Montag, 19. Juni 2017

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

- ein mutiger Liebesroman.

Gebundene Ausgabe, 208 Seiten
Diogenes, 22. März 2017


Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt

"Und dann kam der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Waters klingelte." (S.7)

Mit dieser Aussage beginnt die ungewöhnliche Beziehung zwischen Addie und Louis, denn sie unterbreitet ihm den Vorschlag:

"Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen." (S.9)

Das "Und" zu Beginn der ersten Aussage zeigt, dass sich Addie dieses Angebot lange überlegt und gezögert hat, es auszusprechen.

Schließlich bringt sie den Mut auf, es geht ihr nicht um Sex, sondern darum
"die Nacht zu überstehen" (S.9), mit jemandem zu reden und nicht mehr einsam zu sein.

Addie ist 70 Jahre, Louis noch etwas älter und beide sind verwitwet. Sie leben in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado (in der alle sechs Romane des Autors spielen) und wohnen einen Häuserblock voneinander entfernt. Dieses ungewöhnliche "Arrangement" wird sie zwangsläufig zum Gerede der Leute machen. Doch Addie reagiert auf Louis Bedenken, der am ersten Abend über den Hintereingang kommt, gelassen.

"Ich habe mir das genau überlegt - es ist mir egal, was die Leute denken. Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss." (S.13)

Louis, ehemaliger Lehrer in Holt, wird nach der ersten gemeinsamen Nacht, in der er überhaupt nicht schläft, krank - Harnwegsinfektion. Addie reagiert verletzt, da sie glaubt, er wolle nicht mehr kommen. Als sie ihn im Krankenhaus besucht, klärt er das Missverständnis auf und sobald er gesund ist, verbringt er erneut die Nacht gemeinsam mit Addie. Langsam werden sie sich vertrauter, er lässt seinen Pyjama und seine Zahnbürste bei ihr und benutzt den Vordereingang. Sie zeigen sich in der Öffentlichkeit und eröffnen sich nachts ihre Geheimnisse, reden sich ihre Sorgen von der Seele.

Addie spricht vom tragischen Unfalltod ihrer Tochter Connie, von den Vorwürfen, die sich ihr kleiner Sohn Gene gemacht hat; davon, dass Carl, ihr Mann, diesen Tod nie verwunden und seinen Sohn nicht mehr wahrgenommen hat, dass ihre Ehe dadurch sehr gelitten und sie seit Jahrzehnten keinen Sex mehr hatte.

Louis erzählt von seine außerehelichen Affäre, davon, dass er Diane und seine Tochter Holly verlassen hat, aber wieder zurückgekehrt sei und dass er es bereut, sie verletzt zu haben; von der schmerzhaften Krebserkrankung seiner Frau und ihrem leidvollen Tod.

Addies Enkelsohn Jamie unterbricht ihre Zweisamkeit, seine Eltern haben sich getrennt und daher verbringt er die Ferien bei seiner Großmutter. Doch der Junge vertieft ihre Bindung, er fasst Vertrauen zu Louis und als dieser ihm die Hündin Bonny schenkt, kann Jamie wieder ruhig und ohne Alpträume schlafen.

Als der Sommer zu Ende geht, verändert sich ihr idyllisches Leben...

Bewertung
Ein mutiger Roman, der ein Tabuthema aufgreift. Die Tatsache, dass sich viele alte Menschen einsam fühlen und gerne jemanden zum Reden oder eben abends in ihrem Bett neben sich haben möchten. Und dass auch der Wunsch nach Sexualität immer noch da ist.
Doch kaum einer oder eine bringt tatsächlich den Mut auf, den Schritt zu tun, den Addie gewagt hat. Bewundernswert, sich nicht um das zu kümmern, was die anderen sagen. Warum auch? Ist sie nicht alt genug, um zu wissen, was gut für sie ist? Wem verletzt sie damit, außer gängige Konventionen? Unverständlich, dass ihr Sohn so unsensibel reagiert, aber auch realistisch. Die eigenen Eltern in einer neuen Rolle wahrzunehmen scheint schwer zu fallen. Statt es seiner Mutter zu gönnen, erpresst er sie? Hat er selbst nicht gelernt zu lieben, nagt die Zurückweisung seines Vaters an ihm?

Ein wunderbar leiser Roman, der unaufgeregt von gemeinsamen Tagen berichtet, den Alltag schildert, das Leben so wie es ist, erzählt und zeigt, wie zwei Menschen Vertrauen zueinander aufbauen, sich gegenseitig in ihrer Einsamkeit beistehen und ihre "Seelen bei Nacht" öffnen.

"Wer hätte gedacht, dass wir in unserem Alter noch einmal so etwas erleben. Dass noch längst nicht alle Veränderungen und Aufregungen hinter uns liegen, wie sich herausstellt. Dass wir noch nicht körperlich und geistig vertrocknet sind." (S.163)

Zwei alte Menschen, die bereits gelebt haben, ein Leben, das nicht ihren Erwartungen entsprochen hat und die dennoch ein spätes Glück finden.

"Wer bekommt denn schon das, was er sich wünscht? Nicht viele, wie mir scheint, wenn überhaupt. Immer sind es zwei Menschen, die blindlings aufeinanderstoßen und alte Ideen und Träume und falsch verstandene Erkenntnisse ausleben. Allerdings finde ich nach wie vor, dass dies nicht für dich und mich gilt. Jedenfalls nicht hier und jetzt. " (S.145)

Am Ende schildert er schonungslos, dass dieses Glück nicht akzeptiert wird - ausgerechnet von den Jungen. Man wünscht Addie und Louis, dass sie wieder zueinander kommen und den Mut nicht verlieren.

Ein Roman, der berührt und bei dem ich oft inne gehalten habe, um über einzelne Sätze nachzudenken und der viel zu kurz ist!

Eine klare Leseempfehlung!

1 Kommentar:

  1. Liebe Tina,
    Diogenes hat es immer gut drauf, interessante Autor*innen mit ihren interessanten Themen zu entdecken. Könnte mir auch gefallen. Mal schauen.
    Liebe Grüße, Mirella

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