Donnerstag, 22. Dezember 2016

Tana French: Geheimer Ort

- ein spannender, psychologischer Krimi aus Irland.

Taschenbuch, 704 Seiten
Fischer Verlag, 29. Oktober 2015

Inhalt
Stephen Moran, der auch schon im 3.Fall der Dublin-Krimis ermittelt hat, ist inzwischen bei den ungelösten Fällen gelandet. Weil er damals selbst die Festnahme durchgeführt hat, statt das dem Morddezernat zu überlassen, hat sich dessen Tür für ihn verschlossen. Doch nun erhält er unerwartet die Chance, sie wieder zu öffnen.
Holly Mackey, die er im damaligen Fall als 11jährige Zeugin vernommen hat, Tochter des Undercover-Ermittlers Frank Mackey, besucht ihn, um ihm ein Bild zu geben, das an ihrer Schule am sogenannten Geheimnisort aufgehangen worden ist. Ein schwarzes Brett, an das die Mädchen des renommierten Mädcheninternats St.Kilda anonym ihre Geheimnisse heften können.
Das Bild zeigt den 16jährigen Chris Harper, der im Jahr zuvor im Park erschlagen wurde, darauf mit ausgeschnittenen Buchstaben: ICH WEISS, WER IHN GETÖTET HAT.
Trotz intensiver Ermittlungen ist es den Detectives im Morddezernat, Thomas Costello, inzwischen pensioniert, und Antoinette Conway nicht gelungen, den Fall aufzuklären. Ein Mauer aus Schweigen schlug ihnen entgegen.

Stephen gelingt es, dass Conway ihn zur Wiederaufnahme der Ermittlungen mit ans Internat nimmt und es scheint so, dass nur eine von acht Mädchen das Bild hätte aufhängen können.
Die erste Gruppe besteht aus dem Alpha-Weibchen Joanne, der hübschen Gemma, der verängstigten Alison und der dümmlich wirkenden Orla.
Zu der zweiten Vierergruppe gehören Holly selbst sowie ihre einstmals schüchterne Freundin Becca, die draufgängerische Julia und die sympathische, etwas abwesend wirkende Selena. Die vier Mädchen teilen sich jeweils ein Zimmer und sind beste Freundinnen.
Stephen versucht im Verhör jedem Mädchen gerecht zu werden, eine psychologische Studie der verschiedenen Typen - spannend und sehr unterhaltsam. Er macht seine Sache gut und beeindruckt Conway. Doch es fällt beiden auf, dass die Gruppe um Holly  ein Geheimnis umgibt, nach Aussage der anderen sind sie durchgeknallt. Doch ihr Verhalten hat eine andere Ursache, die hier nicht verraten werden soll.

Abwechselnd werden die Ermittlungen aus der Ich-Perspektive Stephens erzählt und aus der Sie-Perspektive die Erlebnisse der 4-er Gruppe um Holly, beginnend acht Monate vor dem Mord an Chris, der angeblich mit Selena verabredet war. Zu Beginn jedes Kapitels, das aus dem Leben der Mädchen erzählt, steht die Information, wie lange Chris noch zu leben hat, das erzeugt eine zusätzlich Dynamik und Spannung.So ergeben beide Handlungsstränge ein immer differenziertes Bild, wie es zu dem Mord gekommen ist.
Der Handlungsstrang der Ermittlung umfasst nur einen Tag im Internat und ist geprägt von den Mutmaßungen des Duos, das allmählich zu einem Team zusammenwächst. Immer wieder werden die einzelnen Mädchen verhört und es stellt sich heraus, dass einige von ihnen in einem engeren Verhältnis zu Chris gestanden haben, als sie bei den Ermittlungen vor einem Jahr zugegeben haben. Warum haben sie geschwiegen? Was ist in der Nacht wirklich geschehen? Der Kreis der Verdächtigen schrumpft immer weiter und mit Einbruch der Nacht gelingt es den Ermittlern den Fall zu lösen.

Bewertung
Tana French ist für mich eine Meisterin der Spannung, dabei geschieht überhaupt nicht viel. Im Mittelpunkt stehen die Gespräche mit den Zeugen und möglichen Verdächtigen, die Mutmaßungen der beiden Detectives, wobei wir auch Anteil an den Gedanken Stephen Morans haben und an seinem Bestreben unbedingt Teil der Morddezernates zu werden - also seinen Job im Internat gut zu machen. Dabei versucht er für sich einen Weg zu finden, seiner Partnerin gleichzeitig zu imponieren, gute Arbeit zu leisten, ihr gleichzeitig aber zu signalisieren, dass er gerne mit ihr zusammen arbeiten will, obwohl sie zunächst sehr unzugänglich scheint.
French hat eine Vorliebe für die Lebenssituation junger Heranwachsender, ihre Gedanken und Gefühle, ihre Sorgen und vor allem die erste Liebe und die Freundschaft, die eine ganz besondere Rolle in diesem Krimi spielt. Wie weit würde ich gehen, um meine Freundinnen zu beschützen? Wie wichtig ist unsere Freundschaft? Um diese Fragen kreist der Roman und er endet daher auch nicht mit der Verhaftung, sondern erzählt aus der Sicht der Mädchen auch von der Zeit nach Chris Tod bis zu Hollys Gang zum Polizeipräsidium.
Schon in den Vorgängerromanen, vor allem im 2.Fall beweist Tana French meisterhaft, dass sie sich in die Lage dieser jungen Mädchen und Jungen herein versetzen kann. Wenn Stephen die Gefühle während der ersten großen Liebe rekapituliert, die diese Mädchen umgibt, möchte man am liebsten sagen, genau so war es. So ist dieser Krimi auch eine psychologische Studie, die Motive für die Handlung stehen im Vordergrund - Aktion gibt es kaum, aber man vermisst sie auch nicht. Ein bemerkenswerter Roman, den ich unbedingt weiterempfehlen kann.


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