Sonntag, 18. September 2022

Eeva-Liisa Manner: Das Mädchen auf der Himmelsbrücke

- ein lyrischer Roman.
Aus dem Finnischen von Maximilian Murmann

Leserunde auf whatchaReadin

"Die Welt ist eine Dichtung meiner Sinne." (Nachwort)

Diese Aussage steht auf einer Gedenktafel am Haus, in dem Manner gewohnt hat und unter dieser Prämisse sollte man diesen Roman auch lesen.
In der Leserunde waren wir teilweise etwas ratlos ob der Interpretation und es stellten sich Fragen: Wer erzählt, ob ein reales Geschehen geschildert wird, ob die Figur der neunjährigen Leena, die von einer tiefen Traurigkeit erfüllt ist, authentisch sein kann.
Mir hat das Statement des Verlegers, das er uns freundlicherweise hat zukommen lassen, geholfen, den Roman besser zu verstehen. 
Im Mittelpunkt steht meines Erachtens die poetische Darstellung der inneren Welt Leenas, die Wechselwirkungen zwischen Innen und Außen, die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt. Ist ihre Trauer eine Kategorie, die wir als Erwachsene anlegen, fragt Antje Rávik Strubel im Nachwort oder nimmt Leena die Welt nur anders wahr?

"Es war eine sonderbar kraftlose und trotzdem grenzenlose Trauer, sie war überall in ihr und Leena spürte, dass nichts, wirklich nichts sie davon befreien konnte. Es war eine endlos lange, ewige Trauer, eine Trauer, die nicht zu erklären und dennoch selbstverständlich war." (17)

Oberflächlich könnte man sagen, ihre Trauer erwachse daraus, dass ihre Mutter im Kindbett gestorben, der Vater, ein Trinker, nicht anwesend ist. Sie wächst bei ihrer Großmutter auf, die selbst von Trauer erfüllt ist, da ihr Sohn im Meer ertrunken ist und ihr Mann, der diesen aus dem Haus gejagt hat, sich erhangen hat. Zudem fühlt sich Leena in der Schule unwohl, denn ihre Lehrerin zeigt ihr gegenüber keinerlei Empathie.

Doch ihre Trauer berührt existentielle Fragen. Während sie am Fenster sitzt, dem Regen zusieht, der an der kalten Scheibe herunterläuft, fragt Leena sich, warum sie so traurig sei.
"Worüber sie weinte, das wusste sie nicht, und genau deshalb erschien ihr alles so traurig. Haus, Himmel, Baum, Wolken ...alles war wie für diese Trauer bestimmt. Natürlich auch sie. Dass es bestimmt war - dass alles fertig und durch nichts zu ändern war - , daher kam wohl diese alles umfassende Trauer." (18)

Die Frage, ob sie etwas an ihrem Schicksal ändern kann oder ob alles vorherbestimmt ist, wird im Schlüsselgespräch (das man mindestens zweimal lesen muss) zwischen ihr und dem blinden Organisten Filemon thematisiert sowie in dem Gespräch zwischen ihr und der Nonne Elisabeth, eine der wenigen positiven Figuren im Roman, die ihr einen Moment des Haltes geben können.
In der Kirche, in der sie sich begegnen, erfährt Leena auch den wohltuenden Zauber der Musik, das ein Motiv neben dem des Wassers und ihrer (vermeintlichen) Todessehnsucht ist.

"Was für ein Gefühl wäre es wohl, im Wasser zu sterben? Und plötzlich wusste sie es. Und sie wusste es, als wäre sie irgendwann im Wasser gestorben." (22)

Will sie wirklich sterben oder spiegelt sich in Leenas Gedanken die Einsamkeit der Autorin wider, die ebenfalls ohne Eltern aufgewachsen ist, in einer Stadt, die von 1939 von der Sowjetunion eingenommen wurde und die sie verlassen musste.
Im Roman "Das Mädchen auf der Himmelsbrücke" führt sie uns in ihrer Protagonistin Leena ein Sehen vor,
"das nicht unterscheidet zwischen den Sphären des Wirklichen und der Fantasie, den Sphären des Erlebten und des Erinnerten, des Erfahrenen und Erträumten, der Sphäre des Diesseitigen und Jenseitigen." (Nachwort, 142)

Diesem "Sehen" zu folgen, erschwert das Verständnis des lyrischen Romans, der jedoch, wenn man sich darauf einlässt und fokussiert, durch seine poetische Sprache zu verzaubern vermag.

