Sonntag, 21. Januar 2024

Iris Wolff: Lichtungen


"Erinnerungen waren über die Zeit verstreut wie Lichtungen.“ (S.76)

Der Protagonist Lev ist zu Beginn der Handlung ca. Mitte-Ende 30 und arbeitet in einem privatisierten Sägewerk in Rumänien. Geboren im kommunistischen Vielvölkerstaat während der Diktatur Ceaușescus, stellt er sich als Kind die Frage "was er sei. (...) Bei einer siebenbürgisch-sächsischen Mutter, einem rumänischen Vater und einem österreichischen Großvater sei die Sache nicht so einfach." (S.232)
Für Iris Wolff, die selbst mit ihrer Familie 1986 Siebenbürgen Richtung Deutschland verlassen hat, ist die Frage der Zugehörigkeit ein zentrales Thema des Romans.
Die Unsicherheit, welche Identität er hat, bestimmt Levs Leben und weckt in ihm den Wunsch nach Konstanz und Sicherheit. Auch ein tragische Unfall in seiner Kindheit sowie der frühe Verlust seines Vaters führen zu diesem Wunsch und prägen entscheidend sein Leben.

"Lev hatte kaum Erinnerungen an seinen Vater, der bei einem Bergrutsch verunglückte, als er fünf Jahre alt gewesen war." (S.240)

Diese wenigen Erinnerungen sind wie "Lichtungen", immer wieder taucht dieses Motiv des Titels in den einzelnen Kapiteln auf, die die prägenden Situationen aus Levs Leben, an die er sich erinnert, erzählen.

"Jeder Augenblick (...) enthielt alles Gewesene, und war doch immer wieder ein Neubeginn." (S.34)

Als Leserinnen und Leser steigen wir mit einem Neubeginn ein.

„Dieselgeruch, Lautsprecherdurchsagen, vom Wind zerhackt; er war so stark, dass sie sich schräg gegen ihn lehnen konnten, mit aufgeblähten Shirts, flatternden Hosen, Brausen in den Ohren, im Kopf, im Körper. Noch Minuten später, im Inneren der Fähre, war dieses Brausen zu spüren, ein Nachbeben, Nachklang, und Lev dachte unwillkürlich daran, wie Sägeblätter in eigenwillig-summendem Takt nachschwangen, wie der Boden mit einem Mal ruhig wurde, und das Sägemehl, das über der Maschine schwebte, herabfiel – leicht verzögert, verwundert, von der Schwerkraft überrascht.“ (S.9)

Wir erfahren, dass Kato, Levs Freundin seit Kindertagen, die Rumänien nach der Öffnung der Grenzen verlassen hat und als Straßenkünstlerin ihr Geld verdient, ihn zurück nach Rumänien begleiten wird.

„Wir reisen gemeinsam zurück?“ (…) „Ja“, sagte Kato. Einfach nur: Ja. Das reichte ihm für den Moment.“ (S.11)

Auch wir reisen zurück, denn Iris Wolff erzählt Levs Leben bis zu jenem Moment rückwärts in neun Kapiteln. Dabei ist jedem Kapitel ein passendes Zitat vorangestellt, das im Zusammenhang mit der Handlung steht und diese sozusagen beleuchtet.

Aufgrund der Erzählweise liegt der Fokus in Bezug auf Kato und Lev, wie es zu dem Moment kommt, da sie mit ihm zurückkehren möchte. Warum ist sie ohne ihn in den Westen? Wie ist es dazu gekommen, dass sie ihm geschrieben hat, er solle kommen. Warum hat er sie nicht vorher besucht?
Sukzessive tauchen wir in Levs Vergangenheit ein, aus seiner personalen Perspektive wird seine Geschichte erzählt, die mit Katos eng verknüpft ist. 
Schritt für Schritt entblättert sich sein Leben vor uns, bis wir in seiner seiner frühen Kindheit angelangen. Obwohl man weiß, dass es zwischen Lev und Kato eine Art "Happy End" gibt, liest man doch mit Spannung, entdeckt die verschiedenen Figuren in Levs Leben, welche Bedeutung sie für ihn haben und welchen Einfluss sie auf ihn ausüben. Manches bleibt vage und wird nicht erklärt.

