Vergangenheit "wühlt", deckt er nach und nach alle Geheimnisse auf...

Torben Kessler als Vorleser hat mich erneut überzeugt, er führt gekonnt durch die teilweise komplizierte Handlung und verleiht den einzelnen Figuren eine eigene Persönlichkeit.

Eine klare Lese- bzw. Hörempfehlung!

Freitag, 27. Juli 2018

Erich Hackl: Am Seil

- eine Heldengeschichte.

Leserunde auf whatchareadin

Hackl erzählt die wahre Geschichte der Jüdin Lucia Heilmann, die von Reinhold Duschka in Wien während der Nazi-Herrschaft gemeinsam mit ihrer Mutter versteckt wurde.

"Er war der beste Freund ihres Vaters, zu einer Zeit, in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten, vor einer halben Ewigkeit also." (7)

Lucias Vater, Rudolf Kraus, und Reinhold lernen sich Mitte der 20er Jahre in Wien kennen, wie, darüber kann Hackl nur spekulieren, da Lucia es nicht weiß.
Duschka, der aus Berlin stammt, entdeckt während seiner Gesellenwanderung im Schwarzland seine Liebe zu den Bergen und wird zeitlebens ein begeisterter Kletterer und Skifahrer sein. Rudolf führt ihn in Wien in eine Gruppe um Regina Steinig, Lucias Mutter, ein:

"Regina bildete das Gravitationszentrum der Gruppe, wegen ihres geselligen Naturells und weil sie die Gabe besaß, das Vertrauen wildfremder Menschen im Handumdrehen zu gewinnen und diese miteinander anzufreunden." (10)

Reinhold, der an der Wiener Kunstgewerbeschule studiert und aus Metallblechen Kunstgegenstände fertigt, ist stilles Mitglied in der kommunistisch, pazifistischen Gruppe.

Am 25.7.1929 wird Lucia geboren, ihre Eltern Regina und Rudolf sind freundschaftlich verbunden, so dass Lucia in der Obhut ihres Großvaters aufwächst, während Regina im Labor des Lainzer Krankenhaus arbeitet. Aber das Mädchen hat auch regelmäßig Kontakt zu ihrem Vater, der 1936 sein Mathematikstudium mit dem Doktorat beendet.

"Lucias knappe Erinnerung, daß sie bei der Promotionsfeier dabei war. (...) Zweite und wesentlich schärfere Erinnerung, an die Puppe Susi, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte" (15).

Hackl beschreibt, wie sich die Lebensumstände der Jüdin Lucia, deren Mutter mit dem jüngeren Fritz Hildebrandt zusammenzieht, kontinuierlich verschlechtern. Im November 1941, als Fritz schon Soldat in der deutschen Wehrmacht und Rudolf als Gefangener in Australien ist, entkommen Regina und Lucia per Zufall knapp einer Deportation.

 "Längst hat sich herumgesprochen, daß Judenhäuser geräumt, ihre Bewohner auf Lastwagen weggeschafft werden. Wohin, dorthin, von wo niemand zurückkommt." (25)

Ihre einzige Anlaufstelle in Wien ist der Werkstättenhof, in dem Reinhold eine Werkstatt angemietet hat. Dort überleben beide dank seines Wagemutes und seiner Zivilcourage den Krieg - sie bilden eine Seilschaft, wie beim Klettern. So erkläre ich mir den Titel des Romans.

Dadurch, dass er die beiden nicht nur in seiner Werkstatt versteckt, sondern sie auch arbeiten lässt, überstehen sie die lange Zeit. Lucia fertigt Kunstgegenstände aus Metallblechen und überbrückt so die lange Zeit des Wartens.

"Er hat es mir immer wieder wieder gezeigt. Liebevoll, er hat nie geschimpft, nie die Geduld verloren." (37)

Hackl schildert auch die Zeit nach dem Krieg, in der Duschka über seine Taten schweigt und Lucia sich bemüht, ihn für seine selbstlose Tat zu ehren.

Bewertung
Erich Hackl erzählt in nüchtern-sachlichem Ton von der Heldentat Reinhold Duschkas. Er stützt sich auf die bruchstückhaften Erinnerungen der jungen Lucia, lässt sie aber auch direkt zu Wort kommen, so dass allmählich ein Bild des schweigsamen, verlässlichen und freundlichen Duschkas entsteht. Dadurch, dass er die Zeit im Versteck aus ihrer Perspektive beschreibt, gibt er im Wesentlichen ihre Beobachtungen wieder und verdeutlicht, dass die Grundlage des Textes ein Gespräch zwischen Erzähler und Lucia darstellt. Explizit verweist er auf Erinnerungslücken und Spekulationen.

"Ausgedacht also, vorgestellt, auf jeden Fall unverbürgt, nur nicht das gute Ende (...)" (69)

Im Nachhinein stellen sich einige Beobachtungen und Schlüsse Lucias auch als falsch heraus, wie das Schicksal ihrer besten Freundin belegt.
Hackl spannt den Bogen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, indem er Lucias Bemühen, Reinhold für seine Tat auszuzeichnen ebenso dokumentiert, wie ihren Versuch mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, die ihn gekannt haben.
Ein lesenswerter Roman, der die Zivilcourage eines Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, der in unmenschlichen Zeiten Menschlichkeit gelebt hat. Ein Vorbild,  gerade in der heutigen Zeit.

"Reinhold (war) wie geschaffen dafür, intelligenten Widerstand zu leisten. Das lag zum einen daran, daß er es als Bergsteiger gewohnt war, auf andere angewiesen und für sie verantwortlich zu sein, zweitens an persönlichen Eigenschaften, die dazu beitrugen, das Risiko möglichst gering zu halten: Selbstdisziplin, Verschwiegenheit, Einzelgängertum, Menschenkenntnis." (110)

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Samstag, 21. Juli 2018

Isabella Archan: Der Tod bohrt nach

- witziger Krimi mit überraschenden Wendungen.

Im neuen Kriminalroman löst die Zahnärztin Dr. Leocardia Kardiff bereits ihren dritten Fall. Nachdem sich im letzten Teil "Auch Killer haben Karies" bereits eine Beziehung mit dem Kölner Hauptkommissar Jakob Zimmer angebahnt hat, sind die beiden inzwischen ein Paar. Trotz aller Versprechen kann Leo ihre Spürnase nicht aus laufenden Ermittlungen heraushalten und gerät erneut in Gefahr.

Worum geht es?

"Dietrich wollte nicht zum Mörder werden." (8)

Gleich zu Beginn präsentiert uns Archan einen psychisch kranken, allein stehenden Mann, der offensichtlich glaubt, seine hübsche Nachbarin Annika, die er rund um die Uhr beobachtet, sei in Gefahr. Daher will er ihr ein Schlafmittel verabreichen, um sie in Sicherheit zu bringen. Unglücklicherweise verliert er nach dem Verzehr von Keksen während der Verabredung eine Krone, so dass er den Notdienst kontaktieren muss.
Völlig aufgelöst sucht er Leos Praxis auf und fällt dort in Ohnmacht. In seiner Panik erzählt er Leo davon, dass er Annika retten muss, sie sei in Gefahr - Leos Neugier ist geweckt und die der Leser*innen auch: Hat Annika inzwischen das Schlafmittel getrunken?

Leo bittet Jakob darum, der Sache nachzugehen, was dieser zunächst ablehnt. Doch dann meldet Annikas Freundin Malu diese bei der Polizei als vermisst und vor Annikas Wohnung treffen beide Frauen aufeinander, weil Leo ihrem Bauchgefühl vertraut und zu Dietrichs Adresse gefahren ist.