Donnerstag, 1. September 2022

Stefanie vor Schulte: Schlangen im Garten

 - ein fantastischer Roman über das Trauern.

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem ich Anfang des Jahres das Märchen "Junge mit schwarzem Hahn"von Stefanie vor Schulte gelesen hatte, das mir sehr gut gefallen hat, freute ich mich auf ihren neuen Roman, der ungewöhnlich startet.
"Zum Abendbrot isst er jetzt immer eine Seite aus dem Tagebuch seiner verstorbenen Frau. Er isst sie roh, und er tut es aus Liebe." (5)

Seine Frau ist Johanne Mohn, wahrscheinlich an einer Krebserkrankung gestorben, Näheres erfahren wir zunächst nicht. Sie hinterlässt ihren Mann Adam, der seine Arbeit kündigt, sowie drei Kinder. Steve, der Älteste unterbricht sein Studium, zieht wieder nach Hause und kümmert sich um seine jüngeren Geschwister Micha (11) und Linne (12), da der Vater in seiner Trauer gefangen ist.
"Was tust du bloß hier, denkt er oft. Wo doch Trauer ein Zimmer ist, das du gut kennst. Es hat ein Fenster, Tisch, Bett und Stuhl. Es ist gefüllt mit Leben, mit Langeweile, mit anderem. Aber eines Morgens ist es anders, und du setzt die Beine aus dem Bett auf den Boden und senkst deine Füße in stumpfes Schwarz, das durch deine Fußsohlen in dir emporwächst, und wenn du aufstehst, dauert jede Bewegung eine Ewigkeit, und willst du aus dem Fenster schauen, gibt es dort nichts mehr zu sehen, weil die Scheiben blind sind und Pech an ihnen herabrinnt." (25 f.)

In sprachgewaltigen Bildern findet vor Schulte Worte für die Gefühle der Mohns, die jeden Abend Seiten der Tagebücher der Mutter essen, ohne sie zu lesen, weil Adam ihr versprochen hat, dass niemand sie lesen werde. Als wollten sie sich ihre Erinnerungen einverleiben, um sie nicht zu vergessen. Nur Linne stiehlt Papierfetzen, um sie heimlich zu lesen.
Auch die Gegenstände vermissen die Mutter:
"Und als wüssten die Gegenstände um den Verlust, löschen sie sich aus. Entgleiten ihren angestammten Plätzen, Perlen aus den Regalen."(6)

Hat man nach dem Lesen des 1.Kapitels zunächst den Eindruck erneut in einer fantastischen Welt zu sein, entspricht in den folgenden Kapiteln das Setting unserer realen Welt: Die Kinder gehen zur Schule, es gibt ein Schwimmbad, eine Straßenbahn, nervige Nachbarn. Und doch schlängelt sich das Fantastische in die Handlung.
Linne, die eine unbändige Wut in sich trägt und sich auf dem Schulhof prügelt, ihre Art mit der Trauer umzugehen, wird zum Direktor bestellt.
Dort hängt ein alter Stich an der Wand, auf der eine Schlange zu sehen ist - eine Aspis-Viper, ein Lauerjäger - eine "Schlange im Garten". Über die Bedeutung des Schlangen-Motivs haben wir in der Leserunde ausführlich diskutiert.

