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Dienstag, 3. März 2020

Daniela Krien: Muldental

- ein Erzählband

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem ich letztes Frühjahr "Die Liebe im Ernstfall" in einer Leserunde auf whatchaReadin gelesen habe und die lose verknüpften Geschichten von fünf Frauen micht begeisterten, freute ich mich besonders auf den neuen Erzählband von Daniela Krien.

Wie sie selbst im Vorwort schreibt, sind die 11 Erzählungen aus einem kleinen "Notizheft voller Geschichten", aus "Skizzen von Lebensdramen" (9) entstanden, wie

"Überschuldeter Handwerker begeht Selbstmord" (9).

Daraus entstand die Erzählung "Sommertag", in der ein Schreiner nach der Wende einen Aufschwung erlebt, Kredite angeboten bekommt und mit der finanziellen Freiheit nicht umzugehen weiß. Seine Frau gibt das Geld mit vollen Händen aus, gönnt sich das, was sie sich immer schon gewünscht hat, bis die Rechnungen und Mahnungen überhand nehmen und der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Otto Gerling ist ein "Wendeverlierer oder ein Kapitalismusopfer" (198), wie es in der Erzählung "Der Zigarettensammler" heißt. Menschen, die am politischen und gesellschaftlichen Umbruch scheitern und "trudelnd" (Klappentext) zurückbleiben.

Die erste Erzählung spielt im "Muldental", einem ehemaligen Landkreis (1994-2008) in der Nähe von Leipzig, der in "Ort der Vielfalt" umbenannt wurde, also geographisch im Osten der Republik verortet ist. Marie lebt dort mit ihrem Mann Heinz, einem Künstler, den sie zu DDR-Zeiten auf Druck der Stasi bespitzelt hat und der sie heute dafür büßen lässt. Mit wenigen Worten gelingt es Daniela Krien das Innenleben der Figuren darzustellen, bedrohliche Situationen zu schildern und bei den Leser*innen Empathie zu wecken - auch für die Täter. So empfindet man tatsächlich in der Erzählung "Heimkehr" - die Namensgleichheit mit Kafkas Parabel ist meines Erachtens kein Zufall - tatsächlich Mitleid mit einem verurteilten Mörder, der eine lieblose Kindheit erfahren hat, von den Eltern missachtet, von den Mitschüler*innen ausgegrenzt, gehänselt, weil er ein "Daumenlutscher" ist. Dass diese Lebensumstände zu aggressivem Verhalten führen, scheint genauso plausibel, wie das destruktive Verhalten der jungen Anna in der Erzählung "Mimikry", die permanent mit Vorurteilen gegenüber den "Ossis" konfrontiert wird und von der nun im Westen Anpassung gefordert wird.

Die Erzählung "Freiheit", basierend auf der Notiz "Junge Frau entscheidet sich für Spätabtreibung" (9) führt besonders gut vor Augen, dass - wie Krien im Vorwort schreibt - "das Individuum seine Entscheidung" (10) frei trifft, aber auch die Verantwortung für jene tragen muss. Diese Geschichte geht wirklich unter die Haut, genauso wie "Aussicht", in der eine pubertierende Tochter sich mit allen Konsequenzen gegen ihre Mutter stellt - danach braucht man als Leser*in erstmal eine Pause.

Daniela Krien schreibt über Menschen, "deren Schicksal ihre Kräfte übersteigt" (10), und es ist wichtig, dass sie diesen Gehör verschafft. Einige Geschichten beziehen sich explizit auf die Wende oder den Osten bzw. die ehemalige DDR, wie "Sarabande in B-Moll", in der eine schizophrene junge Frau kurz vor dem Mauerbau in den Westen reist, weil sie glaubt, dort besser behandelt werden zu können. Andere könnten überall spielen, sind sozusagen unabhängig vom politischen Geschehen.

Mit der Geschichte "Muldental II", die die 1.Erzählung weiterführt und mit "Plan B" verknüpft, schließt dieser Erzählband, der sehr nachdenklich stimmt und dessen eindringliche Geschichten die Leser*innen zwingen, ihre Komfortzone zu verlassen und sie zunächst rat- und sprachlos zurücklassen.
(Glücklicherweise konnte man sich in der Leserunde darüber austauschen!)

Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Erzählband oder einen Roman von Daniela Krien, die eine großartige, zeitgenössische Erzählerin ist und die mit wenigen Worten so viel sagen kann.

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar.

Sonntag, 23. Dezember 2018

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

- 10 Kurzgeschichten aus 10 Jahren.

Lesen mit Mira

Benedict Wells Roman "Vom Ende der Einsamkeit" war eines der Lese-Highligths aus dem Jahr 2016. Danach habe ich seinen Erstling "Spinner" gelesen, während die anderen Romane noch auf mich warten. Deshalb war ich glücklich, als Mira vorschlug, gemeinsam die Neuerscheinung von Wells zu lesen, auch wenn es "nur" Kurzgeschichten sind. Uns beiden gefällt seine Art und Weise zu schreiben und unsere übereinstimmende Meinung ist, er möge wieder einen Roman schreiben, damit wir länger daran lesen können - die Geschichten sind viel zu schnell vorbei.
Wir haben uns darauf geeinigt, dass jede von uns zwei der 10 Geschichten intensiver rezensiert, hier geht es zu Miras Geschichten, die sich "Richard" und "Die Nacht der Bücher" ausgesucht hat. Letzteres stammt aus dem Kosmos "Vom Ende der Einsamkeit", genau wie die Geschichte "Die Entstehung der Angst", die die Kindheit von Jules Vater Stéphane Moreau näher beleuchtet.

Einige der Geschichten haben eine fantastische Komponente, in zwei Geschichten reisen die Protagonisten in der Zeit. In der ersten Geschichte "Die Wanderung" steht der erfolgreiche Geschäftsmann Henry im Mittelpunkt, der seine Freiheit liebt und darüber seine verständnislose Frau und seine beiden Kinder Mia und David vernachlässigt. Selbst im Urlaub wickelt er Geschäfte ab und kann sich nicht entschließen mit seiner Familie zu entspannen.

"Wir wollen gleich grillen." Sie hielt seine Hand. "Bist du dabei?" Henry gefiel die Vorstellung, den Tag mit seiner Familie zu verbringen, doch im selben Moment blickte er wieder zum Berg. Trotz seiner Wanderleidenschaft war er noch nicht dort oben gewesen, dabei konnte der Aufstieg kaum länger dauern als...was, zwei, drei Stunden?" (15)

Bevor Henry zur Wanderung aufbricht, schaut er noch kurz nach seinem kränklichen Sohn David, der von Migräneanfällen heimgesucht wird. Unbeholfen bemüht er sich um ein Gespräch, verspricht ihm eine Überraschung zur Geburtstagsfeier, die am Abend stattfinden soll.

"Der Gedanke an das Geschenk schien den Jungen tatsächlich aufzumuntern. Seine Augen leuchteten auf, er wollte gerade etwas erzählen, als das Handy läutete. Henry zögerte, dann streichelte er seinem Sohn durchs Haar und ging zum Telefonieren auf den Flur; auf der Geburtstagsfeier am Abend würde er es wiedergutmachen." (17)

Als seine Tochter Mia ihn begleiten will, weist er sie ab. Sie darf ihn ein Stück Weg begleiten, doch er will allein sein, um noch Geschäfte zu erledigen. Am frühen Nachmittag erreicht er eine Almwirtschaft, während ihn die freudige Nachricht erreicht, dass die geplante Fusion unterzeichnet worden war - es ist der Höhepunkt seiner Karriere.

"Dies waren die goldenen Jahre, als Vater, als Mann und im Beruf, und er genoss seine Freiheit als Wanderer zwischen diesen Welten, die er für seine größte Leistung hielt." (21)

Statt umzukehren, damit er pünktlich auf der Feier erscheinen kann, will er noch zum Gipfel. An der Bergspitze angekommen, schlägt das Wetter um, Wolken ziehen auf und ein Unwetter kündigt sich an. An der fast verlassenen Almwirtschaft trifft er einen alten Kommilitonen, der ihn mit dem Aussage verwirrt, das mit seinem Sohn tue ihm leid, so früh, das sei tragisch.

An dieser Stelle deutet sich der Zeitsprung offensichtlich an.

