Montag, 10. Dezember 2018

Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte

"The Good Soldier"

- heißt der Roman im Original, 1913 hat Ford begonnen ihn zu schreiben. In der Zueignung, ein Brief an seine Frau, erklärt er, es sei aus seiner Sicht sein bester Roman aus der Vorkriegszeit. Mit 40 Jahren habe er zeigen wollen, was er könne. Ein Freund Fords urteilt darüber, es sei der "schönste französische Roman in englischer Sprache" (11).
Hält er dieses Versprechen?

In der Leserunde auf whatchaReadin waren wir zunächst geteilter Meinung, da der "unzuverlässige" Ich-Erzähler zu Beginn um den heißen Brei herum redet. Es scheint, als könne man seinen Ausführungen nicht vertrauen, da er sich in Widersprüche verstrickt und zunächst nicht zur Sache kommen will.


Worum geht es?
Der Ich-Erzähler - John Dowell aus Philadelphia, Grundbesitzer und so reich, dass er nicht arbeiten muss - verbringt über neun Jahre hinweg gemeinsam mit seiner herzkranken Frau Florence einige Wochen im Jahr in Bad Nauheim - gemeinsam mit den Ashburnhams aus England.

"Als wir uns zum ersten Mal begegneten, war Hauptmann Ashburnham, der auf Erholungsurlaub aus Indien gekommen war, wohin er nie wieder zurückkehren sollte, dreiunddreißig Jahre; Mrs. Ashburnham - Leonora - war einunddreißig. Ich war sechsunddreißig und die arme Florence dreißig. Heute wäre Florence also neununddreißig Jahre alt und Hauptmann Ashburnham zweiundvierzig" (14).

Gleich zu Beginn lässt der Ich-Erzähler keinen Zweifel daran, dass Florence und Edward inzwischen verstorben sind und dass "es kein Menuett [war], das wir tanzten; es war ein Gefängnis" (17).

Was ist zwischen diesen vier Menschen geschehen? Es kristallisiert sich heraus, dass der Ich-Erzähler nach dem Tod seiner Frau sukzessive von Edward, aber vor allem von Leonora die Wahrheit über die Ehe der Ashburnhams erfährt, die nicht das ist, was sie zu sein scheint.

"Ich weiß nicht, wie ich die Sache am besten niederschreibe - ob es besser ist zu versuchen, die Geschichte von Anfang an zu erzählen, als wäre sie eine Geschichte; oder ob ich sie aus diesem zeitlichen Abstand erzählen soll, so wie ich sie von den Lippen Leonoras oder Edwards vernahm." (23)

Zunächst erzählt er vom Zusammentreffen mit den Ashburnhams - in Rückblicken erfahren wir etwas über seine eigene Ehe, über Florence Motive ihn zu heiraten und über das Entstehen ihrer Verbindung, die an sich schon sehr traurig ist. Denn Liebe ist nicht im Spiel. Keine der Beziehungen verläuft glücklich, so dass der Titel durchaus zutreffend ist.

Leonora, die ihren Mann verehrt und aufgrund ihres katholischen Glaubens an der Ehe festhält, bemüht sich verzweifelt ihn zurückzuerobern, obwohl Edward - wie der Ich-Erzähler ausführlich schildert - sie mehrfach betrügt und sich ernsthaft seinen Leidenschaften hingibt.

Tragisch ist die Beziehung zu dem Mündel, dass er und Leonora aufgenommen haben, so dass am Ende nicht "einer von uns (...) bekommen (hat), was er eigentlich wollte." (270)

Hinzu kommt Edwards Verschwendungssucht, die Leonora einzudämmen versucht, so dass dies zu weiteren Konflikten in der Ehe führt, die keine mehr ist. Der Ich-Erzähler schwankt in seiner Beschreibung und Einschätzung Leonoras, deren Handlungsweise am Ende, wenn man denn Dowell glauben kann, überrascht - nicht im positiven Sinne.

Bewertung
Feinfühlig legt der Ich-Erzähler die Sicht auf das Geschehen aus mehreren Perspektiven dar und verleiht allen seine Stimme - auch der jungen Nancy, die er selbst nach Florence Tod heiraten will. 

Seine eigenen Gefühle schwanken beim Erzählen ebenso wie seine Bewertungen. Einerseits liebt er Florence, will sie beschützen, dann hasst er sie. In Edward sieht er einen empfindsamen Menschen, gleichzeitig wirft er ihm vor, Florence getötet zu haben. Leonoras Verhalten bezeichnet er als grausam, aber er zeigt auch Verständnis für sie. Während er die Geschichte niederschreibt - im Verlauf des Erzählens - werden die Zusammenhänge für die Leser*innen klarer, als hätte der Ich-Erzähler über das Schreiben zu seiner Sicht auf die Dinge gefunden.

Julian Barnes bringt es im Nachwort auf den Punkt:
"[Der Roman] spielt mit dem Leser, während er die Wahrheit offenbart und verbirgt. Und Ford hat auch darin Großes geleistet, dass er die perfekte Stimme für paradoxes Erzählen fand." (301)

Diese Erzählweise ist einerseits sehr anstrengend, da Dowell unzuverlässig und mit vielen Sprüngen, Rückblenden und Wiederholungen erzählt, andererseits macht sie auch den Reiz dieser Geschichte aus, die von unglücklichen und tragischen Liebesbeziehungen erzählt, in denen die Protagonisten gefangen sind. Unter ihnen der Ich-Erzähler, der sich als neutraler Beobachter gefällt und seltsamerweise die größte Sympathie für den Ehebrecher Edward hegt - ob sich dahinter eine homoerotische Neigung versteckt?

"Gibt es ein Paradies auf Erden, wo die Menschen unter flüsternden Olivenbäumen mit denen zusammen sein können, die sie  liebhaben, und bekommen, was sie möchten und sich´s in Schatten und Kühle wohl sein lassen dürfen?" (271)

Aus dieser Bemerkung spricht der Wunsch den Konventionen zu entgehen, obwohl der Ich-Erzähler betont, es bedürfe der Normalen, wie Leonora, damit die Gesellschaft bestehen bleibe, gleichzeitig gibt er zu, dass er die Gesellschaft nicht sehr mag und der freien Liebe nicht das Wort rede (vgl. 288). Er überlässt es den Leser*innen sich ihr Urteil zu bilden.

Keine leichte Kost, trotzdem und gerade deswegen lesenswert.

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für die wunderschöne bibliophile Ausgabe des Romans!

Montag, 3. Dezember 2018

Inger-Maria Mahlke: Archipel

Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2018

Lesen mit Mira und Sabine
In den letzten Jahren habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den Roman, der den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, zu lesen. Seit ich die Frankfurter Buchmesse besuche, bemühe ich mich, auch mir ein Interview mit dem/der Preisträger*in anzuhören, um einen ersten Eindruck zu erhalten. Das Interview auf der Frankfurter Buchmesse mit Inger-Maria Mahlke hat mich sehr beeindruckt, so dass ich mich auf den Roman gefreut habe, umso mehr, da meine beiden Lesefreundinnen diesen gemeinsam mit mir lesen wollten. Mira hat kurz vor dem Ende abgebrochen, ihre Kritik kann ich gut nachvollziehen. Sabines Meinung ist in ihrem Lesetagebuch auf whatchaReadin festgehalten.

Während die beiden den Roman aus verschiedenen Gründen kritisch sehen und sich damit in guter Gesellschaft befinden, wenn man sich die vielen negativen Rezensionen anschaut, möchte ich in dieser Rezension, eine Lanze für den Roman brechen, der zwar eine Herausforderung darstellt, aber aus meiner Sicht in vielerlei Hinsicht gut komponiert ist.

Statt einer Inhaltszusammenfassung daher ein grober Überblick der Protagonisten und deren Verflechtungen:



Auf dem Schaubild nicht berücksichtigt sind die politischen Ereignisse, die das Leben der Figuren verändern, berühren und in eine andere Richtung lenken. Oftmals werden sie nur angedeutet, darin liegt die Herausforderung für die Leser*innen, die, wollen sie alles verstehen, recherchieren müssen. Wünschenswert wäre daher, neben der Figurenübersicht zu Beginn des Romans und einem Glossar spanischer Begriffe am Ende, auch ein kurzer geschichtlicher Abriss der Geschichte Teneriffas im 20.Jahrhundert gewesen.

Dadurch, dass der Roman chronologisch in der Zeit zurückgeht, erfahren wir von den Figuren, die zu Beginn sehr viel Raum einnehmen, nichts mehr. Wir erleben Felipe und Ana als junge Erwachsene, als Jugendliche und als Kinder und entfernen uns von ihrem gegenwärtigen Leben, von dem man nichts mehr erfährt, was sehr bedauerlich ist, da man gerne wissen möchte, wie sich die Geschichte weiter entwickelt.
Während die Ereignisse um die Familie Bernadotte im Jahr 2015 - um Ana, Felipe, Rosa sowie ihre Angestellte Eulalia und den Großvater Julio noch recht intensiv erzählt wird, werden die Zeitabschnitte immer kürzer. Es sind Blitzlichter, einzelne Ereignisse und Tage, die geschildert werden und die Aufschluss und Antworten zum Geschehen geben, dass sich in der Zukunft abspielen wird. Das ist einerseits verwirrend und anstrengend beim Lesen - andererseits aber auch reizvoll, gerade weil die übliche Chronologie unterbrochen ist.
Besonders hervorheben möchte ich noch die außergewöhnliche Sprache Mahlkes, die neutral, fast nüchtern die Geschehnisse so detailliert schildert, dass man das Gefühl hat, den Geruch der Insel wahrzunehmen, die Farben zu sehen und die Geräusche zu hören. Sie gewährt nur selten einen tiefen Einblick in das Innenleben der Figuren, beschränkt sich vorwiegend auf die Außensicht, auch in dieser Hinsicht sind die Leser*innen gefordert.

Mein Fazit
Ein intellektueller Roman mit einem hohen Anspruch an seine Leser*innen, der mich aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählchronologie und seiner Figuren - auch wenn man sich notgedrungen von ihnen verabschieden muss - sowie der Verknüpfung von Familien- und politischer Geschichte überzeugt hat.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 430 Seiten
Rowohlt-Verlag, Oktober 2018

Samstag, 24. November 2018

James Baldwin: Beale Street Blues

- Kampf gegen die Willkür der weißen Justiz.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt von zwei jungen Schwarze in New York Anfang der 1970er Jahre.

Tish, die eigentlich Clementine heißt und aus deren Ich-Perspektive die Geschichte geschildert wird, ist 19 Jahre alt und schwanger. Mit dem Vater des Kindes - Fonny, getauft auf den Namen Alonzo Hunt, ist seit ihrer Kindheit befreundet. Irgendwann ist aus ihrer Freundschaft Liebe geworden.

Zu Beginn des Romans erfahren wir, dass Fonny im Gefängnis sitzt. Er wird beschuldigt eine Puertoricanerin vergewaltigt zu haben - ein Verbrechen, das er nicht begangen hat, das steht außer Frage - für Tish, aber auch für die Leser*innen.

Während Tishs Familie, ihre Eltern und ihre Schwester Ernestine sie im Kampf gegen die Justiz unterstützen, hat Fonny von seiner bigotten Mutter und seinen Schwestern wenig Hilfe zu erwarten, nur sein Vater Frank bemüht sich Geld für den Anwalt Mr Hayward aufzubringen.

"Wir waren jetzt seine Familie, die einzige Familie, die er hatte: Jetzt hing alles von uns ab." (85)

Die Gräben zwischen Fonnys Mutter und Tish sind groß, sie werden unüberwindlich, nachdem sie erfährt, dass sie Großmutter werden soll.