Steve sieht in allem Gesichter, genau wie die Mutter, sie lähmen ihn, so dass er in Situationen verharrt und nicht weitergehen kann.
Micha empfindet sich selbst als Wasser, "auch tagsüber kann er die Brandung in sich hören. Dann siehst er sich selbst, als sei er nur eine zarte äußere Micha-Linie, die sein wahres Ich umrahmt, ein Wellenspiel, das Glitzern, darüber der Himmel." (8)

Zu Beginn trauert jeder für sich allein, sind sie ohne die Mutter keine Einheit mehr. Ihre Nachbarn denunzieren sie aufgrund ihrer unmäßigen Trauer beim Traueramt, da sie nicht mehr in zum normalen Leben fähig sind.
Herr Ginster, der Beamte vom Traueramt, tritt auf den Plan und beobachtet die Familie fortan wegen „verschleppter Trauerarbeit“. (58), den "wer beim Trauern auffällt, richtet gesellschaftlichen Schaden an. (76)
Das fiktive Trauerarbeit offenbart vor Schultes Kritik an der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Kultur, der Trauer nur wenig Raum zu geben, möglichst schnell wieder zum alltäglichen Leben, zur Leistungsfähigkeit zurückzufinden.
Auch die weiteren Figuren, die aus dieser Gesellschaft herausgefallen sind und mit der Familie in Kontakt treten, verdeutlichen diese Kritik. Da ist die obdachlose Dame mit Hund, der eigentlich ein Ball ist, die Figur des Herrn Brassert auf dem Friedhof, den die Kinder jeden Nachmittag besuchen und der seine eigene Art gefunden hat, mit seiner Trauer umzugeben. Jede der Mohns freundet sich mit einer weiteren Figur an und alle bilden sie im Verlauf des Romans eine skurrile Gemeinschaft, wobei das Fantastische allmählich die Überhand gewinnt.
Am Ende hätte ich mir einen deutlicheren Rückbezug zur Realität gewünscht, doch insgesamt haben mich die originelle Art und Weise, wie vor Schulte vom Trauern erzählt, ihre ungewöhnlichen Bilder und die Motive, die sie verwendet, überzeugt.

Klare Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Lese-Exemplar!

Samstag, 4. Juni 2022

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet

ein Roman in vier Erzählungen.

Leserunde auf whatchaReadin

"So tun, als ob es regnet" bedeutet im Rumänischen, dass man zwar körperlich anwesend ist, sich aber ganz den Gedanken hingibt, sich "ganz aus der Zeit und diesem Raum" (77) stiehlt.

Diese Eigenschaft zeichnet alle vier Protagonist:innen der vier Erzählungen, die miteinander verbunden sind, aus.

Die erste Erzählung "Budapest?" spielt im 1.Weltkrieg und den deutschen Soldaten Jacob verschlägt es nach Siebenbürgen, wo viele Deutschsprachige gelebt haben und das im Herzen Rumäniens liegt. Inmitten der Sinnlosigkeit des Krieges lernt Jacob Alma kennen, eine verheiratete Frau mit drei Töchtern, und verliebt sich in sie, während ihn aus der Heimat schlimme Nachrichten erreichen.

Ihre kurze, heimliche Begegnung begründet eine Familiengeschichte, die sich über die nächsten drei Erzählungen erstreckt. Henriette - Vicco - Hedda verbindet die Suche nach dem Glück angesichts der politischen Umstände in ihrem Land, ihrer persönlichen Lebens- und Familiengeschichte.

Henriettes Geschichte spielt 1933, bevor Siebenbürgen von den Deutschen besetzt wurde. Die geheimnisvolle Begegnung mit einer Fremden wirft viele Fragen auf, die in unserer Leserunde für Spekulationen gesorgt hat. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Zitate, die jeder Erzählung vorangestellt sind und die sozusagen den Kern jeder Geschichte enthalten und einen Hinweis auf die Bedeutung der Fremden geben.

Die dritte Erzählung spielt im jungen Ceausescu Regime. Während die Amerikaner auf dem Mond landen, wird die Freiheit im kommunistischen System mit Füßen getreten und Gegner willkürlich verhaftet. In wenigen Sätzen fächert Iris Wolff die Konsequenzen auf, wenn man aus der Reihe tanzt.

"Es brauchte keine Beweise, die meisten Gerichtsverhandlungen waren Schauprozesse, die Strafen standen schon vorher fest." (109)

"Sie kannten die Spielregeln: Du weißt von nichts, es geht geht dich nichts an, die Partei hat recht. Drei einfache Regeln, mit denen man auch im Kommunismus ein gutes Leben führen konnte." (110)

Heddas Geschichte spielt Anfang des neuen Jahrtausends auf La Gomera, wo sie Buchempfehlungen verfasst, selbst schreibt, vor allem träumt und so tut, "als ob es regnet". Auch sie ist auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben, während ihr Vater Vicco mit der alten Heimat abgeschlossen hat. 

