Dienstag, 24. Januar 2017

John Fante: 1933 war ein schlimmes Jahr

Ich habe einen Traum...


Gebundene Ausgabe, 142 Seiten
mit einem Nachwort von Alex Capus
Aufbau Verlag, 14.November 2016

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde auf Whatchareadin gelesen und bedanke mich beim Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.



Inhalt
Dominic Molise ist 17 Jahre alt, wohnt in Roper in Colorado, am Fuß der Rocky Mountains und ist der Sohn eines im Winter arbeitslosen Maurers, dessen Eltern aus Italien nach Amerika ausgewandert sind, weil sie sich dort ein besseres Leben erhofft haben. Sein Vater spielt Billard, um die 6-köpfige Familie über Wasser zu halten, seine Mutter betet Tag und Nacht und seine Großmutter weigert sich, die englische Sprache zu lernen und bedauert Italien verlassen zu haben.
Doch Dominic hat einen Traum: Er möchte Baseballstar werden, da sein "Arm, mein gesegneter, heiliger, mir von Gott gegebener Arm" (S.7) verdammt gut werfen kann.

Der Roman beginnt mit einer kritischen Selbstreflexion Dominics, einem inneren Monolog:

"Ich hatte Säbelbeine und drehte die Füße beim Gehen nach innen. Meine Ohren standen ab wie die von Pinocchio, meine Zähne waren schif, und mein Gesicht gesprenkelt wie ein Vogelei." (S.5)

Er stellt Fragen an Gott, warum er geboren sei? Was das alles soll? Er beginnt zu zweifeln, um dann festzustellen, dass er geboren sei, um ein linkshändiger Pitcher zu sein und Glaubensfragen auf später verschoben werden müssten.

"Ich beschleunigte meine Schritte, um vor meinen Gedanken zu fliehen, aber sie blieben mir auf den Fersen. Ich fing an zu rennen, so dass meine gefrorenen Schuhe quiekten wie Mäuse. Es halft nichts, die Gedanken verfolgten mich weiter. Aber dann übernahm, während ich so dahinlief, mein Arm, mein wunderbarer Arm die Kontrolle über die Situation..." (S.11).

Trotzdem denkt er an seinen möglichen Tod und voller Selbstzweifel bleibt sein einziger Wunsch, Zeit genug zu haben, ein Baseballstar zu sein.
Allerdings ist es ein weiter Weg dorthin. Er lebt in ärmlichen Verhältnissen, seine Grandma stellt ihm nachts, während er seine Hausaufgaben für seine katholische Highschool macht, kurzerhand das Licht aus. Sie ist eine unzufriedene Frau, die keinen Frieden in diesem für sie fremden Land findet.

"Grandma feuerte ihre Verwünschungen wie Schrot ab. Ich war ein Schakal, eine Ratte,  eine Schlange, ein Monster, das aus dem Bauch meiner Mutter gekrochen war. (...) Ich kannte ihre Qualen, und sie tat mir leid. Sie war allein, entwurzelt in einem fremden Land. Sie hatte nicht nach Amerkika kommen wollen, mein Großvater hatte sie gezwungen. Auch in den Abbruzzen waren sie arm gewesen, aber es war eine süßerer Armut gewesen;" (S.17)

Seine Mutter - vor der Zeit gealtert - grämt sich, dass sein Vater sich in einer zwielichtigen Bar herumtreibt und mit Lippenstift im Gesicht nach Hause kommt, trotzdem nimmt sie ihr Schicksal an:

"Ich mache deinem Vater längst keine Vorwürfe mehr, ich bin selbst an allem schuld. Wenn du die Lügen eines Mannes hinnimmst, machst du dich mitschuldig. Dann bist du ein Lügner wie er." (S.73)

Für Dominic hat der Vater bereits eigenen Pläne:

"Er versuchte seit Jahren, mich fürs Maurerhandwerk zu gewinnen." (S.28)

Außerdem hat die Familie überall Schulden, der Vater setzt auf Dominics Arbeitskraft, so dass dieser vor einem Dilemma steht, da sein Herz für den Baseball schlägt.

"Wir waren alle Träumer, ein Haus voller Träumer. Grandma träumte von ihrer Heimat in den fernen Abruzzen. Mein Vater träumte davon, schuldenfrei mit seinem Sohn ein Maurergeschäft zu betreiben. Meine Mutter träumte von ihrer himmlischen Belohnung in Gestalt eines frohgemuten Ehemanns, der nicht davonlief.(...) Ich schloss meine Augen und lauschte den Traumen, die durchs Haus summten." (S.37)

Fante weiß, wie es im Nachwort von Alex Capus heißt, wovon er schreibt. Er selbst ist ähnlichen Verhältnissen wie sein Held aufgewachsen.