Henry versucht zuhause anzurufen, doch ohne Erfolg, später lautet die Ansage, die Nummer sei nicht vergeben. Der Heimweg ist beschwerlich, da Henry vor einem großen Schäferhund flüchtet, verliert er die Orientierung, gerät in einen heftigen Regenschauer und er verstaucht sich den Knöchel. In dieser Ausnahmesituation stellt er sein Leben in Frage.

"Es schien ein anderer Tag gewesen zu sein, als er am Pool gestanden und den Sprüngen seiner Tochter zugesehen hatte. Wieso hatte er sie nicht mitgenommen? Wieso zog es ihn in harmonischen Momenten so oft fort, von seiner Familie, von Abenden bei Freunden?( (26/26)

"Die Urlaube, die er verpasst hatte, weil er beruflich wegmusste oder geglaubt hatte, wegzumüssen; die vielen Erlebnisse seiner Kinder, die er bloß vom Hörensagen kannte und kaum wahrnahm." (27)

Und er nimmt sich vor, all dies zu ändern. Mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, alles nachzuholen.

"Vielleicht hatte er erst eine Wanderung wie diese gebraucht, um seine Lektion zu lernen, aber er würde sein Fehler korrigieren und alles ändern, wenn er nur endlich wieder zu Hause war." (29)

Doch als er nach einer gefühlten Ewigkeit ankommt, hat sich sein Leben verändert - seine Tochter ist erwachsen, sein Sohn gestorben.

Die Geschichte zeigt eindrücklich die Wahrheit über das Lügen, denn Henry belügt sich, wenn er sich vornimmt, ab jetzt alles zu ändern. Wie oft fassen wir gute Vorsätze, mehr Zeit mit den Menschen zu verbringen, die uns am Herzen liegen. Und als erfolgreicher Geschäftsmann ist er der Prototyp all derjenigen, für die der Beruf an erster Stelle steht. Die Wahrheit ist, er wird sich nicht ändern, wie das Ende deutlich zeigt.

In allen Geschichten geht es darum, dass Menschen mit einer Lüge leben oder die Wahrheit nicht wahrhaben wollen.

In der Erzählung "Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen" schildert der fiktive erfolgreiche Drehbuchautor und Filmproduzent Adrian Brooks einem Journalisten von der Lüge, auf der er sein Imperium aufgebaut hat. In seiner offiziellen Vita ist er 1946 geboren und hat als Waise auf der Straße gelebt, bis ihm mit Star Wars (!) der große Durchbruch gelungen ist.
Doch Winkler gegenüber will er jetzt endlich die Wahrheit erzählen. Eigentlich sei er
1986 in San Francisco geboren, ein erfolgloser Drehbuchschreiber gewesen und sei in seiner Funktion als Filmkritiker von Georg Lucas, dem Vater von Star Wars, beauftragt worden, eine Biographie über ihn zu schreiben. Dabei habe er herausgefunden, auf wie vielen Zufällen die Entstehung des erfolgreichsten Weltraumabenteuers basiere.
Aus ihm unbekannten Gründen wurde er jedoch gefeuert und er entwickelt einen Hass auf Lucas, steigt beruflich ab, so dass er Pizzabote werden muss.
Während einer Lieferung in einem verfallenen Haus landet er in einem Aufzug und reist zurück ins Jahr 1973 - vier Jahre bevor Star Wars in die Kino kommt.
Brooks fasst den irrwitzigen Plan, selbst das Weltraumabenteuer zu verfassen, schließlich kennt er den Entstehungsprozess aus seinen Recherchen.

Eine skurrile Geschichte, die durch 40 Jahre Filmgeschichte führt und zeigt, dass Zufälle nicht planbar sind und auch dass winzigen Veränderungen der Geschichte - Butterfly-Effekt genannt - trotzdem große Auswirkungen haben können. Obwohl ich kein Star Wars -Fan bin, hat mich die Erzählung in ihren Bann gezogen.

Brooks fantastisches Beispiel verdeutlicht jedoch auch, dass ein Leben basierend auf einer Lüge kein  glückliches werden kann - sofern man ein Gewissen hat.

Auch wenn ich persönlich die Geschichte "Die Fliege" metaphorisch zu offensichtlich empfunden habe, hat uns beiden der Erzählband insgesamt gut gefallen und viele Geschichten laden zum intensiven Austausch ein. Die Hoffnung bleibt, Wells möge bald wieder einen Roman veröffentlichen ;)

Sonntag, 28. Oktober 2018

Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

- Lebensweisheiten.

