Dienstag, 27. Juni 2017

Lars Vasa Johansson: Anton hat kein Glück

- ein Märchen für Erwachsene.

Gebundene Ausgabe, 416 Seiten
Rowohlt, 21. Oktober 2016

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Diesen Roman haben Mira und ich auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt. Beim Lesen des Klappentextes hat er uns beide gleichermaßen angesprochen, so dass wir uns entschieden, ihn gemeinsam zu lesen. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht.


Inhalt

Anton ist ein Zauberer mit mäßigem Erfolg, der in Altersheimen, auf Festen und kleineren Veranstaltungen auftritt. Zu Beginn der Geschichte feiert er seinen 45. Geburtstag - allein auf einem Rastplatz, die einzigen Gratulanten, die ihn morgens angerufen haben, sind seine Eltern. Wie es scheint, macht ihm das nichts aus, doch im Verlauf der Handlung blickt man hinter die gleichgültige Fassade des Ich-Erzählers Anton.
Der Berufszauberer - stolz darauf, den Beruf auszuüben zu können, der ihm Spaß macht, erweist sich als egoistischer, nörgelnder und unsympathischer Zeitgenosse, den niemand vermissen würde. Einer, der von Neid erfüllt ist und von der Frage umgetrieben wird, warum er keinen Erfolg hat.

Neidisch ist er vor allem auf Sebastian. In Rückblicken erzählt er, dass die beiden als Jugendliche gemeinsam ein Zauberprogramm auf die Beine gestellt haben und aufgetreten sind. Zuerst wenig erfolgreich, bis sie tatsächlich Geld damit verdienen konnten.
Anton lernte nach einer Zaubervorstellung Charlotta kennen, verliebte sich und die beiden wurden ein Paar. Der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch auch, dass Anton sehr wenig von sich preisgibt und seinen Mitmenschen wenig Empathie entgegenbringt. So hört er Charlotta kaum richtig zu, bietet Sebastian zwar ein Zuhause, dessen Vater Alkoholiker ist, ist jedoch eher daran interessiert, dass sie weiter zusammen auftreten können.
Um sich ganz der Zauberei hinzugeben, "opfert" er Charlotta, die statt dessen mit Sebastian zusammenkommt. Die Wege der beiden Jungen trennen sich und während Anton als mittelmäßiger Zauberer kaum noch Engagements ergattern kann, haben Sebastian und Charlotta Erfolg und werden reich.

In dieser kritischen Lebensphase verirrt sich Anton im Naturschutzgebiet Tiveden National Park, weil ein rotes Chesterfield Sofa mitten auf der Straße steht, so dass er einen Autounfall hat. Auf seinem Weg durch den Wald ignoriert er mehrere Warntafeln, überschreitet eine "Salzlinie" und trifft auf ein kleines Mädchen, das ihn bittet ihm sieben verschiedene Blumen zu pflücken. Da er es eilig hat und ein Telefon sucht, weigert er sich ihr zu helfen.
Ein fataler Fehler, denn sie ist eine Waldfee, die ihn mit einem Todesfluch belegt. Das erklären ihm Gunnar und Greta, zwei Nachfahren der Hexen, die in einem kleinen Häuschen im alten Wald leben und diesen vor Straßenläufern (Touristen) beschützen. Von nun an wird Anton immer Unglück haben, bis er sich das Leben nehmen will. Die darauffolgenden Tage sind tatsächlich von skurrilen Unglücksfälle geprägt, die jedoch sehr lustig zu lesen sind.
Dabei lernt Anton Jorma kennen, einen jungen Mann, der sich auf einer Liebesquest befindet und der im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen wird. In seiner Verzweiflung kehrt Anton zu den beiden Alten zurück und sie erklären ihm, dass er den Todesfluch lösen kann, indem er drei Aufgaben bewältigen muss, so wie sich das für ein Märchen gehört. Erst dann kann die Königin des Waldes mit der Fee vereinbaren, den Fluch aufzuheben. Widerwillig lässt sich der Zauberer Anton auf die "echte" magische Welt ein. Seine ständigen Begleiter sind ein Spray und Gunnars selbst gebackene Biskuitrolle, die vor bösen Geistern und Flüchen schützen sollen.
Wird er die Aufgaben lösen und geläutert von seiner Heldenreise zurückkehren?


Bewertung
Gestern Abend haben Mira und ich telefoniert und uns hat der Roman gut gefallen. Beide haben wir den Protagonisten zu Beginn als unsympathisch empfunden, denn den Bewohner*innen des Altenheims bringt er während seines Auftritts keinen Respekt entgegen, schikaniert die Pflegerin und beschwert sich auch im Hotel permanent. Er ist ein echter Nörgler, der im Selbstmitleid ertrinkt und neidisch auf den Erfolg seiner ehemals besten Freunde schielt.
Während der Aufgaben, die er zu bewältigen hat, wird er jedoch geläutert. Er durchläuft eine Quest, eine Heldenreise, die ihn letztlich zu einem besseren Menschen macht, da waren wir uns einig.
Indem er sich mit seinem Verhalten und seiner Lebenssituation auseinander setzen muss, erkennt er, wie er sich anderen gegenüber verhält. Die nörgelnde alte Hexe, der er helfen muss, spiegelt sein Verhalten ebenso wider wie der Tränentriefer, dem er am Ende begegnet und der sich selbst zutiefst bemitleidet. Jorma, der seiner Freundin nachtrauert und in der Vergangenheit verhaftet ist, erscheint in der Hinsicht als Alter Ego des Protagonisten, wobei Jorma sich seine Empathie und Mitmenschlichkeit bewahrt hat.
Die Moral der Geschichte kommt in der Szene mit dem Tränentriefer für meinen Geschmack etwas zu deutlich daher und das Ende ist überaus positiv, zu positiv, wie auch Mira fand. Allerdings handelt es sich um ein Märchen und da ist nun mal am Ende alles gut.

Der phantastischen Anteile - die "echte" Magie, gegen die sich Anton lange wehrt, die mythologischen Figuren, wie das Miststück und der Tränentriefer, sind besonders gelungen und kleiden die Moral in ein Augenzwinkern. Die vielen skurrilen Situationen sorgen für gute Unterhaltung und Lesegenuss.

Ein Warnung am Ende:
Der Roman macht eine unbändige Lust auf gefüllte Biskuitrolle, die so oft erwähnt wird, das man dem Wunsch, sie sofort essen zu wollen, irgendwann nicht mehr widerstehen kann ;)

Ein schöner Roman, der uns auf unterhaltsame und lustige Weise erzählt, wie wir dem Tränentriefer entkommen:

"Je mehr ich lächelte, desto leichter konnte ich mich seiner destruktiven Energie entziehen." (S.375)

Hier geht es zu Miras Rezension.

1 Kommentar:

  1. Hat mir auch wieder Spaß gemacht mit dir zu lesen, liebe Tina. Und es ist schön, wenn sich unsere Besprechungen ergänzen. Den Tränentriefer, den hatte ich einfach wieder verdrängt, weil er mich nicht so beeindruckt hat.
    Ich freue mich wieder auf unser nächstes Buch im Juli.
    Liebe Grüße, Mira

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