Sonntag, 14. Oktober 2018

Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 2018


In der Hoffnung, dass am Donnerstag etwas weniger los sein würde als freitags, traf ich mich mit meiner Lesefreundin Mira, um gemeinsam die Buchmesse zu erkunden - im Schlepptau vier Mädchen, meine eigenen und zwei Freundinnen. Langweile sollte also nicht aufkommen.

Nachdem wir durch Halle 3.1 geschlendert waren, der Hobbit Press des Klett-Cotta Verlages unseren Besuch abgestattet hatten, stand um 11.00 Uhr das Interview mit der diesjährigen Buchpreis-Gewinnerin Inga-Maria Mahlke, die von Takis Würger vom Spiegel befragt wurde, auf dem Plan.

Gefragt danach, wie es ihr ginge, gab sie zu, das alles sei wie ein unglaublicher Film, erst nächste Woche werde sie wahrscheinlich realisieren, was es bedeute, den Deutschen Buchpreis gewonnen zu haben.
Für ein Porträt hatte Würger sie bereits in Teneriffa besucht, gerade zu der Zeit, als bekannt wurde, dass ihr Roman es auf die Longlist geschafft hat, deshalb duze er sie, erklärte Würger den Zuschauer*innen, um immer wieder ins "Sie" zu verfallen - der offizielle Anlass ;)

Der Roman erzählt anhand dreier Familien die Geschichte Teneriffas  - rückwärts.
Mahlke erklärte, sie misstraue Kausalitäten und dem Bestreben im Rückblick Erinnerungen glätten zu wollen, um Kohärenz herzustellen. Sie interessiere sich aber gerade für die Brüche, diese wolle sie sichtbar machen, daher das Erzählen in die Vergangenheit hinein. Dieser erzähltechnische Ansatz macht mich neugierig, die Entscheidung den Roman zu lesen, fiel genau in diesem Moment und spätestens nach der Lesung einiger Seiten - denn Mahlke beschreibt gekonnt minutiös eine einzelne Szene, so dass sie sofort vor dem inneren Auge entsteht.
Ihre Figuren ergeben sich aus dem Schreibprozess, ein Satz steht zunächst allein, dann folgen weitere...sie stellt sich vor, wie ihre Figuren in Alltagsszenen agieren. Die Art und Weise, wie jemand sein Bett mache, sage viel über die Person aus, erklärt sie.
Warum Teneriffa? Ihre Mutter stamme von dort und nein, ihr Vater habe keine Eingeborene geheiratet, wie sie oft gefragt werde, sondern ihre Mutter kam nach Deutschland und lernte hier ihren Mann kennen. Obwohl sie in ihrer Kindheit jede Ferien auf der Insel verbracht habe, habe sie erst in den Recherchen zu dem Roman diese neu kennen gelernt -  sei sich ihrer Historie bewusst geworden. Sie habe viele Fotos von den gleichen Orten betrachtet und kleine Details, die sich im Lauf der Zeit verändert hätten, bemerkt.
Sie liebe diese Insel, das anarchische Element. Oft gebe es eine Reihung absurder Ereignisse, wie ein flatterndes Huhn im Wohnzimmer, das von einem Hund gerissen werde. Wie bekommt man Hühnerblut aus dem Perser?
Ihre Figuren seien fiktiv, sie empfinde es als übergriffig, wenn man reale als Vorbilder nehme und nach Abschluss der Geschichte müsse man sie loslassen. So brutal es klinge, sie müssten sterben. Trotz dieser Aussage wirkte die Buchpreisgewinnerin sehr sympathisch und hat mich mit dem, was sie erzählte, überzeugt, ihren Roman zu lesen.

Währenddessen hörten sich die Mädels einen Vortrag vom kleinen Verlag "Traumfänger" über die Darstellung von Indianern in der Literatur. Da sie die einzigen Kinder waren, wurden sie anschließend von einem Redakteur der FAZ interviewt, ich bin gespannt, ob ein Artikel daraus wird.

Im Anschluss daran nutzte ich die Zeit den kleinen, aber sehr feinen unabhängigen Louisoder-Verlag aus München zu besuchen, dessen Neuerscheinungen sich im Frühjahr und Herbst auf jeweils zwei beschränken. Schwerpunkt sind einerseits Romane aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, die in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben sind, wie zum Beispiel die amüsanten Romane von Wilson Collison, "Die Nacht mit Nancy" und "Tod in Connecticut", die ich mit großem Vergnügen gelesen habe.

Ein Roman gegen das Vergessen
Aber auch aktuelle Literatur und Newcomer werden verlegt. Jakob Schön (Presse) erzählte mir, wie der Roman "Die zwei Gesichter der Mona Lisa" ins Verlagsprogramm gelangt ist. Der Autor, ein promovierter Theologe, wohnt Tür an Tür mit dem Louisoder-Verlag, der nichts von den schriftstellerischen Ambitionen seines Nachbarn gewusst hat. Eines Tages stand Christian Rupprecht vor der Tür und bot sein Manuskript an. Glücklicherweise entschied sich der Verlag es herauszugeben, demnächst gibt es hier eine Rezension dazu.
In den Buchhandlungen erfährt der Verlag, 2012 von Gerdt Fehrle gegründet, selbst Autor, kontinuierlich mehr Beachtung, obwohl oder gerade weil er außergewöhnliche Bücher jenseits des Mainstreams verlegt.

Auf der ARD-Bühne bekam ich noch den Rest von Volker Kutschers Interview über "Der nasse Fisch" und die Serie "Babylon Berlin" mit, die Suchtfaktor hat - wie ich bestätigen kann. Viel Recherche stecke in seinen Romanen, ein neuer sei in Arbeit. Das freut mich natürlich, denn ich habe die ganze Reihe um Gereon Rath verschlungen.

Im Anschluss stand Bodo Kirchhoff auf der Bühne und wurde zu seinem neuen Roman "Dämmer und Aufruhr" befragt, in dem er seine frühe Kindheit und Jugend thematisiert. Erst nach dem Tod seiner Mutter habe er über diese Zeit schreiben können. Um eine Distanz zum Geschehen herzustellen, gebe es drei Erzählebenen. Das erlebende Ich - die kindliche Perspektive -, den erinnernden Autor und ein Gespräch zwischen der 90-jährigen Mutter und dem Erzähler. Die Erinnerungen folgen alten Fotos, wie das mit Max Schmeling, mit dem Kirchhoff gemeinsam einen Film gedreht hat, wobei er selbst nur eine kleine Rolle innehatte. Da die Erinnerungen lückenhaft sind, werden fiktive Elemente hinzugefügt - die eigene Geschichte wird funktionalisiert - genau das, was Mahlke in ihrem Roman durch das Rückwärts-Erzählen vermeiden will. Allerdings erzählt sie nicht ihre eigene Geschichte, wie Bodo Kirchhoff, der als 10-Jähriger in ein Internat abgeschoben wurde, wo er von einem Lehrer "erwählt" wurde. Im Nachhinein müsse man von Missbrauch sprechen, allerdings möchte er die Geschichte dahinter berücksichtigt sehen. Kirchhoff erklärt, wenn eine Frau im Krieg von Soldaten vergewaltigt werde, sei dies ein eindeutiger Fall, in anderen müsse man die Geschichte dahinter berücksichtigen. Leider hat die Moderatorin an diesem Punkt nicht nachgehakt, wo zieht er die Grenze? Ein sensibles Thema, für das Kirchhoff meiner Meinung nach nicht die richtigen Worte gefunden hat. Mira und ich überlegen noch, ob wir seinen Roman lesen sollen.

Gemeinsam mit den beiden älteren Mädchen (14 und 13) besuchte ich das Interview mit Reiner Engelmann zu seinem Roman "Der Buchhalter von Ausschwitz". In seinem Jugendbuch erzählt er die Geschichte Oskar Grönings, der sich mit Anfang 20 freiwillig zur SS gemeldet hat. Seine Aufgabe in Ausschwitz, für die er eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben musste, bestand darin, das Geld der "Häftlinge" zu verwalten und Dienst an der Rampe zu tun, wo das Gepäck abgegeben werden musste. Gröning hat nach dem Krieg über seine Tätigkeit geschwiegen, Anfang der 80er Jahre stellte er sich jedoch gegen die Holocaust-Leugner, ohne jedoch eine persönliche Schuld einzugestehen. Anfang 2015 wurde er wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, betonte jedoch in der Verhandlung, er habe nur seine Pflicht getan. Engelmann sagte, dass er Jugendliche weniger die Frage stellen möchte, wie sie sich in dieser Situation verhalten hätten, sondern wichtiger sei, wie verhalte ich mich in der aktuellen politischen Lage, in der ein Rechtsruck durch die Gesellschaft geht. Im besten Fall könne man aus der Geschichte lernen - sein Roman leistet einen wichtigen Beitrag dazu.

Zum Abschluss besuchte ich gemeinsam mit Mira den Diogenes-Talk im neuen Pavillon. Befragt wurden neben Verleger Philipp Keel die Krimiautor*innen Katrine Engberg  und Mike Herron. Ihre Romane "Krokodilwächter" und "Slow Horses" habe ich beide gelesen und so war es besonders interessant zu erfahren, wie sie auf die Idee zu diesen Geschichten gekommen sind.
Engberg unternahm vor 5-6 Jahren einen Spaziergang mit ihrer Familie, zu der Zeit, als der Meteoritensturm Laurenzi gerade am Himmel zu sehen war. Gleichzeitig entdeckte sie ein Klingelschild: Familie Laurenti und plötzlich war die Protagonistin ihres Romans, Esther de Laurenti, da. Sie wusste, sie mag dicke, kleine Hunde und Rotwein und zog bei Katrine Engberg ein. Entstanden ist ein sehr spannender Krimi, der mit der Meta-Ebene spielt. Laurenti schreibt nämlich einen Krimi, der dann Wirklichkeit wird. Was war zuerst da? Der Mordfall oder das Manuskript? Inzwischen sind zwei weitere Fälle des sympathischen Ermittler-Duos Jeppe Körner und Anette Werner im Dänischen erschienen, hoffentlich werden sie ins Deutsche übersetzt.
Beim Agententhriller "Slow Horses" entschied sich der Verleger gegen den deutschen Titel, "Langsame Pferde" verkauften sich nicht. Angesprochen darauf, warum das Cover von den üblichen bei Diogenes abweiche, verriet Philipp Keel, die Buchhändler hätten gefordert, ein Thriller müsse anders verpackt sein. Inzwischen beschwerten sie sich, er sähe ganz anders als die anderen Diogenes-Bücher aus ;)
Mike Herron gab zu, dass er Recherche-Arbeit hasse, trotzdem sei ihm von einem ehemaligen Spion bescheinigt worden, seine Romane seien sehr realistisch - das habe ihn zutiefst beunruhigt. In all seinen Antworten scheint der trockene britische Humor durch, der auch seinen Roman durchzieht. Insgesamt scheint die Stimmung beim Verlag locker und gelöst zu sein, schenkt man den dreien Glauben, in ihren Gesprächen werde viel Wein getrunken. Leider konnte ich die zweite Runde mit Anne Reinecke, Benedict Wells und Chris Kraus aus Zeitgründen nicht mehr hören. Schade, denn Reineckes Roman "Leinsee" gehört bisher zu meinen Lieblings-Büchern in diesem Jahr. Und auf Benedict Wells, den ich vielleicht in einer Leserunde auf whatchaReadin lesen kann, freue ich mich besonders - genauso wie auf meinem Besuch im nächsten Jahr.