Lesen mit Mira

Das Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne, d.h. es wird keine Geschichte erzählt, sondern viele kleine Geschichten. Rahmenhandlung ist eine Therapiesituation: Demian, ein Student, sucht Hilfe bei Jorge, einem Gestalttherapeuten, den er wie folgt beschreibt:
"informell, unordentlich, chaotisch, warm, kunterbunt, unberechenbar, und warum es leugnen, ein bißchen schmuddelig."

Jorge ist speziell, wird von Demian "der Dicke" genannt und liebt

"Fabeln [...], Parabeln, Märchen, kluge Sätze und gelungene Metaphern. Seiner Meinung nach war der einzige Weg, etwas zu begreifen, ohne die Erfahrung am eigenen Leib machen zu müssen, der, ein konkretes symbolisches Abbild für das Ereignis zu haben."

Jedes Kapitel beinhaltet solch eine Geschichte, eine Art Gleichnis, das auf Demians Probleme Antworten geben soll. Gleich die erste Geschichte thematisiert, warum es sinnvoll sein kann, sich in der Therapie mit sich und seinen gelernten Verhaltensweisen auseinander zu setzen.

Ein Zirkuselefant, der seit ewiger Zeit an einen Pflock gebunden ist, wird nicht weglaufen, weil er von Anfang an gelernt hat, dass er sich nicht losreißen kann. Irgendwann hat er seine Gefangenschaft akzeptiert und glaubt, selbst wenn kein Pflock mehr da ist, dass er sich nicht mehr befreien kann.

"Wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet."

"Ich kann nicht, und werde es niemals können", lautet die Prämisse, unter der wir unser Leben daraufhin gestalten.

Sowohl Mira und mir hat die Geschichte "Der wahre Wert des Rings" besonders gut gefallen:

"Du bist wie dieser Ring: ein Schmuckstück, kostbar und einzigartig. und genau wie diesem Ring kann deinen wahren Wert nur ein Fachmann erkennen."

Die einzelnen Geschichten bieten viele Denkanstöße und laden dazu ein, nachdem man sie gelesen, darüber nachzudenken. Allerdings geht es Jorge in der Therapie nicht darum, dass Demian seine Geschichten "richtig" interpretiert.

"Wenn sie überhaupt eine Aussage hat, dann nur die, die sie für dich hat."

Es ist ein Buch, das man immer wieder in die Hand nehmen kann, um die ein oder andere Geschichte, in der man sich wiedererkannt hat, erneut zu lesen.
Interessant fand ich die Erklärung zu den unterschiedlichen Therapierichtungen - klassische Psychoanalyse, psychoanalytische, Verhaltenstherapie und die Gestalttherapie, die sich mit der Gegenwart des Patienten beschäftigt und herausfinden soll,

"was in der Person, die sich an den Therapeuten gewandt hat, vor sich geht, und wozu sie in eine solche Situation hineingeraten ist."

Auch philosophische Fragen werden aufgeworfen, wie die nach der Zufriedenheit und der Vorstellung, dass uns immer irgendetwas zu unserem Glück fehlt.

"Wir haben gelernt, daß sich das Glück einstellt, sobald wir das fehlende Stück haben. Und da uns immer etwas fehlt, kehrt der Gedanke an seinen Ausgangspunkt zurück, und man kann niemals sein Leben genießen."

Die Geschichten sind kleine Kostbarkeiten, die man mit Muße lesen sollte, "in der Tiefe jeder Geschichte" kann man, wenn sie einen anspricht und zur eigenen Lebenssituation passt, einen "Diamanten" findet.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Donnerstag, 26. April 2018

Judith Hermann: Alice

- fünf Erzählungen über das Sterben.

Lesen mit Mira

"Es hatte sich so ergeben, daß Micha in Zweibrücken im Sterben lag. Zwei Brücken, für Alice klang das poetisch, war aber ein schiefes Bild, weil es für den Sterbenden, wenn überhaupt, doch nur eine Brücke gab." (8)

Alle fünf Erzählung haben als Titel den Namen des Mannes, der in der Erzählung stirbt oder bereits gestorben ist. Zu all diesen Männern hat Alice einen Bezug. Über ihre Auseinandersetzung mit dem Tod erschließt sich für uns ein Bild von Alice vage bleibt - typisch für Judith Hermann, von der ich vor langer Zeit die Erzählungen "Sommerhaus, später" gelesen habe. Die Leser*innen sind gefordert die Lücken selbst zu füllen und sich mit dieser Frauenfigur  und deren Begegnungen mit dem Tod auseinander zu setzen.

