Sonntag, 25. Dezember 2016

Eugen Ruge: Follower

- Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel.

Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
Rowohlt Verlag, 26. August 2016


Vielen Dank an den Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
Gelesen habe ich diesen Roman gemeinsam mit Mira und Anne, die jedoch abgebrochen hat. Mira hat fast bis zum Schluss durchgehalten.

Fünf Jahre nach seinem Erfolg "In Zeiten des abnehmenden Lichts", das die Geschichte der Familie Umnitzer parallel zum Untergang der DDR erzählt, hat Eugen Ruge nun einen Roman vorgelegt, der in der Zukunft spielt - im September 2055.
In 14 Kapiteln, die jeweils nur aus einem langen Satz bestehen, erzählt Ruge aus der personalen Perspektive Nio Schulz von dessem Verschwinden in einer medial überwachten Welt, was die Leser/innen mittels Ermittlungsprotokollen erfahren.

Nio ist der Enkel Alexander Umnitzers, der im Mittelpunkt des vorherigen Romans steht und der im Verlauf dieses Romans als bekannter Schriftsteller stirbt, wobei er sich dieser neuen vernetzten, kommerzialisierten Welt verweigert - ähnlich wie sein Vater Kurt den veränderten politischen Verhältnissen im wiedervereinigten Deutschland kritisch gegenübergestanden hat.

Inhalt

Nio Schulz weilt in HTUA-China, das wie der Rest der Welt in kommerzielle Sektoren eingeteilt ist, um die neueste Geschäftsidee seines Konzern anzupreisen: true barefoot running. Er wacht in seinem Hotelzimmer auf und stellt sich die Frage, ob er sich tatsächlich in der Realität befinde,

"besonders die unfarbenen Gardinen kamen Schulz auf einmal unecht vor, als gäbe es gar kein Fenster dahinter, schlimmer noch: als wären sie in Wirklichkeit gar nicht zu öffnen, Nachbildungen aus einem unbeweglichen Material, und dieser Eindruck wurde ihm so unangenehm, dass er das Licht gleich wieder ausschaltete, (...)" (S.8)

Nio greift nach seiner Glass, eine Art Brille, die das Smartphone ersetzt und vielfältige Informationen liefert: Gesundheitsdaten, Posts, Nachrichten, Anrufe, Informationen zur Umgebung.
Sie muss über den persönlichen Fingerprint aktiviert werden. Als die Aktivierung misslingt, spielt sich in Nios Kopf

"das komplette Horrorszenario der Totalsperrung seines Accounts ab(...), und dabei ging es nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie um die konkreten Konsequenzen, (...) sondern um den Account selbst, um alles was verlorenginge, und das waren nicht nur ein paar tausend E-Mails und Fotos und Seminarmitschnitte, nicht nur sein Kalender und seine Kontakte sondern es war ein hochkomplexes und persönliches System, alle Apps und Settings, vom Begrüßungsjingle bis zur Nachrichtenübersicht, alle Playlists, Profile, Filter, Favoriten, seine Links zu Lieblingsseiten oder zu Lieblingsclips oder zu Lieblingsirgendwas (...) (S.39)

Die Glass entspricht seiner Identität - ohne diese hat er keine Ich. Nio selbst fällt auf, dass er, wenn er an vergangene Ereignisse wie einen Schulausflug oder einen Urlaub denkt, sich nur an die Fotos erinnern kann, aber nicht mehr an das Erlebte selbst.
Erinnert er sich jedoch an die Zeit, die er aus seiner offiziellen Biographie gelöscht hat - er hat eine Zeitlang die Band "Anderdok" gehört, die angeblich "Hate-Texte" produzierten, kann er sich plötzlich wieder an die Liedtexte erinnern:

"Ich bin jemand, der ich nicht bin
ich gehe, aber ich weiß nicht, wohin,
ich fühle, aber ich weiß nicht, was
ich will lieber tot sein als DAS" (S.45)

Nach dieser Vorausdeutung erfahren die Leser/innen, dass nach Nio gefahndet wird, da er verschwunden ist- Ruge streut "offizielle" Dokumente und Persönlichkeitsprofile von Nio und seinen sozialen Kontakten ein. Diese ermitteln aufgrund vielfältiger gesammelter Daten, wie Mobilität und Vernetzung einen Personen-Typus. Die totale Überwachung - selbst die Teile seiner Biographie, die Nio glaubt, gelöscht zu haben, sind den Behörden bekannt.