Aus Malus Perspektive erfahren wir, dass sie selbst zuvor in Annikas Wohnung gelebt hat, sich jedoch von Dietrich gestalkt fühlte, während Annika mit dem älteren Herren offenkundig gut zurecht gekommen ist - er hat ihr sogar die Blumen in ihrer Abwesenheit gegossen. Unerlaubterweise verschafft sich Malu Zutritt zur Wohnung des Stalkers, die mit Annikas Fotos tapeziert ist, so dass das Team um Jakob Zimmer seine Ermittlungen beginnt, während Dietrich ebenfalls verschwunden ist.

Es stellt sich heraus, dass Annika für einen seriösen Begleitservice gearbeitet hat: "Madame et moi", vielleicht hat der mit ihrem Verschwinden zu tun? Welche Rolle spielt der Chef der Agentur, der Belgier Hercule Pasquale?
Natürlich kann Leo nicht umhin, auch dort zu spionieren. Doch sie ist nicht die Einzige, die sich als Hobby-Ermittlerin versucht - auch ihre lebenslustige Sprechstundenhilfe Britta will dem neuen Arzt im Team, Dr. Olaf Jansen, auf den Zahn fühlen. Sogar Leos Vater, der kurzfristig zu seiner Tochter gezogen ist, lässt sich in deren Ermittlungen einspannen, was für Turbulenzen und sehr amüsante Szenen sorgt.


Bewertung
Eine gelungene Fortsetzung der Reihe um die sympathische, etwas chaotische Zahnärztin. Dieser Roman sticht für mich aus den so beliebten heiteren Lokal-Krimis heraus, weil
  • ich an vielen Stellen lachen musste, ohne dass der Spannungsbogen bis zum Ende hin verloren geht,
  • er am Schluss mit einigen überraschenden Wendungen aufwartet, so dass ich den Roman nicht mehr aus der Hand legen wollte,
  • die vielen Handlungsfäden zu einem geordneten Knäuel aufgerollt werden,
  • aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, sowohl aus der Ich-Perspektive Leos und des Täters als auch aus einer personalen Sie-Perspektive Leos und anderer Figuren, was das Lesen zusätzlich interessanter macht,
  • er dramatische Elemente enthält, so ist ein Kapitel wie eine Screwball-Komödie konzipiert, wobei uns freundlicherweise von der Erzählerin vorher erklärt wird, was das ist:
"Das Wort Screwball stammt ursprünglich aus dem Baseballsport und ist die Bezeichnung für einen angeschnittenen Ball, dessen Flugbahn einfach unberechenbar ist. Im englischen Slang betitelt Screwball eine Person mit eigenartigen und skurrilen Angewohnheiten und Verhaltensweisen." (220)

Insgesamt eine äußerst amüsante, unterhaltsame, spannende Lektüre, mit skurrilen, sympathischen Figuren, die hoffentlich noch weitere Fälle lösen werden.

Sonntag, 15. Juli 2018

Mary Ann Shaffer/ Annie Barrows: Deine Juliet

- eine Hommage an das Lesen.

Diesen Roman hat meine Buchhändlerin im Rahmen einer Challenge auf Facebook gepostet, in der man sieben Tage hintereinander das Cover seiner Lieblingsbücher vorstellen sollte. Es war ihr erster Beitrag und hat mich daran erinnert, dass ich diesen Briefroman schon lange gelesen haben wollte ;)

Die Autorin, selbst Buchhändlerin und Bibliothekarin, starb leider kurz vor Veröffentlichung des Romans. Ihre Nichte Annie Barrows half ihr bei der Fertigstellung dieses wunderschönen Romans, der im Jahr 1946 in England und auf Guernsey (Kanalinseln) spielt.

Im Mittelpunkt steht die junge Autorin Juliet Ashton, die während des Krieges unter dem Pseudonym Izzy Bickerstaff Kolumnen im Spectator veröffentlicht hat, die zu Beginn der Handlung sehr erfolgreich im Verlag Stephens&Stark unter dem Titel Izzy Bickerstaff zieht in den Krieg erschienen sind.

Inhaber des Verlags ist ihr Freund Stephan, mit dessen jüngerer Schwester Sophie Juliet seit ihrer Zeit im Internat - sie ist eine Waise, die früh ihre Eltern verloren hat - befreundet ist.

Die Handlung wird vollständig in Briefen von Juliet und Briefen an Juliet erzählt. Aus den Briefen spricht eine sympathische, leidenschaftliche junge Frau, die ihren ersten Verlobten kurz vor der Heirat "verworfen" hat, weil er aus ihrer zukünftigen neuen Wohnung all ihre Bücher verbannen wollte.
Ein besonderer Brief gibt Juliets Leben eine neue Richtung, in dem Moment, da sie auf einer Lesereise verzweifelt ein Thema für ein neues Buch sucht.
Sie erhält diesen von Dawsey Adams, der auf Guernsey lebt und eines ihrer alten Bücher antiquarisch erstanden hat: "Ausgewählte Essys von Elia von Charles Lamb". Da er von diesem Autor begeistert sei, weil er ihn während der deutschen Besatzungszeit zum Lachen gebracht habe, bittet er Juliet ihm eine Adresse einer Buchhandlung in London zu schicken, um weitere Werke des Autors erwerben zu können. In seinem Brief erwähnt er den "Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf, [der] wegen eines gebratenen Schweins ins Leben gerufen" (14) wurde.

Dieser ungewöhnliche Literaturclub weckt Juliets Neugier, so dass sie einen Briefverkehr mit dessen Gründungsmitgliedern auf Guernsey beginnt:

  • Amelia Maugery, eine gebildete, ältere Dame
  • Dawsey Adams, ein 40-jähriger, stiller Mann, der einen Bauernhof betreibt und als Handwerker arbeitet
  • John Booker, ein Jude, der sich während der Besatzungzeit als ein anderer ausgegeben hat,
  • Isola Pribby, eine "Kräuterhexe", die die Bronte-Schwestern liebt
  • Eben Ramsey, ein älterer Herr, dessen verstorbene Tochter mit Elisabeth befreundet war und dessen Enkel die Besatzungszeit in England verbracht hat,
  • Will Thisbee, ein Lumpensammler, der sich für Religion interessiert
Dazu gehörte auch Elizabeth McKenna, auf deren Idee alles zurückgeht und die gleichsam im Mittelpunkt der Geschehnisse steht, jedoch nicht mehr auf Guernsey ist, während sich die Mitglieder des Literaturclubs um ihre vierjährige Tochter Kit kümmern. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter?

Juliet erfährt in den Briefen die Erlebnisse der Bewohner während der Zeit der deutschen Besatzung Guernseys, das fünf Jahre von der Außenwelt abgeschnitten war. Die einzelnen Geschichten wecken ihr Interesse und eine neue Buchidee nimmt Gestalt an, die Juliet schließlich selbst nach Guernsey führt, obwohl gerade ein amerikanischer Verleger in ihr Leben getreten ist, der ihr Herz erorbern will.

Ob er gegen den Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf ankommt?

Bewertung
Die Geschichte Guernseys während des 2.Weltkrieges, die Ereignisse um Juliet und ihre Korrespondenz mit den Bewohner der Insel sowie Juliets Aufenthalt auf Guernsey bilden den Kern dieses Briefromans, der gleichzeitig aber auch "eine Verbeugung vor der Literatur" (Buchrücken), dem Lesen selbst und vor den Buchhändler*innen ist.