Es sind die existentiellen Fragen nach dem Glück, nach den vermeintlich wichtigen Entscheidungen im Leben, die im Vordergrund der Erzählungen stehen - genauso wie die Frage nach der Heimat.

"Vielleicht war es zuletzt lächerlich gleichgültig. Jedes Ziel, jeder Wunsch diente dazu, irgendwo anzukommen, und wenn man nicht aufpasste, versäumte man den Moment, in dem man mit allen Sinnen spürte, wo man war." (162)

"Es war einmal und ist doch nie geschehen" (162) - in wunderbar poetischer und bilderreicher Sprache, die doch niemals überladen wirkt, erzählt uns Iris Wolff auf wenigen Seiten eine vier Generationen umfassende Familiengeschichte.

Samstag, 21. Mai 2022

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Leserunde auf whatchaReadin

Die Frage, ob man dieses Buch als Roman bezeichnen könne, wurde in der Leserunde zunächst diskutiert. Im Anhang erklärt der Autor, dass die Geschichte auf "historischen Fakten und einer ausführlichen Dokumentation, ergänzt durch die Fantasie des Autors" (467) basiert. Also doch ein Roman, der die Biographie des flämischen Kollaborateurs und SS-Mannes Willem Verhulst mit der Lebensgeschichte des Autors verknüpft.

Die Verbindung besteht in einem Haus im Genter Stadtviertel Patershol, in dem der Autor 20 Jahre gelebt hat und das auch der Wohnsitz Willem Verhulsts gewesen ist. Stefan Hertmans schildert zunächst sehr lebhaft, wie der das verwunschene Haus im Spätsommer 1979 entdeckt hat.

"Um die verrosteten Gitterstäbe eines der Zäune wanden sich die dicken, fast schwarzen Äste eines Blauregens. Schwer von Staub hingen späte Blütentrauben herab, dennoch rührte mich ihr Duft - er führte mich zurück in den verwilderten Garten meiner Kindheit;" (8)

Er kontaktiert den Notar De Potter, Besitzer des Hauses, und besichtigt das heruntergekommene Haus und kauft es aus einem Impuls heraus. Anfang des neuen Jahrtausend, als er das Haus gerade wieder verkauft hat, fällt ihm dann das Buch seines ehemaligen Geschichtsprofessors Adrian Verhulst in die Hände: "Sohn eines >>falschen<< Flamen". Bevor er den Professor besuchen kann, stirbt dieser, worauf sich Hertmans vornimmt, "nicht die Geschichte eines SS-Mannes (zu) erzählen; solche Geschichten gibt es ohnehin zuhauf. Ich werde die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählen." (12)

Zu Beginn weicht er jedoch von diesem Vorsatz ab und schildert zunächst die Kindheit Willems, erzählt von seiner ersten Ehe mit einer jüdischen Frau, die für ihn ihren Ehemann verlassen hat. Nach deren Tod gründet er eine 2.Familie. Wir erfahren auch, dass er ein Frauenheld und seine politische Gesinnung zunächst sehr wechselhaft ist. Geprägt hat ihn der flämisch-wallonische Konflikt und dessen Politisierung nach dem 1.Weltkrieg. Daraus resultiert auch, dass er als patriotischer Flame mit den Deutschen, die Belgien im 2.Weltkrieg besetzt haben, kollaboriert.
Seine Frau Mientje hingegen erscheint als friedliebend und freundlich. Zudem ist sie eine gläubige Protestantin, die sich dem Haushalt und dem Aufziehen der drei Kinder Adrian, Letta und Suzy widmet. Sie ist die stille Heldin, die heimlich Widerstand übt.
Ab dem zweiten Teil des Romans wechseln die Szenen, in denen der Autor das Haus besichtigt, mit denen aus der Vergangenheit ab. Sehr interessant, wie sich der Autor auf Spurensuche begibt und z.B. den Ort in Deutschland aufsucht, an dem die Kinder Verhulst den Sommer 1942 verbracht haben. Es wird immer deutlicher, dass er seine Biografie auf viele Quellen stützt, auf Interviews mit den beiden noch lebenden Töchtern und den Hinterlassenschaften der Familie: „die Tagebücher der Mutter, ihre eigene (Lettas) Lebensgeschichte, ein Heft mit einem Läufer, auf dessen Umschlag in der väterlichen Handschrift Wils Kindheit und Jugend geschrieben steht.“ (157)

