Donnerstag, 9. März 2017

Mário de Andrade: Senhorita Elsa

Die Schule der Liebe.

gebundene Ausgabe, 285 Seiten
Louisoder, 22. Februar 2017

Vielen Dank an den Louisoder Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt
Fräulein Elsa Schumann, gebürtig aus Deutschland, lebt seit 18 Jahren in Brasilien. Als junges Mädchen hat ihre Tante sie in Sao Paulo aufgenommen. Nach einer kurzen glücklichen Ehe mit einem Deutschen, der jedoch auch noch eine Ehefrau in der Heimat hatte, übt sie -inzwischen 35 Jahre alt- einen besonderen Beruf aus.
Sie unterrichtet heranwachsende Männer in der Liebe, nicht nur in der körperlichen, sondern auch in der geistigen. Gebucht von deren Vätern wollen diese verhindern, dass sich ihre Söhne den Prostituierten hingeben und dem Laster verfallen. Statt dessen sollen sie sich in Fräulein verlieben und wahre Gefühle und partnerschaftliche Liebe kennen lernen.

"Sie unterrichtete Kinder, junge Männer und hatte nie irgendwelche Selbstzweifel wegen der moralischen Implikationen, die ihre Unterweisungen mit sich brachten. Sie lehrte sowohl das Geistige als auch das Körperliche, keines existierte ohne das andere. So war es immer gewesen, und sie war rein, das wusste sie." (S.35)

Der Roman erzählt ihren Aufenthalt im Hause Sousa Costas, in dem die Leidenschaft zwischen dem Ehepaar offensichtlich erloschen ist.

"Die ältere Generation lateinamerikanischer Frauen war so passiv, so gleichgültig gegenüber allem, was außerhalb der engen Begrenzungen ihres eigenen Lebens vor sich ging." (S.19)

Fräulein Elsa sprengt diese Grenzen mit ihrer Tätigkeit. Offiziell unterrichtet sie die jüngeren Töchtern der Familie in Deutsch und erteilt Klavierunterricht. Ganz behutsam nähert sie sich dem Sohn des Hauses, dem jungen Carlos und entflammt dessen Leidenschaft, dabei ist sie nicht wirklich schön.

"Fräulein war nicht wirklich hübsch. Aber sie war gerade gewachsen, und ihre Gesichtszüge waren rosig und blass wie Erdbeeren mit köstlicher Sahne. (...) Ihre Lippen waren vielleicht ihr attraktivster Gesichtszug. Der Mund war nicht breit, aber die Lippen recht voll und immer von einer Röte, die auf eine gesunde Blutzirkulation in ihren Venen schließen ließ. Auch ihr Lächeln war hübsch, und wenn sie lachte, zeigten sich kleine weiße Zähne." (S.30f.)

Eine Bedingung ihrer Tätigkeit ist, dass die Eltern in ihr Vorhaben eingeweiht sind. Felizberto jedoch hat seiner Frau den wahren Grund für den Aufenthalt des Fräuleins verschwiegen, so dass Elsa ihm ankündigt zu gehen, sollte er es seiner Frau nicht beichten. Es ist ihr wichtig, nicht als Prostituierte angesehen zu werden, sondern sie ist gekommen,

"um Carlos in der Liebe zu unterweisen, so wie es sein sollte." (S.74) 

Dieser Argumentation kann sich auch Sousa Costas Frau nicht entziehen und so stimmt sie zu, dass Fräulein bleiben solle, um Carlos vor einem schlimmeren Schicksal zu bewahren.