Auch die aktuelle Flüchtlingskrise findet Einzug in den Roman, denn die europäischen Grünen stimmen der Erweiterung des Transit-Schutzwalls zu, worüber Schulz erleichtert ist,

"denn seit irgendwelche Restwelt-Migranten, pardon, exzonale Asylbegehrende begonnen hatten, den Wall mit schwerem militärischem Gerät zu durchbrechen, war auch er insgeheim für die sogenannte technische Erweiterung gewesen" (S.55).

Nio selbst scheint in einer Krise zu sein. Seine Chefin hält ihn für "negertief", so spricht sie "negativ" aus und hat offenkundig ein Verhältnis mit seinem Geschäftspartner "Jeff", der über jenen Killerinstinkt und das positive Denken verfügt, das Nio abgeht, der von ständigen Zweifeln geplagt wird. Er ist einer Selbsthilfegruppe für besonders maskulin denkende Männer, denn die Welt wird beherrscht von politischer Korrektheit - political correct, "kurz p.c. oder, wie es in Schulz´ Kopf klang: pisi" (S.28).
So gibt es er/sie/trans und getrennte Fahrstühle für Männer und Frauen, statt zu sagen, sie habe ein "Sinti-und-Roma-Nase" müsste es eigentlich heißen "Nase der Sinti, der Roma, der Jenischen oder anderer ursprünglich zur Daueremigration gezwungenen Bevölkerungsgruppen Europas" (S.81).

Seine "Freundin" Sabena arbeitet für eine Dessous-Firma und sitzt in Minneapolis am Flughafen fest. Sie kann sich vorstellen - nach einem entsprechenden Gentest - mit Nio ein Kind zu bekommen, dass sie selbst austrägt, in einer Welt der Leihmütter und Männern, die Kinder gebären, eine neuer Trend. Eine Situation, die Nio offenkundig überfordert.

Es ist eine "schöne" , neue, aber gar nicht so unrealistisch erscheinende Welt, die Ruge vor uns ausbreitet und es gelingt ihm sehr überzeugend einen Eindruck zu vermitteln, wie sich ein Mensch unter der mulitmedialen Dauerberieselung fühlen muss:

"jetzt klingelt ihm eine Werbung für rezeptfreie Male-Power-Pillen in den Ohren, wieso wird das nicht als Spam identifiziert, fragt sich Schulz, @g-24 meldet, dass die Präsidentin der Weltbank Maxi Merkel-Shapiro jetzt wieder Max heißt, und @Fem Fatal sendet eine ihrer typischen Botschaften an @dpa Aboriginies = Ureinwohner = rassistisch, intoniert der Sprachassistent ein bisschen zu heiter, vergeblich um eine Satzmelodie bemüht, während Schul den riesigen Bildschirm betrachtet, der offenbar zu einem SB-Restaurant namens McBaker gehört (...) (S.158)

Sehr interessant ist das Genesis-Kapitel, in dem Ruge den Weg von der Entstehung des Universums bis hin zu Nio Schulz- mit detaillierten Angaben zu seinen Vorfahren, u.a. zu seinem Urgroßvater Kurt - schildert. In Kurzfassung, aber mit naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Fakten, die untermauern sollen, wie erstaunlich es ist, dass Nio überhaupt existiert.

Schulz versucht sich zunächst unbewusst dieser Welt zu entziehen, indem er einem für ihn erkennbaren Weg folgt (Follower), das 13.Kapitel gleicht einem apokalyptischen Szenario, wobei offen bleibt, ob das alles eben nicht nur ein (Alp-)Traum ist - ist Schulz nur ein fiktiver Enkel, wie es im Untertitel heißt - oder ob es ihm gelingen wird, in dieser total vernetzten, überwachten Welt einen eigenen Weg zu finden.