"Das ist es, was ich am Lesen so liebe; an einem Buch interessiert eine winzige Kleinigkeit, und diese Kleinigkeit führt zu einem anderen Buch, und etwas in diesem führt wiederum zu einem dritten Buch. Es ist geometrisch progressiv - es ist kein Ende in Sicht und es hat keinen anderen Zweck als das pure Vergnügen." (16)

"Buchhändler sind wirklich ein eigener Menschenschlag. Niemand, der alle fünf Sinne beisammen hat, würde des Gehalts wegen in einer Buchhandlung arbeiten oder sich wünschen, eine zu besitzen  die Gewinnspanne ist zu gering. Es muss die Liebe zu den Lesern und zum Lesen sein, die sie dazu treibt - und die Möglichkeit, die neuen Bücher als Erste in die Hände zu bekommen." (20)

Dadurch, dass viele der Geschichte, die Juliet sammelt, von der Besatzungszeit handeln, ist der Briefroman gleichzeitig ein Roman gegen das Vergessen, der kein Schwarz-Weiß-Bild zeichnet. Auf der einen Seite haben Bürger*innen Guernseys kollaboriert, während sich die deutschen Soldaten teilweise anständig verhalten haben, zum Beispiel als die Bewohner Lebensmittel aus England erhielten:

"Ehre, wem Ehre gebührt. Sie haben all die Kartons für uns ausgeladen und sich keinen einzigen genommen." (160)

Die Geschichte Elisabeths hingegen zeigt die ganze Grausamkeit des Terror-Regimes, das die Nationalsozialisten errichtet haben. Ihr Schicksal beeinflusst Juliet so, dass ihre eigene (Liebes-) Geschichte eine neue Wendung erfährt.

Ein wunderschöner Roman, den ich ab jetzt auch als eines meiner Lieblingsbücher posten werde ;)



Donnerstag, 21. Juni 2018

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau

- Abraham, Ödipus und Sohrab.

Kurze Rezension

Im westlichen Kulturkreis ist die biblische Geschichte Abrahams, von dem Gott verlangt, seinen Sohn zu opfern, oder das klassische Drama "Ödipus", der seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet, bekannt. Doch die Geschichte von Rostam und Sohrab von Firdausi kennt hierzulande kaum einer. Sohrab, der Sohn von Tahmine und Rostam wächst vaterlos im heutigen Afghanistan auf, da Rostam im Iran weilt. Dort treffen die beiden als Kämpfende aufeinander und Rostam tötet unwissentlich seinen eigenen Sohn.

Sowohl die Sage des Vatermörders als auch die Legende des Sohnesmörder durchziehen leitmotivisch den Roman Pamuks, in dem der Heranwachsende Cem ebenfalls ohne Vater aufwächst.
Der linke Apotheker, der für seine Überzeugung im Gefängnis gewesen ist, verlässt seine Familie und bricht jeglichen Kontakt zu seinem Sohn ab.
Im Brunnenbaumeister Murat findet er einen Ersatzvater. Um sich sein Geld für die Paukschule zu verdienen, die er braucht, um an die Universität zu gelangen, heuert er bei Meister Murat an. Gemeinsam heben sie mühsam einen Brunnen in Öngören aus, Bohrungen gab es Mitte der 80er Jahre in diesem ländlichen Gebiet noch nicht. Im Ort trifft Cem auf die rothaarige Frau, in die er sich verliebt und die zu einer Theatertruppe gehört, die eben jene Legende von Rostam und Sohrab zur Schau stellt.
Währenddessen erweist sich die Suche nach Wasser als mühsam - bis ein unerwartetes Ereignis das Leben Cems verändert.

Er verlässt die Ortschaft, studiert, heiratet und wird ein erfolgreicher Bauunternehmen - sein Leben lang verfolgen ihn die Mythen um Ödipus und Rostam. Schließlich wird er 30 Jahre nach dem Brunnenbau mit seiner Vergangenheit konfrontiert und am Ende des Romans kommt auch die rothaarige Frau zu Wort.

Bewertung
Der erste Teil der Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Ich fand es interessant, welche Mühen ein Brunnenbau ohne die heutige Technik kostet. Die Ängste des jungen Cem, was geschieht, wenn sie nicht auf Wasser stoßen und die Zuversicht Meister Murats, dass dieser Fall nicht eintrifft, sind spannend geschildert. Auch die Ausflüge in die Mythologie üben einen besonderen Reiz aus, ebenso wie Cems Verehrung der rothaarigen Frau.
Der zweite Teil hingegen wirkt stark gerafft - erst am Ende des Romans erschließt sich, warum die Figur Cem in der Zeit nach dem Brunnenbau distanziert wirkt- obwohl immer noch der Ich-Erzähler, also Cem, seine Lebensgeschichte wiedergibt. Die Obsession Schriften und Bilder anzusehen, die die Ödipus-Sage oder die Rostam und Sohrab-Sage zeigen, weitet sich aus und hat mich beim Lesen ermüdet - auch wenn dieser Umstand ebenfalls am Ende des Romans "erklärt" wird und die Leitmotive ihre Berechtigung haben.
Das letzte Drittel wartet mit einigen Überraschungen auf, insbesondere die Geschichte aus der Perspektive der rothaarigen Frau eröffnet einen neuen Blick auf die Handlung und den Roman an sich. Ein Kunstgriff am Ende, der jedoch nicht über die Schwächen des mittleren Teils hinweghilft.

Ein Roman, der sich um Vatermörder und Sohnesmörder dreht und auf mich konstruiert wirkt.
Kein Vergleich zu Pamuks Roman "Diese Fremdheit in mir", der mich begeistert hat. Schade!

Samstag, 16. Juni 2018

Michael Chabon: Moonglow

- Memoiren des Großvaters...

Kleine Leserunde auf whatchareadin

Diesen Roman hat mir meine Buchhändlerin aus der Bücherhütte empfohlen und da sie meinen Geschmack inzwischen sehr gut kennt, habe ich zugegriffen und mich auf diese ungewöhnliche Geschichte eingelassen. Da Anne Parden im Rahmen einer Leserunde auf whatchaReadin, Thema USA, Interesse an dem Roman gezeigt hat, haben wir beschlossen ihn gemeinsam zu lesen.

Vor dem Beginn der Handlung merkt der Autor an, dass er sich beim Schreiben der Memoiren seines Großvaters an die Fakten gehalten hat, es sei denn, "sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe beugen." (11) In dem Fall hat er sie "mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit" (11) verändert.

Diese Bemerkung macht neugierig, was erwartet uns beim Erzählen der Lebensgeschichte seines Großvaters?

Der Ich-Erzähler, der Autor selbst oder eher die Person, die uns der Autor als sein "Ich" präsentiert, erzählt die Geschichte nicht chronologisch, obwohl sein Großvater ihn darum gebeten hat:

"Auf jeden Fall ist es eine ziemlich gute Story", sagte ich. "Das musst du zugeben." "Ja?" Er zerknüllte das Kleenex, nachdem er die Träne weggetupft hatte. "Kannst du haben. Schenke ich dir. Wenn ich nicht mehr da bin, schreib sie auf. Erkläre alles. Sorg dafür, dass sie etwas bedeutet. Bau deine ganzen ausgefallenen Metaphern ein. Bring alles in die richtige zeitliche Reihenfolge, nicht dieses Durcheinander, das ich dir erzähle." (284)

So startet die Handlung konsequenterweise nicht mit der Geburt des Großvaters, sondern mit dem 25.Mai 1957. An dem Tag unternimmt er einen tätlichen Angriff auf seinen Chef, den Inhaber von Feathercombs Inc., weil er entlassen werden soll. Eine unbändige Wut ergreift ihn, die niemand dem ansonsten sehr ruhigen Mann zugetraut hätte. Ein furioser und sehr komischer Beginn.

