Donnerstag, 4. August 2016

Peter Richter: 89/90

- ein Wenderoman.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten

Verlag: Luchterhand Literaturverlag

Erschienen am: 9. März 2015

ISBN-13: 978-3630874623

Vielen Dank an das Bloggerportal, das mir den Roman freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt
Der Roman erzählt aus der Sicht eines fast 16-Jährigen die Erlebnisse rund um die Wendezeit in Dresden. Er beginnt Ende April 1989 und endet mit der Wiedervereinigung - wobei deutlich wird, dass der Ich-Erzähler auf die Ereignisse von damals zurückblickt, wie einige Vorausdeutungen verraten:
"Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde?" (S.19)

Der namentlich nicht genannte Protagonist schildert aus der Ich-Perspektive in kurzen, assoziativen Episoden seinen Alltag, seine Freundschaft mit S. und die Beziehung zu L.
Alle Figuren im Roman werden jeweils nur mit einem Großbuchstaben bezeichnet, was den Lesefluss und das sich Merken der Figuren erschwert, aber Authentizität vermittelt, so als ob die Personen anonymisiert werden müssten.
Ausgangspunkt der Handlung ist ein Freibad, in dem sich nachts die unterschiedlichsten Cliquen treffen und in dem der Ich-Erzähler zum ersten Mal L. sieht, die mit 18 Jahren in die SED eintreten will.

"Ich glaube, ich musste kurz stehen bleiben, als sie das sagte. Sicher ist, dass ich Lust hatte, einen Knoten in die Straße zu machen, um mir Zeit und Ort auf immer zu merken. Denn das war die Nacht, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Kommunistin traf. Also: eine echte, eine, die nicht nur sagt, sie sei eine, weil sie das gerade sagen muss, und auch keine Pionierleiterin oder FDJ-GOL-Sekretärin, die damit ihr Geld verdient." (...) Im Grunde waren wir von Anfang an in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es bei uns trostlos war - aber es war eben bei uns, und das war nun einmal der Ort, wo das Abenteuer unseres Aufwachsens stattfand. (...) Und L. nun war tatsächlich der erste Mensch in meinem Alter, der ganz privat und ungefragt bekannt gab, dafür zu sein, wo privat und ungefragt eigentlich alle immer nur dagegen waren." (S.24/25)

Der Ich-Erzähler, 1973 geboren - ebenso wie der Autor selbst-, liebt Punkmusik und ein Großteil des Romans kreist um den Wunsch gemeinsam mit S. eine Band zu gründen und einen entsprechenden Namen zu finden. Wer im Osten aufgewachsen ist, wird die verschiedenen Bands, von denen die Rede ist, kennen.


Am Beispiel der verordneten Demonstration zum 1.Mai verdeutlicht der Ich-Erzähler die Stimmung der Jugendlichen unmittelbar vor dem Mauerfall:

"Die große Mai-Demonstration wurde im Wesentlichen von wehrlosen Oberschülern wie uns bestritten, von Rentnern mit Parteiabzeichen und von ein paar traurigen Gestalten, die sich nicht rechtzeitig aus der Affäre ziehen konnten oder zu verkatert waren, um etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzufangen." (S.51)

Der Ich-Erzähler gehört auch zur letzten Generation, die in ein Wehrlager fahren musste:

"In ein Lager, in dem die Jugend eines Landes fit gemacht werden sollte für den Kampf gegen jene, die nicht wollen, dass alle gleich sind, gleiche Rechte, gleiche Pflichten und gleiche Chancen haben." (S.121)

Ironischerweise darf der Ich-Erzähler wegen des Berufs seiner Eltern (Ärzte) nicht auf die Oberschule wechseln. Nur weil er eine zusätzliche Prüfung in Russisch absolviert, ist es ihm erlaubt einen altsprachlichen Zweig zu besuchen - "gleiche Chancen."

Während sich der Widerstand in der DDR formiert und die Montagsdemonstrationen beginnen, geht der Alltag für die Jugendlichen mit Schule und Unterricht weiter, denn "die Weltgeschichte schreibt einem keine Entschuldigungszettel für den Alltag" (S.183), auf den der Ich-Erzähler einen unkonventionellen, oftmals komischen Blick wirft. Denn am Morgen nach dem Mauerfall ist erstmal eine Leistungskontrolle in Physik angesagt.

Doch dann verändert sich mit der Maueröffnung der Alltag des Ich-Erzählers nachhaltig. Immer mehr Menschen verlassen die DDR und im 2.Teil des Romans (1990) steht der aufkommende Rechtsradikalismus im Vordergrund. Der Ich-Erzähler, der selbst zu den Linken gehört - eine sogenannte "Zecke", schildert schonungslos die Straßenkämpfe zwischen rechts und links und wie aus ehemaligen Freunden im Freibad erbitterte Feinde werden. In dieser Dichte und Intensität ist das wirklich erschreckend zu lesen, wie das Leben in Dresden von den Neonazis bestimmt wurde.

Während der erste Teil mit vielen komischen Szenen aufwartet, bleibt bei diesen Szenarien ein Gefühl des Entsetzens zurück, das bis zum Ende des Romans anhält.

Bewertung
Der Roman nimmt uns direkt mit nach Dresden in die Wendezeit und zeigt konkret am Beispiel einiger Jugendlicher die Auswirkungen dieser geschichtsträchtigen Zeit auf ihr Leben.
Die geschichtlichen Ereignisse dienen dabei als "Folie", die den Alltag bestimmt.

Leider weist der Roman einige Längen auf. Zudem verhindern die assoziativ aufeinander folgenden Episoden teilweise einen kontinuierlichen Lesefluss, der auch von den - vom Ich-Erzähler eingefügten - Erklärungen in Fußnoten unterbrochen wird.
Andererseits sind gerade diese Fußnoten sehr informativ - vor allem für diejenigen, die im Westen aufgewachsen sind.

Insgesamt gelingt es dem Autor mit den erzählten Episoden, die wie  "Blitzlichter" den ostdeutschen Alltag der Jugendlichen beleuchten, den Leser/innen einen tiefen Einblick in die Wendezeit zu ermöglichen.



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