- eine Novelle.
Dies ist bereits der dritte Roman, nach "Tod in Connecticut" und "Die Nacht mit Nancy", den ich von Wilson Collison lese, einem Broadway-Autor, den der Louisoder-Verlag glücklicherweise wieder aufgelegt hat.
Im Mittelpunkt seiner Romane stehen unkonventionelle junge Frauen, die für die Zeit, in der die Geschichten spielen- Anfang der 30er Jahre - emanzipiert und selbstbewusst auftreten und die vermeintlich bessere Gesellschaft mit ihren erfrischenden Ansichten schockieren.
Dieses Mal ist es die bildhübsche Blondine Dolly Bretton, eine Wahrsagerin, die aus den USA stammt und ihren Lebensunterhalt u.a. in Nachtclubs, als Stripteasetänzerin und Kellnerin verdient hat. Über ihren Hintergrund erfährt man wenig, nur dass sie in London auf Bill Shane gestoßen ist, der in den USA wegen Mord aus Eifersucht gesucht wird. Dieser nimmt sie mit der Wahrsagernummer mit nach Afrika, wobei sie ihm klare Grenzen vorgibt.
"Ich brauche keinen Mann in meinem Leben. Geschäft ist Geschäft, und ich habe keine Lust, mich so weit weg von zu Hause von Typen wie dir mit der Schlafkrankheit anstecken zu lassen." (16)
Ihr Ziel ist es, so viel Geld zu verdienen, dass die wieder in die USA zurückkehren kann, um dort ein Häuschen zu kaufen und ihre Tage "als Mädchen mit rätselhafter Vergangenheit" (20) zu verbringen.
Die Handlung setzt auf dem trägen Fluss Kongo ein, neben Dolly und Bill befindet sich Lady Essex auf einem alten Dampfer, von der Dolly denkt,
"dass sich die Engländerin schlicht und ergreifend zu ernst nahm. Und solchen Menschen stand Dolly schon per se skeptisch gegenüber. In ihren Augen waren sie bloß Wichtigtuer. Irgendwann musste schließlich jeder sterben. Was hatte es also für einen Sinn, auf andere herabzuschauen?" (25)
- sowie der Captain Finch und der Maschinist Bixby. Aufgrund eines Schadens am Kessel stranden sie im Haus des jungen Arztes Warwick - mitten in der Einsamkeit, dessen schöne Frau sich in der Einsamkeit am Kongo langweilt und die Bills Interesse weckt.
"Da fiel ihr ein, dass sie Bill warnen musste, der die Angewohnheit hatte jede hübsche Frau zu vernaschen, die seinen Weg kreuzte. Er und die Doktorsgattin hatten während des Abendessens schon Blicke gewechselt, und sie wusste, dass Bill die erstbeste Gelegenheit ergreifen würde. Erst hypnotisierte er sein Beute und dann fiel er über sie her." (49)
Dolly hingegen findet Gefallen an Dr. Warwick, der sich zum Ziel gesetzt hat, etwas gegen die Schlafkrankheit zu finden.
Wie auch in "Die Nacht mit Nancy" sind Handlungsschauplatz und -zeit klar umgrenzt und sehr "dicht", so dass die Gefühle und Gedanken der einzelnen Figuren im Mittelpunkt stehen. Aus wechselnder personaler Perspektive erfahren wir vor allem, wie Dolly und der Arzt die Ausnahmesituation erleben. Welche Auswirkungen wird der Besuch für die einzelnen Personen und ihre Beziehungen zueinander haben?
Eine stringent erzählte Geschichte, die unaufhaltsam auf den Höhepunkt zusteuert - spannend zu lesen, was vor allem an der erfrischenden Protagonistin liegt und an dem lakonisch-ironischen Stil Collisons, der die Dekadenz und Langeweile der weißen Ladies und auch Bills unter die Lupe nimmt. Ein Lesegenuss!
Vielen Dank dem Louisoder-Verlag für das Lese-Exemplar!
Ich möchte auf meinem Blog alle möglichen Bücher und Hörbücher vorstellen - quer durch alle Genres - ob Gegenwartsliteratur, Fantasy, Krimis, Liebesromane, historische Romane oder Romane gegen das Vergessen. Viel Spaß beim Lesen!
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Dienstag, 24. September 2019
Freitag, 21. Juni 2019
Gabriele Kunkel: Mord im Piemont
- ein kulinarischer Krimi.
Der Prolog beginnt, wie ein klassischer Krimi beginnen muss - mit einem Mord ;)
Alexey Schukow, offenkundig ein Schurke, bedroht einen anderen Mann mit der Pistole und will ihn dazu zwingen, ihm etwas zu liefern. Was das sein soll, bleibt zunächst offen. Er entscheidet sich schließlich, den Mann doch nicht zu erschießen, sondern verlässt das "alte Casa" im Wald und wird selbst zum Opfer.
In der folgenden Handlung erscheint die Protagonistin des Romans - Sina Cassotto, die als Foodscout für die
"M.F.A., ein Münchner Feinkostladen mit Slow-Food-Image" (15) arbeitet und auf dem Weg zum "Mercato Mondiale del Tartufo Bianco D´ Alba" (10), der weltweiten bekannten Trüffelmesse im Piemont ist. Sie will weißen Trüffel kaufen - "das teuerste Lebensmittel der Welt." (14)
Sinas Mutter ist Deutsche, ihr Vater Italiener, der politisch ultralinks eingestellt ist, was ihr den Namen Sinistra (=links) Brunhilde (Name der dt. Großmutter) Cassotto eingebracht hat. Ihre Eltern leben inzwischen getrennt, die Mutter in ihrer Heimat in Stallwang, Niederbayern, der Vater an der Amalfiküste - zu beiden hat sie ein gutes Verhältnis, fühlt sich trotzdem zerrissen:
"Sie gehörte nie ganz dazu. In Deutschland war sie die Italienerin. In Italien die Deutsche. Lief was falsch, war immer diese "andere" Seite verantwortlich, dann war sie die sture Deutsch oder die chaotische Italienerin." (47)
Weil in Alba alles ausgebucht ist, hat ihr ein Freund aus Deutschland - Michael Schröder - sein Ferienhaus im Wald in Mondovì überlassen. Als sie nachts mit ihrem alten roten Lancia Spider, einem Erbstück ihres italienischen Großvaters, ankommt, begegnet ihr ein "Monster", der sich im weiteren Verlauf als Trifolao (=Trüffelsucher) Tino Grillo herausstellt und Sina die begehrten weißen Trüffel verkaufen kann - und zwar eine für den trockenen Sommer große Menge.
Doch zuvor entdeckt Sina an der Stelle, an der sie das Wasserleitung für Michaels Ferienhaus öffnen will, eine Leiche und wird kurz darauf von Bruno Di Neri, einem Psychotherapeut, der ebenfalls zurückgezogen im Wald lebt, in einen alten Wohnwagen eingesperrt, weil er glaubt, sie habe etwas mit dem Mord zu tun. Später werden die beiden gute Freunde.
Bruno informiert den gut aussehenden Commissario Falcone, der Sinas Reisepass einzieht und ihr verbietet, Mondovì zu verlassen. Als auch ein zweiter Mord in Sinas Umfeld geschieht, gerät sie noch stärker unter Verdacht, der jedoch völlig unbegründet ist. Denn als Leser*innen erleben wir den rasanten Krimi aus ihrer Perspektive, lesen ihre Gedanken, die durchaus sehr amüsant sind.
Es stellt sich heraus, dass das Trüffelgeschäft nicht nur wortwörtlich ein schmutziges ist, sondern dass einige sehr gut daran verdienen und unlautere Mittel anwenden.
Ein gelungener Krimi, der neben einer einzigartigen Kulisse auch viel Informatives über die piemontesische Küche sowie rund um den Trüffel bietet. Im Anhang finden sich eine kleine Trüffelkunde sowie einige Rezepte rund um das weiße Gold. Auch die Lösung des Falls stellt die kriminalistische Seele zufrieden, so dass der Roman seinem Untertitel alle Ehre macht.
Eine unterhaltsame Urlaubslektüre, zu der ein Prosecco aus Valdobiadene oder ein Glas Dolcetto perfekt passen ;)
Vielen Dank dem Louisoder-Verlag, einer "Buchmanufaktur mit viel Leidenschaft und Liebe zum Detail" (410), für das Lese-Exemplar.
Der Prolog beginnt, wie ein klassischer Krimi beginnen muss - mit einem Mord ;)
Alexey Schukow, offenkundig ein Schurke, bedroht einen anderen Mann mit der Pistole und will ihn dazu zwingen, ihm etwas zu liefern. Was das sein soll, bleibt zunächst offen. Er entscheidet sich schließlich, den Mann doch nicht zu erschießen, sondern verlässt das "alte Casa" im Wald und wird selbst zum Opfer.
In der folgenden Handlung erscheint die Protagonistin des Romans - Sina Cassotto, die als Foodscout für die
"M.F.A., ein Münchner Feinkostladen mit Slow-Food-Image" (15) arbeitet und auf dem Weg zum "Mercato Mondiale del Tartufo Bianco D´ Alba" (10), der weltweiten bekannten Trüffelmesse im Piemont ist. Sie will weißen Trüffel kaufen - "das teuerste Lebensmittel der Welt." (14)
Sinas Mutter ist Deutsche, ihr Vater Italiener, der politisch ultralinks eingestellt ist, was ihr den Namen Sinistra (=links) Brunhilde (Name der dt. Großmutter) Cassotto eingebracht hat. Ihre Eltern leben inzwischen getrennt, die Mutter in ihrer Heimat in Stallwang, Niederbayern, der Vater an der Amalfiküste - zu beiden hat sie ein gutes Verhältnis, fühlt sich trotzdem zerrissen:
"Sie gehörte nie ganz dazu. In Deutschland war sie die Italienerin. In Italien die Deutsche. Lief was falsch, war immer diese "andere" Seite verantwortlich, dann war sie die sture Deutsch oder die chaotische Italienerin." (47)
Weil in Alba alles ausgebucht ist, hat ihr ein Freund aus Deutschland - Michael Schröder - sein Ferienhaus im Wald in Mondovì überlassen. Als sie nachts mit ihrem alten roten Lancia Spider, einem Erbstück ihres italienischen Großvaters, ankommt, begegnet ihr ein "Monster", der sich im weiteren Verlauf als Trifolao (=Trüffelsucher) Tino Grillo herausstellt und Sina die begehrten weißen Trüffel verkaufen kann - und zwar eine für den trockenen Sommer große Menge.
Doch zuvor entdeckt Sina an der Stelle, an der sie das Wasserleitung für Michaels Ferienhaus öffnen will, eine Leiche und wird kurz darauf von Bruno Di Neri, einem Psychotherapeut, der ebenfalls zurückgezogen im Wald lebt, in einen alten Wohnwagen eingesperrt, weil er glaubt, sie habe etwas mit dem Mord zu tun. Später werden die beiden gute Freunde.
Bruno informiert den gut aussehenden Commissario Falcone, der Sinas Reisepass einzieht und ihr verbietet, Mondovì zu verlassen. Als auch ein zweiter Mord in Sinas Umfeld geschieht, gerät sie noch stärker unter Verdacht, der jedoch völlig unbegründet ist. Denn als Leser*innen erleben wir den rasanten Krimi aus ihrer Perspektive, lesen ihre Gedanken, die durchaus sehr amüsant sind.
Es stellt sich heraus, dass das Trüffelgeschäft nicht nur wortwörtlich ein schmutziges ist, sondern dass einige sehr gut daran verdienen und unlautere Mittel anwenden.
Ein gelungener Krimi, der neben einer einzigartigen Kulisse auch viel Informatives über die piemontesische Küche sowie rund um den Trüffel bietet. Im Anhang finden sich eine kleine Trüffelkunde sowie einige Rezepte rund um das weiße Gold. Auch die Lösung des Falls stellt die kriminalistische Seele zufrieden, so dass der Roman seinem Untertitel alle Ehre macht.
Eine unterhaltsame Urlaubslektüre, zu der ein Prosecco aus Valdobiadene oder ein Glas Dolcetto perfekt passen ;)
Vielen Dank dem Louisoder-Verlag, einer "Buchmanufaktur mit viel Leidenschaft und Liebe zum Detail" (410), für das Lese-Exemplar.
Samstag, 5. Januar 2019
Gerdt Fehrle: Und nachts fluten sie die Straßen
- Erinnerungen an eine dunkle Zeit.
Zu Beginn erfahren wir aus der Sicht einer Psychiaterin, dass sie den Hundertjährigen, der in der Klinik seinen Lebensabend verbringt, nicht mag.
"Wie der in seinem Sessel saß, der unheimliche alte Nöck. Verschrumpelt, zäh, lauernd. Überhaupt nicht bedürftig, in keinster Weise gebrechlich. Eher kalt wie ein Fossil. Mit kaltem, versteinertem Herzen." (6)
Doch an diesem Abend kann sie ihm nicht entkommen, denn
"[j]etzt kommt der Schluss, die letzte große Beichte, der Abgesang. Und kein Entkommen." (7)
Nach dieser Rahmenhandlung erzählt der hundertjährige Kannengießer, der aus dem Elsass stammt, aus der Ich-Perspektive überwiegend seiner Zuhörerin von zwei Phasen seines Lebens.
Einerseits vom Mai 1968, die Zeit der Studentenunruhen in Paris, wo er ein kleines Hotel, "Les belles Hirondelles" (8), gemeinsam mit seiner Frau Michelle führt.
Andererseits von 1943-1944 im besetzten Paris, zu der Zeit ist er Polizist gewesen und hat in besonders brutalen Gewaltverbrechen an Prostituierten ermittelt.
"Wir sollten Morde aufklären. Wirklich. Das war zum Totlachen. In ganz Europa brachten sich die Menschen gegenseitig in Massen um, in Auschwitz und Treblinka und Majdanek wurden die Menschen maschinell vernichtet, wer die falsche Nationalität, Religion oder Nase hatte, konnte auf offener Straße erschossen werden, selbst in Paris, obwohl sich die Deutschen hier ja immer bemühten, kultiviert zu erscheinen, aber dennoch, erschossen und noch an Ort und Stelle verscharrt. Und ich war Kriminaler bei der Pariser Polizei. Zum Brüllen, nicht wahr?" (12)
Nach dem Abzug der Deutschen wurde Kannengießer unehrenhaft entlassen, weil sein Pariser Polizeichef, der selbst mit den Deutschen kollaboriert hat, ihm genau dies vorgeworfen hat. Als Kannengießer später rehabilitiert wird, hat er sich bereits gemeinsam mit seiner Frau als Hotelier eine neue Lebensgrundlage geschaffen.
Er hatte 1943 einen Deutschen im Verdacht, die Prostituierten getötet zu haben. Friedrich Morgenthaler, der beim SD gearbeitet hat und der am 3.Mai 1968 plötzlich in seinem Hotel auftaucht.
"Er trat einfach in unser Hotel und damit in mein Leben. Klingt ganz einfach, ganz banal, nicht wahr? Aber für mich begann die Hölle. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, vielleicht ist das die Gelegenheit, die ich 1944 nicht bekommen habe. Die einmalige Chance, ihn doch noch zu erwischen." (15)
Der Ich-Erzähler springt zwischen den beiden Zeiträumen, so dass die Erzählstränge immer wieder unterbrochen werden, was für entsprechende Spannung sorgt.
Hinzu kommt, dass Kannengießer seine Vergesslichkeit thematisiert und das ein oder andere Mal abschweift. So erzählt er zum Beispiel, wie er zur Polizei gekommen ist, was er erlebt hat, während der erste Mord an einer Prostituierten geschehen ist, wie der Pathologe gearbeitet hat und entwirft dabei ein düsteres Bild des besetzten Paris - ein Film noir läuft im Kopf ab.
Wir erfahren von den Morden, von seinem Verdacht, am Rande von der Ermittlungsarbeit - es sind Erinnerungsbilder und -momente, weit entfernt von einem chronologischen knappen Lebensbericht.
"Die Panzer auf den Champs-Élysées vergisst man nicht, (...). Aber wie das ist, sich Tag für Tag in einer kalten Wohnung mit kaltem Wasser zu waschen, Kohle aus dem Keller zu holen, den Geruch von Öl in der kleinen Heizung, den Geschmack von echtem Camemberts, das vergisst man. Das wirklich Unschöne und das wirklich Schöne, das einem so ganz und gar unter die Haut gefahren ist, das verschwindet. Und schon ist man alt, und das sogenannte Gedächtnis besteht nur noch aus Zeitungsschnipseln und Fernsehbildern, die man für die eigenen Erinnerungen hält." (23)
Trotz seiner vermeintlichen Vergesslichkeit gelingt es dem Erzähler hervorragend die Stimmung, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit einzufangen. Man fühlt mit Kannengießer, der Morgenthaler 1968 verfolgt, um herauszufinden, ob er tatsächlich der Mörder der Prostituierten gewesen ist und vielleicht einen Hinweis auf die verschwundene Chantal, ebenfalls eine Prostituierte, zu erhalten.
Wird er die Wahrheit herausfinden und seine Chance nutzen? Oder bleiben die Morde ungesühnt? Ist Morgenthaler überhaupt der Mörder?
Bewertung
"Nachts fluten sie in Paris die Straßen. Der Unrat einer Nacht fließt dann hinab in die Katakomben der Kanalisation. Und mit ihr das weniger Schillernde, das Heimliche, das Böse. Vom Wasser weggeschwemmt." (143)
So wie das Wasser das Böse wegschwemmt, will Kannengießer mit seiner Lebensbeichte kurz vor seinem Tod das Böse vertreiben. Er will sich das, was er erlebt hat, von der Seele reden, um ihn Ruhe sterben zu können - so habe ich den Titel in Bezug auf den Roman interpretiert.
Ein beeindruckender Roman, der vordergründig einen Kriminalfall zu erzählen scheint, der jedoch das Psychogramm eines Mörders und seines Verfolgers zu zeichnen versucht, wobei vieles vage und damit der Fantasie der Leser*innen überlassen bleibt.
Sowohl die Geschichte selbst als auch die Erzähltechnik, das Springen zwischen den beiden Lebensphasen verbunden mit der Zuwendung zur "Beicht"ärztin und das Ringen um Erinnerung machen für mich den besonderen Reiz dieses Romans aus.
Klare Lese-Empfehlung!
Lieben Dank an den Louisoder-Verlag für das Rezensionsexemplar
Zu Beginn erfahren wir aus der Sicht einer Psychiaterin, dass sie den Hundertjährigen, der in der Klinik seinen Lebensabend verbringt, nicht mag."Wie der in seinem Sessel saß, der unheimliche alte Nöck. Verschrumpelt, zäh, lauernd. Überhaupt nicht bedürftig, in keinster Weise gebrechlich. Eher kalt wie ein Fossil. Mit kaltem, versteinertem Herzen." (6)
Doch an diesem Abend kann sie ihm nicht entkommen, denn
"[j]etzt kommt der Schluss, die letzte große Beichte, der Abgesang. Und kein Entkommen." (7)
Nach dieser Rahmenhandlung erzählt der hundertjährige Kannengießer, der aus dem Elsass stammt, aus der Ich-Perspektive überwiegend seiner Zuhörerin von zwei Phasen seines Lebens.