Micha
"Die Geschichte zwischen Micha und Alice war zu lange her, um irgendein Recht behaupten zu können." (14)
Micha hat Krebs im Endstadium und liegt im Krankenhaus in Zweibrücken, weit weg von seinem Wohnort Berlin. Maja, seine derzeitige Lebensgefährtin, bittet Alice um Hilfe. Mit einem Kleinkind, das noch nicht laufen kann, gelingt es ihr nicht die Situation vor Ort zu meistern.
Dass Alice kommt und sich um Majas Kind kümmert, ihr beim Umzug in eine größere Wohnung hilft, Micha im Krankenhaus besucht und da ist, zeigt ihre Hilfsbereitschaft, Empathie und auch, dass Alice ihn einmal sehr geliebt haben muss.
Wenn Hermann die Wohnung beschreibt, in die die beiden Frauen und das Kind umziehen, sowie die beiden Vermieter, gelingt es ihr in wenigen Sätzen deren ebenso Spießigkeit einzufangen wie die Zudringlichkeit des Mannes.

"Sie drehte probehalber den Wasserhahn auf und wieder zu, dann stand der Mann hinter ihr. Er umfaßte sie, legte seine Hände um ihre Hüften und zog sie an sich ran, er hielt sie so, dann schob er sie zur Seite, ließ los. Er sagte, die Tabletten für den Geschirrspülautomaten sind hier unter der Spüle, deutete irgendwohin." (24)

Conrad
In der 2.Geschichte besucht Alice gemeinsam mit ihrer Freundin Anna und dem Rumänen, Conrad und dessen Frau Lotte am Gardasee. Die beiden sind über "ein Vierteljahrhundert älter als Alice" (53), woher sie sich kennen, wird nicht erzählt. Conrad hat Alice mit ihren Freunden eingeladen, ist jedoch krank, als sie ankommen. Man ahnt schon, dass auch Conrad sterben wird.

Die Begegnungen zwischen Alice und den Sterbenden verlaufen fast alle schweigend, doch die beschriebenen Gesten offenbaren die Gefühle und sprechen das Unsagbare aus:

"Conrad hob die Hand und berührte Alice Gesicht. Er hatte das noch nie getan. Er legte den Rücken seiner Hand kurz an Alice Wange, kniff sie leicht, als wäre sie ein Kind. Er sagte nachdenklich, weißt du, ich habe gedacht, ich wäre unverwundbar. Das habe ich gedacht." (78)

Und Alice fragt sich, wie Micha und Conrad im Leben gewesen waren, was bleibt von ihnen, wenn sie gestorben sind?

Richard
Alice hat inzwischen einen Lebensgefährten - die Erzählungen sind chronologisch geordnet - Raymond, der in der letzten Erzählung, die seinen Namen trägt, gestorben sein wird.

Richard ist der Mann einer Freundin, der im Sterben liegt und den Alice besuchen will.

Hermanns Sprache kommt fast ohne Adjektive aus, in kurzen, knappen - oft unvollständigen Sätzen gelingt es ihr die Atmosphäre eines Ortes einzufangen, die die innere Befindlichkeit der Figuren widerspiegelt.

"Eine Straße im Juni an einem Samstagnachmittag, Alice fand die Straße sonntäglich, etwas daran erinnerte sie an die Sonntag ihrer Kindheit, an die langgezogenen, von irgendwas pulsierenden Sonntage im Sommer, so als wäre immer alles kurz vor einem Gewitter gewesen. Darauf warten. Auf das Gewitter warten." (104)
"Das Haus, in dem Richard lebte, stand auf der rechten Seite der Straße. Die rechte Seite lag im Schatten. Alice sah zu Richards geschlossenen Fenstern hoch und dachte, in einem Bett in einem Zimmer dieser Wohnung in diesem in dieser Straße liegt einer, den ich kenne, und stirbt." (104)

Warten auf den Tod und ein letzter Besuch, so könnte man die ersten drei Erzählungen überschreiben. Daneben stellt sich Alice die Frage, ob sie im Angesicht des Todes, alles anders hätte machen sollen. Weil so schnell vorbei sein kann.

