Mein Vater, ein Epos und ich
Leserunde auf whatchaReadin
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um erzählendes, nicht fiktionales Sachbuch, ein Genre, das ich in der Art und Weise noch nicht gelesen habe.
Der Autor verknüpft die inhaltliche Darstellung der Odyssee von Homer nebst Interpretationen und Informationen zu diesem klassischen, antiken Versepos mit seiner persönlichen Beziehung zu seinem Vater, wobei sowohl dessen Leben als auch viele Episoden aus Daniel Mendelsohns Biographie erzählt werden.
Im Mittelpunkt steht bezogen auf den Vater die Frage:
"Aber welches ist das wahre Selbst?" (19)
Mendelsohn stellt fest, "wie ich in dem Jahr lernte, in dem mein Vater an meinem Odyssee-Seminar teilnahm und wir uns auf die Spuren der Reisen ihres Helden machten, gibt es auf diese Frage sehr überraschende Antworten." (19)
Ausgangspunkt des erzählenden Sachbuches ist also ein Seminar über die Odyssee, das der Professor für Altphilologie Daniel Mendelsohn am Bard College hält. Sein Vater, Anfang 81, bedauert bis heute, dass er in High School Latein abgewählt hat, und bittet seinen Sohn am Seminar teilnehmen zu dürfen,
"ich lese die Odyssee auf meinem iPad, aber vieles verstehe ich einfach nicht. Hast du nicht gesagt, dass du im nächsten Semester ein Seminar dazu hältst?" (82)
Der Aufbau des Romans entspricht dem Aufbau der Odyssee. Am Anfang steht das Proömium, in dem Mendelsohn die "Handlung" seiner Geschichte umreißt:
Wir erfahren, dass sich sein Vater wöchentlich freitagmorgens im Frühjahrssemester 2011 an den Sitzungen zur Odyssee beteiligte, dass die beiden daraufhin eine Mittelmeer-Kreuzfahrt "Auf den Spuren der Odyssee" unternahmen und dass Jay Mendelssohn im kommenden Jahr sein Haus, in dem er seit Daniels Geburt gelebt hat, verlassen musste, ausgelöst von einem Sturz auf einem Parkplatz, und den Mendelsohn als arche kakon - "der Anfang allen Übels" - bezeichnet, weil dieser letztlich zum Tod des Vaters führt.
An dieser Stelle des Sachbuchs führt der Autor zunächst die Bedeutung des Begriffs arche kakon in aller Ausführlichkeit aus, weist darauf hin, dass kakos (schlecht) sich in Kakophonie erhalten habe. Da dachte ich, das Buch sei zu dozierend, es werde zu wenig erzählt und statt dessen eine wissenschaftliche Abhandlung der Odyssee nebst etymologischen Erklärungen geliefert.
Doch in den folgenden Kapiteln stellte sich diese Angst als unbegründet heraus. Die im Proömium vorgestellte Ringkomposition, eine Erzähltechnik, in der der Erzähler
"mit seiner Geschichte [beginnt], nur um sogleich innezuhalten und auf eine ältere Situation zurückzukommen, die einen bestimmten Aspekt der Geschichte verständlich machen soll - sagen wir, ein Ereignis aus der Geschichte des Protagonisten oder seiner Familie -, und anschließend auf eine noch ältere Situation oder ein noch älteres Ereignis, das diesen etwas jüngeren Moment erklärt, und sich anschließend wieder in die Gegenwart zurückzuschrauben, bis zu dem Moment in der Erzählung, in dem er innehielt, um all diese Hintergründe zu liefern" (44),
beherrscht Mendelsohn selbst perfekt.
Im 2.Kapitel - Telemachie (Erziehung) - erfahren wir etwas über die ersten vier Gesänge der Odyssee, in denen nicht Odysseus, sondern sein Sohn Telemachos im Mittelpunkt steht und der im Verlauf der Handlung "erzogen" wird. Gleichzeitig erzählt Mendelsohn vom Seminar, in dem diese Gesänge besprochen werden und in dem sich sein Vater rege zu Wort meldet.
Zudem beleuchtet er die Vergangenheit seines Vaters sowie seine Lebenseinstellung als "Schmerzensmann" - eine wortwörtliche Übersetzung von Odysseus.