Dienstag, 9. Oktober 2018

Nina George: Die Schönheit der Nacht

- die Gewordene und die Werdende.

Lesekreis in der Bücherhütte Wadern


Im Mittelpunkt dieses Romans stehen zwei Frauen: Claire und Julie, die sich zufällig in einem Hotel in Paris begegnen, in dem Claire eine Nacht verbringt und ihren Mann Gilles betrügt - als Ausgleich für sein Fremdgehen.

"Wenn ein Fremder sie umfasste und nichts davon wusste, nichts erwartete, und ihn das Fehlen jener Claire, die andere in ihr sahen, nicht mal irritierte, dann löste sich alles auf" (16)

- Erwartungen, die an Madame le Professeur, an die Verhaltensforscherin, Ehefrau und Mutter gestellt werden.

Julie arbeitet in jenem Hotel und während sie ein Zimmer reinigt, singt sie heimlich, was sie jedoch gegenüber Claire leugnet, als sie im Flur aufeinander treffen.

"Als sich die Tür der 22 öffnete, der Gesang abbrach, stellte Claire fest, dass Stimmen nur eine akustische Umrandung der inneren Beschaffenheit nachzeichnen und das Äußere meist unvermutet anders ist. [...]
Zwei Ertappte, dachte Claire, die entblößt voreinanderstehen und die andere am liebsten dafür ohrfeigen würden." (13-14)

Die Überraschung ist groß, als sie sich anschließend zum Abendessen in Claires Zuhause  wiederbegegnen. Denn Julie ist die Freundin von Claires und Gilles´ Sohn Nicolas - doch Julie tut so, als sähen sie sich zum ersten Mal, während Claire ihr zu verstehen gibt, sie müsse weder Nicolas noch Gilles anlügen.

Gilles, ein Künstler, der Filmmusiken schreibt, das Kochen liebt und ein Genussmensch zu sein scheint, betrügt ebenfalls seine Frau, wofür diese sogar Verständnis zu haben scheint.

"Sie wusste, dass Gilles´Geliebte nichts mit ihr zu tun hatten. Sondern nur mit ihm. Darüber je zu sprechen, ihr Wissen preiszugeben, hätte bedeutet, dass es in diese Küche gelangt wäre. In dieses Leben, in ihr Bett, in ihren Kopf. Ressourcenverschwendung. Sie hasste es, zu viel Kraft für Emotionen auszugeben, die nichts an der Vergangenheit änderten." (29)

Sie glaubt, er bräuchte die Affären, weil er in einer beruflichen Krise stecke und frustriert sei, dass sie das Geld verdient. Ob sie wirklich so rational damit umgeht, wie sie die Leser*innen in ihren Reflexionen Glauben macht?

Die Ehe zwischen Claire und Gilles ist an einem Punkt angelangt, an dem das Ungesagte, das Schweigen permanent greifbar ist, aber keiner ausspricht, ob noch etwas übrig bleibt, wenn das Verbindende, der gemeinsame Sohn auszieht, um in Straßburg zu studieren.

Vielleicht aus Angst, die "Geister in einer Flasche" (39) kämen heraus, lädt Gilles Julie spontan ein, den Sommer gemeinsam mit ihnen in der Bretagne zu verbringen. Dort hat Claire von ihrer Großmutter väterlicherseits, der Schriftstellerin Jeanne Le Du, ein Haus geerbt. Jeanne Le Du hatte sich bereit erklärt, nachdem die Mutter der Kinder in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde, sich um die Kinder zu kümmern. Claire findet am Meer, im Beisein ihrer Großmutter, endlich Ruhe und kann die Verantwortung für ihre Geschwister, die sie bereits als 6-Jährige übernommen hat, obwohl diese älter sind, teilweise abgeben. Nur im Meer fühlt sie sich im Einklang mit sich selbst und frei - das hat sie Jeanne zu verdanken.

Claire ist geworden - eine Verhaltensbiologin, die sich jederzeit unter Kontrolle hat und alles stets zu analysieren scheint - sich selbst und das Verhalten der anderen. Wann ist sie versteinert und hat nach außen keine Gefühle mehr zugelassen, obwohl sie in ihr brodeln? Seit sie als Elfjährige die Verantwortung für ihre Geschwister übernommen hat? Warum hat sie sich zusammengefaltet statt sich zu entfalten?

Julie hingegen ist im Werden, eine Frau, die noch nicht weiß, wer sie ist. Die leidenschaftlich singt, aber niemandem davon erzählt - Angst hat, laut zu singen.

"Dieses Gefühl, ein Niemand zu sein. Während alle um einen herum ein Jemand waren." (54)
"Sie sehnte sich voller Unruhe nach jemandem oder nach etwas, über dem sie ihre Hitze ausgießen konnte. Sie sehnte sich nach Blut, nach Rausch, nach Lebenslust, nach Grenzen, die sich verschoben, so dass sie endlich sehen konnte, wo ihr Leben hinführte, sie wollte Farben und Wahrheit und Intensivität und leben, satt werden, mehr als satt! Nur: wie?" (98)

Ob Nicolas dieses Verlangen stillen kann?

Abwechselnd aus der Sie-Perspektive der beiden Frauen, an deren Gedankenstrom die Leser*innen teilhaben, erzählt der Roman von der Begegnung dieser beiden Frauen, die an einer Wegkreuzung stehen. Ihre Annäherung führt dazu, dass sich ihrer beider Leben verändert.


Bewertung und Diskussion im Lesekreis

"Beeindruckender Roman", das war der Tenor im Lesekreis. Die Figuren sind "glaubwürdig" und ihre Entwicklung ist nachvollziehbar. Claire - eine starke Protagonistin, die als Verhaltensforscherin für interessante Erkenntnisse während des Lesens sorgt.

Warum finden Männer nie etwas im Kühlschrank?
"Weil es sich nicht bewegt. Würde der Abwasch tanzen oder die Wäsche sich von allein auf die Maschine zubewegen, dann würden die Objekte über jene Reizaufmerksamkeitsschwelle steigen, die das testosterongesättigte Gehirn benötigt, im eine Aktion einzuleiten, wie etwas Jagd oder erhöhte Wachsamkeit. [...]
Das war natürlich vulgär-populistischer Genderquatsch, aber hatte zumindest zu einem gewissen Verständnis von visuellen Reizschwellenmustern beigetragen." (169)

Nina Georges Roman spricht meines Erachtens Frauen an, vielleicht vor allem die im mittleren Alter, die "geworden" sind und sich nun fragen, ob sie den eingeschlagenen Weg weiter gehen wollen oder doch eine neue Richtung einschlagen möchten. Die Reflexionen Claires laden dazu ein, sich mit dem eigenen Leben auseinander zu setzen, genauso wie die Gedanken Julies, deren Lebensweg erst eine Richtung finden muss. Damit wird es auch eine spannende Lektüre für Frauen Anfang 20, denn auch Julies Leben erfährt eine Entwicklung.
Die Begegnung der beiden Frauen führt dazu, dass Julie sich ihrer selbst bewusst wird und auch Claire ihren bisherigen Lebensentwurf in Frage stellt. Von der Thematik her ein Roman, der mich angesprochen hat, auch deshalb, weil Claire in ihren Gedanken die gängigen Verhaltensstereotype von Frauen und Männern seziert.
So beschreibt sie treffend, wie Mädchen und Jungen sich an einem Strand tummeln, den Erwachsene meiden.
"Die Mädchen lagen in Grüppchen zusammen, unter der Düne, die Jungen weiter vorne, näher am Meer. Nie zu nah beieinander, nicht am Tag, auf keinen Fall, das konnte alles verderben, alles. Es gab Regeln an diesem Strand, und sie waren gleichsam unausgesprochen und voller Verheißung." (113)

Eine Situation, die Nina George, wie sie im Nachwort schildert, selbst beobachtet hat. Junge Menschen, die "sehnsüchtig [warteten], dass es endlich losging. DAS LEBEN! sie warteten, dass ihnen jemand geschah. Oder etwas." (309)

Eine Beobachtung, die sie dazu gebracht hat, über ihr eigenes Leben nachzudenken, und so entstand die Idee, über Claire und Julie zu schreiben. Eine gewordene Frau und eine werdende, die sich gegen die gängigen Klischees wenden und einen Weg jenseits betretener Pfade einschlagen.

"Metaphernreich", ein Roman, in dem eine Vielzahl "rhetorischer Mittel gekonnt und funktionell eingesetzt werden" - waren im Lesekreis Stimmen zur Sprache Georges. Gegen Ende war es einigen von uns "too much" der Bilder, im Bestreben die Gedanken und Gefühle Figuren besonders anschaulich darzustellen.

Kann man darüber hinwegsehen, wenn die Bildsprache ein wenig ausufert, dann wartet eine interessante Geschichte auf die Leser*innen und dazu ein Angebot, das eigene Leben zu reflektieren - meisterhaft angeregt von Nina George mit ihrem klugen Blick auf Menschen und deren Interaktionen.

Buchdaten:
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
Knaur Verlag, Mai 2018


Mittwoch, 3. Oktober 2018

T.C. Boyle: Das wilde Kind

Kurzrezension

Meine bisherigen Erfahrungen mit Boyle beschränken sich auf seinen Erstling "Wassermusik", zu dem ich thematisch wenig Zugang gefunden habe, während mich die Sprache begeistert hat. Ein Freund hat mir, um mich weiterhin zu motivieren, Boyle zu lesen, "Das wilde Kind" empfohlen. Es scheint, seine Rechnung ist aufgegangen - der nächste Boyle liegt schon auf meinem Stapel und wird "América" sein.

Worum geht es?
In der Novelle erzählt Boyle von einem "Wolfskind", das tatsächlich gelebt hat. Victor von Aveyron wurde um 1788 geboren und um die Jahrhundertwende gefangen genommen.

Zunächst haben Jäger den Jungen im Wald entdeckt.

"Es schien sich um ein Kind zu handeln, um einen vollkommen nackten Jungen, dem Kälte und Regen offenbar nichts ausmachten." (5)

Dann begegnet ihm wenige Zeit später ein Bauer, so dass die Legende vom wilden Kind entstehen kann:

"Eine unnatürliche Stille lag über dem Land: Die Vögel in den Hecken hielten den Atem an, der Wind erstarb, ja selbst die Insekten verstummten. Dieser unverwandte Blick- die Augen, so schwarz wie frisch gebrühter Kaffee, das Fletschen bräunlich verfärbter Zähne - war der Blick eines Wesens aus dem Spiritus Mundi: fremd, gestört, hassenswert." (6)

Boyle gelingt es, nicht nur die Perspektive der Bauern und Jäger zu schildern, sondern auch sich der Sicht des Jungen zu nähern, der, als er schließlich gefangen wird, von der Situation völlig überfordert ist.
"Man stelle sich ihn vor, denn er selbst war dazu nicht imstande. Er kannte nur das Unmittelbare, spürte nur was seine Sinne ihm mitteilten." (7)

Er ist fünf Jahre alt, als er aufgegriffen wird. Der Versuch seiner Stiefmutter ihn im Wald zu töten, ist fehl geschlagen, so dass er sich alleine durchschlagen musste - ohne die menschliche Sprache zu lernen und die Regeln des Zusammenlebens erfahren zu haben.

Er wird zum Spielball von Wissenschaftlern, die herausfinden wollen, ob er sich zivilisieren lässt.