„In allem gab es diese Dunkelstellen, wo die Erfahrung aufhörte und die Erinnerung anfing. Etwas blieb, und etwas ging verloren, manches schon im Augenblick des Geschehens, und wie sehr man sich auch bemühte, es tauchte nie wieder auf."

Insgesamt ein wunderbarer Roman, der von einer besonderen Freundschaft erzählt, von der Frage nach der eigenen Identität und danach, was uns im Leben prägt - und das in einer außergewöhnlichen metaphorischen Sprache.  Iris Wolff verfügt über eine besondere Beobachtungsgabe, lässt mit ihren Worten sofort Bilder im Kopf entstehen, die es mir leicht machen in diese Geschichte einzutauchen.
Auch das liebevoll gestaltete Cover sorgt dafür, dass man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. 

Leserunde auf whatchaReadin

Sonntag, 7. Januar 2024

Bernhard Schlink: Das späte Leben

 Leserunde auf whatchaReadin

Spät wird Martin, Juraprofessor, Vater - erst mit 70 Jahren. Seine Frau Ulla ist Mitte 40.

"Die zwölf Jahre seit der Hochzeit waren gute Jahre. Sie kauften ein kleines Haus mit Garten am Rand der Stadt. Ulla schloss das Studium ab, verlegte sich ganz aufs Malen, fand ein Atelier und eine Galerie, in der sie ausstellte und immer wieder aushalf, und bekam vor sechs Jahren David. Er lehrte bis siebzig an der Universität und schrieb danach weiter, wandte aber immer mehr Zeit an David und an den Garten und ans Kochen. Er nahm das Leben mit Ulla, dem Sohn und den verbliebenen Tätigkeiten als Geschenk, dem man nicht ins Maul schaut." (S.24)

Doch jetzt ist diese Zeit vorüber, denn Martin leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs - unheilbar. Ihm bleibt ohne Therapie noch maximal noch ein halbes Jahr
Ein Kritikpunkt in der Leserunde war die mangelhafte Recherche und infolgedessen die fehlende Expertise im medizinischen Bereich. Von der Tatsache, dass alle Entscheidungen vom Hausarzt gefällt werden, Therapiemöglichkeiten nur unzureichend diskutiert werden bis hin zur fragwürdigen Medikation bei Krebs - all das interessiert Schlink offenkundig nicht, zerstört jedoch die Glaubwürdigkeit der Geschichte.
Ihm geht es ausschließlich darum, wie ein alter Mensch reagiert, im Angesicht dessen, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Was soll er seinem Sohn mit auf den Weg geben, was möchte er hinterlassen? Kann er seinen Lebensweg überhaupt noch beeinflussen? Oder muss er das Leben loslassen?
Schade, dass er das Klischee des alten Mannes mit jüngerer Frau bedient hat. Kann man nicht auch das Bedürfnis haben, seinen Enkeln etwas hinterlassen zu wollen?

Die Reaktion seiner jüngeren Frau auf seine Diagnose mutet seltsam kühl und unempathisch an, sofort gerät sie ins Tun:
"Was willst du jetzt machen?" (S.26)
Sie wird als pragmatisch, nüchterne Frau beschrieben, die ohne Vater aufgewachsen ist. Er habe die Familie verlassen, als sie noch sehr klein gewesen sei, berichtet Ulla Martin und betont gleichzeitig, dass sie keinen Vaterersatz gesucht hat. Trotzdem begibt sich Martin auf die Suche nach Ullas Vater? Ist es der Wunsch Gutes zu tun, noch ein letztes Mal Einfluss zunehmen oder ist es übergriffig, dies ohne ihr Wissen zu tun?