Der Autor erklärt auch implizit seine Vorgehensweise:
„Symphonein bedeutet zusammenklingen, gemeinsam einen Klang hervorbringen, dessen komplexes Ganzes mehr ist als die Summe seiner Teile.“ (157)

Sein Bestreben ist es, aus den verschiedenen Quellen die Lebensgeschichte Willem Verhulst und seiner Familie zusammenzusetzen, so dass ein Bild jenes Mannes entsteht, der als SS-Mann viele Menschen verraten, seine Taten jedoch niemals bereut hat, und das seiner Familie, die sich zunehmend um Distanzierung bemüht. Gleichzeitig wird auch die Geschichte des Drongenhofer Haus erzählt, in dem Mientje Menschen versteckt hat, auch Kollaborateure, und das auf den Autor eine besondere Faszination ausübt. Auch der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen wird thematisiert, ein Thema, das in Belgien sicherlich größere Aufmerksamkeit erlangt als in Deutschland.

Insgesamt eine interessanter Roman mit dokumentarischem Charakter, da er eine Vielzahl an Bildmaterial bietet und Zitate der Kinder und Enkelkinder eingeflochten sind. Trotz einiger Längen lesenswert.

Sonntag, 27. März 2022

Dagmar Schifferli: Meinetwegen

- Monolog einer Psychopathin (?)

Leserunde auf whatchaReadin

Katharina ist ein 17-jähriges Mädchen, das sich in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche befindet, weil sie straffällig geworden ist. Der kurze Roman ist ausschließlich aus ihrer Sicht in der Ich-Perspektive verfasst. Als Leser:innen hören wir ihr zu, wie sie einmal in der Woche mit ihrem Psychiater spricht, der selbst ins Gespräch nicht eingreifen darf. Das ist ihre Bedingung, damit er alles über ihre Tat erfährt.

Gleich zu Beginn gibt sie zu bedenken:

„Es wäre nicht willentlich gelogen, wenn ich etwas erzählte, dass ich gar nicht so erlebt habe oder mir jemand erzählt hat, dass es so gewesen sei. Ohrfeigen, wenn sie heftig genug sind, verletzen das Gehirn. Die, die ich gekriegt haben, waren heftig. Darum bin ich mir unsicher, ob ich mich an alles korrekt erinnere. Obwohl ich möchte.“ (5)

Kann man ihr trauen? Ist sie eine zuverlässige Erzählerin? Will sie sich wirklich ihrer Tat stellen? Und was hat sie getan? Das sind die Fragen, die durch den Roman tragen und kontinuierlich die Spannung hochhalten. Katharina erzählt nur das, was sie wirklich will. Vieles bleibt ausgespart und nachfragen darf der Psychiater zunächst nicht.

„Eines aber müssen Sie wissen: Sie dürfen mich nie unterbrechen, niemals. Auch keine Fragen stellen, keine Töne, keinen Pieps von sich geben, wie etwa hm, oder sich räuspern. Das würde meine Gedanken durcheinander bringen.“ (5)

Von ihrem Leben selbst erfahren wir wenig. Ihre Mutter ist an MS erkrankt und verstorben. Ihr Vater hat ein Verhältnis mit der Pflegekraft gehabt und hat Katharina laut ihrer Aussagen geschlagen und auch verbal Schaden zugefügt. Nach eigenen Aussagen lebt sie in „der ständigen Angst vor Prügel und Beschimpfungen. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft mir mein Vater den Tod gewünscht hat.“ (24)
Katharina macht ihn auch für den Tod ihrer Mutter verantwortlich.

