Montag, 24. April 2017

Anne Holt: Ein kalter Fall

- ein politischer Kriminalroman.

Gebundene Ausgabe, 432 Seiten
Piper, 1.März 2017


Vielen Dank an meine Buchhändlerin, die mich auf die Neuerscheinung aufmerksam gemacht hat!


Inhalt
Die Kommissarin Hanne Wilhelmsen sitzt seit 11 Jahren im Rollstuhl, da sie während ihres letzten Einsatzes für die Osloer Polizei angeschossen wurde. Seitdem hat sie sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, wohnt mit ihrer Lebensgefährtin Nefis und ihrer gemeinsamen 11 jährigen Tochter Ida in einer großen Wohnung, meidet jeglichen Kontakt mit alten Freunden und Kollegen. Für den Polizeinachwuchs ist sie eine lebende Legende, umso nervöser ist der junge Polizist Henrik Holme, als er ihr Cold Cases bringen soll.

"Aber mein Lieber, weißt du nicht mehr, wie gut sie war?" Die Polizeidirektorin hob die Hände. Hakan Sand griff sich an den Kopf und verdrehte die Augen. "Gut ja. Sie war sautüchtig. Best of all. Und am Ende knallverrückt. Eigen und schwierig und der starrköpfigste Mensch, der mir jemals begegnet ist." " Sie war die Beste, Hakon. Und sie will das hier doch auch." (S.50)

Hanne hat sich bereit erklärt, Fälle, die die Polizei nicht lösen konnte und die "auf Eis" liegen, zu durchleuchten. Dabei soll ihr der junge Henrik, der von seinen Tics beherrscht wird und etwas seltsam, aber durchaus sympathisch wirkt, zur Seite stehen. Im Laufe der Ermittlung stellt sich heraus, dass beide gut harmonieren und ergänzen. In dem "kalten Fall" geht es um ein verschwundenes Mädchen, deren Leiche nie gefunden wurde. Die beiden Polizisten stellen einen Bezug her zu dem Gewaltverbrechen an Gunnar Ranvik, der von zwei "Pakistani" zusammengeschlagen wurde und seither geistig zurückgeblieben ist. Als Taubenzüchter lebt bei seiner Mutter, die Bibliothekarin ist. Jene Jugendliche, die Gunnar misshandelt haben, waren mit dem verschwundenen Mädchen zusammen. Gemeinsam gehen Hanne und Henrik der Spur nach und finden Verbindungen zu dem vordergründigen Fall des Romans.
Neben diesem Cold Case erschüttert nämlich eine Bombenexplosion Oslo, ein Anschlag auf ein gemäßigtes muslimisches Zentrum, das sich die Integration auf die Fahnen geschrieben hat. Sofort werden radikal-islamische Kräfte dafür verantwortlich gemacht. Ein ominöses Bekennervideo einer bisher unbekannten islamistischen Organisation taucht auf und kündigt weitere Anschläge an. Allerdings wird derjenige, der im Video spricht, tot aufgefunden, trotzdem taucht ein weiteres Video mit ihm auf.
Im dritten Handlungsfaden spielt der ehemalige Kollege und bester Freund Hannes, Billy T., eine Rolle. Im Moment der Detonation besucht er, weil er sie um Hilfe bitten will. Seit jenem folgenschweren gemeinsamen letzten Einsatz hatte sie keinen Kontakt mehr zu Billy T., der seiner Entlassung aus dem Polizeidienst mit seiner Kündigung zuvorgekommen ist. Er hat den Verdacht, dass sein Sohn Linus zum Islam konvertieren will und es stellt sich heraus, dass er irgendwie in den Anschlag verwickelt ist. Aber nichts ist so, wie es zunächst scheint. Erst ganz am Ende fügen sich alle Puzzleteile zu einem Bild zusammen.

Bewertung
Anne Holt ist für mich eine der besten skandinavischen Krimiautorinnen, da ihre eigenwilligen Protagonisten differenziert ausgestaltet sind, sich über die Jahre hinweg entwickeln und trotz ihrer teilweise schwierigen Persönlichkeiten menschlich und sympathisch bleiben.
Es ist der 9.Fall für Hanne Wilhelmsen, nach einer langen Pause und einem kurzen Intermezzo (Der norwegische Gast) wird sie endlich wieder als Ermittlerin tätig. Die starrsinnige Kommissarin, die sich einigelt und die Welt fast via Internet und soziale Medien wahrnimmt, öffnet sich gegenüber dem nicht minder schwierigen Charakter Henrik Holme, der sie regelrecht verehrt und der ihre direkte Art schätzt, da es ihm schwerfällt Zwischentöne in der Kommunikation herauszuhören. Ein neues Traumpaar? Doch die Figurenebene und der Kriminialfall sind nicht das Besondere an diesem Roman. Denn mit den Bombenanschlägen auf eine islamische Einrichtung wird aus dem Kriminalroman ein politischer. Die Handlung spielt 2014 - also kurz nach den furchtbaren Taten des rechtsextremen, islamfeindlichen Terroristen und Massenmörder Anders Behring Breivik, der im Jahr 2011 Anschläge in Oslo und auf der Insel Utoya begangen hat, bei denen 77 Menschen ums Leben kamen.
Und er spielt in einer Zeit, in der islamistische Anschläge in regelmäßigen Abständen unseren Alltag erschüttern. Holt gelingt es die Stimmung in Oslo nach den Anschlägen präzise zu beschreiben, die Angst vor dem Fremden, die Vorurteile und die Voreingenommenheit gegenüber jenen, die "muslimisch" aussehen. Im Roman wird ein pakistanischer Professor interviewt, der seit seiner Kindheit in Norwegen lebt. Er erläutert, Norwegen sei ein Land, in dem die Religion kaum noch eine Rolle spiele, im Gegensatz zu den muslimischen Ländern. Diejenigen Muslime, die in Norwegen heimisch geworden sind, wenden sich inzwischen auch nur noch an ihren Gott,

"wenn die Lage ernst ist, wir feiern unsere Feste vor allem, weil es ein schöner Grund ist, sich mit Freunden und Verwandten zu treffen. (...) Und da stellt sich jetzt die Frage, ob die Bezeichnung "Muslim" nicht eher ein Werkzeug für euch ist, um uns zu zeigen, wo unser Platz ist? Um uns klarzumachen, dass wir niemals ganz norwegisch sein können?" (S.112)

Der Professor selbst fühlt immer dieses "Außenseitertum", obwohl er seit Jahren in Norwegen wohnt, eine norwegische Frau geheiratet und Kinder mit norwegischen Namen hat, trotzdem bleibt er ein Außenseiter, und das liefert den "besten Nährboden für eine Radikalisierung." (S.113)

Holt bezieht in ihrem politisch aktuellen Roman klare Stellung für die Integration und gegen (Vor-)Urteile, indem ihre Figuren einerseits verschiedene Facetten von verbalen bis hin zu radikalen Ausgrenzungen zeigen und dafür von anderen Figuren zur Rechenschaft gezogen werden.
Ein Krimi, der neben dem persönlichen Wiedersehen mit "alten Bekannten" durch sein eindeutiges politisches Statement überzeugt und nachdenklich macht.

Eine klare Leseempfehlung!






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