"Wahrscheinlich nennst du eure Lüsternheit Liebe", sagte sie. "Ich nicht. Ich hab immer gewusst, dass du meinen Sohn zugrunde richtest. Du hast einen Teufel in dir - ich hab´s immer gewusst. Mein Gott hat es mir vor vielen Jahren eingegeben. Der Heilige Geist wird das Kind in deinem Bauch verschrumpeln lassen." (79)

In drastischer, sehr vulgärer Sprache beschreibt Baldwin die Auseinandersetzungen zwischen den Frauen und den Familien, gleichzeitig schildert er sehr sensibel die erste gemeinsame Liebesnacht zwischen Tish und Fonny, deren gemeinsame Vergangenheit immer wieder in Rückblende erzählt wird, in denen wir auch erfahren, warum ausgerechnet Fonny der Vergewaltigung angeklagt wird und wie sein Traum ein Künstler zu werden, zu platzen droht.
Wird es Tish und dem Anwalt gelingen, seine Unschuld zu beweisen und ihn aus dem Gefängnis herauszuholen, in dem er langsam zugrunde geht?

Bewertung
Beale Street Blues ist 1974 im Original erschienen und ist Baldwins zweiter Roman. Der Autor, der bereits 1987 im Alter von 63 Jahren an Krebs gestorben ist, gilt zwar als großer schwarzer Intellektueller, der sich aktiv in der Bürgerrechtsbewegung engagiert hat, erhält jedoch lange nicht die Beachtung, die er verdient hat, wie Daniel Schreiber im Nachwort feststellt. Vielleicht lag es daran, dass Baldwin schwarz und schwul gewesen ist, und den Schwarzen nicht schwarz genug.

In Beale Street Blues,

"eine[..] Metapher für die schwarze Halbwelt [...] für schwarze Viertel, in denen ausweglose Armut und verzweifeltes Vergnügen das Leben bestimmten und in denen Sucht, Gewalt und Liebe Hand in Hand gingen" (214),

kritisiert er offen den Rassismus, der dazu führt, dass ein unschuldiger Schwarzer aufgrund der Aussage eines weißen Polizisten, der die Zeugin manipuliert hat, im Gefängnis landet. Die Ohnmacht, die Fonny, Tish und ihre Familie empfinden, ist mit Händen greifbar. Sie haben einfach keine Chance gegen dieses weiße System:

"Die Kinder kriegen eingetrichtert, dass sie einen Dreck wert sind, und alles, was sie um sich herum sehen, ist der Beweis dafür. Sie kämpfen und kämpfen, aber sterben wie die Fliegen und begegnen sich dann auf dem Müllhaufen ihres Lebens, wie die Fliegen." (46)

Erstaunt hat mich der Rassismus unter den Schwarzen. Fonnys Mutter, die eine hellere Haut als Tish hat, verachtet diese dafür - und übernimmt damit das Wertesystem der weißen Gesellschaft.

Schreiber hat im Nachwort eine Feststellung über den Roman getroffen, der ich uneingeschränkt zustimmen kann: "Jede rassistische Gesellschaft [...] führt zu einer Spirale der Gewalt, an deren Ende Frauen stehen." (216)

Sie sind die Leidtragenden, selbst der liebevolle Fonny schlägt Tish, die das als normal empfindet!

Der Roman bietet keine Antworten, keine Lösungen, er führt den Leser*innen vor Augen, wie eine rassistische Gesellschaft aussieht - die Lehren daraus müssen wir selbst ziehen.

Vielen Dank an den dtv-Verlag für das Lese-Exemplar!

Samstag, 17. November 2018

Laetitia Colombani: Der Zopf

- drei Frauen, deren Schicksal sich berührt.

Hörbuch

"Der Zopf" wird in Rezensionen sehr unterschiedlich bewertet und eigentlich hatte ich schon beschlossen, den Roman nicht zu lesen, da erzählte mir eine gute Freundin, dieses Buch sei ihr Hörbuch-Highlight in diesem Jahr.

Wie schon bei "Die Katze und der General" gehen die Meinungen über das, was gut oder schlecht, hörenswert oder abzulehnen ist, weit auseinander.

Ein Versuch ist es wert, schließlich kann man bei Audible auch Hörbücher umtauschen...

Erzählt wird das Schicksal dreier Frauen aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen und Schichten:

1. Smita lebt in Indien und gehört zu den Unberührbaren. Für ihre Tochter erhofft sie sich ein besseres Leben als das, was sie zu führen gezwungen ist. Denn sie muss die Latrinen der Menschen in ihrem Dorf entleeren und wird dafür mit Essensabfällen "bezahlt". Als ihre Tochter vom Lehrer in der Schule vor den anderen Kindern aufgefordert wird, den Klassenraum zu kehren, erkennt sie, dass sie im Dorf ihrer "Kaste" nicht entfliehen können. Sie beschließt gegen das ihr vorherbestimmte Schicksal anzukämpfen.

2. Giulia lebt in Palermo und arbeitet in der Perückenfabrik ihres Vaters. Sie wird vor die Aufgabe gestellt, die Rolle ihres Vaters zu übernehmen, als dieser einen Autounfall erleidet. Wie geht sie mit der neuen Situation um?

3. Sarah ist eine erfolgreiche Anwältin in Montreal. Bisher hat sie ihr ganzes Leben ihrer Arbeit gewidmet, selbst ihre drei Kinder müssen sich mit der zweiten Rolle begnügen. Doch dann findet man einen Tumor in Sarahs Brust und ihr Leben wird auf den Kopf gestellt.

Abwechselnd wird jeweils aus der personalen Perspektive der drei Frauen erzählt, wie sie die neue Herausforderung annehmen. Wie ein Zopf verflechten sich ihre Schicksale, wenn auch nur ganz lose.

Ihre Gemeinsamkeiten bestehen darin, dass sie jeweils vor einer wichtigen Wende ihres Lebens stehen, diese meistern müssen und gezwungen werden gegen Widerstände anzukämpfen.
Und alle werden auf unterschiedliche Art und Weise diskriminiert:

- Smita in religiöser Hinsicht als Unberührbare (Dalit), die auch heute noch oft aus dem indischen Kastensystem ausgeschlossen sind und praktisch keine Rechte haben

- Giulia als Frau, der man es nicht zutraut, die Geschäfte zu übernehmen und die einen Inder kennen lernt, den ihre streng katholische Umgebung als Freund ablehnen würde, so dass sie sich heimlich mit ihm trifft

- Sarah wird aufgrund ihrer Krankheit ausgeschlossen, da sie nicht mehr "leistungsfähig" ist.

Die drei Sprecherinnen - Andrea Sawatzki, Valery Tscheplanowa, Eve Gosciejewicz - entführen die Hörer*innen in die unterschiedlichen Lebenswelten der Frauen.

Trotz der vielen negativen Kritiken hat mir das Hörbuch gut gefallen, die Verflechtung der drei Frauen ist zwar lose - das wird oft kritisiert - aber vorhanden. Im Vordergrund steht ihr Mut, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Insofern dienen sie als Identifikationsfiguren, deren Schicksal mich berührt hat.

Montag, 12. November 2018

Salih Jamal: Orpheus

- Musik, Liebe, Tod.

Selten bringt ein Untertitel einen Roman so auf den Punkt wie dieser. Orpheus in der Postmoderne angekommen, könnte man auch sagen.

Sprachgewaltig wird die Geschichte des jungen Musikers Orpheus erzählt, dessen Geliebte Nienke, eine Anwältin, die für seinen übermächtigen Großvater Zeus (!) arbeitet, verschwunden ist.
Nienke kann Zeus in einen Zusammenhang mit einem lange zurück liegenden Mordfall bringen - sie hat belastendes Material aus der Firma mitgehen lassen. An dem Morgen, an dem sie zur Polizei gehen will, verliert sich ihre Spur - eine Tatsache, die den liebenden Orpheus um den Verstand bringt.

Zeus ist ein skrupelloser Machtmensch, der in seiner Vergangenheit mehrere furchtbare Verbrechen begangen hat, die in Rückblicken erzählt werden, so dass sich die Familiengeschichte wie ein Puzzle langsam zusammensetzt.
Warum Orpheus Vater einen Biohof betreibt und Orpheus Onkel Dino (Dionysos) der beste Kunde seiner eigenen Kneipe ist, warum Orpheus Bruder Aris eine unberechenbare Wut in sich trägt, schildert der allwissende Ich-Erzähler, der aus der Retrospektive alle Ereignisse durchschaut und in Beziehung zueinander setzen kann.

"Heute begreife ich das Ausmaß dieser Tragödie. Denn von dort, wo ich jetzt bin, kann ich auf das sehen, was gewesen ist." (20)

Jamal erzählt die griechische Sage neu, ohne sie nachzuerzählen. Er bedient sich der mythologischen Vorbilder und kreiert daraus eine außergewöhnliche Geschichte über Liebe, Verrat, Gewalt und Macht.

Meines Erachtens hätte die eigentliche Story auch ohne die Bezüge zur griechischen Sage "funktioniert", denn das Aufdecken der Familiengeheimnisse ist spannend zu lesen und gleicht einem Krimi. Jamals Sprache wartet mit ungewöhnlichen Metaphern und schrägen Vergleichen auf, gleichzeitig ist er in der Lage schonungslos das zu beschreiben, was Menschen sich gegenseitig antun können. Wer gewaltsame Szenen nicht lesen kann, legt diesen Roman besser aus den Händen - aber in diesen Schilderungen und in den schnörkellosen Szenen liegen die Stärken seines Schreibstils.

Ich wünsche ihm, dass er noch viele Leser*innen findet, denn Talent hat Jamal und das schreibe ich nicht, weil er mir seinen Roman als Lese-Exemplar zur Verfügung gestellt hat ;), sondern weil mich bis auf wenige Kleinigkeiten die Story überzeugt hat.

Besonderheit des Romans, die zum Sänger Orpheus passt, sind die vielen Bezüge zur Musik. Jede Kapitelüberschrift ist der Titel eines klassischen Musikstücks oder eines Songs, z.B. "Leaving on a Jet Plane". Wer will, kann sich passend zur Lektüre die entsprechenden Titel anhören - intermedial sozusagen, denn die Playlist gibt es auf YouTube. Originelle Idee!

Sonntag, 4. November 2018

John Jay Osborn: Liebe ist die bester Therapie

- Listen to the Marriage

Leserunde auf whatchaReadin

Der englische Titel ist für den vorliegenden Roman viel passender als der etwas kitschig wirkende deutsche Titel, der suggeriert, es handle sich um einen niveaulosen Liebesroman. Und das würde diesem psychologischen Roman in keinster Weise gerecht.

Worum geht es?
Die Ehe von Steve und Charlotte steht vor dem Aus. Bevor sie sich endgültig trennen, wollen sie den Kindern zuliebe noch einen Versuch starten. Sie besuchen die ungewöhnliche Paartherapeutin Sandy, in deren psychologischer Praxis der Roman spielt. Steve und Charlotte treffen dort zusammen, um über das zu reden, was zu ihrer Trennung geführt hat.

Aus der personalen Erzählperspektive Sandys, die fast immer zu wissen scheint, was in den Köpfen ihre Klient*innen vorgeht, erleben wir mit, wie die beiden ihre Beziehung "auseinander nehmen".

In der ersten Sitzung geht es zunächst um das Finanzielle und da Charlotte sich Sorgen macht, wie lange das Geld noch reichen wird, macht Sandy einen ungewöhnlichen Vorschlag. Sie will, dass Steve Charlotte den gesamten Erlös, den sie mit dem Verkauf ihres Hauses erzielt haben, gibt.

