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Donnerstag, 11. Januar 2018

David Vogel: Eine Ehe in Wien

- Psychogramm eines melancholischen Masochisten.

Gebundene Ausgabe, 527 Seiten
Aufbau Verlag, 14. Juni 2017


Im Rahmen einer gemeinsamen Leserunde auf whatchareadin habe ich den Roman mit Gleichgesinnten gelesen. Unzählige Posts haben wir dabei ausgetauscht, uns an Deutungen versucht und über einzelne Textstellen diskutiert. Ein sehr intensiver und aktiver Austausch also, der meine Lese-Zeit bereichert hat.


Vielen Dank an den Aufbau Verlag für das Leseexemplar!


Worum geht es?
Der mittellose Schriftsteller Rudolf Gordweil aus dem Osten lebt in den 20er Jahren in Wien und lernt die Baronin Thea von Tako gemeinsam mit seinem Mitbewohner Ulrich in einem Café kennen.

Sein erster Eindruck:

"Sie hat so was an sich, du merkst es nur nicht. So eine Wiener Tradition. Biedermeierzeit. Sieh mal den herrischen Zug in der unteren Gesichtshälfte. Ich würde sie zu gern kennenlernen." (S.28)

Er begleitet sie nach Hause, dabei überragt ihn die große Frau um Kopfeslänge. Sein zweiter Eindruck,

"[v]ermutlich wird sie den ihr Nahestehenden häufig wehtun" (S.31), hat prophetischen Charakter.

Während er sich in Thea verliebt, bemüht sich seine gute Freundin Lotte ihn zu verführen. Doch ohne Erfolg. Gordweil glaubt fest daran, dass sie ihren gemeinsamen Freund, den Rechtsanwalt Dr. Astel irgendwann heiraten wird und erkennt nicht, dass Lotte ihn aus tiefstem Herzen liebt.

Bereits die erste gemeinsame Nacht mit Thea offenbart den zukünftigen Charakter ihrer Beziehung:

"Zieh dich aus, Rudi!", befahl sie mit etwas heiserer Stimme, wobei sie sich selbst die Kleider herunterriss und sie auf einen Stuhl warf. Dan packte sie Gordweil, hob ihn wie ein leichtes Spielzeug vom Boden hoch und legte ihn aufs Bett." (S.55)

Weitere Details werden glücklicherweise ausgespart, wie bei allen Liebesszenen.

Gordweil verfällt Thea von Tako rettungslos und vier Wochen nach ihrem ersten Treffen soll die Heirat stattfinden, dafür tritt Thea sogar zum jüdischen Glauben über. Doch zuvor trifft Gordweil auf einen Zufallsbekannten, den Franzl Heidelberger, der ihn zu sich und seiner Frau Gustl einlädt. Vordergründig scheint Franzl das Sagen in der Ehe zu haben und kommandiert Gustl herum, die jedoch unverhohlen mit Rudolf flirtet und ihn unter den ermunternden Zurufen sogar auf den Mund küsst.
Inzwischen lernen auch Lotte, Dr. Astel und Ulrich Thea kennen und Lotte empfindet sofort tiefe Abneigung gegen die Baronin, die die Herausforderung annimmt.

"Die Baronin lächelte ein kleines, überlegenes Lächeln. Es blitzte die absolute Gewissheit in ihr auf, dass diese Lotte auf Gordweil versessen war, sie selbst aber eindeutig die Oberhand hatte. (...) Na, sehen wir mal, wer die Stärkere ist." (S.74)

Die personale Erzählperspektive beschränkt sich fast ausschließlich auf Rudolf, nur selten erhalten wir einen Einblick in die Gedanken Theas oder Lottes - umso aussagekräftiger erscheinen diese.

Der Hochzeitstag ist für Gordweil "der langweiligste und bedrückendste seines Lebens. Es war ein unbehaglicher, in erstickenden, lästigen Dunst gehüllter Tag." (S.111)

Thea zieht bei Gordweil ein, der sich schließlich doch eine Arbeit in einer Buchhandlung sucht, obwohl er seine Zeit lieber dem Schreiben widmen würde. Von Anfang (Teil II) an kommandiert sie ihn herum, trägt ihn wie ein kleines Kind, nimmt sein Geld und als Leser*in fragt man sich, warum sich Rudolf gegen diese Unterdrückung nicht wehrt. All seine Freunde kennen die Wahrheit, nur er verdrängt sie erfolgreich. In den vielen Träumen des Romans, die darauf schließen lassen, dass Vogel die Schriften Freuds gekannt hat, scheint die schonungslose Wahrheit auf, werden künftige Ereignisse vorausgedeutet und Rudolfs Seelenleben verdeutlicht, der offenkundig ein Lust am Leiden empfindet.

Nach der ersten Ohrfeige Theas rächt sich Rudolf jedoch, indem er das eindeutige Angebot Franzl Heidelbergers Gustl zuhause zu besuchen annimmt.

"Allerlei Kränkungen, die wie Steine in den Tiefen seiner Seele versunken lagen, hatten nun eine Art Vergeltung gefunden. Und es schien, dass auch Theas Herrschaft über ihn irgendwie Schaden genommen hatte. Daraus folgte also, dass er noch nicht völlig verloren war und kein Grund zur Verzweiflung bestand." (S.128)

Verzweifelt scheint Lotte zu sein, die im Verlauf der Handlung zunehmend schwächer wird und die von ihrer Liebe zu Gordweil verzehrt wird.

Währenddessen ist Thea schwanger (Teil III: Drinnen und draußen) und Gordweil glaubt, mit einem Baby werde sich alles ändern. Wir erfahren, dass er bereits als Jugendlicher Gefallen daran gefunden hat, sich selbst zu quälen, indem er sich mit einem Streichholz verbrennt. Die Vermutung, dass Gordweil ein Masochist ist, scheint sich zu bestätigen. Auch Hinweise seiner Freunde, dass seine Frau ihn betrüge, wischt er weg. In einem Selbstgespräch spricht sein Unterbewusstsein die Wahrheit aus, während er dagegen hält. "Drinnen" weiß er um seine Situation, noch nach draußen hin, betrügt er sich selbst, weil er Thea verfallen ist und er an den Quälereien einen "sonderbar, stechenden Genuss, jene perverse Lust am Leiden" empfindet." (S.383)

Schließlich erblickt das Baby (Teil IV) Licht der Welt und es ist Rudolf, der sich um den kleinen Martin kümmert. Thea hingegen scheint keinerlei Muttergefühle zu haben, sie ist eine kalte, herrische Person ohne jegliche Empathie. Sie hat Vergnügen daran, Rudolf zu quälen.