Der Ich-Erzähler berichtet im Anschluss, wie er zu den Erinnerungen seines Großvaters gelangt ist, der an seinem Lebensende im November 1989 aufgrund seiner Knochenkrebs-Erkrankung ein starkes Hydromorphon erhält, das ihn offenkundig gesprächig macht:

"Aus ihm sprudelte nur so eine Bilanz seiner Missgriffe, seines fragwürdigen Glücks, seiner Leistungen und Pleiten durch schlechtes Timing und versagende Nerven. Schon seit fast zwei Wochen lag er im Gästezimmer meiner Mutter, und als ich endlich in Oakland eintraf, bekam er annähernd zwanzig Milligramm am Tag. Er begann quasi in dem Moment zu reden, als ich mich auf den Stuhl neben seinem Bett setzte." (18)

Seine Kindheit hat er gemeinsam mit seinen Eltern und seinem Bruder Reynard - Onkel Ray - in South Philadelphia verbracht, das "damals voller Moonblatts und Newmans, jenen Cousins und Cousinen [war], die später die Hochzeiten und Beerdigungen meiner Kindheit und die meiner Mutter bevölkern sollten. Ihre Wohnungen dienten meinem Großvater als Zwischenstation." (21)

Er war ein wildes Kind, das die ihm gesetzten Grenzen ständig unterlief und tat, was es wollte.

Im folgenden Kapitel erinnert sich der Ich-Erzähler an seine eigene Kindheit, daran, wie er seine Großeltern, die in der Bronx lebten, besucht hat. Sein Großvater ist Ende der 60er Jahre mit seiner Firma, die maßstabsgetreue Modelle für die Raumfahrt herstellt, sehr erfolgreich - die Begeisterung für den Mond - "Moonglow" - für Raketen und die Raumfahrt sind eines der Schlüsselmotive des Romans. Bis an sein Lebensende baut der Großvater an einem Modell einer Mondstation, zu der er seine Familie bringen möchte, um sie zu beschützen.

Die Großmutter des Ich-Erzählers erscheint liebevoll, aber manchmal auch beängstigend, wenn sie mithilfe ihrer französischen Wahrsagekarten für Hexen eine Geschichte erfindet. Zudem wird sie von Depressionen heimgesucht und hat eine Tätowierung auf dem linken Unterarm...

"Sie war ein Gefäß, gebaut, um den Schmerz ihrer Vergangenheit zu tragen, doch das Gefäß hatte einen Riss, und durch den sickerte strahlende Dunkelheit heraus." (120)

Sie stammt aus Frankreich, wo sie sich als Jüdin im besetzten Frankreich mit ihrem Kind, der Mutter des Ich-Erzählers, in einem Kloster versteckt musste, da ihre Familie - bekannte jüdische Pferde- und Fellhändler - sie verstoßen hatten. Ihr Mann, ein Katholik, wurde ermordet, ihre Familie in Auschwitz vergast. Nach dem Krieg emigriert sie in die USA, wo sie den Großvater im Jahr kennengelernt hat, der somit nicht der leibliche Großvater des Ich-Erzählers ist.

Verschiedene Erzähllinien kristallisieren sich im ersten Teil heraus, die dann mit Zeitsprüngen weitergeführt werden. Gleichzeitig werden Fragen aufgeworfen, die erst in den letzten Kapiteln eine Antwort finden.

Die Rahmenhandlung bildet einerseits das Gespräch des Ich-Erzählers mit dem Großvater 1989, während dieser im Sterben liegt, sowie mehrere Gespräche mit der Mutter in dieser Zeit.
Eine weitere Zeitebene, die nur wenige Episoden umfasst, spielt Anfang des neuen Jahrtausend, wenn sich der Ich-Erzähler entscheidet, aus der Story seines Großvaters einen Roman zu schreiben und weitere Recherchen anstellt.

Eine Erzähllinie führt vom Anschlag auf seinen Chef im Jahr 1957 hin zum Gefängnisaufenthalt und den Folgen, die sich daraus für ihn und seine Familie ergeben.

Seine Militärzeit, die mit der Verpflichtung am 8.12.1941 startet, und seine Rolle beim amerikanischen Geheimdienst führt ihn 1944 nach Deutschland, wo er mit Wernher von Braun und dessen Rolle bei den Nationalsozialisten in Berührung kommt. In dem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie seine Bewunderung für den Erfinder der V2 in Hass umschlagen konnte, der so stark ist, dass er keine Modelle der Raketen gebaut hat, die von Braun in den USA mit entwickelt hat.

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg lernt er im Februar 1947 die Großmutter kennen. Diese Erzähllinie schildert ihre ersten Treffen, ihre Karriere als Vorleserin gruseliger Geschichten im Fernsehen von 1948-52 bis zu ihrem ersten Ausraster, in der ein gehäutetes Pferd, das ihr regelmäßig erscheint, eine wichtige Rolle spielt - ein zweites Schlüsselmotiv des Romans.
Gleichzeitig fällt in diese Phase der berufliche Niedergang des Großvaters, der mit jenem Wutausbruch im Jahr 1957 seinen Höhepunkt findet.
Erst nach dem Gefängnisaufenthalt macht er sich einen Namen als Modellbauer für Raketen und Raumfähren.

Ein Teil der Handlung spielt in Florida, ebenfalls 1989, wo der Großvater seit Mitte der 70er - nach dem Tod der Großmutter - in einer Wohnanlage für ältere Menschen lebt, während er Modelle für private Sammler und die NASA baut. Dort lernt er Sally Sichel kennen. Beim Versuch ihren entlaufenen Kater vor einer Schlange zu retten, entspinnt sich ein neuer Faden.

Zusammen ergeben sie die Lebensgeschichte eines ruhigen Mannes, der Wut in sich trägt, aber auch den Wunsch, diejenigen, die ihm am Herzen liegen, zu beschützen.

Bewertung
Zu Beginn hatte ich einige Probleme in die Geschichte hinein zu kommen, da die Episoden mit ihren Zeitsprüngen mich verwirrten. Erst im Verlauf kristallisierten sich für mich die verschiedenen Handlungslinien heraus und allmählich setzten sich das spannende und interessante Leben des Großvaters einerseits und das der Großmutter andererseits wie ein Puzzle zu einem Ganzen zusammen. Die letzten Hundert Seiten halten dann einige Überraschungen bereit, vor allem das Nachwort wirft ein neues Licht auf den ganzen Roman ;)

Am interessantesten  waren für mich die Episoden, die sich mit Wernher von Braun, dem Erfinder der V2-Rakete, beschäftigt haben. Der Autor hat gründlich recherchiert und die Lebenslüge des SS-Sturmbannführers geschickt mit der Geschichte des Großvaters verknüpft. Unglaublich, dass von Braun, der als Leiter der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, KZ-Insassen unter menschenunwürdigen Bedingungen hat arbeiten lassen und damit in den Häftlingseinsatz verwickelt war, in den USA bei der NASA hat Karriere machen können und mit zahlreichen internationalen Ehren überhäuft wurde. Erst in den vergangenen Jahren fand eine intensive Auseinandersetzung mit seiner Rolle im Nationalsozialismus statt. Insofern liefert dieser Roman auch einen Beitrag gegen das Vergessen - auch was die Geschichte der Großmutter betrifft.

