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Montag, 10. Dezember 2018

Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte

"The Good Soldier"

- heißt der Roman im Original, 1913 hat Ford begonnen ihn zu schreiben. In der Zueignung, ein Brief an seine Frau, erklärt er, es sei aus seiner Sicht sein bester Roman aus der Vorkriegszeit. Mit 40 Jahren habe er zeigen wollen, was er könne. Ein Freund Fords urteilt darüber, es sei der "schönste französische Roman in englischer Sprache" (11).
Hält er dieses Versprechen?

In der Leserunde auf whatchaReadin waren wir zunächst geteilter Meinung, da der "unzuverlässige" Ich-Erzähler zu Beginn um den heißen Brei herum redet. Es scheint, als könne man seinen Ausführungen nicht vertrauen, da er sich in Widersprüche verstrickt und zunächst nicht zur Sache kommen will.


Worum geht es?
Der Ich-Erzähler - John Dowell aus Philadelphia, Grundbesitzer und so reich, dass er nicht arbeiten muss - verbringt über neun Jahre hinweg gemeinsam mit seiner herzkranken Frau Florence einige Wochen im Jahr in Bad Nauheim - gemeinsam mit den Ashburnhams aus England.

"Als wir uns zum ersten Mal begegneten, war Hauptmann Ashburnham, der auf Erholungsurlaub aus Indien gekommen war, wohin er nie wieder zurückkehren sollte, dreiunddreißig Jahre; Mrs. Ashburnham - Leonora - war einunddreißig. Ich war sechsunddreißig und die arme Florence dreißig. Heute wäre Florence also neununddreißig Jahre alt und Hauptmann Ashburnham zweiundvierzig" (14).

Gleich zu Beginn lässt der Ich-Erzähler keinen Zweifel daran, dass Florence und Edward inzwischen verstorben sind und dass "es kein Menuett [war], das wir tanzten; es war ein Gefängnis" (17).

Was ist zwischen diesen vier Menschen geschehen? Es kristallisiert sich heraus, dass der Ich-Erzähler nach dem Tod seiner Frau sukzessive von Edward, aber vor allem von Leonora die Wahrheit über die Ehe der Ashburnhams erfährt, die nicht das ist, was sie zu sein scheint.

"Ich weiß nicht, wie ich die Sache am besten niederschreibe - ob es besser ist zu versuchen, die Geschichte von Anfang an zu erzählen, als wäre sie eine Geschichte; oder ob ich sie aus diesem zeitlichen Abstand erzählen soll, so wie ich sie von den Lippen Leonoras oder Edwards vernahm." (23)

Zunächst erzählt er vom Zusammentreffen mit den Ashburnhams - in Rückblicken erfahren wir etwas über seine eigene Ehe, über Florence Motive ihn zu heiraten und über das Entstehen ihrer Verbindung, die an sich schon sehr traurig ist. Denn Liebe ist nicht im Spiel. Keine der Beziehungen verläuft glücklich, so dass der Titel durchaus zutreffend ist.

Leonora, die ihren Mann verehrt und aufgrund ihres katholischen Glaubens an der Ehe festhält, bemüht sich verzweifelt ihn zurückzuerobern, obwohl Edward - wie der Ich-Erzähler ausführlich schildert - sie mehrfach betrügt und sich ernsthaft seinen Leidenschaften hingibt.

Tragisch ist die Beziehung zu dem Mündel, dass er und Leonora aufgenommen haben, so dass am Ende nicht "einer von uns (...) bekommen (hat), was er eigentlich wollte." (270)

Hinzu kommt Edwards Verschwendungssucht, die Leonora einzudämmen versucht, so dass dies zu weiteren Konflikten in der Ehe führt, die keine mehr ist. Der Ich-Erzähler schwankt in seiner Beschreibung und Einschätzung Leonoras, deren Handlungsweise am Ende, wenn man denn Dowell glauben kann, überrascht - nicht im positiven Sinne.

Bewertung
Feinfühlig legt der Ich-Erzähler die Sicht auf das Geschehen aus mehreren Perspektiven dar und verleiht allen seine Stimme - auch der jungen Nancy, die er selbst nach Florence Tod heiraten will. 

Seine eigenen Gefühle schwanken beim Erzählen ebenso wie seine Bewertungen. Einerseits liebt er Florence, will sie beschützen, dann hasst er sie. In Edward sieht er einen empfindsamen Menschen, gleichzeitig wirft er ihm vor, Florence getötet zu haben. Leonoras Verhalten bezeichnet er als grausam, aber er zeigt auch Verständnis für sie. Während er die Geschichte niederschreibt - im Verlauf des Erzählens - werden die Zusammenhänge für die Leser*innen klarer, als hätte der Ich-Erzähler über das Schreiben zu seiner Sicht auf die Dinge gefunden.

Julian Barnes bringt es im Nachwort auf den Punkt:
"[Der Roman] spielt mit dem Leser, während er die Wahrheit offenbart und verbirgt. Und Ford hat auch darin Großes geleistet, dass er die perfekte Stimme für paradoxes Erzählen fand." (301)

Diese Erzählweise ist einerseits sehr anstrengend, da Dowell unzuverlässig und mit vielen Sprüngen, Rückblenden und Wiederholungen erzählt, andererseits macht sie auch den Reiz dieser Geschichte aus, die von unglücklichen und tragischen Liebesbeziehungen erzählt, in denen die Protagonisten gefangen sind. Unter ihnen der Ich-Erzähler, der sich als neutraler Beobachter gefällt und seltsamerweise die größte Sympathie für den Ehebrecher Edward hegt - ob sich dahinter eine homoerotische Neigung versteckt?

"Gibt es ein Paradies auf Erden, wo die Menschen unter flüsternden Olivenbäumen mit denen zusammen sein können, die sie  liebhaben, und bekommen, was sie möchten und sich´s in Schatten und Kühle wohl sein lassen dürfen?" (271)

Aus dieser Bemerkung spricht der Wunsch den Konventionen zu entgehen, obwohl der Ich-Erzähler betont, es bedürfe der Normalen, wie Leonora, damit die Gesellschaft bestehen bleibe, gleichzeitig gibt er zu, dass er die Gesellschaft nicht sehr mag und der freien Liebe nicht das Wort rede (vgl. 288). Er überlässt es den Leser*innen sich ihr Urteil zu bilden.

Keine leichte Kost, trotzdem und gerade deswegen lesenswert.

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für die wunderschöne bibliophile Ausgabe des Romans!

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Marion Bischoff: Heidelbeerfrau

Historischer Roman

"Heidelbeerfrau" ist die Fortsetzung von "Heidelbeerkind" und erzählt die Geschichte Elises, die in Clausen während des 2.Weltkrieges einen Deserteur - Julius- gesund gepflegt hat und sich in ihn verliebte, weiter. Julius musste, da sie verraten wurden, fliehen, so dass er nicht weiß, dass er Vater eines kleinen Jungen, Reinhard, ist.

Im Prolog erfahren wir, dass Julius auf der Flucht in französische Kriegsgefangenschaft geraten ist, in der er von einem Bauer misshandelt wird. Er traut sich nicht Elise von seinen Sorgen zu schreiben, so dass diese in Ungewissheit lebt, ob er noch am Leben ist.

Die Handlung, die aus der personalen Perspektive Elises erzählt wird, setzt am 20. August 1945 ein. Elise arbeitet inzwischen in Heimarbeit für einen Schuhfabrikanten in Pirmasens, dessen Fabrik zwar in Schutt und Asche liegt, der aber sein Material hatte retten können. Aus dem Leder, das sie von ihm erhält, nähen sie und ihre Mutter Schuhe. Gleichzeitig versorgt sie Ferdinands Hof samt dessen Kühe. Als ehemaliger Nationalsozialist, der sich hat blenden lassen, ist er auf der Flucht vor den französischen Machthabern. Von der Milch ernährt sie ihren kleinen Reinhard und stößt heimlich Butter, obwohl sie die gesamte Milch eigentlich abgeben müsste. Die Butter wiederum tauscht sie gegen zusätzliches Leder, die Schuhe dienen als Tauschmittel auf dem Schwarzmarkt.
Obwohl der Krieg zu Ende ist, geht es den Menschen in der Pfalz weiterhin schlecht.

"Mutter kam einfach nicht darüber hinweg, dass sie es nach wie vor kaum schafften, den Hunger der ganzen Familie zu stillen" (14),

zu der noch Elises kleiner Bruder Hans sowie der Großvater gehören. Hinzu kommen die Verleumdungen gegenüber der jungen Frau, die das uneheliche Kind eines Deserteurs groß zieht.

Auf Ferdinands Hof, der im Krieg einen Holzhandel betrieben hatte, findet Elise plötzlich einen Brief, in dem er sie auffordert, die Kühe zu verkaufen, damit er neue Papiere bekommt.
Wie soll sie dann ihren Sohn ernähren? Da scheint das Angebot des Schuhfabrikanten Weber verlockend, der Schuhe an die Franzosen liefern will und dafür jemanden braucht, der die Schuhe übergibt. Eine gefährliche Aufgabe, da dies verboten ist - allerdings könnte Elise neue Aufträge gut gebrauchen.

Ein weiteres Problem taucht in Gestalt ihrer ehemaligen Freundin Gerda auf, die Elise am Felsen bei den Heidelbeerbüschen völlig aufgelöst findet.

"Vor Elises innerem Auge tauchten verstörende Bilder auf, als Gerdas Vater zu ihnen nach Hause gekommen war und Elise hatte verhaften wollen. Weil sie einen Deserteur versteckte. [...] Unwillkürlich verkrampften sich ihre Muskeln, wenn sie daran dachte, dass dieser Nazi völlig unbehelligt geblieben war. Sogar als Bürgermeister tat er jetzt seinen Dienst." (40)

Dass überzeugte Nationalsozialisten auch nach dem Krieg Karriere gemacht haben, ist inzwischen hinreichend untersucht und belegt. Bischoff zeigt jedoch eindrucksvoll auf, wie auch im Kleinen die Einstellung bewahrt wird, der verlorene Krieg nicht automatisch zur Läuterung geführt hat. So äußert ein ehemaliger Frontsoldat, der früher für Ferdinand gearbeitet hat:

"Wir haben alle Dinge getan, die wir besser nicht getan hätten. Aber es war ja auch nicht alles schlecht" (198),

und verweist darauf, man habe sich ja gegen die Polen wehren müssen. Damit übernimmt er die Lügen des nationalsozialistischen Regimes und trägt sie auch nach dessen Untergang weiter.

Bischoff deckt diese Verdrängungsmechanismen auf und zeigt eindrücklich die desolaten Lebensbedingungen in Clausen nach dem Krieg, die Verdrängung dessen, was der Nationalsozialmus in Deutschland angerichtet hat und am Beispiel von Gerdas Vater auch, die mangelnde Aufarbeitung bzw. Bestrafung derer, die aktiv daran beteiligt waren.
Dass die Autorin für ihre Recherche mit vielen Zeitzeugen gesprochen hat, wie sie im Nachwort verrät, wird in der authentischen Schilderung des Alltags in der harten Nachkriegszeit deutlich. Darin liegt meines Erachtens die Stärke des Romans, wobei die sympathische Protagonistin als Identifikationsfigur und moralischer Kompass dient und viele Schicksalsschläge hinnehmen muss.

Wird sie ihren Julius wiedersehen und ihrer Freundin Gerda, die in einer ähnlichen Situation ist wie Elise im "Heidelbeerkind" helfen können?

Eine gelungene Fortsetzung, die die Alltags-Geschichte in den Vordergrund stellt und sie spannend, wenn auch sehr konventionell, erzählt.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Der Roman ist im Rhein-Mosel-Verlag erschienen und umfasst 234 Seiten.

Dienstag, 9. Oktober 2018

Nina George: Die Schönheit der Nacht

- die Gewordene und die Werdende.