Ulla bringt Martin auf die Idee, David einen Brief zu schreiben, der wortwörtlich von Gott (und der Welt) handelt. Es geht um sein Verhältnis zur Religion, um die Gerechtigkeit der Liebe, um einen gerechten Gott.
Zunächst ist dieser Brief sehr unpersönlich, es scheint fast so, dass Schlink seine persönliche Meinung zu diesen Themen im Roman hinterlassen möchte.
Allerdings wird Martin bewusst, dass er mit dem Brief David auch eine Gewissheit mitgeben will:
"Die Jahre mit ihm und die Erinnerung an die Jahre mit ihm sollten für David ein Grundstock an Gewissheit werden, dass er geliebt war. Er sollte sich jetzt als kleiner und später als großer Mensch nicht anstrengen müssen, um sich angenommen und aufgehoben zu wissen. Die Gewissheit, geliebt zu sein, sollte bei den Anstrengungen des Lebens beflügeln, nicht Belohnung für sie sein." (93f.)
Auch in seinem Handeln wird dieses Bestreben offensichtlich. Martin nutzt die Zeit mit seinem Sohn intensiv, er unternimmt eine Wanderung, legt gemeinsam mit ihm einen Komposthaufen an, kümmert sich um ihn, allerdings bereitet er David kaum auf seinen bevorstehenden Tod vor, auch Davids Mutter tut dies nicht.
Zugute halten muss man dem Protagonisten, dass er am Ende die gemeinsame Zeit am Meer ausklingen lässt, intensive Tage mit seiner Familie verbringt, das Leben laufen lässt. Und auch die Leser:innen werden auf den letzten Seiten etwas versöhnt. Das Ende Martins erspart uns der Autor glücklicherweise.

Während man Martins Verhalten, aus dessen personaler Perspektive die Handlung geschildert wird, teilweise nachvollziehen kann, ist Ullas Handlungsweise oft nicht verständlich. Ob es ihre Reaktionen auf Martins Brief, den sie wie selbstverständlich liest, noch seine Vorschläge in Bezug auf David noch ihre Verhaltensweisen außerhalb ihrer Familie sind, die Figur wirkt nicht authentisch und nicht in sich schlüssig.

Insgesamt fällt meine Bewertung für einen von mir sehr geschätzten Autor eher bescheiden aus. Der Roman liest sich gut - aber ist das ein Qualitätsmerkmal? Es sind sehr viele Wendungen, die ebenfalls in dieser Dichte unglaubwürdig sind.
Schlink hätte sich auf das Thema des herannahenden Todes  und den Fragen konzentrieren sollen, was bleibt von mir, was möchte ich hinterlassen, kann ich das Leben meiner Lieben noch lenken oder muss ich es loslassen. Wenn es in den Szenen und in Martins Gedanken darum geht, zeigt der Roman seine Stärke.


Samstag, 25. November 2023

Charles Lewinsky: Rauch und Schall

 - das Denkmal Goethe wackelt

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Welch genialer Anfang: "Goethe hatte Hämorrhoiden." (S.7)

Der große Dichterfürst, bewunderter Klassiker wird von einer so unsäglichen Krankheit geplagt. Goethe wird in diesem Roman von Lewinsky von seinem Sockel gestoßen und als Mensch dargestellt - etwas arrogant, sehr von sich eingenommen.
Gerade auf dem Rückweg von seiner Schweizer Reise 1797 wird er in der Kutsche durchgeschüttelt und leidet. Zudem muss er feststellen, dass er eine Schreibblockade hat. Die bedeutungsschweren Sentenzen, die leichten Verse, nichts gelingt ihm mehr. Zurück in Weimar wartet der Herzog auf das für seine Frau bestellte Festgedicht - doch die Verse wollen nicht fließen,
"als hielten ihm tausend Dämonen die Hand fest und hinderten ihn daran, auch nur einen Buchstaben zu Papier zu bringen, dass die Gedanken schneller vor ihm flohen, als er sie erspähen konnte" (S.46).
In seiner Verzweiflung nimmt Goethe das Angebot des Vielschreibers Christian August Vulpius, Bruder seiner Geliebten Christiane, an und lässt sich von ihm das Festgedicht schreiben. Und das, obwohl er ihn dafür verachtet, Literatur zur Unterhaltung zu verfassen - heute würde man sagen Belletristik oder Massenliteratur.
Und doch ist es gerade Vulpius, der ihm zu helfen vermag und ihm letztlich die Weiterarbeit am Faust ermöglicht - das zumindest ist Lewinskys Version, der laut Klappentext "minuziös recherchierte Fakten, versetzt mit fantasievollen Lügen" zusammengefügt hat.
Nebenbei nimmt er die höfische Gesellschaft Weimars aufs Korn und zeichnet Christiane als lebenstüchtige, pragmatische Frau, die ihren Bruder und Goethe geschickt zusammenbringt.
In bilderreicher Sprache, im Ton Goethes mit vielen Bezügen zur griechischen Mythologie und intertextuellen Verweisen unterhält Lewinsky die Lesenden. 
Neben der guten Story überzeugt v.a. die Komik vieler Szenen, die teilweise Slapstick-Charakter haben. Ich musste tatsächlich beim Lesen öfter lachen.