Bewertung
Der Roman ist eine echte Herausforderung beim Lesen, da man der Informationsflut, mit der Schulz konfrontiert wird, ausgeliefert ist. Hinzu kommen der innere Monolog Nios mit seinen teilweise sehr negativen Gedanken und Selbstzweifeln und die Tatsache, dass jedes Kapitel (mehrere Seiten) tatsächlich nur aus einem Satz besteht. Die Persönlichkeitsprotokolle sind mit Tabellen und Grafiken versehen, was den Lesefluss zusätzlich behindert.
Gleichzeitig vermittelt die Sprache diese neue Welt perfekt und offenbart Ruges genaue Beobachtungsgabe und seine Fähigkeit exakt zu beschreiben - schließlich ist er diplomierter Mathematiker.
Die Handlung ist bis auf die Protokolle und das Genesis-Kapitel vollständig auf Nio konzentriert, so dass zwischenmenschliche Interaktionen eher dürftig sind, wir ganz in die Gedankenwelt Nios und seiner "Glass" eintauchen - was auch teilweise eine Herausforderung ist.
Andererseits scheint er teilweise aus dieser Zeit zu fallen, so trainiert er seinen Körper, statt Muskelimplantate zu verwenden. Er hat noch etwas Echtes. Sonst könnte er die Realität dieser Welt auch nicht anzweifeln. Aber ist er eine innerhalb des Romans reale Figur?
Interessanterweise erfährt Nio im Zusammenhang mit der Meldung über den Tod seines Großvaters, dass dieser einen Roman mit dem Titel "Follower" geschrieben habe. Und heißt es nicht im Untertitel - fiktiver Enkel? Der Roman - nur ein Gedankenspiel Alexander Umnitzers, seine Dystopie?

Für die dargestellte Welt spielt das jedoch keine Rolle - Ruge führt uns eine Realität vor Augen, wie sie in naher Zukunft möglich ist. Eine von Firmen beherrschte Welt, mit zerstörter Umwelt, so dass Klimabomben über dem entvölkerten Australien gezündet werden müssen. Einer Vernetzung und Informationsflut, die uns keinen Raum mehr lässt, zur Ruhe zu kommen. Selbst der Schlaf wird medikamentös eingeleitet, keine Natur nirgends. Ganz am Ende erinnert sich Nio an die vergangene Idylle zurück:

"er kann schlafen, schlafen,
Ferien,
die Tauben schweigen,
unten in der Küche klappert jemand mit dem Geschirr,
jetzt riecht es nach frisch gemähtem Gras,
und wenn man ganz still ist, 
wenn man die Luft anhält
dann hört man das leise Zing-Zing von Großvaters Sense." (S.320)

Ein Roman, der herausfordert, aber nachdenklich stimmt und eine mögliche Zukunft aufzeigt.

Kommentare:

  1. Liebe Tina,
    ich habe sehr viele Zettelchen zu bemerkenswerten Textstellen in meinem Buch kleben, da ich aber dermaßen gesättigt bin von der Thematik, dass ich die Zettelchen nicht bearbeitet habe. Um so mehr habe ich mich gefreut, diese Zitate in deiner Buchbesprechung wiedergefunden zu haben. Eine sehr schwere Kost, zu der ich dir gratulieren möchte, es bis zum Schluss durchgehalten und darüber geschrieben zu haben. Ich selbst fand es schade, dass ich so kurz vor dem Ende kapituliert habe. Ich habe mir aber vorgenommen, nach unserem heutigen Telefonat, mir das Endkapitel doch noch vorzunehmen. Aber jetzt benötige ich erstmal eine Pause.
    Alles Liebe, Mira

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Tina, das hört sich nach einem äußerst ungewöhnlichem Roman an. Einerseits schreckt mich der Sprachstil ab, andererseits finde ich die Thematik aber sehr interessant. Mal sehen, ob ich mich dazu durchringen kann, diesen Roman zu lesen. Liebe Grüße, Renie

    AntwortenLöschen