Posts mit dem Label Gastbeitrag Sabine werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gastbeitrag Sabine werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 31. Januar 2021

Alexander Häusser: Noch alle Zeit

 - Gastbeitrag Sabine

Leserunde auf whatchaReadin


Auf der Suche nach dem verlorenen Glück

Edvard ist Anfang 60, als seine Mutter stirbt. Er lebte mit ihr zusammen und pflegte sie bis zum Ende. Versteckt im Schrank findet er ein auf seinen Namen ausgestelltes Sparbuch. Die über Jahre andauernden, unregelmäßigen Einzahlungen kamen aus Norwegen. Sofort stellt er einen Bezug zu seinem Vater her, der am Tag nach Edvards zehntem Geburtstag wegfuhr und niemals wiederkehrte. Laut Aussage der Mutter ist er tot. Die Mutter hatte ein dominierendes, einnehmendes Wesen, mit dem sie die Aufmerksamkeit des Sohnes für sich beanspruchte.
„Die Frau ohne Mann und der Junge ohne Vater wurden zur verschworenen Gemeinschaft. Edvard wuchs buchstäblich über sich hinaus, erhob sich über die anderen Kinder im Ort und in der Schule. Wer von ihnen sorgte schon für seine Mutter?“ (S. 57)

Da es Edvard nie gelang, sich von der Mutter zu emanzipieren, war die Beziehung zu seiner Jugendliebe Elvie zum Scheitern verurteilt – eine Tatsache, die ihn heute noch schmerzt, wie in vielen Erinnerungen verdeutlicht wird.

Edvard will der Spur des Vaters folgen. Er bricht nach Norwegen auf. Auf der Reise begegnet er Alva. Die junge Frau ist Journalistin und in ihrem Leben noch nicht angekommen:  Sie hat eine Beziehung mit ihrem Chef sowie eine kleine Tochter, deren Erziehung sie aber ständig überfordert, so dass das Kind oft bei seinem Vater oder der Oma sein muss. Alva fühlt sich zerrissen und sehnt sich nach einem beruflichen Durchbruch, der ihr eine Reportage über die magischen Orte Norwegens bescheren soll. „Mit den magischen Orten käme Ordnung in ihr Leben – Ordnung und Geld, und sie würden auch gemeinsam Urlaub machen können, wie alle es taten.“ (S. 46) Trotz all dieser Hoffnung wirkt Alva zerrissen: Immer hat sie Kopfhörer auf den Ohren, um in die Musik abtauchen zu können. Auch sehnt sie sich nach ihrer Tochter und hat doch Angst, ihr nicht zu genügen…
In zahlreichen Rückblicken erfährt der Leser immer mehr über die Vergangenheit der beiden Protagonisten, die sie ihm näher bringen und ihr Verhalten erklärbar machen.

Bereits auf der Fähre treffen die beiden einsamen und vom Leben verwundeten Seelen aufeinander. Zunächst ist Edvard derjenige, der Alva hilft. Später verkehren sich die Rollen und Alva unterstützt Edvard, der nach seinem überstürzten Aufbruch nun im fremden Land sehr hilflos wirkt. Ihre journalistischen Fähigkeiten kommen ihm bei der Suche nach seinem Vater zu Gute. Sie mieten ein Auto und fahren los. Auf dem Weg durch Norwegen besuchen sie auch die magischen Orte, deren beruhigende Atmosphäre Alva ein Stückweit zu sich selbst führt. Im Grunde sind sie beide auf der Suche. Die Reise mit der ungeplanten Begleitung eröffnet ihnen neue Perspektiven, bleibt aber nicht immer konfliktfrei. An der Annäherung der beiden ungleichen Menschen teilzuhaben, ist ein intensives Lesevergnügen.

