Donnerstag, 20. Juni 2019

Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee

Mein Vater, ein Epos und ich

Leserunde auf whatchaReadin

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um erzählendes, nicht fiktionales Sachbuch, ein Genre, das ich in der Art und Weise noch nicht gelesen habe.
Der Autor verknüpft die inhaltliche Darstellung der Odyssee von Homer nebst Interpretationen und Informationen zu diesem klassischen, antiken Versepos mit seiner persönlichen Beziehung zu seinem Vater, wobei sowohl dessen Leben als auch viele Episoden aus Daniel Mendelsohns Biographie erzählt werden.
Im Mittelpunkt steht bezogen auf den Vater die Frage:

"Aber welches ist das wahre Selbst?" (19)

Mendelsohn stellt fest, "wie ich in dem Jahr lernte, in dem mein Vater an meinem Odyssee-Seminar teilnahm und wir uns auf die Spuren der Reisen ihres Helden machten, gibt es auf diese Frage sehr überraschende Antworten." (19)


Ausgangspunkt des erzählenden Sachbuches ist also ein Seminar über die Odyssee, das der Professor für Altphilologie Daniel Mendelsohn am Bard College hält. Sein Vater, Anfang 81, bedauert bis heute, dass er in High School Latein abgewählt hat, und bittet seinen Sohn am Seminar teilnehmen zu dürfen,

"ich lese die Odyssee auf meinem iPad, aber vieles verstehe ich einfach nicht. Hast du nicht gesagt, dass du im nächsten Semester ein Seminar dazu hältst?" (82)

Der Aufbau des Romans entspricht dem Aufbau der Odyssee. Am Anfang steht das Proömium, in dem Mendelsohn die "Handlung" seiner Geschichte umreißt:
Wir erfahren, dass sich sein Vater wöchentlich freitagmorgens im Frühjahrssemester 2011 an den Sitzungen zur Odyssee beteiligte, dass die beiden daraufhin eine Mittelmeer-Kreuzfahrt "Auf den Spuren der Odyssee" unternahmen und dass Jay Mendelssohn im kommenden Jahr sein Haus, in dem er seit Daniels Geburt gelebt hat, verlassen musste, ausgelöst von einem Sturz auf einem Parkplatz, und den Mendelsohn als arche kakon - "der Anfang allen Übels" - bezeichnet, weil dieser letztlich zum Tod des Vaters führt.

An dieser Stelle des Sachbuchs führt der Autor zunächst die Bedeutung des Begriffs arche kakon in aller Ausführlichkeit aus, weist darauf hin, dass kakos (schlecht) sich in Kakophonie erhalten habe. Da dachte ich, das Buch sei zu dozierend, es werde zu wenig erzählt und statt dessen eine wissenschaftliche Abhandlung der Odyssee nebst etymologischen Erklärungen geliefert.

Doch in den folgenden Kapiteln stellte sich diese Angst als unbegründet heraus. Die im Proömium vorgestellte Ringkomposition, eine Erzähltechnik, in der der Erzähler

"mit seiner Geschichte [beginnt], nur um sogleich innezuhalten und auf eine ältere Situation zurückzukommen, die einen bestimmten Aspekt der Geschichte verständlich machen soll - sagen wir, ein Ereignis aus der Geschichte des Protagonisten oder seiner Familie -, und anschließend auf eine noch ältere Situation oder ein noch älteres Ereignis, das diesen etwas jüngeren Moment erklärt, und sich anschließend wieder in die Gegenwart zurückzuschrauben, bis zu dem Moment in der Erzählung, in dem er innehielt, um all diese Hintergründe zu liefern" (44),

beherrscht Mendelsohn selbst perfekt.