Eine klare Lese-Empfehlung, nicht nur für Goethe- und Lewinsky-Fans.

Mittwoch, 25. Oktober 2023

Alex Schulman: Endstation Malma


 "Ein Zug, drei Menschen und ihre miteinander verwobenen Schicksale" (Klappentext)

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Der 3.Roman von Alex Schulman ist ebenso meisterhaft komponiert wie die beiden Vorgänger "Die Überlebenden" und "Verbrenn all meine Briefe". 

Zunächst glaubt man, alle drei Figuren, aus deren Perspektive abwechselnd erzählt wird, säßen im gleichen Zug mit der Endstation Malma.

- Harriet mit ihrem Vater, der seine Fototasche dabei hat, samt einer Urne

- Oskar und seine Frau, die im Zug nach Malma sitzen, während sie schläft

-Yana, eine junge Frau, die ebenfalls im Zug nach Malma, um etwas herauszufinden.

Der Autor führt uns auf die falsche Fährte, erst im 3.Kapitel, realisiert man, dass die drei Handlungsstränge zeitlich versetzt sind:

"Ninchens Beerdigung, August 1976, und darunter der Name ihrer Mutter: Harriet." (S.59) Im Folgenden werden die Fotos beschrieben, die auf der ersten Reise nach Malma im Jahr 1976 entstanden sind.
"Es gab mehrere Reisen nach Malma. Die erste fand in den Siebzigerjahren statt. Da war ihre Mutter noch ein Kind und fuhr mit ihrem Vater dort hin, um jemanden namens Ninchen zu beerdigen - ein Haustier vielleicht? (Harriet-Kapitel)
Die zweite Reise erfolgte am 17.September 2001. Ihre Mutter war erwachsen und todunglücklich in der Beziehung mit ihrem Vater." (S.60) (Oskar-Kapitel)
"Und das hier ist die dritte Fahrt." (S.60) (Yana-Kapitel)

Erneut vermag es Schulman mit einer ungewöhnlichen Komposition zu begeistern.
Neben der Zugreise nach Malma gibt es noch einen anderen roten Faden, der die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhält: die schwierige Tochter-Vater-Beziehung, unter der sowohl Harriet als auch Yana leiden. Beide haben Angst ihre Väter zu verärgern, können sich nicht entfalten, leben in der Stille einer fehlenden Kommunikation. Allerdings zeigt sich, dass Harriets Vater sie durchaus geliebt hat, nur nicht imstande gewesen ist, es ihr zu zeigen. Auch Oskar fragt sich, warum er seine Tochter verliert, doch seine ungezügelte Wut verhindert, dass die beiden zueinander finden.

Beide Mädchen, Harriet und Yana, wurden von ihren Müttern verlassen. Warum verlässt ausgerechnet Harriet, die selbst unter der Trennung von der Mutter zu leiden hatte, ihre eigene Tochter. Das ist eines der Geheimnisse sein, die es zu ergründen gilt und das sich am Ende auflöst.
Während der Zugfahrten erinnern sich die drei Reisenden an Ereignisse aus ihrer Vergangenheit. Kapitel für Kapitel entfaltet sich das Bild der dysfunktionalen Familie.

"Die Kindheit ist eine unbegreifliche Installation, genau wie ein modernes Kunstwerk. Sinnlos und überflüssig. Man möchte die ganze Scheiße am liebsten zertreten." (S.230)

Ein Satz, den Oskar denkt und der exemplarisch für alle Protagonist:innen gilt. Wie traurig, denn eigentlich sollte doch die Kindheit ein Ort der seligen Erinnerung sein.

Dieses Zitat bringt für mich zum Ausdruck, was alle Protagonisten erlebt haben. Ob Oskar, der unter der mangelnden Berührung seiner Mutter gelitten hat, oder Harriet und Yana, die mit schweigenden und jähzornigen Vätern aufwachsen müssen, sie alle erleben keine glückliche Kindheit. Welche Folgen das hat, kann man am besten an Harriet sehen, die Dreh-und Angelpunkt der Geschichte ist. Die sich immer wieder „you are not alone“ (Yana) vorsagen muss, um einen Halt zu finden. An Harriets Figur wird die Frage aufgeworfen, inwiefern ihre Kindheit ihr Verhalten als Erwachsene rechtfertigt.

