Freitag, 24. Juni 2016

Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte

- ein beklemmender Roman, in dem ein Mädchen zwischen den Erwartungen seiner Eltern zerrissen wird.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Erschienen am: 27.Mai 2016
ISBN-13: 978-3423280754


Inhalt

"Lydia ist tot." (S.9)

Das ist der erste Satz des Romans über ein 16jähriges Mädchen, das in der Nähe ihres Elternhauses auf dem Grund eines Sees gefunden wird.
Sukzessive erfahren die Leser/innen, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. Angefangen bei ihren Eltern. Der Vater James, Sohn illegaler chinesischer Einwanderer leidet unter seiner Andersartigkeit. Er bleibt in der Eliteschule, die er besuchen darf, weil er begabt ist und seine Eltern dort arbeiten, ein Außenseiter und wird von den anderen Schülern gehänselt. Die Diskriminierung setzt sich auch in Harvard fort, daher erscheint es ihm wie ein Wunder, dass sich die blonde, blauäugige Marilyn für ihn interessiert, deren Traum es ist, Ärztin zu werden. Auch sie leidet unter der Diskriminierung ihrer männlichen Mitstudenten, aber sie erträgt die Anfeindungen, da sie unbedingt dem Leben ihrer Mutter entfliehen will. Diese ist von ihrem Mann verlassen worden und "fristet" ihr Dasein als Hauswirtschaftslehrerin. Ihre Bibel: "Betty Crocker´s Cookbook", ihr Credo, einen Mann zu finden, eine Familie zu gründen und für diese zu sorgen.
James und Marilyn heiraten, Ende der 50er Jahre - gegen den Willen ihrer Mutter - und beschließen die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ohne die Verletzungen, die sie erlitten haben, aufzuarbeiten.
Doch Marilyns Traum Ärztin zu werden platzt, als sie schwanger wird: Lydias älterer Bruder Nath kommt zur Welt, kurz darauf Lydia selbst. James kann nicht in Harvard bleiben, so zieht die Familie nach Middletown (Ohio), wo er als Dozent an einem mittelmäßigen College unterrichtet und sie sich um die Familie kümmert.
Die Stabilität dieser Familie ist fragil, das Verhalten der Eltern belastet von deren Vergangenheit.
Eine Szene ist besonders beklemmend. Nath wird im Schwimmbad von anderen Kindern gehänselt und sein Vater, obwohl er genau die gleichen Erfahrungen gemacht hat und den Jungen wirklich verstehen kann, schweigt und lässt ihn allein. Er stößt ihn sogar zurück, weil er selbst nicht mehr an diese traumatischen Erfahrungen zurückdenken will, und wünscht sich, sein Sohn wäre anders, wäre ein Teil der Gesellschaft, zu der er nie dazugehört hat. Nath verschließt sich daraufhin vor seinem Vater und das Schweigen beherrscht fortan ihre Beziehung.
Währenddessen stirbt Marilyns Mutter, mit der sie keinen Kontakt mehr hatte, und beim Ausräumen des Hauses findet sie jenes Kochbuch wieder. Es ist das Einzige, was sie von ihrer Mutter mitnehmen möchte - das Einzige, was von ihr bleibt. Marilyn beschließt daraufhin ihre Familie zu verlassen und am College ihren Abschluss nachzuholen. Dies wird zur traumatischen Erfahrung für Lydia, die nicht versteht, warum ihre Mutter plötzlich, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, verschwunden ist. Nath wird in dieser Zeit ihr Lebensmittelpunkt und wird es bleiben, da er allein in der Lage ist, sie zu verstehen und zu trösten..
Marilyn kehrt zurück, weil sie erneut schwanger ist, und fortan schwört sich Lydia alles zu tun, damit ihre Mutter bleibt. Diese wiederum setzt sich in den Kopf, dass ihre Tochter stellvertretend für sie Ärztin werden soll, während James möchte, dass sie so wie alle anderen Kinder wird. Eine Diskrepanz, an der Lydia zerbrechen muss.
Ohne zu viel vorwegzunehmen, versöhnt das Ende dieses sehr beklemmenden und bedrückenden Romans und es ist die von allen unbeachtete kleine Hannah, das dritte Kind, dem es gelingt, das Schweigen zu durchbrechen.

