Samstag, 14. Mai 2016

Harper Lee: Geh hin, stelle einen Wächter



Buchdaten

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt

Erschienen am: 17. Juli 2015

ISBN-13: 978-3421047199

Originaltitel: Go Set A Watchman

Vorne weg
Harper Lee wurde mit ihrem Roman "Wer die Nachtigall stört", der 1960 erschienen ist und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, bekannt. Der vorliegende Roman, ihr Erstlingswerk, galt bisher als verschollen, bis es eine Freundin der Autorin zufällig im September 2014 gefunden hat. Es ist zwar zeitlich vor "Wer die Nachtigall stört" entstanden, die Romanhandlung spielt jedoch 20 Jahre danach.

Inhalt
Der Roman spielt in den 1950ern in Alabama, in Maycomb County. Die 26jährige Jean Louise fährt jedes Jahr von New York, wo sie arbeitet, für zwei Wochen in ihre Heimat, um ihren inzwischen 72jährigen Vater Atticus Finch, einen Rechtsanwalt, zu besuchen. Ihre Mutter ist gestorben, als sie zwei Jahre alt war, und auch ihr älterer Bruder starb wegen eines Herzfehler als junger Mann.

Ihr Jugendfreund Henry (Hank genannt), der von ihrem Vater nach dem Tod seines einzigen Sohnes mehr oder weniger "adoptiert" wurde und aus schwierigen familiären Verhältnissen stammt und im Gegensatz zu Jean Louise nicht der bürgerlichen Oberschicht angehört. Henry studiert Jura und steigt in die Rechtsanwaltskanzlei seines vermeintlich zukünftigen Schwiegervaters ein.
Jean Louise ist fast in ihn verliebt und kann sich inzwischen vorstellen, ihn zu heiraten, obwohl ihre Tante Alexandra, die sich um ihren von Arthritis geplagten Vater kümmert, dagegen ist.
Seine Familie ist nicht gut genug für Jean Louise - wir schreiben die 50er Jahre und der Südstaaten-Standesdünkel ist immer noch stark ausgeprägt, ebenso wie die Diskriminierung der "Neger". Und ausgerechnet Jean Louises Vater, den sie für seine Rechtschaffenheit verehrt und für sie gottgleich, ist Vorsitzender einer Bürgerwehr. Jean Louise findet zuhause eine Schmähschrift über die "Nigger" und konfrontiert ihre Tante mit dem Inhalt:

"Du - weißt du, dass der Mist , der da drinsteht, Herrn Dr. Goebbels wie einen naiven kleinen Jungen vom Land aussehen lässt?" (S.117)

Heimlich wohnt sie der Sitzung der Bürgerwehr bei, am gleichen Ort im Gerichtssaal, in dem sie sich vor langer Zeit immer mit ihrem Bruder versteckt hat, um ihrem Vater zuzusehen.
Sie ist wie vor den Kopf geschlagen, was sie dort hört und kann es immer noch nicht glauben, dass ausgerechnet ihr Vater Teil dieser Bürgerwehr ist, die für den Erhalt des Grundsatzes seperate but equal eintritt.
Durch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes wurde 1954 die Rassentrennung in öffentlichen Schulen in allen Bundesstaaten für verfassungswidrig erklärt (Wikipedia) und damit die Trennung aufgehoben.

Im Roman "Wer die Nachtigall stört" verteidigt ihr Vater erfolgreich einen Schwarzen vor Gericht, der unschuldig ist, und daher kann Jean Louise nicht glauben, dass ihr Vater zum Rassisten geworden ist. Auch deshalb, weil ihr schwarzes Kindermädchen Calpurnia für sie zur Familie gehört hat, wie in einigen Rückblicken deutlich wird.

Doch der eigentlich Konflikt des Romans besteht in der Loslösung vom Vater, weniger in den unterschiedlichen Ansichten zu den Schwarzen und deren Rechten.

"Aber ein Mann, der nach der Wahrheit gelebt hat - und du hast an das geglaubt, was er gelebt hat -, dieser Mann macht aus dir nicht nur einen argwöhnischen Menschen, wenn er dich enttäuscht, er nimmt dir alles. Ich glaube, deshalb verliere ich jetzt fast den Verstand..." (S.202)

Bewertung
Der Roman zeigt auf, wie schwierig es den Menschen in den Südstaaten fällt, die Schwarzen als gleichwertig anzusehen und anzuerkennen. Selbst Jean Louise, die zeit ihres Lebens "farbenblind" gewesen ist, würde keinen Schwarzen heiraten. In ihrer Naivität erfasst sie weder die Angst, die die Menschen davor haben, Macht gegenüber den Schwarzen zu verlieren, wenn sich diese an der Politik beteiligten, und ihren Unwillen darüber, Gesetze und Vorschriften hinzunehmen, die von den Yankees kommen. Es ist diese Naivität, die beim Lesen bisweilen befremdet, andererseits zeigt der Roman eindrucksvoll die notwendige Emanzipation Jean Louises auf, die mit einer Entthronisierung ihres Vaters einhergehen muss. Es ist ein Roman, über eine junge Frau, die ihren eigenen Weg finden muss und sich deshalb von dem ihres Vaters distanziert, aber es ist auch ein Roman, der einen Einblick in die weiße Seele der Südstaaten erlaubt, wie sie in den 50ern des letzten Jahrhunderts zu finden war.

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