Donnerstag, 21. Juni 2018

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau

- Abraham, Ödipus und Sohrab.

Kurze Rezension

Im westlichen Kulturkreis ist die biblische Geschichte Abrahams, von dem Gott verlangt, seinen Sohn zu opfern, oder das klassische Drama "Ödipus", der seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet, bekannt. Doch die Geschichte von Rostam und Sohrab von Firdausi kennt hierzulande kaum einer. Sohrab, der Sohn von Tahmine und Rostam wächst vaterlos im heutigen Afghanistan auf, da Rostam im Iran weilt. Dort treffen die beiden als Kämpfende aufeinander und Rostam tötet unwissentlich seinen eigenen Sohn.

Sowohl die Sage des Vatermörders als auch die Legende des Sohnesmörder durchziehen leitmotivisch den Roman Pamuks, in dem der Heranwachsende Cem ebenfalls ohne Vater aufwächst.
Der linke Apotheker, der für seine Überzeugung im Gefängnis gewesen ist, verlässt seine Familie und bricht jeglichen Kontakt zu seinem Sohn ab.
Im Brunnenbaumeister Murat findet er einen Ersatzvater. Um sich sein Geld für die Paukschule zu verdienen, die er braucht, um an die Universität zu gelangen, heuert er bei Meister Murat an. Gemeinsam heben sie mühsam einen Brunnen in Öngören aus, Bohrungen gab es Mitte der 80er Jahre in diesem ländlichen Gebiet noch nicht. Im Ort trifft Cem auf die rothaarige Frau, in die er sich verliebt und die zu einer Theatertruppe gehört, die eben jene Legende von Rostam und Sohrab zur Schau stellt.
Währenddessen erweist sich die Suche nach Wasser als mühsam - bis ein unerwartetes Ereignis das Leben Cems verändert.

Er verlässt die Ortschaft, studiert, heiratet und wird ein erfolgreicher Bauunternehmen - sein Leben lang verfolgen ihn die Mythen um Ödipus und Rostam. Schließlich wird er 30 Jahre nach dem Brunnenbau mit seiner Vergangenheit konfrontiert und am Ende des Romans kommt auch die rothaarige Frau zu Wort.

Bewertung
Der erste Teil der Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Ich fand es interessant, welche Mühen ein Brunnenbau ohne die heutige Technik kostet. Die Ängste des jungen Cem, was geschieht, wenn sie nicht auf Wasser stoßen und die Zuversicht Meister Murats, dass dieser Fall nicht eintrifft, sind spannend geschildert. Auch die Ausflüge in die Mythologie üben einen besonderen Reiz aus, ebenso wie Cems Verehrung der rothaarigen Frau.
Der zweite Teil hingegen wirkt stark gerafft - erst am Ende des Romans erschließt sich, warum die Figur Cem in der Zeit nach dem Brunnenbau distanziert wirkt- obwohl immer noch der Ich-Erzähler, also Cem, seine Lebensgeschichte wiedergibt. Die Obsession Schriften und Bilder anzusehen, die die Ödipus-Sage oder die Rostam und Sohrab-Sage zeigen, weitet sich aus und hat mich beim Lesen ermüdet - auch wenn dieser Umstand ebenfalls am Ende des Romans "erklärt" wird und die Leitmotive ihre Berechtigung haben.
Das letzte Drittel wartet mit einigen Überraschungen auf, insbesondere die Geschichte aus der Perspektive der rothaarigen Frau eröffnet einen neuen Blick auf die Handlung und den Roman an sich. Ein Kunstgriff am Ende, der jedoch nicht über die Schwächen des mittleren Teils hinweghilft.

Ein Roman, der sich um Vatermörder und Sohnesmörder dreht und auf mich konstruiert wirkt.
Kein Vergleich zu Pamuks Roman "Diese Fremdheit in mir", der mich begeistert hat. Schade!