Samstag, 18. Juni 2016

Nina George: Das Traumbuch

- ein Roman über "die Welten dazwischen."

Gesprochen von Richard Barenberg, Cathlen Gawlich, Jacob Weigert
Spieldauer: 9 Std. 50 Minuten
ungekürztes Hörbuch

Inhalt
Henri Skinner springt wagemutig von einer Brücke in die Themse, um ein Mädchen zu retten. Als er sie an Land gezogen hat, schwankt er auf die Fahrbahn und wird von einem vorbeifahrenden Auto erfasst. Eigentlich ist er auf dem Weg zu seinem Sohn Sam, an dessen Schule ein Vater-Sohn-Tag stattfindet und der seinen Vater eingeladen hat. Sam, ein 13jähriger Synästhetiker und hoch begabter Schüler ist seinem Vater noch nie begegnet und dies sollte die erste Gelegenheit sein, sich kennen zu lernen. Statt dessen sieht Sam seinen Vater im Krankenhaus, wo er im Koma liegt. Heimlich besucht er ihn täglich, nachdem er entdeckt hat, dass sein Vater das Armbändchen trägt, das er ihm vor langer Zeit geschenkt hat. Im Krankenhaus trifft Sam auf Madeline, ein 12jährige Tänzerin, die sich ins Koma geflüchtet hat, nachdem sie bei einem Unfall ihre gesamte Familie verloren hat. Auch Edwina, Eddi genannt, besucht Henri. Er hatte sie vor zwei Jahren verlassen, nachdem sie ihm ihre Liebe gestanden hat und er nicht in der Lage war damit umzugehen. Trotzdem hat er sie in einer Patientenverfügung als zuständige Ansprechperson benannt. Sie nimmt die Verantwortung an und unterschreibt die Verfügung, die es ihr ermöglicht, über sein Leben zu entscheiden.
Interessant ist die Erzählweise des Romans, der abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Eddi, Sam und auch von Henri erzählt wird, der nach einem misslungenen Aufwachversuch in ein "tieferes" Koma fällt. Und als Hörer/innen erleben wir mit, wie er zwischen den Welten dahingleitet, wie er sich weigert zu sterben und dabei seinem Vater begegnet. Wie er all die Leben durchlebt, die hätten sein können, wenn er an entscheidenden Wegkreuzungen die richtige Entscheidung gefällt hätte.
Was wäre gewesen, wenn sich er und Sams Mutter Marie-Claire nach dem One-Night-Stand nicht auseinander gegangen wären? Was wäre gewesen, wenn er Eddi seine Liebe gestanden hätte?
Zu diesen seltsam anmutenden Träumen passt es, dass Eddi Fantastik-Literatur verlegt. Sie freundet sich mit Sam an und erzählt ihm von einem Roman, in dem der Protagonist mehrere Türen zu unterschiedlichen parallelen Leben öffnet. Genauso wie Henri in seinen Komaträumen zwischen den parallelen Leben gefangen ist. Sam, der als Synästhetiker die Menschen auf andere Art und Weise erleben kann, bemüht sich währenddessen auch um Madeleine und versucht ihr in seinen Träumen einen Weg zurück aus dem Koma zu weisen.
Ob es beiden gelingt, wieder aufzuwachen?

Bewertung
Der Roman bewegt sich in einem Grenzbereich der Realität, über den wir sehr wenig wissen. Die Autorin hat die Erfahrungen, die Koma-Patienten machen, in ihrem Roman "verarbeitet", doch dass sie wie Henri Skinner bewusst Entscheidungen treffen können, gehört wohl eher in den Bereich der Fantastik (oder Esoterik). Aber das ist für den Roman auch gar nicht so relevant, in dem die richtigen und auch die falschen Entscheidungen des Lebens im Mittelpunkt stehen. Wie hätte sich das Leben verändert, wenn ich in dieser einen Situation anders gehandelt hätte? Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich an der einen Wegkreuzung den anderen Weg gewählt hätte?
Was beeinflusst unser Leben und warum treffe ich bestimmte Entscheidungen in diesem Moment?
Das sind Fragen, die in Henris Träumen eine Rolle spielen und die die Hörenden selbst über ihr Leben reflektieren lassen. Das ist das Positive des Romans- das "Fantastische" hat mich eher abgeschreckt, ebenso wie die teilweise sehr emotionale, etwas überfrachtete Sprache des Romans.
Das Hörbuch ist zu empfehlen, da die unterschiedlichen Perspektiven von jeweils einem Sprecher sehr überzeugend gelesen werden.
Insgesamt ein Roman, der gut unterhält und den ein oder anderen Denkanstoß gibt, jedoch nicht lange im Gedächtnis verweilen wird.


Kommentare:

  1. Mit dem Buch habe ich schon geliebäugelt. Nun zögere ich etwas. Mal sehen.

    Liebe Grüße,
    Anne

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  2. Es ist von der Thematik her interessant, wenn man sich auf diese Traumgeschichte zwischen den Welten einlässt und darauf, dass nach dem Tod nicht alles vorüber ist. Mich hat eher die sehr emotionale Sprache gestört.

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  3. Mit diesen Fragen des Lebens kann ich persönlich nur wenig anfangen. Sich auszumalen, was wäre, wenn ich da und da anders entschieden hätte, ist nicht so mein Ding.

    Liebe Grüße
    Anne

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  4. In meinem privaten Umfeld hat es tatsächlich einen Fall gegeben, der Parallelen zu diesem Buch hatte: Die Person lag mehrere Tage im Koma, und alle nächsten Angehörigen und Freunde haben sie besucht, ihre Hand gehalten und mit ihr gesprochen: über gemeinsame Erlebnisse, über das Tagesgeschehen in der Familie... Später hat sie erzählt, dass sie sich in dieser Zeit auf einer großen vierspurigen Bundesstraße hier in unserer Nähe gesehen hat: Sie stand auf dem mit Gras bewachsenen Mittelstreifen, und an einem Ende war ein helles Licht, am anderen Ende eine offene Tür. Nach einigem inneren Hin und Her hat sie sich entschieden, durch die Tür zu gehen. Da ist sie aus dem Koma aufgewacht.
    Liebe Grüße
    Ina

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  5. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  6. Das, was Ina erzählt, habe ich auch in einigen Artikeln gelesen und finde das sehr interessant. Wir ahnen wirklich nur, was dahinter liegt. In dem Roman ist meines Erachtens nur der Schluss, den ich nicht vorwegnehmen will, zu fantastisch. Aber das ist nicht das Thema, rückblickend auf die Wegkreuzungen zu blicken und zu überlegen, was hätte sein können, kann erhellend für die Zukunft sein.

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