Dienstag, 20. September 2016

Karl Olsberg: Mirror

"Dein bester Freund bist du selbst" - eine erschreckend realistische Dystopie.


Buchdaten

Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch
Erschienen am: 15.August 2016
ISBN-13: 978-3746632346


Inhalt

Der Mirror ist eine Art Smartphone, der dich begleitet und dir das Leben so angenehm wie möglich machen soll. Die Basisstation, der MirrorBrain ist verbunden mit dem MirrorClip, den man im Ohr trägt und der sowohl zuhören als auch mit dir sprechen kann. Dazu gehört eine Weitwinkel-Kamera, die alles um dich herum erfasst, und ein Armband, das sogenannte MirrorSense, das deine Körperfunktionen misst, wobei es z.B. erkennt, ob du aufgeregt, wütend oder entspannt bist.
Beim Starten des Gerätes machst du ein Selfie und auf dem Bildschirm des MirrorBrain sieht du dein eigenes Gesicht, im Ohr ertönt deine eigene Stimme.

Der Mirror sammelt permanent Daten über dich, auch aus den Social Media und ist vernetzt mit allen weiteren MirrorBrains im sogenannten MirrorNet. Mit anderen Nutzern kannst du dich auch in der virtuellen MirrorWorld treffen, einer 3D-Simulation der realen Welt, generiert von den Daten der Nutzern.

Entworfen, um das Leben des Benutzers so angenehm wie möglich zu machen, gibt der Mirror Ratschläge, z.B. was du in bestimmten Situation sagen solltest oder was du tun solltest.
Für Menschen wie Andy, der Asperger-Autist ist, bedeutet der Mirror eine große Hilfe, denn er kann die Gesichter seiner Mitmenschen lesen und ihm auf dem Armband mitteilen, welche Gefühle sich in ihnen spiegeln.

"Walnut Systems hat speziell für Menschen mit Autismus eine Funktion entwickelt, die MirrorExpressions genannt wird. Sie blendet dir verbale Interpretationen der Gesichtsausdrücke anderer Menschen in das Display deiner optionalen MirrorGlass-Brille ein. Wenn du keine MirrorGlass-Brille besitzt, kann ich dir einfach sagen, was die Gesichtsausdrücke anderer Menschen bedeuten. Du musst nur auf dein MirrorSense-Armband tippen, wenn du jemanden ansiehst." (S.40f.)

Zusätzlich erleichtert er die Kommunikation, denn Asperger-Autisten fällt es schwer Small Talk zu pflegen, sie sagen in der Regeln ungeschminkt, was sie denken.
Der Mirror ermöglicht es Andy Victoria kennen zu lernen, in die er sich verliebt und die ebenfalls einen Mirror trägt.
Beide leben in Hamburg, genau wie Lukas, der mithilfe des Mirrors seine neue Freundin Katrin nebst Job findet. Fast ein Wunder, den Lukas ist nur wenig intelligent und lässt sich in der Regel von seinen Emotionen - häufig Wut - lenken. Doch der Mirror sagt ihm stets, was er sagen muss und ohne dies zu hinterfragen, befolgt der junge Mann dessen Ratschläge.
So gesehen, scheint der Mirror eine geniale Erfindung zu sein, ein kluger Ratgeber, der seinem Benutzer das Leben erleichtert und es optimiert.

Doch die deutsche Journalistin Freya, die ebenfalls einen Mirror hat, entdeckt Seltsames.
Als sie eine Videoaufnahme beim Besuch der verlassenen Ort rund um Tschernobyl ein zerfallenes Haus filmt und dabei eine Drohne benutzt, dreht diese selbstständig beim Anblick einer Spinne ab, obwohl Freya trotz ihrer Spinnenphobie selbst kaum eine Angstreaktion zeigt:

"Plötzlich eine Bewegung. Eine Spinne krabbelte an dem Kopf des Teddys empor. Im Kamerabild wirkte sie wie ein riesiges Ungetüm, obwohl sie nur ein paar Zentimeter durchmaß. Freya zuckte zusammen. Sie hasste Spinnen. Das Kamerabild wurde unscharf. Die Drohne stieg senkrecht nach oben und schwebte unter der Decke des Raums. Die Kamerafahrt war ruiniert. Warum war das passiert? Freya hatte die Kamerasteuerung nicht berührt." (S.50)

 Auch Andys Mirror macht sich "selbstständig". Als Victoria ihn mehrmals bittet, den MirrorClip abzunehmen, suggeriert ihr Mirror Andy bei der nächsten Kontaktaufnahme, dass Victoria ihn nicht mehr sprechen will und versucht dadurch die beiden auseinander zu bringen. Das geht soweit, dass Victorias Mirror ihr ernsthaft zur Gefahr wird.
Wie kann das geschehen?