"Interessant, wie viel er wohl schweigend ertragen würde..." (S.243)

Gegenüber Lotte äußert sie: "Ich könnte ihn auch rauswerfen, ich brauche ihn keineswegs. Aber ich werde es nicht tun. Nun gerade nicht. Du kriegst ihn also nicht, Ich werde ihn zu Tode foltern, zu Tode sage ich dir, aus purem Spaß - und trotzdem wird er mich von sich aus nicht verlassen." (S.269)

Ob es ihr gelingt, ihn zu zerstören und ob seine Leidensfähigkeit ein Ende (Teil V) kennt?

Bewertung
Ein psychologisch sehr interessanter Roman, der uns vor Augen führt, wie der Schriftsteller Rudolf Gordweil der sadistischen, starken Thea verfällt, die ein Vergnügen daran findet, ihn zu erniedrigen und zu beherrschen. Er wiederum stellt sich als melancholischer Masochist heraus, der seine Situation verdrängt und heimlich ein Genuss am Leiden empfindet.
Das ist zunächst sehr befremdend und man möchte Rudolf zurufen: "Wehr dich" und "Verlass diese Frau" und wünscht ihm, er möge sich Lotte zuwenden, die ihn wirklich liebt.
Doch es kommt anders und man ahnt es bereits, dass dieser Roman kein gutes Ende nimmt.

In vielerlei Hinsicht hat mich dieser Roman fasziniert.
Es ist ein Psychogramm eines gegensätzlichen Paares, deren Beziehung auf Dominanz und Unterwerfung in umgekehrten Rollen basiert. Hätte Rudolf Thea unterdrückt, hätte ich nicht weitergelesen...Hier ist das Thema gerade, weil die Rollen vertauscht sind, sehr interessant.
Faszinierend sind auch die vielen Träume Rudolfs, die prophetischen Charakter haben und gleichzeitig sein Seelenleben beleuchten. Mehr als einmal haben wir in der Leserunde Traumdeutung betrieben.
Aber auch das Unterbewusstsein, die zweite Stimme Rudolfs, die ihn nachts, wenn er schlaflos auf dem Sofa liegt, heimsucht, offenbart die grausame Wahrheit. Faszinierend, wie es ihm gelingt, sie zu verdrängen, so lange, bis tatsächlich mehr als ein Unglück geschieht. Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen? Wie weit muss die Erniedrigung gehen, damit er sich wehrt? Thea reizt ihre Dominanz aus und ist durchweg negativ gezeichnet, so dass sie nur Antipathien auf sich zieht, während Lotte als positive Gegenfigur konzipiert ist.

Als letzten Punkt will ich die wunderbare Sprache des Romans hervorheben, der einerseits das Wien der 1920er Jahre bildlich vor unseren Augen entstehen lässt

- "Die Gehsteige schwitzten schwarzen Asphaltschweiß. Man brauchte kühles, blondes, weißschäumendes Bier - zu jeder Tageszeit. Die Kleidung wurde schwer, beengte einen wie ein Panzer, und das Hemd klebte an Brust und Rücken." (S.297)

Und andererseits Rudolfs Seelenqualen anschaulich beschreibt:

"Sie war ein Hindernis, eine Barriere, die Quelle allen Übels. Vergeblich versuchte er auch jetzt noch manchmal, gegen derlei Ideen anzukämpfen. Sei gesamtes Innenleben war uaf Anklage und Auflehnung eingestellt. Gleichzeitig wusste er, dass er niemals die seelische Kraft aufbringen werde, sich von ihr zu befreien." (S.413)

Im Nachwort von Maxim Biller erfahren wir, dass der Roman autobiografische Züge hat. Auch David Vogel war mit einer herrschsüchtigen Frau verheiratet, die er trotz allem geliebt hat.
Biller verweist aber auch auf Vogels jüdische Wurzeln auf seine "jüdische Angst" vor der nächsten Katastrophe. Im Roman gibt es eine Szene, in der Gordweil, Lotte und Dr. Astel von einem Wiener wegen ihres jüdischen Aussehen beschimpft werden. Biller spekuliert darüber, ob die "gewalttätige Beziehung, die zwischen Rudolf Gordweil und Thea von Tako herrscht, das ewig kaputte, ewig gestörte Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden widerspiegeln soll" (S.522). Dafür spricht zumindest Theas "germanisches" Aussehen.

Für mich persönlich steht eher der psychologische Aspekt im Vordergrund, die Darstellung einer krank machenden, zerstörerischen Beziehung und die Versuche Gordweils die Situation zu verdrängen, aber auch sein Eingeständnis, dass er aus dem Leiden heraus Lust empfindet.

Ein lesenswerter Roman, der, wenn man ihn gemeinsam liest, für viel Diskussionsstoff sorgt.

Dienstag, 24. Januar 2017

John Fante: 1933 war ein schlimmes Jahr

Ich habe einen Traum...


Gebundene Ausgabe, 142 Seiten
mit einem Nachwort von Alex Capus
Aufbau Verlag, 14.November 2016

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde auf Whatchareadin gelesen und bedanke mich beim Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.



Inhalt
Dominic Molise ist 17 Jahre alt, wohnt in Roper in Colorado, am Fuß der Rocky Mountains und ist der Sohn eines im Winter arbeitslosen Maurers, dessen Eltern aus Italien nach Amerika ausgewandert sind, weil sie sich dort ein besseres Leben erhofft haben. Sein Vater spielt Billard, um die 6-köpfige Familie über Wasser zu halten, seine Mutter betet Tag und Nacht und seine Großmutter weigert sich, die englische Sprache zu lernen und bedauert Italien verlassen zu haben.
Doch Dominic hat einen Traum: Er möchte Baseballstar werden, da sein "Arm, mein gesegneter, heiliger, mir von Gott gegebener Arm" (S.7) verdammt gut werfen kann.

Der Roman beginnt mit einer kritischen Selbstreflexion Dominics, einem inneren Monolog:

"Ich hatte Säbelbeine und drehte die Füße beim Gehen nach innen. Meine Ohren standen ab wie die von Pinocchio, meine Zähne waren schif, und mein Gesicht gesprenkelt wie ein Vogelei." (S.5)

Er stellt Fragen an Gott, warum er geboren sei? Was das alles soll? Er beginnt zu zweifeln, um dann festzustellen, dass er geboren sei, um ein linkshändiger Pitcher zu sein und Glaubensfragen auf später verschoben werden müssten.