In den letzten beiden Erzählungen setzt sich Alice mit dem Tod von Malte, einem Onkel, den sie nie kennen gelernt hat und der Selbstmord begangen hat, und dem Tod Raymonds auseinander.
Alice weiß nicht, warum Malte sich das Leben genommen hat, aber sie ist auf der Suche nach Antworten und bittet einen alten Freund Maltes um ein Treffen. Sie will aufräumen mit ihren Vermutungen.

"Diese Vermutung fallenlassen, sich statt dessen eine andere suchen. Zusammenhänge erkennen oder erkennen daß es gar keine Zusammenhänge gab. Nur vermeintliche Beziehungen. Täuschungen, wie Spiegelungen, nichts anderes als der Wechsel von Temperatur, Licht, Jahreszeiten." (136)

Die letzte Geschichte Raymond bringt uns Alice am nächsten. Nach seinem Tod räumt sie ebenfalls auf - seine Sachen aus der gemeinsamen Wohnung. Wenn sie bei einzelnen Kleidungsstücken verharrt, den Geruch einatmet - nicht ohne ironisch anzumerken, es sei "eine Geste aus dem Kino, aus Büchern" (160) und ungefragt Erinnerungen hochsteigen, liest man heraus, wie sehr sie diesen Mann geliebt haben muss. So sehr, dass sie eine Tüte mit einem abgebissenen Mandelhörnchen nicht wegwerfen kann.

"Da schien es auch Reihenfolgen zu geben, Zeit, die vergehen mußte. Erst finden, dann verstehen, dann wegwerfen. Abstand gewinnen." (164)

Am Ende stellt sich Alice erneut die Frage: Was bleibt übrig? Erinnerungen? Menschen, mit denen wir sie teilen?

Mich hat dieser Erzählband sehr berührt, da er leise und scheinbar ohne große Gefühle zu beschreiben, Begegnungen mit dem Tod schildert und kleine Ausschnitte aus dem Leben einer empathischen, hilfsbereiten, liebenswerten Frau offenbart.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Geschenkausgabe, 2012
Fischer Taschenbuch, 190 Seiten

Freitag, 25. August 2017

Anna Kim: Fingerpflanzen

Erzählungen mit und nach Bildern von Kristian Evju

Paperback, 128 Seiten
Topalian & Milani Verlag, 2017

Im vorliegenden Erzählband treten die Schriftstellerin Anna Kim und der Künstler Kristian Evju in einen Dialog.
Kim ließ sich von Bildern zu Geschichten inspirieren, adaptierte Ideen auf die Bilder hin und umgekehrt schuf Evju Bilder für die Erzählungen. So finden sich neben den 6 Erzählungen auch zahlreiche Schwarz-Weiß-Bilder in der bibliophilen Ausgabe.

Die Erzählungen
Einige der Erzählungen erinnern mich an die Franz Kafkas. Wie es im Nachwort heißt, hat die Autorin "Freude an surrealer Wirklichkeitsausdehnung" (S.123). Dadurch erschließen sich die Geschichten nicht sofort, fordern zu intensiver Auseinandersetzung heraus.

In "Nasenhörner" erhält Herr Schmidt einen Brief von seiner Ehefrau, mit der er seit 3 Jahren verheiratet ist. Die Ehe wird aber nicht gelebt - trotz einer standesamtlichen Trauung.
Erst nach einem Jahr fällt Irina Kranz, der Ehefrau auf, dass ihr Mann abwesend ist, da sie alleine den Kühlschrank füllt. Aufgrund eines Geruchs geht sie von der Annahme aus, dass ihr Mann, der offenkundig nichts von der Ehe weiß, sie betrogen hat und sie nimmt sich das Recht heraus sich scheiden zu lassen. Eine überaus skurrile Situation.
Eine Allegorie auf das Leben nebeneinander ohne Liebe und Zuneigung? Ein Bild für die Kälte zwischen einem Paar? Darauf, was ein unbedachtes Wort auslösen kann? Viele Fragen, als Leser*innen dürfen wir uns die Antworten geben. Das Titelbild gehört zu der Geschichte und zeigt eine selbstbewusste Frau vor einer Schreibmaschine...