Daneben überzeugt er durch seinen Humor und die kurzweiligen Episoden aus dem Leben des Großvaters, die mich oft zum Lachen gebracht haben. Man muss sich nur auf das Chaos zu Beginn einstellen, dann liest sich der Rest von allein.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Ekaterine Togonidze: Einsame Schwestern

- ein beklemmender Roman über siamesische Zwillinge.

Leserunde auf whachtaReadin

Als Renie diesen Roman auf ihrem Blog vorgestellt hat, dachte ich, den müsstest du unbedingt lesen. Glücklicherweise hat sie im Anschluss daran eine Leserunde auf whatchaReadin initiiert, so dass ich die Möglichkeit hatte, die ungewöhnliche Geschichte nicht nur zu lesen, sondern auch mich mit den anderen auszutauschen - und die braucht man bei diesem Roman.

Worum geht es?
Die jugendlichen siamesischen Zwillinge Lina und Diana, die von der Taille an verbunden sind (zwei Beine und zwei Arme, aber auch zwei Herzen und Köpfe) leben im postsowjetischen Georgien - von ihrer Großmutter versteckt.

Ihre Mutter Elene starb bei ihrer Geburt und der Vater - Rostom hat seine Geliebte während der Schwangerschaft verlassen, da eine Heirat nicht "standesgemäß" gewesen wäre. Aus seiner Er-Perspektive erfahren wir zunächst, dass er vom Krankenhaus eine Rechnung erhält.

"Für die von uns für Ihre Kinder in Auftrag gegebene Leichenbewahrung" (8)

Man erfährt auch, dass ein Zirkusdirektor wegen Ausbeutung gesucht wird, was darauf hinweist, wo die beiden gestorben sind.

Die Geschichte, die zum Tod der Zwillinge führt, wird in Tagebucheinträgen der beiden erzählt.
Abwechselnd legen Lina und Diana ihre unterschiedlichen Gedanken und Gefühle dar.

Diana
"Wenn ich schreibe, fühle ich mich lebendiger als sonst, mein Leben wird auf einmal viel bedeutender." (9)
"Zum Glück habe ich mein Tagebuch! Das ist der Ort, der nur mir gehört! Der Ort, an dem ich ich selbst bin..."(11)

In diesen Einträgen kommt die grundlegende Tragik und Problematik der beiden sehr unterschiedlichen Mädchen zum Ausdruck: Sie sind nie allein, nur während des Schreibens, ansonsten sind sie immer auf die Kooperation der anderen angewiesen. Sie haben sich gern, lieben sich, als Teenager bräuchten sie jedoch Raum für sich selbst. Lina steckt deshalb ihren Kopf in eine Waschschüssel mit kaltem Wasser.

"Ich brauche nur den Kopf ins Wasser zu stecken und schon bin ich woanders, in einer ruhigen, friedlichen Welt." (20)
"Wasser ist für mich das Gleiche wie der Spiegel für Alice im Wunderland. Ich betrete so eine andere Welt." (24)

Lina ist die Träumerin, die Mode-Designerin werden will, emotional, sensibel ist und wunderschöne Gedichte schreibt.

Diane ist die Realistin, die Situationen durchschaut und eher rational an die Gefahren herangeht, die den Mädchen droht, als die Großmutter erkrankt und stirbt. Ein Hochwasser "spült" die beiden Mädchen an die Öffentlichkeit, wo sie zunächst im Krankenhaus untersucht werden, das sie schließlich an einen Zirkus verschachert.

Währenddessen setzt sich Rostom mit seiner Vaterschaft auseinander, indem er sie zunächst verdrängt. Doch dann holen ihn die Erinnerungen ein, die gemeinsame Zeit mit Elene, der er einst eine Yin und Yang-Kette geschenkt hatte - ein Symbol für die Zwillinge.

Genau wie der Apfel-Pfirsichbaum, der im Garten des Hauses steht:

"Ich träumte vom Garten, unserem Garten,
den prächtigen Farben der Hecken,
wo Pfirsich und Apfel mitsammen verwachsen,
als einzelner Baum sich zum Himmel strecken." (114) [Teil eines Gedichtes von Lina]

Im Zirkus treten die beiden auf, nur als "Freaks" erfahren sie Anerkennung, dabei wäre Lina gerne ein Mensch wie alle anderen, möchte dazugehören, während Diana erkennt:

"Wir haben nie zu denen gehört und werden es auch nie." (178)

Bewertung
Ich fand diesen Roman sehr aufwühlend und verstörend. Das Bild der beiden Mädchen ist immer noch in meinem Kopf und der Versuch zu verstehen, wie man so leben kann. Die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wurde - selbst die Großmutter ist nicht in der Lage ihnen Zärtlichkeit zu geben - ist menschenverachtend und macht betroffen. Sie gelten als Freaks, die ihren Platz nur im Zirkus finden können. Um auf den Umgang mit Behinderten in Georgien hinzuweisen, hat die Autorin ein extremes Beispiel gewählt, weckt dadurch jedoch Aufmerksamkeit und den Zwang, sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Ihre Fähigkeit sich in die beiden hineinzuversetzen, ist erstaunlich, die Tagebucheinträge wirken sehr authentisch.
Sprachlich ist der Roman sehr poetisch, besonders in den Gedichten und Einträge Linas. Sie findet für das Abscheuliche erträgliche Worte, die trotzdem nahe gehen.
Ein Roman, der noch sehr lange nachhallt und wirklich empfehlenswert ist.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 180 Seiten
Septime, 2018

Freitag, 1. Juni 2018

Gerbrand Bakker: Oben ist es still


Nachdem ich die Autobiographie von Gerbrand Bakker, "Jasper und sein Knecht", im März gelesen habe, bin ich neugierig auf diesen holländischen Autor geworden, der mit seinem Roman "Oben ist es still" den renommierten International DUBLIN Literary Award gewonnen hat.

In seiner Biographie erzählt er, welche Szenen er aus dem Roman herausnehmen musste, gleichzeitig liefert er viele Details zur Entstehung und auch Interpretation, so dass mir letztlich nichts anderes übrig blieb, als ihn selbst zu lesen.
Eine gute Entscheidung!


Worum geht es?
Helmer van Wonderen, 55 Jahre alt, Besitzer eines kleinen Hofes mit Milchkühen, Schafen, Hühnern und zwei Eseln in der ländlichen, holländischen Idylle, räumt auf.

"Ich habe Vater nach oben geschafft." (9)

Die beiden sind die einzigen Verbliebenen der Familie. Helmers Zwillingsbruder Henk ist kurz vor seiner Heirat mit Riet im Alter von 20 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, die Mutter seit einigen Jahren gestorben.
Henk war eigentlich als Erbe für den Hof vorgesehen, doch nach seinem Tod muss Helmer sein Studium der Literaturwissenschaft in Amsterdam aufgeben und an Henks Platz einnehmen, obwohl er er es eigentlich nicht will.
Jetzt ist der Vater alt und Helmer, aus dessen Ich-Perspektive der Roman erzählt wird, wäre es am liebsten, er würde einfach verschwinden.
Zunächst glaubt man als Leser*in Helmer handle grausam gegenüber seinem Vater, der nur noch mühsam gehen kann und meistens im Bett liegt. Denn er versorgt ihn zu Beginn nur notdürftig oben in seinem Zimmer, während er sich selbst unten neu einrichtet. Die Rückblicke geben jedoch Aufschluss über Helmers Verhalten, über die Gefühle und den Groll, die er gegen seinen Vater hegt, weil er ihm seinen Lebensweg verstellt hat.