Alexander Häusser hat ein unglaublich sicheres stilistisches Sprachempfinden. Seine Figuren sind mehrdimensional, haben Ecken und Kanten. Seine Geschichte findet nicht auf der Oberfläche statt, sondern in der Tiefe. Jeder Satz hat Bedeutung, jedes Wort ist bewusst gesetzt, wodurch Empfindungen, Erinnerungen, Szenen und Dialoge sehr glaubwürdig und empathisch rüberkommen. Die Figuren erzeugen Nähe, ohne auch nur im geringsten kitschig zu sein.

Der aufmerksame Leser wird belohnt: viele Zusammenhänge erschließen sich im Verlauf der Lektüre, das Buch ist eine Fundgrube schöner Sätze, stimmiger Metaphern und Formulierungen. Die Sprache ist ruhig, eindringlich und poetisch, auch Dialogwitz findet sich. Der Autor liebt offensichtlich Norwegen und seine faszinierenden Landschaften mit Fjorden, Seen und Bergen. Spürbar wird das während des gesamten Romans und in Sätzen wie diesem: „Der Wind kämmte die Gräser seidig. Sie fuhren an grün leuchtenden Berghängen vorbei, am Himmel entlang, im Granit eingeschnitten auf endlosen Serpentinen immer höher hinauf, immer weiter, ohne Zeit, mit aller Zeit.“ (S. 179)  

Die Zeit steht nicht nur im Titel, sondern ist eines der fortlaufenden Motive des Romans. Neben Edvard und Alva lernt man auch viel über Norwegens Vergangenheit kennen. Das Ende des Romans rundet die Geschichte glaubwürdig ab. Nicht alles wird auserzählt, aber die beiden Hauptfiguren haben zum Glück „Noch alle Zeit“, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Ich habe diesen Roman zweimal innerhalb eines Jahres genossen - einfach weil er mich so begeistert hat. Er ist ein Buch, bei dem man mit jeder Lektüre noch etwas mehr entdeckt und der sich in die überschaubare Reihe meiner absoluten Lieblingsbücher einreihen darf. „Noch alle Zeit“ eignet sich bestens für Diskussionsrunden und Lesekreise.

Unbedingte Leseempfehlung!


Mittwoch, 20. Dezember 2017

Gustave Flaubert: Madame Bovary

- ein Sittenbild aus der Provinz.

Gastbeitrag von Sabine

Kathedrale Rouen (Quelle: pixabay)
Hörbuch von Audible
gesprochen von Christian Brückner
14 Stunden und 4 Minuten
ungekürztes Hörbuch





Madame Bovary geistert namentlich durch die Gazetten, durch die Literatur und der „Bovarysmus“ ist eine feststehende Größe in Psychologie/Philosophie. Genau dieser Tatsache ist es geschuldet, dass Tina und ich uns an die gemeinsame (Hör-)Lektüre dieses Werkes der klassischen französischen Literatur machten. Erstmals erschienen ist der Roman 1856, der den Untertitel „Sittenbild aus der Provinz“ trägt. Aufgrund seiner neuartigen und für die Zeit überraschend offenherzigen Erzählweise wurde der Autor von Zeitgenossen angegangen, musste sich sogar vor Gericht verantworten.

