Mittwoch, 4. Januar 2017

Gavriel Savit: Anna und der Schwalbenmann

- eine ungewöhnliche Freundschaft in Zeiten des Krieges.


Gebundene Ausgabe, 272 Seiten
ctb-Verlag, 29. Februar 2016
ab 14 Jahren









Inhalt
Anna Lania lebt in Krakau, ihre Mutter ist gestorben und ihr Vater ist Professor für Sprachen.
Er spricht unablässig mit Anna, "sie hatte keine Erinnerung an ihren Vater, in der er nicht redete" (S.14),  und das in vielen Sprachen u.a. in Deutsch, Englisch, Jiddisch, Russisch und Französisch, sogar Armenisch.

"Wenn aber ein Vater mit jedem eine andere Sprache spricht, stellt sich ein Kind irgendwann die Frage: Was ist die Sprache meines Vaters? Was ist meine? Die Antwort war einfach: Ihre Sprache war die der anderen." (S.14)

Am 6.November 1939 wird ihr Vater mit der gesamten Professorenschaft der Karkauer Jagiellonen-Universität verhaftet und in ein Internierungslager gebracht, das er nicht überlebt. Doch die 7-jährige Anna ahnt nichts davon. Statt dessen wartet sie vergeblich bei Doktor Fuchsmann, der eine Apotheke führt, auf die Rückkehr ihres Vaters aus der Universität.
Widerwillig lässt Doktor Fuchsmann sie in seiner Apotheke schlafen, bringt sie jedoch am nächsten Tag vor ihre Wohnungstür, vor der sie erneut vergeblich wartet. Als sie verzweifelt in die Apotheke zurückkehren will, begegnet sie dem Schwalbenmann.

"Er war groß und ungewöhnlich dünn. Der Anzug, ein Dreiteiler aus brauner Schurwolle, musste ihm auf den Leib geschneidert sein. Sie konnte sich keinen zweiten Mann mit den gleichen Maßen vorstellen und seine Kleider saßen wie angegossen. Er trug eine alte Arzttasche bei sich, deren braunes, abgewetztes Leder ein wenig heller als sein dunkler Anzug war." (S.27) 

Nachdem er gegenüber einem deutschen Soldaten autoritär aufgetreten ist, spricht er die verängstigte Anna ebenfalls auf Deutsch an. Als sie nicht antwortet, versucht er es auf Polnisch, danach Russisch und sogar Jiddisch. Das löst Annas Ängste auf, genauso wie das Anlocken einer Schwalbe, die dem Mann furchtlos in die Hand flattert.
Sie beschließt ihm zu vertrauen und ihm zu folgen, da sie nicht glaubt, dass ihr Vater wiederkehrt.
Der Schwalbenmann macht sich auf den Weg, wobei er kein Ziel zu haben scheint, er möchte nur nicht gefunden werden. Wovor er auf der Flucht ist, wird erst ganz am Ende angedeutet.
Aber er nimmt Anna mit und kümmert sich um sie, wenn auch mit äußerster Zurückhaltung.

"Er war ein Mann, der nicht immer sagte, was er dachte oder fühlte." (S.37)

Er lehrt sie die Gesetze der Straße und deren Sprache, denn sein Ziel ist, im Krieg zu überleben. Dazu ist es wichtig in Deckung zu bleiben, sich anzupassen, um nicht gefunden zu werden, und keinen Namen zu haben. So leiht Anna ihren Namen dem Schwalbenmann, der auf der Straße zu ihrem Papa wird.
In ihren Gesprächen während der Wanderschaft lehrt der Schwalbenmann Anna vieles über die Tiere und Pflanzen auf ihrem Weg. Die Soldaten aus dem Westen, die Polen besetzt haben, vergleicht er mit Wölfen, während die russischen für ihn wie Bären sind.

"Die Wölfe und Bären mögen keine Menschen, und wenn sie einen Grund finden, dir wehzutun, dann werden sie es tun. Sie sind hier, weil sie die Welt mit ihrer eigenen Art bevölkern wollen. Sie versuchen, sich soviel Platz wie möglich zu schaffen, und das tun sie, indem sie die Menschen loswerden, und dazu kannst jederzeit du gehören." (S.87)

Ihre Zweisamkeit endet, als Anna im Wald dem jüdischen Musiker Reb Hirschl begegnet, der mit seiner Klarinette aus dem Lubliner Ghetto geflohen ist. Der Schwalbenmann lässt ihn zunächst zurück, da er die Gefahr sieht, in der er sie bringen könnte. Doch Anna ist fasziniert von diesem lebenslustigen, unvorsichtigen Mann, der offenkundig alle Gebote der Straße verletzt und schleicht sich nachts zurück, um ihn zu finden.

"Hätte sie innegehalten, um nachzudenken wäre ihr klar gewesen, dass sie mit ihrem Vorhaben ein schreckliches Risiko einging - (...). Doch es ist die besondere Gabe der Kinder, ganz im Moment zu sein, ohne sich mit der Voraussicht zu belasten." (S.137)

In dieser Situation zeigt sich, dass scheinbare unzugängliche Schwalbenmann, Anna tief in sein Herz geschlossen hat, denn er folgt Anna und ihr zuliebe nimmt er Reb Hirschl in ihre Gemeinschaft auf. Ein humaner Akt in einer Welt, in der Menschlichkeit gefährlich ist.

Sie geraten auf ihrer Wanderschaft in das Unternehmen Barbarossa - im Juni 1941 ist Hitler in die Sowjetunion eingefallen. Zwischen den Fronten überleben sie, bis es irgendwann Anna ist, die den Schwalbenmann retten muss.

Bewertung
Ein stiller, leiser Jugendroman, der zunächst sehr sensibel die Kriegssituation in Polen darstellt. Gleich zu Beginn werden "sachlich" die notwendigen Fakten genannt, die Inhaftierung des Vaters, die Kriegssituation und auch die entsprechenden geschichtlichen Daten fließen mit ein. Die Grausamkeit, die Situation der Juden wird angedeutet, erst gegen Ende konfrontiert der Krieg Anna mit seiner hässlichen Fratze und fordert seine Opfer - allerdings sind auch diese Szenen behutsam formuliert und mit entsprechenden Leerstellen versehen. So weigert sich der Erzähler Details zu Reb Hirschls Ende preiszugeben, aber das macht es auch nicht ungeschehen.

Die Beziehung zwischen Anna und dem Schwalbenmann, der seine Zuneigung nicht offen, sondern in seinen Handlungen zeigt, ist einfühlsam beschrieben.  Allerdings gehört ein gewisses Maß an Empathie und Lebenserfahrung dazu, um dies wirklich zu erfassen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Jugendliche damit nicht überfordert sind. Genauso wie mit den Grausamkeiten des Krieges, die zwar größtenteils ausgespart sind oder nur angedeutet werden, aber sie schweben zwischen den Zeilen und fordern zu Fragen heraus. Was auf der einen Seite genau das ist, was ein guter Roman gegen das Vergessen für Jugendliche tun sollte, andererseits ist es ein schmaler Grat, wie viel Jugendliche an realem Horror verkraften können.

Das Ende lässt viele Fragen offen, hier hätte ich mir gewünscht, man würde mehr über Annas weiteres Schicksal und das des Schwalbenmanns erfahren.

Trotz der Altersangabe ab 14 Jahren ist es für mich eher ein Roman - und zwar ein guter - für Erwachsene gegen das Vergessen.

1 Kommentar:

  1. Klingt ganz nach meinem Lesegeschmack, liebe Tina. Würde ich auch gerne lesen. Ich grüße dich herzlichst, Mira.

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