„Nein, ich weiß, dass er schuld war,
schuld ist,
am Tod meiner Mutter. Schauen Sie mich nicht so an. Es stimmt. Er hat ihren Rollstuhl nicht arretiert, sie saß drin, der Rollstuhl fuhr immer schneller,
kippte um.“ (19)

Eine Zeitlang hat sie bei ihrer Tante gelebt und war auch in einem katholischen Internat, woraus sie geflohen ist. Ihre Tante wollte sie jedoch auch nicht aufnehmen.

„Keine Ahnung, warum micht ihre Kinder…Man sieht sich ja nie von außen. Das habe ich schon mal gesagt. Jedenfalls haben sie mich ziemlich gemieden.“ (36)


Der Psychiater lässt sich darauf ein und erst nach ein paar Sitzungen darf er mithilfe von Karten mit ihr interagieren. Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, dass das Geschehen im Jahr 1970 spielt. In diesem Jahr ist erstmals die Psychopathy Checklist von R. Hare erschienen ist, so dass der behandelnde Psychiater diese noch nicht gekannt haben kann. Damit gibt uns die Autorin einen Hinweis darauf, dass Katharinas Charakter eine antisoziale Persönlichkeitsstörung aufweisen könnte, d.h. dass sie eine Psychopathin ist, die ihr Gegenüber manipuliert.
(Vielen Dank an unser Leserundenmitglied @Gaia, die uns darüber aufgeklärt hat)

Allerdings legt auch die Erzählweise dies nahe, denn ausgerechnet bei der Sitzung, in der sie ihre Tat erzählen will, muss der Psychiater eingreifen.

„Helfen Sie mir, sagen Sie etwas!
WAS?
Etwas, das mir weiterhilft, bitte!
JA
Ich habe im Bericht Folgendes gelesen, Katharina: (…)" (92)

Dadurch, dass sie sonst die Fäden in der Hand behält und nur beim Geständnis ihrer Tat auf Hilfe angewiesen ist, zeigt meines Erachtens, dass sie keine echte Reue empfindet und den Psychiater dahingehend manipuliert, dass er ihr hilft in den offenen Strafvollzug zu gelangen und ihr ein gutes „Zeugnis“ auszustellen. Auch die intertextuellen Bezüge, z.B. zur Todesfuge von Paul Clean könnten ein Hinweis darauf sein, dass sie sich als Opfer stilisiert, um selbst in einem besserem Licht zu erscheinen.

Allerdings könnte man den Roman auch anders lesen. Katharina befreit sich von ihrer Tat mithilfe der Gesprächstherapie, empfindet Reue, entwickelt sich und will neu anfangen. Beim ersten Lesen erscheint sie durchaus sympathisch, man empfindet aufgrund ihrer Kindheit Mitleid mit ihr. Es bleibt am Ende tatsächlich offen, jedoch bleibt das ungute Gefühl, Katharina meine es nicht ernst, sondern wähle ihre Worte mit Kalkül. Ein Eindruck, der sich beim 2.Lesen bestätigt.

Ein interessanter Roman, der zum Diskutieren einlädt und die Leser:innen herausfordert.

Samstag, 12. März 2022

Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug

Eine Parabel?

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Geschichte von vier Freunden, Amalia, Bodo, Josef und Gero, wobei Amalia die ältere Schwester Bodos ist. Die Vier haben schon in der Schule eine verschworene Gemeinschaft gebildet. Inzwischen sind sie Anfang 30 und unternehmen regelmäßig gemeinsam Ausflüge, dieses Mal geht es an ein entlegenes Flussdelta.
Bevor sie zum Kanuverleih fahren, übernachten sie in einem Gasthof, in dem es zu einem rassistischen Angriff kommt. Josef, der schwarz ist, wird daran gehindert auf die Toilette zu gehen und mit dem N-Wort beschimpft.
Die Szenerie wirkt zwar einerseits bedrohlich, andererseits aber auch unglaubwürdig, was auch daran liegt, dass die Figuren nicht authentisch wirken. Weder die vier Freunde noch die Rassisten im Dorf. Die Schikanen setzen sich fort, beim Kanuverleih, sogar bei den Schleusen, und die bedrohliche Stimmung legt sich auch auf die Vierer-Gruppe. 
Im Rückblick wird Amalias Leben aufgefächert, wir erfahren von ihrer Beziehung zu einem Ralleyfahrer, mit dem sie nach der Trennung von Josef zusammengekommen ist. Auch die schwierige Beziehung zu ihren Eltern wird herausgestellt. Sie ist die einzige Figur, deren Vergangenheit und Hintergründe beleuchtet werden, während alle anderen Figuren kaum Tiefe haben.
Da es bereits auf dem Klappentext steht, kann ich verraten, dass die Vier per Drohne eine Pistole erhalten. Sie sollen damit Josef erschießen, andernfalls werde Amalia von allen vergewaltigt und alle getötet.
Kurbjuweit unterwirft seine Protagonisten einem sozialen Experiment. Wie weit geht ihre Freundschaft? Sind sie selbst unterschwellig rassistisch? Halten sie zu Josef, sind sie bereit, sich selbst zu opfern?