Worum geht es?
Der Roman setzt in der Kindheit von Charles Bovary ein. Er kommt aus wenig begütertem Hause, ist ein mäßig fleißiger Schüler und wird von seiner Mutter einerseits geliebt, andererseits aber auch stark dominiert. Sie ist es, die ihn zum Medizinstudium drängt, dessen Examen er mit 5 Jahren Verspätung ablegt. Sie zwingt ihn in seine erste Ehe mit einer deutlich älteren und verknöcherten Witwe, von der sie sich einigen Wohlstand erhofft. Diese Verbindung ist für den jungen Mann ein Desaster, da er kontrolliert und bevormundet wird. Kurz nachdem er Emma durch die Behandlung ihres Vaters kennenlernt, verstirbt seine Frau. Er hält um Emmas Hand an, nach Ende der Trauerzeit findet die Hochzeit statt.
Charles strotzt vor romantischen Gefühlen seiner Frau gegenüber, er vergöttert sie und vertraut ihr blind. Emma indes liest mit Vorliebe romantische Romane und möchte aus ihrer Welt ausbrechen. Sie hat sich durch die Heirat einen gesellschaftlichen Aufstieg erhofft, der an der Seite dieses bescheidenen Landarztes ausbleibt, so dass ihre Unzufriedenheit wächst. Als das Paar für ein Wochenende auf das Schloss eines Marquis eingeladen wird und Emma diese völlig neue Lebensart entdeckt, wird ihr die Diskrepanz zu ihrem eigenen Leben überdeutlich, ihre Unzufriedenheit steigt und sie träumt von einem Mann, der sie liebt und “errettet“.
Sie freundet sich mit dem Kanzlisten León an, mit dem sie die Liebe zu Literatur und Musik verbindet. Diese Beziehung bleibt zunächst platonisch. Gefährlicher wird es mit Rodolphe, einem Nachbarn aus niederem Adel: Schnell entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Während er Emma zunächst nur als bequeme, gefahrlose Eroberung sieht, stürzt sie sich kopfüber ins Abenteuer, vernachlässigt ihre mütterlichen Pflichten, kauft teure Geschenke und verschuldet sich zusehends. Höhen und Tiefen prägen die Beziehung. Kurz bevor beide zusammen mit Emmas Tochter Berthe durchbrennen können, kommen Rudolphe Zweifel und er beendet die Verbindung. Emma befällt erneut tiefe Unzufriedenheit, die sie ihrer Umwelt gegenüber völlig unleidlich macht. Charles liebt sie durchgängig hingebungsvoll, pflegt sie, wechselt für sie sogar den Wohnort, und obwohl sie ihn zunehmend ablehnt, ahnt er nichts von ihrem Doppelleben.
Als Leser wird klar, dass dies kein gutes Ende nehmen kann. Rodolphe wird nicht Emmas einziger Liebhaber bleiben. Emma hat eine Spirale in Gang gesetzt, die Armut und Verderben über die Familie bringen wird. Charles nimmt keinen Ratschlag aus seinem Umfeld an. Am Ende landet Tochter Berthe elternlos in einer Baumwollspinnerei. Das ist die bittere Tragik, dass die Höhenflüge der Mutter die Tochter in Armut stürzen, denn sie wird in der Fabrik schuften müssen, während ihre Mutter zu Lebzeiten im Grunde keinerlei Pflichten hatte und dennoch mit ihrem Leben vollkommen unzufrieden war. Ironie des Schicksals?

Bewertung
Zahlreiche interessante Charaktere bevölkern den Roman und machen ihn eben zum Sittenbild aus der Provinz. Vieles erfährt man über das Leben und die Gesellschaft in der französischen Kleinstadt.
Das Hörbuch wird absolut beeindruckend von Christian Brückner gelesen. Seine Stimme machte es zu einem absoluten Hörgenuss. Tina und ich sind überzeugt, dass wir beim normalen Lesen sicher die ein oder andere Länge empfunden hätten, beim Hören blieb uns das erspart.
Vergleicht man Madame Bovary mit Fontanes „Effi Briest“, einem Werk, das immerhin 40 Jahre später erschien, wird man in der Tat feststellen, dass hier in diesem Roman der Ehebruch nicht nur mit vagen Andeutungen, sondern recht deutlich dargestellt wird. Das Paar plant raffiniert seine Treffen, wird immer waghalsiger, geht auch in der Öffentlichkeit recht vertraut miteinander um.
Sympathien hat man nicht mit Emma, zu hausgemacht erscheinen ihre Probleme, sie übernimmt keine Verantwortung für ihr Tun. Vielleicht würde man sie heute als depressiv bezeichnen?
Tina und ich haben einen weiteren Klassiker via Hörbuch kennengelernt und es wird gewiss nicht der letzte bleiben. Wir empfehlen dieses Hörbuch voll und ganz.