"Ich beschleunigte meine Schritte, um vor meinen Gedanken zu fliehen, aber sie blieben mir auf den Fersen. Ich fing an zu rennen, so dass meine gefrorenen Schuhe quiekten wie Mäuse. Es halft nichts, die Gedanken verfolgten mich weiter. Aber dann übernahm, während ich so dahinlief, mein Arm, mein wunderbarer Arm die Kontrolle über die Situation..." (S.11).

Trotzdem denkt er an seinen möglichen Tod und voller Selbstzweifel bleibt sein einziger Wunsch, Zeit genug zu haben, ein Baseballstar zu sein.
Allerdings ist es ein weiter Weg dorthin. Er lebt in ärmlichen Verhältnissen, seine Grandma stellt ihm nachts, während er seine Hausaufgaben für seine katholische Highschool macht, kurzerhand das Licht aus. Sie ist eine unzufriedene Frau, die keinen Frieden in diesem für sie fremden Land findet.

"Grandma feuerte ihre Verwünschungen wie Schrot ab. Ich war ein Schakal, eine Ratte,  eine Schlange, ein Monster, das aus dem Bauch meiner Mutter gekrochen war. (...) Ich kannte ihre Qualen, und sie tat mir leid. Sie war allein, entwurzelt in einem fremden Land. Sie hatte nicht nach Amerkika kommen wollen, mein Großvater hatte sie gezwungen. Auch in den Abbruzzen waren sie arm gewesen, aber es war eine süßerer Armut gewesen;" (S.17)

Seine Mutter - vor der Zeit gealtert - grämt sich, dass sein Vater sich in einer zwielichtigen Bar herumtreibt und mit Lippenstift im Gesicht nach Hause kommt, trotzdem nimmt sie ihr Schicksal an:

"Ich mache deinem Vater längst keine Vorwürfe mehr, ich bin selbst an allem schuld. Wenn du die Lügen eines Mannes hinnimmst, machst du dich mitschuldig. Dann bist du ein Lügner wie er." (S.73)

Für Dominic hat der Vater bereits eigenen Pläne:

"Er versuchte seit Jahren, mich fürs Maurerhandwerk zu gewinnen." (S.28)

Außerdem hat die Familie überall Schulden, der Vater setzt auf Dominics Arbeitskraft, so dass dieser vor einem Dilemma steht, da sein Herz für den Baseball schlägt.

"Wir waren alle Träumer, ein Haus voller Träumer. Grandma träumte von ihrer Heimat in den fernen Abruzzen. Mein Vater träumte davon, schuldenfrei mit seinem Sohn ein Maurergeschäft zu betreiben. Meine Mutter träumte von ihrer himmlischen Belohnung in Gestalt eines frohgemuten Ehemanns, der nicht davonlief.(...) Ich schloss meine Augen und lauschte den Traumen, die durchs Haus summten." (S.37)

Fante weiß, wie es im Nachwort von Alex Capus heißt, wovon er schreibt. Er selbst ist ähnlichen Verhältnissen wie sein Held aufgewachsen.

"Der Kosmos, in dem sie (seine Romane) sich bewegen, bleibt immer scharf umrissen und eng begrenzt. Im Zentrum stehen stets ein dominanter Vater, der freiheitsdurstige Sohn und der Heilige Geist in Gestalt der römisch-katholischen Kirche. Es geht um das Unterlegenheitsgefühl des italienischen Einwanderers..." (S.137)

Auch Dominic muss schmerzhaft erfahren, dass er von der betuchten Gesellschaft ausgeschlossen wird. Sein bester Freund Ken kommt aus einer reichen Familie, sein Vater ist Inhaber einer Eisenwarenhandlung , lehnt wie seine Frau jedoch den Freund seines Sohnes ab. Auch Kens blonde, schöne Schwester Dorothy bleibt ein unerreichbarer Traum - ein Annäherungsversuch scheitert kläglich.
Selbst Ken nennt ihn manchmal "Spaghetti", wogegen sich Dominic vehement wehrt und dieser sich entschuldigt. Nichtsdestotrotz bleibt eben jenes Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem gesellschaftlich und finanziell besser gestelltem Freund zurück.

"Wie ein Geist schlich ich im Schneegestöber nach Hause, den Kopf gesenkt und den Blick niedergeschlagen, meine Schuld und Wertlosigkeit tief in mir verschlossen." (S.67)

Dominic will diesem Gefühl entfliehen, will nach Californien zu den Chicago Cubs, um dort "vorzuspielen". Er bemüht sich seinen Vater davon zu überzeugen, ihm das nötige Geld und die Erlaubnis zu geben und lässt er sich fast zu einer Verzweiflungstat hinreißen...

Bewertung
John Fante gelingt es die Selbstzweifel, Gedankenspiele und Träume des pubertierenden Heranwachsenden greifbar zu machen - auch wenn man selbst mit Baseball und den vielen Namen der Spieler nichts anfangen kann. Der Wunsch aus dem finanziellen Elend, der familiären Enge zu entkommen und gleichzeitig das Bedürfnis, die Familie nicht zu enttäuschen, ihnen etwas zurückgeben zu wollen glaubt man diesem Jungen, der so viel Freiheitsdrang in sich spürt, so viel Leidenschaft hat, aber auch Zweifel, ob er seinen Traum wird leben können. Die Frage muss man sich selbst beantworten, denn das Ende bleibt offen...
Der Roman zeigt aber auch das Dilemma der italienischen Einwanderer Fremde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bleiben, wie Dominics Mutter:

"Sie war in Chicago geboren, aber italienischer Herkunft und eigentlich eine Bäuerin wie Grandma Bettina. Auch sie trug das Mal von Einsamkeit und und unaussprechlicher Fremdheit auf der Stirn. Sie war keine echte Italienerin, aber noch viel weniger Amerikanerin, zutiefst verunsichert und überall fehl am Platz." (S.18)

Selbst Dominic, der in Amerika geboren ist, haftet das Klischee des "Spaghetti" an. Auch die Italiener untereinander sind von ihren gegenseitigen Vorurteilen geprägt.

"Nach Grandma Bettinas Ansicht waren die Leute aus Potenza gleich nach den Amerikanern die lächerlichsten Leute der Welt. Nicht, dass Grandma jemals selber in Potenza gewesen wäre und den Ort mit eigenen Augen gesehen hätte, aber sie hatte ihr ganzes Leben wilde Geschichte über die Potenzesi gehört." (S.18)

Neben den Einblicken in die Gedanken des jungen Dominic mit seinen Träumen überzeugt der Roman durch seine sensible, aber auch kraftvolle Sprache mit teilweise sehr ungewöhnlichen Vergleichen.
So bemerkt Dominic, als Dorothy auf einer Leiter über ihm steht, um ihm etwas vom Regal des Eisenwarenladens ihres Vaters zu holen, dass sie keine Unterwäsche trägt.