Lesekreis in der Bücherhütte Wadern


Im Mittelpunkt dieses Romans stehen zwei Frauen: Claire und Julie, die sich zufällig in einem Hotel in Paris begegnen, in dem Claire eine Nacht verbringt und ihren Mann Gilles betrügt - als Ausgleich für sein Fremdgehen.

"Wenn ein Fremder sie umfasste und nichts davon wusste, nichts erwartete, und ihn das Fehlen jener Claire, die andere in ihr sahen, nicht mal irritierte, dann löste sich alles auf" (16)

- Erwartungen, die an Madame le Professeur, an die Verhaltensforscherin, Ehefrau und Mutter gestellt werden.

Julie arbeitet in jenem Hotel und während sie ein Zimmer reinigt, singt sie heimlich, was sie jedoch gegenüber Claire leugnet, als sie im Flur aufeinander treffen.

"Als sich die Tür der 22 öffnete, der Gesang abbrach, stellte Claire fest, dass Stimmen nur eine akustische Umrandung der inneren Beschaffenheit nachzeichnen und das Äußere meist unvermutet anders ist. [...]
Zwei Ertappte, dachte Claire, die entblößt voreinanderstehen und die andere am liebsten dafür ohrfeigen würden." (13-14)

Die Überraschung ist groß, als sie sich anschließend zum Abendessen in Claires Zuhause  wiederbegegnen. Denn Julie ist die Freundin von Claires und Gilles´ Sohn Nicolas - doch Julie tut so, als sähen sie sich zum ersten Mal, während Claire ihr zu verstehen gibt, sie müsse weder Nicolas noch Gilles anlügen.

Gilles, ein Künstler, der Filmmusiken schreibt, das Kochen liebt und ein Genussmensch zu sein scheint, betrügt ebenfalls seine Frau, wofür diese sogar Verständnis zu haben scheint.

"Sie wusste, dass Gilles´Geliebte nichts mit ihr zu tun hatten. Sondern nur mit ihm. Darüber je zu sprechen, ihr Wissen preiszugeben, hätte bedeutet, dass es in diese Küche gelangt wäre. In dieses Leben, in ihr Bett, in ihren Kopf. Ressourcenverschwendung. Sie hasste es, zu viel Kraft für Emotionen auszugeben, die nichts an der Vergangenheit änderten." (29)

Sie glaubt, er bräuchte die Affären, weil er in einer beruflichen Krise stecke und frustriert sei, dass sie das Geld verdient. Ob sie wirklich so rational damit umgeht, wie sie die Leser*innen in ihren Reflexionen Glauben macht?

Die Ehe zwischen Claire und Gilles ist an einem Punkt angelangt, an dem das Ungesagte, das Schweigen permanent greifbar ist, aber keiner ausspricht, ob noch etwas übrig bleibt, wenn das Verbindende, der gemeinsame Sohn auszieht, um in Straßburg zu studieren.

Vielleicht aus Angst, die "Geister in einer Flasche" (39) kämen heraus, lädt Gilles Julie spontan ein, den Sommer gemeinsam mit ihnen in der Bretagne zu verbringen. Dort hat Claire von ihrer Großmutter väterlicherseits, der Schriftstellerin Jeanne Le Du, ein Haus geerbt. Jeanne Le Du hatte sich bereit erklärt, nachdem die Mutter der Kinder in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde, sich um die Kinder zu kümmern. Claire findet am Meer, im Beisein ihrer Großmutter, endlich Ruhe und kann die Verantwortung für ihre Geschwister, die sie bereits als 6-Jährige übernommen hat, obwohl diese älter sind, teilweise abgeben. Nur im Meer fühlt sie sich im Einklang mit sich selbst und frei - das hat sie Jeanne zu verdanken.

Claire ist geworden - eine Verhaltensbiologin, die sich jederzeit unter Kontrolle hat und alles stets zu analysieren scheint - sich selbst und das Verhalten der anderen. Wann ist sie versteinert und hat nach außen keine Gefühle mehr zugelassen, obwohl sie in ihr brodeln? Seit sie als Elfjährige die Verantwortung für ihre Geschwister übernommen hat? Warum hat sie sich zusammengefaltet statt sich zu entfalten?

Julie hingegen ist im Werden, eine Frau, die noch nicht weiß, wer sie ist. Die leidenschaftlich singt, aber niemandem davon erzählt - Angst hat, laut zu singen.

"Dieses Gefühl, ein Niemand zu sein. Während alle um einen herum ein Jemand waren." (54)
"Sie sehnte sich voller Unruhe nach jemandem oder nach etwas, über dem sie ihre Hitze ausgießen konnte. Sie sehnte sich nach Blut, nach Rausch, nach Lebenslust, nach Grenzen, die sich verschoben, so dass sie endlich sehen konnte, wo ihr Leben hinführte, sie wollte Farben und Wahrheit und Intensivität und leben, satt werden, mehr als satt! Nur: wie?" (98)

Ob Nicolas dieses Verlangen stillen kann?

Abwechselnd aus der Sie-Perspektive der beiden Frauen, an deren Gedankenstrom die Leser*innen teilhaben, erzählt der Roman von der Begegnung dieser beiden Frauen, die an einer Wegkreuzung stehen. Ihre Annäherung führt dazu, dass sich ihrer beider Leben verändert.


Bewertung und Diskussion im Lesekreis

"Beeindruckender Roman", das war der Tenor im Lesekreis. Die Figuren sind "glaubwürdig" und ihre Entwicklung ist nachvollziehbar. Claire - eine starke Protagonistin, die als Verhaltensforscherin für interessante Erkenntnisse während des Lesens sorgt.

Warum finden Männer nie etwas im Kühlschrank?
"Weil es sich nicht bewegt. Würde der Abwasch tanzen oder die Wäsche sich von allein auf die Maschine zubewegen, dann würden die Objekte über jene Reizaufmerksamkeitsschwelle steigen, die das testosterongesättigte Gehirn benötigt, im eine Aktion einzuleiten, wie etwas Jagd oder erhöhte Wachsamkeit. [...]
Das war natürlich vulgär-populistischer Genderquatsch, aber hatte zumindest zu einem gewissen Verständnis von visuellen Reizschwellenmustern beigetragen." (169)

Nina Georges Roman spricht meines Erachtens Frauen an, vielleicht vor allem die im mittleren Alter, die "geworden" sind und sich nun fragen, ob sie den eingeschlagenen Weg weiter gehen wollen oder doch eine neue Richtung einschlagen möchten. Die Reflexionen Claires laden dazu ein, sich mit dem eigenen Leben auseinander zu setzen, genauso wie die Gedanken Julies, deren Lebensweg erst eine Richtung finden muss. Damit wird es auch eine spannende Lektüre für Frauen Anfang 20, denn auch Julies Leben erfährt eine Entwicklung.
Die Begegnung der beiden Frauen führt dazu, dass Julie sich ihrer selbst bewusst wird und auch Claire ihren bisherigen Lebensentwurf in Frage stellt. Von der Thematik her ein Roman, der mich angesprochen hat, auch deshalb, weil Claire in ihren Gedanken die gängigen Verhaltensstereotype von Frauen und Männern seziert.
So beschreibt sie treffend, wie Mädchen und Jungen sich an einem Strand tummeln, den Erwachsene meiden.
"Die Mädchen lagen in Grüppchen zusammen, unter der Düne, die Jungen weiter vorne, näher am Meer. Nie zu nah beieinander, nicht am Tag, auf keinen Fall, das konnte alles verderben, alles. Es gab Regeln an diesem Strand, und sie waren gleichsam unausgesprochen und voller Verheißung." (113)

Eine Situation, die Nina George, wie sie im Nachwort schildert, selbst beobachtet hat. Junge Menschen, die "sehnsüchtig [warteten], dass es endlich losging. DAS LEBEN! sie warteten, dass ihnen jemand geschah. Oder etwas." (309)

Eine Beobachtung, die sie dazu gebracht hat, über ihr eigenes Leben nachzudenken, und so entstand die Idee, über Claire und Julie zu schreiben. Eine gewordene Frau und eine werdende, die sich gegen die gängigen Klischees wenden und einen Weg jenseits betretener Pfade einschlagen.

"Metaphernreich", ein Roman, in dem eine Vielzahl "rhetorischer Mittel gekonnt und funktionell eingesetzt werden" - waren im Lesekreis Stimmen zur Sprache Georges. Gegen Ende war es einigen von uns "too much" der Bilder, im Bestreben die Gedanken und Gefühle Figuren besonders anschaulich darzustellen.

Kann man darüber hinwegsehen, wenn die Bildsprache ein wenig ausufert, dann wartet eine interessante Geschichte auf die Leser*innen und dazu ein Angebot, das eigene Leben zu reflektieren - meisterhaft angeregt von Nina George mit ihrem klugen Blick auf Menschen und deren Interaktionen.

Buchdaten:
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
Knaur Verlag, Mai 2018


Sonntag, 15. Juli 2018

Mary Ann Shaffer/ Annie Barrows: Deine Juliet

- eine Hommage an das Lesen.

Diesen Roman hat meine Buchhändlerin im Rahmen einer Challenge auf Facebook gepostet, in der man sieben Tage hintereinander das Cover seiner Lieblingsbücher vorstellen sollte. Es war ihr erster Beitrag und hat mich daran erinnert, dass ich diesen Briefroman schon lange gelesen haben wollte ;)

Die Autorin, selbst Buchhändlerin und Bibliothekarin, starb leider kurz vor Veröffentlichung des Romans. Ihre Nichte Annie Barrows half ihr bei der Fertigstellung dieses wunderschönen Romans, der im Jahr 1946 in England und auf Guernsey (Kanalinseln) spielt.

Im Mittelpunkt steht die junge Autorin Juliet Ashton, die während des Krieges unter dem Pseudonym Izzy Bickerstaff Kolumnen im Spectator veröffentlicht hat, die zu Beginn der Handlung sehr erfolgreich im Verlag Stephens&Stark unter dem Titel Izzy Bickerstaff zieht in den Krieg erschienen sind.

Inhaber des Verlags ist ihr Freund Stephan, mit dessen jüngerer Schwester Sophie Juliet seit ihrer Zeit im Internat - sie ist eine Waise, die früh ihre Eltern verloren hat - befreundet ist.

Die Handlung wird vollständig in Briefen von Juliet und Briefen an Juliet erzählt. Aus den Briefen spricht eine sympathische, leidenschaftliche junge Frau, die ihren ersten Verlobten kurz vor der Heirat "verworfen" hat, weil er aus ihrer zukünftigen neuen Wohnung all ihre Bücher verbannen wollte.
Ein besonderer Brief gibt Juliets Leben eine neue Richtung, in dem Moment, da sie auf einer Lesereise verzweifelt ein Thema für ein neues Buch sucht.
Sie erhält diesen von Dawsey Adams, der auf Guernsey lebt und eines ihrer alten Bücher antiquarisch erstanden hat: "Ausgewählte Essys von Elia von Charles Lamb". Da er von diesem Autor begeistert sei, weil er ihn während der deutschen Besatzungszeit zum Lachen gebracht habe, bittet er Juliet ihm eine Adresse einer Buchhandlung in London zu schicken, um weitere Werke des Autors erwerben zu können. In seinem Brief erwähnt er den "Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf, [der] wegen eines gebratenen Schweins ins Leben gerufen" (14) wurde.