"Hier, dachte er, bot sich die Gelegenheit - sofern es sich nicht um eine Monstrosität oder einen aus irgendeiner privaten Menagerie ausgebrochenen afrikanischen Affen handelte-, Rousseaus Hypothese vom edlen Wilden auf die Probe zu stellen." (25)

Von Abbé Pierre-Joseph Bonnaterre, Professor für Naturgeschichte, gelangt er zu Abbé Roch-Ambroise Sicard vom Taubstummeninstitut in Paris, da man annimmt, er könne nicht hören.
Während Sicard aufgibt, versucht sich ein junger Arzt, Jean-Marc Gaspard Itard, daran, Victor, so wird er inzwischen genannt, etwas beizubringen - ohne Erfolg.

"Er wollte die Thesen von Locke und Condillac überprüfen: War der Mensch bei seiner Geburt eine tabula rasa, ungeformt und ohne Ideen, bereit, von der Gesellschaft beschrieben zu werden, erziehbar und imstande, auf dem Weg zur Vervollkommnung voranzuschreiten?" (53)

Bewertung
Dass Itard scheitert, aus Victor ein Mitglied der Gesellschaft zu machen, deutet der Erzähler zu Beginn an. Die Fragen, die sich stellen, sind:

  • warum gelingt es ihm nicht, dem "wilden Kind" das Sprechen beizubringen,
  • warum kann er den Jungen nicht zu einem sozialen Wesen erziehen, das die Bedürfnisse anderer Menschen erkennt und respektiert.
Liegt es an seinen Methoden - am System von Belohnungen und Bestrafungen oder an der mangelnden Intelligenz Victors, oder daran, dass er, um überleben zu können, von Anfang an nur auf sich selbst gestellt ist?

Die Novelle gibt keine Antworten, sie erzählt einfühlsam davon, wie die Wissenschaftler sich die Zähne ausbeißen. Nur Madame Guérin, die sich im Taubstummen-Institut um ihn kümmert - eine Art Mutterersatz - findet einen Zugang zu ihm. Sie ist die Einzige, die nach seinem Verschwinden die Suche nicht einstellt, denn, indem sie sich seiner angenommen hat, hat sie die Verantwortung für ihn übernommen - eine Verantwortung, die Itard gerne abgeben würde, da er gescheitert ist. Aber darf man den Jungen, nachdem man ihn aus dem Wald herausgeholt hat und ihn an die Zivilisation gewöhnt hat, einfach wieder sich selbst überlassen?

Die Novelle bietet viel Diskussionsstoff und für mich den Anreiz, weitere Romane von Boyle zu lesen.

Buchdaten
Taschenbuchausgabe, 108 Seiten
dtv, 2012

Sonntag, 30. September 2018

Tom Rachman: Die Gesichter

Wie wächst man auf unter einem narzisstischen Künstler?

Leserunde auf whatchaReadin

Pinch ist der Lieblingssohn des gefeierten Malers Bear Bavinsky, mit dessen Mutter Natalie er in den 50er Jahren in einem alten Atelier in Rom lebt.

"Pinch, sein fünfjähriger Sohn, stemmt ein dickes Badetuch in die Höhe, die Arme unter dem Gewicht. Bear streift sich mit den Fingern durchs rotblonde, schüttere Haar und setzt- eine Hand auf dem Kopf des Jungen, Gleichgewicht suchend - seine Füße auf Tageszeitungen, auf denen früher am Tag Pinsel ausgewischt wurden." (9)

Diese beiläufige Geste symbolisiert das Verhältnis von Vater und Sohn. Bear will seinen Sohn, der künstlerische Ambitionen hat, gleichzeitig dem Vater jedoch zutiefst ergeben ist, klein halten. Während er mit seiner Präsenz Räume füllt, bleiben die Menschen in seiner Umgebung unsichtbar - nur seine Kunst steht im Mittelpunkt.

Dass seine 2.Frau Natalie Keramikskulpturen herstellt, hat keine Bedeutung - niemand darf neben ihm stehen, dem "Archetyp des lasterhaften Greenwich-Village-Künstlers", der Aktbilder malt, auf denen jeweils nur ein Detail zu sehen ist - eine Schulter, eine Hand, ein Schenkel. Das, was vor seinen Augen nicht besteht, wird verbrannt.

"Bear eilt in den hintern Teil des Ateliers, sucht etwas, zerrt eine leere Leinwand mitsamt Gestell hervor. >So wie du jetzt bist, Natty. Ganz genau so.< >Ich bin mitten in meiner eigenen Arbeit<, fleht sie ihn an." (21)

Mehrere Stunden muss sie in ihrer Pose verharren. Nachdem das Gemälde fertiggestellt ist, verbrennt er es, weil es nicht gut genug ist.
Er lässt sich auch dann nicht vom Arbeiten abhalten, wenn seine Tochter aus erster Ehe, Birdie, ihn in Rom besucht.
"Heute ist der letzte Tag vor ihrem Heimflug, und Bear hat versprochen, dass sie ihn zusammen verbringen. Weil er ständig so beschäftigt, war, will es es heute ein bisschen wiedergutmachen. [...] Pinch versteht das." (50)
Dieses bedingungslose Verstehen wird ihn einerseits zum Lieblingssohn des Künstlers machen, andererseits wird er sich zunächst nicht aus dessen mächtigem Schatten befreien können.

Als Bear Natalie und Pinch für eine neue Frau verlässt, beginnt Pinch, dessen richtiger Name Charles lautet, zu malen - unter den wachsamen Augen seiner Mutter, deren psychische Verfassung immer labiler wird.

"Als er mit dem Malen anfing, haben Natalies Lob, ihre gefalteten Hände, ihre Begeisterung seine Hoffnung geschürt. Beifall aber verliert rasch an Wert." (71)

Beeindrucken will er seinen Vater, vor seinen Augen muss sein Werk Bestand haben, nur sein Urteil zählt. Wird Charles vor seinem Vaters bestehen können? Wird es ihm gelingen ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Kann er sich von seinem übermächtigen Vater befreien?

Bewertung
Darf sich ein großartiger Künstler und Freigeist alles herausnehmen? Darf ein Genie gnadenlos egoistisch handeln, um sich ganz seiner Kunst widmen zu können? Menschen in seiner Familie und seiner Umgebung herabsetzen, um sich selbst zu erhöhen? Diese Fragen wurden in der Lese-Runde diskutiert und der Roman fordert dazu auf, sie zu stellen. Muss man einem Künstler alles durchgehen lassen, nur weil er geniale Bilder malt? Zumindest scheinen das die Galeristen und der "Kunst-Zirkus" zu denken, auf den Rachman einen kritischen Blick wirft.

Bear ist ein lausiger Vater, sieht seinen Sohn nicht, hält ihn klein und die anderen Bear-Kinder erhalten Zuwendung und Aufmerksamkeit, so lange sie jung sind und keine Anforderungen stellen. Ein Verhalten, von dem nur Pinch ausgenommen ist, den der Vater im Auge behält, was seine Situation nicht verbessert. Nur wenigen Menschen kann sich Charles wirklich nähern, der ein Außenseiter bleibt. Tragisch verläuft das Leben seiner Mutter, deren Leben Bear letztlich zerstört hat, während Pinch ihn verteidigt:

"Weil Dad es nicht böse meint. Er ist einfach so. Wie ein riesiges Schiff, das stetig vorwärtsdampft und das niemand aufhalten kann." (155)

Glücklicherweise steht ab dem 2.Teil das Leben Pinchs im Mittelpunkt und der narzisstische Maler taucht seltener auf. Überwiegend treffen sie in einem Ferienhaus in Frankreich aufeinander, das Bear einem Freund Natalies abgekauft hat - dort verändert sich ihre Beziehung und die Frage, die sich stellt, ist, ob sich Bears Aussage am Ende bewahrheiten wird:

"Ich gewinne. Klar? Ich werde verdammt nochmal immer gewinnen" (296)

Während man den narzisstischen Künstler nach den ersten 100 Seiten kaum noch erträgt, ist es diese Spannung, die bis zum Ende des Romans trägt, der mit ungewöhnlichen Wendungen aufwartet.

Klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank an den dtv-Verlag für das Lese-Exemplar!

Freitag, 21. September 2018

Monika Maron: Ach Glück


Lesen mit Mira

Der erste Roman, den ich auf meinem E-Book-Reader gelesen habe. Ungewohnt...und ein Roman, bei dem Mira und ich uns intensiv ausgetauscht haben.

Worum geht es?
Johanna und Achim sind seit fast dreißig Jahren verheiratet. Sie schreibt über Bücher, er ist Germanist, Kleist-Experte, beide haben sich in der ehemaligen DDR dem System innerlich verweigert und der Triumph über deren Untergang

"sei das letzte große Gefühl gewesen, das sie beide miteinander geteilt hätten, behauptete Johanna."

Die Geschichte spielt einige Jahre nach dem Mauerfall, als sich Johanna entschließt die fast 90-jährige Natalia Timofejewna in Mexico City zu besuchen.
Sie kennt diese nur aus Briefen, seit sie in der Galerie des Russen Igor aushilft. Er erwartet von Natalia, einer russische Adlige, die auf Spurensuche nach einer früheren Künstlerin und Freundin in Mexico weilt, einen Geldbetrag für eine Künstler-Stiftung. Als sich diese Hoffnung zerschlägt, bleibt Johanna mit ihr in Kontakt.

"Sie war eine ungeübte Alleinreisende. Sie war noch nie allein geflogen, immer hatte Achim neben ihr gesessen (...)"

"Ich muss einer alten Dame helfen, sagte sie, was gelogen war. Natalia hatte mit keinem Wort zu verstehen gegeben, dass sie ihre Hilfe brauchte."

Wie kommt es, dass Johanna zum ersten Mal allein fliegt, ihr Leben auf den Kopf stellt und vertraute Wege verlässt?

"(...)eigentlich hat alles mit dem Hund angefangen."

Johanna findet einen Riesenschnauzer-Mischling an der Autobahnausfahrt Bredow, so nennt sie den Hund, den sie gegen den Willen ihres Mannes aufnimmt und jetzt -

"Johanna saß im Flugzeug nach Mexiko und er in einem Café bei Mohnkuchen und Milchkaffee. Für einen Monat, hat sie gesagt, vielleicht auch ein oder zwei Wochen länger Bis gestern Abend hatte er sich nicht vorstellen können, dass sie wirklich abfliegen würde, verschwinden auf unbestimmte Zeit."

Im Roman wechselt die personale Perspektive kapitelweise zwischen
Johanna, die im Flugzeug rückblickend reflektiert, warum sie auf dem Weg nach Mexico ist und

Achim, der während sie fliegt, in Berlin herumstreift und ebenfalls darüber nachdenkt, wie es dazu kommen konnte, dass sie ihn tatsächlich verlässt,

und - integriert in die "Johanna-Kapiteln" - den Briefe und Mails von Natalia, die Johanna zeigen, "dass es zu jeder Zeit Anfänge gibt".

"Es geht um Liebe." Eine Liebe, die der Hund ihr bedingungslos gibt. Jede*r, der selbst einen Hund hat, kennt dieses Gefühl, das der treue Blick unserer Vierbeiner auslösen kann - ach, Glück!

Ein Glück, die ihr Achim, "ein moderner Kentaur, halb Schreibtisch, halb Mann" nicht mehr geben kann?