"Ihr Hintern glich zwei runden, goldenen Brotlaiben, dazwischen befand sich eine atemberaubende Spalte mit einem Haarbüschel wie Messingspäne. Mein ganzes Leben lang hatte ich über die deprimierende Reizlosigkeit dieses Ortes nachgedacht. Ich hatte ihn unter den Röcken meiner Mutter und meiner Tanten gesehen, bestürzend unschön wie ein Mäusenest, trostlos graubraun wie der Inhalt eines Staubsaugerbeutels, ebenso unanständig wie unumgänglich, eine herbe Herausforderung, der sich jeder Mann früher oder später stellen musste." (S.50)

Das sind wirklich seltsame Vergleiche ;)

Ein aufrichtiger, leidenschaftlicher Roman -wie Alex Capus im Nachwort feststellt - mit einem großspurigen, aber herzlichen und verständnisvollen Helden, der fest in seinem Kosmos verankert ist und dem man wünscht, dass seine Träume in Erfüllung gehen.


Sonntag, 11. Dezember 2016

Philipp Winkler: Hool

- eine aufschlussreiche Milieustudie und ein beeindruckender Debütroman.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 310 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen am: 19.September 2016
ISBN-13: 978-3351036454

Vielen Dank an den Aufbau Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar im Rahmen der Leserunde auf Whatchareadin zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt
Heiko ist ein Hooligan, der unter der Führung seines Onkels Axel und gemeinsam mit seinen Jugendfreunden zu Matches fährt, um sich mit anderen Gruppen zu schlagen. Ziel ist es, dass möglichst viele der eigenen "Mannschaft" oben bleiben, wer am Boden liegt, hat verloren. Nachgetreten wird nicht, selbst unter den Hooligans scheint es so etwas wie einen Ehrenkodex zu geben. Verbindendes Element zwischen den Hooligans ist die Zugehörigkeit zu einem Fußballclub - Heiko gehört zu Hannover 96. Zuerst Stadion, wo jeder nach einer hierarchischen Ordnung einen Platz hat, dann Kämpfe, obwohl diese auch ohne entsprechende Fußballspiele abgemacht werden.

Wie gerät man in dieses Milieu? Heikos Mutter hat die Familie verlassen und seine ältere Schwester Manuela, ihn und ihren arbeitsunfähigen Mann Hans zurückgelassen, um eine neues Leben zu beginnen. Ein Verlust, der tief sitzt, über den Heiko aber nicht sprechen will.
In den regelmäßigen Rückblenden fächert sich allmählich Heikos Vergangenheit auf. Ist man zu Beginn noch angewidert von seiner Lust an der Gewalt und seiner derben Sprache, so empfindet man allmählich Verständnis für den Ich-Erzähler.
Heiko hat es wirklich nicht leicht gehabt: Der Verlust der Mutter, die Alkoholsucht seines Vaters, der ihn wohl auch geschlagen hat, die neue "Mutter" Mie, die Hans von einer Urlaubsreise aus Thailand "mitgebracht" hat und die ein Schattendasein im Haus fristet. Seine Freundin Yvonne, die er sehr mag, hat ihn wegen ihrer Drogenprobleme verlassen. Nur seine Schwester hat scheinbar den Absprung geschafft und versucht sich als Lehrerin mit Mann und Kind eine bürgerliche Existenz aufzubauen, auch wenn ihre Vergangenheit sie sehr belastet:

">Heiko. Ich hasse Mama dafür. Ich hasse sie dafür, dass sie einfach abgehauen ist. Ich hasse sie dafür, dass wir ihr so egal sind.< Ich wollte ihr sagen, dass es mir ähnlich geht. Dass das keine Familie ist. Und auch nie eine war. Jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte, war sie das nicht. Ich wollte Manuela sagen, dass sie meine Schwester ist. Ich meine; natürlich ist sie das. Aber eigentlich wollte ich damit noch etwas anderes sagen. Statt all dem und noch mehr, was ich vielleicht hätte sagen können, sagte ich aber gar nichts. Denn ich bekam die Schnauze mal wieder nicht auf." (S.54)

So muss sich Heiko eine Ersatzfamilie suchen. Er lebt bei Arnim, der wegen Mord im Gefängnis war und Kampfhunde sowie einen Geier hält und in einem heruntergekommenen Haus im Außenbereich der Stadt lebt. Mit den Tierkämpfen verdient er sein Geld, was Heiko anwidert. Gegenüber Tieren erlaubt er sich Fürsorglichkeit, auch wenn er die Tauben füttert, während sein Vater in der Reha-Klinik ist.
Sein Geld verdient Heiko im Wotan Boxing Gym, der seinem Onkel Axel gehört.

"Die Klientel besteht hauptsächlich aus mindererfolgreichen Kampfsportlern, Atzen aus dem Security-Bereich und Bikern. Und leider auch so einigem an rechtem Gesuchs. Muss man sich natürlich auch nicht wundern, wenn man sein Gym nach einem germanischen Gott benennt. Wenn ich das Sagen hätte, dann würde hier keiner von den Glatzen reinkommen. Nur hab ich hier so gut wie gar nichts zu melden, so als Mädchen für alles." (S.35)

Neben seinem Onkel bilden vor allem seine Freunde Kai, Ulf und Jojo seinen Rückhalt. Kai scheint aus gut situiertem Haus zu stammen und studiert, was ihn nicht davon abhält, zu trinken und koksen und sich zu schlagen. Ulf ist ein Bär von einem Mann, verheiratet und hat einen Sohn, während Jojo einen Job als Fußballtrainer hat.
Ursprünglich gehörte auch Jojos Bruder Joel zum Freundeskreis hinzu, doch ein tragisches Ereignis hat dem Fußballtalent ein Ende gesetzt, wie aus einem Rückblick ersichtlich wird.
Die Szene, als alle zum Todestag Joels Grab besuchen, zeigt, dass sie hinter der harten Fassade ihre Gefühle verbergen und Heiko durchaus sensibel ist.