Einerseits vom Mai 1968, die Zeit der Studentenunruhen in Paris, wo er ein kleines Hotel, "Les belles Hirondelles" (8), gemeinsam mit seiner Frau Michelle führt.
Andererseits von 1943-1944 im besetzten Paris, zu der Zeit ist er Polizist gewesen und hat in besonders brutalen Gewaltverbrechen an Prostituierten ermittelt.
"Wir sollten Morde aufklären. Wirklich. Das war zum Totlachen. In ganz Europa brachten sich die Menschen gegenseitig in Massen um, in Auschwitz und Treblinka und Majdanek wurden die Menschen maschinell vernichtet, wer die falsche Nationalität, Religion oder Nase hatte, konnte auf offener Straße erschossen werden, selbst in Paris, obwohl sich die Deutschen hier ja immer bemühten, kultiviert zu erscheinen, aber dennoch, erschossen und noch an Ort und Stelle verscharrt. Und ich war Kriminaler bei der Pariser Polizei. Zum Brüllen, nicht wahr?" (12)
Nach dem Abzug der Deutschen wurde Kannengießer unehrenhaft entlassen, weil sein Pariser Polizeichef, der selbst mit den Deutschen kollaboriert hat, ihm genau dies vorgeworfen hat. Als Kannengießer später rehabilitiert wird, hat er sich bereits gemeinsam mit seiner Frau als Hotelier eine neue Lebensgrundlage geschaffen.
Er hatte 1943 einen Deutschen im Verdacht, die Prostituierten getötet zu haben. Friedrich Morgenthaler, der beim SD gearbeitet hat und der am 3.Mai 1968 plötzlich in seinem Hotel auftaucht.
"Er trat einfach in unser Hotel und damit in mein Leben. Klingt ganz einfach, ganz banal, nicht wahr? Aber für mich begann die Hölle. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, vielleicht ist das die Gelegenheit, die ich 1944 nicht bekommen habe. Die einmalige Chance, ihn doch noch zu erwischen." (15)
Der Ich-Erzähler springt zwischen den beiden Zeiträumen, so dass die Erzählstränge immer wieder unterbrochen werden, was für entsprechende Spannung sorgt.
Hinzu kommt, dass Kannengießer seine Vergesslichkeit thematisiert und das ein oder andere Mal abschweift. So erzählt er zum Beispiel, wie er zur Polizei gekommen ist, was er erlebt hat, während der erste Mord an einer Prostituierten geschehen ist, wie der Pathologe gearbeitet hat und entwirft dabei ein düsteres Bild des besetzten Paris - ein Film noir läuft im Kopf ab.
Wir erfahren von den Morden, von seinem Verdacht, am Rande von der Ermittlungsarbeit - es sind Erinnerungsbilder und -momente, weit entfernt von einem chronologischen knappen Lebensbericht.
"Die Panzer auf den Champs-Élysées vergisst man nicht, (...). Aber wie das ist, sich Tag für Tag in einer kalten Wohnung mit kaltem Wasser zu waschen, Kohle aus dem Keller zu holen, den Geruch von Öl in der kleinen Heizung, den Geschmack von echtem Camemberts, das vergisst man. Das wirklich Unschöne und das wirklich Schöne, das einem so ganz und gar unter die Haut gefahren ist, das verschwindet. Und schon ist man alt, und das sogenannte Gedächtnis besteht nur noch aus Zeitungsschnipseln und Fernsehbildern, die man für die eigenen Erinnerungen hält." (23)
Trotz seiner vermeintlichen Vergesslichkeit gelingt es dem Erzähler hervorragend die Stimmung, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit einzufangen. Man fühlt mit Kannengießer, der Morgenthaler 1968 verfolgt, um herauszufinden, ob er tatsächlich der Mörder der Prostituierten gewesen ist und vielleicht einen Hinweis auf die verschwundene Chantal, ebenfalls eine Prostituierte, zu erhalten.
Wird er die Wahrheit herausfinden und seine Chance nutzen? Oder bleiben die Morde ungesühnt? Ist Morgenthaler überhaupt der Mörder?
Bewertung
"Nachts fluten sie in Paris die Straßen. Der Unrat einer Nacht fließt dann hinab in die Katakomben der Kanalisation. Und mit ihr das weniger Schillernde, das Heimliche, das Böse. Vom Wasser weggeschwemmt." (143)
So wie das Wasser das Böse wegschwemmt, will Kannengießer mit seiner Lebensbeichte kurz vor seinem Tod das Böse vertreiben. Er will sich das, was er erlebt hat, von der Seele reden, um ihn Ruhe sterben zu können - so habe ich den Titel in Bezug auf den Roman interpretiert.
Ein beeindruckender Roman, der vordergründig einen Kriminalfall zu erzählen scheint, der jedoch das Psychogramm eines Mörders und seines Verfolgers zu zeichnen versucht, wobei vieles vage und damit der Fantasie der Leser*innen überlassen bleibt.
Sowohl die Geschichte selbst als auch die Erzähltechnik, das Springen zwischen den beiden Lebensphasen verbunden mit der Zuwendung zur "Beicht"ärztin und das Ringen um Erinnerung machen für mich den besonderen Reiz dieses Romans aus.
Klare Lese-Empfehlung!
Lieben Dank an den Louisoder-Verlag für das Rezensionsexemplar
Donnerstag, 18. Oktober 2018
Christian Rupprecht: Die zwei Gesichter der Mona Lisa
- rasante Krimi-Komödie.
Im Mittelpunkt der amüsanten Geschichte steht die attraktive 37-jährige Restauratorin Maria Felicella, die seit Jahren ihrem Ex-Freund Paolo nachtrauert. Laut Aussage ihrer besten Freundin Emma ein nicht zu ertragender Zustand.
"Doch während Emma sich scheinbar spielerisch durchs Leben treiben, sich mal hier, mal da pflücken ließ und dabei ihren Spaß hatte, herrschten in Marias Leben Regeln und Moralvorstellungen, die von ihrer kalabresischen Großmutter hätten stammen können. Und in ihrem Leben somit die Vergnügungs-Dauer-Ebbe." (13)
Im Rahmen einer Ausstellung plant die Galeria Borghese in Rom eine Ausstellung der Werke Leonardo da Vincis, dazu soll aus Paris die Mona Lisa ausgeliehen werden - allerdings weigert sich der Chef des Louvres Henry Nemours in letzter Sekunde sie nach Italien zu schicken. Sowohl Maria, die die Mona Lisa untersuchen wollte, als auch Signoria Antonia Garibaldi, die die echte Mona Lisa heimlich durch eine Kopie ersetzen will, sind außer sich.
Statt das berühmteste Lächeln der Welt zu erforschen, reist Maria nach New York, wo sich bei Richard Shepard Studien zum berühmten Porträt befinden, gleichzeitig könnte er für die Galeria Borghese eine gutes Wort bei Nemours einlegen, da sich beide kennen. Zudem hat Shepard kürzlich das berühmte Gemälde Narziss von Caravaggio gekauft, das die Galeria aus finanziellen Gründen veräußern musste. Ausgerechnet der Narziss, Marias Lieblingsgemälde, denn
"der Narziss, dieser schöne, unglückliche Junge, der in sich selbst verliebt ist und daran zugrunde geht, dieses Meisterwerk von Caravaggio war für Maria etwas ganz Besonderes. [...] dieser verschlossene, autistische, verlorene, tödlich in sich selbst verdrehte Jüngling schien Sinnbild, Parabel und Allegorie auf ihr Denken, Fühlen und Handeln zu sein. Auf sie selbst, die hoffnungslos Ausgeschlossene, hoffnungslos Betrachtende, für immer unglücklich Liebende." (25)
In New York stellt sich das Gemälde als Fälschung heraus, wie soll Maria damit umgehen, vor allem da die Tochter der Garibaldi es für Richard Shepard eingekauft hat? Und dann lernt sie noch einen äußerst attraktiven Mann kennen, der in der Lage zu sein scheint, sie endlich von der Trauer um Paolo befreien zu können.
"Der Traummann. Ihr Traummann. Den es für sie natürlich gar nicht gab. Sie gab sich die gefühlte Ewigkeit einer Traumsekunde dieser Wahnvorstellung von Kitsch und Künstlichkeit hin, einem Bild, das jedem kleinen Mädchen als das Glück auf Erden eingetrichtert wird und das jedes kleine Mädchen, so es eines Tages zur freienden Maid herangewachsen ist, verarbeiten muss." (101)
Während Maria in New York ist, zieht in Paris die Garibaldi die Fäden. Über einen Mittelsmann - "Und ja, er war das Böse in dieser Frauengeschichte" (103) - will sie erreichen, dass die Mona Lisa doch noch nach Italien gelangt.
"So. Mal überlegen. Was bisher geschah: "Die Mona Lisa kommt nicht nach Italien. So weit, so gut. Aber so soll es nicht bleiben. Ich, Flavio Malandrolo, muss und werde also dafür sorgen, dass sich das ändert. Und wen darf ich dafür etwas bearbeiten?" (70)
Über den Sicherheitschef des Louvre, Gustave Dupont, der Flavio erstaunlicherweise gleicht, will er an Henry Nemours und schließlich an die Mona Lisa gelangen. Ob es ihm gelingt, sie der Garibaldi zu bringen?
Bewertung
Der Roman kommt genauso locker-leicht daher, wie es sein Cover verspricht. Eine überaus amüsante Kriminal-Geschichte, bei deren Lektüre ich oft herzhaft lachen musste. Skurrile Szenen, unerwartete Wendungen, herrlich überzeichnete Figuren und das Spielen mit gängigen Klischees sorgen für Spaß beim Lesen.
Glücklicherweise hat sich Rupprecht, der Tür an Tür mit dem Louisoder-Verlag wohnt, entschieden sein Manuskript dort abzugeben.
Vielen Dank an den Louisoder-Verlag für das Lese-Exemplar!
Im Mittelpunkt der amüsanten Geschichte steht die attraktive 37-jährige Restauratorin Maria Felicella, die seit Jahren ihrem Ex-Freund Paolo nachtrauert. Laut Aussage ihrer besten Freundin Emma ein nicht zu ertragender Zustand.
"Doch während Emma sich scheinbar spielerisch durchs Leben treiben, sich mal hier, mal da pflücken ließ und dabei ihren Spaß hatte, herrschten in Marias Leben Regeln und Moralvorstellungen, die von ihrer kalabresischen Großmutter hätten stammen können. Und in ihrem Leben somit die Vergnügungs-Dauer-Ebbe." (13)
Im Rahmen einer Ausstellung plant die Galeria Borghese in Rom eine Ausstellung der Werke Leonardo da Vincis, dazu soll aus Paris die Mona Lisa ausgeliehen werden - allerdings weigert sich der Chef des Louvres Henry Nemours in letzter Sekunde sie nach Italien zu schicken. Sowohl Maria, die die Mona Lisa untersuchen wollte, als auch Signoria Antonia Garibaldi, die die echte Mona Lisa heimlich durch eine Kopie ersetzen will, sind außer sich.
Statt das berühmteste Lächeln der Welt zu erforschen, reist Maria nach New York, wo sich bei Richard Shepard Studien zum berühmten Porträt befinden, gleichzeitig könnte er für die Galeria Borghese eine gutes Wort bei Nemours einlegen, da sich beide kennen. Zudem hat Shepard kürzlich das berühmte Gemälde Narziss von Caravaggio gekauft, das die Galeria aus finanziellen Gründen veräußern musste. Ausgerechnet der Narziss, Marias Lieblingsgemälde, denn
"der Narziss, dieser schöne, unglückliche Junge, der in sich selbst verliebt ist und daran zugrunde geht, dieses Meisterwerk von Caravaggio war für Maria etwas ganz Besonderes. [...] dieser verschlossene, autistische, verlorene, tödlich in sich selbst verdrehte Jüngling schien Sinnbild, Parabel und Allegorie auf ihr Denken, Fühlen und Handeln zu sein. Auf sie selbst, die hoffnungslos Ausgeschlossene, hoffnungslos Betrachtende, für immer unglücklich Liebende." (25)
In New York stellt sich das Gemälde als Fälschung heraus, wie soll Maria damit umgehen, vor allem da die Tochter der Garibaldi es für Richard Shepard eingekauft hat? Und dann lernt sie noch einen äußerst attraktiven Mann kennen, der in der Lage zu sein scheint, sie endlich von der Trauer um Paolo befreien zu können.
"Der Traummann. Ihr Traummann. Den es für sie natürlich gar nicht gab. Sie gab sich die gefühlte Ewigkeit einer Traumsekunde dieser Wahnvorstellung von Kitsch und Künstlichkeit hin, einem Bild, das jedem kleinen Mädchen als das Glück auf Erden eingetrichtert wird und das jedes kleine Mädchen, so es eines Tages zur freienden Maid herangewachsen ist, verarbeiten muss." (101)
Während Maria in New York ist, zieht in Paris die Garibaldi die Fäden. Über einen Mittelsmann - "Und ja, er war das Böse in dieser Frauengeschichte" (103) - will sie erreichen, dass die Mona Lisa doch noch nach Italien gelangt.
"So. Mal überlegen. Was bisher geschah: "Die Mona Lisa kommt nicht nach Italien. So weit, so gut. Aber so soll es nicht bleiben. Ich, Flavio Malandrolo, muss und werde also dafür sorgen, dass sich das ändert. Und wen darf ich dafür etwas bearbeiten?" (70)
Über den Sicherheitschef des Louvre, Gustave Dupont, der Flavio erstaunlicherweise gleicht, will er an Henry Nemours und schließlich an die Mona Lisa gelangen. Ob es ihm gelingt, sie der Garibaldi zu bringen?
Bewertung
Der Roman kommt genauso locker-leicht daher, wie es sein Cover verspricht. Eine überaus amüsante Kriminal-Geschichte, bei deren Lektüre ich oft herzhaft lachen musste. Skurrile Szenen, unerwartete Wendungen, herrlich überzeichnete Figuren und das Spielen mit gängigen Klischees sorgen für Spaß beim Lesen.
Glücklicherweise hat sich Rupprecht, der Tür an Tür mit dem Louisoder-Verlag wohnt, entschieden sein Manuskript dort abzugeben.
Vielen Dank an den Louisoder-Verlag für das Lese-Exemplar!
Sonntag, 14. Oktober 2018
Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 2018
In der Hoffnung, dass am Donnerstag etwas weniger los sein würde als freitags, traf ich mich mit meiner Lesefreundin Mira, um gemeinsam die Buchmesse zu erkunden - im Schlepptau vier Mädchen, meine eigenen und zwei Freundinnen. Langweile sollte also nicht aufkommen.
Nachdem wir durch Halle 3.1 geschlendert waren, der Hobbit Press des Klett-Cotta Verlages unseren Besuch abgestattet hatten, stand um 11.00 Uhr das Interview mit der diesjährigen Buchpreis-Gewinnerin Inga-Maria Mahlke, die von Takis Würger vom Spiegel befragt wurde, auf dem Plan.Gefragt danach, wie es ihr ginge, gab sie zu, das alles sei wie ein unglaublicher Film, erst nächste Woche werde sie wahrscheinlich realisieren, was es bedeute, den Deutschen Buchpreis gewonnen zu haben.
Für ein Porträt hatte Würger sie bereits in Teneriffa besucht, gerade zu der Zeit, als bekannt wurde, dass ihr Roman es auf die Longlist geschafft hat, deshalb duze er sie, erklärte Würger den Zuschauer*innen, um immer wieder ins "Sie" zu verfallen - der offizielle Anlass ;)
Der Roman erzählt anhand dreier Familien die Geschichte Teneriffas - rückwärts.
Mahlke erklärte, sie misstraue Kausalitäten und dem Bestreben im Rückblick Erinnerungen glätten zu wollen, um Kohärenz herzustellen. Sie interessiere sich aber gerade für die Brüche, diese wolle sie sichtbar machen, daher das Erzählen in die Vergangenheit hinein. Dieser erzähltechnische Ansatz macht mich neugierig, die Entscheidung den Roman zu lesen, fiel genau in diesem Moment und spätestens nach der Lesung einiger Seiten - denn Mahlke beschreibt gekonnt minutiös eine einzelne Szene, so dass sie sofort vor dem inneren Auge entsteht.
Ihre Figuren ergeben sich aus dem Schreibprozess, ein Satz steht zunächst allein, dann folgen weitere...sie stellt sich vor, wie ihre Figuren in Alltagsszenen agieren. Die Art und Weise, wie jemand sein Bett mache, sage viel über die Person aus, erklärt sie.Warum Teneriffa? Ihre Mutter stamme von dort und nein, ihr Vater habe keine Eingeborene geheiratet, wie sie oft gefragt werde, sondern ihre Mutter kam nach Deutschland und lernte hier ihren Mann kennen. Obwohl sie in ihrer Kindheit jede Ferien auf der Insel verbracht habe, habe sie erst in den Recherchen zu dem Roman diese neu kennen gelernt - sei sich ihrer Historie bewusst geworden. Sie habe viele Fotos von den gleichen Orten betrachtet und kleine Details, die sich im Lauf der Zeit verändert hätten, bemerkt.
Sie liebe diese Insel, das anarchische Element. Oft gebe es eine Reihung absurder Ereignisse, wie ein flatterndes Huhn im Wohnzimmer, das von einem Hund gerissen werde. Wie bekommt man Hühnerblut aus dem Perser?
Ihre Figuren seien fiktiv, sie empfinde es als übergriffig, wenn man reale als Vorbilder nehme und nach Abschluss der Geschichte müsse man sie loslassen. So brutal es klinge, sie müssten sterben. Trotz dieser Aussage wirkte die Buchpreisgewinnerin sehr sympathisch und hat mich mit dem, was sie erzählte, überzeugt, ihren Roman zu lesen.
Währenddessen hörten sich die Mädels einen Vortrag vom kleinen Verlag "Traumfänger" über die Darstellung von Indianern in der Literatur. Da sie die einzigen Kinder waren, wurden sie anschließend von einem Redakteur der FAZ interviewt, ich bin gespannt, ob ein Artikel daraus wird.Im Anschluss daran nutzte ich die Zeit den kleinen, aber sehr feinen unabhängigen Louisoder-Verlag aus München zu besuchen, dessen Neuerscheinungen sich im Frühjahr und Herbst auf jeweils zwei beschränken. Schwerpunkt sind einerseits Romane aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, die in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben sind, wie zum Beispiel die amüsanten Romane von Wilson Collison, "Die Nacht mit Nancy" und "Tod in Connecticut", die ich mit großem Vergnügen gelesen habe.