Bewertung
Monika Maron beschreibt sehr einfühlsam, was landläufig als "Midlife-Crisis" bezeichnet wird.
Johanna hat sich mit ihrem Leben zufrieden gegeben,
"wenn die anhaltende Freudlosigkeit, die sich über ihren ehelichen Alltag seit einigen Jahre wie Mehltau gelegt hatte, sie auch bedrückte".
Hat es als Begleiterscheinung des Alters gesehen, bis sie nicht mehr wegsehen kann, bis das Auftauchen Igors, der sie wieder als Frau ansieht, und das des Hundes, der ihr bedingungslose Liebe schenkt, ihr die Augen öffnen.

Im Flugzeug sitzend spürt Johanna diesen subtilen Veränderungen nach, sucht nach Erklärungen, ebenso wie Achim, der jedoch weniger zu verstehen scheint, worum es geht.
Er hat einen klassischen Ausweg aus seiner Midlife-Crisis gewählt - eine Affäre mit einer Jüngeren. Letztlich eine alltägliche Geschichte, Mann betrügt Frau nach vielen gemeinsamen Jahren, in denen sich die Leidenschaft abnutzt, mit einer Jüngeren.
Dadurch verliert Achim erheblich an Sympathie, auch deshalb, weil er sein Verhalten im Gegensatz zu Johanna weniger hinterfragt. Meines Erachtens wäre der Betrug Achims nicht notwendig gewesen, um aufzuzeigen, wie schwierig die Liebe und das sexuelle Begehren mit zunehmenden Ehejahren werden kann.

"Sie wisse nur nicht, wie sie, nachdem er sie den ganzen Tag behandelt hätte wie irgendein Möbelstück, sich in der Nacht aus einem Möbelstück wieder in eine Frau verwandeln sollte." 

Ein sprachlich ansprechender Roman, der die Leser*innen einlädt, ihren eigenen Lebensweg zu reflektieren - klare Lese-Empfehlung!

Hier geht es zu Miras Rezension.


Mittwoch, 19. September 2018

Frank P. Meyer: Club der Romantiker

- ein spannender und witziger Krimi.

Frank P. Meyer hat in der letzten Woche seinen neuen Roman in der Bücherhütte in Wadern vorgestellt. Druckfrisch durfte ich sein neues Werk mit nach Hause nehmen und habe es mit Begeisterung gelesen.

Während in seinen bisher veröffentlichten Erzählungen und Romanen der Handlungsschauplatz meistens das beschauliche Dorf Primstal ist, verlässt er in seinem neuen Werk die saarländische, ländliche Idylle und schickt seinen Protagonisten nach Oxford - zum Studium und 24 Jahre später zu einem Ehemaligen-Treffen.

Worum geht es?

"Natürlich wird er zur Beerdigung gehen, immerhin war er es gewesen, der sie erschossen hatte. Die Beerdigung ist der eigentliche Grund. Nur wegen des Ehemaligentreffens würde er nicht nach Oxford fahren. Seit 24 Jahren hat er es vermieden, dorthin zurückzukehren. Jetzt will er doch hin, um endlich mit dem Unglück abschließen zu können, das ihm damals widerfuhr." (9)

Gleich zu Beginn werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass die Hauptfigur, Peter Becker aus Primstal, während seines Studienjahres in Oxford Laureen Mills erschossen hat. Inzwischen ist er Dorfschullehrer in Wales, in 2.Ehe verheiratet und Vater zweier Kinder. Nach 24 Jahren taucht nun die Leiche von Laureen Mills auf, die als verschwunden galt.

Im Rückblick, der aus der Ich-Perspektive Peters erzählt wird, erfahren wir zunächst von dessen Ankunft in Oxford im Jesus-College. Das "Land-Ei" sieht sich plötzlich in eine andere Welt versetzt, in der es sich erst zurechtfinden muss.
Hilfe erhält er dabei vom Russen Sergej, der auch im Staircase XX wohnt, einem Genie in "Theorrrätische Physiieek (30)", mit dem er gemeinsam einmal wöchentlich unter Zufuhr von Wodka ein "Heilsaufen" veranstaltet, um das Heimweh zu ertränken.
Oder von Alex, dem exzentrischen homosexuellen Studenten mit einem Faible für die Kellner im Restaurant gegenüber, auf deren Ankleideraum man von Peters Zimmer einen hervorragenden Blick werfen kann.
Im Stockwerk über ihm wohnt Branwen, auch Brandy genannt, mit ihr verbindet ihn die Tatsache, dass sie
"genauso wenig englisch [ist wie er]. Kapiert? Ich bin Waliserin. Und Europäerin." (31)

Ed lernt er auf dem Freshers´ Flair kennen, das ist
"eine Art Messe der studentischen Clubs und Vereine, ein Markt der Möglichkeiten für die Frischlinge." (44)

Dort wird er auf den Club der Romantiker aufmerksam, in den er eintritt, weil er von der liebreizenden Louise Buckwood dazu aufgefordert wird und weil Rudern als Sportart nicht das ist, was er erwartet hat.

Umso mehr kann er den Stocherkähnen, den Punts etwas abgewinnen
- "eine wichtige Oxforder Schlüsselqualifikation [...] Louise zum Beispiel liebte es, auf dem Cherwell gepuntet zu werden." (42)

Beim ersten Clubtreffen fordert der Vorsitzende Gareth De´Ath, Gaz genannt, Peter auf, ein Originaldokument Percey Shelleys zu beschaffen, der in Oxford ebenfalls studiert hat. Das ist die Voraussetzung für die Aufnahme in den erlesenen Zirkel der Liebhaber romantischer Literatur.
Und da kommt die Bibliothekarin Laureen Mills ins Spiel...

Ein Vierteljahrhundert später ermittelt die Polizei im alten Fall Laureen Mills.

"Niemand erwartet von Detective Chief Inspector Osmer ernsthaft, dass er diesen Fall löst, und er selbst hat auch nicht vor, sich länger mit diesen alten Knochen zu befassen." (22)

Die Handlung wechselt kontinuierlich zwischen der personalen Perspektive des Detective Osmer, der die Ermittlungen leitet, der seiner ehemaligen Kommilitonen sowie den Rückblicken aus der Ich-Perspektive Peters, der offenkundig "zur falschen Zeit am falschen Ort" (25) (gewesen) ist.

Daher bemühen sich die ehemaligen Studienfreunde und Club-Mitglieder Peter in Oxford zu "kontrollieren", damit das Verbrechen unaufgeklärt bleibt.

Die spannende Frage, die sich beim Lesen stellt, ist, wie dieser unschuldige, sympathische junge Mann, der beim "Heilsaufen" witzige Geschichten aus Primstal zum Besten gibt, einen Mord begehen konnte. So viel sei verraten, die Handlung wartet mit einigen überraschenden Wendungen auf - die ein oder andere Figur erscheint plötzlich in einem anderen Licht.


Bewertung
Ein witziger Kriminalroman, in dem der Fokus darauf liegt, wie der Mord geschehen konnte und wie sich der Fall 24 Jahre später darstellt. Müssen die Erinnerungen umgeschrieben werden?
Die sympathischen, teilweise skurrilen Figuren, wie Detective Osmer, der "No Osmer" genannt wird, weil er - außer bei schönen Frauen - immer "Nein" sagt, wachsen einem ans Herz und viele Szenen laden zum Lachen ein - umso mehr, wenn Frank P. Meyer sie selbst vorliest.
Die unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen erfordern wie der letztlich doch recht komplizierte Tathergang Aufmerksamkeit beim Lesen, genau so sollte ein guter Krimi sein.
Und nebenbei werfen wir einen Blick hinter die Kulissen des studentischen Oxford, das arrogant auf Cambridge schaut und sich in seinem wissenschaftlichen Glanz sonnt. Ob alles Gold ist?

Eine klare Lese-Empfehlung!

Buchdaten
Conte-Verlag, 422 Seiten
September, 2018







Mittwoch, 12. September 2018

Paul Auster: Stadt aus Glas

- (k)eine Detektivgeschichte ?

Im Rahmen einer kleinen Leserunde auf whatchaReadin haben wir gemeinsam Paul Austers Erstling, "Stadt aus Glas", eine von drei Erzählungen der New-York-Trilogie, 1986 erschienen, gelesen. Die Geschichte ist sehr verwirrend und im Bemühen einen Sinn in die Handlung zu interpretieren, sind wir gescheitert. Trotzdem ist die Erzählung gut zu lesen. In ausdrucksstarker und präziser Sprache verfasst, wähnt man sich in einem realen Geschehen, doch am Ende bleiben viele Fragen offen.

Worum geht es?

"Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war. Viel später, als er in der Lage war, darüber nachzudenken, was mit ihm geschah, sollte er zu dem Schluß kommen, nichts ist wirklich außer dem Zufall. Aber das war viel später." (9)

Bereits die ersten Sätze deuten darauf hin, dass der Erzähler die Geschichte rückblickend wiedergibt und das Geschehene reflektiert hat. Die Aussage, nicht sei "wirklich außer dem Zufall" spiegelt gleichzeitig das Motto dieser Erzählung wider. Wie uns der Erzähler gleich zu Beginn mit auf den Weg gibt:
"Das Problem ist die Geschichte selbst, und ob sie etwas bedeutet oder nicht, muß die Geschichte nicht sagen." (9)

Wir werden also gewarnt!

Der Protagonist der Erzählung ist Daniel Quinn, dessen Sohn und Frau gestorben sind, ein Trauma, dem er zu entfliehen sucht, in dem unter dem Pseudonym William Wilson Detektivromane verfasst und das Gehen im Labyrinth New Yorks liebt, wobei er das Gefühl hat, "in sich selbst verloren zu sein". (10)
Zudem sieht er sich gern Baseballspiele an, eine Sportart, die Auster zu mögen scheint, denn auch in seinem Roman 4321 nimmt sie großen Raum ein.
Der Held seiner Romane ist der Privatdetektiv Max Work, der für ihn greifbarer als sein abstraktes Pseudonym ist.

"In der Dreiheit von Personen, die Quinn geworden war, diente Wilson als eine Art Bauchredner, Quinn selbst war die Puppe, und Work war die belebte Stimme, die dem Unternehmen Sinn und Zweck verlieh." (12)

Eine Aufspaltung der Identität, die noch weiter getrieben wird, da der nächtliche Anrufer den Privatdetektiv (!) "Paul Auster" verlangt. Zunächst wimmelt Quinn ihn ab, dann nimmt er die fremde Identität und den Auftrag an.
Er soll Peter Stillman vor dessen Vater beschützen, einem Harvard-Absolventen für Theologie und Philosophie und renommierten Professor, der seinen Sohn im Alter von zwei Jahren in einen dunklen Raum gesperrt hat, nachdem dessen Mutter gestorben ist. Neun Jahre hielt er ihn dort fest - ein Experiment, so dass aus Peter eine Art Kaspar Hauser geworden ist, der aber inzwischen verheiratet ist. Seine Frau Virginia ist auch diejenige, die Auster alias Quinn engagiert, denn Peters Vater soll nach langjähriger Haft entlassen werden und hegt angeblich Mordpläne gegenüber seinem Sohn. Quinn soll ihn daher beschatten. Die Möglichkeit Peter vor seinem Vater zu beschützen, sieht er als Möglichkeit, den Tod seines eigenen Sohnes zu "verarbeiten".

Als Vorbereitung kauft er sich ein rotes Notizbuch, in die er seine bisherigen Erkenntnisse niederschreibt und er liest Stillmans philosophische Schrift: "Der Garten und der Turm: Frühe Visionen der Neuen Welt" (54).
Stillman fasst darin die Thesen eines fiktiven Henry Dark zusammen, der die Geschichte von Babel als prophetisches Werk gelesen hat.