"Wenn man sich nicht anstrengen muss, lohnt es sich nicht." (73)
Das scheint Jay Mendelsohns Lebensmotto zu sein, das ihn zu der Einstellung führt, Odysseus sei kein Held, da er immer wieder von den Göttern Hilfe erhalte und annehme.
In den weiteren Gesängen geht es um Odysseus selbst und den göttlichen Plan, wie es ihm gelingen kann, nach Hause zurückzukehren und von seiner Frau wirklich erkannt zu werden.
In diesem Teil erläutert Mendelsohn, was im griechischen Epos unter einer wahren Partnerschaft verstanden wird, "vollkommener Einklang im Denken" (158) - ein schöner Gedanke, denn so kann Penelope Odysseus seelisch erkennen, aufgrund ihrer Erinnerungen und gemeinsamen Geheimnisse, denn der Körper verändert sich.
Im 3.Kapitel - Aplogoi (Abenteuer) - erzählt Mendelsohn einerseits von den Seminarsitzungen, in denen die bekannten Abenteuer des Odysseus im Mittelpunkt stehen, und der Kreuzfahrt, die er gemeinsam mit seinem Vater im Juni unternommen hat. Auf den Spuren des Odysseus entdeckt er neue Seiten an Jay Mendelsohn. Auch als Leser*in musste ich mein Bild von diesem interessanten älteren Herren revidieren. Die Beziehung der beiden erreicht eine neue, andere Qualität, die mit dem Seminar, aber auch der gemeinsam verbrachten Zeit sowie mit neu geteilten Geheimnissen zusammenhängen.
"Wie viele Seiten mochte mein Vater haben, und welche war die >wahre< Seite?" (178)
Anagnorisis (Wiedererkennung) - Odysseus und Penelope müssen sich wiedererkennen, darin geht es in den Gesänge der Odyssee, nachdem der Held nach Ithaka zurückgekehrt ist.
In Bezug auf Jay Mendelsohn erfahren wir etwas über das Verhältnis zu seiner Frau, Daniel lässt Weggefährten zu Wort kommen, über die er mit seinen Vater nach dessen Tod spricht. Wieder zeigen sich neue Seiten an Jay und einiges, was Daniel geglaubt hat, über diesen zu wissen, muss er revidieren.
"Doch der Sohn, auch wenn er von seinem Vater ist, kann nicht alles über seinen Vater wissen, weil der Vater vor ihm da ist." (336)
Der letzte Teil - Sema (Zeichen) - erzählt vom Tod Jay Mendelsohns und dem Ende des Epos.
Der Roman bietet fundierte Einblicke in das klassische Versepos Odyssee und erzählt gleichzeitig, wie diese die Vater-Sohn-Beziehung der Mendelsohns bereichert und auch verändert hat. Daniel erlebt neue Seiten an seinem Vater, macht sich auch nach dessen Tod auf die Suche nach der "wahren", wenn es sie denn gibt - oder haben wir nicht alle viele verschiedene Seiten.
Letztlich setzt er sich dadurch auch mit dem Verhältnis zu seinem Vater auseinander und geht der Frage nach, die auch in der Odyssee gestellt wird.
"Denn nur wenige Söhne sind wahrlich gleich ihrem Vater, meistens sind sie schlechter und nur wenige besser." (109)
Insgesamt fand ich die Kombination aus Informationen und Interpretationen zu Homers Odyssee und den erzählenden Passagen zur Vater-Sohn-Beziehung sehr reizvoll. Eine gelungene Ringkomposition!
Ich möchte auf meinem Blog alle möglichen Bücher und Hörbücher vorstellen - quer durch alle Genres - ob Gegenwartsliteratur, Fantasy, Krimis, Liebesromane, historische Romane oder Romane gegen das Vergessen. Viel Spaß beim Lesen!
Posts mit dem Label Reisebericht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reisebericht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, 20. Juni 2019
Montag, 2. April 2018
Michael Hugentobler: Louis oder der Ritt auf der Schildkröte
- ein historischer Reise-Roman.
Leserunde bei whatchaREADIN
Der Roman orientiert sich an der historischen Person Louis de Rougement, dessen Buch "The Adventures of Louis de Rougement As Told by Himself" 1899 erschienen ist und der einige Jahre bei einem Stamm der Aborigines in Australien gelebt hat. Hugentobler antwortet auf die Frage, welchen fiktiven Anteil sein Roman habe, "dass die Geschichte einen wahren Kern hat, aber dass auch vieles fiktiv ist."