"Ja, alles", erwiderte Sandy. Charlotte hat ganz schön viel auf sich genommen, indem sie mit den Kindern ausgezogen ist. Soll sie sich jetzt etwas auch noch Sorgen machen, wie sie finanziell über die Runden kommt?" Ganz genau, Steve, dachte Sandy. Sie hat dich verlassen, und ich will trotzdem, dass du ihr die ganzen zweihunderttausend gibst. Verstehst du, warum?" (8)

Immer wieder provoziert sie Steve oder Charlotte, damit diese ihre eingefahrenen Verhaltensweisen überdenken. Beruflich geht es ihnen beiden gut, denn Steve ist gerade "Teilhaber einer großen Private-Equity-Firma" (10) geworden, während Charlotte englische Literaturwissenschaft an der Universität lehrt und vor kurzem eine Festanstellung erhalten hat.
Doch Steve hat Charlotte betrogen, worauf sie ein Affäre mit einem verheirateten Mann begonnen hat, der ebenfalls Literaturdozent ist.
Gibt es eine Chance für die beiden? Sind sie in der Lage sich zu ändern? Lernt Steve Charlottes Äußerungen zu verstehen, wird sie über ihre Gefühle sprechen können?
Sandy scheint wechselweise auf der Seite des einen oder der anderen zu stehen, doch ihr liegt an der Ehe der beiden, auf sie sollen beide hören - "listen to the marriage"!

Bewertung
Obwohl der Roman fast ausschließlich aus den Dialogen in den Therapiesitzungen und Sandys Gedanken währenddessen besteht, ist er überaus spannend zu lesen. Schließlich will man wissen, ob die beiden wieder zueinander finden - gleichzeitig erkennt man, wenn man selbst in einer Ehe lebt und Kinder hat - viele Verhaltensmuster wieder.
Sandys Reflexionen dazu sind erhellend und sorgen für den ein oder anderen Aha-Effekt. Ein überaus intelligenter Roman, mit einer ungewöhnlichen Protagonistin, bei der man selbst gerne eine Therapiesitzung machen würde. Fraglich, was dann im mysteriösen grünen Sessel sitzen würde, der in seinem viktorianischen Stil nicht zu den Ikea-Sesseln passt, auf dem die Therapeutin und die Klient*innen Platz nehmen.
Er ist für das reserviert, was die Beteiligten mit in die Sitzung bringen - die Ehe, ein andere Person... - ein sehr interessanter Gedanke, wenn man sich darauf einlässt.

Kurzweilig, psychologisch interessant und authentisch - klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Samstag, 3. November 2018

Juli Zeh: Neujahr

- neuer Anfang?

Hörbuch
Am Neujahrsmorgen 2018 sitzt Henning in Lanzarote auf dem Fahrrad. Sein Ziel ist der steile Pass von Fermés, da er sich beweisen will, dass er das schafft. "Erster, erster, erster", betet er sich vor, wenn seine Kräfte ihn verlassen.

Während er einsam gegen Wind und Berg kämpft, lässt er den letzten Abend Revue passieren und reflektiert über sein Leben, das objektiv betrachtet, gut verläuft:
Er liebt seine Frau Theresa, gemeinsam kümmern sie sich um die Kinder Bibi (2) und Jonas (4), wobei er mehr Zeit zu Hause verbringt, da seine Frau besser verdient. Wurmt ihn das? Ist das Grund, warum "Es" immer wieder hervor kriecht.
Henning leidet unter Angstzuständen, hat Panikattacken, die ihn überfallen und mit denen er nicht zurecht kommt. Hat Theresa deshalb den letzten Abend mit dem Franzosen vom Tisch gegenüber Tango getanzt? Wird dieser Urlaub der letzte gemeinsame sein? Während er sich weiter den Berg hinauf quält, beschleicht ihn das Gefühl, dass er diese Gegend kennt. Er erreicht eine einsame Villa, an deren Hauswand viele Spinnen sitzen - schlagartig hat er ein Déja-Vu, er kennt dieses Haus...

Im zweiten Teil des Romans erzählt der vierjährige Henning von einem schrecklichen Erlebnis aus seiner Kindheit, das er bisher verdrängt hat.

Bewertung
Zu Beginn kann man als Elternteil Hennings Gedanken gut nachvollziehen. Wenn er von seiner Erschöpfung spricht, davon, wie anstrengend die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, wie unzufrieden er sich in seiner Rolle fühlt, dann nickt man zustimmend beim Hören und denkt, genauso ist es. Juli Zehs klare Sprache deckt die Widersprüche in Hennings Leben auf, seine Unsicherheit und seine Verzweiflung darüber, dass es scheinbar keinen Grund für die Panikattacken gibt. Besonders gut hat mir der Teil aus der kindlichen Perspektive gefallen - sehr genau beschreibt Zeh, wie die Situation auf ein vierjähriges Kind wirken muss, so dass man zwangsläufig intensiv mitfühlt - viel mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten, aber ich konnte beim 2.Teil fast nicht mehr auf "hören" ;), wozu auch der hervorragende Sprecher Florian Lukas maßgeblich beigetragen hat.
Die psychologischen Ursachen für die Panikattacken, Hennings Reaktionen und Wahrnehmungen während der Fahrradfahrt werden im 2.Teil nachvollziehbar erzählt und den Schluss fand ich ebenso schlüssig wie genial.

Klare Lese-Empfehlung!
Jetzt freue ich mich demnächst auf "Unterleuten", das noch ungehört in meiner Bibliothek auf mich wartet.

Donnerstag, 1. November 2018

Marie Gamillscheg: Alles was glänzt

- im Schatten des Berges.

Der Roman ist mir beim Bloggerportal ins Auge gefallen und aufgrund des Covers habe ich zugegriffen, ohne recht zu wissen, was mich erwartet. Eine positive Überraschung, denn Gamillscheg erzählt subtil, in leisen Tönen und aus unterschiedlichen Perspektiven, wie die Menschen in einem Dorf, das am Hang eines Berges, in dem Erz abgebaut wurde, mit dem allmählichen "Niedergang" leben.

Das Bergwerk ist inzwischen stillgelegt und Risse bereits am Rand des Berges auszumachen, wie die Schülerin Teresa, eine der Protagonisten bemerkt. Nur noch wenige Familien leben im Dorf, nachdem ein Journalist den Untergang vorhergesagt hat - da der Berg irgendwann "zusammenbreche":


"Überall Gänge, Löcher. Höhlen. Stollen und Schächte." (8)

"Der rote Knopf im Schaubergwerk funktioniert nicht mehr, und niemand repariert ihn." (7)

Denn niemand besucht das Dorf, außer Merih, dem Regionalmanager, der den Ortskern neu beleben soll. Aus seiner Sichtweise erfahren wir, dass er die Bewohner überreden will, in die verlassenen Häuser um die Ortsmitte zu ziehen. Unterschriften für ein Landschulheim sammelt, das Museum auf Vordermann bringen will. Insofern steht er für einen Neuanfang - sofern dieser noch möglich ist.

Vor seiner Ankunft ist Martin, ein junger Mann aus dem Dorf, aus einer der Serpentinen am Berg geflogen und tödlich verunglückt. Symbolisch steht er für die Zukunft, er sollte Esther heiraten, Teresas Schwester. Eigentlich will Teresa aufs Konservatorium in der Stadt, nun hat sie Angst, dass es Esther sein wird, die den Ort verlässt und das Gleichgewicht stört.

Eine weitere Perspektive ist die Susas, Wirtin der einzigen Gaststätte "Espresso" und heimliche "Herrscherin" über das Dorf. Sie hält am Status quo fest und arbeitet gegen Merih, während "Wenisch", ein ehemaliger Bergarbeiter, die Erfahrung macht, dass er allein, ohne seine Tochter, die in die Stadt gezogen ist, im Dorf nicht mehr zurechtkommt. Er grübelt darüber nach, ob sein Nachbar Martin seinem Leben willentlich ein Ende gesetzt hat.

Die vier Perspektiven spiegeln die unterschiedliche Sicht auf das Dorf wider, das vom Erzabbau gelebt, den Berg dadurch ausgehöhlt hat, so dass sein Ende bevorsteht (?): Status quo, Neuanfang, Flucht und Einsamkeit treffen aufeinander. Im Raum steht die Frage, ob man verantwortungsvoller mit der Natur hätte umgehen können und müssen.

Interessant sind die Einschübe, die die sagenhafte Geschichte der Entstehung des glänzenden Erz erzählt, am Ende bleiben die Serpentinen, die durch den Abbau entstanden sind und die Namen tragen:

S.195


Diese bilden jeweils die Kapitelüberschriften, von (0,0) bis (1555,3) zurück zu (0,0), wobei das erste und letzte Kapitel insofern einen Rahmen bilden, da sie aus keiner bestimmten Perspektive erzählt werden.
Die Sprache ist sehr reduziert, Gedanken, Wünsche, Ängste werden angedeutet, die Leser*innen sind gefordert, sich ihren Reim auf die Handlungen der Figuren zu machen - es wird wenig erklärt. Erinnert hat mich der Roman an "Bevor alles verschwindet" von Annika Scheffel, da auch dort ein Untergangsszenario im Vordergrund steht, ein Dorf, aus dem die Bewohner flüchten, da es geflutet werden soll. Auch sprachlich und stilistisch gibt es Parallelen.

Lese-Empfehlung!

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Luchterhand, 19.März 2018


Sonntag, 28. Oktober 2018

Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

- Lebensweisheiten.

Lesen mit Mira

Das Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne, d.h. es wird keine Geschichte erzählt, sondern viele kleine Geschichten. Rahmenhandlung ist eine Therapiesituation: Demian, ein Student, sucht Hilfe bei Jorge, einem Gestalttherapeuten, den er wie folgt beschreibt:
"informell, unordentlich, chaotisch, warm, kunterbunt, unberechenbar, und warum es leugnen, ein bißchen schmuddelig."

Jorge ist speziell, wird von Demian "der Dicke" genannt und liebt

"Fabeln [...], Parabeln, Märchen, kluge Sätze und gelungene Metaphern. Seiner Meinung nach war der einzige Weg, etwas zu begreifen, ohne die Erfahrung am eigenen Leib machen zu müssen, der, ein konkretes symbolisches Abbild für das Ereignis zu haben."

Jedes Kapitel beinhaltet solch eine Geschichte, eine Art Gleichnis, das auf Demians Probleme Antworten geben soll. Gleich die erste Geschichte thematisiert, warum es sinnvoll sein kann, sich in der Therapie mit sich und seinen gelernten Verhaltensweisen auseinander zu setzen.

Ein Zirkuselefant, der seit ewiger Zeit an einen Pflock gebunden ist, wird nicht weglaufen, weil er von Anfang an gelernt hat, dass er sich nicht losreißen kann. Irgendwann hat er seine Gefangenschaft akzeptiert und glaubt, selbst wenn kein Pflock mehr da ist, dass er sich nicht mehr befreien kann.

"Wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet."

"Ich kann nicht, und werde es niemals können", lautet die Prämisse, unter der wir unser Leben daraufhin gestalten.

Sowohl Mira und mir hat die Geschichte "Der wahre Wert des Rings" besonders gut gefallen:

"Du bist wie dieser Ring: ein Schmuckstück, kostbar und einzigartig. und genau wie diesem Ring kann deinen wahren Wert nur ein Fachmann erkennen."

Die einzelnen Geschichten bieten viele Denkanstöße und laden dazu ein, nachdem man sie gelesen, darüber nachzudenken. Allerdings geht es Jorge in der Therapie nicht darum, dass Demian seine Geschichten "richtig" interpretiert.

"Wenn sie überhaupt eine Aussage hat, dann nur die, die sie für dich hat."