"Ich habe mein Leben lang Angst gehabt. Angst vor der Stille und Dunkelheit." (39)

Eine Angst, die er gemeinsam mit seinem Bruder Henk hatte meistern können, doch er bleibt "halb" zurück.

Durch die Ankunft von Riets Sohn, der aus der Ehe stammt, die sie nach Henks Tod geschlossen hat, gerät die fest gefahrene Beziehung zwischen Helmer und seinem Vater in Bewegung. Riets Sohn heißt ebenfalls Henk und er soll auf dem Hof lernen zu arbeiten. Seine Mutter erhofft sich, er werde aus seiner Lethargie gerissen.
Die Begegnung und das Zusammenleben mit Helmer gestalten sich schwierig, der sich eingestehen muss, wie sehr er seinen Bruder vermisst und wie tief ihn getroffen hat, dass der ihn schon vorher für Riet verlassen hat. Er wird aber auch mit seiner Homosexualität konfrontiert, eine Neigung, die er sich, solange der Vater lebt, nicht erlauben kann. Und letztlich muss er einen Weg finden, Frieden mit seinem Vater zu schließen, um selbstbestimmt weiter zu leben.

Bewertung
Wie der Titel es verrät, ist es ein sehr stilles Buch, in dessen Mittelpunkt der Protagonist Helmer sich von seinem Vater, Freud würde sagen: Über-Ich, befreien muss, um seine Triebe ausleben zu können.
Doch das wäre zu kurz gegriffen. Es ist eine komplizierte Beziehung zwischen den beiden. Dem jungen Henk gelingt ein vorurteilsfreier Umgang mit dem Alten, so dass auch Helmer bereit ist, einen Schritt auf seinen Vater zuzugehen. In den Auseinandersetzungen mit Henk erinnert sich Helmer an seinen verstorbenen Zwilling, aber auch an den Knecht Jaap, der lange für seinen Vater gearbeitet hat und der eine besondere Bedeutung für ihn hatte. Das Ende hat mich überrascht, mehr will ich hier nicht verraten.
Wer die Autobiographie gelesen hat, kann einige Parallelen zwischen Helmer und Gerbrand Bakker sehen, so hat auch der Autor selbst einen Bruder verloren, der ebenfalls ertrunken ist. Die Homosexualität Helmers ist mir auch deshalb ins Auge gefallen, weil Bakker in seiner Autobiographie davon erzählt, wie lange er gebraucht hat, sich dazu zu bekennen und auch über seine Romanfigur spricht. Es lohnt sich beides zu lesen ;)

Der Familienroman hat die Erwartungen, die durch die Lektüre der Biographie Bakkers geweckt wurde, noch übertroffen. Die Erzählweise ist unaufgeregt und gewährt einen tiefen Einblick in die Psyche des Protagonisten, der mit 55 Jahren wagt, einen neuen Weg einzuschlagen. Bewegend sind seine Erinnerungen an das innige Verhältnis zu seinem Bruder und das schwierige zu seinem Vater, für den man nur wenig Verständnis aufbringen kann - hat er Helmer doch ein Leben aufgezwungen, das dieser nicht führen wollte und ihn daran gehindert, seine Sexualität auszuleben.

Um Iris Radisch Worte zu zitieren: "Ein wunderbares Buch." (Buchrücken)

Buchdaten
Geschenkausgabe, 395 Seiten
Suhrkamp, 2017

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Montag, 28. Mai 2018

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz

- ein spannendes, aber auch düsteres Kinderbuch.

Lesen mit Mira

Wer kennt die Geschichten von Astrid Lindgren nicht? Pipi Langstrumpf hat mich ebenso durch meine Kindheit begleitet wie Ronja Räubertochter, Michel von Lönneberga oder die Kinder von Bullerbü. Ein zweites Mal durfte ich sie dann gemeinsam mit meinen Töchtern lesen. Um so schöner, dass Mira mir das Kinderbuch "Die Brüder Löwenherz" hat zukommen lassen, das ich noch nicht kenne.

Worum geht es?
Karl Löwe, ein kränklicher Junge, der bald sterben muss, wird von seinem älteren Bruder Jonathan getröstet, dass er nach seinem Tod in das Land "Nangijala" kommt.

"Dort ist noch die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen, sagte Jonathan, denn gerade dort passiere ja all so was. Wenn man dort hinkomme, erlebe man von früh bis spät und sogar nachts Abenteuer." (7)

Krümel, wie Karl liebevoll von seinem Bruder genannt wird, freut sich auf dieses Land, in dem er nicht mehr krank sein wird.
Doch es ist Jonathan, der zuerst nach Nangijala kommt, denn das Haus der Familie Löwe gerät in Brand und beim Versuch Jonathans, seinen Bruder zu retten, kommt er ums Leben. Krümel ist zutiefst unglücklich, bis sein Bruder ihm eine weißen Taube schickt und ihn nach Nangijala ruft.

Dort warte ein altes Gehöft auf ihn, ein Reiterhof, das im Kirschtal liege und auf der Gartenpforte sei ein Schild angebracht: "Die Brüder Löwenherz" (19).

Zunächst scheint es das Paradies zu sein, Krümel ist gesund, ein Pferd wartet auf ihn und er kann mit seinem Bruder am Fluss sitzen und angeln. Doch dunkle Wolken brauen sich über dem Kirschtal zusammen. Die Taubenkönig Sophia erzählt Krümel, dass der böse Herrscher Tengil aus dem Land Karmanjaka, das in den Uralten Bergen hinter dem Fluss liege, das benachbarte Heckenrosental unterworfen habe und besetzt halte - mit Hilfe des Untiers Katla. Es könne nicht mehr lange dauern, bis auch das Kirschtal angegriffen werde und anscheinend gebe es im Tal einen Verräter, der mit den Tengilmännern zusammenarbeite, um einen gemeinsamen Kampf der Täler gegen Tengil zu verhindern. Jonathan entschließt sich, Orwar, einen Freiheitskämpfer aus dem Heckenrosental, aus der Katlahöhle zu befreien. Auf Krümels Frage, warum er dies tun müsse, antwortet er,

"Weil man sonst kein Mensch ist, sondern nur ein Häuflein Dreck." (59)

Und so machen sich die Brüder Löwenherz auf in ein gefährliches Abenteuer gegen den Tyrannen Tengil.

Bewertung
Das Kinderbuch ist sehr spannend und, was mich überrascht hat, sehr düster. Es erzählt von Heldentaten, von dem Glauben an Hoffnung, aber auch von der Grausamkeit eines Tyrannen, der Menschen gefangen hält, tötet und versklavt- und das in recht deutlichen Worten, so dass ich es Kindern eher vorlesen würde. Der Roman hat auch kein übliches Happy End, eher einen hoffnungsvollen Ausblick, über den man reden müsste.

In Interpretationen wird die Geschichte so gedeutet, dass sich der sterbende Krümel die Abenteuer in Nangijala ausdenkt, sich seiner Todesangst stellt und aus den bestandenen Prüfungen Mut schöpft. Das Licht, das er am Ende sieht, bedeute, dass er dem Tod entgegentritt.
Ein Thema, dem sich Lindgren in diesem Roman auf ungewöhnliche Art und Weise angenommen hat. Meines Erachtens stehen für Kinder jedoch die Abenteuer im Fantasieland im Vordergrund - ob ihnen bewusst ist, dass sich Krümel alles nur ausdenkt?
Auf jeden Fall ein lohnenswerte Lektüre, nicht nur für Kinder und Jugendliche.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
Oetinger, 1974

Dienstag, 22. Mai 2018

Eshkol Nevo: Über uns

- drei Etagen, drei Geschichten, ein Roman?

