Samstag, 1. April 2017

Stanley Crawford: Mrs U. liebt das Meer

- ein kafkaeske Parabel über die Ehe.

Gebundene Ausgabe, 148 Seiten
Louisoder, 22. Februar 2017
Englische Erstausgabe, 1972

Vielen Dank an den Louisoder Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Inhalt
Mrs Unguentine wurde per Telefon vor vierzig Jahren mit Mr Unguentine verheiratet und schippert seitdem in einem großen Kahn über das Meer - ohne seitdem Land betreten zu haben. Und jetzt ist ihr Mann tot - Selbstmord (?), jedenfalls ist er über Bord gegangen,

 "die Flasche am Hals und wahrscheinlich, ein Opfer seiner verrotteten Leber, schon tot, als er in die Gischt purzelte, was erblickte ich da in seiner Gesäßtasche? (...) Unsere gesammelten zusammengerollten Seekarten, die also mit ihm auf den Grund sanken, und da war ich nun, allein inmitten eins bösen Sturms weitab vom nächsten Land." (S.9)

Das durchweg negative Bild, dass Mrs Unguentine von ihrem Mann zeichnet, bestätigt sich nur teilweise im Verlauf der weiteren Handlung, die größtenteils aus Rückblicken auf ihr bisheriges Leben auf dem Meer besteht. Sprunghaft beschreibt die Ich-Erzählerin ihre gemeinsame Ehe, die sich wie ein Puzzle langsam vor den Augen der Leser/innen zusammensetzt.
Da sind "jene berühmten Unguentinischen Gärten", die ihr Mann auf dem Kahn angelegt hat. 40 Bäume erstrecken sich im ehemaligen Blumengarten in ihrer Pracht, mit einer Lichtung, dazu Gemüsegarten und Stauden. Eine schwimmende Oase - bestaunt von anderen Schiffen, die von Unguentine gewissenhaft gehegt wird. Zu ihrem Schutz baut er eine riesige Glaskuppel auf dem Kahn - aus Teilen, die er von versunkenen Schiffen vom Meeresboden heraufholt. Während zu Beginn der Ehe noch Besuch auf dem Schiff - reiche Yachtbesitzer - empfangen wurden, koppelt sich Unguentine irgendwann aus der Gesellschaft aus - nur Tiere, Vögel- und Insektenschwärme werden zu ihren Begleitern. Die uralte Dampfmaschine wird durch ein filigranes Netz kleiner Segel ersetzt, so dass sie unabhängig vom Treibstoff sind - kein Land in Sicht - nirgendwo.
Die Tage verlaufen immer gleich - gemeinsames Frühstücken, Arbeit auf dem Schiff, gemeinsames Abendessen, wobei Unguentine fast nicht zu reden scheint.

"Er verkündete eine Ruhezeit von zwanzig Minuten, oder ich glaubte jedenfalls, dass er das sagte mit seiner besonders fleischigen Zunge, die ihn daran hinderte, deutlich und schnell zu sprechen, sein Mund war so voll von ihr, dass nur wenige Worte sich je hinauszuzwängen vermochten, diesem leguanartigen Zungengewicht, dem knebelnden." (S.29)

Ein ereignisloses Leben, dem sie mehrfach zu entfliehen versucht - zumindest erschließt sich das aus einigen Andeutungen, immer wieder aber von Unguentine "eingefangen" wird. Zumindest der Sex scheint wild und leidenschaftlich zu sein, davon zeugen einige Szenen.

Die Situation verändert sich, als Mrs Unguentine den Wunsch äußert, ein Kind haben zu wollen. Und spätestens bei der Beschreibung der Umstände des missglückten Versuchs schwanger zu werden, ihrer monströsen Gewichtszunahme und dem erstaunlichen Auftauchen eines Säuglings, der das Schiff als Kind (!) verlässt, liegt die Vermutung nahe, dass die vorliegende Erzählung eine Parabel ist.