Es ist ein Buch, das man immer wieder in die Hand nehmen kann, um die ein oder andere Geschichte, in der man sich wiedererkannt hat, erneut zu lesen.
Interessant fand ich die Erklärung zu den unterschiedlichen Therapierichtungen - klassische Psychoanalyse, psychoanalytische, Verhaltenstherapie und die Gestalttherapie, die sich mit der Gegenwart des Patienten beschäftigt und herausfinden soll,

"was in der Person, die sich an den Therapeuten gewandt hat, vor sich geht, und wozu sie in eine solche Situation hineingeraten ist."

Auch philosophische Fragen werden aufgeworfen, wie die nach der Zufriedenheit und der Vorstellung, dass uns immer irgendetwas zu unserem Glück fehlt.

"Wir haben gelernt, daß sich das Glück einstellt, sobald wir das fehlende Stück haben. Und da uns immer etwas fehlt, kehrt der Gedanke an seinen Ausgangspunkt zurück, und man kann niemals sein Leben genießen."

Die Geschichten sind kleine Kostbarkeiten, die man mit Muße lesen sollte, "in der Tiefe jeder Geschichte" kann man, wenn sie einen anspricht und zur eigenen Lebenssituation passt, einen "Diamanten" findet.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

- Schuld und Sühne.

Da ich vor ca. zwei Jahre von Haratischwilis Roman "Das achte Leben" trotz des immensen Umfangs (1280 Seiten!) begeistert war, wollte ich unbedingt auch ihren neuen Roman, der es auf die Short-List für den deutschen Buchpreis in diesem Jahr geschafft hat, lesen. Ich habe mich schließlich für das Hörbuch entschieden - trotz einiger negativer Kritiken, die in Blogger-Kreisen und der Presse kursieren. Glücklicherweise habe ich mir selbst ein Bild gemacht ;)

Worum geht es?
Alexander Orlow, "Der General" genannt, hat sich während des Tschetschenien-Krieges Mitte der 1990er, obwohl er nie in diesen Krieg wollte, wie der Rückblick aus der Sicht des jungen Malish (=Alexander Orlow) verrät, eines Kriegsverbrechen schuldig gemacht.
Eine junge Frau wird vergewaltigt und ermordet. Mit ihr beginnt der Roman, denn Nura lebt in einem Tal bei Grosny. Doch bevor sie das ihr vorbestimmte Leben in der Enge des Dorfes verlassen kann, hält der Krieg Einzug und setzt ihrem Leben brutal ein Ende.
Ein Fall, für das die Autorin ein reales Geschehen vor Augen hatte. (vgl. Rezension beim Deutschlandfunk)

Lange erfahren wir nichts über Nura und den jungen Alexander, sondern die Handlung springt in die Gegenwart, ins Jahr 2016 - zur Katze.
Katze ist eine junge Schauspielerin, Sesili, Georgierin, die in Berlin lebt. Sie gleicht der ermordeten Nura so sehr, dass der General sie engagieren möchte, um das zu Ende zu führen, was in der Mitte der 90er Jahre misslang - er will für Gerechtigkeit sorgen.
Mithilfe des Journalisten Onno Bender, der seit Jahren versucht, mehr über die Lebensgeschichte des Generals und vor allem über seinen märchenhaften Aufstieg nach dem Krieg herauszufinden, will Orlow sie überreden, ein Video zu drehen.
In diesem Video soll sie die tote Nura verkörpern. Alexander Orlows Plan ist es, die damaligen Verantwortlichen an dem Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Er selbst hatte sich nach dem Tod der jungen Frau angezeigt, doch das Verfahren wurde abgebrochen, nachdem der Rechtsanwalt, der die Familie Nuras vertrat, ermordet wurde. Daraufhin lässt sich Malish (Alexander) auf einen faulen Kompromiss ein. Inzwischen hat der General das Geld und die Macht, diejenigen, die damals beteiligt waren, zur Rechenschaft zu ziehen.

„Nun war er mächtig genug, brauchte keine Gerichte und keine Staatsanwälte, keine Richter und keine Zeugen mehr, er war jetzt sein eigenes Gericht. All das, was damals versäumt wurde, hatte er nun selbst in der Hand. Aus jetziger Sicht erschien es ihm nahezu kindlich naiv, dass er sich einmal an die Illusion von Gerechtigkeit geklammert hatte.“

Welche Rolle spielt Onno, der den Spitznamen "Die Krähe" hat, dabei? Onno war einst mit Orlows Tochter Ada liiert, die jedoch inzwischen tot ist. Selbstmord? Auch sie wollte die Wahrheit über das in Erfahrung bringen, was wirklich in Tschetschenien geschehen ist, wollte wissen, ob ihr Vater der Mörder Nuras ist.

Die Handlung springt zwischen den Zeitebenen und den Perspektiven der einzelnen Figuren: die Katze, der General, der junge Alexander (Malish), die Krähe und Nura. Aber auch Nebenfiguren werden sehr ausführlich vorgestellt, so dass die Kritik, die Geschichte ufere aus, berechtigt scheint.
Andererseits eröffnet der Einblick in verschiedene "Köpfe" mögliche Antworten auf die Frage, wie dieses furchtbare Verbrechen geschehen konnte. Die Frage, die die Autorin umtreibt ist: Wer kann eine solche Tat begehen, wie kann man mit der Schuld leben und kann es eine Form von Gerechtigkeit für Nura geben?

Bewertung
Haratischwili lässt sich Zeit beim Erzählen, die einzelnen Figuren haben Platz sich zu entfalten und gerade beim Hören ist mir am Anfang schwer gefallen, die losen Fäden zusammenzuspinnen. Doch nach einiger Zeit entwickelt sich ein Sog, so dass ich die fast 24 Stunden Hörzeit insgesamt als sehr kurz empfunden habe, wozu auch die hervorragenden Sprecher beigetragen haben.
Sehr eindringlich fand ich die Szenen aus Tschetschenien, die der junge Malish erzählt. Seine Wandlung zum General sowie Katzes Identifikation mit Nura sind psychologisch am schwierigsten nachzuvollziehen. Haratischwili bezieht zu dieser Kritik im Deutschlandfunk Stellung:

„Was mich eigentlich viel mehr interessiert hat, war erstmal: Was passiert, wenn man Menschen in rechtsfreie Räume schickt? Was ist da möglich? Was sind das für Mechanismen? Sind alle Menschen gleich? Kann jeder potenziell zu einem Mörder werden? Kann jeder all das tun, was sie da in Tschetschenien tun? Oder gibt es auch Ausnahmen?“ 

Die Antwort in ihrem Roman ist eindeutig. Krieg "entmenschlicht" und letztlich gibt es keine Gewinner, sondern nur Verlierer.

Lese- bzw. Hör-Empfehlung!

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Marion Bischoff: Heidelbeerfrau

Historischer Roman

"Heidelbeerfrau" ist die Fortsetzung von "Heidelbeerkind" und erzählt die Geschichte Elises, die in Clausen während des 2.Weltkrieges einen Deserteur - Julius- gesund gepflegt hat und sich in ihn verliebte, weiter. Julius musste, da sie verraten wurden, fliehen, so dass er nicht weiß, dass er Vater eines kleinen Jungen, Reinhard, ist.

Im Prolog erfahren wir, dass Julius auf der Flucht in französische Kriegsgefangenschaft geraten ist, in der er von einem Bauer misshandelt wird. Er traut sich nicht Elise von seinen Sorgen zu schreiben, so dass diese in Ungewissheit lebt, ob er noch am Leben ist.

Die Handlung, die aus der personalen Perspektive Elises erzählt wird, setzt am 20. August 1945 ein. Elise arbeitet inzwischen in Heimarbeit für einen Schuhfabrikanten in Pirmasens, dessen Fabrik zwar in Schutt und Asche liegt, der aber sein Material hatte retten können. Aus dem Leder, das sie von ihm erhält, nähen sie und ihre Mutter Schuhe. Gleichzeitig versorgt sie Ferdinands Hof samt dessen Kühe. Als ehemaliger Nationalsozialist, der sich hat blenden lassen, ist er auf der Flucht vor den französischen Machthabern. Von der Milch ernährt sie ihren kleinen Reinhard und stößt heimlich Butter, obwohl sie die gesamte Milch eigentlich abgeben müsste. Die Butter wiederum tauscht sie gegen zusätzliches Leder, die Schuhe dienen als Tauschmittel auf dem Schwarzmarkt.
Obwohl der Krieg zu Ende ist, geht es den Menschen in der Pfalz weiterhin schlecht.

"Mutter kam einfach nicht darüber hinweg, dass sie es nach wie vor kaum schafften, den Hunger der ganzen Familie zu stillen" (14),

zu der noch Elises kleiner Bruder Hans sowie der Großvater gehören. Hinzu kommen die Verleumdungen gegenüber der jungen Frau, die das uneheliche Kind eines Deserteurs groß zieht.

Auf Ferdinands Hof, der im Krieg einen Holzhandel betrieben hatte, findet Elise plötzlich einen Brief, in dem er sie auffordert, die Kühe zu verkaufen, damit er neue Papiere bekommt.
Wie soll sie dann ihren Sohn ernähren? Da scheint das Angebot des Schuhfabrikanten Weber verlockend, der Schuhe an die Franzosen liefern will und dafür jemanden braucht, der die Schuhe übergibt. Eine gefährliche Aufgabe, da dies verboten ist - allerdings könnte Elise neue Aufträge gut gebrauchen.

Ein weiteres Problem taucht in Gestalt ihrer ehemaligen Freundin Gerda auf, die Elise am Felsen bei den Heidelbeerbüschen völlig aufgelöst findet.

"Vor Elises innerem Auge tauchten verstörende Bilder auf, als Gerdas Vater zu ihnen nach Hause gekommen war und Elise hatte verhaften wollen. Weil sie einen Deserteur versteckte. [...] Unwillkürlich verkrampften sich ihre Muskeln, wenn sie daran dachte, dass dieser Nazi völlig unbehelligt geblieben war. Sogar als Bürgermeister tat er jetzt seinen Dienst." (40)

Dass überzeugte Nationalsozialisten auch nach dem Krieg Karriere gemacht haben, ist inzwischen hinreichend untersucht und belegt. Bischoff zeigt jedoch eindrucksvoll auf, wie auch im Kleinen die Einstellung bewahrt wird, der verlorene Krieg nicht automatisch zur Läuterung geführt hat. So äußert ein ehemaliger Frontsoldat, der früher für Ferdinand gearbeitet hat:

"Wir haben alle Dinge getan, die wir besser nicht getan hätten. Aber es war ja auch nicht alles schlecht" (198),

und verweist darauf, man habe sich ja gegen die Polen wehren müssen. Damit übernimmt er die Lügen des nationalsozialistischen Regimes und trägt sie auch nach dessen Untergang weiter.

Bischoff deckt diese Verdrängungsmechanismen auf und zeigt eindrücklich die desolaten Lebensbedingungen in Clausen nach dem Krieg, die Verdrängung dessen, was der Nationalsozialmus in Deutschland angerichtet hat und am Beispiel von Gerdas Vater auch, die mangelnde Aufarbeitung bzw. Bestrafung derer, die aktiv daran beteiligt waren.
Dass die Autorin für ihre Recherche mit vielen Zeitzeugen gesprochen hat, wie sie im Nachwort verrät, wird in der authentischen Schilderung des Alltags in der harten Nachkriegszeit deutlich. Darin liegt meines Erachtens die Stärke des Romans, wobei die sympathische Protagonistin als Identifikationsfigur und moralischer Kompass dient und viele Schicksalsschläge hinnehmen muss.

Wird sie ihren Julius wiedersehen und ihrer Freundin Gerda, die in einer ähnlichen Situation ist wie Elise im "Heidelbeerkind" helfen können?