Dieser ungewöhnliche Literaturclub weckt Juliets Neugier, so dass sie einen Briefverkehr mit dessen Gründungsmitgliedern auf Guernsey beginnt:

  • Amelia Maugery, eine gebildete, ältere Dame
  • Dawsey Adams, ein 40-jähriger, stiller Mann, der einen Bauernhof betreibt und als Handwerker arbeitet
  • John Booker, ein Jude, der sich während der Besatzungzeit als ein anderer ausgegeben hat,
  • Isola Pribby, eine "Kräuterhexe", die die Bronte-Schwestern liebt
  • Eben Ramsey, ein älterer Herr, dessen verstorbene Tochter mit Elisabeth befreundet war und dessen Enkel die Besatzungszeit in England verbracht hat,
  • Will Thisbee, ein Lumpensammler, der sich für Religion interessiert
Dazu gehörte auch Elizabeth McKenna, auf deren Idee alles zurückgeht und die gleichsam im Mittelpunkt der Geschehnisse steht, jedoch nicht mehr auf Guernsey ist, während sich die Mitglieder des Literaturclubs um ihre vierjährige Tochter Kit kümmern. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter?

Juliet erfährt in den Briefen die Erlebnisse der Bewohner während der Zeit der deutschen Besatzung Guernseys, das fünf Jahre von der Außenwelt abgeschnitten war. Die einzelnen Geschichten wecken ihr Interesse und eine neue Buchidee nimmt Gestalt an, die Juliet schließlich selbst nach Guernsey führt, obwohl gerade ein amerikanischer Verleger in ihr Leben getreten ist, der ihr Herz erorbern will.

Ob er gegen den Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf ankommt?

Bewertung
Die Geschichte Guernseys während des 2.Weltkrieges, die Ereignisse um Juliet und ihre Korrespondenz mit den Bewohner der Insel sowie Juliets Aufenthalt auf Guernsey bilden den Kern dieses Briefromans, der gleichzeitig aber auch "eine Verbeugung vor der Literatur" (Buchrücken), dem Lesen selbst und vor den Buchhändler*innen ist.

"Das ist es, was ich am Lesen so liebe; an einem Buch interessiert eine winzige Kleinigkeit, und diese Kleinigkeit führt zu einem anderen Buch, und etwas in diesem führt wiederum zu einem dritten Buch. Es ist geometrisch progressiv - es ist kein Ende in Sicht und es hat keinen anderen Zweck als das pure Vergnügen." (16)

"Buchhändler sind wirklich ein eigener Menschenschlag. Niemand, der alle fünf Sinne beisammen hat, würde des Gehalts wegen in einer Buchhandlung arbeiten oder sich wünschen, eine zu besitzen  die Gewinnspanne ist zu gering. Es muss die Liebe zu den Lesern und zum Lesen sein, die sie dazu treibt - und die Möglichkeit, die neuen Bücher als Erste in die Hände zu bekommen." (20)

Dadurch, dass viele der Geschichte, die Juliet sammelt, von der Besatzungszeit handeln, ist der Briefroman gleichzeitig ein Roman gegen das Vergessen, der kein Schwarz-Weiß-Bild zeichnet. Auf der einen Seite haben Bürger*innen Guernseys kollaboriert, während sich die deutschen Soldaten teilweise anständig verhalten haben, zum Beispiel als die Bewohner Lebensmittel aus England erhielten:

"Ehre, wem Ehre gebührt. Sie haben all die Kartons für uns ausgeladen und sich keinen einzigen genommen." (160)

Die Geschichte Elisabeths hingegen zeigt die ganze Grausamkeit des Terror-Regimes, das die Nationalsozialisten errichtet haben. Ihr Schicksal beeinflusst Juliet so, dass ihre eigene (Liebes-) Geschichte eine neue Wendung erfährt.

Ein wunderschöner Roman, den ich ab jetzt auch als eines meiner Lieblingsbücher posten werde ;)



Freitag, 18. Mai 2018

Joel Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

- ein (Kriminal-) Roman mit überraschenden Wendungen.

Quelle: pixabay
Dieser Roman ist im Forum whatchaReadin schon mehrfach sehr positiv, geradezu euphorisch besprochen worden. Schon lange steht er auf meiner Wunschliste, diesen Monat habe ich mein Audible-Abo genutzt, um ihn endlich zu hören. Die Erwartungen waren hoch und sind noch übertroffen worden!


Worum geht es?
Marcus Goldman ist ein erfolgreicher Schriftsteller, gerade (Oktober 2008) hat er einen Roman über den Fall Harry Quebert geschrieben und wird überall in New York auf der Straße auf sein Buch angesprochen, das für Aufsehen gesorgt hat.

Wer ist dieser Harry Quebert?
Ein ebenfalls berühmter Schriftsteller, Marcus´ ehemaliger Dozent und sein Freund, der zurückgezogen an der Ostküste der USA, im Städtchen Aurora lebt. Der Kontakt zwischen den beiden ist nach Marcus Erfolg abgebrochen. Als er eine Schreibblockade hat und ihm jegliche Inspiration für einen neuen Roman fehlt, besucht er Harry, der ihn zu dem gemacht hat, was ihn als Schriftsteller auszeichnet.

Im Roman eingebettet sind immer wieder Lektionen, die Harry Marcus erteilt hat - rücklaufend von Lektion 31 bis zu Lektion eins, die das Ende eines Romans thematisiert und gleichzeitig den Schlusspunkt des vorliegenden Romans einleitet.

Während der Werdegang des Schriftstellers Marcus zunächst im Vordergrund steht, entwickelt sich die Geschichte unversehens zu einem Kriminalfall, denn ein schreckliches Ereignis erschüttert das Städtchen Aurora. Während Marcus Aufenthalt im Sommer 2008 wird in Harrys Garten die Leiche der schönen Nola gefunden, jenes 15-jährigen Mädchens, das am 30.August 1975 spurlos verschwunden ist. Da beim Skelett nur eine Tasche mit dem getippten Manuskript von Harrys erstem großen Roman "Der Ursprung des Übels" zusammen mit einer persönlichen Widmung - Adieu, allerliebste Nola - gefunden wird, landet Harry in Untersuchungshaft und soll des Mordes angeklagt werden.
Harry beichtet Marcus, dass er eine Beziehung zu dem 15-jährigen Mädchen in jenem Sommer hatte, beteuert aber seine Unschuld. In den Gesprächen zwischen den beiden im Gefängnis, die Marcus aufnimmt und die die Grundlage seines Romans werden, rekonstruiert Harry die außergewöhnliche Liebesgeschichte der beiden und malt ein leuchtendes Bild des Mädchens, in das er sich unsterblich verliebt hat und die ihn zu seinem Roman inspiriert hat, der von einer unmöglichen Liebe erzählt und Briefe enthält, die die beiden sich geschrieben haben.

Was ist an jenem Abend des 30.August 1975 geschehen, an dem nicht nur Nola verschwunden ist, sondern auch eine alleinstehende Witwe erschossen wurde? Sie hatte die Polizei informiert, dass ein Mann Nola in den Wald folge. Eine Weile später erreichte die Wache ein weiterer Anruf der Witwe, das Mädchen habe sich zu ihr geflüchtet. Als die Polizisten in ihrem Haus eintreffen, ist sie tot und Nola verschwunden - ein schwarzer Chevrolet Monte Carlo ist die einzige Spur, die die Polizei verfolgen kann - ohne Erfolg.
Marcus glaubt fest an die Unschuld seines Mentors und stellt eigene Nachforschungen in Aurora an, zuerst gegen den Willen des Ermittlers der Staatspolizei Gaholowood, bis er diesen mit seinen Ergebnissen überredet, fortan zusammenzuarbeiten. Letztlich überzeugen ihn die Drohbriefe, die Marcus erhält und die ihn auffordern zu verschwinden.
Wer hat ein Interesse daran, dass er keine Nachforschungen anstellt?Welche Rolle spielt der reiche  Geschäftsmann Stern und dessen Fahrer, der sich oft in Aurora herumgetrieben hat? Welche Rolle spielen Nolas Eltern, warum ist die Familie 1969 von Alabama nach Aurora umgezogen?
Marcus "wühlt" tief in der Vergangenheit, befragt Tamara Quinn, in deren Bar Harry Teile seines Romans geschrieben hat, weil Nola dort gearbeitet hat. Und deren Tochter Jenny unsterblich in Harry verliebt gewesen ist. Viele Fragen, denen Marcus und Gaholowood nachgehen. Immer neue Details werfen jeweils ein völlig anderes Licht auf den Fall, so dass man nicht mehr weiß, was denn die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist.

Nach vielen Irrungen, Wirrungen und unvermuteten Wendungen offenbart das Ende eine überraschende Antwort auf alle offenen Fragen.

Bewertung
Glaubt man zunächst, der Roman erzähle vom Werdegang eines Autors, vom Schreiben eines Buches, von den Problemen, die nach dem ersten großen Erfolg auftreten, vom Überwinden dieser Krise bis hin zum nächsten großen Erfolg, so überrascht die Wendung hin zu einem Kriminalfall um das mysteriöse Verschwinden von Nola und dem Fund der Leiche nach über 30 Jahren.

In den Vordergrund rückt die Frage, was an jenem 30.August 1975 wirklich geschehen ist und welche Ereignisse im Vorfeld dazu geführt haben. Viele Umwege gehen wir gemeinsam mit Marcus, immer wieder neue Hypothesen werden formuliert, verworfen, neue Details zwingen zum Umdenken.

Beim Hören fällt die außergewöhnliche Struktur des Romans nicht ins Auge, aber die Kombination aus dem Erzählstrang der Gegenwart, den vielen nicht chronologischen Rückblicken in die Vergangenheit aus den unterschiedlichsten Perspektiven, die sich durchaus widersprechen und die Aufnahmen, die Marcus macht, um seinen Roman über den Fall Harry Quebert zu schreiben, sowie die Lektionen sorgen zusätzlich für Spannung und Abwechslung.

Offene Fragen werden selten sofort beantwortet - meist erfolgt dann ein Rückblick oder ein weiterer Umweg. Die vielen Wiederholungen haben mich beim Hören nicht gestört - im Gegenteil, ich war dankbar dafür, so habe ich den Überblick nicht verloren. Und das Ende ist wirklich überraschend!

Und da ist ja noch die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen der 15-Jährigen und dem über 30 Jahre alten Harry Quebert, der in Nola die Liebe seines Lebens und seine Muse gefunden hat. Auch diese Beziehung und Nola erscheinen immer wieder in einem neuen Licht.

Torben Kessler, der mich beim Hörbuch "Unter der Drachenwand" nicht überzeugt hat, liest diesen Roman so hervorragend, dass ich definitiv auch "Die Geschichte der Baltimores" hören möchte. Das soll noch besser sein.
Das mag ich nach diesem großartigen Roman fast nicht glauben, ob der noch zu übertreffen ist?

Hörbuch
20 Stunden 21 Minuten
gelesen von Torben Kessler

Sonntag, 8. April 2018

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

- eine skurrile Familien - und Liebesgeschichte.

Der Roman ist eine Empfehlung meiner Buchhändlerin, die meinen Lesegeschmack inzwischen sehr gut kennt. Meine Lesefreundin Sabine hingegen hat die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, als ich ihr erzählt habe, dass ich das Buch gerade lese - zu skurril für ihren Geschmack. Die Meinungen sind also geteilt ;)

Worum geht es?
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Luise, aus deren Ich-Perspektive der Roman erzählt wird.
Zu Beginn, im Jahr 1983 ist sie 10 Jahre alt und ihre Oma Selma hat in der Nacht von einem Okapi geträumt.

"Das Okapi ist ein abwegiges Tier, viel abwegiger als der Tod, und es sieht vollkommen zusammenhangslos aus mit seinen Zebraunterschenkeln, seinen Tapirhüften, seinem giraffenhaft geformten rostroten Leib, seinen Rehaugen und Mausohren. Ein Okapi ist absolut unglaubwürdig, in der Wirklichkeit nicht weniger als in den unheilvollen Träumen einer Westerwälderin." (S.14)

Jeder im kleinen, verschlafenen Nest im Westerwald weiß, was das bedeutet - in den folgenden 24 Stunden wird jemand sterben. Das ist immer so, wenn Selma im Traum ein Okapi erscheint.