Einige der im Roman geschilderten Figuren haben gelebt, aber ihre Charaktere und ihr Verhalten habe er verändert. "Ein Spiel mit der Illusion: Wie viele Details braucht ein Leser, um zu glauben, etwas sei wahr, auch wenn es allenfalls erfunden ist." (Forum whatchareadin, Autorengespräch)
Worum geht es?
Der Roman beginnt mit dem misslungenen Vortrag Louis de Montesanto vor der Royal Geographical Society im Jahr 1898 über seinen Aufenthalt bei den Aboriginies, der mit subtilem Humor geschildert wird. Als ein Reporter ihn der Lüge bezichtigt und seinen Geburtsnamen "Hans Roth" ausspricht, geht der kleinwüchsige Mann auf Tauchstation.
"Das war der Moment, als er sich hinter das Rednerpult duckte. Für eine Sekunde hatte er das Geühl, er sei unsichtbar geworden." (S.11)
Die Handlung springt zurück ins Jahr 1849, zu Hans Roth Geburt in einem kleinen Schweizer Bergdorf. Die herbeigerufene Hebamme glaubt, seine Mutter könne unmöglich im 9.Monat schwanger sein, da ihr Bauch so klein ist - genauso klein wie der Junge, der jedoch einen unverhältnismäßig großen Kopf hat. Ein Umstand, der ihn zum Gespött der anderen Kinder macht.
"Von Anfang an mochte die Mutter das Kind nicht. (...) Die anderen Kinder warfen Dreck und faule Zwiebeln nach Hans. Einmal sperrten sie ihn in ein Butterfass, und er hörte sie draußen lachen. Sie trieben Nägel in den Deckel." (S.14)
Nachdem sein Vater betrunken mit seiner Kutsche den Felsen hinunterstürzt, heiratet die Mutter einen reichen Bauer und lässt den 13-Jährigen allein zurück, so dass er ins Tal flüchtet. Jahre später, nachdem er berühmt ist, wird es ein Museum im Dorf geben.
Jenes besucht 1961 Old Lady Long aus Australien, die Hans oder Louis, wie er sich später genannt hat, aus ihrer Kindheit kennt. Sie muss also zu jenem Stamm der Aborigines gehören, bei denen er gelebt hat. Die Besuchertafel gibt folgende Daten preis:
"Geboren am 12.Mai 1849, Entdecker des Stamms der Martu in Australien, Bestsellerautor, Empfang durch die Royal Geographical Society Großbritanniens, Tod in London am 9. Juli 1921." (S.18)
Sie entdeckt vergilbte Autogrammkarten, die den Titel des Romans erklären:
"Auf der Illustration war ein magerer Mann zu sehen, bis zu den Hüften im Wasser, zwischen seinen Beinen der glänzende Panzer einer Schildkröte, und es sah aus, als wolle der Mann auf der Schildkröte reiten." (S.21)
Wer ist diese alte Frau und warum möchte sie von Louis Abschied nehmen?
Die Frage wird zurückgestellt, denn zunächst erfahren wir chronologisch, welchen Weg Hans bzw. Louis nimmt, bis er schließlich in Australien landet.
Er verbringt einen Sommer bei dem Cannabis rauchenden Pfarrer Sägesser, der seiner Zeit in Indien nachtrauert. Gerät an die britische Schauspielerin Emma Campell, die die Behandlung der Sklaven auf der Plantage ihres Mannes angeprangert hat, worauf sich ihr Mann von ihr scheiden ließ. Von ihr erhält er seinen neuen Namen. Sie vermittelt ihn an einen Bankier, der ihn wiederum zu Sir Willaim Stevenson schickt, der zum Gouverneur einer Kolonie in Australien berufen wird.
Louis ist sein Butler, einer, der das übrige Personal schikaniert und Lügengeschichten erzählt:
"Abend erzählte er den Bediensteten, er sein französischer Edelmann italienischer Abstammung und nur hier, um Demut zu erlernen." (S.47)
In dieser Szene hebt der auktoriale Erzähler die Distanz auf und offenbart die Gefühle Louis, der von den anderen gehasst wird. Er fragt sich, warum er die Gesellschaft von Menschen nicht suche und ihm Bindungen ein Graus seien. Das mag mit der Zurückweisung seiner Mutter zusammenhängen, mit den Erfahrungen seiner Kindheit. Er selbst hat keine Liebe erfahren und entwickelt sich zu einem wenig empathischen Einzelgänger.