Eine gelungene Fortsetzung, die die Alltags-Geschichte in den Vordergrund stellt und sie spannend, wenn auch sehr konventionell, erzählt.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Der Roman ist im Rhein-Mosel-Verlag erschienen und umfasst 234 Seiten.

Donnerstag, 18. Oktober 2018

Christian Rupprecht: Die zwei Gesichter der Mona Lisa

- rasante Krimi-Komödie.

Im Mittelpunkt der amüsanten Geschichte steht die attraktive 37-jährige Restauratorin Maria Felicella, die seit Jahren ihrem Ex-Freund Paolo nachtrauert. Laut Aussage ihrer besten Freundin Emma ein nicht zu ertragender Zustand.

"Doch während Emma sich scheinbar spielerisch durchs Leben treiben, sich mal hier, mal da pflücken ließ und dabei ihren Spaß hatte, herrschten in Marias Leben Regeln und Moralvorstellungen, die von ihrer kalabresischen Großmutter hätten stammen können. Und in ihrem Leben somit die Vergnügungs-Dauer-Ebbe." (13)

Im Rahmen einer Ausstellung plant die Galeria Borghese in Rom eine Ausstellung der Werke Leonardo da Vincis, dazu soll aus Paris die Mona Lisa ausgeliehen werden - allerdings weigert sich der Chef des Louvres Henry Nemours in letzter Sekunde sie nach Italien zu schicken. Sowohl Maria, die die Mona Lisa untersuchen wollte, als auch Signoria Antonia Garibaldi, die die echte Mona Lisa heimlich durch eine Kopie ersetzen will, sind außer sich.

Statt das berühmteste Lächeln der Welt zu erforschen, reist Maria nach New York, wo sich bei Richard Shepard Studien zum berühmten Porträt befinden, gleichzeitig könnte er für die Galeria Borghese eine gutes Wort bei Nemours einlegen, da sich beide kennen. Zudem hat Shepard kürzlich das berühmte Gemälde Narziss von Caravaggio gekauft, das die Galeria aus finanziellen Gründen veräußern musste. Ausgerechnet der Narziss, Marias Lieblingsgemälde, denn

"der Narziss, dieser schöne, unglückliche Junge, der in sich selbst verliebt ist und daran zugrunde geht, dieses Meisterwerk von Caravaggio war für Maria etwas ganz Besonderes. [...] dieser verschlossene, autistische, verlorene, tödlich in sich selbst verdrehte Jüngling schien Sinnbild, Parabel und Allegorie auf ihr Denken, Fühlen und Handeln zu sein. Auf sie selbst, die hoffnungslos Ausgeschlossene, hoffnungslos Betrachtende, für immer unglücklich Liebende." (25)

In New York stellt sich das Gemälde als Fälschung heraus, wie soll Maria damit umgehen, vor allem da die Tochter der Garibaldi es für Richard Shepard eingekauft hat? Und dann lernt sie noch einen äußerst attraktiven Mann kennen, der in der Lage zu sein scheint, sie endlich von der Trauer um Paolo befreien zu können.

"Der Traummann. Ihr Traummann. Den es für sie natürlich gar nicht gab. Sie gab sich die gefühlte Ewigkeit einer Traumsekunde dieser Wahnvorstellung von Kitsch und Künstlichkeit hin, einem Bild, das jedem kleinen Mädchen als das Glück auf Erden eingetrichtert wird und das jedes kleine Mädchen, so es eines Tages zur freienden Maid herangewachsen ist, verarbeiten muss." (101)

Während Maria in New York ist, zieht in Paris die Garibaldi die Fäden. Über einen Mittelsmann - "Und ja, er war das Böse in dieser Frauengeschichte" (103) -  will sie erreichen, dass die Mona Lisa doch noch nach Italien gelangt.

"So. Mal überlegen. Was bisher geschah: "Die Mona Lisa kommt nicht nach Italien. So weit, so gut. Aber so soll es nicht bleiben. Ich, Flavio Malandrolo, muss und werde also dafür sorgen, dass sich das ändert. Und wen darf ich dafür etwas bearbeiten?" (70)

Über den Sicherheitschef des Louvre, Gustave Dupont, der Flavio erstaunlicherweise gleicht, will er an Henry Nemours und schließlich an die Mona Lisa gelangen. Ob es ihm gelingt, sie der Garibaldi zu bringen?

Bewertung
Der Roman kommt genauso locker-leicht daher, wie es sein Cover verspricht. Eine überaus amüsante Kriminal-Geschichte, bei deren Lektüre ich oft herzhaft lachen musste. Skurrile Szenen, unerwartete Wendungen, herrlich überzeichnete Figuren und das Spielen mit gängigen Klischees sorgen für Spaß beim Lesen.
Glücklicherweise hat sich Rupprecht, der Tür an Tür mit dem Louisoder-Verlag wohnt, entschieden sein Manuskript dort abzugeben.

Vielen Dank an den Louisoder-Verlag für das Lese-Exemplar!

Sonntag, 14. Oktober 2018

Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 2018


In der Hoffnung, dass am Donnerstag etwas weniger los sein würde als freitags, traf ich mich mit meiner Lesefreundin Mira, um gemeinsam die Buchmesse zu erkunden - im Schlepptau vier Mädchen, meine eigenen und zwei Freundinnen. Langweile sollte also nicht aufkommen.

Nachdem wir durch Halle 3.1 geschlendert waren, der Hobbit Press des Klett-Cotta Verlages unseren Besuch abgestattet hatten, stand um 11.00 Uhr das Interview mit der diesjährigen Buchpreis-Gewinnerin Inga-Maria Mahlke, die von Takis Würger vom Spiegel befragt wurde, auf dem Plan.

Gefragt danach, wie es ihr ginge, gab sie zu, das alles sei wie ein unglaublicher Film, erst nächste Woche werde sie wahrscheinlich realisieren, was es bedeute, den Deutschen Buchpreis gewonnen zu haben.
Für ein Porträt hatte Würger sie bereits in Teneriffa besucht, gerade zu der Zeit, als bekannt wurde, dass ihr Roman es auf die Longlist geschafft hat, deshalb duze er sie, erklärte Würger den Zuschauer*innen, um immer wieder ins "Sie" zu verfallen - der offizielle Anlass ;)

Der Roman erzählt anhand dreier Familien die Geschichte Teneriffas  - rückwärts.
Mahlke erklärte, sie misstraue Kausalitäten und dem Bestreben im Rückblick Erinnerungen glätten zu wollen, um Kohärenz herzustellen. Sie interessiere sich aber gerade für die Brüche, diese wolle sie sichtbar machen, daher das Erzählen in die Vergangenheit hinein. Dieser erzähltechnische Ansatz macht mich neugierig, die Entscheidung den Roman zu lesen, fiel genau in diesem Moment und spätestens nach der Lesung einiger Seiten - denn Mahlke beschreibt gekonnt minutiös eine einzelne Szene, so dass sie sofort vor dem inneren Auge entsteht.
Ihre Figuren ergeben sich aus dem Schreibprozess, ein Satz steht zunächst allein, dann folgen weitere...sie stellt sich vor, wie ihre Figuren in Alltagsszenen agieren. Die Art und Weise, wie jemand sein Bett mache, sage viel über die Person aus, erklärt sie.
Warum Teneriffa? Ihre Mutter stamme von dort und nein, ihr Vater habe keine Eingeborene geheiratet, wie sie oft gefragt werde, sondern ihre Mutter kam nach Deutschland und lernte hier ihren Mann kennen. Obwohl sie in ihrer Kindheit jede Ferien auf der Insel verbracht habe, habe sie erst in den Recherchen zu dem Roman diese neu kennen gelernt -  sei sich ihrer Historie bewusst geworden. Sie habe viele Fotos von den gleichen Orten betrachtet und kleine Details, die sich im Lauf der Zeit verändert hätten, bemerkt.
Sie liebe diese Insel, das anarchische Element. Oft gebe es eine Reihung absurder Ereignisse, wie ein flatterndes Huhn im Wohnzimmer, das von einem Hund gerissen werde. Wie bekommt man Hühnerblut aus dem Perser?
Ihre Figuren seien fiktiv, sie empfinde es als übergriffig, wenn man reale als Vorbilder nehme und nach Abschluss der Geschichte müsse man sie loslassen. So brutal es klinge, sie müssten sterben. Trotz dieser Aussage wirkte die Buchpreisgewinnerin sehr sympathisch und hat mich mit dem, was sie erzählte, überzeugt, ihren Roman zu lesen.

Währenddessen hörten sich die Mädels einen Vortrag vom kleinen Verlag "Traumfänger" über die Darstellung von Indianern in der Literatur. Da sie die einzigen Kinder waren, wurden sie anschließend von einem Redakteur der FAZ interviewt, ich bin gespannt, ob ein Artikel daraus wird.

Im Anschluss daran nutzte ich die Zeit den kleinen, aber sehr feinen unabhängigen Louisoder-Verlag aus München zu besuchen, dessen Neuerscheinungen sich im Frühjahr und Herbst auf jeweils zwei beschränken. Schwerpunkt sind einerseits Romane aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, die in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben sind, wie zum Beispiel die amüsanten Romane von Wilson Collison, "Die Nacht mit Nancy" und "Tod in Connecticut", die ich mit großem Vergnügen gelesen habe.

Ein Roman gegen das Vergessen
Aber auch aktuelle Literatur und Newcomer werden verlegt. Jakob Schön (Presse) erzählte mir, wie der Roman "Die zwei Gesichter der Mona Lisa" ins Verlagsprogramm gelangt ist. Der Autor, ein promovierter Theologe, wohnt Tür an Tür mit dem Louisoder-Verlag, der nichts von den schriftstellerischen Ambitionen seines Nachbarn gewusst hat. Eines Tages stand Christian Rupprecht vor der Tür und bot sein Manuskript an. Glücklicherweise entschied sich der Verlag es herauszugeben, demnächst gibt es hier eine Rezension dazu.
In den Buchhandlungen erfährt der Verlag, 2012 von Gerdt Fehrle gegründet, selbst Autor, kontinuierlich mehr Beachtung, obwohl oder gerade weil er außergewöhnliche Bücher jenseits des Mainstreams verlegt.

Auf der ARD-Bühne bekam ich noch den Rest von Volker Kutschers Interview über "Der nasse Fisch" und die Serie "Babylon Berlin" mit, die Suchtfaktor hat - wie ich bestätigen kann. Viel Recherche stecke in seinen Romanen, ein neuer sei in Arbeit. Das freut mich natürlich, denn ich habe die ganze Reihe um Gereon Rath verschlungen.

Im Anschluss stand Bodo Kirchhoff auf der Bühne und wurde zu seinem neuen Roman "Dämmer und Aufruhr" befragt, in dem er seine frühe Kindheit und Jugend thematisiert. Erst nach dem Tod seiner Mutter habe er über diese Zeit schreiben können. Um eine Distanz zum Geschehen herzustellen, gebe es drei Erzählebenen. Das erlebende Ich - die kindliche Perspektive -, den erinnernden Autor und ein Gespräch zwischen der 90-jährigen Mutter und dem Erzähler. Die Erinnerungen folgen alten Fotos, wie das mit Max Schmeling, mit dem Kirchhoff gemeinsam einen Film gedreht hat, wobei er selbst nur eine kleine Rolle innehatte. Da die Erinnerungen lückenhaft sind, werden fiktive Elemente hinzugefügt - die eigene Geschichte wird funktionalisiert - genau das, was Mahlke in ihrem Roman durch das Rückwärts-Erzählen vermeiden will. Allerdings erzählt sie nicht ihre eigene Geschichte, wie Bodo Kirchhoff, der als 10-Jähriger in ein Internat abgeschoben wurde, wo er von einem Lehrer "erwählt" wurde. Im Nachhinein müsse man von Missbrauch sprechen, allerdings möchte er die Geschichte dahinter berücksichtigt sehen. Kirchhoff erklärt, wenn eine Frau im Krieg von Soldaten vergewaltigt werde, sei dies ein eindeutiger Fall, in anderen müsse man die Geschichte dahinter berücksichtigen. Leider hat die Moderatorin an diesem Punkt nicht nachgehakt, wo zieht er die Grenze? Ein sensibles Thema, für das Kirchhoff meiner Meinung nach nicht die richtigen Worte gefunden hat. Mira und ich überlegen noch, ob wir seinen Roman lesen sollen.