Jeder, das ist
Okapi (Quelle: pixabay)

  • der 10-jährige Martin, Luises bester Freund, der schon seit seiner Kindheit Gewichtheben übt und Luise ständig in die Höhe stemmt,
  • der Optiker, der die verwitwete Selma, deren Mann nicht aus dem 2.Weltkrieg zurückgekehrt ist, schon sein Leben lang liebt, aber seine inneren Stimme, die ihm abraten, ihr das zu sagen, nicht übertönen kann,
  • die abergläubische Elsbeth, ebenfalls Witwe, eine schrullige Kräuterhexe, die für jedes Leiden ein ungewöhnliches Mittel kennt.

"Elsbeth hatte etwas gegen Gicht, gegen ausbleibende Liebe und ausbleibenden Kindersegen, gegen unausgebliebene Hämorrhoiden und quer liegende ungeborene Kälber." (S.53)

  • die immer schlecht gelaunte Marlies, die im Haus ihrer Tante wohnt, in dem sich diese mit 92 Jahren aufgehangen hat,
  • Luises Vater, ein Arzt, der sich einer Psychoanalyse unterzieht und fortan immer auf Reisen ist und vor sich selbst wegzulaufen (?),
  • Luises Mutter, Annemarie, die sich seit Jahren mit der Frage herumschlägt, ob sie ihren Mann verlassen soll,
  • der Jäger Palm, der eine Wandlung vom Alkoholiker zum gläubigen Bibel-Zitierer durchläuft
  • und Alaska, ein Huskymischling, den der Vater kauft, um seinen eigenen Schmerz zu externalisieren,

"der Hund ist quasi eine Metapher. Eine Metapher für den Schmerz." (S.45)

  • Selma selbst dürfen wir nicht vergessen, die aussieht wie Rudi Carrell, Mon Chérie liebt und Luise Halt im Leben ist, da ihre Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind.

Der Traum führt dazu, dass die Leute im Dorf versuchen

"auf den letzten Drücker Wahrhaftigkeit ins Leben [zu] bringen. Und die verschwiegenen Wahrheiten, glaubten die Leute, sind die wahrhaftigsten überhaupt: Weil nicht an ihnen gerührt wird, ist ihre Wahrhaftigkeit gestockt, und weil sie in ihrer Verschwiegenheit zur Bewegungslosigkeit verdammt sind, werden diese Wahrheiten im Lauf der Jahre immer üppiger." (S.24)

Auch der Optiker will seine Wahrheit endlich kund tun, indem er Selma einen Aktenkoffer voller angefangener Liebesbriefe vorbeibringen möchte - doch seine inneren Stimmen sind lauter und schließlich trifft der Tod ganz unerwartet eine Person, mit der man überhaupt nicht gerechnet hat.

Der 2.Teil spielt 12 Jahre später, Luise arbeitet inzwischen in einer kleinen Buchhandlung und ist nicht bereit, die Welt in ihr Leben zu lassen, wie es ihr Vater immer fordert, der in der ganzen Welt unterwegs ist. Das ändert sich, als sie dem buddhistischen, attraktiven, jungen Mönch Frederik kennen lernt, der jedoch in Japan in einem Kloster lebt.

Eine schwierige Situation:

"Wenn ich jetzt nicht aufhöre, verstockt zu sein, dann wird das nichts, dachte ich, dann biegt das Leben falsch ab." (S.149)

Wird Luises Leben die richtige Abzweigung nehmen?

Bewertung
Eine wahrhaft skurrile Geschichte mit eigenartigen, seltsamen Protagonisten, die einem beim Lesen in ihrer Schrulligkeit ans Herz wachsen. Man fühlt mit Luise, lacht über Selma und nimmt all die etwas ungewöhnlichen Ereignisse hin, wie Okapi-Träume, die den Tod bringen, oder Gegenstände, die beim Lügen zerbrechen. Es ist eine warmherzige Geschichte über den tragischen Tod eines Menschen und wie die, die ihn liebten, versuchen diesen zu verkraften, wenn es denn je ganz gelingen kann.
Der Roman zeigt aber auch, dass die intensive Beziehung zu geliebten Menschen, dass die Freundschaft uns durch schwierige Zeiten trägt, dass wir einen Bezugspunkt im Leben brauchen. Eine Aufgabe, die Selma für Luise übernimmt - eigentlich erzählt die Geschichte vom Leben selbst mit Humor und Zartgefühl. Wer sich dabei auf skurrile Situationen einlassen kann, der wird viel Spaß und Freude an dieser Lektüre haben.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 319 Seiten
DuMont Verlag, 2017

Sonntag, 25. März 2018

Jojo Moyes: Eine Handvoll Worte

- eine Liebesgeschichte.

Lesen mit Mira

Mein Pseudonym Querleserin verrät, dass ich neben anspruchsvoller Literatur zwischendurch gerne auch anderes lese: Fantasy-, Kriminalromane und seltener ein Liebesroman. Man lehnt sich auf dem Sofa zurück, taucht ein in eine simpel konzipierte Welt aus Herz - Schmerz, kehrt nach einem voraussehbaren Happy End entspannt in den Alltag zurück. Gerade in beruflich stressigen Zeiten erlaube ich mir auch mal ein "anspruchsloseren" Roman und dazu gehören die von Jojo Moyes. Traditionell erzählt, recht einfach gestrickt, spinnen sie einen rosaroten Faden und nehmen die Leserin mit ins Happy End - Ausnahme "Ein ganzes halbes Jahr", das sich mit dem Tetraplegiker, der seinem Leben ein Ende setzen will, einem sehr kontroversen Thema widmet.
Daher war gespannt, als Mira für unser gemeinsames Lesen "Eine Handvoll Worte" vorgeschlagen hat.

Worum geht es?
Am Beginn jedes Kapitels ist ein Abschiedsbrief, -SMS oder E-Mail abgedruckt, die Jojo Moyes auf eine Anzeige in der Zeitung erhalten hat oder sie wurden ihr von Verwandten zur Verfügung gestellt. Manche stammen aus der Literatur und einer davon gehört zur Handlung - es sind jeweils "Eine Handvoll Worte", die ein Liebesbeziehung beenden.

Prolog
Einen solchen Brief findet Ellie Haworth im Archiv der Zeitung Nation, für die sie einen Artikel schreiben soll, in dem das Leben der Frauen von 1960 mit dem heutigen (2003) verglichen wird. Anlass ist der Umzug der Redaktion in ein neues Gebäude und die Umstrukturierung des Archivs.
Ellis Aktien in der Redaktion stehen gerade auf Absturz, da ihr Privatleben ein strukturiertes, zielorientiertes Arbeiten unmöglich macht. Seit einem Jahr hat sie eine Affäre mit einem verheirateten Autor - John Armour (!), der nur selten Zeit für sie - oder besser gesagt für Sex mit ihr hat. Als ihre besten Freund*innen sie darauf hinweisen, dass er sich nie von seiner Frau trennen wird, weist sie dies brüsk zurück. Sie lebt in ihrer "Liebesblase", unfähig zu sehen, dass es eine auf Zeit ist.
In dieser Situation gerät ihr der Liebesbrief von "B" vom 4.10.1960 in die Hände, der sich in einer Aktenmappe mit Lungenkrankheiten, ausgelöst von Asbest, befunden hat. Fasziniert von der Sprache des Briefes beginnt sie zu recherchieren.

Teil 1 - 1960
Jennifer Sterling (die Adressatin des Briefes) wacht im Krankenhaus auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Ein schwerer Verkehrsunfall hat eine Amnesie ausgelöst, sogar ihren Mann erkennt sie nicht.

"Er war ein gutaussehender Mann, vielleicht zehn Jahre älter als sie, mit hoher, gewölbter Stirn und ernstem Blick. Tief im Innern wusste sie, dass er wohl derjenige war, der zu sein er behauptete, dass sie tatsächlich mit ihm verheiratet war, aber es war verblüffend nichts zu empfinden, obwohl alle ganz offensichtlich eine andere Reaktion von ihr erwarteten." (S.36)

Doch sie spielt die von ihr erwartete Rolle der reichen Unternehmensgattin - ihr Mann ist im Asbestgeschäft, 1960 galt es noch als "Wunderbaustoff". Ihre Meinung ist nicht gefragt und sie hat schmückendes Beiwerk ihres Mannes zu sein. Ihre Freundin Yvonne beschreibt ihr, wie sie früher gewesen ist:

"Du bist reizend und lustig und voller joie des vivre. Du hast das perfekte Leben, einen reichen, gutaussehenden Mann, der dich anhimmelt, und einen Kleiderschrank, für den jede andere Frau sterben würde. Deine Frisur sitzt immer perfekt. Du hast eine Wespentaille. Bei jedem gesellschaftlichen Anlass stehst du im Mittelpunkt, und unsere Ehemänner sind alle in dich verliebt." (S.58)

Perfektes Leben? Aus unserer heutigen Perspektive sicherlich nicht - aber wir sind im Jahr 1960, fehlen nur noch Kinder zum Glück...

Im 3.Kapitel wechselt die Perspektive zum Journalisten Anthony O´Hara, der lange als Auslandskorrespondent für die Nation gearbeitet hat, zuletzt im Kongo, in dem es 1960 Unruhen gab. Da es ihm zurzeit nicht gut geht - Alkoholprobleme, überstandenes Gelbfieber - wird er an die Rivera geschickt, um ein Porträt über Laurence Stirling, Jennifers Mann, zu schreiben. O´Hara ist geschieden und hat einen kleinen Sohn, den er aber kaum sieht und natürlich ist auch er gutaussehend. Im Verlauf des Kapitels wird deutlich, dass das Interview zeitlich vor dem Unfall Jennifers liegt und die Vermutung, dass O´Hara jener Mann ist, der den Liebesbrief an Jennifer geschrieben hat, bestätigt sich. Man erfährt, wie die beiden sich kennen lernen und Jennifer davon überwältigt ist, dass jemand ihr zuhört und sie ernst nimmt. Gut gemacht ist der Perspektivwechsel, da aus Anthonys Sicht der Beginn der Liebesgeschichte erzählt wird und aus Jennifers Sicht die Zeit nach dem Unfall, in der sie auf einen der Briefe Anthonys stößt. Verzweifelt macht sie sich auf die Suche nach ihrem Liebhaber, in den Briefen finden sich kaum Hinweise, bis sie endlich die Wahrheit erfährt - eine Wahrheit, die ihr Mann gekannt hat, was teilweise sein Verhalten erklärt und auch, warum ihr niemand die Umstände ihres Unfalls erklären wollte.

Im zweiten Teil springt die Handlung ins Jahr 1964 und wir erfahren, wie es Jennifer inzwischen ergangen ist und wie die Akte, die Elli in der Gegenwart findet, im Archiv gelandet ist.

Teil 3 widmet sich Elli und ihrer komplizierten Beziehung zu John. Ihr Drang jede SMS und Mail zu sezieren und Bedeutung hineinzulegen, erinnert mich an die Zeit als Teenager. Allerdings ist sie 32 Jahre alt. Inspiriert von den Liebesbriefen beleuchtet sie ihre eigene Beziehung, die "Handvoll Worte" und die Suche nach den Protagonisten der Liebesgeschichte verändern auch ihr Leben.
Und am Ende - wie nicht anders zu erwarten - gibt es ein Happy End, wenn auch einige unerwartete und tragische Wendungen dazwischen liegen.