In Australien verlässt er den Gouverneur und gerät auf abenteuerlichem Weg zu den Aborigines, unter denen er tatsächlich einige Zeit lebt. Er "heiratet" die schöne Yamba, die er liebt (?), zumindest benutzt er sie, "um sich ein Gefühl von Freiheit zu verschaffen." (S.79)
Der Drang nach Freiheit erklärt vielleicht seine Ruhelosigkeit, seine Reiselust und vielleicht auch seinen Widerwillen sich anzupassen.
Die Ausgrenzung, die er seit früher Kindheit erfahren hat, setzt sich auch im Stamm fort und liegt darin begründet, dass er nicht in der Lage ist, ihre Gesetze und Regeln zu verstehen oder aber zu befolgen. Der Erzähler erlaubt nur kurze Einblicke in Louis Gedanken, so dass wir über seine Motivation und die Hintergründe seines Verhaltens nur spekulieren können.
Der Weg bis zu seinem Vortrag im Jahr 1898 ist steinig und mühsam, doch unbeirrbar verfolgt Louis das Ziel, seine Geschichte zu erzählen. Ist sie wahr? Warum wird er als Lügner bezeichnet?
Darauf gibt der Romane interessante Antworten, denn Louis fragt sich,
"ob Wahrheit für eine Geschichte überhaupt nötig sei." (S.70)
"Das Problem war, dachte er, dass der Grat zwischen Fakt und Fiktion schmal und verwirrend und unnötig sei." (S.110)
Und so dehnt er die Wahrheit und hat durchschlagenden Erfolg - bis er entlarvt wird.
Humorvoll wird die Demontage des letzten Abenteurers erzählt, eigentlich unglaublich, was die Menschen alles für bare Münze genommen haben, um ihre Vorurteile bestätigt zu sehen und unterhalten zu werden. Da hält Hugentobler auch der heutigen Gesellschaft schonungslos den Spiegel vor.
Bewertung
Ich finde die Geschichte und das Leben von Louis de Montesanto interessant, ebenso die geschilderten Sitten, Traditionen und Bräuche der Aborigines. Dem Autor gelingt es die einzelnen Figuren mit wenigen Sätzen treffend zu beschreiben und viele Szenen weisen einen subtilen Humor auf.
Allerdings sorgt die distanzierte Erzählweise, die nur wenig Einblicke in die Gefühle und Gedanken der Protagonisten zulassen, dafür, dass sich der Roman wie ein Bericht liest, nüchtern und sachlich. Ausnahmen bilden die Kapitel, in denen Old Lady Long im Mittelpunkt steht, sie ist die einzige Sympathieträgerin, während Louis/Hans als Mensch erscheint, dem jegliche Empathie fehlt. Einzig seiner Tochter, die er gemeinsam mit Yamba hat, bringt er Liebe entgegen. Die Szene, in der er über sie spricht, zeigt ihn als mitfühlenden Menschen.
Positiv kann man festhalten, dass er keine Vorurteile gegenüber den Aborigines hat, andererseits hat er "einfach nicht verstanden, nach welchen Gesetzen sie leben würden, und es habe ihn auch nicht interessiert." (S.103)
Er ist ein Außenstehender, der die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion nicht zu verstehen scheint, Ausnahme bildet seine Tochter.
"Die einzig zulässige Version der Wahrheit sei jene, die den Leser sofort in ihren Bann ziehe" (S.110).
Und das ist Hugentobler mit seiner Geschichte nur bedingt gelungen, da die Figuren auf Distanz bleiben, keine Nähe zwischen ihnen und den Leser*innen entsteht. Es bleibt die interessante Lebensgeschichte eines "unerträglichen Widerlings" (S.148), der aus seiner Welt ausgebrochen ist.
Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 187 Seiten
dtv, 2018
Vielen Dank an den Verlag für das Lese-Exemplar.