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| Ein Roman gegen das Vergessen |
In den Buchhandlungen erfährt der Verlag, 2012 von Gerdt Fehrle gegründet, selbst Autor, kontinuierlich mehr Beachtung, obwohl oder gerade weil er außergewöhnliche Bücher jenseits des Mainstreams verlegt.
Auf der ARD-Bühne bekam ich noch den Rest von Volker Kutschers Interview über "Der nasse Fisch" und die Serie "Babylon Berlin" mit, die Suchtfaktor hat - wie ich bestätigen kann. Viel Recherche stecke in seinen Romanen, ein neuer sei in Arbeit. Das freut mich natürlich, denn ich habe die ganze Reihe um Gereon Rath verschlungen.
Im Anschluss stand Bodo Kirchhoff auf der Bühne und wurde zu seinem neuen Roman "Dämmer und Aufruhr" befragt, in dem er seine frühe Kindheit und Jugend thematisiert. Erst nach dem Tod seiner Mutter habe er über diese Zeit schreiben können. Um eine Distanz zum Geschehen herzustellen, gebe es drei Erzählebenen. Das erlebende Ich - die kindliche Perspektive -, den erinnernden Autor und ein Gespräch zwischen der 90-jährigen Mutter und dem Erzähler. Die Erinnerungen folgen alten Fotos, wie das mit Max Schmeling, mit dem Kirchhoff gemeinsam einen Film gedreht hat, wobei er selbst nur eine kleine Rolle innehatte. Da die Erinnerungen lückenhaft sind, werden fiktive Elemente hinzugefügt - die eigene Geschichte wird funktionalisiert - genau das, was Mahlke in ihrem Roman durch das Rückwärts-Erzählen vermeiden will. Allerdings erzählt sie nicht ihre eigene Geschichte, wie Bodo Kirchhoff, der als 10-Jähriger in ein Internat abgeschoben wurde, wo er von einem Lehrer "erwählt" wurde. Im Nachhinein müsse man von Missbrauch sprechen, allerdings möchte er die Geschichte dahinter berücksichtigt sehen. Kirchhoff erklärt, wenn eine Frau im Krieg von Soldaten vergewaltigt werde, sei dies ein eindeutiger Fall, in anderen müsse man die Geschichte dahinter berücksichtigen. Leider hat die Moderatorin an diesem Punkt nicht nachgehakt, wo zieht er die Grenze? Ein sensibles Thema, für das Kirchhoff meiner Meinung nach nicht die richtigen Worte gefunden hat. Mira und ich überlegen noch, ob wir seinen Roman lesen sollen.
Gemeinsam mit den beiden älteren Mädchen (14 und 13) besuchte ich das Interview mit Reiner Engelmann zu seinem Roman "Der Buchhalter von Ausschwitz". In seinem Jugendbuch erzählt er die Geschichte Oskar Grönings, der sich mit Anfang 20 freiwillig zur SS gemeldet hat. Seine Aufgabe in Ausschwitz, für die er eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben musste, bestand darin, das Geld der "Häftlinge" zu verwalten und Dienst an der Rampe zu tun, wo das Gepäck abgegeben werden musste. Gröning hat nach dem Krieg über seine Tätigkeit geschwiegen, Anfang der 80er Jahre stellte er sich jedoch gegen die Holocaust-Leugner, ohne jedoch eine persönliche Schuld einzugestehen. Anfang 2015 wurde er wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, betonte jedoch in der Verhandlung, er habe nur seine Pflicht getan. Engelmann sagte, dass er Jugendliche weniger die Frage stellen möchte, wie sie sich in dieser Situation verhalten hätten, sondern wichtiger sei, wie verhalte ich mich in der aktuellen politischen Lage, in der ein Rechtsruck durch die Gesellschaft geht. Im besten Fall könne man aus der Geschichte lernen - sein Roman leistet einen wichtigen Beitrag dazu.Zum Abschluss besuchte ich gemeinsam mit Mira den Diogenes-Talk im neuen Pavillon. Befragt wurden neben Verleger Philipp Keel die Krimiautor*innen Katrine Engberg und Mike Herron. Ihre Romane "Krokodilwächter" und "Slow Horses" habe ich beide gelesen und so war es besonders interessant zu erfahren, wie sie auf die Idee zu diesen Geschichten gekommen sind.
Engberg unternahm vor 5-6 Jahren einen Spaziergang mit ihrer Familie, zu der Zeit, als der Meteoritensturm Laurenzi gerade am Himmel zu sehen war. Gleichzeitig entdeckte sie ein Klingelschild: Familie Laurenti und plötzlich war die Protagonistin ihres Romans, Esther de Laurenti, da. Sie wusste, sie mag dicke, kleine Hunde und Rotwein und zog bei Katrine Engberg ein. Entstanden ist ein sehr spannender Krimi, der mit der Meta-Ebene spielt. Laurenti schreibt nämlich einen Krimi, der dann Wirklichkeit wird. Was war zuerst da? Der Mordfall oder das Manuskript? Inzwischen sind zwei weitere Fälle des sympathischen Ermittler-Duos Jeppe Körner und Anette Werner im Dänischen erschienen, hoffentlich werden sie ins Deutsche übersetzt.
Beim Agententhriller "Slow Horses" entschied sich der Verleger gegen den deutschen Titel, "Langsame Pferde" verkauften sich nicht. Angesprochen darauf, warum das Cover von den üblichen bei Diogenes abweiche, verriet Philipp Keel, die Buchhändler hätten gefordert, ein Thriller müsse anders verpackt sein. Inzwischen beschwerten sie sich, er sähe ganz anders als die anderen Diogenes-Bücher aus ;)Mike Herron gab zu, dass er Recherche-Arbeit hasse, trotzdem sei ihm von einem ehemaligen Spion bescheinigt worden, seine Romane seien sehr realistisch - das habe ihn zutiefst beunruhigt. In all seinen Antworten scheint der trockene britische Humor durch, der auch seinen Roman durchzieht. Insgesamt scheint die Stimmung beim Verlag locker und gelöst zu sein, schenkt man den dreien Glauben, in ihren Gesprächen werde viel Wein getrunken. Leider konnte ich die zweite Runde mit Anne Reinecke, Benedict Wells und Chris Kraus aus Zeitgründen nicht mehr hören. Schade, denn Reineckes Roman "Leinsee" gehört bisher zu meinen Lieblings-Büchern in diesem Jahr. Und auf Benedict Wells, den ich vielleicht in einer Leserunde auf whatchaReadin lesen kann, freue ich mich besonders - genauso wie auf meinem Besuch im nächsten Jahr.
Freitag, 16. März 2018
Wilson Collison: Tod in Connecticut
- Mord in der High Society.
Im Mittelpunkt der Romane von Wilson Collison stehen unkonventionelle junge Frauen in den 20er und 30er Jahren in New York, wie Nancy in "Die Nacht mit Nancy" oder wie die Millionenerbin Nolya, deren zweifelhafter Ruf ihr vorauseilt - zu Recht?
Worum geht es?
Wir treffen die Protagonistin Nolya Noyes beim berühmten Arzt Doktor Banfield, sie ist ernsthaft krank - viel mehr erfahren wir nicht darüber. Sie reflektiert über ihr bisheriges Leben und kommt zu dem Schluss, dass Freunde versuchen,
"einen Kreis um sie ziehen, eine Mauer zu errichten, die ihr Leben darauf beschränken würde, einem endlosen Kreislauf der Konventionen zu folgen. Sie verlangte doch lediglich, ihre Intelligenz frei nutzen zu dürfen, mehr nicht. Menschen und Freunde wurden mit einem gewissen Status geboren und veränderten sich so wenig. Sie standen fest zu ihren Moralvorstellungen und eingefahrenen Denkmustern. Und Nolyas Unwille, solche vorgegebenen Verhaltensmuster zu akzeptieren..." (S.12f.)
Eine junge, sehr attraktive Frau, die ihre Leben selbst bestimmen will und sich nicht an den ihr vorgeschriebenen Lebensweg hält. Hinter ihr liegt eine Affäre mit einem verheirateten Mann, Arthur Raymond, der seine Frau verlassen hat, um mit ihr zu leben - bis sein Vater, ein bekannter Anwalt, eingegriffen hat. Nolya musste ihm versprechen, seinen Sohn in Ruhe zu lassen und weil sie ihn liebt, will sie dieses Opfer bringen.
"Arthur gehörte der Vergangenheit an. Die Asche war verstreut, und verstreute Asche konnte man nicht einfach einsammeln und zu einer neuen Wirklichkeit aus Fleisch und Blut zusammensetzen. Arthur war nicht ihr Liebhaber gewesen. Er war Liebe." (S.41)
In ihrer Gegenwart bemüht sich der Künstler Neil um sie, mit dem sich vor einigen Jahren schon verbandelt gewesen ist.
"Wie lange war das her, seit die Leidenschaft sie in diesen Strudel mit Neil Rendon gezogen hatte? Vier Jahre, sie war einundzwanzig gewesen. Er fünfunddreißig. Jetzt war sie fünfundzwanzig, und Neil ging auf die vierzig zu. Mit einundzwanzig hatte die Leidenschaft sie zerstört. Die Liebe versuchte, sie mit fünfundzwanzig wieder aufzurichten. Aber die Liebe hatte kaum eine Chance." (S.47)
Obwohl sich Nolya nur dieses eine Mal von ihrer Leidenschaft hat hinreißen lassen, hängt ihr der Ruf nach, sie sei ein leichtes Mädchen, ein Flittchen. In den dekadenten 20er Jahren in New York wird sie dafür bewundert und begehrt, gleichzeitig gilt sie als persona non grata der gehobenen Gesellschaft, auch wenn ihr das niemand offen ins Gesicht sagt.
Sie selbst ist unglücklich, denn Neil liebt sie, sie liebt Arthur, kann diesen aber nicht haben. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit teuren Vergnügungen - als reiche Millionenerbin kann sie sich das leisten. Sie erwägt sogar aus New York weg zu ziehen, doch ihre Gedanken drehen sich im Kreis - um Arthur, um Neil...
"Gedanken hatten etwas sehr Unbefriedigendes an sich. Sie waren zweifelhafte, flüchtige Gesellen, die umherflitzen und zaghafte Vorschläge machten, raffinierte, aber halbgare Pläne schmiedeten, aufrührerische Vorhaben und aufmüpfige Ideen unterbreiteten. Aber fast immer verscheuchte man die hinterlistigen kleinen Gesellen und blieb letztlich mit einem Gefühl des Scheiterns zurück." (S.108)
Schließlich ringt sie sich Mitte Dezember durch, im Januar nach Paris zu reisen - mit dem Schiff.
Doch zuvor gerät sie zusammen mit dem jungen, reichen Bobby Brandon auf die Silvesterparty der Raymonds, auf der sie erneut auf Arthur und dessen Vater trifft und auf der ein Mord geschieht, der die Beteiligten zum schnellen Handeln zwingt.
Ein furioses Finale beginnt, das ein überraschendes Ende bereit hält.
Bewertung
Im Roman gibt es ein sehr interessantes Gespräch zwischen Arthurs Vater und Bobbys Vater, einem renommierten Psychologen. Während Mr Raymond Nolyas Verhalten scharf kritisiert und die gängige Meinung der Gesellschaft vertritt, die Nolya wider besseren Wissens als Flittchen tituliert und ihr alle möglichen Geschichten andichtet, verteidigt Mr Brandon sie.
"Weil ich sie verstehen kann. Überschuss an Gefühlen. Ein ungewöhnliches Gehirn. Eine Rebellin gegen die Gesellschaft." (S.154)
Er ist der Überzeugung, dass die Gesellschaft Schuld an ihrem Ruf trägt, denn sie hat es gewagt, diese gesellschaftlichen Regeln zu übertreten. Ein Umstand, den Arthurs Frau Betty ihrem Mann, mit dem sie sich wieder versöhnen will, vor Augen hält.
"So sind die gesellschaftlichen Spielregeln, Arthur. Wir müssen sie lernen und uns daran halten. Wir müssen so große Angst davor haben, dass jemand uns und unser Leben bloßstellt, dass wir das Gesetz gar nicht erst brechen." (S.189)
Nolya, die ihr Leben als Sonate empfindet:
"Leidenschaft und Reue, rastloses Umhereilen, erschöpfte Passivität" (S.141),
passt nicht in dieses Bild und hält sich auch nicht an die Spielregeln, auch wenn sie am Ende, genau wie Nancy, nicht so rebellisch handelt, wie man es vielleicht erwarten würde.
Collison hält mit Humor der Gesellschaft der 1920er den Spiegel vor und hinter dem Spiegel entsprechen die Menschen nicht den (Vor-)Urteilen, die wir über sie gefällt haben.
Ein Roman mit interessanten Figuren, spannend und geistreich.
Vielen Dank für das Lese-Exemplar.
Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 305 Seiten
Louisoder, 2018
Im Mittelpunkt der Romane von Wilson Collison stehen unkonventionelle junge Frauen in den 20er und 30er Jahren in New York, wie Nancy in "Die Nacht mit Nancy" oder wie die Millionenerbin Nolya, deren zweifelhafter Ruf ihr vorauseilt - zu Recht?Worum geht es?
Wir treffen die Protagonistin Nolya Noyes beim berühmten Arzt Doktor Banfield, sie ist ernsthaft krank - viel mehr erfahren wir nicht darüber. Sie reflektiert über ihr bisheriges Leben und kommt zu dem Schluss, dass Freunde versuchen,
"einen Kreis um sie ziehen, eine Mauer zu errichten, die ihr Leben darauf beschränken würde, einem endlosen Kreislauf der Konventionen zu folgen. Sie verlangte doch lediglich, ihre Intelligenz frei nutzen zu dürfen, mehr nicht. Menschen und Freunde wurden mit einem gewissen Status geboren und veränderten sich so wenig. Sie standen fest zu ihren Moralvorstellungen und eingefahrenen Denkmustern. Und Nolyas Unwille, solche vorgegebenen Verhaltensmuster zu akzeptieren..." (S.12f.)
Eine junge, sehr attraktive Frau, die ihre Leben selbst bestimmen will und sich nicht an den ihr vorgeschriebenen Lebensweg hält. Hinter ihr liegt eine Affäre mit einem verheirateten Mann, Arthur Raymond, der seine Frau verlassen hat, um mit ihr zu leben - bis sein Vater, ein bekannter Anwalt, eingegriffen hat. Nolya musste ihm versprechen, seinen Sohn in Ruhe zu lassen und weil sie ihn liebt, will sie dieses Opfer bringen.
"Arthur gehörte der Vergangenheit an. Die Asche war verstreut, und verstreute Asche konnte man nicht einfach einsammeln und zu einer neuen Wirklichkeit aus Fleisch und Blut zusammensetzen. Arthur war nicht ihr Liebhaber gewesen. Er war Liebe." (S.41)
In ihrer Gegenwart bemüht sich der Künstler Neil um sie, mit dem sich vor einigen Jahren schon verbandelt gewesen ist.
"Wie lange war das her, seit die Leidenschaft sie in diesen Strudel mit Neil Rendon gezogen hatte? Vier Jahre, sie war einundzwanzig gewesen. Er fünfunddreißig. Jetzt war sie fünfundzwanzig, und Neil ging auf die vierzig zu. Mit einundzwanzig hatte die Leidenschaft sie zerstört. Die Liebe versuchte, sie mit fünfundzwanzig wieder aufzurichten. Aber die Liebe hatte kaum eine Chance." (S.47)
Obwohl sich Nolya nur dieses eine Mal von ihrer Leidenschaft hat hinreißen lassen, hängt ihr der Ruf nach, sie sei ein leichtes Mädchen, ein Flittchen. In den dekadenten 20er Jahren in New York wird sie dafür bewundert und begehrt, gleichzeitig gilt sie als persona non grata der gehobenen Gesellschaft, auch wenn ihr das niemand offen ins Gesicht sagt.
Sie selbst ist unglücklich, denn Neil liebt sie, sie liebt Arthur, kann diesen aber nicht haben. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit teuren Vergnügungen - als reiche Millionenerbin kann sie sich das leisten. Sie erwägt sogar aus New York weg zu ziehen, doch ihre Gedanken drehen sich im Kreis - um Arthur, um Neil...
"Gedanken hatten etwas sehr Unbefriedigendes an sich. Sie waren zweifelhafte, flüchtige Gesellen, die umherflitzen und zaghafte Vorschläge machten, raffinierte, aber halbgare Pläne schmiedeten, aufrührerische Vorhaben und aufmüpfige Ideen unterbreiteten. Aber fast immer verscheuchte man die hinterlistigen kleinen Gesellen und blieb letztlich mit einem Gefühl des Scheiterns zurück." (S.108)
Schließlich ringt sie sich Mitte Dezember durch, im Januar nach Paris zu reisen - mit dem Schiff.
Doch zuvor gerät sie zusammen mit dem jungen, reichen Bobby Brandon auf die Silvesterparty der Raymonds, auf der sie erneut auf Arthur und dessen Vater trifft und auf der ein Mord geschieht, der die Beteiligten zum schnellen Handeln zwingt.
Ein furioses Finale beginnt, das ein überraschendes Ende bereit hält.
Bewertung
Im Roman gibt es ein sehr interessantes Gespräch zwischen Arthurs Vater und Bobbys Vater, einem renommierten Psychologen. Während Mr Raymond Nolyas Verhalten scharf kritisiert und die gängige Meinung der Gesellschaft vertritt, die Nolya wider besseren Wissens als Flittchen tituliert und ihr alle möglichen Geschichten andichtet, verteidigt Mr Brandon sie.
"Weil ich sie verstehen kann. Überschuss an Gefühlen. Ein ungewöhnliches Gehirn. Eine Rebellin gegen die Gesellschaft." (S.154)
Er ist der Überzeugung, dass die Gesellschaft Schuld an ihrem Ruf trägt, denn sie hat es gewagt, diese gesellschaftlichen Regeln zu übertreten. Ein Umstand, den Arthurs Frau Betty ihrem Mann, mit dem sie sich wieder versöhnen will, vor Augen hält.
"So sind die gesellschaftlichen Spielregeln, Arthur. Wir müssen sie lernen und uns daran halten. Wir müssen so große Angst davor haben, dass jemand uns und unser Leben bloßstellt, dass wir das Gesetz gar nicht erst brechen." (S.189)
Nolya, die ihr Leben als Sonate empfindet:
"Leidenschaft und Reue, rastloses Umhereilen, erschöpfte Passivität" (S.141),
passt nicht in dieses Bild und hält sich auch nicht an die Spielregeln, auch wenn sie am Ende, genau wie Nancy, nicht so rebellisch handelt, wie man es vielleicht erwarten würde.