"War es, wenn der Fall des Menschen auch einen Fall der Sprache mit sich brachte, nicht logisch anzunehmen, daß es möglich wäre, den Fall ungeschehen zu machen und seine Wirkungen umzukehren, wenn man den Fall der Sprache rückgänging machte, indem man danach trachtete, die Sprache neu zu schaffen, die im Garten Eden gesprochen wurde?" (61)

Ist es das, was Stillman an seinem Sohn ausprobieren will? Eine neue, reine Sprache, die er in der Isolation zu sprechen lernen soll? So ließen sich die Schläge erklären, die er erhält, wenn er bereits gelernte Worte ausspricht.

Als Quinn am nächsten Morgen am Bahnhof steht, um Stillman zu beschatten, steht er vor dem Problem, dass er zwei identischen Stillmans sieht - die multiplen Identitäten setzen sich fort - er selbst geht völlig in der Rolle des Paul Austers auf. Er folgt jenem, der gescheitert aussieht, so wie jemand, der aus der Haft entlassen wird.

Nachdem er ihm mehrere Tage folgt, stellt er fest, dass auch Stillman ein rotes Notizbuch hat, in das er aufschreibt, was er auf seinem Weg findet. Das alles erscheint Auster alias Quinn sinnlos, daher kommt er auf die Idee sich Stillmans Weg durch New York aufzuzeichnen und glaubt zu erkennen, dass dieser einem Muster folgt:


Zusammen genommen ergeben sich die Worte: The Tower of Babel. Wie hängt das alles zusammen?

Quinn beschließt den alten Mann anzusprechen, indem er sich jeden Tag mit einer anderen Identität vorstellt. Sehr interessant ist das Gespräch über die Bezeichnung von Gegenständen.

"Die meisten Menschen achten auf so etwas nicht. Sie halten Wörter für Steine, große unbewegliche Gegenstände ohne Leben, Monaden, die sich nie verändern." (93)

Ist ein Schirm noch ein Schirm, wenn er seine Funktion eingebüßt hat? Stillman sucht nach einer neuen Sprache, nach Wörtern, die der Welt entsprechen. Dazu sammelt er Dinge und gibt ihnen Namen. Sein Ziel:

"Herren über die Wörter werden, die wir sprechen, die Sprache unseren Bedürfnissen anpassen." (101)

Gedanken, die Humpty Dumpty in "Alice hinter den Spiegeln" äußert - Sprachphilosophie.

Im letzten Gespräch gibt sich Quinn für Stillmans Sohn aus, der die Lektionen seines Vaters angeblich gelernt habe - danach verschwindet der alte Stillman.

Noch skurriler wird die Geschichte dadurch, dass Quinn den echten Paul Auster ausfindig macht und ihn besucht - der Autor tauchst selbst in seiner Erzählung auf - allerdings darf man Realität und Fiktion nicht verwechseln:

Auster selbst hat gemeinsam mit seiner 1.Frau einen Sohn namens Daniel, mit dem er lange Jahre wenig Kontakt hatte. Im Roman taucht jedoch seine 2.Frau Siri auf, mit der eine gemeinsame Tochter hat, und die ihm das Leben gerettet habe, wie er in einem Interview bekennt.

So lässt sich die Geschichte "Stadt aus Glas" auch autobiographisch deuten. Für Auster schienen seine Frau und sein Sohn "gestorben", die Trauer und Verzweiflung Quinns spiegeln seine eigene wider - ebenso wie die Suche nach einer neuen Identität und der Versuch einen Sinn im Lebens zu finden.

In der Erzählung scheitern die Leser*innen daran, einen Sinn hinter all dem zu erkennen. Am Ende ist Quinn verschwunden, wie uns der Erzähler, ein Freund Austers, mitteilt. Auster selbst hat Quinn gesucht, vergeblich. Nur das rote Notizbuch findet er gemeinsam mit seinem Freund, daraus entsteht die Erzählung...

Etwas ratlos bleibt man als Leser*in zurück, denn die Detektivgeschichte bleibt offen, es gibt keinen Fall mehr, die Protagonisten sind alle verschwunden. Was bleibt sind interessante Fragen zur Sprachphilosophie, das Spiel mit verschachtelten Identitäten und das Ausloten der Grenze zwischen Fiktion und Realität.

Für mich ein literarisches Experiment, das sich trotz der "Sinnlosigkeit" gut lesen lässt.

Donnerstag, 6. September 2018

Mick Herron: Slow Horses

- spannender, britischer "Agenten"-Thriller.

Leserunde auf whatchaReadin

"Und so kam River Cartwright von der Überholspur ab und geriet zu den Slow Horses." (9)

Der erste Satz des Kriminalromans klingt zunächst wenig vielversprechend:  Ein Agent, der die Karriereleiter abwärts fällt und zu den langsamen Pferden kommt, nachdem er einen wichtigen Einsatz katastrophal vermasselt, weil er die falsche Zielperson verfolgt hat...

Im ersten Teil - Slough House - wird zunächst sehr ausführlich das Gebäude beschrieben, in dem River zukünftig arbeiten darf - ein

"Drecksloch, ein Ort von Gelb- und Grautönen, wo einst alles schwarz und weiß war." (31)

Nur die Tatsache, dass sein Großvater ein bedeutender Agent des Secret Service gewesen ist, rettet ihn vor dem endgültigen Rauswurf.

Sein neuer Chef ist Jackson Lamb - dessen Vergehen, also der Grund, warum er zu den Slow Horses verbannt wurde, erst am Ende offenbart wird - erinnert River an Peter Pettigrew -Wurmschwanz aus Harry Potter- nicht gerade ein Gewinner-Typ.

Wie Loser erscheint auch der Rest der jämmerlichen Truppe,

"niemand [kehrt] von ihnen zurück nach Regent´s Park, denn sie alle hatten dort Geschichte geschrieben, Schmutzflecken in den Annalen des Secret Service hinterlassen", wie

- Catherine Standish, die ehemalige "Moneypenny" des Secret Service Chefs, trockene Alkoholikerin,
- Min Harper, der einen wichtigen Datenträger in der U-Bahn hat liegen lassen,
- Louisa Guy, die eine Zielperson aus den Augen verloren hat,
- Roderick Ho, Computer-Genie, der nicht weiß, warum er abgeschoben wurde,
- Jed Moody, der unbedingt zurück will - zu den Dogs:

" Slough House bedeutet nicht, dass du drin bist, Jed. Regent´s Park ist der Nabel der Welt. Die Dogs  - na ja, du weißt schon. Wir patrouillieren durch die Korridore und schnüffeln, an wem wir wollen. Wir gehen sicher, dass alle das tun, was sie tun sollen, und niemand aus der Reihe tanzt. Falls doch beißen wir zu. Deswegen nennt man uns Dogs." (106)

Ausnahme ist Sidonie Baker, eine hübsche, sympathische junge Frau, von der niemand weiß, warum sie bei den Slow Horses ist.

Rivers erster Auftrag besteht darin, den Müll des Journalisten Robert Hobden zu durchforsten. Einst  war er ein Star, wegen rechtsradikaler Gesinnung ist er ebenfalls aufs Abstellgleis geraten.
Während sich River mit Abfällen zufrieden geben muss, darf seine hübsche Kollegen Hobden beschatten, entwendet ihm seinen USB-Stick, der zum Regent´s Park, also zum MI 5 gebracht werden soll.
Seit wann führen die Slow Horses, die statistische Daten auswerten und in langweiliger Ermittlungsarbeit gefangen sind, echte Einsätze durch? Und dann muss River ausgerechnet zu James Webb, Spider genannt, den er für seinen katastrophalen Einsatz verantwortlich macht, um ihm Hobdens Daten zu überbringen.
Am Ende des ersten Teils wird ein jungen Mann entführt, der gerade auf dem Nachhauseweg ist, und in ein Kellerloch gesperrt. Wie hängen die beiden Fälle zusammen? Und welche Rolle wird den Slow Horses dabei zuteil?

Bewertung
Direkt zu Beginn hat mich der Autor für sich eingenommen, als er den katastrophalen Einsatz von Cartwrights auf dem Bahnhof King´s Cross schildert und auf Bahnsteig 9 3/4 hinweist, an dem der Hogwarts Express abfährt. Harry Potter ist Allgemeingut geworden ;)

Der Roman startet furios mit dem verpatzten Einsatz Rivers, um dann ganz gemächlich den zukünftigen Arbeitsplatz des Gefallenen zu beschreiben. Nacheinander werden uns die einstigen Agenten und ihre Vergehen vorgestellt, so dass man zunächst die wichtigsten Figuren kennenlernt. Im Lauf der Handlung nimmt dieser äußerst spannende Agententhriller rasant an Fahrt auf. Nach der Entführung des jungen Mannes gilt es herauszufinden, wer dahinter steckt. Spekulationen über Täter und Anstifter führen dazu, dass ich ab dem 2.Teil den Krimi nicht mehr aus der Hand legen wollte. Aufgrund der Andeutungen und immer neuer Wendungen hat man kaum noch Zeit durchzuatmen - umso schöner, dass es ein ruhiges Ende gibt, das einen Bogen zum Anfang schlägt - eine Rahmenhandlung, in der deutlich wird, was sich in Slough House verändert hat.
Die politische Dimension des Thrillers und die Skrupellosigkeit der Handelnden wirken sehr authentisch - man hat das Gefühl, genauso läuft das. Was für den glaubwürdigen Erzähler spricht, der zudem mit ironischen Kommentaren und britischem Humor überzeugt.

Spannende Unterhaltung, klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Leseexemplar.

Mittwoch, 29. August 2018

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

- und Sinn im Leben findet.

Lesen mit Mira
"Die erste Regel lautet, du darfst nicht lieben", sagte er. "Es gibt noch andere Regeln, aber das ist die wichtigste. Du darfst dich niemals verlieben. Niemals lieben. Niemals von der Liebe träumen. - Solange Sie sich daran halten, kommen Sie durch." (7)

Welch grauenhafte Vorstellung, zu leben ohne lieben zu dürfen. Doch Tom Hazard, Geschichtslehrer in London, soll sich an diese Regel halten, um am Leben zu bleiben. Obwohl er aussieht, als sei er 40 Jahre alt, ist er 439, geboren am 3.März 1581 in einem französischen Chateau. Er leidet unter Anagerie:

"verschiedene Aspekte des natürlichen Alterungsprozesses - die molekulare Degeneration, die Zellvernetzung im Gewebe, Mutationen auf Zell- und Molekularebene" (12) laufen verlangsamt ab. Dazu kommt ein besonders intaktes Immunsystem, das vor den meisten Krankheiten schützt. Hört sich perfekt an.

Doch Tom Hazard, der aus seiner Ich-Perspektive die Geschichte an ein "Du" gerichtet erzählt, empfindet sein Leben als Belastung. Denn die "Eintagsfliegen", die normal Alternden, werden misstrauisch, wenn die "Albatrosse", wie sich die Langlebigen selbst nennen, nicht altern. Fast dreihundert Jahre hat sich Tom alleine durchgeschlagen, immer wieder den Lebensmittelpunkt verändert, tiefe Depressionen durchlaufen - nur die Suche nach seiner Tochter, die auch nicht altert, hält ihn am Leben.