"Der Kosmos, in dem sie (seine Romane) sich bewegen, bleibt immer scharf umrissen und eng begrenzt. Im Zentrum stehen stets ein dominanter Vater, der freiheitsdurstige Sohn und der Heilige Geist in Gestalt der römisch-katholischen Kirche. Es geht um das Unterlegenheitsgefühl des italienischen Einwanderers..." (S.137)

Auch Dominic muss schmerzhaft erfahren, dass er von der betuchten Gesellschaft ausgeschlossen wird. Sein bester Freund Ken kommt aus einer reichen Familie, sein Vater ist Inhaber einer Eisenwarenhandlung , lehnt wie seine Frau jedoch den Freund seines Sohnes ab. Auch Kens blonde, schöne Schwester Dorothy bleibt ein unerreichbarer Traum - ein Annäherungsversuch scheitert kläglich.
Selbst Ken nennt ihn manchmal "Spaghetti", wogegen sich Dominic vehement wehrt und dieser sich entschuldigt. Nichtsdestotrotz bleibt eben jenes Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem gesellschaftlich und finanziell besser gestelltem Freund zurück.

"Wie ein Geist schlich ich im Schneegestöber nach Hause, den Kopf gesenkt und den Blick niedergeschlagen, meine Schuld und Wertlosigkeit tief in mir verschlossen." (S.67)

Dominic will diesem Gefühl entfliehen, will nach Californien zu den Chicago Cubs, um dort "vorzuspielen". Er bemüht sich seinen Vater davon zu überzeugen, ihm das nötige Geld und die Erlaubnis zu geben und lässt er sich fast zu einer Verzweiflungstat hinreißen...

Bewertung
John Fante gelingt es die Selbstzweifel, Gedankenspiele und Träume des pubertierenden Heranwachsenden greifbar zu machen - auch wenn man selbst mit Baseball und den vielen Namen der Spieler nichts anfangen kann. Der Wunsch aus dem finanziellen Elend, der familiären Enge zu entkommen und gleichzeitig das Bedürfnis, die Familie nicht zu enttäuschen, ihnen etwas zurückgeben zu wollen glaubt man diesem Jungen, der so viel Freiheitsdrang in sich spürt, so viel Leidenschaft hat, aber auch Zweifel, ob er seinen Traum wird leben können. Die Frage muss man sich selbst beantworten, denn das Ende bleibt offen...
Der Roman zeigt aber auch das Dilemma der italienischen Einwanderer Fremde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bleiben, wie Dominics Mutter:

"Sie war in Chicago geboren, aber italienischer Herkunft und eigentlich eine Bäuerin wie Grandma Bettina. Auch sie trug das Mal von Einsamkeit und und unaussprechlicher Fremdheit auf der Stirn. Sie war keine echte Italienerin, aber noch viel weniger Amerikanerin, zutiefst verunsichert und überall fehl am Platz." (S.18)

Selbst Dominic, der in Amerika geboren ist, haftet das Klischee des "Spaghetti" an. Auch die Italiener untereinander sind von ihren gegenseitigen Vorurteilen geprägt.

"Nach Grandma Bettinas Ansicht waren die Leute aus Potenza gleich nach den Amerikanern die lächerlichsten Leute der Welt. Nicht, dass Grandma jemals selber in Potenza gewesen wäre und den Ort mit eigenen Augen gesehen hätte, aber sie hatte ihr ganzes Leben wilde Geschichte über die Potenzesi gehört." (S.18)

Neben den Einblicken in die Gedanken des jungen Dominic mit seinen Träumen überzeugt der Roman durch seine sensible, aber auch kraftvolle Sprache mit teilweise sehr ungewöhnlichen Vergleichen.
So bemerkt Dominic, als Dorothy auf einer Leiter über ihm steht, um ihm etwas vom Regal des Eisenwarenladens ihres Vaters zu holen, dass sie keine Unterwäsche trägt.

"Ihr Hintern glich zwei runden, goldenen Brotlaiben, dazwischen befand sich eine atemberaubende Spalte mit einem Haarbüschel wie Messingspäne. Mein ganzes Leben lang hatte ich über die deprimierende Reizlosigkeit dieses Ortes nachgedacht. Ich hatte ihn unter den Röcken meiner Mutter und meiner Tanten gesehen, bestürzend unschön wie ein Mäusenest, trostlos graubraun wie der Inhalt eines Staubsaugerbeutels, ebenso unanständig wie unumgänglich, eine herbe Herausforderung, der sich jeder Mann früher oder später stellen musste." (S.50)

Das sind wirklich seltsame Vergleiche ;)

Ein aufrichtiger, leidenschaftlicher Roman -wie Alex Capus im Nachwort feststellt - mit einem großspurigen, aber herzlichen und verständnisvollen Helden, der fest in seinem Kosmos verankert ist und dem man wünscht, dass seine Träume in Erfüllung gehen.


1 Kommentar:

  1. Ja, die Bilder und Metaphern waren teilweise, hm, recht außergewöhnlich... ;)

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