Collison hält mit Humor der Gesellschaft der 1920er den Spiegel vor und hinter dem Spiegel entsprechen die Menschen nicht den (Vor-)Urteilen, die wir über sie gefällt haben.
Ein Roman mit interessanten Figuren, spannend und geistreich.
Vielen Dank für das Lese-Exemplar.
Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 305 Seiten
Louisoder, 2018
Labels:
Kriminalroman,
Liebesroman,
Louisoder,
Psychologie,
Rezensionsexemplar
Samstag, 1. April 2017
Stanley Crawford: Mrs U. liebt das Meer
- ein kafkaeske Parabel über die Ehe.
Gebundene Ausgabe, 148 Seiten
Louisoder, 22. Februar 2017
Englische Erstausgabe, 1972
Vielen Dank an den Louisoder Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
Inhalt
Mrs Unguentine wurde per Telefon vor vierzig Jahren mit Mr Unguentine verheiratet und schippert seitdem in einem großen Kahn über das Meer - ohne seitdem Land betreten zu haben. Und jetzt ist ihr Mann tot - Selbstmord (?), jedenfalls ist er über Bord gegangen,
"die Flasche am Hals und wahrscheinlich, ein Opfer seiner verrotteten Leber, schon tot, als er in die Gischt purzelte, was erblickte ich da in seiner Gesäßtasche? (...) Unsere gesammelten zusammengerollten Seekarten, die also mit ihm auf den Grund sanken, und da war ich nun, allein inmitten eins bösen Sturms weitab vom nächsten Land." (S.9)
Das durchweg negative Bild, dass Mrs Unguentine von ihrem Mann zeichnet, bestätigt sich nur teilweise im Verlauf der weiteren Handlung, die größtenteils aus Rückblicken auf ihr bisheriges Leben auf dem Meer besteht. Sprunghaft beschreibt die Ich-Erzählerin ihre gemeinsame Ehe, die sich wie ein Puzzle langsam vor den Augen der Leser/innen zusammensetzt.
Da sind "jene berühmten Unguentinischen Gärten", die ihr Mann auf dem Kahn angelegt hat. 40 Bäume erstrecken sich im ehemaligen Blumengarten in ihrer Pracht, mit einer Lichtung, dazu Gemüsegarten und Stauden. Eine schwimmende Oase - bestaunt von anderen Schiffen, die von Unguentine gewissenhaft gehegt wird. Zu ihrem Schutz baut er eine riesige Glaskuppel auf dem Kahn - aus Teilen, die er von versunkenen Schiffen vom Meeresboden heraufholt. Während zu Beginn der Ehe noch Besuch auf dem Schiff - reiche Yachtbesitzer - empfangen wurden, koppelt sich Unguentine irgendwann aus der Gesellschaft aus - nur Tiere, Vögel- und Insektenschwärme werden zu ihren Begleitern. Die uralte Dampfmaschine wird durch ein filigranes Netz kleiner Segel ersetzt, so dass sie unabhängig vom Treibstoff sind - kein Land in Sicht - nirgendwo.
Die Tage verlaufen immer gleich - gemeinsames Frühstücken, Arbeit auf dem Schiff, gemeinsames Abendessen, wobei Unguentine fast nicht zu reden scheint.
"Er verkündete eine Ruhezeit von zwanzig Minuten, oder ich glaubte jedenfalls, dass er das sagte mit seiner besonders fleischigen Zunge, die ihn daran hinderte, deutlich und schnell zu sprechen, sein Mund war so voll von ihr, dass nur wenige Worte sich je hinauszuzwängen vermochten, diesem leguanartigen Zungengewicht, dem knebelnden." (S.29)
Ein ereignisloses Leben, dem sie mehrfach zu entfliehen versucht - zumindest erschließt sich das aus einigen Andeutungen, immer wieder aber von Unguentine "eingefangen" wird. Zumindest der Sex scheint wild und leidenschaftlich zu sein, davon zeugen einige Szenen.
Die Situation verändert sich, als Mrs Unguentine den Wunsch äußert, ein Kind haben zu wollen. Und spätestens bei der Beschreibung der Umstände des missglückten Versuchs schwanger zu werden, ihrer monströsen Gewichtszunahme und dem erstaunlichen Auftauchen eines Säuglings, der das Schiff als Kind (!) verlässt, liegt die Vermutung nahe, dass die vorliegende Erzählung eine Parabel ist.
"Mit fünf reifte er zu einem Genie heran, entwickelte sich zu einem hervorragenden Schwimmer, wurde bescheiden und schwamm eines Tages davon, zweifellos weil er genug hatte von uns, dem Kahn, diesen Meeren." (S.97)
Nach dem "Verschwinden" des Kindes holzt Unguentine die Bäume ab und ersetzt sie durch künstliche - grotesk die Beschreibung der einzelnen mit Drähten befestigten, beweglichen Blätter - bis er selbst schließlich verschwindet.
Beim zweiten Erzählen ist von Alkohol nicht mehr die Rede, sondern tatsächlich vom Verschwinden und Mrs Unguentine bleibt alleine auf dem Kahn zurück. Während sie zu Beginn auf Unguentine schimpft, vermisst sie ihn jetzt. Sie scheint keine verlässliche Erzählerin zu sein und alles bereits Gelesene muss neu beurteilt werden.
Die echten Pflanzen, begraben unter alten Kleidern, bahnen sich einen Weg ins Licht zurück und irgendwann strandet der Kahn im Nirgendwo. Das Meer ist außer Sichtweise und ganz Ende befreit sich Mrs Unguentine von ihrem Mann und stirbt.
Bewertung
Eine seltsame Erzählung, die den Leser/innen einiges abverlangt. Zu Beginn glaubte ich eine zwar fiktive Geschichte zu lesen, die sich aber möglicherweise so zugetragen haben könnte, bis ich irgendwann erkannt habe, dass ich eine Parabel - eine bildhafte Erzählung - vor mir habe. So steht es auch auf der Buchrückseite:
"Und nicht zuletzt einen Parabel auf das Glück im Angesicht der Vergänglichkeit."
Wird hier bildhaft das Leben eines auf sich bezogenen Ehepaars, abseits - und unabhängig - von der Gesellschaft, erzählt, deren unerfüllter Wunsch, ein Kind zu bekommen, ihre Beziehung zerstört hat?
Die blühenden Bäume, der überdimensionale Garten, ein Zeugnis der leidenschaftlichen Liebe? Das Abholzen der Bäume und der Bau der künstlichen, der Tod der Liebe, das Aufgeben des Wunsches nach neuem Leben?
Die Weigerung zu sprechen, aber durch Empathie Gefühle zu vermitteln, eine Metapher für die tiefe Verbundenheit des Paares, wobei jeder seinen eigenen Weg auf dem Schiff geht? Oder die Sprachlosigkeit als Symbol einer gescheiterten Ehe? Der Tod des Einen führt zum Niedergang des anderen? Oder ist er eine Befreiung? Da auch das Schiff Mrs Unguentine heißt, erzählt es vielleicht die Geschichte?
Viele Fragen, auf die die Erzählung keine eindeutigen Antworten gibt. Die Parabel ist offen für Deutungen und subjektiv im Verständnis - eine Aufforderung selbst Sinn zu schaffen.
- Keine Lektüre, die man zwischendurch lesen sollte, die mich persönlich sehr angesprochen hat.
Wem Kafkas Prosa gefällt, der wird auch diese Erzählung gerne lesen.
Gebundene Ausgabe, 148 Seiten
Louisoder, 22. Februar 2017
Englische Erstausgabe, 1972
Vielen Dank an den Louisoder Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
Inhalt
Mrs Unguentine wurde per Telefon vor vierzig Jahren mit Mr Unguentine verheiratet und schippert seitdem in einem großen Kahn über das Meer - ohne seitdem Land betreten zu haben. Und jetzt ist ihr Mann tot - Selbstmord (?), jedenfalls ist er über Bord gegangen,
"die Flasche am Hals und wahrscheinlich, ein Opfer seiner verrotteten Leber, schon tot, als er in die Gischt purzelte, was erblickte ich da in seiner Gesäßtasche? (...) Unsere gesammelten zusammengerollten Seekarten, die also mit ihm auf den Grund sanken, und da war ich nun, allein inmitten eins bösen Sturms weitab vom nächsten Land." (S.9)
Das durchweg negative Bild, dass Mrs Unguentine von ihrem Mann zeichnet, bestätigt sich nur teilweise im Verlauf der weiteren Handlung, die größtenteils aus Rückblicken auf ihr bisheriges Leben auf dem Meer besteht. Sprunghaft beschreibt die Ich-Erzählerin ihre gemeinsame Ehe, die sich wie ein Puzzle langsam vor den Augen der Leser/innen zusammensetzt.
Da sind "jene berühmten Unguentinischen Gärten", die ihr Mann auf dem Kahn angelegt hat. 40 Bäume erstrecken sich im ehemaligen Blumengarten in ihrer Pracht, mit einer Lichtung, dazu Gemüsegarten und Stauden. Eine schwimmende Oase - bestaunt von anderen Schiffen, die von Unguentine gewissenhaft gehegt wird. Zu ihrem Schutz baut er eine riesige Glaskuppel auf dem Kahn - aus Teilen, die er von versunkenen Schiffen vom Meeresboden heraufholt. Während zu Beginn der Ehe noch Besuch auf dem Schiff - reiche Yachtbesitzer - empfangen wurden, koppelt sich Unguentine irgendwann aus der Gesellschaft aus - nur Tiere, Vögel- und Insektenschwärme werden zu ihren Begleitern. Die uralte Dampfmaschine wird durch ein filigranes Netz kleiner Segel ersetzt, so dass sie unabhängig vom Treibstoff sind - kein Land in Sicht - nirgendwo.
Die Tage verlaufen immer gleich - gemeinsames Frühstücken, Arbeit auf dem Schiff, gemeinsames Abendessen, wobei Unguentine fast nicht zu reden scheint.
"Er verkündete eine Ruhezeit von zwanzig Minuten, oder ich glaubte jedenfalls, dass er das sagte mit seiner besonders fleischigen Zunge, die ihn daran hinderte, deutlich und schnell zu sprechen, sein Mund war so voll von ihr, dass nur wenige Worte sich je hinauszuzwängen vermochten, diesem leguanartigen Zungengewicht, dem knebelnden." (S.29)
Ein ereignisloses Leben, dem sie mehrfach zu entfliehen versucht - zumindest erschließt sich das aus einigen Andeutungen, immer wieder aber von Unguentine "eingefangen" wird. Zumindest der Sex scheint wild und leidenschaftlich zu sein, davon zeugen einige Szenen.
Die Situation verändert sich, als Mrs Unguentine den Wunsch äußert, ein Kind haben zu wollen. Und spätestens bei der Beschreibung der Umstände des missglückten Versuchs schwanger zu werden, ihrer monströsen Gewichtszunahme und dem erstaunlichen Auftauchen eines Säuglings, der das Schiff als Kind (!) verlässt, liegt die Vermutung nahe, dass die vorliegende Erzählung eine Parabel ist.
"Mit fünf reifte er zu einem Genie heran, entwickelte sich zu einem hervorragenden Schwimmer, wurde bescheiden und schwamm eines Tages davon, zweifellos weil er genug hatte von uns, dem Kahn, diesen Meeren." (S.97)
Nach dem "Verschwinden" des Kindes holzt Unguentine die Bäume ab und ersetzt sie durch künstliche - grotesk die Beschreibung der einzelnen mit Drähten befestigten, beweglichen Blätter - bis er selbst schließlich verschwindet.
Beim zweiten Erzählen ist von Alkohol nicht mehr die Rede, sondern tatsächlich vom Verschwinden und Mrs Unguentine bleibt alleine auf dem Kahn zurück. Während sie zu Beginn auf Unguentine schimpft, vermisst sie ihn jetzt. Sie scheint keine verlässliche Erzählerin zu sein und alles bereits Gelesene muss neu beurteilt werden.
Die echten Pflanzen, begraben unter alten Kleidern, bahnen sich einen Weg ins Licht zurück und irgendwann strandet der Kahn im Nirgendwo. Das Meer ist außer Sichtweise und ganz Ende befreit sich Mrs Unguentine von ihrem Mann und stirbt.
Bewertung
Eine seltsame Erzählung, die den Leser/innen einiges abverlangt. Zu Beginn glaubte ich eine zwar fiktive Geschichte zu lesen, die sich aber möglicherweise so zugetragen haben könnte, bis ich irgendwann erkannt habe, dass ich eine Parabel - eine bildhafte Erzählung - vor mir habe. So steht es auch auf der Buchrückseite:
"Und nicht zuletzt einen Parabel auf das Glück im Angesicht der Vergänglichkeit."
Wird hier bildhaft das Leben eines auf sich bezogenen Ehepaars, abseits - und unabhängig - von der Gesellschaft, erzählt, deren unerfüllter Wunsch, ein Kind zu bekommen, ihre Beziehung zerstört hat?
Die blühenden Bäume, der überdimensionale Garten, ein Zeugnis der leidenschaftlichen Liebe? Das Abholzen der Bäume und der Bau der künstlichen, der Tod der Liebe, das Aufgeben des Wunsches nach neuem Leben?
Die Weigerung zu sprechen, aber durch Empathie Gefühle zu vermitteln, eine Metapher für die tiefe Verbundenheit des Paares, wobei jeder seinen eigenen Weg auf dem Schiff geht? Oder die Sprachlosigkeit als Symbol einer gescheiterten Ehe? Der Tod des Einen führt zum Niedergang des anderen? Oder ist er eine Befreiung? Da auch das Schiff Mrs Unguentine heißt, erzählt es vielleicht die Geschichte?
Viele Fragen, auf die die Erzählung keine eindeutigen Antworten gibt. Die Parabel ist offen für Deutungen und subjektiv im Verständnis - eine Aufforderung selbst Sinn zu schaffen.
- Keine Lektüre, die man zwischendurch lesen sollte, die mich persönlich sehr angesprochen hat.
Wem Kafkas Prosa gefällt, der wird auch diese Erzählung gerne lesen.
Labels:
Gegenwartsliteratur,
Louisoder,
Parabel,
Rezensionsexemplar
Donnerstag, 9. März 2017
Mário de Andrade: Senhorita Elsa
Die Schule der Liebe.
gebundene Ausgabe, 285 Seiten
Louisoder, 22. Februar 2017
Vielen Dank an den Louisoder Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Inhalt
Fräulein Elsa Schumann, gebürtig aus Deutschland, lebt seit 18 Jahren in Brasilien. Als junges Mädchen hat ihre Tante sie in Sao Paulo aufgenommen. Nach einer kurzen glücklichen Ehe mit einem Deutschen, der jedoch auch noch eine Ehefrau in der Heimat hatte, übt sie -inzwischen 35 Jahre alt- einen besonderen Beruf aus.
Sie unterrichtet heranwachsende Männer in der Liebe, nicht nur in der körperlichen, sondern auch in der geistigen. Gebucht von deren Vätern wollen diese verhindern, dass sich ihre Söhne den Prostituierten hingeben und dem Laster verfallen. Statt dessen sollen sie sich in Fräulein verlieben und wahre Gefühle und partnerschaftliche Liebe kennen lernen.
"Sie unterrichtete Kinder, junge Männer und hatte nie irgendwelche Selbstzweifel wegen der moralischen Implikationen, die ihre Unterweisungen mit sich brachten. Sie lehrte sowohl das Geistige als auch das Körperliche, keines existierte ohne das andere. So war es immer gewesen, und sie war rein, das wusste sie." (S.35)
Der Roman erzählt ihren Aufenthalt im Hause Sousa Costas, in dem die Leidenschaft zwischen dem Ehepaar offensichtlich erloschen ist.
"Die ältere Generation lateinamerikanischer Frauen war so passiv, so gleichgültig gegenüber allem, was außerhalb der engen Begrenzungen ihres eigenen Lebens vor sich ging." (S.19)
Fräulein Elsa sprengt diese Grenzen mit ihrer Tätigkeit. Offiziell unterrichtet sie die jüngeren Töchtern der Familie in Deutsch und erteilt Klavierunterricht. Ganz behutsam nähert sie sich dem Sohn des Hauses, dem jungen Carlos und entflammt dessen Leidenschaft, dabei ist sie nicht wirklich schön.
"Fräulein war nicht wirklich hübsch. Aber sie war gerade gewachsen, und ihre Gesichtszüge waren rosig und blass wie Erdbeeren mit köstlicher Sahne. (...) Ihre Lippen waren vielleicht ihr attraktivster Gesichtszug. Der Mund war nicht breit, aber die Lippen recht voll und immer von einer Röte, die auf eine gesunde Blutzirkulation in ihren Venen schließen ließ. Auch ihr Lächeln war hübsch, und wenn sie lachte, zeigten sich kleine weiße Zähne." (S.30f.)
Eine Bedingung ihrer Tätigkeit ist, dass die Eltern in ihr Vorhaben eingeweiht sind. Felizberto jedoch hat seiner Frau den wahren Grund für den Aufenthalt des Fräuleins verschwiegen, so dass Elsa ihm ankündigt zu gehen, sollte er es seiner Frau nicht beichten. Es ist ihr wichtig, nicht als Prostituierte angesehen zu werden, sondern sie ist gekommen,
"um Carlos in der Liebe zu unterweisen, so wie es sein sollte." (S.74)
Dieser Argumentation kann sich auch Sousa Costas Frau nicht entziehen und so stimmt sie zu, dass Fräulein bleiben solle, um Carlos vor einem schlimmeren Schicksal zu bewahren.
Fräulein, die sehr belesen ist und in Sao Paulo mit Künstlern, Schriftstellern und Musikern sowie Professoren verkehrt, träumt von einem Leben in Deutschland, dafür spart sie das Geld, das sie mit ihrer Tätigkeit verdient:
"Sie würde weitere acht Contos verdienen, und wenn sich die Zustände in Deutschland verbesserten, könnte sie nach ein oder zwei weiteren Diensten dorthin zurückkehren und Brasilien und Sao Paulo für immer hinter sich lassen. Diese Rückkehr in die Heimat würde ihr das lang ersehnte kleine Haus bringen...Sicherheit...und Karl. Er würde Karl heißen - da war sie sich sicher-, und sie würde ihn heiraten. Vor ihrem inneren Auge erschien langsam diese ideale Figur, die sich in jahrelangen Träumen herausgebildet hatte." (S.13)
Einer der jungen Professoren, die sie bei Frau Köthen, Lehrerin für Klavier, trifft, verehrt sie und teilt ihre Liebe zur Literatur und Musik, doch wird sie sich von ihren Träumen lösen können? Wird er ihren Beruf akzeptieren können?
Auch die Stärke des jungen Carlos hat es ihr angetan und manchmal glaubt sie, sie liebe ihn. Aber könnte eine solche Bindung eine Zukunft haben? Oder muss sie ein schmerzhaftes Ende herbeiführen, damit er seine Lektion lernt?