"Oft verlor ich bei meiner Suche alle Hoffnung. Ich suchte nicht nur nach einem vermissten Menschen, sondern auch nach dem anderen, das mir abhandengekommen war - Sinn. Bedeutung. Mir kam der Gedanke, dass die Menschen deswegen nicht älter als hundert wurden, weil sie es einfach nicht länger aushielten. Seelisch, meine ich. Irgendwann ging einem schlicht die Puste aus. Da war nicht genug Ich, um weiterzumachen." (43)

Eine feste Konstante in seinem Leben ist die Musik, im 16.Jahrhundert spielte er in London auf dem Markt Laute, in den 20er Jahren in Paris Klavier.

Sein Leben bessert sich scheinbar, als er von der Albatros-Gesellschaft rekrutiert wird, die Menschen wie ihn schützt. Hendrich, der Kopf dieser Gesellschaft, ist selbst 700 Jahre alt und ermöglicht ihm alle acht Jahre ein neues Leben - unter der Prämisse einen Auftrag zu erledigen und - sich niemals zu verlieben.

"Ich habe nur einmal im Leben wirklich geliebt. Ich schätze, das macht mich irgendwie zum Romantiker." (32)

Das war er im Jahre 1599, seine große Liebe Rose, eine Obstverkäuferin, hat Tom in London kennen gelernt. Aus Frankreich musste er mit seiner Mutter fliehen, da sie als Hugenotten verfolgt wurden. Erst in der Pubertät hörte Tom auf zu altern - mit Folgen für seine Mutter.

In der Gegenwart lebt er wieder in London, als Geschichtslehrer - der perfekte Beruf - hat er doch selbst Größen der Geschichte erlebt, wie Shakespeare, Charly Chaplin, Scott Fitzgerald, Captain Cook, den er auf seinen Forschungsreisen begleitet hat.

Zum Lehrerkollegium gehört die Französischlehrerin Camille, die ihn wiedererkennt, woher weiß sie jedoch nicht. Damit bringt sie sich selbst in Gefahr, denn die Albatros-Gesellschaft hütet ihr Geheimnis - um jeden Preis - aus Angst ein Spielball der Wissenschaften zu werden.

Für Tom eine prekäre Situation - in zweifacher Hinsicht, denn Camille gefällt ihm und er mag sie. Was soll er tun?

Bewertung
Die Idee, die dem Roman zugrunde liegt, mag nicht neu sein, hat mich beim Lesen aber sofort in ihren Bann gezogen. Würde man so langsam alt werden, wie viel Zeit hätte man, um all die Bücher zu lesen, die man immer schon mal lesen wollte, wie Mira so schön formuliert hat.
Aber ohne feste Bindungen und Liebe zu leben - ohne Freunde, immer wieder neu zu beginnen - das schmälert den Reiz ein Zeitzeuge zu sein und jahrhundertelang zu leben. So wirft der Roman, neben der spannenden und unterhaltsamen Lebens- und auch Liebesgeschichte, die er erzählt, durchaus existentielle Fragen auf, ohne sich in philosophischen Diskursen zu ergehen. Es bleibt ein Unterhaltungsroman, dessen Ende vorhersehbar ist und der die Leser*innen mit einem guten Gefühl entlässt und uns beiden gut gefallen hat.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Samstag, 25. August 2018

Howard Jacobson: Shylock

- Adaption von Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig"

Leserunde auf whatchaReadin - Kurzrezension

Vor vielen Jahren habe ich Shakespeares Stück auf der Bühne gesehen und mir vor der Leserunde die Zusammenfassung durchgelesen - trotzdem wäre es sinnvoll gewesen das Original vor der Adaption zu lesen. Meines Erachtens ist die Lesefreude unter dieser Voraussetzung größer - man kann Bezüge her-, Vergleiche an- und den Original-Shylock dem der Neufassung gegenüber-stellen. Die Geschichte allein - ohne dass man den Bezug zum Drama hat - trägt aus meiner Sicht zu wenig, um einen Lesefluss aufrecht zu erhalten. Die Diskussionen in der Leserunde haben zumindest ein besseres Verständnis ermöglicht.

Worum geht es?
"Der Raum zwischen Himmel und Erde ist kaum mehr als ein Briefkastenschlitz zusammengequetschten Lichts, der Himmel selbst abgrundtief banal. Eine Bühne, die für keine Tragödie taugt, selbst hier nicht, wo die Toten ruhen." (9)

Der Beginn verweist darauf, dass die erzählte Geschichte eigentlich gar nicht für eine Tragödie taugt, selbst der Himmel wirkt banal. Was erwartet uns? Sollen wir das alles nicht so ernst nehmen?

Zwei Männer befinden sich auf dem Friedhof - Shylock, der aus dem Shakespeare-Stück, ein alter Geist (?), was letztlich nicht aufgeklärt wird. Jener Shylock hält Zwiegespräche mit seiner verstorbenen Frau Leah, während ein moderner Shylock - der reiche Kunsthändler Simon Strulovitch, das Grab seiner Mutter besucht,

"er ist ein reicher, aufbrausender, leicht zu kränkender, schnell zu begeisternder und ebenso schnell ernüchterter Philantrop mit einer angesehenen Sammlung anglo-jüdischer Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts und alter Bibeln, mit einer Leidenschaft für Shakespeare (!)" (9).

Strulovitch nimmt Shylock mit zu sich nach Hause und zwischen den beiden kommt es zu Dialogen über den jüdischen Glauben, über die Vorurteile gegenüber den Juden und über deren Selbstverständnis. Strulovitch vertritt den weltlichen Juden, der trotz allem der Tradition verhaftet ist und nicht möchte, dass seine Tochter einen Christen heiratet, während Shylock den gläubigen Juden repräsentiert.

"Etwas zu befolgen ist weniger neurotisch, als es auf keinen Fall zu tun. Ihr weltlichen Juden seid pedantischer darauf bedacht, dem Gesetz nicht zu folgen, als der gläubige Jude sein Leben danach ausrichtet." (100)

Die philosophischen Gespräche der beiden bilden eine feste Konstante im Roman, während sich die Geschichte zu wiederholen scheint. Denn Strulovitchs Tochter Beatrice hat sich in den Fußballer Gratan Howsome verliebt, der den Ansprüchen ihres Vaters nicht genügt.
Gleichzeitig will der Melancholiker D´Anton (=Antonio) ein Gemälde von Strulovitch erwerben, weil er die Werbung Barneys gegenüber der reichen Erbin "Plurabelle Cleopatra Eine-Schönheit-ist-eine-ewige-Freude Christine" (27) unterstützt. Jener Barney, ein Mechaniker, begeistert sich für Plurys VW Käfer und lässt ihren Porsche Carrera links liegen, eine Anspielung an die drei Kästchen aus Gold, Silber und Blei.
Plury hingegen ist eine Freundin von D´Anton, der wiederum Gratans Werbung für Beatrice unterstützt und den Kunstsammler Strulovitch nicht leiden kann.
Natürlich fordert auch Strulovitch eine entsprechende Gegenleistung von D´Anton, wenn auch kein Pfund Fleisch.

Bewertung
Die Figuren des Romans sind abgesehen von Strulovitch und Shylock stark überzeichnet und wirken skurril, wie die Handlung auch. "Irrwitzig", wie es auf dem Button auf dem Cover heißt, trifft es ganz gut. Interessant fand ich die Diskurse über das Jüdisch-Sein, die die beiden führen und die nachdenklich stimmen.

"Nachdem uns so viele Jahre erzählt wurde, wie uns die Gojim (= Nichtjuden) sehen, ist es kaum eine Überraschung, dass wir uns an Ende selbst so sehen. So funktionieren Verunglimpfungen. Das Opfer übernimmt den Blick seines Peinigers. Wenn ich für ihn so aussehe, muss ich so sein." (77)

Gleichzeitig erörtern die beiden Figuren Shylocks Rolle und sein Verhalten im Drama "Der Kaufmann von Venedig" und liefern dadurch eine mögliche Interpretation der Figur Shylocks.

Dass im Roman von DEN Juden und DEN Christen gesprochen wird, deckt auf, wie sehr wir in Stereotypen denken und soll diese entlarven. So habe ich es zumindest verstanden, dass der Autor, selbst Jude, mit diesen Vorurteilen aufräumen will. Keine leichte Kost - eher eine Herausforderung.

Vielen Dank an Knaus-Verlag für das Lese-Exemplar.

Mittwoch, 22. August 2018

Carol Rifka Brunt: Sag den Wölfen, ich bin zuhause

- ein Plädoyer für Toleranz.

Kurzrezension
Die 14-jährige June Albus, aus deren Ich-Perspektive die Geschichte erzählt wird, hat ein besonderes Verhältnis zu ihrem Onkel Finn, ihrem Paten und einem Künstler, der in New York lebt, jedoch keine Bilder mehr veröffentlicht.
Da Finn an Aids erkrankt ist, möchte er ein letztes Porträt von June und ihrer 16-jährigen Schwester Greta malen. Die Geschwister, die einst beste Freundinnen waren, haben sich auseinander gelebt. Während Greta eine Art "Superstar" ist, da sie eine Klasse übersprungen hat, in einem Musical die Hauptrolle singt, hübsch, intelligent und beliebt ist, fühlt sich June ihr unterlegen. Sie streift nach der Schule am liebsten im Wald herum, in einem mittelalterlichen Aufzug und hört den "Wölfen" zu. Sie ist eine Träumerin, die sich in eine Fantasiewelt flüchtet und am liebsten Zeit mit ihrem Onkel verbringt.


Als dieser stirbt, vermacht er ihnen das Porträt "Sag den Wölfen, ich bin zuhause" und lässt June todtraurig zurück. Auf der Beerdigung taucht ein junger Mann auf, über den Junes Mutter sagt, er habe Finn getötet.

Toby bemüht sich Kontakt zu June aufzunehmen, da er Finn genau so geliebt habe wie sie. Zunächst weigert sich June, ihn zu treffen, doch dann wagt sie den Schritt, den Menschen kennen zu lernen, den Finn geliebt hat und es entwickelt sich eine besondere Freundschaft zwischen den beiden.
Neben dieser Beziehung steht auch die der beiden Schwestern im Mittelpunkt, die von Eifersucht, aber auch von Sehnsucht zueinander geprägt ist.

Bewertung

Die Geschichte spielt in den 80er Jahren, als die Krankheit Aids gerade erst ins Bewusstsein rückte und viele dachten, es sei die gerechte Strafe für Homosexualität. Diesem Gedanken tritt der Roman entschieden entgegen, indem die Liebe zwischen Finn und Toby sehr sensibel geschildert wird und es keinen Unterschied macht, ob man hetero- oder homosexuell "liebt".
June sieht in Toby konsequenterweise einen Konkurrenten, einen jungen Mann, der ihren Onkel ebenso sehr geliebt hat wie sie selbst.
Die sympathische Identifikationsfigur sensibilisiert Jugendliche für das Thema Aids, gleichzeitig geht es um erste Liebe, Eifersucht und Konkurrenz unter Geschwistern. Gretas Kratzbürstigkeit gegenüber June resultiert letztlich daraus, dass sie sich in der besonderen Beziehung zwischen June und Finn ausgeschlossen fühlt. Das Porträt als Chance sie zusammenzuführen?
Finn hat seine eigene Beziehung zu seiner Schwester, Junes Mutter vor Augen, die an seiner Homosexualität und seinem Drang nach Freiheit gescheitert ist. Hat sie deswegen so große Erwartungen an Greta? Soll diese ihre ungelebten Chancen verwirklichen?
Ein Jugendroman, in dem es ums Erwachsenwerden geht, darum seinen Weg im Leben zu finden und eigene Entscheidungen zu treffen, mit dem für Jugendliche typischen Pathos und ihrer Absolutheit - das Differenzieren muss noch warten ;)

Ein schönes Hörbuch für zwischendurch, das mir auch als Erwachsenen gut gefallen hat - vielleicht auch, weil meine Tochter das Alter der Protagonistin hat ;)

Hörbuch, 13 Stunden und 17 Minuten
Sprecherin: Jodie Ahlborn

Samstag, 18. August 2018

Hélène Gestern: Der Duft des Waldes

- Spurensuche in Briefen und Bildern.