Bewertung
Obwohl die gesellschaftlichen Einschränkungen der Zeit, in der Jennifer sich trotz ihrer Ehe in einen anderen Mann verliebt hat, wesentlich strikter gewesen sind, ist auch Elli weit davon entfernt frei zu sein. Ist Jennifer gefangen in den Konventionen, die eine Scheidung nicht vorsehen, und in ihrer Unfähigkeit selbst für ihr Leben finanziell aufzukommen, ist Elli in ihren romantischen Vorstellungen gefangen. Während Jennifer erstaunlich mehrdimensional gezeichnet ist, gibt Elli das Bild einer kindlichen 32-Jährigen, deren Traum so aussieht:

"Sie hat einen Job als Journalistin bei einer der wichtigsten Zeitungen des Landes, beneidenswert unkompliziertes Haar, einen Körper, der im Grunde an den richtigen Stellen kurvig oder schlank ist, und ist hübsch genug, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wobei sie immer noch so tut, als wäre ihr das unangenehm. (...) Sie hat noch nicht das Alter erreicht, in dem es als persönliches Versagen betrachtet werden könnte, wenn man weder Mann noch Kinder hat." (S.377)

Willkommen im Jahr 2003 - bis auf den beruflichen Erfolg scheint sich zu 1960 wenig geändert zu haben. Nach dem Traum einen Job zu haben, kommt sofort das gute Aussehen. Unverheiratet, keine Kinder zu haben, gilt als persönliches Versagen. Hat sich unser Bild vom erfolgreichen Leben so wenig verändert? Laut Moyes scheint es so zu sein - Elli verkörpert zwar eine Frau, die sich in ihrem Beruf behaupten kann und Erfolge aufweisen kann, doch ihre Gedanken kreisen ausschließlich um ihre Liebesaffäre und den Wunsch in einer festen Beziehung zu leben.

Während der Roman recht gut die gesellschaftlichen Umstände der 60er Jahre aufzeigt, mit der Doppelmoral und den Schwierigkeiten für Frauen, sich selbst zu verwirklichen, ist der Blick auf unsere Zeit erschreckend altmodisch.

Was bleibt? Eine schöne Liebesgeschichte - auch wenn die Liebesszenen für meinen Geschmack "too much" sind, eine interessante Erzählstruktur, "Eine Handvoll Worte", die zeigen, wie sich die Abschiedsbriefe im Lauf der Zeit verändert haben und die Erkenntnis, dass ich in Zukunft die Hände von Moyes Roman lasse ;)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Taschenbuch, 590 Seiten
Rowohlt, Oktober 2013


Freitag, 16. März 2018

Wilson Collison: Tod in Connecticut

- Mord in der High Society.

Im Mittelpunkt der Romane von Wilson Collison stehen unkonventionelle junge Frauen in den 20er und 30er Jahren in New York, wie Nancy in "Die Nacht mit Nancy" oder wie die Millionenerbin Nolya, deren zweifelhafter Ruf ihr vorauseilt - zu Recht?


Worum geht es?
Wir treffen die Protagonistin Nolya Noyes beim berühmten Arzt Doktor Banfield, sie ist ernsthaft krank - viel mehr erfahren wir nicht darüber. Sie reflektiert über ihr bisheriges Leben und kommt zu dem Schluss, dass Freunde versuchen,

"einen Kreis um sie ziehen, eine Mauer zu errichten, die ihr Leben darauf beschränken würde, einem endlosen Kreislauf der Konventionen zu folgen. Sie verlangte doch lediglich, ihre Intelligenz frei nutzen zu dürfen, mehr nicht. Menschen und Freunde wurden mit einem gewissen Status geboren und veränderten sich so wenig. Sie standen fest zu ihren Moralvorstellungen und eingefahrenen Denkmustern. Und Nolyas Unwille, solche vorgegebenen Verhaltensmuster zu akzeptieren..." (S.12f.)

Eine junge, sehr attraktive Frau, die ihre Leben selbst bestimmen will und sich nicht an den ihr vorgeschriebenen Lebensweg hält. Hinter ihr liegt eine Affäre mit einem verheirateten Mann, Arthur Raymond, der seine Frau verlassen hat, um mit ihr zu leben - bis sein Vater, ein bekannter Anwalt, eingegriffen hat. Nolya musste ihm versprechen, seinen Sohn in Ruhe zu lassen und weil sie ihn liebt, will sie dieses Opfer bringen.

"Arthur gehörte der Vergangenheit an. Die Asche war verstreut, und verstreute Asche konnte man nicht einfach einsammeln und zu einer neuen Wirklichkeit aus Fleisch und Blut zusammensetzen. Arthur war nicht ihr Liebhaber gewesen. Er war Liebe." (S.41)

In ihrer Gegenwart bemüht sich der Künstler Neil um sie, mit dem sich vor einigen Jahren schon verbandelt gewesen ist.

"Wie lange war das her, seit die Leidenschaft sie in diesen Strudel mit Neil Rendon gezogen hatte? Vier Jahre, sie war einundzwanzig gewesen. Er fünfunddreißig. Jetzt war sie fünfundzwanzig, und Neil ging auf die vierzig zu. Mit einundzwanzig hatte die Leidenschaft sie zerstört. Die Liebe versuchte, sie mit fünfundzwanzig wieder aufzurichten. Aber die Liebe hatte kaum eine Chance." (S.47)

Obwohl sich Nolya nur dieses eine Mal von ihrer Leidenschaft hat hinreißen lassen, hängt ihr der Ruf nach, sie sei ein leichtes Mädchen, ein Flittchen. In den dekadenten 20er Jahren in New York wird sie dafür bewundert und begehrt, gleichzeitig gilt sie als persona non grata der gehobenen Gesellschaft, auch wenn ihr das niemand offen ins Gesicht sagt.

Sie selbst ist unglücklich, denn Neil liebt sie, sie liebt Arthur, kann diesen aber nicht haben. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit teuren Vergnügungen - als reiche Millionenerbin kann sie sich das leisten. Sie erwägt sogar aus New York weg zu ziehen, doch ihre Gedanken drehen sich im Kreis - um Arthur, um Neil...

"Gedanken hatten etwas sehr Unbefriedigendes an sich. Sie waren zweifelhafte, flüchtige Gesellen, die umherflitzen und zaghafte Vorschläge machten, raffinierte, aber halbgare Pläne schmiedeten, aufrührerische Vorhaben und aufmüpfige Ideen unterbreiteten. Aber fast immer verscheuchte man die hinterlistigen kleinen Gesellen und blieb letztlich mit einem Gefühl des Scheiterns zurück." (S.108)

Schließlich ringt sie sich Mitte Dezember durch, im Januar nach Paris zu reisen - mit dem Schiff.
Doch zuvor gerät sie zusammen mit dem jungen, reichen Bobby Brandon auf die Silvesterparty der Raymonds, auf der sie erneut auf Arthur und dessen Vater trifft und auf der ein Mord geschieht, der die Beteiligten zum schnellen Handeln zwingt.
Ein furioses Finale beginnt, das ein überraschendes Ende bereit hält.

Bewertung
Im Roman gibt es ein sehr interessantes Gespräch zwischen Arthurs Vater und Bobbys Vater, einem renommierten Psychologen. Während Mr Raymond Nolyas Verhalten scharf kritisiert und die gängige Meinung der Gesellschaft vertritt, die Nolya wider besseren Wissens als Flittchen tituliert und ihr alle möglichen Geschichten andichtet, verteidigt Mr Brandon sie.

"Weil ich sie verstehen kann. Überschuss an Gefühlen. Ein ungewöhnliches Gehirn. Eine Rebellin gegen die Gesellschaft." (S.154)

Er ist der Überzeugung, dass die Gesellschaft Schuld an ihrem Ruf trägt, denn sie hat es gewagt, diese gesellschaftlichen Regeln zu übertreten. Ein Umstand, den Arthurs Frau Betty ihrem Mann, mit dem sie sich wieder versöhnen will, vor Augen hält.

"So sind die gesellschaftlichen Spielregeln, Arthur. Wir müssen sie lernen und uns daran halten. Wir müssen so große Angst davor haben, dass jemand uns und unser Leben bloßstellt, dass wir das Gesetz gar nicht erst brechen." (S.189)

Nolya, die ihr Leben als Sonate empfindet:
"Leidenschaft und Reue, rastloses Umhereilen, erschöpfte Passivität" (S.141),

passt nicht in dieses Bild und hält sich auch nicht an die Spielregeln, auch wenn sie am Ende, genau wie Nancy, nicht so rebellisch handelt, wie man es vielleicht erwarten würde.
Collison hält mit Humor der Gesellschaft der 1920er den Spiegel vor und hinter dem Spiegel entsprechen die Menschen nicht den (Vor-)Urteilen, die wir über sie gefällt haben.

Ein Roman mit interessanten Figuren, spannend und geistreich.

Vielen Dank für das Lese-Exemplar.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 305 Seiten
Louisoder, 2018

Dienstag, 6. März 2018

Anne Reinecke: Leinsee

- farbenfroh, poetisch, komisch.                                                               

Leserunde auf whatchaReadin


Bei der Einteilung der Abschnitte in der Leserunde ist mir sofort ins Auge gefallen, dass jedes Kapitel als Überschrift eine oder mehrere Farben benennt, manche sind sehr ungewöhnlich wie "teichgrün", "regentageblau" oder sind eigentlich keine Farben wie "Gottweiß", das eigentlich ein Zusammenziehen von "Gott weiß" ist. Ein Ausspruch, den der Vater des Protagonist, immer verwendet hat.

Die Farben tauchen in dem jeweiligen Kapitel auf und haben eine besondere Bedeutung. Ob das daran liegt, dass die Hauptfiguren Künstler sind?

Worum geht es?

Karl ist Ende 20 und lebt mit seiner Freundin Mara in Berlin. Er ist ein aufstrebender Künstler, sie inszeniert Theaterstücke.

Ein unerwarteter Anruf verändert sein Leben: Sein Vater hat sich erhängt, seine Mutter liegt mit einem Hirntumor im Krankenhaus und wird operiert. Ausgang ungewiss. Sofort macht er sich auf den Weg nach "Leinsee", dem Haus seiner Eltern. Er fährt mit dem Zug, weil er noch vom Abend zuvor betrunken ist.

"Seit zwanzig Minuten kotzte er sich - ja, was eigentlich - aus dem Leib. Kanarienvogelgelb in silberner ICE-Kloschüssel, ganz hübsch, ein schönes Bild für  -ach, auch egal." (S.7)

Die Gedanken Karl, die in Ellipsen daherkommen, verleihen dem Roman etwas Unmittelbares - trotz der Vergangenheitsform.

"Karl überlegte seitdem, wie das aussehen musste. sein Vater, erhängt. Am Lampenhaken, im Salon, in Leinsee." (S.8)

Doch während er sich das Gesicht seiner Mutter vergegenwärtigen kann, fehlt ihm das des Vaters. Warum kann -will er sich nicht erinnern?
Seine Eltern - Ada und August Stiegenhauer - gelten als das Künstlerpaar.
Am gleichen Tag geboren, haben sie sich in München an der Akademie der Künste kennen gelernt und bilden seitdem eine feste Einheit, die sich in ihren Kunstwerken ausdrückt. Aus flüssigem Harz gießen sie Formen, in die alle möglichen Gegenstände, Autobiographisches und Zufälliges, zu Staub zermahlen eingeschlossen ist.
Zwei Menschen, die nur sich sehen und wollen, eine Symbiose, die sich in ihrer Kunst widerspiegelt. Sie schließen sich symbolisch im Harz ein - abgeschottet von allen anderen.