Bewertung
Der Roman ist erstmals im Jahre 1927 erschienen, 1933 in der englischen Übersetzung. Eine Zeit, in der der Inhalt des Romans sicherlich gesellschaftliche Konventionen überschritten hat. Glücklicherweise liegt er jetzt in der deutschen Übersetzung vor, so dass wir das moderne Liebesverständnis Fräulein Elsas miterleben dürfen.
Dabei wahrt der Roman stets die Grenzen des Anstands, der Liebesakt selbst wird immer ausgespart, lediglich die Küsse und leidenschaftlichen Gefühle werden hauptsächlich aus der personalen Perspektive des Fräuleins, aber aus der Sicht Carlos geschildert.
Fräulein erscheint im Roman durchweg als positive Figur, mit der man als Leser/in mitleidet, mitfiebert und - leidet, sobald man erkennt, dass sie sich aufgrund ihrer Träumereien und auch Naivität ein glückliches Leben, eine Ehe in Brasilien verwehrt. Ihre teilweise stereotypen Ansichten über die Deutschen oder die Brasilianer wirken etwas antiquiert, sind jedoch wahrscheinlich der damaligen Einstellung geschuldet. (Sind deutsche Kellner wirklich so schrecklich?)
Der Originaltitel lautet bezeichnenderweise, "Amor, Verbo Intransitivo". Also "Lieben, ein intransitives Verb", das bedeutet, ein Verb, das kein direktes Objekt binden kann.
So wie Fräulein zwar die wahre Liebe unterrichtet, aber nicht in der Lage ist, sich an einen einzigen Mann zu binden. Ihre Aufgabe ist es, ihre Vorstellung von Liebe zu lehren.
Der Gedanke der körperlichen und geistigen Liebe, der zwei Seelen, die miteinander verschmelzen, findet sich auch im Klassiker "Faust", kein Wunder, dass Fräulein Elsa Goethe und Schiller verehrt, aber auch moderne Literatur, wie den Expressionismus, liest, wobei sie zugibt, Bücher und Zeitschriften zu verschlingen, ohne sie wirklich zu verdauen.
Neben der Hommage an die Klassiker der deutschen und französischen Literatur ist der Roman aber auch eine Liebeserklärung an die Musik, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass Mario de Andrade neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch ein Musikforscher und Wunderkind am Klavier gewesen ist.
Ein innovativer, unkonventioneller "Liebes-Roman" mit einer starken Protagonistin, der hoffentlich viele Leser/innen finden wird.
gebundene Ausgabe, 285 Seiten
Louisoder, 22. Februar 2017
Vielen Dank an den Louisoder Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Inhalt
Fräulein Elsa Schumann, gebürtig aus Deutschland, lebt seit 18 Jahren in Brasilien. Als junges Mädchen hat ihre Tante sie in Sao Paulo aufgenommen. Nach einer kurzen glücklichen Ehe mit einem Deutschen, der jedoch auch noch eine Ehefrau in der Heimat hatte, übt sie -inzwischen 35 Jahre alt- einen besonderen Beruf aus.
Sie unterrichtet heranwachsende Männer in der Liebe, nicht nur in der körperlichen, sondern auch in der geistigen. Gebucht von deren Vätern wollen diese verhindern, dass sich ihre Söhne den Prostituierten hingeben und dem Laster verfallen. Statt dessen sollen sie sich in Fräulein verlieben und wahre Gefühle und partnerschaftliche Liebe kennen lernen.
"Sie unterrichtete Kinder, junge Männer und hatte nie irgendwelche Selbstzweifel wegen der moralischen Implikationen, die ihre Unterweisungen mit sich brachten. Sie lehrte sowohl das Geistige als auch das Körperliche, keines existierte ohne das andere. So war es immer gewesen, und sie war rein, das wusste sie." (S.35)
Der Roman erzählt ihren Aufenthalt im Hause Sousa Costas, in dem die Leidenschaft zwischen dem Ehepaar offensichtlich erloschen ist.
"Die ältere Generation lateinamerikanischer Frauen war so passiv, so gleichgültig gegenüber allem, was außerhalb der engen Begrenzungen ihres eigenen Lebens vor sich ging." (S.19)
Fräulein Elsa sprengt diese Grenzen mit ihrer Tätigkeit. Offiziell unterrichtet sie die jüngeren Töchtern der Familie in Deutsch und erteilt Klavierunterricht. Ganz behutsam nähert sie sich dem Sohn des Hauses, dem jungen Carlos und entflammt dessen Leidenschaft, dabei ist sie nicht wirklich schön.
"Fräulein war nicht wirklich hübsch. Aber sie war gerade gewachsen, und ihre Gesichtszüge waren rosig und blass wie Erdbeeren mit köstlicher Sahne. (...) Ihre Lippen waren vielleicht ihr attraktivster Gesichtszug. Der Mund war nicht breit, aber die Lippen recht voll und immer von einer Röte, die auf eine gesunde Blutzirkulation in ihren Venen schließen ließ. Auch ihr Lächeln war hübsch, und wenn sie lachte, zeigten sich kleine weiße Zähne." (S.30f.)
Eine Bedingung ihrer Tätigkeit ist, dass die Eltern in ihr Vorhaben eingeweiht sind. Felizberto jedoch hat seiner Frau den wahren Grund für den Aufenthalt des Fräuleins verschwiegen, so dass Elsa ihm ankündigt zu gehen, sollte er es seiner Frau nicht beichten. Es ist ihr wichtig, nicht als Prostituierte angesehen zu werden, sondern sie ist gekommen,
"um Carlos in der Liebe zu unterweisen, so wie es sein sollte." (S.74)
Dieser Argumentation kann sich auch Sousa Costas Frau nicht entziehen und so stimmt sie zu, dass Fräulein bleiben solle, um Carlos vor einem schlimmeren Schicksal zu bewahren.
Fräulein, die sehr belesen ist und in Sao Paulo mit Künstlern, Schriftstellern und Musikern sowie Professoren verkehrt, träumt von einem Leben in Deutschland, dafür spart sie das Geld, das sie mit ihrer Tätigkeit verdient:
"Sie würde weitere acht Contos verdienen, und wenn sich die Zustände in Deutschland verbesserten, könnte sie nach ein oder zwei weiteren Diensten dorthin zurückkehren und Brasilien und Sao Paulo für immer hinter sich lassen. Diese Rückkehr in die Heimat würde ihr das lang ersehnte kleine Haus bringen...Sicherheit...und Karl. Er würde Karl heißen - da war sie sich sicher-, und sie würde ihn heiraten. Vor ihrem inneren Auge erschien langsam diese ideale Figur, die sich in jahrelangen Träumen herausgebildet hatte." (S.13)
Einer der jungen Professoren, die sie bei Frau Köthen, Lehrerin für Klavier, trifft, verehrt sie und teilt ihre Liebe zur Literatur und Musik, doch wird sie sich von ihren Träumen lösen können? Wird er ihren Beruf akzeptieren können?
Auch die Stärke des jungen Carlos hat es ihr angetan und manchmal glaubt sie, sie liebe ihn. Aber könnte eine solche Bindung eine Zukunft haben? Oder muss sie ein schmerzhaftes Ende herbeiführen, damit er seine Lektion lernt?
Bewertung
Der Roman ist erstmals im Jahre 1927 erschienen, 1933 in der englischen Übersetzung. Eine Zeit, in der der Inhalt des Romans sicherlich gesellschaftliche Konventionen überschritten hat. Glücklicherweise liegt er jetzt in der deutschen Übersetzung vor, so dass wir das moderne Liebesverständnis Fräulein Elsas miterleben dürfen.
Dabei wahrt der Roman stets die Grenzen des Anstands, der Liebesakt selbst wird immer ausgespart, lediglich die Küsse und leidenschaftlichen Gefühle werden hauptsächlich aus der personalen Perspektive des Fräuleins, aber aus der Sicht Carlos geschildert.
Fräulein erscheint im Roman durchweg als positive Figur, mit der man als Leser/in mitleidet, mitfiebert und - leidet, sobald man erkennt, dass sie sich aufgrund ihrer Träumereien und auch Naivität ein glückliches Leben, eine Ehe in Brasilien verwehrt. Ihre teilweise stereotypen Ansichten über die Deutschen oder die Brasilianer wirken etwas antiquiert, sind jedoch wahrscheinlich der damaligen Einstellung geschuldet. (Sind deutsche Kellner wirklich so schrecklich?)
Der Originaltitel lautet bezeichnenderweise, "Amor, Verbo Intransitivo". Also "Lieben, ein intransitives Verb", das bedeutet, ein Verb, das kein direktes Objekt binden kann.
So wie Fräulein zwar die wahre Liebe unterrichtet, aber nicht in der Lage ist, sich an einen einzigen Mann zu binden. Ihre Aufgabe ist es, ihre Vorstellung von Liebe zu lehren.
Der Gedanke der körperlichen und geistigen Liebe, der zwei Seelen, die miteinander verschmelzen, findet sich auch im Klassiker "Faust", kein Wunder, dass Fräulein Elsa Goethe und Schiller verehrt, aber auch moderne Literatur, wie den Expressionismus, liest, wobei sie zugibt, Bücher und Zeitschriften zu verschlingen, ohne sie wirklich zu verdauen.
Neben der Hommage an die Klassiker der deutschen und französischen Literatur ist der Roman aber auch eine Liebeserklärung an die Musik, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass Mario de Andrade neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch ein Musikforscher und Wunderkind am Klavier gewesen ist.
Ein innovativer, unkonventioneller "Liebes-Roman" mit einer starken Protagonistin, der hoffentlich viele Leser/innen finden wird.
Samstag, 14. Januar 2017
Christopher Buckley: Chaos im Weißen Haus
Liebe, Macht & Mr President
- eine politische Satire.
Gebundene Ausgabe, 280 Seiten
Louisoder, 31.März 2014
Vielen Dank an den Louisoder Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Beim vorliegenden Roman handelt es sich um das Erstlingswerk Christopher Buckley, das weitgehend unbekannt geblieben ist. Entstanden ist es aus seinen Erfahrungen als Redenschreiber für George Bush senior und erschienen 1986 während der Amtszeit Ronald Reagans.
Bekannt geworden ist Buckley mit dem Roman "Thank you for smoking", der auch verfilmt worden ist.
Inhalt
Der Roman beginnt schon skurril. Der neu gewählte Präsident Thomas Tucker ist gewillt am 20. Januar 1989 im Weißen Haus Einzug zu halten, alles ist minutiös geplant, jeder Schritt vorbereitet. Doch Ronald Reagan weigert sich schlicht, das Weiße Haus zu verlassen. Herb Wadlough, der persönliche Berater des gewählten Präsidenten schildert seine Eindrücke:
"Während der Übergangsphase hatte mich Reagans innerster Kreis diskret und vertraulich wissen lassen, dass man dem Präsidenten sein hohes Alter in zunehmendem Maße anmerkte. (Da waren es nur noch wenige Tage bis zu seinem achtundsiebzigsten Geburtstag.)" (S.12)
Mike Feeley, Pressesprecher, hat die zündende Idee den "senilen" Reagan zu überreden, endlich seinen Pyjama abzulegen:
"Sagen Sie ihm, dass die Russen angreifen und er schnellstens dort rausmuss." (S.19)
- Der Kalte Krieg lässt grüßen.
Der Roman wird aus der Sicht Herb Wadloughs in der Ich-Perspektive erzählt, jedem Kapitel ist eine Notiz seines Tagebuchs vorangestellt. Insgesamt schildert er seine persönlichen Erlebnisse während der vierjährigen Amtszeit Tuckers.
Wadlough stammt aus Boise, Idaho, und hat für eine Buchhaltungsfirma gearbeitet. In diesem Zusammenhang lernt er Tucker kennen, der aus einer wohlhabenden Familie, die ihr Geld mit Holz- und Dosenforellen (!) gemacht hat, stammt. Wadlough konnte "Unstimmigkeiten" der Buchhaltung beseitigen, so dass die Steuerfahndung nichts zu beanstanden hatte.
"So begann eine Freundschaft, die mein Leben wie nichts anderes bereicherte - abgesehen von der Religion und meiner Familie." (S.27)
Herb ist folgerichtig auch Pate des Sohns des Präsidenten - Thomas. Gemeinsam mit seiner Familie siedelt er nach Washington, um sich ganz seiner Beraterrolle für den Präsidenten zu widmen.
Doch gleich zu Beginn erleidet er eine Niederlage. Der Präsident hatte im Wahlkampf einen elfjährigen Mädchen versprochen, mit dem Rauchen aufzuhören. Doch es gelang ihm nicht. Also wurde nur noch auf Toiletten heimlich geraucht - mit dem Versprechen nach der Wahl aufzuhören.
Allerdings bricht er auch dieses - stattdessen droht er seinem Leibarzt an, ihn in den Norden Grönlands zu versetzen, sollte er ihn noch einmal mit den gesundheitlichen Risiken des Rauchens nerven. Zu viel zum Thema Wahlversprechen!
Der schleichende Untergang Herb Wadloughs im Weißen Haus geht auf das Konto von Bamford Lleland IV, mit dem ihn eine tiefe Feindschaft über die vier Jahre verbindet.
Bam Lleland war ein eingefleischter Bostoner mit nicht unerheblichem (ererbtem) Reichtum, aber vielleicht ein klein wenig zu hochwohlgeboren. Er war ein Konglomerat an typischen Ostküstenvorlieben: straff nach hinten gekämmtes, pomadisiertes Haar, Sockenhalter, Brieftasche aus Eidechsenleder, Fliege, Manschettenknöpfe des Porcellian Club, randlose Brille und eine Kenntnis französischer Speisekarten, die er bei jeder Gelegenheit raushängen ließ." (S.37)
Ob da jemand Vorurteile hegt und Minderwertigkeitsgefühle hat?
Allerdings hat Herb auch einen Verbündeten - Mike Feeley - Feels genannt, der nicht zu den Zartbesaiteten gehört und dem jedes Mittel recht ist, um den Präsidenten in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Publicity ist alles.
Er hat - wie Herb noch - direkten Kontakt zum Präsidenten. Doch das ändert sich im Laufe der Romanhandlung, den Herb macht sich mit einer Reihe von unpopulären Entscheidungen unbeliebt. So lässt er den Tennisplatz abreißen, weil es darum Streit um dessen Belegung gegeben hat - man sollte meinen ein Berater des Präsidenten habe Besseres zu tun...
Auch macht er den Vorschlag, Eiswasser in den Pool des Präsidenten zu gießen ("Operation Arktis"), weil die First Lady und der Präsident sehr angetan voneinander sind und die Nächte nutzen, ihrer Leidenschaft nachzugehen.
Jessica Heath - die First Lady - ist eine gefeierte Schauspielerin und sehr attraktiv, aber auch sehr temperamentvoll und sinnlich. Sicherlich ein Schock für das Personal des Weißen Hauses, die völlig entrüstet auf die "Flitterwochen" des Präsidentenpaares reagieren.
Die Bedeutung Herb lässt sich vielleicht am besten daran ablesen, dass er die "Aufsicht über die Nationale Metrifizierungsinitiative erhalten (hat). Schreckliche Verantwortung." (S.55)
Man sollte glauben, dass ein enger Berater des amerikanischen Präsidenten etwas Besseres zu tun hat, als amerikanische Maße in den metrischen Standard zu übertragen, oder?
Aber er kümmert sich auch darum, dass der Vizepräsident, der es auf den Posten des Präsidenten abgesehen hat, kalt zu stellen, indem er ihn um den Globus reisen lässt.
Die Idee des Präsidenten das Weiße Haus zu öffnen und in regelmäßigen Abständen "echte Amerikaner" zu treffen und mit ihnen zu sprechen, versetzt den vorsichtigen Herb in helle Aufregung. In der Operation "Offene Tür" treten die sozialen Unterschiede zwischen Herb und der Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit Jean Logan zu Tage. Was sind gewöhnliche Amerikaner?
Der Präsident "will Schmutz unter ihren Fingernägeln. Ich will sie riechen können." (S.57)
Während Herb einen "hocharomatischen Packer einer Hühnerfarm in Maryland" (S.59) vorschlägt, wählt Jean Menschen aus, die in Harvard, Princeton oder Yale studiert haben.
Leider scheitert die Mission kläglich und damit wird der schrittweise Untergang Herbs eingeleitet, mit tragikkomischen Szenen, die ich hier nicht vorwegnehmen will.
Die jahrelange "Freundschaft" mit dem Präsidenten sorgt zumindest dafür, dass er im Weißen Haus verbleiben darf - als Berater der First Lady und deren Termine koordinieren darf:
Wohlfahrtsveranstaltungen statt Abrüstung. Kaffeekränzchen statt Sicherheitsrat.
Seine Stunde schlägt, ohne dass er es "blickt", als es zum Streit und Zerwürfnis zwischen dem Präsidentenpaar kommt. Sein treuer Freund Feels ermöglicht ihm den Triumph des Wiedereinzuges in den Westflügel des Weißen Hauses - direkt in eine politische Auseinandersetzung mit Bermuda, die für die Wiederwahl sorgen soll...
Bewertung
Durch die Augen des etwas einfältig wirkenden Herb Wadlough, der seine eigene Wichtigkeit niemals anzweifelt, blicken wir hinter die Kulissen der Macht:
Klatsch und Tratsch - statt politisches Tagesgeschäft. Ränkespiele und Heimtücke im Zentrum der Macht.
Wir erhalten Einblick in das Oval Office und das in einem amüsanten Plauderton, der Skurrilitäten unbedarft aufdeckt. Wir solidarisieren uns mit Herb, dem offenkundigen Looser, der in fast uneingeschränkter Loyalität zum Präsidenten steht. Sich dann doch mit eben jener "Biographie", die wir gerade lesen, auf seine Weise rächt.
Eine wunderbare Satire, die nicht besser in die Zeit passen könnte. Wie eine Vision der Zukunft wirkt der Roman - aus Fiktion wird Realität.
Eine klare Leseempfehlung!
- eine politische Satire.
Gebundene Ausgabe, 280 Seiten
Louisoder, 31.März 2014
Vielen Dank an den Louisoder Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Beim vorliegenden Roman handelt es sich um das Erstlingswerk Christopher Buckley, das weitgehend unbekannt geblieben ist. Entstanden ist es aus seinen Erfahrungen als Redenschreiber für George Bush senior und erschienen 1986 während der Amtszeit Ronald Reagans.
Bekannt geworden ist Buckley mit dem Roman "Thank you for smoking", der auch verfilmt worden ist.