Leserunde auf whachtaReadin

In der Diskussion hat uns eine der Teilnehmerinnen darauf aufmerksam gemacht, dass Nevo seinem "Roman" das psychoanalytische Modell Freuds zugrunde gelegt hat.

"Ein Seelenhaus mit seinen drei Etagen existiert in uns überhaupt nicht! Diese drei Etagen sind in der Luft zwischen uns und jemand anderem, im Abstand zwischen unserem Mund und dem Ohr desjenigen, dem wir unsere Geschichte erzählen." (315)


Drei Menschen, die in einem Haus wohnen, erzählen einer anderen Person von einem Ereignis, das ihr Leben auf den Kopf stellt. Drei Etagen, die für "Es", "Ich" und "Über-Ich" stehen, deren Geschichten jedoch nur lose miteinander verknüpft sind, so dass es sich eher um drei Erzählungen handelt, die aufgrund des theoretischen Überbaus miteinander verzahnt sind.

Erste Etage - "Es"
Arnon und Ayelet geben ab und zu ihre Tochter Ofri zu den Nachbarn Ruth und Hermann, einem älteren Rentnerpaar.

"Das sind ja höfliche, kultivierte Menschen, richtige Jeckes, er läuft zu Hause in Anzug und Kravatte rum, und sie ist Klavierlehrerin am Konservatorium, verwendet Ausdrücke wie gütigst." (10)

Arnon ist der Ich-Erzähler dieser Episode und spricht zu einem befreundeten Schriftsteller über ein Ereignis, das ihn sehr belastet.

"Die Anzeichen waren die ganze Zeit da gewesen, aber ich hab´s vorgezogen, sie zu ignorieren. Was ist praktischer als Nachbarn, die dir auf deine Tochter aufpassen?" (9)

- wenn man mal übereinander herfallen will. Als die zweite Tochter geboren wird, die unter gesundheitlichen Problemen leidet, benötigen die beiden Ruth und Hermann noch häufiger, obwohl bei Hermann deutliche Anzeichen von Demenz zu erkennen sind. Die sensible Ofri bemerkt es als Erstes und stellt fest: "Hermann ist kaputtgegangen." (16)

Arnon beschließt, dass Ofri nicht mehr allein bei Hermann bleiben kann. Es scheint, als ob er sich mehr Sorgen um sie macht als ihre Mutter. Das Verhältnis der beiden beschreibt Arnon als gespannt.
Doch dann muss er dringend zu seinem Spinning-Kurs, obwohl Ayelet noch nicht zuhause ist. Ofri bleibt bei Hermann und beide verschwinden - sie werden wohl behalten aufgefunden, doch Arnon vermutet, dass etwas geschehen ist.
Er lässt sich von seinen "Trieben" - Zerstörung und Sex - leiten und handelt völlig irrational, das Ende der Geschichte bleibt offen...

Zweite Etage - "Ich"
Chani, Mutter zweier Kinder, Liri und Nimrod, ist die Protagonistin der zweiten Geschichte. Sie schreibt einen Brief an ihre beste Freundin, die in den USA lebt. Seit der Geburt ihres zweiten Kindes ist Chani zuhause und fühlt sich allein. Sie glaubt, dass ihr Mann Assaf, der fast immer auf Geschäftsreisen ist, weswegen sie im Haus auch die "Witwe" genannt wird, sie nicht genügend unterstützt. Dafür führt sie zahlreiche Beispiele an, lässt aber auch fiktiv Assaf zu Wort kommen. Diese Passagen hören sich viel realistischer an, so dass man unsicher ist, wem man glauben kann.
Offenkundig ist sie in ihrer Mutterrolle unglücklich:

"Es gibt Lichtblicke, Glücksmomente, aber alles in allem laufe ich jetzt schon seit acht Jahren als wandelnde Sprengfalle durch die Gegend - ja, das ist das richtige Bild-, schleppe den Sprenggürtel meiner Hoffnung mit mir herum, die Aufgabe meistern zu können, an der meine Mutter gescheitert ist." (149)

Ein unvorhergesehenes Ereignis verändert Chanis Leben und ihre Ich-Identität. Assafs Bruder Eviatar, mit dem er keinen Kontakt hat, bittet sie um Hilfe. Er ist ein Immobilienmakler und hat sich verzockt. Jetzt wird er von seinen Gläubigern und der Polizei gesucht, trotzdem hilft ihm Chani. Warum? Weil er einen Draht zu den Kindern hat? Existiert Eviator wirklich, oder hat sich Chani, die permanent Angst hat, wie ihre Mutter verrückt zu werden, ihn nur erfunden?

An ihrer Freundin bewundert sie, dass sie eine "innere Ruhe [habe]. Die Ruhe einer Frau, die ihre Feld auf dem Schachbrett des Lebens gefunden hat." (125)


Dritte Etage - "Über-Ich"
In der letzten Episode steht die pensonierte Richterin Dvorah im Mittelpunkt, die ihre Geschichte auf eine Anrufbeantworterin (!) spricht, auf der die Stimme ihres verstorbenen Mannes zu hören ist. Das ist ihre Art mit ihm in Kontakt zu treten, ihm von den ungewöhnlichen Ereignissen ein Jahr nach seinem Tod zu erzählen.
Man erhält einen kurzen Einblick in die Geschehnisse im ersten und zweiten Stock, aber es gibt keine weitreichende Verbindung zwischen den Geschichten. Diese besteht in der räumlichen Nähe der Protagonisten, dem psychoanalytischen Ansatz und den Ereignissen, die jeweils das Leben der Ich-Erzähler*innen verändern.
Zu Dvorah: Sie sieht im Fernsehen, dass junge Menschen Zelte in Tel Aviv aufstellen, um gegen die Wohnungspreise zu demonstrieren. Kurzentschlossen macht sie sich auf den Weg, wird jedoch in der Menschenmenge ohnmächtig. Sie landet im Zelt einer jungen Frau, die sich um sie kümmert und als bekannt wird, dass sie juristischen Beistand leistet, ist sie eine gefragte Person. Über die junge Frau lernt sie den Geschäftsmann Avner Ashdot kennen, der ihr anbietet, ihre Wohnung im Gegenzug zu einer in der Innenstadt zu kaufen. Zuerst muss sie sich jedoch von ihrem "Über-Ich" befreien, der Meinung ihres Mannes, die sie in ihrem Kopf hört. Lange haben sie alles gemeinsam entschieden und Dvorah erkennt, dass er sie in manchen Entscheidungen überstimmt hat, aber auch, dass sie sich von ihm löst.

"Und dann spüre ich eine Leerstelle dort, wo du gewesen bist. Spüre, dass die ganze Wohnung eine Leerstelle ist für den Ort, an dem wir wir waren. Und dass ich, wenn ich hier wohnen bleibe, mich in den Spinnfäden deines Todes verfangen werde, die sich um mich herum ausbreiten, bis ich wie ein Insekt darin verende." (226)

Diese Geschichte, die mir am besten gefallen hat, erzählt von einem Aufbruch, von dem Versuch dem Leben auch im fortgeschrittenen Alter eine neue Richtung zu geben, aber auch von der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit - denn Dvorah hat einen erwachsenen Sohn, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat.