"Ich wage den Blick zu Jojo neben mir. Er ist vollkommen still. Macht keinen Mucks. Aber sein Oberkörper ruckelt in zarten Stößen. Als hätte er Schluckauf. Ich sehe in sein Gesicht. Er hat die Augen zugekniffen. Seine Lippen sind in den Mund gerollt. Ich ertrag das nicht, also lasse ich ihm den Moment mit seinem kleinen Bruder." (S.61)

Im weiteren Verlauf der Handlung wird die Freundschaft der Kumpels auf die Probe gestellt, so ist Ulf der Erste, der die "Firma" wegen seiner Familie verlassen will. Dafür hat Heiko überhaupt kein Verständnis. Jojo hat seinen Trainerjob, den er sehr ernst nimmt, und Kai gerät in einen Hinterhalt, dessen Folgen ihn dazu veranlassen, neue Wege zu gehen. Heiko fühlt sich im Stich gelassen und seine Einsamkeit münzt er in Rache um - Rache für Kai, damit will er alles wieder gut machen...

Bewertung 
Der Roman bietet einen Einblick in eine - für mich - völlig fremde Welt der Hooligans, der fanatischen Fußballfans und damit verbunden in die Freude am Zuschlagen.
Heiko sucht bei Axel, nachdem seine Familie ihm keinen Halt geben kann, Selbstbestätigung. In den Kämpfen kann er seinen Aggressionen freien Lauf lassen, sie geben seinem Leben einen Sinn und strukturieren es gewissermaßen. Der Lebensbereich bleibt begrenzt und überschaubar - die Arbeit im Gym, die Fußballspiele, das Abhängen mit den Freunden, die Kämpfe.
Als sein Vater in die Reha muss und er sich um die Tauben kümmert, gerät sein Leben allmählich aus den Fugen. Erinnerungen werden wachgerufen und die Vergangenheit holt ihn ein. Als dann ein Freund nach dem anderen die "Firma" verlässt, verliert Heiko gewissermaßen seine Familie - sogar sein Onkel verrät ihn und nutzt ihn offenkundig nur aus.

Ohne diese Leserunde hätte ich sicherlich nicht nach dem Roman gegriffen, kühles Cover und eine Thematik, die mich eigentlich nicht interessiert - dachte ich, auch noch als er auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises auftauchte.
Ich habe mich geirrt - trotz der abschreckenden Ausdrucksweise des Ich-Erzähler, die von Fäkalausdrücken durchzogen ist, gibt es ganz ungewöhnliche Bilder, die überraschen:

"Und ihre kleinen Glubscher, diese blaue Augen. Sehen aus wie Eiswürfel, in denen eine Fliege eingefroren wurde. (...) Ihr Lachen klang wie so ein Windspiel, oder wie die Dinger heißen. Wie ein Sommerregen, der auf mein entblößtes Hirn rieselt, mich beruhigt und mir das Gefühl gibt, das ganze Drecksleben wär doch irgendwie erträglich. Solange ich diesem Lachen zuhören könnte." (S.119)

Trotz der verherrlichten Gewalt und der abstoßenden Lebensweise Heikos gelingt es dem Autor tatsächlich, dass man für den Protagonisten immer mehr Sympathie empfindet. Dazu tragen die Rückblenden maßgeblich bei, die einen immer tieferen Blick in Heikos Vergangenheit werfen, bis hin zu seiner Zeit als Junge, als er das erste Fußballspiel gemeinsam mit seinem Vater und Onkel Axel besucht hat - quasi die Keimzelle seiner zukünftigen Existenz.
Obwohl diese Rückblenden Ereignisse und Handlungen erklären, bleiben auch Fragen offen.
Warum hat die Mutter die Familie verlassen? Warum hat sich Heiko so an seinen Onkel gehängt? Wie ist Kai in dieses Milieu hineingeraten - Zeitvertreib? Was ist aus Arnim geworden - Tigerfraß?
Auch das Ende (das mir sehr gut gefallen hat) lässt Raum für  Spekulationen, nur soviel - jetzt hat Heiko einen Gefährten, um den er sich kümmern muss, der ihn gewählt hat. Ein guter Anfang.

Ein beeindruckender Roman, der neugierig auf diesen jungen Autor und seine weiteren Werke macht.

Donnerstag, 29. September 2016

Anja Gmeyner: Manja. Ein Roman um fünf Kinder

- ein berührende Geschichte über die Freundschaft von fünf Kindern über soziale und kulturelle Grenzen hinweg.

Hörbuch, Länge 14 Stunden und 32 Minuten
gelesen von Iris Berben
Der Roman ist erstmals 1938 in Amsterdam erschienen und im Aufbau Verlag neu aufgelegt.


Prolog - das Ende (1934)
Vier Kinder warten auf Manja - Karl, Franz, Heini und Harry. Sie sitzen auf einer Mauer, ihrem geheimen Treffpunkt und warten auf ihre Freundin, die sie alle verbindet und die den Kern ihrer seltsamen Gemeinschaft bildet. Ohne Manja ist ihre Freundschaft zerbrechlich und wird die schwierige Zeit nicht überdauern.

Inhalt
Im ersten Teil wird zunächst erzählt, unter welchen Umständen die fünf Kinder gezeugt werden - alle in der gleichen Nacht im Jahre 1922 - und wer ihre Eltern sind.

Heini Heidemanns Vater Ernst Heidemann ist ein Kriegsheimkehrer und Arzt, der auf dem Schlachtfeld einen Lungenschuss erlitten hat. Fast möchte er aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit seine Geliebte Hanna Heidemann verlassen, die darüber tief unglücklich ist. Doch auf dem Weg zum Bahnhof kehrt er um, und die beiden feiern eine glückliche Vereinigung. Ihre liebevolle Zuneigung überdauert die Zeit und Heini wächst in einem humanistischen Elternhaus auf, sich der Liebe der Eltern gewiss. Als Ernst im Krankenhaus aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung einen Zusammenbruch erleidet, bittet Hanna den reichen Bankier Hartung um Geld für den Aufenthalt in einem Luftkurort. Hartung gerührt von solch einer Liebe gewährt ihr eine großzügige Summe. Im Gegenzug verlangt er allerdings, dass Hanna nach der Genesung ihres Mannes Heini zu seinem Sohn Harry mitbringt, so lernen sich die beiden Jungen kennen.

Harry Hartung ist ein zartes Kind, dessen Mutter Hilde ihrer Aufgabe nur unzureichend nachkommen kann. Sie liebt ihren geschäftstüchtigen Ehemann, den Kommerzienrat Max Hartung nicht, hat regelrecht Angst vor ihm, genau wie Harry, der keine Beziehung zu seinem strengen Vater aufbauen kann. Hartung ist ein assimilierter Jude, der im Namen der nationalen Sache illegal mit Waffen handelt und gut dabei verdient . So gut, dass er das Anwesen Bucheneck des mittellosen Adligen Adrian erwirbt, in den sich wiederum seine Frau verliebt. Hartungs Portier in der Bank ist der faschistische Meißner, mit dessen Sohn Franz sich Harry anfreundet.