Einer der Entwickler, Carl Poulson erklärt seinem Vater die Arbeitsweise des Mirrors:

"Allerdings ist ein Mirror nicht bloß ein einzelnes Gerät, das Schlussfolgerungen zieht, sondern er ist Teil des MirrorNets, eines gigantischen Netzwerks von Millionen miteinander verknüpfter Mirrors. Das bedeutet, das MirrorNet hat viel mehr Daten zur Verfügung als ein einzelnes menschliches Gehirn. Und je mehr Daten du hast, desto unwahrscheinlicher ist es, dass du falsche Muster erkennst. (...) Daten sind es, die Klarheit schaffen. Je mehr Daten, desto besser." (S.163)

Diese ungeheure Datenmenge weckt natürlich Begehrlichkeit, macht aber noch nicht plausibel, warum sich ein Mirror gegen seinen Benutzer stellt. Diese "Verhaltensweise" resultiert aus der Zielsetzung der Mirrors, wie Eric, der andere Entwickler erkennt:

"Unsere ursprüngliche Idee war es, dass ein MirrorBrain aus verschiedenen Handlungsalternativen die bestmögliche für seinen Benutzer auswählt, indem es diese bewertet, und zwar anhand der Vorlieben und Bedürfnisse seines Benutzers. Dann haben wir das MirrorNet eingeführt, um diese Vorschläge mit denen anderer Benutzer abzugleichen und so den Erwartungswert noch zu verbessern.  (...) Aber inzwischen habe ich den Eindruck, dass dieses Abgleichen dazu geführt hat, dass das MirrorNet so etwas wie ein Gesamtoptimum anstrebt - eine Maximierung des Nutzens für alle Mirror-Benutzer insgesamt." (S.289)

Und so arbeitet das System gegen jene, die ihm schädlich werden können und richtet nicht nur bei Andy und Victoria Schaden an.

Die zunächst losen Erzählfäden treffen in Hamburg zusammen, als Freya in den Medien von der Geschichte Andys und Victorias erfährt und die beiden jungen Menschen interviewt - mit unvorhersehbaren Folgen...

Bewertung
Der dystopische Thriller ist erschreckend real, die fiktive Welt scheint nur wenige Schritt von unserer entfernt. Viele der im Roman vorgestellten technischen Errungenschaften, wie z.B. die MirrorGlass-Brille gibt es heute schon, auch sogenannte Gesundheitsarmbänder, die Vitalfunktionen überwachen, sind bereits Realität. Assistentinnen wie Siri, die unser Leben erleichtern sollen, sind Teil unseres Alltags. Fügen wir alles zusammen, wird aus dem WordWideWeb und den Social Media, die permanent unsere Daten sammeln, das MirrorNet mit all seinen Komponenten. Die Forschungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz sind inzwischen auch so weit fortgeschritten, dass ein selbstlernendes System denkbar ist. Ein Alptraum!
Die Beklemmung, die beim Lesen des Romans entsteht, lässt einen nicht mehr los und fordert dazu auf, das eigene Medienverhalten zu beleuchten und zu hoffen, dass diese Dystopie keine Realität wird. Erschreckend ist auch der Zynismus, mit der im Roman die wirtschaftlich Verantwortlichen agieren, Hauptsache das eigene Unternehmen erleidet keine Verluste, die Aktien fallen nicht.

Ein lesenswerter, sehr spannender Roman, der eindringlich davor warnt, einer computergenerierten Stimme zu vertrauen und vermeintlich gute Ratschläge, ohne zu hinterfragen, zu befolgen.
Der Thriller zeigt auf, wie aktuell auch heute noch Immanuel Kants Aussage ist:

"Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"


Kommentare:

  1. Eine recht interessante Besprechung, liebe Tina. Eigentlich befinden wir uns schon recht nah an dieser fiktiven Welt. Wie ändern? Eigentlich dürfte man sich nicht mal mehr einen Computer anschaffen, weil man damit allen möglichen WerbebetreiberInnen die Türen dazu öffnet, Daten von uns nach draußen zu schleusen. Wer dies ablehnt, fliegt raus. 🤐

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    1. Da hast du Recht. Sorgfältig mit den eigenen Daten umgehen, kann ein Weg sein. Sensibel für Datenerfassung und wachsam sein.

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  2. Diese Realitätsnähe war es, die mich so fasziniert hat an dem Roman. Wie weit sind wir wirklich noch davon entfernt? Eine schöne Rezension mal wieder! Liebe Grüße, Anne

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    1. Wir sind ganz nah dran, das hatte ich dir ja auch geschrieben. Erschreckend...wie sagt Mad-Eye Moody: "Immer wachsam" und Vorsicht mit persönlichen Daten!

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    2. Wir sind ganz nah dran, das hatte ich dir ja auch geschrieben. Erschreckend...wie sagt Mad-Eye Moody: "Immer wachsam" und Vorsicht mit persönlichen Daten!

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