Inhalt
Der Roman beginnt schon skurril. Der neu gewählte Präsident Thomas Tucker ist gewillt am 20. Januar 1989 im Weißen Haus Einzug zu halten, alles ist minutiös geplant, jeder Schritt vorbereitet. Doch Ronald Reagan weigert sich schlicht, das Weiße Haus zu verlassen. Herb Wadlough, der persönliche Berater des gewählten Präsidenten schildert seine Eindrücke:
"Während der Übergangsphase hatte mich Reagans innerster Kreis diskret und vertraulich wissen lassen, dass man dem Präsidenten sein hohes Alter in zunehmendem Maße anmerkte. (Da waren es nur noch wenige Tage bis zu seinem achtundsiebzigsten Geburtstag.)" (S.12)
Mike Feeley, Pressesprecher, hat die zündende Idee den "senilen" Reagan zu überreden, endlich seinen Pyjama abzulegen:
"Sagen Sie ihm, dass die Russen angreifen und er schnellstens dort rausmuss." (S.19)
- Der Kalte Krieg lässt grüßen.
Der Roman wird aus der Sicht Herb Wadloughs in der Ich-Perspektive erzählt, jedem Kapitel ist eine Notiz seines Tagebuchs vorangestellt. Insgesamt schildert er seine persönlichen Erlebnisse während der vierjährigen Amtszeit Tuckers.
Wadlough stammt aus Boise, Idaho, und hat für eine Buchhaltungsfirma gearbeitet. In diesem Zusammenhang lernt er Tucker kennen, der aus einer wohlhabenden Familie, die ihr Geld mit Holz- und Dosenforellen (!) gemacht hat, stammt. Wadlough konnte "Unstimmigkeiten" der Buchhaltung beseitigen, so dass die Steuerfahndung nichts zu beanstanden hatte.
"So begann eine Freundschaft, die mein Leben wie nichts anderes bereicherte - abgesehen von der Religion und meiner Familie." (S.27)
Herb ist folgerichtig auch Pate des Sohns des Präsidenten - Thomas. Gemeinsam mit seiner Familie siedelt er nach Washington, um sich ganz seiner Beraterrolle für den Präsidenten zu widmen.
Doch gleich zu Beginn erleidet er eine Niederlage. Der Präsident hatte im Wahlkampf einen elfjährigen Mädchen versprochen, mit dem Rauchen aufzuhören. Doch es gelang ihm nicht. Also wurde nur noch auf Toiletten heimlich geraucht - mit dem Versprechen nach der Wahl aufzuhören.
Allerdings bricht er auch dieses - stattdessen droht er seinem Leibarzt an, ihn in den Norden Grönlands zu versetzen, sollte er ihn noch einmal mit den gesundheitlichen Risiken des Rauchens nerven. Zu viel zum Thema Wahlversprechen!
Der schleichende Untergang Herb Wadloughs im Weißen Haus geht auf das Konto von Bamford Lleland IV, mit dem ihn eine tiefe Feindschaft über die vier Jahre verbindet.
Bam Lleland war ein eingefleischter Bostoner mit nicht unerheblichem (ererbtem) Reichtum, aber vielleicht ein klein wenig zu hochwohlgeboren. Er war ein Konglomerat an typischen Ostküstenvorlieben: straff nach hinten gekämmtes, pomadisiertes Haar, Sockenhalter, Brieftasche aus Eidechsenleder, Fliege, Manschettenknöpfe des Porcellian Club, randlose Brille und eine Kenntnis französischer Speisekarten, die er bei jeder Gelegenheit raushängen ließ." (S.37)
Ob da jemand Vorurteile hegt und Minderwertigkeitsgefühle hat?
Allerdings hat Herb auch einen Verbündeten - Mike Feeley - Feels genannt, der nicht zu den Zartbesaiteten gehört und dem jedes Mittel recht ist, um den Präsidenten in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Publicity ist alles.
Er hat - wie Herb noch - direkten Kontakt zum Präsidenten. Doch das ändert sich im Laufe der Romanhandlung, den Herb macht sich mit einer Reihe von unpopulären Entscheidungen unbeliebt. So lässt er den Tennisplatz abreißen, weil es darum Streit um dessen Belegung gegeben hat - man sollte meinen ein Berater des Präsidenten habe Besseres zu tun...
Auch macht er den Vorschlag, Eiswasser in den Pool des Präsidenten zu gießen ("Operation Arktis"), weil die First Lady und der Präsident sehr angetan voneinander sind und die Nächte nutzen, ihrer Leidenschaft nachzugehen.
Jessica Heath - die First Lady - ist eine gefeierte Schauspielerin und sehr attraktiv, aber auch sehr temperamentvoll und sinnlich. Sicherlich ein Schock für das Personal des Weißen Hauses, die völlig entrüstet auf die "Flitterwochen" des Präsidentenpaares reagieren.
Die Bedeutung Herb lässt sich vielleicht am besten daran ablesen, dass er die "Aufsicht über die Nationale Metrifizierungsinitiative erhalten (hat). Schreckliche Verantwortung." (S.55)
Man sollte glauben, dass ein enger Berater des amerikanischen Präsidenten etwas Besseres zu tun hat, als amerikanische Maße in den metrischen Standard zu übertragen, oder?
Aber er kümmert sich auch darum, dass der Vizepräsident, der es auf den Posten des Präsidenten abgesehen hat, kalt zu stellen, indem er ihn um den Globus reisen lässt.
Die Idee des Präsidenten das Weiße Haus zu öffnen und in regelmäßigen Abständen "echte Amerikaner" zu treffen und mit ihnen zu sprechen, versetzt den vorsichtigen Herb in helle Aufregung. In der Operation "Offene Tür" treten die sozialen Unterschiede zwischen Herb und der Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit Jean Logan zu Tage. Was sind gewöhnliche Amerikaner?
Der Präsident "will Schmutz unter ihren Fingernägeln. Ich will sie riechen können." (S.57)
Während Herb einen "hocharomatischen Packer einer Hühnerfarm in Maryland" (S.59) vorschlägt, wählt Jean Menschen aus, die in Harvard, Princeton oder Yale studiert haben.
Leider scheitert die Mission kläglich und damit wird der schrittweise Untergang Herbs eingeleitet, mit tragikkomischen Szenen, die ich hier nicht vorwegnehmen will.
Die jahrelange "Freundschaft" mit dem Präsidenten sorgt zumindest dafür, dass er im Weißen Haus verbleiben darf - als Berater der First Lady und deren Termine koordinieren darf:
Wohlfahrtsveranstaltungen statt Abrüstung. Kaffeekränzchen statt Sicherheitsrat.
Seine Stunde schlägt, ohne dass er es "blickt", als es zum Streit und Zerwürfnis zwischen dem Präsidentenpaar kommt. Sein treuer Freund Feels ermöglicht ihm den Triumph des Wiedereinzuges in den Westflügel des Weißen Hauses - direkt in eine politische Auseinandersetzung mit Bermuda, die für die Wiederwahl sorgen soll...
Bewertung
Durch die Augen des etwas einfältig wirkenden Herb Wadlough, der seine eigene Wichtigkeit niemals anzweifelt, blicken wir hinter die Kulissen der Macht:
Klatsch und Tratsch - statt politisches Tagesgeschäft. Ränkespiele und Heimtücke im Zentrum der Macht.
Wir erhalten Einblick in das Oval Office und das in einem amüsanten Plauderton, der Skurrilitäten unbedarft aufdeckt. Wir solidarisieren uns mit Herb, dem offenkundigen Looser, der in fast uneingeschränkter Loyalität zum Präsidenten steht. Sich dann doch mit eben jener "Biographie", die wir gerade lesen, auf seine Weise rächt.
Eine wunderbare Satire, die nicht besser in die Zeit passen könnte. Wie eine Vision der Zukunft wirkt der Roman - aus Fiktion wird Realität.
Eine klare Leseempfehlung!
Mittwoch, 28. Dezember 2016
Mein Lesejahr 2016
- Leserunden, Lesen mit Mira, Lesevorlieben, Lieblingsliteratur.

Mein Lesejahr 2016 war besonders ereignisreich und das aus vielerlei Gründen. Einer davon ist meine Mitgliedschaft bei whatchareadin, die jetzt ein Jahr alt ist und die mein Leseverhalten maßgeblich beeinflusst hat und das sicherlich auch weiterhin tun wird.
Und das mit seinen Leserunden, angefangen mit Sam Millars "True Crime", an der der Autor sogar selbst teilgenommen hat, um unsere Fragen zu beantworten. Oder mit der großartigen Leserunde zu "Widerfahrnis", in der heftig über Sprache und Handlung diskutiert wurde.
Auch einen Roman wie "Hool" hätte ich sicherlich nicht ohne Weiteres lesen wollen, habe im Rahmen einer weiteren Leserunde dann doch zugegriffen und es nicht bereut. Für mich die größte Überraschung in diesem Jahr.
Der Austausch beim Lesemontag, die Genre- und Themenleserunden sorgen für immer neue Buchtipps und eine intensivere Auseinandersetzung mit der eigenen Lektüre.
So habe ich Ian McEwan, den ich den letzten Jahren etwas aus den Augen verlor, dank whatchareadin wiederentdeckt, sowohl durch die Tipps der anderen als auch in der Leserunde zu "Nussschale".
Nicht zu vergessen sind jedoch diejenigen, die dieses Forum am Leben halten, wie Helmut Pöll, den Adminstrator, und die vielen Blogger/innen, die ihre Leidenschaft fürs Lesen leben. Mit einigen von ihnen tausche ich mich regelmäßig aus, lese und teile ihr Blogs und folge ihren Bewertungen:
Renie´s Lesetagebuch, die mich erst zu whatchareadin geführt hat und mit der ich meine Vorliebe für den Louisoder-Verlag teile.
Annes Lesetagebuch, die meinen Fokus wieder stärker auf die Bücher gegen das Vergessen gelenkt hat.
Anne Parden, die Kriminalromane und Jugendromane gerne liest und deren Rezensionen mich schon sehr oft inspiriert haben, den entsprechenden Roman zu lesen.
Inas Bücherkiste, deren Rezensionen ein Lesegenuss sind.
Eine besondere Freundschaft hat sich mit Mira ergeben, mit der ich seit August auch gemeinsam lese, Lesen mit Mira, und die ich dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse getroffen habe. So war dieses Ereignis in zweierlei Hinsicht ein Highlight in meinem Lesejahr.
Lesevorlieben
Im letzten Lesejahr hat sich herauskristallisiert, dass ich meine Liebe für die Gegenwartsliteratur wieder gefunden habe - seit dem Studium habe dieses Genre berufsbedingt sträflich vernachlässigt. Inzwischen machen aber Romane aus diesem Bereich einen Großteil dessen aus, was ich lese, daneben bleibe ich den Krimis treu und habe ein Faible für Romane entwickelt, die eine Familiengeschichte über mehrere Generationen erzählen und dabei einen Einblick in die politische Geschichte gewähren - dazu gehören auch die Romane gegen das Vergessen, die ich besonders in unserer Zeit wieder und immer noch wichtig finde.
Da ich selbst zwei Kinder habe, bleibe ich der Kinder- und Jugendliteratur verbunden, etwas vernachlässigt habe ich dieses Jahr die Fantasyliteratur, aber der Tag hat eben nur 24 Stunden und leider verdiene ich mit dem Lesen kein Geld.
Seit gut einem Jahr habe ich auch ein Abo bei Audible, eine gute Gelegenheit unliebsame Tätigkeiten mit Literatur zu versüßen, so dass ich neben dem Lesen immer auch ein Buch höre - und manchmal gewinnt ein Roman auch durch die guten Vorleser/innen.
Lieblingsbücher 2016
Gegenwartsliteratur
Da ich aus diesem Genre so viele Bücher gelesen habe, fällt es mir wirklich schwer meine Favoriten zu benennen. Doch drei sehr unterschiedliche möchte ich besonders hervorheben.
1. Das Ende der Einsamkeit von Benedict Wells
Jules hatte einen Motarradunfall und liegt im Krankenhaus. In Rückblicken erfahren wir schrittweise sein bisheriges Leben. Seine Eltern sind früh verunglückt, so dass er mit seinen unterschiedlichen Geschwistern- Marty und Liz- als Jüngster zurückbleibt. Dieser Verlust prägt ihn. Während Marty ein erfolgreicher Geschäftsmann wird, verfällt Liz den Drogen und Jules findet keinen Weg ins Leben, bis er wieder auf seine große Liebe Alva trifft.
Eine Familien - und Liebesgeschichte, gefühlvoll ohne kitschig zu sein, die berührt und lange nachhallt.
2. "Widerfahrnis" von Bodo Kirchhoff
- Gewinner des Deutschen Buchpreises 2016
Dem alternden Verleger Reither widerfährt eine unerwartete Reise mit Leonie Palm, die in der gleichen Wohnanlage für Senioren lebt wie er. Gemeinsam unternehmen sie eine Fahrt bis nach Sizilien und reisen letztlich in ihre eigene Vergangenheit.
Der Plot ist handlungsarm, trotzdem berichtenswert, aber die besondere Sprache Kirchhoffs, der das eigene Erzählen ironisch kommentiert, machen das Besondere dieser Novelle aus.
3. "Hool" von Philipp Winkler
Heiko ist ein Hooligan aus Hannover und im Roman erhält man als Leser/in einen Einblick in seine Welt. Da aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist man inmitten der Schlägerei, der unglücklichen Familienkonstellation, der Ausweglosigkeit und der Tragödien in Heikos Leben.
Trotz der ungefilterten Sprache mit Fäkal- und Kraftausdrücken besticht der Roman dadurch, dass er nachfragt, wie Heiko in diese Situation geraten ist, indem seine Vergangenheit schrittweise aufgedeckt wird.
Romane aus anderen Kulturkreisen
Eine überflüssige Frau von Rabih Alameddine
Ob sie eine überflüsslige Frau sei, diese Frage stellt sich die 72-jährige Aaliya Saleh, die allein in Beirut lebt. Im Roman reflektiert sie über ihr Leben - die Schwierigkeiten mit ihrer Familie, ihre misslungene Ehe, ihre Einsamkeit. Sie arbeitet in einer Buchhandlung und übersetzt jedes Jahr ein literarisches Werk, ohne dieses zu veröffentlichen - aus Liebe zur Literatur.
Ein großartiger Roman - eine psychologische Studie, ein Buch über Bücher, ein Einblick in das Leben im Libanon.
Zeitgeschichtliche Romane
Ab heute heiße ich Margo von Cora Stephan
Der Roman erzählt die Geschichte Deutschlands beginnend mit der NS-Zeit über die Wiedervereinigung hinaus am Beispiel zweier unterschiedlicher Frauen: Margo und Helene, die jedoch zeitlebens (ungewollt) verbunden sind.
Während Margo nach dem Krieg im Westen eine erfolgreiche Geschäftsfrau wird, tritt Helene in den Dienst der DDR, bis diese untergeht.
Der Roman erzählt sehr feinfühlig das Leben dieser beiden Frauen, von Margos Naivität während der Nazi-Zeit, von Helenes Erfahrungen in Ravensbrück, von den Wunden, die beide aus dem Krieg tragen und wie sie den Rest ihres Lebens damit umgehen.
Zeitgeschichte, die man miterleben darf, spannend und unterhaltsam präsentiert.
Kriminalromane
Die Nacht mit Nancy von Wilson Collison
Ein Landhaus, ein älteres Gastgeberpaar, zwei Ehepaare, eine alleinstehende Frau - Nancy- und ein Anwalt und ein Verbrechen?
Die junge, hübsche Nancy schreit des Nachts in ihrem Zimmer auf, als die Gastgeberin zu ihr eilt, findet sie dort die beiden Ehemänner und den Anwalt - ein Skandal in den 30er Jahren an der Ostküste der USA.
Akribisch rekonstruiert der Anwalt Jimmie Landon die Geschehnisse der Nacht und deckt dabei viele Geheimnisse auf, die nicht ans Licht hätten kommen sollen.
Eine ironisch erzählte Kriminalgeschichte, die mir beim Lesen viel Spaß gemacht hat und mit einer echten Überraschung am Ende aufwartet.
Fantasyromane und Lesen mit Mira
Der Zauberer von Oz von Frank L.Baum
Ein zauberhaftes Märchen über ein kleines Mädchen, das mit einem Sturm ins geheimnisvolle Land Oz getragen wird, dort treue Freunde findet und das Geheimnis des Zauberers von Oz aufdeckt.
Ein fantastisches Abenteuer, das Mira und mir sehr gut gefallen hat.
Dystopie
Mirror von Karl Osberg
Mirror ist ein Gerät, eine Art Smartphone, das dich begleitet. Der MirrorBrain, das Hauptelement, ist mit einem Clip im Ohr verbunden, der zuhören und auch sprechen kann. Eine Kamera umfasst dein Umfeld, ein Armband misst deine Körperfunktionen, auf dem Bildschirm der "Brille", erscheint dein eigenes Gesicht. Der Mirror sammelt Daten über dich und ist vernetzt im MirrorNet.
Entworfen, um dir das Leben angenehm zu machen, dir Ratschläge zu geben, dich zu begleiten, entwickelt sich die Technik schnell zu einem Alptraum, wie der Protagonist Andy feststellen muss.
Eine erschreckend realistische Dystopie, die sehr nachdenklich macht.
Romane gegen das Vergessen
Manja von Anja Gmeyner
Der Roman erzählt von fünf Kindern aus unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft und spielt zu Beginn der Nazi-Herrschaft in Berlin. Vier Jungen - Heini Heidemann, ein sensibler Arztsohn, Harry Hartung, ein zarter Junge, dessen Vater ein erfolgreicher jüdischer Bankier ist, Karl Müller, Sohn eines Kommunisten, und Franz Meißner, dessen Vater ein Nazi ist - freunden sich mit dem jüdischen Mädchen Manja an. Sie ist es, die alle zusammenhält, und in ihrem gemeinsamen Spiel an einem geheimen Treffpunkt gehen die Kinder vollständig auf. Doch die politischen Verhältnisse zerstören ihre Idylle und ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.
Ein sensibler Roman über eine außergewöhnliche Freundschaft in schrecklichen Zeiten.
Zum Schluss noch Statistik
Gelesene Bücher 2016: 85 Bücher

Mein Lesejahr 2016 war besonders ereignisreich und das aus vielerlei Gründen. Einer davon ist meine Mitgliedschaft bei whatchareadin, die jetzt ein Jahr alt ist und die mein Leseverhalten maßgeblich beeinflusst hat und das sicherlich auch weiterhin tun wird.
Und das mit seinen Leserunden, angefangen mit Sam Millars "True Crime", an der der Autor sogar selbst teilgenommen hat, um unsere Fragen zu beantworten. Oder mit der großartigen Leserunde zu "Widerfahrnis", in der heftig über Sprache und Handlung diskutiert wurde.
Auch einen Roman wie "Hool" hätte ich sicherlich nicht ohne Weiteres lesen wollen, habe im Rahmen einer weiteren Leserunde dann doch zugegriffen und es nicht bereut. Für mich die größte Überraschung in diesem Jahr.Der Austausch beim Lesemontag, die Genre- und Themenleserunden sorgen für immer neue Buchtipps und eine intensivere Auseinandersetzung mit der eigenen Lektüre.