Eine Lektorin des S.Fischer Verlages war so freundlich und hat mir ein Rezensionsexemplar dieses Romans angeboten und zukommen lassen. Was für ein Glück, denn er hat mich über eine Woche völlig in seinen Bann gezogen und mit Freude habe ich das, was die Protagonistin über die Geschehnisse der Vergangenheit Schritt für Schritt herausfindet, mitverfolgt.

Worum geht es?
Der Historikerin Elisabeth Bathori, deren große Liebe vor zwei Jahren unter tragischen Umständen gestorben ist und die immer noch mit der Rückkehr ins "normale" Leben kämpft, werden Briefe, Postkarten und Bilder eines französischen Frontsoldaten aus dem 1.Weltkrieg angeboten.

"Mir lag das Album eines poilu vor, eines Frontsoldaten, der während des Ersten Weltkriegs zweieinhalb Jahre lang Postkarten und selbstaufgenommene Fotos vom Alltag in den Schützengräben verschickt hatte. Außerdem hatte er fast jede Woche seiner Schwester geschrieben und dem berühmten postsymbolischen Dichter Anatole Massis, der offenbar sein bester Freund gewesen war. Der Fundus war von unschätzbarem historischem Wert" (11).

Der "Schatz" gehört Alix de Chandelar, 89 Jahre alt, und stammt von ihrem Onkel Alban de Willecot. Da sie nicht will, dass dieser ihrem "nutzlosen" Enkelsohn in die Hände fällt, hat sie entschieden, ihn Elisabeth anzuvertrauen, die für das Institut für Fotogeschichtsschreibung des 20.Jahrhunderts arbeitet.

Elisabeth erwirbt den historischen Schatz für das Institut und freundet sich in den wenigen Monaten, die bis zum Tod der alten Dame vergehen, mit ihr an, und erbt von ihr überraschenderweise deren Haus in Jaligny-sur-Besbre. In dem abgeschiedenen Haus, in dem "der Duft des Waldes" zu riechen ist, vertieft sie sich in die Briefe Willecots und findet durch die Arbeit einen Weg, ihre Trauer zu überwinden.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt, gerichtet an ein Du, an den verlorenen Geliebten der Protagonistin. Daneben stehen die Briefe Alban, einen Eindruck von der wachsenden Verzweiflung Albans an der Front und seine Erkenntnis, dass man seine Menschlichkeit verliert und der Krieg sinnlos erscheint. 1916 hat er die Hölle von Verdun erlebt.

"Und weißt Du, was das Schlimmste ist, Anatole? Man gewöhnt sich daran. Man gewöhnt sich an diese Routine, die daraus besteht, dem Tod entgegenzugehen oder den Tod zu bringen. Nach den ersten paar Tagen springen wir nun alle mit Geschrei aus unseren Löchern, als hätten wir ein Leben lang nichts anderes gemacht." (29)

Neben den Briefen hat Alban seinem seinem Freund Anatole Massis auch Bilder vom Alltag der Frontsoldaten schickt - anscheinend finden auch unentwickelte Filme trotz Zensur ihren Weg zum Dichter und werden von diesem heimlich entwickelt. Was zeigen sie? Und wo befinden sich diese Bilder? Welches Ziel verfolgen die beiden Freunde damit?
Als der Enkel Anatoles Kontakt mit Elisabeth aufnimmt, schöpft sie die Hoffnung auf die Antwort-Briefe des Dichters, die angeblich beim Brand des Wohnhauses von Blanche de Borges, der Schwester Alban de Willecots, in Othiermont verloren gegangen sein sollen. Statt dessen erhält sie eines der heimlich aufgenommenen Bilder, das neue Fragen aufwirft.

Neben der Ich-Perspektive und den Briefen bilden erzählte Passagen, die Elisabeths Hypothesen abbilden, was damals geschehen sein könnte, eine weitere Erzählebene, ebenso wie Dianas Tagebuch, die eine Freundin oder Geliebte (?) Albans gewesen ist.

In alten Briefen Alix´findet Elisabeth einen Hinweis, der sie zu Violeta Mahler nach Lissabon und die Leser*innen zu einem weiteren Handlungsstrang in den 2.Weltkrieg führt, der sehr komplex mit dem ersten verwoben ist.

Violetas Mutter Suzanne gelang mit ihrem Onkel Ari während der Besatzung Frankreichs die Flucht nach Lissabon, während ihre jüdische Mutter Tamara bis heute als verschollen gilt. Warum hat sie ihr einziges Kind im Stich gelassen? Auf der Suche nach Antworten stieß Suzanne auf den Namen Victor Ducreux, der Sohn Dianas.

Violeta besitzt das verschlüsselte Tagebuch Dianas, das sie Elisabeth überlässt und deren Inhalt immer neue Überraschungen bereit hält, so dass Elisabeths Hypothesen permanent revidiert werden müssen, bis am Ende die "Wahrheit" endlich ans Licht kommt.

Durch Violeta lernt die Historikerin deren Bruder Samuel kennen, in den sie sich verliebt - auch dessen Vergangenheit birgt ein Geheimnis, das enträtselt werden will.

Bewertung
Ein inhaltlich sehr komplexe Geschichte über Freundschaft und Liebe, Verrat und Betrug, über die Erinnerung und den Wunsch, die Wahrheit herauszufinden, und vor allem über die Grausamkeiten des Krieges. Über Gerechtigkeit, die einigen Soldaten posthum widerfährt und über dunkle Flecken, auch in der Militärgeschichte.

Die Figuren aus der Vergangenheit, die in den Briefen, im Tagebuch und auch in einzelnen Kapiteln erscheinen, wirken authentisch - nur der Dichter bleibt blass, aber auch das hat seinen Sinn, wie sich am Ende herausstellt. Gestern hat einerseits die weiblichen Figuren in den Vordergrund gestellt, die Historikerin mit ihrer Trauer und die jugendliche starke Diana, die in einer männerdominierten Welt keine Chance hat, ihre Träume auszuleben. Die heimlich ihr Abitur machen muss und deren mathematische Begabung sich nicht entfalten darf.
Andererseits liegt der Fokus auf dem 1.Weltkrieg, auf das, was Alban in den Schützengräben erlebt, was er fotografisch eigentlich nicht festhalten darf und wie er mit seinen Bilder das Gestellte entlarvt. Dass Gesterns Fachgebiet die Fotografiegeschichte ist, zeigt sich in ihren detailgetreuen und profunden Beschreibungen der Postkarten und Bilder.
Was mich fasziniert hat, sind die vielen Wendungen, die sich aufgrund neuer Funde und der akribische Quellenarbeit der Protagonistin ergeben, die eine neue Sichtweise eröffnen, eine andere Lesart ermöglichen. Damit verdeutlicht sie implizit und explizit an der Figur der unsympathischen "Wissenschaftlerin" Joyce Bennington, die Anatole und Alban ein homosexuelles Verhältnis unterstellt, wie gefährlich und unseriös es ist, voreilig Schlüsse zu ziehen, die sich nicht entsprechend belegen lassen.

Eine packende, wenn auch sehr komplexe Geschichte (daher die Figurenkonstellation ;)), die beim Lesen Aufmerksamkeit fordert, die berührt und betroffen macht.

Vielen Dank an den S.Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mittwoch, 8. August 2018

George Saunders: Lincoln im Bardo

- ein außergewöhnlicher Roman.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman wurde 2017 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet, Grund genug ihn im Rahmen einer Leserunde gemeinsam zu diskutieren. Obwohl ich viel und quer lese, habe ich solch eine Art zu erzählen noch nicht erlebt. Aus einer historischen Begebenheit strickt Saunders "eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust, die jede bisher bekannte Form des Romans sprengt." (Klappentext)

Der historische Hintergrund

Im amerikanischen Bürgerkrieg, in der Nacht vom 20. Februar 1862, stirbt Abraham Lincolns 11-jähriger Sohn Willie, den er über alles geliebt hat. Lincoln soll nach der Beerdigung zum Friedhof zurückgekehrt sein, um seinen Sohn ein letztes Mal in den Armen zu halten. Während der Vater trauert, wird seine Kriegsführung kritisiert und man unterstellt ihm mangelnde Führung. Auf beiden Seiten sind hohe Verluste zu verzeichnen, daher lässt Saunders Lincoln auf dem Friedhof über den Sinn dieses Krieges reflektieren.
Die historischen Gegebenheiten sind aus zeitgenössischen Quellen, fiktiven und realen, montiert, die sich wie ein Fließtext lesen lassen - trotz der Quellenangaben.

Dass diese Quellen nicht immer verlässlich sind, zeigt zum Beispiel eine Gegenüberstellung der Aussagen über das Aussehen des Mondes in der Nacht, in der Lincoln ein Bankett gegeben hat, während sein Sohn schon fieberte.

"goldene Mond, der pittoresk über der Szenerie hängt - In jener Nacht schien kein Mond" (28)

Der geisterhafte Hintergrund

"Willie Lincoln befindet sich im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, in tibetischer Tradition Bardo genannt." (Klappentext)

Dort geistern die Toten, die ihren Tod nicht wahrhaben wollen und daran glauben, ins Leben zurückkehren zu können. Ihre "Kranken-Gestalt" liegt in einer "Kranken-Kiste". In der Dämmerung wandeln sie in einer Erscheinung über den Friedhof, die ihre Innerstes zum Ausdruck bringt. Erst wenn sie ihre Illusionen verlieren, verschwinden sie mit einem "[d]urch Mark und Bein dringenden Feuerball, der mit dem Phänomen der Materienlichtblüte" (123) einhergeht.

Die häufigsten Stimmen, die zu Wort kommen, sind die
  • von Hans Vollmann, einem Drucker, der von einem Balken erschlagen wurde, kurz bevor seine Frau zugestimmt hat, endlich mit ihm das Bett zu teilen. Eine Erfahrung, auf die er immer noch hofft. Willie beschreibt seine Erscheinung:
"Ganz schön nackt    Glied angeschwollen auf die Größe von   Konnte gar nicht woandershin gucken" (40)
  • von Roger Bevins III, einem homosexuellen jungen Mann, der sich aus Liebeskummer die Adern aufgeschlitzt hat und der im Moment des Sterbens erkennt:
"Erst jetzt (wo ich schon fast durch die Tür war, sozusagen) wurde mir klar, wie unsagbar schön alles war, wie akkurat zu unserem Vergnügen eingerichtet, ich begriff, dass ich kurz davorstand, ein wundersames Geschenk zu verschleudern" (37)
  • von Reverend Everly Thomas, der weitergegangen ist und zurück in den Bardo gekehrt ist. Was hat er gesehen?
Das Problem, das die Geister haben, ist, dass Kinder nicht im Bardo verweilen dürfen. Das ist nicht vorgesehen und führt zu drastischen Maßnahmen...
Willie wartet jedoch auf seinen Vater. Nachdem dieser seine "Kranken-Gestalt" aus der "Kranken-Kiste" genommen, angefasst und versprochen hat, wieder zu kommen, will er bleiben.
Auch die anderen sind voller Hoffnung und wollen mit diesem Jungen reden, denn noch nie hat jemand die "Kranken-Gestalt" berührt. Sie hoffen vielleicht, dass er zurückkehren kann und sie mitnimmt?