Fazit?
Auch wenn die Erzählungen meines Erachtens stärker hätten verbunden sein können, damit man wirklich von einem Roman sprechen kann, gefällt mir die Idee, sie thematisch zu verknüpfen. Für sich gesehen erzählt jeweils ein Mensch von einschneidenden Erlebnissen in seinem Leben, die diesem eine neue Richtung geben werden. So ist jede Geschichte lesenswert, wenn auch die letzte allen in der Leserunde am besten gefallen hat.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 318 Seiten
dtv, 12. Januar 2018

Freitag, 18. Mai 2018

Joel Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

- ein (Kriminal-) Roman mit überraschenden Wendungen.

Quelle: pixabay
Dieser Roman ist im Forum whatchaReadin schon mehrfach sehr positiv, geradezu euphorisch besprochen worden. Schon lange steht er auf meiner Wunschliste, diesen Monat habe ich mein Audible-Abo genutzt, um ihn endlich zu hören. Die Erwartungen waren hoch und sind noch übertroffen worden!


Worum geht es?
Marcus Goldman ist ein erfolgreicher Schriftsteller, gerade (Oktober 2008) hat er einen Roman über den Fall Harry Quebert geschrieben und wird überall in New York auf der Straße auf sein Buch angesprochen, das für Aufsehen gesorgt hat.

Wer ist dieser Harry Quebert?
Ein ebenfalls berühmter Schriftsteller, Marcus´ ehemaliger Dozent und sein Freund, der zurückgezogen an der Ostküste der USA, im Städtchen Aurora lebt. Der Kontakt zwischen den beiden ist nach Marcus Erfolg abgebrochen. Als er eine Schreibblockade hat und ihm jegliche Inspiration für einen neuen Roman fehlt, besucht er Harry, der ihn zu dem gemacht hat, was ihn als Schriftsteller auszeichnet.

Im Roman eingebettet sind immer wieder Lektionen, die Harry Marcus erteilt hat - rücklaufend von Lektion 31 bis zu Lektion eins, die das Ende eines Romans thematisiert und gleichzeitig den Schlusspunkt des vorliegenden Romans einleitet.

Während der Werdegang des Schriftstellers Marcus zunächst im Vordergrund steht, entwickelt sich die Geschichte unversehens zu einem Kriminalfall, denn ein schreckliches Ereignis erschüttert das Städtchen Aurora. Während Marcus Aufenthalt im Sommer 2008 wird in Harrys Garten die Leiche der schönen Nola gefunden, jenes 15-jährigen Mädchens, das am 30.August 1975 spurlos verschwunden ist. Da beim Skelett nur eine Tasche mit dem getippten Manuskript von Harrys erstem großen Roman "Der Ursprung des Übels" zusammen mit einer persönlichen Widmung - Adieu, allerliebste Nola - gefunden wird, landet Harry in Untersuchungshaft und soll des Mordes angeklagt werden.
Harry beichtet Marcus, dass er eine Beziehung zu dem 15-jährigen Mädchen in jenem Sommer hatte, beteuert aber seine Unschuld. In den Gesprächen zwischen den beiden im Gefängnis, die Marcus aufnimmt und die die Grundlage seines Romans werden, rekonstruiert Harry die außergewöhnliche Liebesgeschichte der beiden und malt ein leuchtendes Bild des Mädchens, in das er sich unsterblich verliebt hat und die ihn zu seinem Roman inspiriert hat, der von einer unmöglichen Liebe erzählt und Briefe enthält, die die beiden sich geschrieben haben.

Was ist an jenem Abend des 30.August 1975 geschehen, an dem nicht nur Nola verschwunden ist, sondern auch eine alleinstehende Witwe erschossen wurde? Sie hatte die Polizei informiert, dass ein Mann Nola in den Wald folge. Eine Weile später erreichte die Wache ein weiterer Anruf der Witwe, das Mädchen habe sich zu ihr geflüchtet. Als die Polizisten in ihrem Haus eintreffen, ist sie tot und Nola verschwunden - ein schwarzer Chevrolet Monte Carlo ist die einzige Spur, die die Polizei verfolgen kann - ohne Erfolg.
Marcus glaubt fest an die Unschuld seines Mentors und stellt eigene Nachforschungen in Aurora an, zuerst gegen den Willen des Ermittlers der Staatspolizei Gaholowood, bis er diesen mit seinen Ergebnissen überredet, fortan zusammenzuarbeiten. Letztlich überzeugen ihn die Drohbriefe, die Marcus erhält und die ihn auffordern zu verschwinden.
Wer hat ein Interesse daran, dass er keine Nachforschungen anstellt?Welche Rolle spielt der reiche  Geschäftsmann Stern und dessen Fahrer, der sich oft in Aurora herumgetrieben hat? Welche Rolle spielen Nolas Eltern, warum ist die Familie 1969 von Alabama nach Aurora umgezogen?
Marcus "wühlt" tief in der Vergangenheit, befragt Tamara Quinn, in deren Bar Harry Teile seines Romans geschrieben hat, weil Nola dort gearbeitet hat. Und deren Tochter Jenny unsterblich in Harry verliebt gewesen ist. Viele Fragen, denen Marcus und Gaholowood nachgehen. Immer neue Details werfen jeweils ein völlig anderes Licht auf den Fall, so dass man nicht mehr weiß, was denn die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist.

Nach vielen Irrungen, Wirrungen und unvermuteten Wendungen offenbart das Ende eine überraschende Antwort auf alle offenen Fragen.

Bewertung
Glaubt man zunächst, der Roman erzähle vom Werdegang eines Autors, vom Schreiben eines Buches, von den Problemen, die nach dem ersten großen Erfolg auftreten, vom Überwinden dieser Krise bis hin zum nächsten großen Erfolg, so überrascht die Wendung hin zu einem Kriminalfall um das mysteriöse Verschwinden von Nola und dem Fund der Leiche nach über 30 Jahren.

In den Vordergrund rückt die Frage, was an jenem 30.August 1975 wirklich geschehen ist und welche Ereignisse im Vorfeld dazu geführt haben. Viele Umwege gehen wir gemeinsam mit Marcus, immer wieder neue Hypothesen werden formuliert, verworfen, neue Details zwingen zum Umdenken.

Beim Hören fällt die außergewöhnliche Struktur des Romans nicht ins Auge, aber die Kombination aus dem Erzählstrang der Gegenwart, den vielen nicht chronologischen Rückblicken in die Vergangenheit aus den unterschiedlichsten Perspektiven, die sich durchaus widersprechen und die Aufnahmen, die Marcus macht, um seinen Roman über den Fall Harry Quebert zu schreiben, sowie die Lektionen sorgen zusätzlich für Spannung und Abwechslung.

Offene Fragen werden selten sofort beantwortet - meist erfolgt dann ein Rückblick oder ein weiterer Umweg. Die vielen Wiederholungen haben mich beim Hören nicht gestört - im Gegenteil, ich war dankbar dafür, so habe ich den Überblick nicht verloren. Und das Ende ist wirklich überraschend!

Und da ist ja noch die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen der 15-Jährigen und dem über 30 Jahre alten Harry Quebert, der in Nola die Liebe seines Lebens und seine Muse gefunden hat. Auch diese Beziehung und Nola erscheinen immer wieder in einem neuen Licht.

Torben Kessler, der mich beim Hörbuch "Unter der Drachenwand" nicht überzeugt hat, liest diesen Roman so hervorragend, dass ich definitiv auch "Die Geschichte der Baltimores" hören möchte. Das soll noch besser sein.
Das mag ich nach diesem großartigen Roman fast nicht glauben, ob der noch zu übertreffen ist?

Hörbuch
20 Stunden 21 Minuten
gelesen von Torben Kessler