Leserunde bei whatchaREADIN
Der Roman orientiert sich an der historischen Person Louis de Rougement, dessen Buch "The Adventures of Louis de Rougement As Told by Himself" 1899 erschienen ist und der einige Jahre bei einem Stamm der Aborigines in Australien gelebt hat. Hugentobler antwortet auf die Frage, welchen fiktiven Anteil sein Roman habe, "dass die Geschichte einen wahren Kern hat, aber dass auch vieles fiktiv ist."
Einige der im Roman geschilderten Figuren haben gelebt, aber ihre Charaktere und ihr Verhalten habe er verändert. "Ein Spiel mit der Illusion: Wie viele Details braucht ein Leser, um zu glauben, etwas sei wahr, auch wenn es allenfalls erfunden ist." (Forum whatchareadin, Autorengespräch)
Worum geht es?
Der Roman beginnt mit dem misslungenen Vortrag Louis de Montesanto vor der Royal Geographical Society im Jahr 1898 über seinen Aufenthalt bei den Aboriginies, der mit subtilem Humor geschildert wird. Als ein Reporter ihn der Lüge bezichtigt und seinen Geburtsnamen "Hans Roth" ausspricht, geht der kleinwüchsige Mann auf Tauchstation.
"Das war der Moment, als er sich hinter das Rednerpult duckte. Für eine Sekunde hatte er das Geühl, er sei unsichtbar geworden." (S.11)
Die Handlung springt zurück ins Jahr 1849, zu Hans Roth Geburt in einem kleinen Schweizer Bergdorf. Die herbeigerufene Hebamme glaubt, seine Mutter könne unmöglich im 9.Monat schwanger sein, da ihr Bauch so klein ist - genauso klein wie der Junge, der jedoch einen unverhältnismäßig großen Kopf hat. Ein Umstand, der ihn zum Gespött der anderen Kinder macht.
"Von Anfang an mochte die Mutter das Kind nicht. (...) Die anderen Kinder warfen Dreck und faule Zwiebeln nach Hans. Einmal sperrten sie ihn in ein Butterfass, und er hörte sie draußen lachen. Sie trieben Nägel in den Deckel." (S.14)
Nachdem sein Vater betrunken mit seiner Kutsche den Felsen hinunterstürzt, heiratet die Mutter einen reichen Bauer und lässt den 13-Jährigen allein zurück, so dass er ins Tal flüchtet. Jahre später, nachdem er berühmt ist, wird es ein Museum im Dorf geben.
Jenes besucht 1961 Old Lady Long aus Australien, die Hans oder Louis, wie er sich später genannt hat, aus ihrer Kindheit kennt. Sie muss also zu jenem Stamm der Aborigines gehören, bei denen er gelebt hat. Die Besuchertafel gibt folgende Daten preis:
"Geboren am 12.Mai 1849, Entdecker des Stamms der Martu in Australien, Bestsellerautor, Empfang durch die Royal Geographical Society Großbritanniens, Tod in London am 9. Juli 1921." (S.18)
Sie entdeckt vergilbte Autogrammkarten, die den Titel des Romans erklären:
"Auf der Illustration war ein magerer Mann zu sehen, bis zu den Hüften im Wasser, zwischen seinen Beinen der glänzende Panzer einer Schildkröte, und es sah aus, als wolle der Mann auf der Schildkröte reiten." (S.21)
Wer ist diese alte Frau und warum möchte sie von Louis Abschied nehmen?
Die Frage wird zurückgestellt, denn zunächst erfahren wir chronologisch, welchen Weg Hans bzw. Louis nimmt, bis er schließlich in Australien landet.
Er verbringt einen Sommer bei dem Cannabis rauchenden Pfarrer Sägesser, der seiner Zeit in Indien nachtrauert. Gerät an die britische Schauspielerin Emma Campell, die die Behandlung der Sklaven auf der Plantage ihres Mannes angeprangert hat, worauf sich ihr Mann von ihr scheiden ließ. Von ihr erhält er seinen neuen Namen. Sie vermittelt ihn an einen Bankier, der ihn wiederum zu Sir Willaim Stevenson schickt, der zum Gouverneur einer Kolonie in Australien berufen wird.