Trotz dieser interessanten Konstellation und der damit verbundenen Fragen, hat mich die Handlung kalt gelassen, da sie völlig unglaubwürdig daherkommt. Die Vier haben durchgehend keinen Handyempfang, die Bedrohen wissen immer genau, wo sie sich aufhalten, machen regelrecht Jagd auf sie, während die Vier orientierungslos herumpaddeln. Das Ganze wirkt wie ein Kammerspiel, das trotz seiner Brutalität zumindest bei mir keine echte Betroffenheit auslösen kann.

In der Leserunde wurde diskutiert, ob man diesen kurzen Roman als Parabel lesen könnte. Meines Erachtens passt die Textsorte nicht, weil hier alles offen liegt und man letztlich überhaupt nicht nachdenken muss. Die Frage, wie hätte man selbst in der Situation gehandelt, ist natürlich berechtigt und auch wichtig. Dadurch, dass alles jedoch so unglaubwürdig geschildert wird, fällt es schwer, sich darauf einzulassen. Es wäre schön, wenn die Story subtiler erzählt worden wäre.
Doch leider ist die Handlung plakativ, holzschnittartig, die Figuren bleiben bis auf Amalia blass und wäre es keine Leserunde gewesen, hätte ich nach der Hälfte aufgehört zu lesen. Es hat mich nicht gepackt weder emotional noch intellektuell. Schade um die verlorene Lesezeit.


Freitag, 11. März 2022

Jon McGregor: Stürzen Liegen Stehen

"Lean Stand Fall"

Leserunde whatchaReadin

Ein Rätsel vorneweg, das wir auch in der Leserunde nicht lösen konnten, ist die deutsche Übersetzung des englischen Originaltitels, die die Reihenfolge der Verben abgeändert hat. Seltsamerweise passen die deutschen Verben jeweils besser zu den drei Abschnitten als das englische Original - vielleicht hat man es aus inhaltlichen Gründen vertauscht.

Zum Inhalt:

"Als der Sturm unerwartet losbrach, wurde Thomas Myers auf die Knie geworfen." (9)

Thomas befindet sich gemeinsam mit Luke Adebayo in der Antarktis. Die beiden sind Geoinformationswissenschaftler und sollen Fehler in der Vermessung des Küstenverlaufs beheben und das mit modernster Technik. Ihnen zur Seite steht Robert Doc Wright, der seit vielen Jahren Campleiter in der eisenoxidroten Station K ist. Zwei junge Hüpfer ein alter Hase.

"Robert >>Doc<< Wright hatte den Sturm kommen sehen, aber keine Zeit gehabt, die andern zu warnen. Der Nachmittag war nach Beendigung der GPS-Messungen des Tages Freizeitaktivitäten gewidmet gewesen. Die Abfahrt von der Schutzhütte Station K. war um 1300 erfolgt, und sie waren mit zwei Motorschlitten hinunter zur Küste gefahren, vorwiegend mit der Abschied, Thomas´ fotografischem Hobby nachzugehen." (21)

Weil man die Dimensionen in der Antarktis kaum auf Bildern festhalten kann, klettert Doc auf den Priestley Head, ein Unterfangen, das in der Art und Weise im Protokoll so nicht vorgesehen ist. Zudem befindet sich Luke, als der Sturm losbricht, an den Motorschlitten, so dass jeder auf sich allein gestellt ist.

