Dienstag, 2. August 2016

Aharon Appelfeld: Ein Mädchen nicht von dieser Welt

- ein Jugendbuch, über Freundschaft, Güte und Mut.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Berlin
Erschienen am: 28.August 2015
ISBN-13:978-3871347887

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Vorne weg
Der Autor Aharon Appelfeld ist 1932 in Czernowitz, das liegt in der heutigen Westukraine, geboren. Er selbst war im Ghetto und konnte in den ukrainischen Wäldern und als Küchenjunge der Roten Armee den Krieg überleben. Er kam 1946 nach Palästina und lebt heute als Professor der Literatur und Romanautor in Jerusalem. (Quelle, S. 127)

Inhalt
Die beiden neunjährigen, jüdischen Jungen Adam und Thomas werden von ihren Müttern jeweils aus dem Ghetto heraus in den Wald gebracht, da die Mütter die Deportation der Jungen befürchten.

"Hab keine Angst, wiederholte die Mutter. Du kennst unseren Wald und alles darin. Setz dich unter einen Baum, zum Beispiel unter den mit der runden Krone, lies das Buch von Jules Verne oder spiel das Spiel mit den fünf Steinen, dann wird dir die Zeit schnell vergehen." (S. 7)

Die beiden Jungen treffen im Wald aufeinande
r und aus ihrer Perspektive wird erzählt, wie sie sich ein Nest im Baum errichten und vergeblich auf die Rückkehr ihrer Mütter warten. Sie müssen im Wald alleine überleben, dabei ist der gläubige, lebenspraktische Adam die treibende Kraft, während der kluge Thomas zunächst von seinen Ängsten, Träumen und Ahnungen beherrscht wird.

"Schon seit der ersten Klasse hatte Thomas Adams Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zuerst wegen seiner Kurzsichtigkeit, dann auch wegen seiner anderen Eigentümlichkeiten. Seine Pedanterie und seine Strebsamkeit machten ihn bei den anderen Jungen unbeliebt." (S. 16)

Adam beteiligte sich nicht an den Hänseleien, aber er stand Thomas auch nicht bei, sondern gab ihm lediglich den Rat, nicht ein solcher Streber sein.

"Seltsam, dass mich Gott ausgerechnet mit Thomas zusammengeführt hat, ging es Adam durch den Kopf. Der Religionslehrer der katholischen Kirche, der Mönch Peter, hatte immer wieder gesagt: <Es gibt keinen Zufall auf der Welt. Alles ist vorbestimmt. Wenn du jemanden triffst, heißt das, dass du ihn treffen musstest, und dann gibt er dir etwas, was dir fehlt. Man darf keine Begegnung ignorieren. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen enthält eine Botschaft.>" (S. 17)

Die beiden unterschiedlichen Jungen müssen sich gegenseitig unterstützen, um den Herausforderungen des Waldes gewachsen zu sein.
Thomas ist der Kluge, der alles in Frage stellt, während Adam Thomas lehrt, Gott in allem zu sehen und ihm die Augen öffnet, dass sie verfolgt werden, weil sie Juden sind. Der Krieg bleibt stets präsent, sie hören Schüsse und Rufe und sehen verzweifelte Menschen auf der Flucht durch den Wald laufen.

Während der Winter 1944 herannaht, treffen sie das jüdische Mädchen Mina, das ebenfalls ihre Klasse besucht hat und von beiden nie beachtet wurde. Inzwischen scheint sie bei einem Bauern untergekommen zu sein und versorgt die beiden heimlich mit Nahrung und erhält sie mit ihrem Mut  am Leben.

"<Gott hat uns Mina geschickt, um uns vor dem Hunger zu retten>, sagte Adam. <Weiß ein Bote, dass er ein Bote ist? Oder handelt er vielleicht nur unbewusst?>, fragte Thomas so, wie sein Vater gefragt hätte. <Du kannst dich wirklich großartig ausdrücken>, sagte Adam." (S.70/71)

Ein weiterer Lebensretter ist Adams Hund Miro, dessen Wärme den beiden Jungen über die Kälte hinweghilft. So wie ihnen geholfen wird, so helfen sie anderen, Verfolgten, Verwundeten und am Ende ihrem kleinen Engel, dem Mädchen nicht von dieser Welt.

Bewertung
Die Erlebnisse des Autors als Kind in den Wäldern finden sich im Roman wahrscheinlich teilweise wieder. Aber im Wesentlichen ist es ein Roman, in dem die Freundschaft, die Güte und der Mut, anderen in der Not zu helfen, im Vordergrund stehen. Während die Jungen zunächst versuchen zu überleben und die Hilfe des Mädchens annehmen, geben sie die ihnen geschenkte Güte weiter, indem sie Verfolgte und Verwundete mutig versorgen und schließlich auch Mina retten.
Es ist ein stiller Roman, der in einfachen Worten von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit erzählt.

Kommentare:

  1. "Wenn du jemanden triffst, heißt das, dass du ihn treffen musstest, und dann gibt er dir etwas, was dir fehlt. Man darf keine Begegnung ignorieren. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen enthält eine Botschaft.>" - Ein wunderschöner Gedanke, Tina.

    Es ist traurig, was Kinder alles durchleben mussten und es auch heute noch müssen.

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    1. Da stimme ich dir zu und ich bin dankbar, dass der Roman ganz behutsam mit der Thematik umgeht und die Menschlichkeit in den Vordergrund stellt.

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