Louis ist sein Butler, einer, der das übrige Personal schikaniert und Lügengeschichten erzählt:
"Abend erzählte er den Bediensteten, er sein französischer Edelmann italienischer Abstammung und nur hier, um Demut zu erlernen." (S.47)
In dieser Szene hebt der auktoriale Erzähler die Distanz auf und offenbart die Gefühle Louis, der von den anderen gehasst wird. Er fragt sich, warum er die Gesellschaft von Menschen nicht suche und ihm Bindungen ein Graus seien. Das mag mit der Zurückweisung seiner Mutter zusammenhängen, mit den Erfahrungen seiner Kindheit. Er selbst hat keine Liebe erfahren und entwickelt sich zu einem wenig empathischen Einzelgänger.
In Australien verlässt er den Gouverneur und gerät auf abenteuerlichem Weg zu den Aborigines, unter denen er tatsächlich einige Zeit lebt. Er "heiratet" die schöne Yamba, die er liebt (?), zumindest benutzt er sie, "um sich ein Gefühl von Freiheit zu verschaffen." (S.79)
Der Drang nach Freiheit erklärt vielleicht seine Ruhelosigkeit, seine Reiselust und vielleicht auch seinen Widerwillen sich anzupassen.
Die Ausgrenzung, die er seit früher Kindheit erfahren hat, setzt sich auch im Stamm fort und liegt darin begründet, dass er nicht in der Lage ist, ihre Gesetze und Regeln zu verstehen oder aber zu befolgen. Der Erzähler erlaubt nur kurze Einblicke in Louis Gedanken, so dass wir über seine Motivation und die Hintergründe seines Verhaltens nur spekulieren können.
Der Weg bis zu seinem Vortrag im Jahr 1898 ist steinig und mühsam, doch unbeirrbar verfolgt Louis das Ziel, seine Geschichte zu erzählen. Ist sie wahr? Warum wird er als Lügner bezeichnet?
Darauf gibt der Romane interessante Antworten, denn Louis fragt sich,
"ob Wahrheit für eine Geschichte überhaupt nötig sei." (S.70)
"Das Problem war, dachte er, dass der Grat zwischen Fakt und Fiktion schmal und verwirrend und unnötig sei." (S.110)
Und so dehnt er die Wahrheit und hat durchschlagenden Erfolg - bis er entlarvt wird.
Humorvoll wird die Demontage des letzten Abenteurers erzählt, eigentlich unglaublich, was die Menschen alles für bare Münze genommen haben, um ihre Vorurteile bestätigt zu sehen und unterhalten zu werden. Da hält Hugentobler auch der heutigen Gesellschaft schonungslos den Spiegel vor.
Bewertung
Ich finde die Geschichte und das Leben von Louis de Montesanto interessant, ebenso die geschilderten Sitten, Traditionen und Bräuche der Aborigines. Dem Autor gelingt es die einzelnen Figuren mit wenigen Sätzen treffend zu beschreiben und viele Szenen weisen einen subtilen Humor auf.
Allerdings sorgt die distanzierte Erzählweise, die nur wenig Einblicke in die Gefühle und Gedanken der Protagonisten zulassen, dafür, dass sich der Roman wie ein Bericht liest, nüchtern und sachlich. Ausnahmen bilden die Kapitel, in denen Old Lady Long im Mittelpunkt steht, sie ist die einzige Sympathieträgerin, während Louis/Hans als Mensch erscheint, dem jegliche Empathie fehlt. Einzig seiner Tochter, die er gemeinsam mit Yamba hat, bringt er Liebe entgegen. Die Szene, in der er über sie spricht, zeigt ihn als mitfühlenden Menschen.
Positiv kann man festhalten, dass er keine Vorurteile gegenüber den Aborigines hat, andererseits hat er "einfach nicht verstanden, nach welchen Gesetzen sie leben würden, und es habe ihn auch nicht interessiert." (S.103)
Er ist ein Außenstehender, der die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion nicht zu verstehen scheint, Ausnahme bildet seine Tochter.
"Die einzig zulässige Version der Wahrheit sei jene, die den Leser sofort in ihren Bann ziehe" (S.110).
Und das ist Hugentobler mit seiner Geschichte nur bedingt gelungen, da die Figuren auf Distanz bleiben, keine Nähe zwischen ihnen und den Leser*innen entsteht. Es bleibt die interessante Lebensgeschichte eines "unerträglichen Widerlings" (S.148), der aus seiner Welt ausgebrochen ist.
Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 187 Seiten
dtv, 2018
Vielen Dank an den Verlag für das Lese-Exemplar.
Abonnieren
Posts (Atom)