So habe ich Ian McEwan, den ich den letzten Jahren etwas aus den Augen verlor, dank whatchareadin wiederentdeckt, sowohl durch die Tipps der anderen als auch in der Leserunde zu "Nussschale".
Nicht zu vergessen sind jedoch diejenigen, die dieses Forum am Leben halten, wie Helmut Pöll, den Adminstrator, und die vielen Blogger/innen, die ihre Leidenschaft fürs Lesen leben. Mit einigen von ihnen tausche ich mich regelmäßig aus, lese und teile ihr Blogs und folge ihren Bewertungen:
Renie´s Lesetagebuch, die mich erst zu whatchareadin geführt hat und mit der ich meine Vorliebe für den Louisoder-Verlag teile.
Annes Lesetagebuch, die meinen Fokus wieder stärker auf die Bücher gegen das Vergessen gelenkt hat.
Anne Parden, die Kriminalromane und Jugendromane gerne liest und deren Rezensionen mich schon sehr oft inspiriert haben, den entsprechenden Roman zu lesen.Inas Bücherkiste, deren Rezensionen ein Lesegenuss sind.
Eine besondere Freundschaft hat sich mit Mira ergeben, mit der ich seit August auch gemeinsam lese, Lesen mit Mira, und die ich dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse getroffen habe. So war dieses Ereignis in zweierlei Hinsicht ein Highlight in meinem Lesejahr.
Lesevorlieben
Im letzten Lesejahr hat sich herauskristallisiert, dass ich meine Liebe für die Gegenwartsliteratur wieder gefunden habe - seit dem Studium habe dieses Genre berufsbedingt sträflich vernachlässigt. Inzwischen machen aber Romane aus diesem Bereich einen Großteil dessen aus, was ich lese, daneben bleibe ich den Krimis treu und habe ein Faible für Romane entwickelt, die eine Familiengeschichte über mehrere Generationen erzählen und dabei einen Einblick in die politische Geschichte gewähren - dazu gehören auch die Romane gegen das Vergessen, die ich besonders in unserer Zeit wieder und immer noch wichtig finde.
Da ich selbst zwei Kinder habe, bleibe ich der Kinder- und Jugendliteratur verbunden, etwas vernachlässigt habe ich dieses Jahr die Fantasyliteratur, aber der Tag hat eben nur 24 Stunden und leider verdiene ich mit dem Lesen kein Geld.
Seit gut einem Jahr habe ich auch ein Abo bei Audible, eine gute Gelegenheit unliebsame Tätigkeiten mit Literatur zu versüßen, so dass ich neben dem Lesen immer auch ein Buch höre - und manchmal gewinnt ein Roman auch durch die guten Vorleser/innen.
Lieblingsbücher 2016
Gegenwartsliteratur
Da ich aus diesem Genre so viele Bücher gelesen habe, fällt es mir wirklich schwer meine Favoriten zu benennen. Doch drei sehr unterschiedliche möchte ich besonders hervorheben.
1. Das Ende der Einsamkeit von Benedict Wells
Jules hatte einen Motarradunfall und liegt im Krankenhaus. In Rückblicken erfahren wir schrittweise sein bisheriges Leben. Seine Eltern sind früh verunglückt, so dass er mit seinen unterschiedlichen Geschwistern- Marty und Liz- als Jüngster zurückbleibt. Dieser Verlust prägt ihn. Während Marty ein erfolgreicher Geschäftsmann wird, verfällt Liz den Drogen und Jules findet keinen Weg ins Leben, bis er wieder auf seine große Liebe Alva trifft.Eine Familien - und Liebesgeschichte, gefühlvoll ohne kitschig zu sein, die berührt und lange nachhallt.
2. "Widerfahrnis" von Bodo Kirchhoff- Gewinner des Deutschen Buchpreises 2016
Dem alternden Verleger Reither widerfährt eine unerwartete Reise mit Leonie Palm, die in der gleichen Wohnanlage für Senioren lebt wie er. Gemeinsam unternehmen sie eine Fahrt bis nach Sizilien und reisen letztlich in ihre eigene Vergangenheit.
Der Plot ist handlungsarm, trotzdem berichtenswert, aber die besondere Sprache Kirchhoffs, der das eigene Erzählen ironisch kommentiert, machen das Besondere dieser Novelle aus.
3. "Hool" von Philipp Winkler
Heiko ist ein Hooligan aus Hannover und im Roman erhält man als Leser/in einen Einblick in seine Welt. Da aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist man inmitten der Schlägerei, der unglücklichen Familienkonstellation, der Ausweglosigkeit und der Tragödien in Heikos Leben.Trotz der ungefilterten Sprache mit Fäkal- und Kraftausdrücken besticht der Roman dadurch, dass er nachfragt, wie Heiko in diese Situation geraten ist, indem seine Vergangenheit schrittweise aufgedeckt wird.
Romane aus anderen Kulturkreisen
Eine überflüssige Frau von Rabih Alameddine
Ob sie eine überflüsslige Frau sei, diese Frage stellt sich die 72-jährige Aaliya Saleh, die allein in Beirut lebt. Im Roman reflektiert sie über ihr Leben - die Schwierigkeiten mit ihrer Familie, ihre misslungene Ehe, ihre Einsamkeit. Sie arbeitet in einer Buchhandlung und übersetzt jedes Jahr ein literarisches Werk, ohne dieses zu veröffentlichen - aus Liebe zur Literatur.Ein großartiger Roman - eine psychologische Studie, ein Buch über Bücher, ein Einblick in das Leben im Libanon.
Zeitgeschichtliche Romane
Ab heute heiße ich Margo von Cora Stephan
Der Roman erzählt die Geschichte Deutschlands beginnend mit der NS-Zeit über die Wiedervereinigung hinaus am Beispiel zweier unterschiedlicher Frauen: Margo und Helene, die jedoch zeitlebens (ungewollt) verbunden sind.
Während Margo nach dem Krieg im Westen eine erfolgreiche Geschäftsfrau wird, tritt Helene in den Dienst der DDR, bis diese untergeht.
Der Roman erzählt sehr feinfühlig das Leben dieser beiden Frauen, von Margos Naivität während der Nazi-Zeit, von Helenes Erfahrungen in Ravensbrück, von den Wunden, die beide aus dem Krieg tragen und wie sie den Rest ihres Lebens damit umgehen.
Zeitgeschichte, die man miterleben darf, spannend und unterhaltsam präsentiert.
Kriminalromane
Die Nacht mit Nancy von Wilson Collison
Ein Landhaus, ein älteres Gastgeberpaar, zwei Ehepaare, eine alleinstehende Frau - Nancy- und ein Anwalt und ein Verbrechen?Die junge, hübsche Nancy schreit des Nachts in ihrem Zimmer auf, als die Gastgeberin zu ihr eilt, findet sie dort die beiden Ehemänner und den Anwalt - ein Skandal in den 30er Jahren an der Ostküste der USA.
Akribisch rekonstruiert der Anwalt Jimmie Landon die Geschehnisse der Nacht und deckt dabei viele Geheimnisse auf, die nicht ans Licht hätten kommen sollen.
Eine ironisch erzählte Kriminalgeschichte, die mir beim Lesen viel Spaß gemacht hat und mit einer echten Überraschung am Ende aufwartet.
Fantasyromane und Lesen mit Mira
Der Zauberer von Oz von Frank L.Baum
Ein zauberhaftes Märchen über ein kleines Mädchen, das mit einem Sturm ins geheimnisvolle Land Oz getragen wird, dort treue Freunde findet und das Geheimnis des Zauberers von Oz aufdeckt.
Ein fantastisches Abenteuer, das Mira und mir sehr gut gefallen hat.
Dystopie
Mirror von Karl Osberg
Mirror ist ein Gerät, eine Art Smartphone, das dich begleitet. Der MirrorBrain, das Hauptelement, ist mit einem Clip im Ohr verbunden, der zuhören und auch sprechen kann. Eine Kamera umfasst dein Umfeld, ein Armband misst deine Körperfunktionen, auf dem Bildschirm der "Brille", erscheint dein eigenes Gesicht. Der Mirror sammelt Daten über dich und ist vernetzt im MirrorNet.Entworfen, um dir das Leben angenehm zu machen, dir Ratschläge zu geben, dich zu begleiten, entwickelt sich die Technik schnell zu einem Alptraum, wie der Protagonist Andy feststellen muss.
Eine erschreckend realistische Dystopie, die sehr nachdenklich macht.
Romane gegen das Vergessen
Manja von Anja Gmeyner
Der Roman erzählt von fünf Kindern aus unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft und spielt zu Beginn der Nazi-Herrschaft in Berlin. Vier Jungen - Heini Heidemann, ein sensibler Arztsohn, Harry Hartung, ein zarter Junge, dessen Vater ein erfolgreicher jüdischer Bankier ist, Karl Müller, Sohn eines Kommunisten, und Franz Meißner, dessen Vater ein Nazi ist - freunden sich mit dem jüdischen Mädchen Manja an. Sie ist es, die alle zusammenhält, und in ihrem gemeinsamen Spiel an einem geheimen Treffpunkt gehen die Kinder vollständig auf. Doch die politischen Verhältnisse zerstören ihre Idylle und ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.Ein sensibler Roman über eine außergewöhnliche Freundschaft in schrecklichen Zeiten.
Zum Schluss noch Statistik
Gelesene Bücher 2016: 85 Bücher
Donnerstag, 20. Oktober 2016
Steve Katz: New York Tingel Tangel
- experimentell, schräg, unkonventionell.
Buchdaten
Gebundene Ausgabe:101 Seiten
Verlag: Louisoder
Erschienen am: 24. August 2016
Erstausgabe: 1962
ISBN-13: 978-3944153346
Originaltitel: The Lestriad
Vielen Dank an den Louisoder Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Inhalt
Der Roman erzählt sehr eigenwillig von einem jungen Paar - Michael und Moira, die sich im Kino den Film "Das 7.Siegel" von Ingmar Bergmann ansehen, in dem der Ritter Antonius Block auf den Tod trifft, der ihm sein Lebensende offenbart. Dem Ritter gelingt jedoch ein Aufschub, solange der Tod ihn nicht beim Schachspielen geschlagen hat, darf er weiterleben.
Zunächst schildert Michael aus seiner Sicht das Filmerlebnis.
"Er war so sehr ein Kind seines Jahrhunderts, das fühlte er, schlaff, überfordert, unfähig zum Handeln. Weil Heldentum ein Statement des Lebens war jenseits aller Definition, eine große Woge der gesamten Menschheit in einem einzigen Mann, völlig unmöglich in seiner eigenen Epoche, das fühlte Michael, und für ihn Ursache großer Traurigkeit, weil er sich in seinem Jahrhundert so verschwendet vorkam, eingeengt, beobachtet." (S.6)
Nach einem gemeinsamen Essen trifft Michael mit Moira in einer Kneipe auf seinen Freund, den Dichter Frickle und Mink, den Stotterer, der Frickel fördert und bewundert.
In der Nähe sitzt Lester - verkleidet als Ritter Antonius Block (?).
Der Mittelteil widmet sich den Visionen oder Halluzinationen Lesters, dessen Lanze und Streitkolben abhanden gekommen sind.
Lester liegt auf einem Bett, über dem an der Decke ein großer Spiegel prangt - genau wie über Michaels Bett, in dem er mit Moira am Ende des Abends landet und nach dem Sex einschläft.
Die Visionen und Assoziationen des "Ritters" könnten Michaels Träume, Ängste und Wünsche sein, Lester als sein Alter ego (?) - das bleibt offen.
Zunächst sieht Lester eine Party, auf der Lincoln, Michaels älterer Bruder, ihren Vater und Michael selbst tötet, weil er ihn verachtet:
"Er verachtete Michael, weil er in seinem Bruder all das erkannte, was er selbst einst gewesen war, all das, was er an sich selbst gern töten wollte." (S.32)
Auch Dichter Frickle taucht auf der Party auf und steigt mit Moira, die es angeblich mit jedem treibe, ins Bett. Neben jenem taucht eine fette Gestalt auf, die zuvor auch in Lesters Schlafzimmer erschienen ist. Lincoln liest gerade eine Kurzgeschichte "Die flüchtige Begegnung", die als Geschichte im Roman erzählt wird:
Zwei alte Studienbekannte treffen sich, während der einst schillernde ein langweiliges, konventionelles Leben führt, ist der einst vermeintlich langweilige ein Abenteurer geworden.
Es sind die Fragen und Ängste eines Heranwachsenden, was aus dem eigenen Leben werden wird, die hier zur Sprache kommen.
Lester selbst erscheint auf der Party und es folgen viele assoziative Szenen: Der von Wahnvorstellungen heimgesuchte Onkel Michaels taucht auf, plötzlich ist Lester im Sportwagen, des Rennfahrers Raffaele di Molfetta, einem Freund Michaels, der auch auf der Party war...das ist schon sehr skurril.
Im letzten Teil des Romans ist es Moiras Sicht auf den Film, das Essen und das Treffen, das sich ganz erheblich von der Perspektive Michaels unterscheidet und eine andere Sichtweise anbietet.
"Er (Michael) war ein Mann. Die Stadt war voll von diesen gezähmten Tieren, die im Rudel so mutig waren. Deren alberne Lust. (...) Sie wollte mehr Widerstand. Sie wollten einen Mann, so einen wie Antonius Block, in dessen Augen sie nicht eindringen konnte." (S.82)
Bewertung
Es ist ein sehr seltsam anmutender Roman, der den Lesenden einiges abverlangt, unter anderem die Bereitschaft, sich auf dieses experimentelle, zwischen Fantasie und Realität pendelnde Erzählen einzulassen.
Ein Roman, der die Identitätssuche eines jungen Mannes auf sehr eigenwillige Weise beleuchtet - keine leichte Kost, sondern experimentelles Schreiben, das die tradierten Konventionen des Erzählens sprengt.
Es ist das Erstlingswerk des Autors Steve Katz, der zu den "100 wichtigsten Avantgarde- Autoren der Vereinigten Staaten" (Umschlag) zählt.
Ein Roman, der skurril und gewöhnungsbedürftig ist, den ich teilweise auch zweimal lesen musste, um ihn ansatzweise zu verstehen - ein Experiment - auch für die Lesenden!
Gebundene Ausgabe:101 Seiten
Verlag: Louisoder
Erschienen am: 24. August 2016
Erstausgabe: 1962
ISBN-13: 978-3944153346
Originaltitel: The Lestriad
Vielen Dank an den Louisoder Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Inhalt
Der Roman erzählt sehr eigenwillig von einem jungen Paar - Michael und Moira, die sich im Kino den Film "Das 7.Siegel" von Ingmar Bergmann ansehen, in dem der Ritter Antonius Block auf den Tod trifft, der ihm sein Lebensende offenbart. Dem Ritter gelingt jedoch ein Aufschub, solange der Tod ihn nicht beim Schachspielen geschlagen hat, darf er weiterleben.
Zunächst schildert Michael aus seiner Sicht das Filmerlebnis.
"Er war so sehr ein Kind seines Jahrhunderts, das fühlte er, schlaff, überfordert, unfähig zum Handeln. Weil Heldentum ein Statement des Lebens war jenseits aller Definition, eine große Woge der gesamten Menschheit in einem einzigen Mann, völlig unmöglich in seiner eigenen Epoche, das fühlte Michael, und für ihn Ursache großer Traurigkeit, weil er sich in seinem Jahrhundert so verschwendet vorkam, eingeengt, beobachtet." (S.6)
Nach einem gemeinsamen Essen trifft Michael mit Moira in einer Kneipe auf seinen Freund, den Dichter Frickle und Mink, den Stotterer, der Frickel fördert und bewundert.
In der Nähe sitzt Lester - verkleidet als Ritter Antonius Block (?).
Der Mittelteil widmet sich den Visionen oder Halluzinationen Lesters, dessen Lanze und Streitkolben abhanden gekommen sind.
Lester liegt auf einem Bett, über dem an der Decke ein großer Spiegel prangt - genau wie über Michaels Bett, in dem er mit Moira am Ende des Abends landet und nach dem Sex einschläft.
Die Visionen und Assoziationen des "Ritters" könnten Michaels Träume, Ängste und Wünsche sein, Lester als sein Alter ego (?) - das bleibt offen.
Zunächst sieht Lester eine Party, auf der Lincoln, Michaels älterer Bruder, ihren Vater und Michael selbst tötet, weil er ihn verachtet:
"Er verachtete Michael, weil er in seinem Bruder all das erkannte, was er selbst einst gewesen war, all das, was er an sich selbst gern töten wollte." (S.32)
Auch Dichter Frickle taucht auf der Party auf und steigt mit Moira, die es angeblich mit jedem treibe, ins Bett. Neben jenem taucht eine fette Gestalt auf, die zuvor auch in Lesters Schlafzimmer erschienen ist. Lincoln liest gerade eine Kurzgeschichte "Die flüchtige Begegnung", die als Geschichte im Roman erzählt wird:
Zwei alte Studienbekannte treffen sich, während der einst schillernde ein langweiliges, konventionelles Leben führt, ist der einst vermeintlich langweilige ein Abenteurer geworden.
Es sind die Fragen und Ängste eines Heranwachsenden, was aus dem eigenen Leben werden wird, die hier zur Sprache kommen.
Lester selbst erscheint auf der Party und es folgen viele assoziative Szenen: Der von Wahnvorstellungen heimgesuchte Onkel Michaels taucht auf, plötzlich ist Lester im Sportwagen, des Rennfahrers Raffaele di Molfetta, einem Freund Michaels, der auch auf der Party war...das ist schon sehr skurril.
Im letzten Teil des Romans ist es Moiras Sicht auf den Film, das Essen und das Treffen, das sich ganz erheblich von der Perspektive Michaels unterscheidet und eine andere Sichtweise anbietet.
"Er (Michael) war ein Mann. Die Stadt war voll von diesen gezähmten Tieren, die im Rudel so mutig waren. Deren alberne Lust. (...) Sie wollte mehr Widerstand. Sie wollten einen Mann, so einen wie Antonius Block, in dessen Augen sie nicht eindringen konnte." (S.82)
Bewertung
Es ist ein sehr seltsam anmutender Roman, der den Lesenden einiges abverlangt, unter anderem die Bereitschaft, sich auf dieses experimentelle, zwischen Fantasie und Realität pendelnde Erzählen einzulassen.
Ein Roman, der die Identitätssuche eines jungen Mannes auf sehr eigenwillige Weise beleuchtet - keine leichte Kost, sondern experimentelles Schreiben, das die tradierten Konventionen des Erzählens sprengt.
Es ist das Erstlingswerk des Autors Steve Katz, der zu den "100 wichtigsten Avantgarde- Autoren der Vereinigten Staaten" (Umschlag) zählt.