Gemeinsam mit den beiden älteren Mädchen (14 und 13) besuchte ich das Interview mit Reiner Engelmann zu seinem Roman "Der Buchhalter von Ausschwitz". In seinem Jugendbuch erzählt er die Geschichte Oskar Grönings, der sich mit Anfang 20 freiwillig zur SS gemeldet hat. Seine Aufgabe in Ausschwitz, für die er eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben musste, bestand darin, das Geld der "Häftlinge" zu verwalten und Dienst an der Rampe zu tun, wo das Gepäck abgegeben werden musste. Gröning hat nach dem Krieg über seine Tätigkeit geschwiegen, Anfang der 80er Jahre stellte er sich jedoch gegen die Holocaust-Leugner, ohne jedoch eine persönliche Schuld einzugestehen. Anfang 2015 wurde er wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, betonte jedoch in der Verhandlung, er habe nur seine Pflicht getan. Engelmann sagte, dass er Jugendliche weniger die Frage stellen möchte, wie sie sich in dieser Situation verhalten hätten, sondern wichtiger sei, wie verhalte ich mich in der aktuellen politischen Lage, in der ein Rechtsruck durch die Gesellschaft geht. Im besten Fall könne man aus der Geschichte lernen - sein Roman leistet einen wichtigen Beitrag dazu.

Zum Abschluss besuchte ich gemeinsam mit Mira den Diogenes-Talk im neuen Pavillon. Befragt wurden neben Verleger Philipp Keel die Krimiautor*innen Katrine Engberg  und Mike Herron. Ihre Romane "Krokodilwächter" und "Slow Horses" habe ich beide gelesen und so war es besonders interessant zu erfahren, wie sie auf die Idee zu diesen Geschichten gekommen sind.
Engberg unternahm vor 5-6 Jahren einen Spaziergang mit ihrer Familie, zu der Zeit, als der Meteoritensturm Laurenzi gerade am Himmel zu sehen war. Gleichzeitig entdeckte sie ein Klingelschild: Familie Laurenti und plötzlich war die Protagonistin ihres Romans, Esther de Laurenti, da. Sie wusste, sie mag dicke, kleine Hunde und Rotwein und zog bei Katrine Engberg ein. Entstanden ist ein sehr spannender Krimi, der mit der Meta-Ebene spielt. Laurenti schreibt nämlich einen Krimi, der dann Wirklichkeit wird. Was war zuerst da? Der Mordfall oder das Manuskript? Inzwischen sind zwei weitere Fälle des sympathischen Ermittler-Duos Jeppe Körner und Anette Werner im Dänischen erschienen, hoffentlich werden sie ins Deutsche übersetzt.
Beim Agententhriller "Slow Horses" entschied sich der Verleger gegen den deutschen Titel, "Langsame Pferde" verkauften sich nicht. Angesprochen darauf, warum das Cover von den üblichen bei Diogenes abweiche, verriet Philipp Keel, die Buchhändler hätten gefordert, ein Thriller müsse anders verpackt sein. Inzwischen beschwerten sie sich, er sähe ganz anders als die anderen Diogenes-Bücher aus ;)
Mike Herron gab zu, dass er Recherche-Arbeit hasse, trotzdem sei ihm von einem ehemaligen Spion bescheinigt worden, seine Romane seien sehr realistisch - das habe ihn zutiefst beunruhigt. In all seinen Antworten scheint der trockene britische Humor durch, der auch seinen Roman durchzieht. Insgesamt scheint die Stimmung beim Verlag locker und gelöst zu sein, schenkt man den dreien Glauben, in ihren Gesprächen werde viel Wein getrunken. Leider konnte ich die zweite Runde mit Anne Reinecke, Benedict Wells und Chris Kraus aus Zeitgründen nicht mehr hören. Schade, denn Reineckes Roman "Leinsee" gehört bisher zu meinen Lieblings-Büchern in diesem Jahr. Und auf Benedict Wells, den ich vielleicht in einer Leserunde auf whatchaReadin lesen kann, freue ich mich besonders - genauso wie auf meinem Besuch im nächsten Jahr.




Dienstag, 9. Oktober 2018

Nina George: Die Schönheit der Nacht

- die Gewordene und die Werdende.

Lesekreis in der Bücherhütte Wadern


Im Mittelpunkt dieses Romans stehen zwei Frauen: Claire und Julie, die sich zufällig in einem Hotel in Paris begegnen, in dem Claire eine Nacht verbringt und ihren Mann Gilles betrügt - als Ausgleich für sein Fremdgehen.

"Wenn ein Fremder sie umfasste und nichts davon wusste, nichts erwartete, und ihn das Fehlen jener Claire, die andere in ihr sahen, nicht mal irritierte, dann löste sich alles auf" (16)

- Erwartungen, die an Madame le Professeur, an die Verhaltensforscherin, Ehefrau und Mutter gestellt werden.

Julie arbeitet in jenem Hotel und während sie ein Zimmer reinigt, singt sie heimlich, was sie jedoch gegenüber Claire leugnet, als sie im Flur aufeinander treffen.

"Als sich die Tür der 22 öffnete, der Gesang abbrach, stellte Claire fest, dass Stimmen nur eine akustische Umrandung der inneren Beschaffenheit nachzeichnen und das Äußere meist unvermutet anders ist. [...]
Zwei Ertappte, dachte Claire, die entblößt voreinanderstehen und die andere am liebsten dafür ohrfeigen würden." (13-14)

Die Überraschung ist groß, als sie sich anschließend zum Abendessen in Claires Zuhause  wiederbegegnen. Denn Julie ist die Freundin von Claires und Gilles´ Sohn Nicolas - doch Julie tut so, als sähen sie sich zum ersten Mal, während Claire ihr zu verstehen gibt, sie müsse weder Nicolas noch Gilles anlügen.

Gilles, ein Künstler, der Filmmusiken schreibt, das Kochen liebt und ein Genussmensch zu sein scheint, betrügt ebenfalls seine Frau, wofür diese sogar Verständnis zu haben scheint.

"Sie wusste, dass Gilles´Geliebte nichts mit ihr zu tun hatten. Sondern nur mit ihm. Darüber je zu sprechen, ihr Wissen preiszugeben, hätte bedeutet, dass es in diese Küche gelangt wäre. In dieses Leben, in ihr Bett, in ihren Kopf. Ressourcenverschwendung. Sie hasste es, zu viel Kraft für Emotionen auszugeben, die nichts an der Vergangenheit änderten." (29)

Sie glaubt, er bräuchte die Affären, weil er in einer beruflichen Krise stecke und frustriert sei, dass sie das Geld verdient. Ob sie wirklich so rational damit umgeht, wie sie die Leser*innen in ihren Reflexionen Glauben macht?

Die Ehe zwischen Claire und Gilles ist an einem Punkt angelangt, an dem das Ungesagte, das Schweigen permanent greifbar ist, aber keiner ausspricht, ob noch etwas übrig bleibt, wenn das Verbindende, der gemeinsame Sohn auszieht, um in Straßburg zu studieren.

Vielleicht aus Angst, die "Geister in einer Flasche" (39) kämen heraus, lädt Gilles Julie spontan ein, den Sommer gemeinsam mit ihnen in der Bretagne zu verbringen. Dort hat Claire von ihrer Großmutter väterlicherseits, der Schriftstellerin Jeanne Le Du, ein Haus geerbt. Jeanne Le Du hatte sich bereit erklärt, nachdem die Mutter der Kinder in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde, sich um die Kinder zu kümmern. Claire findet am Meer, im Beisein ihrer Großmutter, endlich Ruhe und kann die Verantwortung für ihre Geschwister, die sie bereits als 6-Jährige übernommen hat, obwohl diese älter sind, teilweise abgeben. Nur im Meer fühlt sie sich im Einklang mit sich selbst und frei - das hat sie Jeanne zu verdanken.

Claire ist geworden - eine Verhaltensbiologin, die sich jederzeit unter Kontrolle hat und alles stets zu analysieren scheint - sich selbst und das Verhalten der anderen. Wann ist sie versteinert und hat nach außen keine Gefühle mehr zugelassen, obwohl sie in ihr brodeln? Seit sie als Elfjährige die Verantwortung für ihre Geschwister übernommen hat? Warum hat sie sich zusammengefaltet statt sich zu entfalten?

Julie hingegen ist im Werden, eine Frau, die noch nicht weiß, wer sie ist. Die leidenschaftlich singt, aber niemandem davon erzählt - Angst hat, laut zu singen.

"Dieses Gefühl, ein Niemand zu sein. Während alle um einen herum ein Jemand waren." (54)
"Sie sehnte sich voller Unruhe nach jemandem oder nach etwas, über dem sie ihre Hitze ausgießen konnte. Sie sehnte sich nach Blut, nach Rausch, nach Lebenslust, nach Grenzen, die sich verschoben, so dass sie endlich sehen konnte, wo ihr Leben hinführte, sie wollte Farben und Wahrheit und Intensivität und leben, satt werden, mehr als satt! Nur: wie?" (98)

Ob Nicolas dieses Verlangen stillen kann?

Abwechselnd aus der Sie-Perspektive der beiden Frauen, an deren Gedankenstrom die Leser*innen teilhaben, erzählt der Roman von der Begegnung dieser beiden Frauen, die an einer Wegkreuzung stehen. Ihre Annäherung führt dazu, dass sich ihrer beider Leben verändert.


Bewertung und Diskussion im Lesekreis

"Beeindruckender Roman", das war der Tenor im Lesekreis. Die Figuren sind "glaubwürdig" und ihre Entwicklung ist nachvollziehbar. Claire - eine starke Protagonistin, die als Verhaltensforscherin für interessante Erkenntnisse während des Lesens sorgt.

Warum finden Männer nie etwas im Kühlschrank?
"Weil es sich nicht bewegt. Würde der Abwasch tanzen oder die Wäsche sich von allein auf die Maschine zubewegen, dann würden die Objekte über jene Reizaufmerksamkeitsschwelle steigen, die das testosterongesättigte Gehirn benötigt, im eine Aktion einzuleiten, wie etwas Jagd oder erhöhte Wachsamkeit. [...]
Das war natürlich vulgär-populistischer Genderquatsch, aber hatte zumindest zu einem gewissen Verständnis von visuellen Reizschwellenmustern beigetragen." (169)

Nina Georges Roman spricht meines Erachtens Frauen an, vielleicht vor allem die im mittleren Alter, die "geworden" sind und sich nun fragen, ob sie den eingeschlagenen Weg weiter gehen wollen oder doch eine neue Richtung einschlagen möchten. Die Reflexionen Claires laden dazu ein, sich mit dem eigenen Leben auseinander zu setzen, genauso wie die Gedanken Julies, deren Lebensweg erst eine Richtung finden muss. Damit wird es auch eine spannende Lektüre für Frauen Anfang 20, denn auch Julies Leben erfährt eine Entwicklung.
Die Begegnung der beiden Frauen führt dazu, dass Julie sich ihrer selbst bewusst wird und auch Claire ihren bisherigen Lebensentwurf in Frage stellt. Von der Thematik her ein Roman, der mich angesprochen hat, auch deshalb, weil Claire in ihren Gedanken die gängigen Verhaltensstereotype von Frauen und Männern seziert.
So beschreibt sie treffend, wie Mädchen und Jungen sich an einem Strand tummeln, den Erwachsene meiden.
"Die Mädchen lagen in Grüppchen zusammen, unter der Düne, die Jungen weiter vorne, näher am Meer. Nie zu nah beieinander, nicht am Tag, auf keinen Fall, das konnte alles verderben, alles. Es gab Regeln an diesem Strand, und sie waren gleichsam unausgesprochen und voller Verheißung." (113)

Eine Situation, die Nina George, wie sie im Nachwort schildert, selbst beobachtet hat. Junge Menschen, die "sehnsüchtig [warteten], dass es endlich losging. DAS LEBEN! sie warteten, dass ihnen jemand geschah. Oder etwas." (309)

Eine Beobachtung, die sie dazu gebracht hat, über ihr eigenes Leben nachzudenken, und so entstand die Idee, über Claire und Julie zu schreiben. Eine gewordene Frau und eine werdende, die sich gegen die gängigen Klischees wenden und einen Weg jenseits betretener Pfade einschlagen.