Montag, 14. August 2017

Imbolo Mbue: Das geträumte Land

- nur ein Alptraum?

Hörbuch von Audible
gelesen von Nils Nelleßen
12 Stunden und 27 Minuten

Diesen Roman habe ich gemeinsam mit Sabine gehört, die genau wie ich im Forum whatchareadin aktiv ist.

Von ihr stammt er erste Teil des Blogbeitrags:

Inhalt 

Jende und Neni Jonga stammen aus Kamerun und haben in Amerika einen Asyl Antrag gestellt, um dauerhaft dort leben zu können. Der Titel trifft es sehr genau: Das Ehepaar hat ein völlig unrealistisches Bild von Amerika, dem Land ihrer Träume und der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die Geschichte ist eingebettet in die beginnende Finanzkrise Amerikas: Jende bekommt einen Job als Chauffeur bei Mr Clark und seiner Familie. Clark repräsentiert zunächst ein Abbild des Amerikaners, der es "geschafft" hat: Er ist Manager bei Lehman Brothers (man ahnt, was kommen wird...), ständig unter Strom, in Eile und mit wenig Zeit für die Familie. Diese Familie mit zwei Söhnen lernen wir besser kennen und es tun sich tiefe Risse in der amerikanischen Idylle auf...

Schließlich verliert Jende seinen Job, er und seine Frau kämpfen um die Existenz, mit der Einwandererbehörde, schließlich auch miteinander...

Literaturhexles Bewertung
Ich gestehe, dass ich das Buch so etwa bis 2/3 als relativ vorhersehbar empfunden habe. Nicht schlecht, weil man beide SEITEN der Medaille kennenlernt und sich sehr gut in die Lage der Asylanten hineinversetzen kann. Danach entwickelten sich die Dinge aber nochmal interessant und anders, als ich erwartete!
Der Vorleser hat mich dieses Mal nicht umgehauen, er las ziemlich "dröge".

Meine Bewertung
Der Beginn des Romans suggeriert zunächst, dass der amerikanische Traum ein weiteres Mal Realität werden wird - ein guter Job als Chauffeur, der Jendes Frau Neni die Möglichkeit eröffnet, weiter am College zu studieren und gegebenenfalls ihren Traum - Apothekerin werden zu wollen, leben zu können. Ein Traum, der realistisch betrachtet, wenig Aussichten auf Erfolg hat, wie ihr der Dekan ihres Colleges sehr gewissenhaft auseinander setzt. Amerika ist das "geträumte Land".
Der Roman führt deutlich vor Augen, was es heißt als Asylbewerber in einem schwebenden Verfahren in einem fremden Land zu bestehen. Die Ängste, die permanenten finanziellen Nöten, die Ansprüche aus der Heimat, Geld zu schicken, und immer noch die Unterschiede zwischen "Schwarz" und "Weiß".
Gleichzeitig sind mir die kulturellen Unterschiede zwischen Jendes Ansichten zur Rolle des Mannes in der Familie und meiner eigenen aufgefallen. Für Jende und auch Neni steht außer Frage, dass er das Sagen hat, bestimmt, welchen Weg die Familie geht. Neni muss sich seinem Willen beugen, so bestimmt er, dass sie mit dem Neugeborenen zuhause bleibt und ein Urlaubssemester macht.
Trotzdem wirkt er nicht unsympatisch, er ist seinem Arbeitgeber loyal gegenüber, verlässlich und gewissenhaft. Das Hörbuch zeichnet ein sehr differenziertes Bild der beiden Familien - der Clarks und der Jongas und verurteilt nicht...
Die Wende sorgt für die nötige Spannung und wirft viele Diskussionspunkte auf, so dass ich/wir das Hörbuch weiter empfehlen können.