Da stört ein Kind, so dass Karl mit 10 Jahren bereits ins Internat abgeschoben wird - dort lebt er unter dem Namen Karl Sund. Um die Anonymität zu wahren, besuchen seine Eltern ihn nie. Nach seinem Schulabschluss kehrt er nicht nach Hause zurück, so dass der Kontakt seit sieben Jahren abgebrochen ist.
Und jetzt ist er wieder in Leinsee und trifft auf den Assistenten seiner Eltern, den er wegen seines Aussehen kurzerhand Buddy Holly tauft und der genauso alt wie er selbst ist. Ein Ersatzsohn, der seine Stelle eingenommen hat? Zumindest hat er Karls ehemaliges Kinderzimmer in Besitz genommen,

"er hatte die Stiegenhauers irrsinnig bewundert und war wahnsinnig glücklich gewesen, so eng mit ihnen zusammenarbeiten zu dürfen Jetzt war er total außer sich, wegen der total tragischen Situation, so was Schreckliches, so ein tolles Paar und dann so was. Er fühlte sich selbst auch total verwaist und wusst gar nicht, wohin mit seiner Trauer. Echt jetzt." (S.35)

In der Wiedergabe der Worte Buddy Hollys blitzt der satirische Charakter des Romans auf, die übertriebene Wortwahl, die Wiederholung "total", das Überschwängliche "wahnsinnig" "irrsinnig", da muss man einfach lachen.

Nach der Beerdigung seines Vaters beschließt Karl zunächst in Leinsee zu bleiben, gegen den Willen Maras, die ihn beschwört, nach Berlin zurückzukehren. Doch er weigert sich.

"Vielleicht blieb er einfach, weil ihn jetzt niemand mehr daran hindern konnte, in seinem Elternhaus zu wohnen. Keine Ahnung. Vielleicht war es auch dieses Kind. Wenn das Kind da war, ging es ihm am besten." (S.129)

Das Kind heißt Tanja und ist acht Jahre alt. Entdeckt hat Karl es oben im Kirschbaum, während es ihn beobachtet hat.
Gemeinsam vakuumieren sie eine tote Taube, die Tanja für ihn aus der Dachrinne genommen hat - seine Form der Kunst, Gegenstände im Vakuum zu verpacken - um sich unangreifbar zu machen?

Karl hinterlässt daraufhin Geschenke für Tanja im Kirschbaum, während sie die Steinplatten vor dem See zu Kontinenten formt. Begegnen sie sich im Dorf, folgen sie sich - immer auf Abstand und hüpfen im Gleichtakt oder stehen gemeinsam vor einem Schaufenster. Es scheint, als habe er eine Seelenverwandte getroffen, die ihn erdet. Wie wird sich diese Freundschaft entwickeln?

Während dessen erwacht seine Mutter aus dem Koma, ihr Gedächtnis ist jedoch nur unzureichend wieder funktionsfähig. Wird sie ihn erkennen?


Bewertung
Quelle: pixabay
Wenn ich dem Roman eine Farbe zuordnen müsste, dann wäre es für mich - buchenblättergrün.

Im Frühjahr, wenn die Buchen im Wald ihre ersten Triebe entfalten, riecht alles nach Neuanfang.

So wie Karl in seinem Zuhause, das es nie für ihn gewesen ist, da für ein Kind kein Platz an diesem Ort sein durfte, einen neuen Anfang wagt. In seinem alten Kinderzimmer baut er sich ein "Nest", rollt sich ein, wie ein Neugeborenes.

"Er wollte hierhergehören. Das hatte er schon immer gewollt." (S.205)

Seine Sehnsucht nach der Kindheit manifestiert sich in der Freundschaft mit Tanja, in ihren Spielen und in der neuen Beziehung zu seiner Mutter - auch wenn die auf einem Missverständnis basiert, das hier nicht verraten wird.

Tanja ist die Erste, die ihn sieht - als denjenigen wahrnimmt, der er ist und nicht der, der er zu sein scheint. Die Bedeutung der Wahrnehmung spiegelt sich auch in der genauen Beschreibung der Farben wider.

Tanja führt ihn ins Leben zurück und ihr Blick in seinem Rücken verändert seine Kunst, verändert ihn.

"Vor allem, wenn es darauf ankam, wenn er etwas besonders gut machen wollte, hatte er sich vorgestellt, sie sähe ihm zu." (S.234)

Es ist nicht nur diese außergewöhnliche Freundschaft, die den Roman so faszinierend macht. Auch die Figuren überzeugen, ebenso wie viele komische Szenen.
Herrlich, wenn Karl zwei Polizisten weis macht, er habe das Gewehr abgefeuert, weil er Kunst schaffen wollte. Ein Seitenhieb auf die Kunstszene? Die Autorin hat selbst Kunstgeschichte studiert, weiß, wovon sie schreibt.
Faszinierend finde ich ihren Stil - die erlebte Rede Karls - Richtung Bewusstseinsstrom -, die satirischen Elemente und die farbenfrohe, bilderreiche und lyrische Sprache.

"Er trank langsam seinen Kaffe aus und drehte sich nicht um. Er schob sich den winzigen Löffel in den Mund und drehte sich nicht um. Der Geschmack des Metalls war nicht von dem von Blut zu unterscheiden. Er rauchte eine Zigarette und drehte sich nicht um. Er bat um die Rechnung und drehte sich nicht um. Er zahlte und blieb noch drei Sekunden sitzen." (S.132)

Ein großartiges Debüt, auf das hoffentlich noch viele weitere Romane folgen werden.

Vielen Dank an Diogenes für das Leseexemplar.

Buchdaten
Taschenbuch, 366 Seiten
Diogenes, 28. Februar 2018

Dienstag, 16. Januar 2018

Jane Austen: Mansfield Park

- eine gute Partie.

Klassiker hören mit Literaturhexle

Quelle: Pixabay
Hörbuch von Audible
Gelesen von Eva Mattes
17 Stunden 16 Minuten

Literaturhexle und ich haben uns auch für 2018 vorgenommen gemeinsam Klassiker zu hören, die man immer schon mal lesen wollte. Bisher haben wir uns an "Schuld und Sühne", "Madame Bovary" und jetzt an "Mansfield Park" gewagt.


Worum geht es?

Auf Betreiben von Mrs. Norris, der Schwester von Lady Bertram und Mrs. Price wird die 10-jährige Fanny Price nach Mansfield Park "verpflanzt", da ihre Familie in ärmlichen Verhältnissen lebt und die Prices für die Vielzahl ihrer Kinder nicht entsprechend sorgen können. Mrs. Norris vorgebliche Güte erstreckt sich allerdings auf den Vorschlag; alles Weitere überlässt sie ihrer Schwester Lady Bertram und Sir Thomas. Ihre Aufgabe wird es sein, Fanny noch viele Jahre lang daran erinnern, wie dankbar sie zu sein habe. Eine garstige Person.

Im Haus der Bertrams ist es Edmund, der zweitälteste Sohn, der Fannys Herz gewinnt. Zunächst kümmert er sich liebevoll um seine verschüchterte und traurige Cousine, später erwächst auf Fannys Seite daraus eine hingebungsvolle Liebe. Sie ist zwar willkommen in Mansfield Park, wird jedoch nie als gleichwertiges Familienmitglied behandelt - mit Ausnahme von Edmund.
Nichtsdestotrotz lernt sie Anstand und Tugend kennen und entwickelt ein Gespür für das, was von ihr erwartet wird, während ihre Cousinen von Mrs. Norris verwöhnt und ihrer Eitelkeit bestätigt werden. Sir Thomas Bertram bemüht mit Strenge dem entgegen zu wirken, wird als unnahbarer Patriarch wahrgenommen und Lady Bertram ist nur an ihren Stickarbeiten und ihrem Mops interessiert. Die Kindererziehung gehört nicht zu ihrem Aufgabenbereich, so dass auch Tom nur seine Vergnügungen im Kopf hat, im Gegensatz zu Edmund, der einzige, der ebenso wie Fanny, ein Gespür für Anstand entwickelt.



Die Handlung gewinnt an Fahrt mit der Abreise Sir Thomas Bertrams auf seine Plantagen
und mit der Ankunft der Geschwister Crawford im Pfarrhaus der Grants. Da ist Fanny fast schon 18 Jahre alt. Obwohl die älteste Tochter der Bertrams Maria dem wohlhabenden Mr. Rushworth versprochen ist, entflammt ihr Herz doch für den eitlen und charmanten Henry Crawford, genau wie das ihrer Schwester Julia. In mehreren Situationen ist das schickliche Verhalten, wie es zu Beginn des 19.Jahrhunderts in diesen Kreisen sein sollte, in Gefahr. Vor allem als die "Kinder" gemeinsam mit einem Freund Tom Bertrams - Mr. Yates - beschließen ein Theaterstück aufzuführen - ausgerechnet "Liebesschwüre". Da gerät die wohl geordnete Gesellschaft aus den Fugen und auch Edmund verliert sein Herz an Mary Crawford, blind für deren mangelnde Sensibilität. Glücklicherweise kehrt Sir Thomas Bertram, der Hausherr, rechtzeitig von seinem Besuch aus Antigua zurück und verhindert Schlimmeres.

Maria heiratet ihren Mr. Rushword und Edmund schickt sich an, Pfarrer zu werden, erwägt jedoch Mary Crawford um ihre Hand zu bitten. Henry  hat sich derweil in den Kopf gesetzt, die schüchterne Fanny für sich zu gewinnen - jetzt da Maria mit ihrem Ehemann nach London entschwunden ist und ihre Schwester sich ihnen angeschlossen hat. Ob es ihm gelingen kann, ihre tiefe Abneigung, die sie aufgrund seines Verhaltens gegenüber ihren Cousinen für ihn empfindet, zu überwinden? Liebt er sie wirklich oder es ist es reine Eitelkeit, sie zu erobern? Wie wird sie sich entscheiden?

Bewertung
Der Einstieg in den Roman ist etwas mühselig, da zunächst die wichtigsten Figuren vorgestellt werden und die Handlung nicht in Gang kommen will. Mit dem Einüben des Theaterstücks steigt jedoch die Spannung. Wer verliebt sich in wen, ist die gute Partie Marias in Gefahr, welche Verwicklungen ergeben sich daraus? Austen entwirft ein detailliertes Sittengemälde der Zeit - und das nicht ohne ein gewisse Komik - und verdeutlicht, welches Verhalten von adligen jungen Frauen und Männern erwartet wurde.
Fanny verkörpert dabei die Vernunft, sie ist die Einzige, die sich nicht am Theaterstück beteiligt, selbst Edmund lässt sich dazu hinreißen - von Verliebtheit getrieben.
Am Ende des Romans rechnet Austen mit der mangelnden Erziehung der beiden Bertram-Mädchen ab, die in ihrer Eitelkeit von Mrs. Norris unterstützt und vergöttert werden - ein Umstand, der zumindest Marias Leben ruiniert. Mrs. Norris Standesdünkel verstellt ihr den klaren Blick auf ihre Nichte, die im Gegensatz zu den Bertram-Mädchen ein untadeliges Verhalten an den Tag legt. Der "Wert" Fannys wird erst offensichtlich, als sie für drei Monate ihre eigene Familie besucht - die gute Seele des Hauses scheint verschwunden.
Während Fanny uneingeschränkt alle Sympathien gehören, ist Mrs. Norris die unsympathischste Figur des Romans. In den Harry Potter Romanen heißt die neugierige und gemeine Katze des Hausmeisters Argus Filch Mrs Norris und eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich nicht leugnen. Ich bin sicher, dass J.K.Rowling "Mansfield Park" kennt und die Katze bewusst so genannt hat.

Eva Mattes liest diesen Klassiker wunderbar, lässt die antiquierte Sprache leben, so dass sie ganz natürlich erscheint und gut zu hören ist.

Die Reihe wird fortgesetzt ;)

Donnerstag, 11. Januar 2018

David Vogel: Eine Ehe in Wien

- Psychogramm eines melancholischen Masochisten.

Gebundene Ausgabe, 527 Seiten
Aufbau Verlag, 14. Juni 2017


Im Rahmen einer gemeinsamen Leserunde auf whatchareadin habe ich den Roman mit Gleichgesinnten gelesen. Unzählige Posts haben wir dabei ausgetauscht, uns an Deutungen versucht und über einzelne Textstellen diskutiert. Ein sehr intensiver und aktiver Austausch also, der meine Lese-Zeit bereichert hat.