"Metaphernreich", ein Roman, in dem eine Vielzahl "rhetorischer Mittel gekonnt und funktionell eingesetzt werden" - waren im Lesekreis Stimmen zur Sprache Georges. Gegen Ende war es einigen von uns "too much" der Bilder, im Bestreben die Gedanken und Gefühle Figuren besonders anschaulich darzustellen.

Kann man darüber hinwegsehen, wenn die Bildsprache ein wenig ausufert, dann wartet eine interessante Geschichte auf die Leser*innen und dazu ein Angebot, das eigene Leben zu reflektieren - meisterhaft angeregt von Nina George mit ihrem klugen Blick auf Menschen und deren Interaktionen.

Buchdaten:
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
Knaur Verlag, Mai 2018


Mittwoch, 3. Oktober 2018

T.C. Boyle: Das wilde Kind

Kurzrezension

Meine bisherigen Erfahrungen mit Boyle beschränken sich auf seinen Erstling "Wassermusik", zu dem ich thematisch wenig Zugang gefunden habe, während mich die Sprache begeistert hat. Ein Freund hat mir, um mich weiterhin zu motivieren, Boyle zu lesen, "Das wilde Kind" empfohlen. Es scheint, seine Rechnung ist aufgegangen - der nächste Boyle liegt schon auf meinem Stapel und wird "América" sein.

Worum geht es?
In der Novelle erzählt Boyle von einem "Wolfskind", das tatsächlich gelebt hat. Victor von Aveyron wurde um 1788 geboren und um die Jahrhundertwende gefangen genommen.

Zunächst haben Jäger den Jungen im Wald entdeckt.

"Es schien sich um ein Kind zu handeln, um einen vollkommen nackten Jungen, dem Kälte und Regen offenbar nichts ausmachten." (5)

Dann begegnet ihm wenige Zeit später ein Bauer, so dass die Legende vom wilden Kind entstehen kann:

"Eine unnatürliche Stille lag über dem Land: Die Vögel in den Hecken hielten den Atem an, der Wind erstarb, ja selbst die Insekten verstummten. Dieser unverwandte Blick- die Augen, so schwarz wie frisch gebrühter Kaffee, das Fletschen bräunlich verfärbter Zähne - war der Blick eines Wesens aus dem Spiritus Mundi: fremd, gestört, hassenswert." (6)

Boyle gelingt es, nicht nur die Perspektive der Bauern und Jäger zu schildern, sondern auch sich der Sicht des Jungen zu nähern, der, als er schließlich gefangen wird, von der Situation völlig überfordert ist.
"Man stelle sich ihn vor, denn er selbst war dazu nicht imstande. Er kannte nur das Unmittelbare, spürte nur was seine Sinne ihm mitteilten." (7)

Er ist fünf Jahre alt, als er aufgegriffen wird. Der Versuch seiner Stiefmutter ihn im Wald zu töten, ist fehl geschlagen, so dass er sich alleine durchschlagen musste - ohne die menschliche Sprache zu lernen und die Regeln des Zusammenlebens erfahren zu haben.

Er wird zum Spielball von Wissenschaftlern, die herausfinden wollen, ob er sich zivilisieren lässt.

"Hier, dachte er, bot sich die Gelegenheit - sofern es sich nicht um eine Monstrosität oder einen aus irgendeiner privaten Menagerie ausgebrochenen afrikanischen Affen handelte-, Rousseaus Hypothese vom edlen Wilden auf die Probe zu stellen." (25)

Von Abbé Pierre-Joseph Bonnaterre, Professor für Naturgeschichte, gelangt er zu Abbé Roch-Ambroise Sicard vom Taubstummeninstitut in Paris, da man annimmt, er könne nicht hören.
Während Sicard aufgibt, versucht sich ein junger Arzt, Jean-Marc Gaspard Itard, daran, Victor, so wird er inzwischen genannt, etwas beizubringen - ohne Erfolg.

"Er wollte die Thesen von Locke und Condillac überprüfen: War der Mensch bei seiner Geburt eine tabula rasa, ungeformt und ohne Ideen, bereit, von der Gesellschaft beschrieben zu werden, erziehbar und imstande, auf dem Weg zur Vervollkommnung voranzuschreiten?" (53)

Bewertung
Dass Itard scheitert, aus Victor ein Mitglied der Gesellschaft zu machen, deutet der Erzähler zu Beginn an. Die Fragen, die sich stellen, sind:

  • warum gelingt es ihm nicht, dem "wilden Kind" das Sprechen beizubringen,
  • warum kann er den Jungen nicht zu einem sozialen Wesen erziehen, das die Bedürfnisse anderer Menschen erkennt und respektiert.
Liegt es an seinen Methoden - am System von Belohnungen und Bestrafungen oder an der mangelnden Intelligenz Victors, oder daran, dass er, um überleben zu können, von Anfang an nur auf sich selbst gestellt ist?

Die Novelle gibt keine Antworten, sie erzählt einfühlsam davon, wie die Wissenschaftler sich die Zähne ausbeißen. Nur Madame Guérin, die sich im Taubstummen-Institut um ihn kümmert - eine Art Mutterersatz - findet einen Zugang zu ihm. Sie ist die Einzige, die nach seinem Verschwinden die Suche nicht einstellt, denn, indem sie sich seiner angenommen hat, hat sie die Verantwortung für ihn übernommen - eine Verantwortung, die Itard gerne abgeben würde, da er gescheitert ist. Aber darf man den Jungen, nachdem man ihn aus dem Wald herausgeholt hat und ihn an die Zivilisation gewöhnt hat, einfach wieder sich selbst überlassen?

Die Novelle bietet viel Diskussionsstoff und für mich den Anreiz, weitere Romane von Boyle zu lesen.

Buchdaten
Taschenbuchausgabe, 108 Seiten
dtv, 2012

Sonntag, 30. September 2018

Tom Rachman: Die Gesichter

Wie wächst man auf unter einem narzisstischen Künstler?

Leserunde auf whatchaReadin

Pinch ist der Lieblingssohn des gefeierten Malers Bear Bavinsky, mit dessen Mutter Natalie er in den 50er Jahren in einem alten Atelier in Rom lebt.

"Pinch, sein fünfjähriger Sohn, stemmt ein dickes Badetuch in die Höhe, die Arme unter dem Gewicht. Bear streift sich mit den Fingern durchs rotblonde, schüttere Haar und setzt- eine Hand auf dem Kopf des Jungen, Gleichgewicht suchend - seine Füße auf Tageszeitungen, auf denen früher am Tag Pinsel ausgewischt wurden." (9)

Diese beiläufige Geste symbolisiert das Verhältnis von Vater und Sohn. Bear will seinen Sohn, der künstlerische Ambitionen hat, gleichzeitig dem Vater jedoch zutiefst ergeben ist, klein halten. Während er mit seiner Präsenz Räume füllt, bleiben die Menschen in seiner Umgebung unsichtbar - nur seine Kunst steht im Mittelpunkt.

Dass seine 2.Frau Natalie Keramikskulpturen herstellt, hat keine Bedeutung - niemand darf neben ihm stehen, dem "Archetyp des lasterhaften Greenwich-Village-Künstlers", der Aktbilder malt, auf denen jeweils nur ein Detail zu sehen ist - eine Schulter, eine Hand, ein Schenkel. Das, was vor seinen Augen nicht besteht, wird verbrannt.

"Bear eilt in den hintern Teil des Ateliers, sucht etwas, zerrt eine leere Leinwand mitsamt Gestell hervor. >So wie du jetzt bist, Natty. Ganz genau so.< >Ich bin mitten in meiner eigenen Arbeit<, fleht sie ihn an." (21)

Mehrere Stunden muss sie in ihrer Pose verharren. Nachdem das Gemälde fertiggestellt ist, verbrennt er es, weil es nicht gut genug ist.
Er lässt sich auch dann nicht vom Arbeiten abhalten, wenn seine Tochter aus erster Ehe, Birdie, ihn in Rom besucht.
"Heute ist der letzte Tag vor ihrem Heimflug, und Bear hat versprochen, dass sie ihn zusammen verbringen. Weil er ständig so beschäftigt, war, will es es heute ein bisschen wiedergutmachen. [...] Pinch versteht das." (50)
Dieses bedingungslose Verstehen wird ihn einerseits zum Lieblingssohn des Künstlers machen, andererseits wird er sich zunächst nicht aus dessen mächtigem Schatten befreien können.

Als Bear Natalie und Pinch für eine neue Frau verlässt, beginnt Pinch, dessen richtiger Name Charles lautet, zu malen - unter den wachsamen Augen seiner Mutter, deren psychische Verfassung immer labiler wird.

"Als er mit dem Malen anfing, haben Natalies Lob, ihre gefalteten Hände, ihre Begeisterung seine Hoffnung geschürt. Beifall aber verliert rasch an Wert." (71)

Beeindrucken will er seinen Vater, vor seinen Augen muss sein Werk Bestand haben, nur sein Urteil zählt. Wird Charles vor seinem Vaters bestehen können? Wird es ihm gelingen ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Kann er sich von seinem übermächtigen Vater befreien?

Bewertung
Darf sich ein großartiger Künstler und Freigeist alles herausnehmen? Darf ein Genie gnadenlos egoistisch handeln, um sich ganz seiner Kunst widmen zu können? Menschen in seiner Familie und seiner Umgebung herabsetzen, um sich selbst zu erhöhen? Diese Fragen wurden in der Lese-Runde diskutiert und der Roman fordert dazu auf, sie zu stellen. Muss man einem Künstler alles durchgehen lassen, nur weil er geniale Bilder malt? Zumindest scheinen das die Galeristen und der "Kunst-Zirkus" zu denken, auf den Rachman einen kritischen Blick wirft.

Bear ist ein lausiger Vater, sieht seinen Sohn nicht, hält ihn klein und die anderen Bear-Kinder erhalten Zuwendung und Aufmerksamkeit, so lange sie jung sind und keine Anforderungen stellen. Ein Verhalten, von dem nur Pinch ausgenommen ist, den der Vater im Auge behält, was seine Situation nicht verbessert. Nur wenigen Menschen kann sich Charles wirklich nähern, der ein Außenseiter bleibt. Tragisch verläuft das Leben seiner Mutter, deren Leben Bear letztlich zerstört hat, während Pinch ihn verteidigt:

"Weil Dad es nicht böse meint. Er ist einfach so. Wie ein riesiges Schiff, das stetig vorwärtsdampft und das niemand aufhalten kann." (155)

Glücklicherweise steht ab dem 2.Teil das Leben Pinchs im Mittelpunkt und der narzisstische Maler taucht seltener auf. Überwiegend treffen sie in einem Ferienhaus in Frankreich aufeinander, das Bear einem Freund Natalies abgekauft hat - dort verändert sich ihre Beziehung und die Frage, die sich stellt, ist, ob sich Bears Aussage am Ende bewahrheiten wird:

"Ich gewinne. Klar? Ich werde verdammt nochmal immer gewinnen" (296)

Während man den narzisstischen Künstler nach den ersten 100 Seiten kaum noch erträgt, ist es diese Spannung, die bis zum Ende des Romans trägt, der mit ungewöhnlichen Wendungen aufwartet.

Klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank an den dtv-Verlag für das Lese-Exemplar!

Freitag, 21. September 2018

Monika Maron: Ach Glück


Lesen mit Mira

Der erste Roman, den ich auf meinem E-Book-Reader gelesen habe. Ungewohnt...und ein Roman, bei dem Mira und ich uns intensiv ausgetauscht haben.

Worum geht es?
Johanna und Achim sind seit fast dreißig Jahren verheiratet. Sie schreibt über Bücher, er ist Germanist, Kleist-Experte, beide haben sich in der ehemaligen DDR dem System innerlich verweigert und der Triumph über deren Untergang

"sei das letzte große Gefühl gewesen, das sie beide miteinander geteilt hätten, behauptete Johanna."

Die Geschichte spielt einige Jahre nach dem Mauerfall, als sich Johanna entschließt die fast 90-jährige Natalia Timofejewna in Mexico City zu besuchen.
Sie kennt diese nur aus Briefen, seit sie in der Galerie des Russen Igor aushilft. Er erwartet von Natalia, einer russische Adlige, die auf Spurensuche nach einer früheren Künstlerin und Freundin in Mexico weilt, einen Geldbetrag für eine Künstler-Stiftung. Als sich diese Hoffnung zerschlägt, bleibt Johanna mit ihr in Kontakt.

"Sie war eine ungeübte Alleinreisende. Sie war noch nie allein geflogen, immer hatte Achim neben ihr gesessen (...)"

"Ich muss einer alten Dame helfen, sagte sie, was gelogen war. Natalia hatte mit keinem Wort zu verstehen gegeben, dass sie ihre Hilfe brauchte."

Wie kommt es, dass Johanna zum ersten Mal allein fliegt, ihr Leben auf den Kopf stellt und vertraute Wege verlässt?

"(...)eigentlich hat alles mit dem Hund angefangen."

Johanna findet einen Riesenschnauzer-Mischling an der Autobahnausfahrt Bredow, so nennt sie den Hund, den sie gegen den Willen ihres Mannes aufnimmt und jetzt -

"Johanna saß im Flugzeug nach Mexiko und er in einem Café bei Mohnkuchen und Milchkaffee. Für einen Monat, hat sie gesagt, vielleicht auch ein oder zwei Wochen länger Bis gestern Abend hatte er sich nicht vorstellen können, dass sie wirklich abfliegen würde, verschwinden auf unbestimmte Zeit."

Im Roman wechselt die personale Perspektive kapitelweise zwischen
Johanna, die im Flugzeug rückblickend reflektiert, warum sie auf dem Weg nach Mexico ist und

Achim, der während sie fliegt, in Berlin herumstreift und ebenfalls darüber nachdenkt, wie es dazu kommen konnte, dass sie ihn tatsächlich verlässt,

und - integriert in die "Johanna-Kapiteln" - den Briefe und Mails von Natalia, die Johanna zeigen, "dass es zu jeder Zeit Anfänge gibt".

"Es geht um Liebe." Eine Liebe, die der Hund ihr bedingungslos gibt. Jede*r, der selbst einen Hund hat, kennt dieses Gefühl, das der treue Blick unserer Vierbeiner auslösen kann - ach, Glück!

Ein Glück, die ihr Achim, "ein moderner Kentaur, halb Schreibtisch, halb Mann" nicht mehr geben kann?

Bewertung
Monika Maron beschreibt sehr einfühlsam, was landläufig als "Midlife-Crisis" bezeichnet wird.
Johanna hat sich mit ihrem Leben zufrieden gegeben,
"wenn die anhaltende Freudlosigkeit, die sich über ihren ehelichen Alltag seit einigen Jahre wie Mehltau gelegt hatte, sie auch bedrückte".
Hat es als Begleiterscheinung des Alters gesehen, bis sie nicht mehr wegsehen kann, bis das Auftauchen Igors, der sie wieder als Frau ansieht, und das des Hundes, der ihr bedingungslose Liebe schenkt, ihr die Augen öffnen.

Im Flugzeug sitzend spürt Johanna diesen subtilen Veränderungen nach, sucht nach Erklärungen, ebenso wie Achim, der jedoch weniger zu verstehen scheint, worum es geht.
Er hat einen klassischen Ausweg aus seiner Midlife-Crisis gewählt - eine Affäre mit einer Jüngeren. Letztlich eine alltägliche Geschichte, Mann betrügt Frau nach vielen gemeinsamen Jahren, in denen sich die Leidenschaft abnutzt, mit einer Jüngeren.
Dadurch verliert Achim erheblich an Sympathie, auch deshalb, weil er sein Verhalten im Gegensatz zu Johanna weniger hinterfragt. Meines Erachtens wäre der Betrug Achims nicht notwendig gewesen, um aufzuzeigen, wie schwierig die Liebe und das sexuelle Begehren mit zunehmenden Ehejahren werden kann.

"Sie wisse nur nicht, wie sie, nachdem er sie den ganzen Tag behandelt hätte wie irgendein Möbelstück, sich in der Nacht aus einem Möbelstück wieder in eine Frau verwandeln sollte." 

Ein sprachlich ansprechender Roman, der die Leser*innen einlädt, ihren eigenen Lebensweg zu reflektieren - klare Lese-Empfehlung!

Hier geht es zu Miras Rezension.


Mittwoch, 19. September 2018

Frank P. Meyer: Club der Romantiker

- ein spannender und witziger Krimi.

Frank P. Meyer hat in der letzten Woche seinen neuen Roman in der Bücherhütte in Wadern vorgestellt. Druckfrisch durfte ich sein neues Werk mit nach Hause nehmen und habe es mit Begeisterung gelesen.

Während in seinen bisher veröffentlichten Erzählungen und Romanen der Handlungsschauplatz meistens das beschauliche Dorf Primstal ist, verlässt er in seinem neuen Werk die saarländische, ländliche Idylle und schickt seinen Protagonisten nach Oxford - zum Studium und 24 Jahre später zu einem Ehemaligen-Treffen.

Worum geht es?

"Natürlich wird er zur Beerdigung gehen, immerhin war er es gewesen, der sie erschossen hatte. Die Beerdigung ist der eigentliche Grund. Nur wegen des Ehemaligentreffens würde er nicht nach Oxford fahren. Seit 24 Jahren hat er es vermieden, dorthin zurückzukehren. Jetzt will er doch hin, um endlich mit dem Unglück abschließen zu können, das ihm damals widerfuhr." (9)

Gleich zu Beginn werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass die Hauptfigur, Peter Becker aus Primstal, während seines Studienjahres in Oxford Laureen Mills erschossen hat. Inzwischen ist er Dorfschullehrer in Wales, in 2.Ehe verheiratet und Vater zweier Kinder. Nach 24 Jahren taucht nun die Leiche von Laureen Mills auf, die als verschwunden galt.

Im Rückblick, der aus der Ich-Perspektive Peters erzählt wird, erfahren wir zunächst von dessen Ankunft in Oxford im Jesus-College. Das "Land-Ei" sieht sich plötzlich in eine andere Welt versetzt, in der es sich erst zurechtfinden muss.
Hilfe erhält er dabei vom Russen Sergej, der auch im Staircase XX wohnt, einem Genie in "Theorrrätische Physiieek (30)", mit dem er gemeinsam einmal wöchentlich unter Zufuhr von Wodka ein "Heilsaufen" veranstaltet, um das Heimweh zu ertränken.
Oder von Alex, dem exzentrischen homosexuellen Studenten mit einem Faible für die Kellner im Restaurant gegenüber, auf deren Ankleideraum man von Peters Zimmer einen hervorragenden Blick werfen kann.
Im Stockwerk über ihm wohnt Branwen, auch Brandy genannt, mit ihr verbindet ihn die Tatsache, dass sie
"genauso wenig englisch [ist wie er]. Kapiert? Ich bin Waliserin. Und Europäerin." (31)

Ed lernt er auf dem Freshers´ Flair kennen, das ist
"eine Art Messe der studentischen Clubs und Vereine, ein Markt der Möglichkeiten für die Frischlinge." (44)

Dort wird er auf den Club der Romantiker aufmerksam, in den er eintritt, weil er von der liebreizenden Louise Buckwood dazu aufgefordert wird und weil Rudern als Sportart nicht das ist, was er erwartet hat.

Umso mehr kann er den Stocherkähnen, den Punts etwas abgewinnen
- "eine wichtige Oxforder Schlüsselqualifikation [...] Louise zum Beispiel liebte es, auf dem Cherwell gepuntet zu werden." (42)

Beim ersten Clubtreffen fordert der Vorsitzende Gareth De´Ath, Gaz genannt, Peter auf, ein Originaldokument Percey Shelleys zu beschaffen, der in Oxford ebenfalls studiert hat. Das ist die Voraussetzung für die Aufnahme in den erlesenen Zirkel der Liebhaber romantischer Literatur.
Und da kommt die Bibliothekarin Laureen Mills ins Spiel...

Ein Vierteljahrhundert später ermittelt die Polizei im alten Fall Laureen Mills.

"Niemand erwartet von Detective Chief Inspector Osmer ernsthaft, dass er diesen Fall löst, und er selbst hat auch nicht vor, sich länger mit diesen alten Knochen zu befassen." (22)

Die Handlung wechselt kontinuierlich zwischen der personalen Perspektive des Detective Osmer, der die Ermittlungen leitet, der seiner ehemaligen Kommilitonen sowie den Rückblicken aus der Ich-Perspektive Peters, der offenkundig "zur falschen Zeit am falschen Ort" (25) (gewesen) ist.

Daher bemühen sich die ehemaligen Studienfreunde und Club-Mitglieder Peter in Oxford zu "kontrollieren", damit das Verbrechen unaufgeklärt bleibt.

Die spannende Frage, die sich beim Lesen stellt, ist, wie dieser unschuldige, sympathische junge Mann, der beim "Heilsaufen" witzige Geschichten aus Primstal zum Besten gibt, einen Mord begehen konnte. So viel sei verraten, die Handlung wartet mit einigen überraschenden Wendungen auf - die ein oder andere Figur erscheint plötzlich in einem anderen Licht.


Bewertung
Ein witziger Kriminalroman, in dem der Fokus darauf liegt, wie der Mord geschehen konnte und wie sich der Fall 24 Jahre später darstellt. Müssen die Erinnerungen umgeschrieben werden?
Die sympathischen, teilweise skurrilen Figuren, wie Detective Osmer, der "No Osmer" genannt wird, weil er - außer bei schönen Frauen - immer "Nein" sagt, wachsen einem ans Herz und viele Szenen laden zum Lachen ein - umso mehr, wenn Frank P. Meyer sie selbst vorliest.
Die unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen erfordern wie der letztlich doch recht komplizierte Tathergang Aufmerksamkeit beim Lesen, genau so sollte ein guter Krimi sein.
Und nebenbei werfen wir einen Blick hinter die Kulissen des studentischen Oxford, das arrogant auf Cambridge schaut und sich in seinem wissenschaftlichen Glanz sonnt. Ob alles Gold ist?

Eine klare Lese-Empfehlung!

Buchdaten
Conte-Verlag, 422 Seiten
September, 2018