Franz Meißners Zeugung offenbart das ganze Elend einer unglücklichen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie, in der Frieda Meißner ebenfalls Angst vor ihrem zornigen Ehemann Anton hat. So hält sie in dieser einen Nacht still und wehrt die Annäherungsversuche ihres Mannes nicht ab, obwohl sie es gerne würde. Meißner, der seine vorherige Stellung verloren hat, hasst seine Portierstätigkeit beim reichen "Juden" und verachtet die Roten. Nichtsdestotrotz freundet sich sein Sohn mit dem Klassenkameraden Karl an, dessen Vater ein Kommunist ist.

Karl Müller stammt genau wie Franz aus ärmlichen Verhältnissen, aufgrund seiner kommunistischen Einstellung ist sein Vater Eduard ständig arbeitslos und seine Mutter verdingt sich als Wäscherin. Doch im Gegensatz zu den Meißners herrscht ein liebevoller Umgang in der Familie. Anna Müller ist im Gegensatz zu Frieda eine zupackende, warmherzige Frau, die ihrem Mann zur Seite steht und sich im Krankenhaus der kleinen Manja annimmt, da deren Mutter zu wenig Milch hat.

Manja wird gezeugt von zwei Menschen, die sich in einer verzweifelten Nacht aneinander klammern. Doch während die Ostjüdin Lea, Manjas Mutter, am Leben bleibt, erschießt sich Manjas Vater, da er den Bildern des Krieges nicht entkommen kann. In ihrer Verzweiflung heiratet Manjas Mutter den polnischen und jüdischen Kaufmann Leo Meirowitz, der schon lange um ihre Hand anhält. Gemeinsam ziehen sie nach Berlin. Als Leo, der ahnt, dass Manja nicht seine Tochter ist, Gewissheit erhält, verlässt er Lea mit ihren drei Kindern, die daraufhin in das gleiche Haus zieht, in dem auch die Müllers leben. Aber Lea hat nichts von Annas zupackender Art, so muss Manja mit für ihre Mutter und ihre Geschwister sorgen.

Manja lernt Karl beim Einzug kennen und über ihn auch die anderen drei Jungen. Fortan treffen sie sich immer mittwochs und samstags an der Mauer und verbringen gemeinsam unbeschwerte Stunden der Kindheit. Nur an diesem Ort können sie unabhängig von ihrem sozialen und politischen Umfeld, Freunde sein, füreinander da sein und ihre Träume ausleben.

Doch ihre gemeinsame Zeit erfährt eine Bedrohung durch den aufkommenden Nationalsozialismus, der die Lebensbedingungen der Kinder und deren Familien grundlegend verändert. Während Kommerzienrat Hartung sich Anfeindungen und Schikanen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ausgesetzt sieht, ist diese für den Faschisten Anton Meißner das Sprungbrett für den Aufstieg aus seinem bisherigen sozialen Milieu. Nun kann er sich ein Dienstmädchen leisten und eifrig sammelt er Material gegen Hartung und Heidemann, der ihm mit seiner humanistischen Haltung ein Dorn im Auge ist. Karls Vater hingegen wird als Kommunist verhaftet, während Manja als Ostjüdin ebenfalls den Schmähungen ausgesetzt ist. Die Freundschaft der Kinder wird auf eine harte Probe gestellt. Plötzlich stehen sie auf verschiedenen Seiten, Franz, der im Jungvolk ist, der Viertel-Jude Harry, Karl und Heini, die Manja beide heiraten möchten, sie alle werden noch von ihr zusammen gehalten. Aber wie lange können die Kinder die sozialen und politischen Umstände ausblenden?
Die Lage eskaliert, als ein Schulkamerad von Franz und Karl, Martin mit zum geheimen Treffpunkt der Freunde will. Er ist von Manja angetan, doch sie weist ihn zurück. Etwas, dass Martin nicht ertragen kann und so startet er einen erneuten Anlauf und passt Manja eines Abends ab - mit fatalen Folgen für das junge Mädchen und die Freundschaft der Kinder.

Bewertung
Obwohl es so viele Romane gegen das Vergessen gibt, auch aus der Anfangszeit des Nationalsozialismus, bietet dieser einen tiefen Einblick in das Alltagsleben ganz unterschiedlicher Familien, die den Kommunismus und den Faschismus, aber auch eine humanistische, pazifistische Einstellung repräsentieren. Obwohl die Familien und deren einzelnen Mitglieder so verschieden sind: arm und reich, gebildet und sozial benachteiligt, naiv und weltgewandt, überwinden die fünf Kinder in ihrer Unschuld all diese Gegensätze und knüpfen unbeeindruckt von den Erwachsenen ihr Band der Freundschaft. Bis diese Unschuld angegriffen wird und auch sie in dieser unmenschlichen Zeit kapitulieren muss.

Anja Gmeyner gelingt ein sensibel gezeichnetes Bild der Kinder, ihrer Familien und der tiefgreifenden Veränderungen, die sich aufgrund der politischen Verhältnisse und des staatliche verordneten Antisemitismus ergeben.
Dabei bedient sie sich einer bilderreichen, fast schon poetischen Sprache, die vor allem die Zwischentöne in den vielen Gesprächen innerhalb des Romans beleuchtet. Ihr Affinität zum Bildbereich der Musik ist dabei unüberhörbar. Getragen wird das Hörbuch von der wunderbaren Vorleserin Iris Berben, die die Ungeheuerlichkeiten der Ereignisse mit ihrer Stimme unterstreicht.

Ein wichtiger Roman, der glücklicherweise wieder entdeckt worden ist, und hoffentlich noch viele Leser/innen oder Zuhörer/innen erreichen kann.

Eine interessante Rezension mit Informationen zur Autorin habe ich hier gefunden.




Dienstag, 20. September 2016

Karl Olsberg: Mirror

"Dein bester Freund bist du selbst" - eine erschreckend realistische Dystopie.