"Mit fünf reifte er zu einem Genie heran, entwickelte sich zu einem hervorragenden Schwimmer, wurde bescheiden und schwamm eines Tages davon, zweifellos weil er genug hatte von uns, dem Kahn, diesen Meeren." (S.97)

Nach dem "Verschwinden" des Kindes holzt Unguentine die Bäume ab und ersetzt sie durch künstliche - grotesk die Beschreibung der einzelnen mit Drähten befestigten, beweglichen Blätter - bis er selbst schließlich verschwindet.
Beim zweiten Erzählen ist von Alkohol nicht mehr die Rede, sondern tatsächlich vom Verschwinden und Mrs Unguentine bleibt alleine auf dem Kahn zurück. Während sie zu Beginn auf Unguentine schimpft, vermisst sie ihn jetzt. Sie scheint keine verlässliche Erzählerin zu sein und alles bereits Gelesene muss neu beurteilt werden.
Die echten Pflanzen, begraben unter alten Kleidern, bahnen sich einen Weg ins Licht zurück und irgendwann strandet der Kahn im Nirgendwo. Das Meer ist außer Sichtweise und ganz Ende befreit sich Mrs Unguentine von ihrem Mann und stirbt.

Bewertung
Eine seltsame Erzählung, die den Leser/innen einiges abverlangt. Zu Beginn glaubte ich eine zwar fiktive Geschichte zu lesen, die sich aber möglicherweise so zugetragen haben könnte, bis ich irgendwann erkannt habe, dass ich eine Parabel - eine bildhafte Erzählung - vor mir habe. So steht es auch auf der Buchrückseite:

"Und nicht zuletzt einen Parabel auf das Glück im Angesicht der Vergänglichkeit." 

Wird hier bildhaft das Leben eines auf sich bezogenen Ehepaars, abseits - und unabhängig - von der Gesellschaft, erzählt, deren unerfüllter Wunsch, ein Kind zu bekommen, ihre Beziehung zerstört hat?

Die blühenden Bäume, der überdimensionale Garten, ein Zeugnis der leidenschaftlichen Liebe? Das Abholzen der Bäume und der Bau der künstlichen, der Tod der Liebe, das Aufgeben des Wunsches nach neuem Leben?
Die Weigerung zu sprechen, aber durch Empathie Gefühle zu vermitteln, eine Metapher für die tiefe Verbundenheit des Paares, wobei jeder seinen eigenen Weg auf dem Schiff geht? Oder die Sprachlosigkeit als Symbol einer gescheiterten Ehe? Der Tod des Einen führt zum Niedergang des anderen? Oder ist er eine Befreiung? Da auch das Schiff Mrs Unguentine heißt, erzählt es vielleicht die Geschichte?

Viele Fragen, auf die die Erzählung keine eindeutigen Antworten gibt. Die Parabel ist offen für Deutungen und subjektiv im Verständnis - eine Aufforderung selbst Sinn zu schaffen.
- Keine Lektüre, die man zwischendurch lesen sollte, die mich persönlich sehr angesprochen hat.

Wem Kafkas Prosa gefällt, der wird auch diese Erzählung gerne lesen.


Kommentare:

  1. Liebe Tina,
    klingt ein wenig surreal, aber spannend die Vorstellung, 40 lange Jahre kein Land mehr betreten zu haben. Skurrile Vorstellung in meinen Augen, nonstop mit dem Schiff unterwegs zu sein. Klingt für mir ein wenig nach einem monotonen Alltag. Aber die Probleme in dieser Ehe scheinen ein wenig Abwechslung zu bieten, wobei auch diese auf mich monoton zu wirken scheinen.
    Liebe Grüße, Mira

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  2. Liebe Tina,
    obwohl ich großer Fan von dem Louisoder Programm bin, konnte ich mich noch nicht zu diesem Buch entschließen. Dank deiner Rezension kommen mir jetzt aber Zweifel. Jetzt werde ich es wohl doch lesen 🤔 Liebe Grüße, Renie

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    1. Liebe Renie,
      es ist besonders, keine "normale" Erzählung, mich hat sie fasziniert und angesprochen. Lese beruflich auch gerade Kafka, da hat es gepasst ;)
      liebe Grüße, Tina

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