Vielen Dank an den Aufbau Verlag für das Leseexemplar!


Worum geht es?
Der mittellose Schriftsteller Rudolf Gordweil aus dem Osten lebt in den 20er Jahren in Wien und lernt die Baronin Thea von Tako gemeinsam mit seinem Mitbewohner Ulrich in einem Café kennen.

Sein erster Eindruck:

"Sie hat so was an sich, du merkst es nur nicht. So eine Wiener Tradition. Biedermeierzeit. Sieh mal den herrischen Zug in der unteren Gesichtshälfte. Ich würde sie zu gern kennenlernen." (S.28)

Er begleitet sie nach Hause, dabei überragt ihn die große Frau um Kopfeslänge. Sein zweiter Eindruck,

"[v]ermutlich wird sie den ihr Nahestehenden häufig wehtun" (S.31), hat prophetischen Charakter.

Während er sich in Thea verliebt, bemüht sich seine gute Freundin Lotte ihn zu verführen. Doch ohne Erfolg. Gordweil glaubt fest daran, dass sie ihren gemeinsamen Freund, den Rechtsanwalt Dr. Astel irgendwann heiraten wird und erkennt nicht, dass Lotte ihn aus tiefstem Herzen liebt.

Bereits die erste gemeinsame Nacht mit Thea offenbart den zukünftigen Charakter ihrer Beziehung:

"Zieh dich aus, Rudi!", befahl sie mit etwas heiserer Stimme, wobei sie sich selbst die Kleider herunterriss und sie auf einen Stuhl warf. Dan packte sie Gordweil, hob ihn wie ein leichtes Spielzeug vom Boden hoch und legte ihn aufs Bett." (S.55)

Weitere Details werden glücklicherweise ausgespart, wie bei allen Liebesszenen.

Gordweil verfällt Thea von Tako rettungslos und vier Wochen nach ihrem ersten Treffen soll die Heirat stattfinden, dafür tritt Thea sogar zum jüdischen Glauben über. Doch zuvor trifft Gordweil auf einen Zufallsbekannten, den Franzl Heidelberger, der ihn zu sich und seiner Frau Gustl einlädt. Vordergründig scheint Franzl das Sagen in der Ehe zu haben und kommandiert Gustl herum, die jedoch unverhohlen mit Rudolf flirtet und ihn unter den ermunternden Zurufen sogar auf den Mund küsst.
Inzwischen lernen auch Lotte, Dr. Astel und Ulrich Thea kennen und Lotte empfindet sofort tiefe Abneigung gegen die Baronin, die die Herausforderung annimmt.

"Die Baronin lächelte ein kleines, überlegenes Lächeln. Es blitzte die absolute Gewissheit in ihr auf, dass diese Lotte auf Gordweil versessen war, sie selbst aber eindeutig die Oberhand hatte. (...) Na, sehen wir mal, wer die Stärkere ist." (S.74)

Die personale Erzählperspektive beschränkt sich fast ausschließlich auf Rudolf, nur selten erhalten wir einen Einblick in die Gedanken Theas oder Lottes - umso aussagekräftiger erscheinen diese.

Der Hochzeitstag ist für Gordweil "der langweiligste und bedrückendste seines Lebens. Es war ein unbehaglicher, in erstickenden, lästigen Dunst gehüllter Tag." (S.111)

Thea zieht bei Gordweil ein, der sich schließlich doch eine Arbeit in einer Buchhandlung sucht, obwohl er seine Zeit lieber dem Schreiben widmen würde. Von Anfang (Teil II) an kommandiert sie ihn herum, trägt ihn wie ein kleines Kind, nimmt sein Geld und als Leser*in fragt man sich, warum sich Rudolf gegen diese Unterdrückung nicht wehrt. All seine Freunde kennen die Wahrheit, nur er verdrängt sie erfolgreich. In den vielen Träumen des Romans, die darauf schließen lassen, dass Vogel die Schriften Freuds gekannt hat, scheint die schonungslose Wahrheit auf, werden künftige Ereignisse vorausgedeutet und Rudolfs Seelenleben verdeutlicht, der offenkundig ein Lust am Leiden empfindet.

Nach der ersten Ohrfeige Theas rächt sich Rudolf jedoch, indem er das eindeutige Angebot Franzl Heidelbergers Gustl zuhause zu besuchen annimmt.

"Allerlei Kränkungen, die wie Steine in den Tiefen seiner Seele versunken lagen, hatten nun eine Art Vergeltung gefunden. Und es schien, dass auch Theas Herrschaft über ihn irgendwie Schaden genommen hatte. Daraus folgte also, dass er noch nicht völlig verloren war und kein Grund zur Verzweiflung bestand." (S.128)

Verzweifelt scheint Lotte zu sein, die im Verlauf der Handlung zunehmend schwächer wird und die von ihrer Liebe zu Gordweil verzehrt wird.

Währenddessen ist Thea schwanger (Teil III: Drinnen und draußen) und Gordweil glaubt, mit einem Baby werde sich alles ändern. Wir erfahren, dass er bereits als Jugendlicher Gefallen daran gefunden hat, sich selbst zu quälen, indem er sich mit einem Streichholz verbrennt. Die Vermutung, dass Gordweil ein Masochist ist, scheint sich zu bestätigen. Auch Hinweise seiner Freunde, dass seine Frau ihn betrüge, wischt er weg. In einem Selbstgespräch spricht sein Unterbewusstsein die Wahrheit aus, während er dagegen hält. "Drinnen" weiß er um seine Situation, noch nach draußen hin, betrügt er sich selbst, weil er Thea verfallen ist und er an den Quälereien einen "sonderbar, stechenden Genuss, jene perverse Lust am Leiden" empfindet." (S.383)

Schließlich erblickt das Baby (Teil IV) Licht der Welt und es ist Rudolf, der sich um den kleinen Martin kümmert. Thea hingegen scheint keinerlei Muttergefühle zu haben, sie ist eine kalte, herrische Person ohne jegliche Empathie. Sie hat Vergnügen daran, Rudolf zu quälen.

"Interessant, wie viel er wohl schweigend ertragen würde..." (S.243)

Gegenüber Lotte äußert sie: "Ich könnte ihn auch rauswerfen, ich brauche ihn keineswegs. Aber ich werde es nicht tun. Nun gerade nicht. Du kriegst ihn also nicht, Ich werde ihn zu Tode foltern, zu Tode sage ich dir, aus purem Spaß - und trotzdem wird er mich von sich aus nicht verlassen." (S.269)

Ob es ihr gelingt, ihn zu zerstören und ob seine Leidensfähigkeit ein Ende (Teil V) kennt?

Bewertung
Ein psychologisch sehr interessanter Roman, der uns vor Augen führt, wie der Schriftsteller Rudolf Gordweil der sadistischen, starken Thea verfällt, die ein Vergnügen daran findet, ihn zu erniedrigen und zu beherrschen. Er wiederum stellt sich als melancholischer Masochist heraus, der seine Situation verdrängt und heimlich ein Genuss am Leiden empfindet.
Das ist zunächst sehr befremdend und man möchte Rudolf zurufen: "Wehr dich" und "Verlass diese Frau" und wünscht ihm, er möge sich Lotte zuwenden, die ihn wirklich liebt.
Doch es kommt anders und man ahnt es bereits, dass dieser Roman kein gutes Ende nimmt.

In vielerlei Hinsicht hat mich dieser Roman fasziniert.
Es ist ein Psychogramm eines gegensätzlichen Paares, deren Beziehung auf Dominanz und Unterwerfung in umgekehrten Rollen basiert. Hätte Rudolf Thea unterdrückt, hätte ich nicht weitergelesen...Hier ist das Thema gerade, weil die Rollen vertauscht sind, sehr interessant.
Faszinierend sind auch die vielen Träume Rudolfs, die prophetischen Charakter haben und gleichzeitig sein Seelenleben beleuchten. Mehr als einmal haben wir in der Leserunde Traumdeutung betrieben.
Aber auch das Unterbewusstsein, die zweite Stimme Rudolfs, die ihn nachts, wenn er schlaflos auf dem Sofa liegt, heimsucht, offenbart die grausame Wahrheit. Faszinierend, wie es ihm gelingt, sie zu verdrängen, so lange, bis tatsächlich mehr als ein Unglück geschieht. Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen? Wie weit muss die Erniedrigung gehen, damit er sich wehrt? Thea reizt ihre Dominanz aus und ist durchweg negativ gezeichnet, so dass sie nur Antipathien auf sich zieht, während Lotte als positive Gegenfigur konzipiert ist.

Als letzten Punkt will ich die wunderbare Sprache des Romans hervorheben, der einerseits das Wien der 1920er Jahre bildlich vor unseren Augen entstehen lässt

- "Die Gehsteige schwitzten schwarzen Asphaltschweiß. Man brauchte kühles, blondes, weißschäumendes Bier - zu jeder Tageszeit. Die Kleidung wurde schwer, beengte einen wie ein Panzer, und das Hemd klebte an Brust und Rücken." (S.297)

Und andererseits Rudolfs Seelenqualen anschaulich beschreibt:

"Sie war ein Hindernis, eine Barriere, die Quelle allen Übels. Vergeblich versuchte er auch jetzt noch manchmal, gegen derlei Ideen anzukämpfen. Sei gesamtes Innenleben war uaf Anklage und Auflehnung eingestellt. Gleichzeitig wusste er, dass er niemals die seelische Kraft aufbringen werde, sich von ihr zu befreien." (S.413)

Im Nachwort von Maxim Biller erfahren wir, dass der Roman autobiografische Züge hat. Auch David Vogel war mit einer herrschsüchtigen Frau verheiratet, die er trotz allem geliebt hat.
Biller verweist aber auch auf Vogels jüdische Wurzeln auf seine "jüdische Angst" vor der nächsten Katastrophe. Im Roman gibt es eine Szene, in der Gordweil, Lotte und Dr. Astel von einem Wiener wegen ihres jüdischen Aussehen beschimpft werden. Biller spekuliert darüber, ob die "gewalttätige Beziehung, die zwischen Rudolf Gordweil und Thea von Tako herrscht, das ewig kaputte, ewig gestörte Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden widerspiegeln soll" (S.522). Dafür spricht zumindest Theas "germanisches" Aussehen.

Für mich persönlich steht eher der psychologische Aspekt im Vordergrund, die Darstellung einer krank machenden, zerstörerischen Beziehung und die Versuche Gordweils die Situation zu verdrängen, aber auch sein Eingeständnis, dass er aus dem Leiden heraus Lust empfindet.

Ein lesenswerter Roman, der, wenn man ihn gemeinsam liest, für viel Diskussionsstoff sorgt.

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Gustave Flaubert: Madame Bovary

- ein Sittenbild aus der Provinz.

Gastbeitrag von Sabine

Kathedrale Rouen (Quelle: pixabay)
Hörbuch von Audible
gesprochen von Christian Brückner
14 Stunden und 4 Minuten
ungekürztes Hörbuch





Madame Bovary geistert namentlich durch die Gazetten, durch die Literatur und der „Bovarysmus“ ist eine feststehende Größe in Psychologie/Philosophie. Genau dieser Tatsache ist es geschuldet, dass Tina und ich uns an die gemeinsame (Hör-)Lektüre dieses Werkes der klassischen französischen Literatur machten. Erstmals erschienen ist der Roman 1856, der den Untertitel „Sittenbild aus der Provinz“ trägt. Aufgrund seiner neuartigen und für die Zeit überraschend offenherzigen Erzählweise wurde der Autor von Zeitgenossen angegangen, musste sich sogar vor Gericht verantworten.