Fräulein, die sehr belesen ist und in Sao Paulo mit Künstlern, Schriftstellern und Musikern sowie Professoren verkehrt, träumt von einem Leben in Deutschland, dafür spart sie das Geld, das sie mit ihrer Tätigkeit verdient:

"Sie würde weitere acht Contos verdienen, und wenn sich die Zustände in Deutschland verbesserten, könnte sie nach ein oder zwei weiteren Diensten dorthin zurückkehren und Brasilien und Sao Paulo für immer hinter sich lassen. Diese Rückkehr in die Heimat würde ihr das lang ersehnte kleine Haus bringen...Sicherheit...und Karl. Er würde Karl heißen - da war sie sich sicher-, und sie würde ihn heiraten. Vor ihrem inneren Auge erschien langsam diese ideale Figur, die sich in jahrelangen Träumen herausgebildet hatte." (S.13)

Einer der jungen Professoren, die sie bei Frau Köthen, Lehrerin für Klavier, trifft, verehrt sie und teilt ihre Liebe zur Literatur und Musik, doch wird sie sich von ihren Träumen lösen können? Wird er ihren Beruf akzeptieren können?
Auch die Stärke des jungen Carlos hat es ihr angetan und manchmal glaubt sie, sie liebe ihn. Aber könnte eine solche Bindung eine Zukunft haben? Oder muss sie ein schmerzhaftes Ende herbeiführen, damit er seine Lektion lernt?

Bewertung
Der Roman ist erstmals im Jahre 1927 erschienen, 1933 in der englischen Übersetzung. Eine Zeit, in der der Inhalt des Romans sicherlich gesellschaftliche Konventionen überschritten hat. Glücklicherweise liegt er jetzt in der deutschen Übersetzung vor, so dass wir das moderne Liebesverständnis Fräulein Elsas miterleben dürfen.
Dabei wahrt der Roman stets die Grenzen des Anstands, der Liebesakt selbst wird immer ausgespart, lediglich die Küsse und leidenschaftlichen Gefühle werden hauptsächlich aus der personalen Perspektive des Fräuleins, aber aus der Sicht Carlos geschildert.
Fräulein erscheint im Roman durchweg als positive Figur, mit der man als Leser/in mitleidet, mitfiebert und - leidet, sobald man erkennt, dass sie sich aufgrund ihrer Träumereien und auch Naivität ein glückliches Leben, eine Ehe in Brasilien verwehrt. Ihre teilweise stereotypen Ansichten über die Deutschen oder die Brasilianer wirken etwas antiquiert, sind jedoch wahrscheinlich der damaligen Einstellung geschuldet. (Sind deutsche Kellner wirklich so schrecklich?)

Der Originaltitel lautet bezeichnenderweise, "Amor, Verbo Intransitivo". Also "Lieben, ein intransitives Verb", das bedeutet, ein Verb, das kein direktes Objekt binden kann.
So wie Fräulein zwar die wahre Liebe unterrichtet, aber nicht in der Lage ist, sich an einen einzigen Mann zu binden. Ihre Aufgabe ist es, ihre Vorstellung von Liebe zu lehren.

Der Gedanke der körperlichen und geistigen Liebe, der zwei Seelen, die miteinander verschmelzen, findet sich auch im Klassiker "Faust", kein Wunder, dass Fräulein Elsa Goethe und Schiller verehrt, aber auch moderne Literatur, wie den Expressionismus, liest, wobei sie zugibt, Bücher und Zeitschriften zu verschlingen, ohne sie wirklich zu verdauen.
Neben der Hommage an die Klassiker der deutschen und französischen Literatur ist der Roman aber auch eine Liebeserklärung an die Musik, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass Mario de Andrade neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch ein Musikforscher und Wunderkind am Klavier gewesen ist.


Ein innovativer, unkonventioneller "Liebes-Roman" mit einer starken Protagonistin, der hoffentlich viele Leser/innen finden wird.

1 Kommentar:

  1. Das Cover, liebe Tina, hat mich nicht besonders angesprochen. Und der Titel auch nicht.Das liegt aber daran, weil ich keine Liebeslektüren mag. Aber deine Buchbesprechung finde ich wie immer klasse.
    Liebe Grüße, Mira

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