Buchdaten

Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch
Erschienen am: 15.August 2016
ISBN-13: 978-3746632346


Inhalt

Der Mirror ist eine Art Smartphone, der dich begleitet und dir das Leben so angenehm wie möglich machen soll. Die Basisstation, der MirrorBrain ist verbunden mit dem MirrorClip, den man im Ohr trägt und der sowohl zuhören als auch mit dir sprechen kann. Dazu gehört eine Weitwinkel-Kamera, die alles um dich herum erfasst, und ein Armband, das sogenannte MirrorSense, das deine Körperfunktionen misst, wobei es z.B. erkennt, ob du aufgeregt, wütend oder entspannt bist.
Beim Starten des Gerätes machst du ein Selfie und auf dem Bildschirm des MirrorBrain sieht du dein eigenes Gesicht, im Ohr ertönt deine eigene Stimme.

Der Mirror sammelt permanent Daten über dich, auch aus den Social Media und ist vernetzt mit allen weiteren MirrorBrains im sogenannten MirrorNet. Mit anderen Nutzern kannst du dich auch in der virtuellen MirrorWorld treffen, einer 3D-Simulation der realen Welt, generiert von den Daten der Nutzern.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Linda Winterberg: Das Haus der verlorenen Kinder

Ein Roman über zwei Norwegerinnen, die im 2.Weltkrieg in zwei deutsche Soldaten verlieben.


Buchdaten

Taschenbuch: 528 Seiten

Verlag: Aufbau Taschenbuch

Erschienen am: 18.April 2016

ISBN-13: 978-3746632209

Vielen Dank an den Aufbau Taschenbuch Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.



Inhalt
Prolog
Die junge Lisbet, die ein kleines Mädchen geboren hat, scheint ganz allein im Dezember 1942 in Norwegen zu sein. Eine Tragödie hat sich abgespielt, die sie von ihrer besten Freundin Oda getrennt hat.

Die Geschichte springt nach dem Prolog ins Jahr 2005 und spielt in Wiesbaden, in einem Altenheim. Marie, eine junge Vollwaise, die ihre Eltern im Alter von zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall verloren hat, absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr in jenem Heim, da sie in den Unterlagen ihrer Mutter eine Fotografie des Hauses entdeckt hat. Sie hat einen leidvollen Weg durch mehrere Pflegefamilien und Heimaufenthalten hinter sich, ihr Studium abgebrochen und ist auf der Suche nach ihren Wurzeln.
Im Altenheim lernt sie die resolute alte Dame Betty kennen, die aus Norwegen stammt und oftmals in ihren Erinnerungen versinkt.

Parallel dazu entfaltet sich im Rückblick die Geschichte zweier junger norwegischer Mädchen, die im kleinen Küstenstädtchen Loshavn leben und sich jeweils in einen deutschen Soldaten während der Besatzungszeit Norwegens im Mai 1941 verlieben. Die Protagonistin dieses Erzählstrangs ist Lisbet, und ohne viel vorwegnehmen zu wollen, erschließt sich recht schnell, dass Lisbet Betty sein muss.
Oda, Lisbets beste Freundin, und sie selbst folgen ihren Liebsten nach Kristiansand, allerdings halten sie ihre Beziehungen geheim. Die Verbindungen zwischen einem deutschen  Soldaten und einem norwegischen Mädchen wurden geächtet, die jungen Frauen als Huren und Verräterinnen, Kinder aus solchen Verbindungen als Deutschenkinder beschimpft und verachtet. Nichtsdestotrotz liebt Lisbet ihren Erich von ganzem Herzen.

Im Jahr 2005 erhält Marie einen Umschlag mit einem Tagebuch, das in norwegischen Schrift verfasst ist, mit einem Hinweis darauf, dass der Fall Lisbet Bauer zu eben jenem Altenheim weitergeleitet wurde. Es stellt sich heraus, dass das Altenheim im Dritten Reich ein sogenanntes Lebensborn-Heim gewesen ist:

Der Lebensborn-Verein wurde 1935 von Heinrich Himmler mit dem Ziel der Vermehrung der "arischen Rasse" gegründet. Der Verein unterstützte u.a. hilfsbedürftigen Mütter und Kinder "guten Blutes" in entsprechenden Heimen. (Quelle: LeMO)

Auch das Altenheim ist im Dritten Reich ein sogenanntes Lebensborn-Heim gewesen. Gertrud, eine Altenpflegerin ist selbst in diesem Heim geboren und auf der Suche nach ihrer Vergangenheit hat sie im Keller die Spuren dieser unrühmlichen Geschichte entdeckt sowie bergeweise Akten mit Fällen der Kinder, die dort gelebt haben.
Auch Maries Mutter ist augenscheinlich eines jener Kinder, die von Norwegen aus dorthin gebracht wurden. Während Marie und Gertrud auf Spurensuche sind, verschwindet Betty, gemeinsam mit den Norweger Jan, der ihrer Freundin Oda so ähnlich sieht.

Die Leser/innen erfahren, dass sowohl Lisbet als auch Oda schwanger sind und sie begegnen sich in einem Lebensborn-Heim in Hurdal Verk wieder, wobei sich herausstellt, dass Lisbet als "arisches" junges Mädchen besser behandelt wird als die Samin Oda.

Die Heime in Norwegen wurden vor allem in Norwegen zum Schutz der Mütter und Kinder, die eben oft Beschimpfungen und Angriffen ausgesetzt waren, gegründet, zur Bewahrung des wertvollen Blutes. Allerdings wurden einige Kinder den Müttern weggenommen und nach Deutschland verschleppt. Nur wenige konnten ihren Eltern nach dem Krieg zurückgegeben werden. (Quelle: LeMO)

In Norwegen treffen Betty und Jan letztlich auf Marie und Gertrud und das Rätsel um den Verbleib der Kinder von Lisbet und Oda löst sich auf.

Bewertung
Der Roman erzählt sehr einfühlsam die Geschichte der beiden norwegischen Mädchen, deren Schicksal sich auf ihre Nachkommen bis in die Gegenwart hinein auswirkt. Aufgrund der wechselnden Erzähllinien bleibt es bis zum Schluss spannend, bis sich das Rätsel um die beiden Mädchen - Lieselotte und Siri löst. Für meinen Geschmack entwirren sich die Fäden am Ende aufgrund sehr vieler Zufälle - aber irgendwie gönnt man den Protagonistinnen diese glückliche Fügung.

+++Spoiler+++
Für mich ist am Ende allerdings eine Frage offen geblieben: Warum hat Erich nach dem Krieg keine Nachforschungen um den Verbleib Lisbets angestellt, wenn er sie so sehr geliebt hat. Denn Lieselotte hat er mit seiner neuen Frau zu sich genommen, hier fehlt eindeutig ein Puzzleteilchen.
+++

Sprachlich hat mich der Roman aufgrund der vielen Wiederholungen, der konventionelle Bilder und teilweise trivialen Ausdrucksweise, wie z.B. "gefangen von seinen samtbraunen Augen" (S.21), nicht überzeugt.