Im 2.Kapitel - Telemachie (Erziehung) - erfahren wir etwas über die ersten vier Gesänge der Odyssee, in denen nicht Odysseus, sondern sein Sohn Telemachos im Mittelpunkt steht und der im Verlauf der Handlung "erzogen" wird. Gleichzeitig erzählt Mendelsohn vom Seminar, in dem diese Gesänge besprochen werden und in dem sich sein Vater rege zu Wort meldet.
Zudem beleuchtet er die Vergangenheit seines Vaters sowie seine Lebenseinstellung als "Schmerzensmann" - eine wortwörtliche Übersetzung von Odysseus.

"Wenn man sich nicht anstrengen muss, lohnt es sich nicht." (73)

Das scheint Jay Mendelsohns Lebensmotto zu sein, das ihn zu der Einstellung führt, Odysseus sei kein Held, da er immer wieder von den Göttern Hilfe erhalte und annehme.
In den weiteren Gesängen geht es um Odysseus selbst und den göttlichen Plan, wie es ihm gelingen kann, nach Hause zurückzukehren und von seiner Frau wirklich erkannt zu werden.
In diesem Teil erläutert Mendelsohn, was im griechischen Epos unter einer wahren Partnerschaft verstanden wird, "vollkommener Einklang im Denken" (158) - ein schöner Gedanke, denn so kann Penelope Odysseus seelisch erkennen, aufgrund ihrer Erinnerungen und gemeinsamen Geheimnisse, denn der Körper verändert sich.

Im 3.Kapitel - Aplogoi (Abenteuer) - erzählt Mendelsohn einerseits von den Seminarsitzungen, in denen die bekannten Abenteuer des Odysseus im Mittelpunkt stehen, und der Kreuzfahrt, die er gemeinsam mit seinem Vater im Juni unternommen hat. Auf den Spuren des Odysseus entdeckt er neue Seiten an Jay Mendelsohn. Auch als Leser*in musste ich mein Bild von diesem interessanten älteren Herren revidieren. Die Beziehung der beiden erreicht eine neue, andere Qualität, die mit dem Seminar, aber auch der gemeinsam verbrachten Zeit sowie mit neu geteilten Geheimnissen zusammenhängen.

"Wie viele Seiten mochte mein Vater haben, und welche war die >wahre< Seite?" (178)

Anagnorisis (Wiedererkennung) - Odysseus und Penelope müssen sich wiedererkennen, darin geht es in den Gesänge der Odyssee, nachdem der Held nach Ithaka zurückgekehrt ist.
In Bezug auf Jay Mendelsohn erfahren wir etwas über das Verhältnis zu seiner Frau, Daniel lässt Weggefährten zu Wort kommen, über die er mit seinen Vater nach dessen Tod spricht. Wieder zeigen sich neue Seiten an Jay und einiges, was Daniel geglaubt hat, über diesen zu wissen, muss er revidieren.

"Doch der Sohn, auch wenn er von seinem Vater ist, kann nicht alles über seinen Vater wissen, weil der Vater vor ihm da ist." (336)

Der letzte Teil - Sema (Zeichen) - erzählt vom Tod Jay Mendelsohns und dem Ende des Epos.

Der Roman bietet fundierte Einblicke in das klassische Versepos Odyssee und erzählt gleichzeitig, wie diese die Vater-Sohn-Beziehung der Mendelsohns bereichert und auch verändert hat. Daniel erlebt neue Seiten an seinem Vater, macht sich auch nach dessen Tod auf die Suche nach der "wahren", wenn es sie denn gibt - oder haben wir nicht alle viele verschiedene Seiten.
Letztlich setzt er sich dadurch auch mit dem Verhältnis zu seinem Vater auseinander und geht der Frage nach, die auch in der Odyssee gestellt wird.

"Denn nur wenige Söhne sind wahrlich gleich ihrem Vater, meistens sind sie schlechter und nur wenige besser." (109)

Insgesamt fand ich die Kombination aus Informationen und Interpretationen zu Homers Odyssee und den erzählenden Passagen zur Vater-Sohn-Beziehung sehr reizvoll. Eine gelungene Ringkomposition!