Eine Kakophonie aus Stimmen erhebt sich - alle wollen ihre Geschichten erzählen, die die zeitgenössischen politischen, moralischen und religiösen Einstellungen der Zeit widerspiegeln - die Geister als Abbild der amerikanischen Gesellschaft.

Erzählweise

Der Roman besteht einerseits aus den montierten Quellen, die die historischen "Fakten" erzählen, andererseits aus den Gesprächen auf dem Friedhof, wobei unter jeder Aussage der Name der Figur zu lesen ist, die gesprochen hat. Das gleicht einem Theaterstück, wobei das Erzählte im Präteritum steht und die Figuren wiedergeben, was andere gesagt haben.

"Dass du immer noch hier bist, ist beeindruckend, sagte der Reverend zu dem Knaben.
Heroisch geradezu, fügte ich an.
Aber unklug, sagte der Reverend.
                                   hans vollmann" (135)

Dadurch entsteht eine kritische Distanz, weil das Geschehen nicht unmittelbar "mit-"erlebt wird. Gleichzeitig wird uns die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt, was wiederum zu dem Abbild der Gesellschaft passt.

Bewertung

Ein experimenteller Roman, der sich erstaunlich gut lesen lässt und den man, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen will. Zu amüsant sind die "Dialoge" zwischen den Geistern, deren Treiben teilweise einem Klamauk gleicht. Das ist jedoch nur vordergründig so. Saunders stellt auch die Vorstellungen von Himmel und Hölle satirisch auf den Kopf und bezieht eindeutig politisch Stellung gegen den Rassismus. Beklemmend ist eine Szene, in der eine ältere schwarze Sklavin für eine stumme, junge schwarze Frau erzählt, wie diese vergewaltigt und misshandelt wurde - wie ein Stück Vieh, weil jeder Weiße es mit ihr machen durfte.
Oder wie ein Sklave, der immer gut behandelt wurde, erkennt, dass er sein Leben lang nie das machen durfte, was er wollte, sondern Befehlen gehorchte.

Ein gelungenes Experiment und für mich eine besonderes Lese-Highlight!

Freitag, 3. August 2018

John Irving: Bis ich dich finde

- Suche nach dem Vater.

Lesen mit Mira

Den umfangreichen Roman Irvings, von dem ich noch eine alte Ausgabe des Diogenes-Verlages besitze, habe ich gemeinsam mit Mira gelesen, wobei wir ihn gesplittet haben. Die erste Teil - Ende Juni, die restliche 580 Seiten im Juli. Aufgrund der Pause fiel es mir zunächst schwer wieder in die Handlung hineinzufinden, doch beim Weiterlesen zog mich die Geschichte wieder in ihren Bann und es zeigte sich, dass die losen Fäden des 1.Teils im 2. wieder aufgenommen und verknüpft werden.

Worum geht es?

I Die Nordsee

"Laut seiner Mutter war Jack Burns bereits ein Schauspieler, bevor er Schauspieler wurde, doch die lebhaftesten Erinnerungen an seine Kindheit waren die an jene Augenblicke, in denen er den Drang verspürte, sich an der Hand seiner Mutter festzuhalten. Das waren die Augenblicke, in denen er nicht spielte." (11)


Jack Burns, als Erwachsener ein bekannter Schauspieler, ist der Sohn von William Burns, einem sehr talentierten Organisten aus Edinburgh, der die junge Chorsängerin Alice in Leith schwängert, Tochter des legendären Tätowierers Aberdeen-Bill. Doch statt sich der Verantwortung für seinen Sohn Jack zu stellen, flieht William nach Kanada, Halifax, um dort einerseits die Orgel zu spielen und andererseits ein weiteres Mädchen unglücklich zu machen. Ein Muster, das sich in jeder Stadt, in die er flieht, zu wiederholen scheint. Und Alice reist ihm nach. Zunächst nach Halifax, wo sie ihre Tätowierkünste bei Charlie Snow und Matrosen- Jerry verfeinert, weiter nach Toronto, wo ihr Mrs. Wicksteed unter die Arme greift. Sie beauftragt auch Caroline Wurtz, eine junge Lehrerin der St.Hilda Schule, an der auch William unterrichtet hat, Alices schottischen Akzent auszumerzen. Die Wurtz, wie Jack sie nennen wird, bleibt eine der Konstanten in seinem Leben - und nicht nur in seinem.

Als Jack vier Jahre ist, im Jahr 1969, beschließt Alice ihren "Mann" in Europa zu finden, um ihn "mit seiner Pflicht und Schuldigkeit" (14) zu konfrontieren. Jack ist bereits als Kind der Überzeugung, sein Vater sei für immer fort und habe ihn vergessen - ein Umstand, der sein Leben entscheidend prägt.

"Es ist mir egal, ob wir ihn finden oder nicht!" schrie er seine Mutter an. "Ich hoffe, wir finden ihn nicht!" (73)
"(...) die Suche nach seinem Vater ein Traum war, allerdings ein Traum, der niemals aufhörte." (99)

Diese Suche nach dem Vater ist das Schlüsselmotiv des Romans und erklärt den Titel, dessen Bedeutung in all seinen Facetten erst vom Ende her zu entschlüsseln ist.

Da William, nachdem er sich erstmalig von Alices Vater Musiknoten hat tätowieren lassen, tintensüchtig geworden ist, fügt der Musikmann in jeder Stadt seinem Körper weitere Tatoos hinzu.

So hat Alice einen Anhaltspunkt und lernt nebenbei die berühmtesten Tätowierer Europas und die Organisten der jeweiligen Kirchen kennen, in denen William spielt.
In jeder Stadt stehen somit die Tätowierer und ihre Kunst ebenso wie eine bestimmte Kirche und deren Orgel im Mittelpunkt.

Der Erzähler weist uns immer wieder darauf hin, was der vierjährige Jack von all den Ereignissen mitbekommt und versteht. Viele Jahre später wird sich herausstellen, dass seine Erinnerungen äußert lückenhaft und unvollständig sind. So glaubt er, eine Prostituierte sei eine "Frau, die Männer Ratschläge gebe, wenn diese Schwierigkeiten hätten, Frauen im allgemeinen oder eine Frau - möglicherweise ihre Frau - im besonderen zu verstehen." (126)

Ihr Weg führt sie von Kopenhagen, wo Alice ihren Künstlernamen - Tochter Alice - kreiiert, nach Stockholm, von dort nach Oslo, Helsinki und schließlich nach Amsterdam - dort endet die Reise. Aus welchen Gründen soll Jack ebenfalls erst viele Jahre später, als er die Reise wiederholt, erfahren.

II Das Meer von Mädchen
Zurück in Toronto besucht er die "konfessionelle Mädchenschule" St.Hilda, die Jungen in den ersten vier Schuljahren aufnimmt. Dort wird der Grundstein seiner Fixierung auf ältere Frauen gelegt - unter den Mädchen ist der bildhübsche Junge eine Herausforderung. Besonders ein Mädchen hat es auf ihn abgesehen - Emma Oastler, die sieben Jahre älter ist als er und deren Freundschaft ihn über viele Jahre begleiten wird. Es ist eine Beziehung der besonderen Art - mit einer sexuellen Komponente, die recht skurril erscheint und Jacks Entwicklung vorantreibt.
In der Schule entdeckt Jack seine Liebe zum Theater, von Miss Wurtz erhält er den Hinweis das Herz eines "Einmannpublikums" zu rühren.

"Jacks Einmannpublikum war natürlich sein Vater." (225)

Herausragend ist er zunächst in Frauenrollen, was ihn im späteren Leben immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob er ein Transvestit sei und eine Parallele zum Roman "In einer Person" darstellt, dessen Protagonist seine Bisexualität entdecken muss, während Jack eindeutig heterosexuell veranlagt ist.

Während seiner Schulzeit entfremdet er sich von seiner Mutter, die ihr eigenes Studio in Toronto eröffnet und eine feste Beziehung eingeht. Sie erkennt nicht, dass er sexuell missbraucht wird - ein Umstand, den er auch erst als Erwachsener aufarbeitet...
Bevor er auf eine Jungenschule geschickt wird, soll er ringen lernen, damit er sich wehren kann. Eine Sportart, in der sehr gut wird und die ihm viele Vorteile einbringt.

III Glück - V.(Dr.Garcia)
In der Jungenschule Redding, USA, kommt er unerwartet gut zurecht.

"Man geht in eine Land, das einem fremd ist oder fremd erscheint, und man nimmt seine Probleme mit, aber trotzdem paßt man dorthin. Jack hatte noch nie irgendwohin gepaßt." (396)

In Exeter, seiner nächsten Schule, erkennt er, dass er kein Intellektueller ist und entscheidet sich Schauspieler zu werden, während Emma Schriftstellerin wird. 16 Jahre wird er in L.A. wohnen, bevor er sich erneut auf die Suche macht - bis er ihn findet. Dazu muss er jedoch erst seiner Selbst gewiss werden und die Wahrheit über die Reise und über seine Mutter herausfinden.

Bewertung
Der erste Teil erinnert an einen Roadtrip durch Nordeuropa, die verzweifelte Suche nach Jacks Vater, die im IV.Teil wieder aufgenommen wird. Die Wiederholung offenbart ein völlig neues Bild der Ereignisse und letztlich ist Jack weniger auf der Suche nach seinem Vater, sondern auf der Suche nach sich selbst. Wie ist eine Entwicklung unter diesen Vorzeichen möglich? Wer sagt die Wahrheit?
Er ist ein schräger Vogel, wie alle Figuren Irvings und was die sexuellen Erlebnisse anbetrifft, erscheint vieles unglaubwürdig - als sei Irvings Fantasie mit ihm durchgegangen. Vor allem die Zeit in St.Hilda wirkt skurril, ist jedoch so satirisch überzeichnet, dass man sie kaum Ernst nehmen will - trotz der Übergriffe auf Jack.
In seiner Widmung richtet sich Irving an seinen jüngsten Sohn, und hofft, er werde eine bessere Kindheit haben als die im Roman beschriebene!

Während die Handlung in der Mitte an Fahrt und Intensität verliert, gelingt es Irving mit Jacks erneuter Reise nach Europa die Spannung bis zum Schluss wieder aufzubauen.
Es ist ein Trip durch Tatoosstudios, Kirchen und die Orgelmusik, durch die Filme und die amerikanische Gesellschaft der 2.Hälfte des letzten Jahrhunderts und vor allem - ein Seelentrip.

Irvings Erzählweise überzeugt auch dieses Mal, mir gefällt sein Ton, der über skurrile Szenen hinweg trägt und der einfach Spaß macht. Irving bricht Tabus und tritt damit für Toleranz ein - warum sonst hätte er sich einen Schauspieler als Protagonist aussuchen sollen, der gerne Frauenkleider anzieht und trotzdem kein Transvestit ist. Der eine Vorliebe für ältere Frauen hat und es mag, wenn sein Penis gehalten wird - und trotzdem sensibel mit seiner besten Freundin umgeht. Der Umgang der Medien mit Jack macht deutlich, wie schnell sie den gängigen Vorurteilen unterliegen. Irving hält der Gesellschaft einen Spiegel vor - wie in allen Romanen, die ich bisher von ihm gelesen habe. Dieser wird sicher nicht mein letzter sein ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Diogenes, 1140 Seiten
2006 erschienen