"Die geraden Linien von der Kindheit bis in die Gegenwart hinauf, alles, was man jetzt ist, kann und muss durch das erklärt werden, was einem früher widerfahren ist. (...) Und man ist selbst niemals schuld, man ist immer nur das Opfer der Fehler und Schwächen anderer." (S.233)

Harriet sieht sich als Opfer, sucht die Entschuldigung in ihrer Vergangenheit, deshalb auch die 2.Reise nach Malma. Yana beschreibt das Verhältnis ihrer Eltern sehr treffend:

"Wenn ihre Eltern sich stritten, stellte Yana sich oft vor, dass das, was sie hörte, Hilferufe von Eingesperrten wären, einem Mann und einer Frau, die irgendwo gefangen gehalten wurden und verzweifelt herauszukommen versuchten." (147)

Gegen Ende des Romans nimmt die Handlung an Fahrt auf, die Kapitel werden kürzer und es klärt sich, warum Harriet nicht zu Yana zurückgekehrt ist. Diese Aufklärung ist allerdings wenig realistisch, definitiv eine Schwachstelle des Romans. Es bleiben weitere Fragen offen, über die am Ende nachdenken darf ;).



Donnerstag, 12. Oktober 2023

Julie Otsuka: Solange wir schwimmen

übersetzt von Katja Scholz

Leserunde auf whatchareadin

Selten habe ich so einen irreführenden Klappentext gelesen: "Ein starkes Buch über die Demenz einer Tochter und die Liebe ihrer Tochter."

Während die Demenz der Mutter, Alice, von Beginn an zumindest angedeutet wird, macht sich die Liebe der Tochter erst im letzten Teil bemerkbar.

Der Roman ist aus insgesamt 5 Teilen aufgebaut, die sich auch dadurch voneinander absetzen, dass sie unterschiedliche Erzählperspektiven und auch Erzählformen aufweisen. 

"Das Schwimmbad unter der Erde" beschreibt in der Wir-Form, wobei Alice Teil dieses Kollektivs ist -

"Alice, eine pensionierte Labortechnikerin in einem frühen Stadium von Demenz" (S.9) -

ein Schwimmbad unter der Erde und vor allem die einzelnen Menschen, die regelmäßig dieses Schwimmbad aufsuchen. Der Autorin gelingt es dabei hervorragend mit wenigen Sätzen eine Figur zu skizzieren, so dass man als Leser:in direkt ein Bild vor Augen hat. Es werden verschiedene Schwimmtypen aufgezählt, die Motivation zu schwimmen wird unter die Lupe genommen, die Bedeutung des Schwimmens für die Einzeln erläutert.

Das Kapitel "Der Riss" - ebenfalls in der Wir-Perspektive erzählt - beschreibt, wie ein mysteriöser Riss am Boden des Beckens auftaucht, über den heftig spekuliert wird. Letztendlich muss das Schwimmbad geschlossen werden, weil sich die Ursache nicht feststellen lässt.

Der Riss als Metapher für Alice Demenz - war eine der Hypothesen aus der Leserunde. Auch ein Symbol dafür, dass im Leben immer etwas Unvorhergesehenes geschehen kann, das uns aus der Bahn wirft - wortwörtlich in diesem Fall. Metaphorisch interessant, hat das Kapitel doch erhebliche Längen.

"Diem Perdidi" - der verlorene Tag beschreibt in der Sie-Form (personale Erzählperspektive), was Alice noch weiß und was sie schon vergessen hat. Im Verlauf des Kapitels verschiebt sich das Wissen Richtung Vergessen. Das ist sehr gut gemacht, auch weil es eine sehr originelle Art und Weise ist, Alice Biographie zu erzählen. Allerdings bleibt die Figur auf Distanz - das mag an der Perspektive und den vielen Aufzählungen liegen, den immer gleichen Satzanfängen, die beim Lesen auf mich ermüdend gewirkt haben. Es ist ein Leben im Stakkato-Stil erzählt, der nicht erschüttert und bewegt.

"Belavista" - ein Pflege-und Altenheim steht im Fokus dieses Kapitels:

"Sie sind heute hier, weil Sie den Test nicht bestanden haben." (S.87)

Insgesamt sehr zynisch erzählt, über das, was Alice erwartet, was die Einrichtung zu leisten vermag - für Zusatzzahlung gibt es Zusatzleistungen, was sie überwacht, wie sie arbeitet. Das System wird gnadenlos kritisiert - nicht die Menschen, die dort arbeiten und leben.