Ein Roman, der skurril und gewöhnungsbedürftig ist, den ich teilweise auch zweimal lesen musste, um ihn ansatzweise zu verstehen - ein Experiment - auch für die Lesenden!
Sonntag, 11. September 2016
Wilson Collison: Die Nacht mit Nancy
- eine klassische Kriminalgeschichte.
Buchdaten
Vorne weg
Der Roman ist erstmals 1933 in New York erschienen, der Autor schrieb in den 20er Jahren Stücke für den Broadway, die zu Kino-Hits und unter anderem mit Clark Gable und Shirley Temple verfilmt wurden. (Quelle: Umschlag)
Im Louisoder-Verlag, der mir freundlicherweise das Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat, ist der Roman glücklicherweise in der deutschen Übersetzung erschienen.
Inhalt
Im Landhaus der Hanleys schrecken die Bewohner und ihre Gäste nachts auf - ein Schrei ertönt kurz nach Mitternacht. Als Mrs. Hanley im Gästezimmer, das von der im Negligé bekleideten jungen, hübschen Dame Nancy belegt ist, erscheint, findet sie dort drei Männer im Pyjama vor. Nancy behauptet von einer Hand, die ihr Gesicht berührt habe, geweckt worden zu sein.
Anfang der 30er Jahre, an der Ostküste der USA, ist dies ein Skandal - eine sexueller Delikt.
Unter den Gästen sind Mr. und Mrs. Foster sowie das Ehepaar Martin und der junge Anwalt Jimmie Landon, der mitten in der Nacht, unmittelbar nach der Tat, von Mrs. Hanley beauftragt wird, ein Kreuzverhör durchzuführen.
Der Roman spielt nur in dieser einen Nacht im Wohnzimmer des Landhauses - es ist eine Nacht mit Nancy.
"Mrs. Hanley stand in der Mitte des Zimmers und starrte wütend zu Nancy herüber, die auf einem kleinen Sofa lag und ihren hübschen Kopf auf ein paar Kissen gebettet hatte. Sie trug ein blassgrünes, pelzbesetztes Negligé, unter dem keck ein Nachthemd in noch hellerem Grün hervorschaute." (S.5)
Die Situation erinnert ein wenig an den "Orient-Express", alle sind eingeschlossen und dem Ermittler ausgeliefert. Als Leser/in erlebt man minutiös mit, wie der Fall gelöst wird.
Die Hausherrin, die selbst in einer unglücklichen Ehe gefangen ist und über ihren Ehemann denkt, es wäre besser gewesen, "wenn Christopher vor zwei Jahren gestorben wäre, als er einen Herzinfarkt hatte" (S.67), hat nur einen Wunsch, "Nancy eine Lektion zu erteilen und den Mann bloßzustellen, der ihre Gastfreundschaft ausgenutzt und versucht hatte, eine Liaison in einem ihrer Schlafzimmer anzufangen." (S.68)
Nancy hingegen bleibt vollkommen entspannt, sie flirtet ungeniert mit dem smarten Anwalt, der ebenfalls ein offenkundiges Interesse an der hübschen, verführerischen Schönheit hegt.
"Wenn er (Jimmie) nicht so grundsätzlich an Nancy interessiert gewesen wäre, hätte er sich mit Sicherheit niemals auf diese absurde Untersuchung eingelassen, die auch etwas Lächerliches an sich hatte. Aber er glaubte, dass Mrs. Hanley absichtlich geplant hatte, Nancy einen Skandal anzuhängen." (S.152)
Im Verlaufe des Verhörs stellt sich heraus, dass fast keiner der Anwesenden zu Beginn die Wahrheit gesagt hat, fast alle verbergen ein Geheimnis. Auch der Butler des Hauses, Phipps, ist nicht der, der er zu sein scheint und avanciert zu einer wichtigen Figur beim Lösen des Falls, der am Ende mit einer unerwarteten Pointe verblüfft.
Bewertung
Ein umwerfender Roman, spannend, überraschend, witzig und erzähltechnisch interessant.
Immer wieder ergeben sich überraschende Wendungen und neue Informationen, die die Spannung trotz des zeitdehnenden Erzählens bis zum Ende des Romans aufrechthalten.
Schritt für Schritt schauen wir hinter die Fassade der scheinbar prüden Gesellschaft, die sich über die offensiv auftretende, emanzipierte Nancy, die unverblümt ihre Sexualität zur Schau stellt, empört.
Und am Ende sind diejenigen, die von den anderen verurteilt werden, die Einzigen, die eine "reine" Weste haben und die Sittenstrengen vorführen.
Ein herrliches Lesevergnügen!
Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 249 Seiten
Verlag: Louisoder
Erschienen am: 24. August 2016
ISBN-13: 978-3944153322
Vorne weg
Der Roman ist erstmals 1933 in New York erschienen, der Autor schrieb in den 20er Jahren Stücke für den Broadway, die zu Kino-Hits und unter anderem mit Clark Gable und Shirley Temple verfilmt wurden. (Quelle: Umschlag)
Im Louisoder-Verlag, der mir freundlicherweise das Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat, ist der Roman glücklicherweise in der deutschen Übersetzung erschienen.
Inhalt
Im Landhaus der Hanleys schrecken die Bewohner und ihre Gäste nachts auf - ein Schrei ertönt kurz nach Mitternacht. Als Mrs. Hanley im Gästezimmer, das von der im Negligé bekleideten jungen, hübschen Dame Nancy belegt ist, erscheint, findet sie dort drei Männer im Pyjama vor. Nancy behauptet von einer Hand, die ihr Gesicht berührt habe, geweckt worden zu sein.
Anfang der 30er Jahre, an der Ostküste der USA, ist dies ein Skandal - eine sexueller Delikt.
Unter den Gästen sind Mr. und Mrs. Foster sowie das Ehepaar Martin und der junge Anwalt Jimmie Landon, der mitten in der Nacht, unmittelbar nach der Tat, von Mrs. Hanley beauftragt wird, ein Kreuzverhör durchzuführen.
Der Roman spielt nur in dieser einen Nacht im Wohnzimmer des Landhauses - es ist eine Nacht mit Nancy.
"Mrs. Hanley stand in der Mitte des Zimmers und starrte wütend zu Nancy herüber, die auf einem kleinen Sofa lag und ihren hübschen Kopf auf ein paar Kissen gebettet hatte. Sie trug ein blassgrünes, pelzbesetztes Negligé, unter dem keck ein Nachthemd in noch hellerem Grün hervorschaute." (S.5)
Die Situation erinnert ein wenig an den "Orient-Express", alle sind eingeschlossen und dem Ermittler ausgeliefert. Als Leser/in erlebt man minutiös mit, wie der Fall gelöst wird.
Die Hausherrin, die selbst in einer unglücklichen Ehe gefangen ist und über ihren Ehemann denkt, es wäre besser gewesen, "wenn Christopher vor zwei Jahren gestorben wäre, als er einen Herzinfarkt hatte" (S.67), hat nur einen Wunsch, "Nancy eine Lektion zu erteilen und den Mann bloßzustellen, der ihre Gastfreundschaft ausgenutzt und versucht hatte, eine Liaison in einem ihrer Schlafzimmer anzufangen." (S.68)
Nancy hingegen bleibt vollkommen entspannt, sie flirtet ungeniert mit dem smarten Anwalt, der ebenfalls ein offenkundiges Interesse an der hübschen, verführerischen Schönheit hegt.
"Wenn er (Jimmie) nicht so grundsätzlich an Nancy interessiert gewesen wäre, hätte er sich mit Sicherheit niemals auf diese absurde Untersuchung eingelassen, die auch etwas Lächerliches an sich hatte. Aber er glaubte, dass Mrs. Hanley absichtlich geplant hatte, Nancy einen Skandal anzuhängen." (S.152)
Im Verlaufe des Verhörs stellt sich heraus, dass fast keiner der Anwesenden zu Beginn die Wahrheit gesagt hat, fast alle verbergen ein Geheimnis. Auch der Butler des Hauses, Phipps, ist nicht der, der er zu sein scheint und avanciert zu einer wichtigen Figur beim Lösen des Falls, der am Ende mit einer unerwarteten Pointe verblüfft.
Bewertung
Ein umwerfender Roman, spannend, überraschend, witzig und erzähltechnisch interessant.
Immer wieder ergeben sich überraschende Wendungen und neue Informationen, die die Spannung trotz des zeitdehnenden Erzählens bis zum Ende des Romans aufrechthalten.
Schritt für Schritt schauen wir hinter die Fassade der scheinbar prüden Gesellschaft, die sich über die offensiv auftretende, emanzipierte Nancy, die unverblümt ihre Sexualität zur Schau stellt, empört.
Und am Ende sind diejenigen, die von den anderen verurteilt werden, die Einzigen, die eine "reine" Weste haben und die Sittenstrengen vorführen.
Ein herrliches Lesevergnügen!
Mittwoch, 20. April 2016
Rabih Alameddine: Eine überflüssige Frau
- ein stiller Roman, in der eine 72Jährige über ihr Leben reflektiert.
Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 470 Seiten
Verlag: Louisoder
Erschienen am: 24. Februar 2016
ISBN-10: 3944153308
ISBN-13: 978-3944153308
Originaltitel: An Unnecessary Woman
Mein besonderer Dank gilt dem Louisoder Verlag, der mir dieses Rezensionsexpemplar zur Verfügung gestellt hat.
Inhalt
Bin ich eine überflüssige Frau?
Diese Frage stellt sich die 72-jährige Aaliya Saleh, die seit ihrer Scheidung mit Anfang 20 alleine in Beirut lebt. Um die Frage zu beantworten - reflektiert sie über ihr bisheriges Leben.
"Man könnte sagen, dass ich mit den Gedanken woanders war, als ich meine Haare blau wusch, und zwei Gläser Rotwein haben zu meiner Konzentration auch nicht gerade beigetragen. Ich will es erklären. Zunächst sollten Sie Folgendes über mich wissen: Ich habe nur einen einzigen Spiegel zu Hause, und der ist schmutzig." (S.7)
Aaliyas Vater, der sie sehr geliebt hat, starb, als sie noch keine zwei Jahre alt war. Ihre Mutter heiratete daraufhin seinen Bruder - was macht man sonst mit einer jungen Witwe im Libanon Ende der 30er Jahre? Aus der neuen Ehe gehen vier Brüder und eine Schwester hervor, mit der Aaliya Zeit ihres Lebens wenig verbindet.
Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 470 Seiten
Verlag: Louisoder
Erschienen am: 24. Februar 2016
ISBN-10: 3944153308
ISBN-13: 978-3944153308
Originaltitel: An Unnecessary Woman
Mein besonderer Dank gilt dem Louisoder Verlag, der mir dieses Rezensionsexpemplar zur Verfügung gestellt hat.
Inhalt
Bin ich eine überflüssige Frau?
Diese Frage stellt sich die 72-jährige Aaliya Saleh, die seit ihrer Scheidung mit Anfang 20 alleine in Beirut lebt. Um die Frage zu beantworten - reflektiert sie über ihr bisheriges Leben.
"Man könnte sagen, dass ich mit den Gedanken woanders war, als ich meine Haare blau wusch, und zwei Gläser Rotwein haben zu meiner Konzentration auch nicht gerade beigetragen. Ich will es erklären. Zunächst sollten Sie Folgendes über mich wissen: Ich habe nur einen einzigen Spiegel zu Hause, und der ist schmutzig." (S.7)
Aaliyas Vater, der sie sehr geliebt hat, starb, als sie noch keine zwei Jahre alt war. Ihre Mutter heiratete daraufhin seinen Bruder - was macht man sonst mit einer jungen Witwe im Libanon Ende der 30er Jahre? Aus der neuen Ehe gehen vier Brüder und eine Schwester hervor, mit der Aaliya Zeit ihres Lebens wenig verbindet.
Donnerstag, 17. März 2016
Gerdt Fehrle: Unter uns das stille Land
Ein bemerkenswerter historischer Roman, der während des 2.Weltkrieges in England spielt.
Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 490 Seiten
Verlag: Louisoder
Erschienen am: 26. August 2015
ISBN-10: 3944153243
ISBN-13: 978-3944153247
Mein besonderer Dank geht an den Louisoder Verlag, der mir dieses Rezenszionsxemplar zur Verfügung gestellt hat.
Inhalt
Die Handlung des Romans beginnt im Jahr 1953, am 2. Juni, an dem Tag, an dem junge Elisabeth zur Königin gekrönt wird. Linda Morrison, geborene Schoolcraft, erhält einen Anruf vom British Red Cross, in dem ihr mitgeteilt wird, dass der von ihr gesuchte Ben den Absturz überlebt habe und unter einem anderen Namen in Oslo sei. Worauf Linda nach sofort nach Norwegen aufbrechen möchte.
Dann springt die Handlung zurück zum 20.August 1940 und der Erzähler führt die Leser/innen behutsam an die Figur Ben Whitleys heran, indem er zunächst seinen Vorgesetzten bei den Jägern der britischen Luftwaffe, den Tschechen Barta, auf einem Fest der Royal Air Force im Städtchen Wells in einem inneren Monolog über Ben nachdenken lässt. Über seine Auszeichnung als Fliegerheld und das Geheimnisvolle, das diesen Jungen umgibt. Auch über die zweite Hauptfigur - Linda Schoolcraft - sinniert der Tscheche und über deren Vater, dessen Tod ebenfalls geheimnisumwoben ist.
Buchdaten Gebundene Ausgabe: 490 Seiten
Verlag: Louisoder
Erschienen am: 26. August 2015
ISBN-10: 3944153243
ISBN-13: 978-3944153247
Mein besonderer Dank geht an den Louisoder Verlag, der mir dieses Rezenszionsxemplar zur Verfügung gestellt hat.
Inhalt
Die Handlung des Romans beginnt im Jahr 1953, am 2. Juni, an dem Tag, an dem junge Elisabeth zur Königin gekrönt wird. Linda Morrison, geborene Schoolcraft, erhält einen Anruf vom British Red Cross, in dem ihr mitgeteilt wird, dass der von ihr gesuchte Ben den Absturz überlebt habe und unter einem anderen Namen in Oslo sei. Worauf Linda nach sofort nach Norwegen aufbrechen möchte.
Dann springt die Handlung zurück zum 20.August 1940 und der Erzähler führt die Leser/innen behutsam an die Figur Ben Whitleys heran, indem er zunächst seinen Vorgesetzten bei den Jägern der britischen Luftwaffe, den Tschechen Barta, auf einem Fest der Royal Air Force im Städtchen Wells in einem inneren Monolog über Ben nachdenken lässt. Über seine Auszeichnung als Fliegerheld und das Geheimnisvolle, das diesen Jungen umgibt. Auch über die zweite Hauptfigur - Linda Schoolcraft - sinniert der Tscheche und über deren Vater, dessen Tod ebenfalls geheimnisumwoben ist.
Freitag, 5. Februar 2016
Bogdan B. Rusev: Koma-Prinzessin
- ein Krimi aus Bulgarien.
Buchdaten:
Gebundene Ausgabe: 276 Seiten
Verlag: Louisoder Verlag
Erschienen am: 21. März 2015
ISBN-13: 978-3944153124
Mein besonderer Dank geht an den Louisoder Verlag, der mir dieses Rezenszionsxemplar zur Verfügung gestellt hat.
Vorne weg
Der Krimi spielt im Umfeld der bulgarischen Version von Big Brother. Für diejenigien, die sich nicht mehr daran erinnern: Big Brother wurde zum ersten Mal 1999 in den Niederlanden ausgestrahlt. Die Rechte an der jeweils lokal produzierten Show besitzt die niederländische Firma Endemol Entertainment. In Deutschland wurde Big Brother zunächst auf dem privaten Sender RTL II ausgestrahlt.
Das Konzept der Sendung besteht darin, dass eine Gruppe von Menschen zum Teil mehrere Monate lang in einem als Wohnumgebung eingerichteten Fernsehstudio („Container“) lebt. Der Tagesablauf wird rund um die Uhr von Fernsehkameras und Mikrofonen aufgezeichnet und im Zusammenschnitt von „Highlights“ im Fernsehen ausgestrahlt. In Bulgarien verbleiben alle Teilnehmer bis zum Ende im Container und der oder die mit den meisten Stimmen gewinnt. Das Finale wird im Rahmen einer Live-Sendung ausgestrahlt.
Inhalt
Der Roman spielt in Sofia im Jahre 2008 und wird aus der Perspektive des jungen, gut aussehenden, aber recht erfolglosen Privatdetektivs Nikifor Valkov, Nicki genannt, erzählt. Dieser wird von Pepi Petrov, dem Chefredakteur von Blackbox, also der bulgarischen Variante von Big Brother, angerufen und um Hilfe gebeten. Als er zum ersten Gespräch zur Produktionsstätte der Sendung fährt, wollen Pepi und der Produzent der Sendung, Sascho Sotirov nicht so Recht mit der Sprache heraus.
Buchdaten:
Gebundene Ausgabe: 276 Seiten
Verlag: Louisoder Verlag
Erschienen am: 21. März 2015
ISBN-13: 978-3944153124
Mein besonderer Dank geht an den Louisoder Verlag, der mir dieses Rezenszionsxemplar zur Verfügung gestellt hat.
Vorne weg
Der Krimi spielt im Umfeld der bulgarischen Version von Big Brother. Für diejenigien, die sich nicht mehr daran erinnern: Big Brother wurde zum ersten Mal 1999 in den Niederlanden ausgestrahlt. Die Rechte an der jeweils lokal produzierten Show besitzt die niederländische Firma Endemol Entertainment. In Deutschland wurde Big Brother zunächst auf dem privaten Sender RTL II ausgestrahlt.
Das Konzept der Sendung besteht darin, dass eine Gruppe von Menschen zum Teil mehrere Monate lang in einem als Wohnumgebung eingerichteten Fernsehstudio („Container“) lebt. Der Tagesablauf wird rund um die Uhr von Fernsehkameras und Mikrofonen aufgezeichnet und im Zusammenschnitt von „Highlights“ im Fernsehen ausgestrahlt. In Bulgarien verbleiben alle Teilnehmer bis zum Ende im Container und der oder die mit den meisten Stimmen gewinnt. Das Finale wird im Rahmen einer Live-Sendung ausgestrahlt.
Inhalt
Der Roman spielt in Sofia im Jahre 2008 und wird aus der Perspektive des jungen, gut aussehenden, aber recht erfolglosen Privatdetektivs Nikifor Valkov, Nicki genannt, erzählt. Dieser wird von Pepi Petrov, dem Chefredakteur von Blackbox, also der bulgarischen Variante von Big Brother, angerufen und um Hilfe gebeten. Als er zum ersten Gespräch zur Produktionsstätte der Sendung fährt, wollen Pepi und der Produzent der Sendung, Sascho Sotirov nicht so Recht mit der Sprache heraus.
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