In der zweiten Erzählung "Die unerwünschte Liebe in der Montrose Street" scheint die Handlung realitätsnaher zu sein. Ein Lyriker trifft seinen immer schlecht gelaunten Lektor, der endlich auch von der Liebe befallen wird und darüber seine Arbeit vernachlässigt. Wer die junge Dame ist, bleibt vorläufig im Dunkeln. Doch die Handlung nimmt eine unerwartete Wendung und führt dem Lyriker vor Augen, dass man das Offensichtliche nicht sehen will und dass eine Liebe, für die man nicht bereit ist, Veränderungen einzugehen, verloren geht.

Meine Lieblingsgeschichten sind der "Ball der Gewichtheber" und "Die Zeitbraut", die beide mit einer überraschenden Wende aufwarten.

Im "Ball der Gewichtheber" wird ein Mann von seiner Freundin verlassen und zieht sich völlig seine neue Wohnung zurück. Wie ein Einsiedler verkriecht er sich und lauscht den Schritten vor seiner Tür, wandert nachts durch die leeren Straßen.

"Diese Leere erfreute mich, sie spiegelte die Leere wider, die ich schon seit Jahren fühlte; endlich hatte ich die Landschaft gefunden, die meiner Seele entsprach." (S.45f.)

Die überraschende Einladung zu dem "Ball der Gewichtheber" reißt ihn aus der Lethargie und Fokussierung auf die Schritte, die er vor seiner Wohnung hört.

"Die Zeitbraut" ist auf einem Bild in einem Fotoladen zu sehen. Der Inhaber erzählt, sie habe Männer vorm Altar stehen lassen, was zuvor verabredet wurde, damit andere Frauen diese Männer aus Mitleid heiraten. Eine interessante Geschäftsidee - sie selbst sei verlassen worden, am Tag ihrer Hochzeit, an dem das Foto entstanden ist. Eine traurige Geschichte, die am Ende eine unerwartete Wendung erfährt.

Die letzten beiden Erzählungen "Die Zähne" und "Fingerpflanzen" sind wieder sehr skurril. In "Die Zähne" verwandelt sich ein Mann in ein Nagetier und zieht sich aus der Gesellschaft zurück...ehrlich gesagt habe ich dazu keinen Zugang gefunden.

Anders bei den "Fingerpflanzen", in der ein Mann auf andere Lebewesen, wenn er sie mit dem Finger berührt, Arme pflanzen kann, die gleichsam mit ihm verbunden bleiben. Überall finden sich seine Spione, er selbst hat acht Arme. Eine Allegorie auf einen totalen Überwachungsstaat? Auf ein übersteigertes Kontrollbedürfnis? Auf übergriffiges Verhalten? Deutungsmöglichkeiten, die den Leser*innen Raum für Spekulationen lassen.

Anna Kim bietet keine leicht verdauliche Unterhaltung. Ihre Beobachtungsgabe ist bemerkenswert, ihre Sprache fantasievoll, klar und ansprechend.

Eine Herausforderung, zu der mich die Autorin eingeladen hat.
Vielen Dank an den Topalian & Milani Verlag für dieses Leseexemplar.





Mittwoch, 23. Dezember 2015

Sebastian Niedlich: Das finale und abschließende Wort Gottes zum Thema Weihnachten

Eine Kurzrezension zu einer Kurzgeschichte, gelesen von Matthias Keller.
Laufzeit: 39 Minuten

 
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Auf sehr unterhaltsame Art und Weise erläutert "GOTT", der hier als Ich-Erzähler fungiert, warum wir Weihnachten heute mit Weihnachtsbaum, Krippenspiel und Gesang feiern. Er belehrt uns recht witzig, was es mit dem Weihnachtsmann auf sich hat, warum er in den USA Santa Claus heißt und angeblich am Nordpol lebt. Bis auf die etwas gekünstelt wirkenden Abschweifungen "Gottes" eine letztlich sehr informative Kurzgeschichte, die uns bewusst machen will, wie sehr unser heutiges Weihnachtsfest auf Traditionen basiert.

Ideal zum Hören, während man den Weihnachtsbaum schmückt oder die Weihnachtsgans zubereitet ; )