Sonntag, 5. Juni 2016

Irène Némirovsky: Das Mißverständnis

- eine tragische Liebesgeschichte.

Buchdaten

Taschenbuch: 176 Seiten
Verlag: btb Verlag
Erschienen am: 10. August 2015
ISBN-13: 978-3442749515
Originaltitel: Le malentendu

Vorne weg
Irène Némoriovsky ist die Tochter eines jüdischen Bankiers, die in Kiew geboren wurde. Während der Oktoberrevolution emigrierte ihre Familie nach Paris, wo sie mit ihrem ersten Roman "David Golder" berühmt wurde.Während des 2.Weltkrieges wurde sie verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Dort starb sie am 17.August 1942. Ihre beiden Töchter überlebten den Krieg und retteten Teile des Romans "Suite francaise". Jedoch erst nach dem Tod einer Tochter im Jahre 1996 wurde das Fragment in seiner Bedeutung wiederentdeckt und der Roman avancierte daraufhin zum Weltbestseller.

Inhalt
Der mittellose Yves Harteloup stammt aus edlem Pariser Geschlecht, dessen Vater "zwei Leidenschaften gepflegt (hatte): Frauen und Pferde. Die einen wie die anderen hatten gleichartige Empfindungen von Rausch, verzweifelter Kopflosigkeit und Gefahr in ihm hervorgerufen." (S.15)

Seine Kindheit erlebt er völlig unbeschwert und im Luxus, als 18 -Jähriger wird er Waise, ist jedoch finanziell versorgt. Erst der 1.Weltkrieg verändert sein Leben nachhaltig: Er verliert sein Geld und seinen Lebensmut - er ist resigniert und müde und die Bilder aus den Schützengräben verfolgen ihn.
Aufgrund der finanziellen Not muss er in einem Büro als Angestellter arbeiten, hält jedoch mit aller Macht an den Gewohnheiten des ehemaligen luxuriösen Lebens fest. So spart er für einen Urlaub in Hendaye (eine französische Stadt an der Grenze zu Spanien) und lernt dort die junge Denise kennen, die mit einem reichen Geschäftsmann verheiratet und Mutter einer entzückenden zweijährigen Tochter ist.
Sie verbringen regelmäßig Zeit miteinander und erst, als Denise einen Tag lang weg ist, erkennt Yves, dass er sich verliebt hat, ohne es sich wirklich eingestehen zu wollen. Behutsam nähern sie sich an und beginnen eine Affäre, die den Sommer überdauert und in Paris fortgesetzt wird.
Allerdings wird sie überschattet von Yves Angestelltentätigkeit, die zeitliche und auch finanzielle Beschränkungen mit sich bringt. Diese Liebe, die versucht einen Bogen zwischen zwei Extremen zu spannen, ist zum Scheitern verurteilt: Während Denise sich ganz ihren Gefühlen widmen kann und ständig von Yves verlangt, ihr zu sagen, dass er sie liebt, damit sie sich seiner sicher ist, plagen Yves ständige Geldsorgen, über die er aber mit ihr nicht sprechen kann, da es ihm peinlich ist und er sie nicht damit belasten will.
So verharren ihre Konversationen in Nichtigkeiten. Denise erstickt Yves mit ihrer Liebe, während er ihr nicht geben kann, wonach es ihr verlangt:

"Ich kann Ihnen nicht geben, was Sie von mir verlangen. Es ist nicht meine Schuld, Denise. Vielleicht habe ich genausowenig Gefühl wie Geld, ich weiß es nicht...Aber ich gebe Ihnen alles, was ich geben kann..." (S.94)

Im Alltag kann diese Liebe nicht bestehen, da die kurze Zeit, die sie miteinander täglich verbringen können, beiden abverlangt, genau auf den Punkt zärtlich, gut gelaunt zu sein und den anderen zu beglücken, so dass sie letztlich auch zerbricht - wie, das möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Bewertung
Auf der Buchrückseite steht: "Das Psychogramm einer zum Scheitern verurteilten Liebesbeziehung", was den Kern der Geschichte sehr gut trifft.
Denise Mutter analysiert die Beziehung der beiden treffend, als sie feststellt, dass beide egoistisch agieren. Denise verlangt von Yves abends gut gelaunt zu sein, ihr seine Liebe zu gestehen, während er müde und erschöpft, nicht über seine Sorgen reden möchte und sie so aus seinem Leben heraushält. Letztlich fehlt es Denise an Verständnis für seine Welt und er vermag nicht, seinen Stolz zu überwinden und sie daran teilhaben zu lassen. Hinzu kommt, dass er sich nicht eingestehen will, wie sehr er sie letztlich liebt. Er erkennt dies erst, als die Selbstverständlichkeit ihrer Liebe verloren scheint.
Ein Roman, der aufgrund der Erzählweise, die in personaler Sicht aus Yves und Denise Perspektive das Geschehen schildert, eine Distanz zu den Figuren schafft, die wiederum eine kritische Sicht auf diese ermöglicht. Man möchte Denise zurufen: Lass ihm Luft zum Atmen, versuch seine Situation zu verstehen und hör ihm zu! Sei nicht böse und verzweifelt, wenn er dir nicht täglich seine Liebe gestehen will! Andererseits möchte man Yves sagen, er solle über seinen Schatten springen, Denise an sich heranlassen und seine Sorgen mit ihr teilen, damit eine wirkliche Partnerschaft möglich ist.
Der Roman macht deutlich, dass Liebe allein nicht ausreicht, um gemeinsam durchs Leben zu gehen.

Lesenswert!


    Kommentare:

    1. Vielleicht ist das von Yves Seite aus gar nicht so sehr ein "nicht wollen", sondern eher ein "nicht können". Ich denke, der Krieg hat ein Großteil Spuren an ihm hinterlassen. An einer Stelle über sein Leben wurde das ganz kurz thematisiert, während ihrer Beziehung aber nur noch mal ganz kurz angeschnitten.

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    2. Liebe Anne,
      da gebe ich dir Recht. Bin zu sehr in der heutigen Zeit gefangen und würde ihn gerne mal "schütteln" ;)
      wenn du weißt, was ich meine. Der Krieg hat wohl seine Spuren bei ihm hinterlassen und ihn abgestumpft...
      Der Roman hat mich sehr beeindruckt und ich überlege, ob ich auch Suite francaise lesen soll...
      Danke für deine Rückmeldung, Tina

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    3. Genau das habe ich auch schon überlegt. Auf jeden Fall werde ich noch ihre Biografie, die steht nämlich schon hier, noch lesen.

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      1. Sag mir Bescheid, wenn du Suite francaise lesen willst, das können wir dann mal zusammen angehen - eine kleine Leserunde in whatchareadin zum Beispiel ;)

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    4. Wieder ein Buch, das mich anspricht.

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