Aber wichtiger ist, dass er auf die Behandlung der norwegischen Mädchen aufmerksam macht, die sich in einen deutschen Soldaten verliebt haben, und die Ungerechtigkeiten aufzeigt , denen sie ausgesetzt waren. Und er informiert über die Lebensborn-Heime, von denen ich persönlich vorher nur am Rande gehört habe und die deutlich machen, welche unmenschliche und verquere "Rassenideologie" die Nationalsozialisten vertraten, indem nur "arische" Kinder und Mütter entsprechend versorgt wurden.

Insgesamt eine interessante, spannende Geschichte, die es sich zu lesen lohnt.

Sonntag, 24. April 2016

Sylvia B.Lindström: Inselfeuer

Ein Öland-Krimi.

Buchdaten
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch
Erschienen am: 12. Februar 2016
ISBN-10: 3746631920
ISBN-13: 978-3746631929

Vielen Dank an den Aufbau Verlag, der mir diese Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Vorne weg
Ich bin ein großer Fan skandinavischer Kriminalromane und habe u.a.Henning Mankell, Anne Holt, Jan Costin Wagner und auch Arnaldur Indriðason gelesen, in deren teilweise recht düsteren Romanen vor allem die Motive der Täter im Vordergrund stehen und auch gesellschaftlich-politisch Themen aufgegriffen werden. Die kleine Insel Öland ist mir in den Romanen von Johan Theorin begegnet, der Ölands Landschaft wunderbar poetisch beschreibt und dessen Krimi "Nebelsturm" mich mit seiner mystischen Atmosphäre beim Lesen sofort in seinen Bann gezogen hatte. Ich bin also mit sehr hohen Erwartungen an den Krimi herangegangen, die nur teilweise erfüllt worden sind.

Inhalt
Der Roman beginnt sehr düster, ohne dass es der Autorin jedoch gelingt die besondere Topographie Ölands erlebbar zu machen.
Im Mittelpunkt steht zu Beginn die schöne Anwältin Alasca Rosengren, die gemeinsam mit ihrem 12jährigen Sohn Kristian bei ihrer 98jährigen (!) Großmutter lebt. Eine Serie von Brandstiftungen und brutalen Morden erschüttert Öland. Da vor ca. 10 Jahren Jorma Brolin, Tischler, Hufschmied und Ölands unumstritten stärkster Mann für eine ähnliche Tat in Untersuchungshaft gesessen hat - jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde - scheint der Schuldige klar zu sein. Jormas Herkunft ist umstritten, angeblich sind sein Großvater und sein Vater identisch. Jorma ist mit der anspruchsvollen Yvonne verheiratet, die ihn finanziell regelrecht "aussaugt" und Grund für seine hohe Verschuldung ist - aber ohne Yvonne ist er nach eigener Aussage "niemand." Nach seiner Entlassung soll er diejenigen, darunter seine eigene Mutter, die ihren Hass auf ihn unumwunden äußert, unter Druck gesetzt haben, ihm eine finanzielle Entschädigung zu zahlen.
Neben diesen Figuren spielen aber auch noch andere Ölander eine wichtige Rolle, da gibt es den Maler Persson, der vor vielen Jahren ein altes Haus restauriert hat und eine Vorliebe für sehr junge Mädchen hegt und einst sehr viel Zeit und "Liebe" in eine heute erwachsene Ölanderin inverstiert hat. Seine aktuelle Favoritin ist zugleich Jormas Tochter, die wiederum mit Alascas Sohn Kristian befreundet ist. Dieser trägt ein dunkles Geheimnis mit sich, das mit den Bränden zu tun hat. Jorma scheint das Geheimnis zu kennen.
Jorma Brolins Verteidiger vor 10 Jahre war Stellan Qvist, ein gewiefter Anwalt, der ebenso offenkundig in Alasca verliebt, jedoch mit einer anderen verheiratet ist.

Sonntag, 28. Februar 2016

Lorenz S.Beckhardt: Der Jude mit dem Hakenkreuz

- eine Biographie. Lorenz S. Beckhardt erzählt die Geschichte seines Großvaters Fritz Beckhardt - dem Juden mit dem Hakenkreuz.

Buchdaten
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch
Erschienen am: 14. Januar 2016
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 374663203X
ISBN-13: 978-3746632032

Ganz herzlich möchte ich mich beim Aufbau Verlag bedanken, der mir dieses Rezensionsexpemplar zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt
Die Beckhardts gehörten dem liberalen Judentum an, die sich immer als Deutsche verstanden. Unschwer zu erkennen an den Vornamen -Fritz, Kurt, dessen Sohn und schließlich Lorenz, der erst als Erwachsener von seinen jüdischen Wurzeln erfährt und sich im Alter von 45 Jahren beschneiden lässt.

Lorenz Beckhardt rollt die Geschichte seiner Familie auf und das sehr akribisch. Am Anfang geht er dabei sehr assoziativ vor, schildert zunächst die Rückkehr Fritz nach Sonnenberg im Jahre 1950. Dort hat er 1926 den Kolonialwarenhandel von seinem Schwiegervater übernommen und um eine Kaffeerösterei erweitert. Er schildert das Ausbleiben der Kundschaft, die sich erst allmählich wieder einstellt. Kurt wird diesen Laden weiterführen und auch Lorenz wächst mit darin auf. Ausgehend von eigenen Kindheitserinnerungen z.B. an seine Zeit in einem katholischen Internat, zieht Lorenz immer wieder Parallelen zu seinem Großvater.
Er geht bis zu seinen Urgroßeltern zurück und verfolgt vom 19.Jahrhundert an die Ansiedlung seiner Familie sowohl väter- als auch mütterlicherseits rechts und links vom Rhein. Sehr interessant sind dabei die Informationen, die man über das Leben der Juden  unter der Besetzung Napoleons und innerhalb des Deutschen Bundes erhält. So ruft Beckhardt in Erinnerung, dass es bereits zu allen Zeiten judenfeindliche Gesetze, wie z.B. eine Extrasteuer für Juden im Jahre 1690, "um den Wiederaufbau des Landes zu finanzieren" (S.36) gegeben hat. Juden durften nur zerstörte Häuser kaufen, "um sie wiederaufzubauen. Unzerstörte Häuser waren Christen vorbehalten." (S.36)