Erst im letzten Teil "EuroNeuro" tritt die Tochter in Erscheinung. Aus der Du-Perspektive macht sie sich Vorwürfe der Mutter zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Wenn der Klappentext ansatzweise zutrifft, dann auf dieses letzte Kapitel, das auch das einzige ist, das beim Lesen eine emotionale Reaktion hervorruft - zumindest bei mir.

Insgesamt ist der Roman erzähltechnisch und vom Aufbau her sehr interessant, trotzdem hat er mich nicht bewegt, weil die Figuren auf meistens Distanz bleiben. Das muss kein Kriterium für die Qualität eines Romans sein, aber wenn von der Liebe einer Tochter zu ihrer Mutter die Rede ist, möchte ich berührt, erschüttert, mitgenommen und nicht auf Distanz gehalten werden.


Montag, 4. September 2023

Monika Helfer: Die Jungfrau

 - ein autofiktionaler Roman über eine Freundschaft.

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In Helfers aktuellen Roman erzählt die Autorin von ihrer Jugendfreundin Gloria. Die beiden haben sich aus den Augen verloren und keinen Kontakt mehr gehabt, bis an Monikas 70.Geburtstag ein Brief von Gloria eintrudelt, geschrieben von ihrer Nichte Klara, die sie bittet zu kommen, weil Gloria im Sterben liege.
So macht sich Moni auf, die einstige Freundin zu besuchen.

Gloria lebt immer noch in dem einst luxuriösen Haus, in dem sie als Kind und Jugendliche mit ihrer Mutter gewohnt hat. Während Moni aus ärmlichen Verhältnissen stammt, wuchs Gloria im Überfluss auf, allerdings nur in finanzieller Hinsicht. Die Mutter ließ sie in Unsicherheit darüber, wer ihr Vater ist, so dass Gloria sich einen Amerikaner erträumt hat. 

"Irgendwie war es der Mutter gelungen, die Illusion in Glorias Herz zu implantieren. (...) Die Illusion, die Sehnsucht, auch der Hass, die Angst, die Unbefriedigtheit sollen nicht sterben, wenn ich sterbe ... Sie sind mein Erbe." (S.57)

Es ist eine seltsame Freundschaft, von der Monika Helfer erzählt. Eine Freundschaft, die man heutzutage als toxisch bezeichnen würde. Gloria versucht Moni mithilfe ihres Geldes, ihrer Schönheit, ihrer Schauspielkunst und ihrer Wirkung auf Männer zu imponieren und auch zu übertrumpfen, während sich Moni moralisch überlegener fühlt und sozusagen ihren Wettstreit gewinnt. Denn sie heiratet zuerst, bekommt Kinder, wird eine erfolgreiche Schriftstellerin.

Nichtsdestotrotz verbindet die beiden Mädchen etwas, letztlich haben sie sich trotz aller Unterschiede und Differenzen gern, aber es reicht nicht, um ein Leben lang konstant in Kontakt zu bleiben.

Assoziativ erzählt Monika Helfer einzelne Episoden der Freundschaft - nicht in chronologischer Reihenfolge, was sie selbst zum Gegenstand des Romans macht.

"Im Kopf gibt es die Zeit nicht. So gesehen, ist die Schriftstellerei der Warteraum schlechthin."
(S. 25)

"Die Zeit schwindet mir und schwindelt, Vergangenheit und Gegenwart wachsen ineinander. Während ich mit Wut auf die Tastatur klopfe, ärgere ich mich über Gloria nicht weniger, als ich mich damals geärgert hatte. Jahre vergehen, der Rossschwanz bleibt. Was vor fünfzig Jahren weh getan hat, tut immer noch weh." (S.84)

Das passt zu dem Zitat mit dem Wartezimmer und dass es im Kopf keine Zeit gibt. Die Gefühle sind genauso präsent wie vor langer Zeit. Sie warten darauf, dass man sie aufs Papier bringt. 

Und das hat Monika Helfer getan - in der ihr typischen lakonischen Sprache hat sie die Geschichte ihrer Freundschaft mit Gloria aufgeschrieben und sie gleichzeitig verarbeitet. Das war zumindest mein Eindruck.