Bewertung
Der Roman fragt nicht danach, was geschehen ist, sondern "warum" es geschehen ist. Er nähert sich behutsam an das, was hinter der vermeintlichen Familienidylle liegt, was nicht in der Familie ausgesprochen wird, in der Schweigen und Verdrängen herrscht. Und er hält der damaligen (?) Gesellschaft einen Spiegel vor, die die chinesischen Einwanderer diskriminiert und den Frauen den Zutritt zu den Wissenschaften verwehrt hat.
James vermeintliche Andersartigkeit führt zur seiner Ausgrenzung, von der auch seine Kinder betroffen sind. Der gescheiterte Lebenstraum der Mutter zur Überforderung der Tochter, die den Traum ihrer Mutter überhaupt nicht leben will und deren einziger Verbündeter ihr Bruder ist.
Lydia ist der Mittelpunkt der Familie: Ihr Vater wünscht sich, dass sie seine Erwartungen erfüllt, so zu sein wie alle Mädchen, ihre Mutter möchte, dass sie etwas Besonderes wird - daran muss sie zerbrechen. Ebenso an ihrer Angst, ihre Mutter könnte wieder so plötzlich verschwinden.
Neben Lydia sind es auch die beiden anderen Kinder in der Familie, die stumm leiden: Nath, dessen Leidenschaft für die Raumfahrt von niemandem beachtet wird, der die Erwartungen des Vaters nicht erfüllen kann. Und Hannah, die zum falschen Zeitpunkt geboren wird und von der intensiven Beziehung ihrer Geschwister ausgeschlossen ist.
Der Roman beleuchtet, was Menschen erleiden, die nicht selbstverständlich ein Teil der Gesellschaft sind und von ihr ausgegrenzt werden. Er zeigt aber auch auf, dass Schweigen und Verdrängung keine Lösung sein können und dass Kinder gesehen werden wollen. Dass sie nicht dazu da sind, die Träume und Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen.

Ein erstaunliches Debüt, das sehr nachdenklich macht und auch aufgrund seiner feinfühligen Sprache auf ganzer Linie überzeugen kann!

Kommentare:

  1. Dass Eltern ihre eigenen Träume auf ihre Kinder projizieren, kommt leider in fast allen Kulturen vor. Und wer glaubt, dass Frauen den Männern in unseren industriellen, modernen Gesellschaften gleichgestellt sind, sollte mal die rosarote Brille putzen. Leider sehe ich gerade unter jüngeren Frauen, dass das Bewusstsein für dieses Thema schwindet. Bis sie selbst an Grenzen stoßen, die nicht in ihrem Charakter oder ihren Fähigkeiten liegen, sondern "nur" in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Es gibt allerdings Länder, in denen sowohl die Zementierung der "typischen" Frauenrolle und auch das Ausgrenzen von Fremden noch stärker betrieben wird als in den USA. Japan fällt mir da ein. Aufgrund der dortigen Mentalität vollzieht sich das aber leiser.
    Danke für diese Rezension!
    Liebe Grüße
    Ina

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    1. Liebe Ina,
      da ich beruflich mit jungen Menschen zu tun habe, muss ich leider deine Beobachtung bestätigen. Gerade junge Frauen verfallen wieder in tradierte Rollen und glauben, alle Kämpfe seien bereits ausgefochten. Danke für den Hinweis auf die japanische Kultur, du hast nicht zufällig auch eine entsprechende Lektüre zum Weiterempfehlen?
      Danke für dein ausführliches Statement!
      Liebe Grüße, Tina

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  2. Eine aussagekräftige Rezension zu einem offensichtlich beeindruckenden Buch. Schön, dass sich Bücher auch diesen leisen, wichtigen Themen widmen. Was Ina schreibt, kann ich nur unterstreichen: Gleichstellung ist eine wünschenswerte Utopie, und das Bewusstsein dafür verschwindet immer häufiger.

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    1. Der Roman ist wirklich beeindruckend und es wäre schön, wenn ihn möglichst viele lesen würden, denn das Bewusstsein für Gleichstellung ist leider schwächer geworden und vieles, was sich unsere Generation erkämpft hat, wird wieder in Frage gestellt oder erst gar nicht mehr thematisiert,
      liebe Grüße, Tina

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    2. Das betrifft leider nicht nur die Gleichberechtigung. Auch alle Errungenschaften, die damals Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Ernst Thälmann, die Gewerkschaften noch mit ihren Blut und Leben für kommende Generationen erkämpft haben, werden heute wieder ausgehebelt.

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  3. Es ist schon traurig, was man mit der kurzen Lebensspanne, die man auf der Erde verweilt, macht.
    Ich habe das Gefühl, die heutigen jungen Frauen denken, Emanzipation heißt, dass sie halbnackt durch die Stadt laufen können, und damit hat es sich. Denen braucht man mit dem thema nicht kommen.
    Spätestens, wenn sie Karriere machen wollen und zwischendurch schwanger werden, erkennen sie, an welche Grenzen Frauen bei uns immer noch stoßen.

    Danke für die interessante Rezi, liebe Tina.

    Liebe Grüße
    Anne

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  4. Es ist schon viel gesagt worden. Interessante Rezi, ich werde mir das Buch auch zulegen. Anne, hättest du Lust? Dann könnten wir es zusammen lesen.

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    1. Danke, Mirella. Kann euch drn Roman nur ans Herz legen. Habe gestern mit 81 Worte angefangen. Freue mich schon aufs Weiterlesen.

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  5. 81 Worte ist auch ein super Buch. Viel Spaß damit.

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