Aus der jeweiligen personalen Perspektive der drei Figuren erleben die Leser:innen zu Beginn mit, wie unbarmherzig der Sturm die Männer an ihre Grenzen bringt. Im Bestreben das Richtige zu tun, fällt ihnen auf, dass es Widersprüche in der Ausbildung gibt. So ganz eindeutig sind die Routinen nicht, wenn ein Ernstfall Eintritt.

"Unterschlupf finden oder bauchen, sich nicht vom Fleck rühren, mit den Teamkollegen Kontakt aufnehmen, in Bewegung bleiben, Ruhe bewahren." (10)

Verzweifelt versuchen sie untereinander Funkkontakt aufzubauen und Station K wieder zu erreichen. Als Leser:innen tauchen wir jeweils in die Gedanken der Protagonisten und das so intensiv, dass man beim Lesen eine warme Wolldecke braucht. Gleichzeitig beschreibt McGregor aber auch die unglaubliche Schönheit der endlose, weißen Stille.

Innerhalb des ersten Abschnittes "STÜRZEN" wird auch im Rückblick von der gemeinsamen Zeit in Station K. erzählt. Die Männer vertreiben sich mit Kinderspielen die Zeit und Robert erzählt Anekdoten aus vergangenen Zeiten. Immer wieder wird deutlich, dass sich verschiedene Generationen gegenüberstehen. Erhellend ist der Dialog über die Manfood Box. In Roberts Augen sind Frauen nur dann akzeptabel, wenn man keinen Unterschied merke, sie seien dann „Männer ehrenhalber“ (58). Da spricht die alte Generation.

Während Luke und Thomas Fehler in der Vermessung korrigieren möchten, hatte Doc "ihnen mitgeteilt, das Wort Fehler gefalle ihm nicht. Jeder gibt hier sein Bestes, hatte er gesagt. Die Arbeitsbedingungen sind nicht die einfachsten." (56)

Statt dessen will er den Begriff Anomalien verwenden, der im 2.Abschnitt "LIEGEN" seine eigene Beziehung beschreibt. Seine Frau Anna, eine Professorin für Klimaforschung, sieht in ihrer Ehe ebenfalls eine statistische Anomalie, denn sie geht nach der Heirat und mit Kindern weiter ihrem Beruf nach und bewältigt den Alltag überwiegend alleine, während Robert die meiste Zeit des Jahres in der Antarktis verbringt.

Im 2.Abschnitt ändert sich der Fokus und erzählt wird aus Annas Sicht, die mitten in der Nacht vom Institut angerufen wird.

"Es geht um Robert. um Ihren Mann. Es tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe. Sie müssen bitte kommen."(101)

Wir erfahren, wie sie nach Santiago fliegt, Robert vorfindet, der nicht mehr sprechen kann und dessen motorischen Fähigkeiten stark eingeschränkt sind. Seltsamerweise hält sich das Institut sehr bedeckt, was die Ereignisse in der Antarktis betrifft und ein Teil des Romans geht der Frage nach, was wirklich dort geschehen ist und ob jemand Schuld an den Ereignissen trägt. Der Fokus verschiebt sich jedoch hin zu Roberts Unfähigkeit zu kommunizieren, sich verständlich zu machen. Es gelingt McGregor dies sprachlich so umsetzen, dass man förmlich selbst nach Worten ringt. Beeindruckend schildert er, wie auch Anna versucht mit den veränderten Lebensumständen zurecht zu kommen. Den letzten Abschnitt "STEHEN" fand ich zwar schwächer als die vorherigen, auch aufgrund der häufig wechselnden Perspektiven.
Insgesamt jedoch ein lesenswerter Roman, der als Abenteuergeschichte beginnt und dann völlig die Richtung ändert. Die Protagonisten sind authentisch und sensibel gezeichnet, ihre Handlungen nachvollziehbar, ihr Charakter differenziert ausgestaltet. Man leidet mit ihnen.

Ein echtes Lesehighlight, das neben der grandios erzählten Geschichte vor allem aufgrund der außergewöhnlichen Sprachvirtuosität begeistert.