Sonntag, 3. September 2023

Stefan Moster: Bin das noch ich

 - Identitätskrise eines Violinisten

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Simon Abrameit ist Berufsmusiker - Violinist - und zu einem Konzert in Helsinki eingeladen. Er reist mit gemischten Gefühlen aus Deutschland an.

"Es hat mit seiner linken Hand zu tun. Sie ist unzuverlässig geworden" (S.9). Alle anderen freuen sich jedoch auf diesen gemeinsamen Auftritt, da sie nach der Corona-Pandemie endlich wieder vor Publikum musizieren dürfen.

"Nur aus Russland ist diesmal niemand dabei" (S.10), während die Musikerinnen und Musiker aus der Ukraine herzlich begrüßt werden. Der Roman spielt folglich im Sommer 2022.

Simon trifft auch die Violinistin Mai wieder, deren Eltern zur Zeit des Vietnamkrieges nach Deutschland geflüchtet sind und die einen Finnen geheiratet hat. Nachdem seine linke Hand ihn bei der schwierigen Sonate für Violine solo von Béla Bartok im Stich lässt, denn sie "erstarrt in einer Qual, die den ganzen Arm sowie die linke Schulter lahmlegt" (S.20), bietet sie ihm an, sich in ihrem kleinen Ferienhaus auf einer einsamen Schäreninsel zurückzuziehen.

In der Auseinandersetzung mit seinem Handicap schreibt er auf der Insel in sein Notenheft Briefe an Darja, ebenfalls eine Violinistin, die einst aus Russland in den Westen geflohen ist und ukrainische Großeltern hat. Gemeinsam mit ihr hat Simon vor Jahrzehnten auf einem Wettbewerb gespielt und "erkannte sofort (ihre) überragende Begabung und erkannte sie auch an, neidlos, wie man so sagt, mit Bewunderung." (S.81)

Seine Vergleiche und Erinnerungen an Darja zeigen, dass er von der Angst, nicht gut genug zu sein, schon seit jenem Wettbewerb beherrscht wird. Schon damals hatte er Zweifel, ob Violinist als "Beruf(ung)" für ihn noch in Frage kommt.
Und auch jetzt auf der Insel stellt er sich die Frage, wer er denn sei, wenn er nicht spiele.
Simon ist in einer Existenzkrise und braucht offenkundig Zeit, um sich damit auseinanderzusetzen, was er außer Violinist noch sein kann. Die Frage "Aber bin das noch ich?" (S.132) treibt ihn um und gleichzeitig zur Natur, zu den Vogelstimmen. Wie eine Teilnehmerin aus der Leserunde recherchiert hat, ist Moster Hobby-Ornithologe. Das merkt man den Beschreibungen der einzelnen Vogelarten, deren Brutverhalten sowie deren Singstimmen deutlich an. Gleichzeitig ist dies eine Stärke des Romans sowie die detaillierte Darlegung dessen, was Simon beobachtet, was er hört, wie er sich auf der Insel fühlt und sich zwingt, nicht zu üben.
Nebenbei lesen wir auch eine Art Biographie des ungarischen Musikers Béla Bartok, ebenfalls ein Exilant,  und schlüpfen in das Denken eines Musikers, der die Stücke, die er spielt, innerlich hören kann. Sehr faszinierend geschildert. Auch die Geräusche der Natur klingen für ihn wie Musik - "Die Welt ist Klang" als Leitmotiv.
Obwohl der Roman sehr handlungsarm ist, ist er weder langweilig noch langatmig, da die Identitätskrise Simons und sein Erleben der Natur auf der Insel die Lesenden gefangen nehmen.
Der Roman ist in der personalen Perspektive Simons verfasst, bis auf die Briefe an Darja, die er in sein Notenheft schreibt, sowie einen Teil, der sozusagen einen Auszug aus jenem Heft bildet.

Diese Briefe und das Notizbuch aus der Ich-Perspektive haben mir am besten gefallen. Gerade, weil Darja ein Gegenüber, ein positives Vorbild für den Protagonisten ist. Eine Adressatin seiner Gedanken, weil er glaubt, sie verstehe ihn.
Der letzte Teil hätte für mein Empfinden etwas kürzer ausfallen können, ansonsten - ein wunderschöner Roman.