Worum geht es?
Der Roman setzt in der Kindheit von Charles Bovary ein. Er kommt aus wenig begütertem Hause, ist ein mäßig fleißiger Schüler und wird von seiner Mutter einerseits geliebt, andererseits aber auch stark dominiert. Sie ist es, die ihn zum Medizinstudium drängt, dessen Examen er mit 5 Jahren Verspätung ablegt. Sie zwingt ihn in seine erste Ehe mit einer deutlich älteren und verknöcherten Witwe, von der sie sich einigen Wohlstand erhofft. Diese Verbindung ist für den jungen Mann ein Desaster, da er kontrolliert und bevormundet wird. Kurz nachdem er Emma durch die Behandlung ihres Vaters kennenlernt, verstirbt seine Frau. Er hält um Emmas Hand an, nach Ende der Trauerzeit findet die Hochzeit statt.
Charles strotzt vor romantischen Gefühlen seiner Frau gegenüber, er vergöttert sie und vertraut ihr blind. Emma indes liest mit Vorliebe romantische Romane und möchte aus ihrer Welt ausbrechen. Sie hat sich durch die Heirat einen gesellschaftlichen Aufstieg erhofft, der an der Seite dieses bescheidenen Landarztes ausbleibt, so dass ihre Unzufriedenheit wächst. Als das Paar für ein Wochenende auf das Schloss eines Marquis eingeladen wird und Emma diese völlig neue Lebensart entdeckt, wird ihr die Diskrepanz zu ihrem eigenen Leben überdeutlich, ihre Unzufriedenheit steigt und sie träumt von einem Mann, der sie liebt und “errettet“.
Sie freundet sich mit dem Kanzlisten León an, mit dem sie die Liebe zu Literatur und Musik verbindet. Diese Beziehung bleibt zunächst platonisch. Gefährlicher wird es mit Rodolphe, einem Nachbarn aus niederem Adel: Schnell entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Während er Emma zunächst nur als bequeme, gefahrlose Eroberung sieht, stürzt sie sich kopfüber ins Abenteuer, vernachlässigt ihre mütterlichen Pflichten, kauft teure Geschenke und verschuldet sich zusehends. Höhen und Tiefen prägen die Beziehung. Kurz bevor beide zusammen mit Emmas Tochter Berthe durchbrennen können, kommen Rudolphe Zweifel und er beendet die Verbindung. Emma befällt erneut tiefe Unzufriedenheit, die sie ihrer Umwelt gegenüber völlig unleidlich macht. Charles liebt sie durchgängig hingebungsvoll, pflegt sie, wechselt für sie sogar den Wohnort, und obwohl sie ihn zunehmend ablehnt, ahnt er nichts von ihrem Doppelleben.
Als Leser wird klar, dass dies kein gutes Ende nehmen kann. Rodolphe wird nicht Emmas einziger Liebhaber bleiben. Emma hat eine Spirale in Gang gesetzt, die Armut und Verderben über die Familie bringen wird. Charles nimmt keinen Ratschlag aus seinem Umfeld an. Am Ende landet Tochter Berthe elternlos in einer Baumwollspinnerei. Das ist die bittere Tragik, dass die Höhenflüge der Mutter die Tochter in Armut stürzen, denn sie wird in der Fabrik schuften müssen, während ihre Mutter zu Lebzeiten im Grunde keinerlei Pflichten hatte und dennoch mit ihrem Leben vollkommen unzufrieden war. Ironie des Schicksals?

Bewertung
Zahlreiche interessante Charaktere bevölkern den Roman und machen ihn eben zum Sittenbild aus der Provinz. Vieles erfährt man über das Leben und die Gesellschaft in der französischen Kleinstadt.
Das Hörbuch wird absolut beeindruckend von Christian Brückner gelesen. Seine Stimme machte es zu einem absoluten Hörgenuss. Tina und ich sind überzeugt, dass wir beim normalen Lesen sicher die ein oder andere Länge empfunden hätten, beim Hören blieb uns das erspart.
Vergleicht man Madame Bovary mit Fontanes „Effi Briest“, einem Werk, das immerhin 40 Jahre später erschien, wird man in der Tat feststellen, dass hier in diesem Roman der Ehebruch nicht nur mit vagen Andeutungen, sondern recht deutlich dargestellt wird. Das Paar plant raffiniert seine Treffen, wird immer waghalsiger, geht auch in der Öffentlichkeit recht vertraut miteinander um.
Sympathien hat man nicht mit Emma, zu hausgemacht erscheinen ihre Probleme, sie übernimmt keine Verantwortung für ihr Tun. Vielleicht würde man sie heute als depressiv bezeichnen?
Tina und ich haben einen weiteren Klassiker via Hörbuch kennengelernt und es wird gewiss nicht der letzte bleiben. Wir empfehlen dieses Hörbuch voll und ganz.



Samstag, 22. Juli 2017

Claire Fuller: Eine englische Ehe

- ein Liebesroman (?)

Hörbuch von Audible
gelesen von Heikko Deutschmann, Leslie Malton
9 Stunden 56 Minuten

Inhalt
Gil Coleman, ein bekannter Schriftsteller, steht in einer Buchhandlung und während er im Roman "Wer verändert war und wer gestorben war" blättert und dort einen Brief vom 2.Juli 1992 findet, der an ihn selbst gerichtet ist, sieht er draußen seine Frau Ingrid vorüber gehen. Ingrid, die vor 12 Jahren (1992) spurlos verschwunden ist. Ihre Sachen wurden am Nudistenstrand gefunden, unweit vom Haus, dem Swimming Pavilion, in dem sie mit ihren beiden Kindern, Flora (9) und Nan (15) gewohnt hat. Ingrid liebte es zu schwimmen und war eine hervorragende Schwimmerin.

Während er ihr folgt, lehnt er sich über die Balustrade zur Strandpromenade des kleinen englischen Dorfes und fällt. Aufgrund seiner Verletzung informiert Nan Flora, die inzwischen Kunst studiert und gerade einige Nächte mit Richard verbracht hat.

Kurz entschlossen leiht er ihr sein Auto und sie fährt zum Swimming Pavilion. Von ihrer Schwester Nan erfährt sie, dass ihr Vater sterbenskrank ist und die alten Fragen nach dem Verbleib ihrer Mutter tauchen wieder auf. Das Haus ist zudem in einem chaotischen Zustand. Überall sind Bücher zu Stapeln aufgetürmt. Folge der Leidenschaft Gils, der Bücher sammelt, in die die Leser*innen hineingeschrieben, gemalt oder beschriftete Notizzettel hinterlassen haben.

Schon in der Zeit als Literaturprofessor ist es seine feste Überzeugung, dass Belletristik Leser*innen braucht, findet ein Roman keine, ist er sinnlos. Es ist die eine Seite, was der Autor oder die Autorin mit dem Werk "aussagen" wollte, die andere, wichtigere, was macht der Roman mit den Leser*innen, was löst er aus, welche Gedanken und Gefühle haben sie beim Lesen?

Die Rückkehr in ihr Zuhause und die Tatsache, dass ihr Vater ihre Mutter gesehen hat, wirft bei Flora Fragen an die Vergangenheit auf. Und die Antworten sind so nah - in Briefen, die Ingrid im Sommer 1992 an Gil geschrieben hat. In der Zeit, in der er sie verlassen hatte, um in London zu sein.
Die Briefe sind in seinen Büchern versteckt, die Titel passen jeweils zum Inhalt des Briefes. Wer die Romane oder Sachbücher alle kennt, könnte sicherlich weitere Bezüge entdecken.

Die Briefe, die parallel zur Handlung der Gegenwart eingeschoben werden, decken Ingrids gemeinsame Vergangenheit mit Gil bis zu dem Zeitpunkt ihres Verschwindens auf und erklären, warum sie sich für diesen radikalen Schritt - ihre Kinder zu verlassen, entschieden hat.

Kennen gelernt hat Ingrid Gil Coleman als ihren Literaturprofessor. Die beiden verliebten sich und Gil hat offensiv um die junge, hübsche Frau, die gebürtig aus Norwegen stammt, geworben. Er nimmt sie mit in sein Haus, den Swimming Pavilion, den er von seinen Eltern geerbt hat und zu dem ein Schreibzimmer außerhalb des Hauses gehört - Rückzugsort für den Schriftsteller.

Sowohl Gils Freund Jonathan als auch Ingrids Freundin Louise warnen sie vor der Beziehung. Jonathan deutet an, dass Gil nicht treu sein wird, Louise erinnert sie an ihre Träume, die nicht darin bestehen, Ehefrau und Mutter zu werden. Doch dann wird Ingrid schwanger, Gil muss die Universität verlassen, Ingrid darf ihr Studium nicht zu Ende machen - es ist das Jahr 1976.

Die beiden heiraten und alles scheint gut zu sein, sie sind glücklich in ihrem Haus am Meer, auch wenn sie kein Geld haben. Partys werden gefeiert, bis das Baby - Nan - auf die Welt kommt und Ingrid merkt, dass ihr eine tiefe Bindung zu dem Kind fehlt. Ihr Lebenstraum scheint sich in Luft aufzulösen.

Während sich in der Gegenwart die Beziehung zwischen Flora und Richard, der in das Küstendorf gekommen ist, festigt, und Gil Richard bittet, nach seinem Tod alle Bücher zu verbrennen, reflektieren die Schwestern die Vergangenheit ihrer Eltern. Nan schenkt Flora endlich reinen Wein ein: Gil war ein Frauenheld. Doch das ist nicht der einzige Verrat an Ingrid.

Die Briefe zeigen schonungslos Gils rücksichtsloses Verhalten, aber  auch seine Liebe zu Ingrid, die ihm nichts entgegensetzen kann. Weder kann sie ihn verlassen noch sich mit ihrer Rolle  als Ehefrau und Mutter abzufinden.
Am Ende schließt sich der Kreis zum Beginn des Romans und lässt die Leser*innen mit einigen Fragen zurück.

Bewertung
Der Roman hat mich an "Eine treue Frau" von Jane Gardam erinnert. Die Unfähigkeit ein neues Leben beginnen zu können, an der Ehe festzuhalten, obwohl Gefühle dagegen sprechen.
Nach den letzten Sätzen des Romans habe ich den Anfang wieder gehört und festgestellt, wie gut er komponiert er ist. Die Symbolik der flatternden Plastiktüte, der Roman, in dem der letzte Brief Ingrids zu finden ist  - durchdacht.
Auch der Wechsel zwischen der Handlung der Gegenwart und den Briefen hat mir gut gefallen. Oft wird in der Gegenwart ein Thema angesprochen, wie der "blaue Babyschuh", dessen Bedeutung dann in einem Brief Ingrids erklärt wird. Auch dass die Briefe alle in anderen Büchern versteckt waren und die Titel jeweils zum Inhalt des Briefes gepasst haben, hat mich fasziniert.
Neben dem Aufbau und den intertextuellen Bezügen trägt vor allem die Frage, warum Ingrid verschwunden ist, durch die Handlung. Ihre Briefe - einfühlsam gelesen von Leslie Malton, sind so authentisch, so gefühlvoll formuliert, dass sie Verständnis für Ingrid hervorrufen und man als Leser*in mit ihr leidet und liebt. Sie ist eindeutig, neben Flora und Nan, die Sympathiefigur im Roman. Doch auch Gil erscheint nicht als reine Antipathiefigur - mit seinem Charme und seiner Liebe zu Ingrid, empfindet man trotz seiner Untreue und seines Verrates an Ingrid am Ende Mitleid mit ihm. Hat er aus seinen Fehlern gelernt? Zumindest war er nach Ingrids Verschwinden für die Mädchen da, ob er ein guter Vater war?
Das Ende wirft einige Fragen auf, hier wäre Platz für Notizen im Buch. 😉

Ein lesenswerter Roman, der mit den Reflexionen zu Lebensträumen und -wegen, zur Ehe und Freundschaft bei mir als Leserin Fragen zum eigenen Leben ausgelöst hat.
Laut Gil Coleman also ein guter Roman 😉.