"Gott (…) zusammen mit dem Teufel gebaut hat zur Mahnung an alle" (9)
Leserunde auf whatchaReadin
"Das, was nicht allseits bekannt ist, regiert wie ein Fluch." (9)
Der Roman wartet mit einer Fülle von Figuren auf, die man erstmal überblicken muss:
Ich möchte auf meinem Blog alle möglichen Bücher und Hörbücher vorstellen - quer durch alle Genres - ob Gegenwartsliteratur, Fantasy, Krimis, Liebesromane, historische Romane oder Romane gegen das Vergessen. Viel Spaß beim Lesen!
- Booker Prize 2020
Leserunde auf whatchaReadin
Im Mittelpunkt dieses sehr bewegenden Romans stehen Shuggie Bain und seine Mutter Agnes, die Alkoholikerin ist.Die Handlung beginnt im Jahr 1992, Shuggie ist 16 Jahre alt, arbeitet seit über einem Jahr in einem Supermarkt in Glasgow, träumt jedoch davon auf die Friseurschule zu gehen. Er lebt allein in einem möblierten Zimmer, umgeben von "Porzellanballerinas" (15), die immer wieder im Roman auftauchen und ein Leitmotiv bilden. Einerseits erinnern sie ihn an seine Mutter, andererseits symbolisieren sie, dass Shuggie anders ist: Er ist homosexuell und im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass er das Tanzen liebt und alles, was "normale Jungs" ausmacht, ablehnt.
Die Handlung springt ins Jahr 1981, als Shuggie 5 Jahre alt ist und mit seinen beiden älteren Geschwistern Catherine, Alexander, Leek genannt, seiner Mutter Agnes und seinem Vater Shug bei seinen Großeltern mütterlicherseits lebt. Das Geschehen wird aus unterschiedlichen personalen Erzählperspektiven geschildert, hauptsächlich aus der Agnes und Shuggies, aber auch die Sicht der Geschwister und Shugs Gedankenwelt werden vor den Leser*innen ausgebreitet. Die Situation erscheint für fast alle Beteiligten trostlos.
"Sie (Agnes) spielte mit dem Gedanken, noch weiter zu kippen, als Mutprobe. Wie leicht es wäre, sich einzureden, sie könnte wirklich fliegen, bis sie nur noch fiel und unten auf dem Beton aufschlug. Die Hochhauswohnung, die sie immer noch mit ihren Eltern teilte, engte sie ein. Alles in dem Zimmer hinter ihr fühlte sich klein an, so niedrig und stickig, vom Zahltag bis zur Sonntagsmesse, ein Leben auf Pump, wo nichts rechtmäßig ihr zu gehören schien." (27)
Agnes ist eine Schönheit mit künstlichen Zähnen, die immer noch für Aufsehen sorgt. Ihren ersten, katholischen Mann hat sie für Shug verlassen, da er ihr nicht genügt hat, zu langweilig, zu fromm, zu brav.
"Big Shug Bain war im Vergleich mit dem Katholiken betörend gewesen. Er war eitel, wie es nur Protestanten sein konnten, stellte seinen windigen Wohlstand zur Schau und leuchtet rosig vor Prasserei und Verschwendung." (40)
Shuggie ist der einzig gemeinsame Sohn der beiden und Agnes erkennt, dass er anders als sein großspuriger Vater ist. Aus diesem Grund kauft sie ihm eine Puppe - sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit. Sie achtet darauf, dass er sich gut ausdrückt, "dass er die Silben nicht verschliff." (66) Genauso wie sie selbst Wert auf ihre äußere Erscheinung und eine gute Aussprache legt, sie wahrt den Schein, um ihre Sucht zu verbergen, genauso wie ihre Eltern verbergen, dass sie nie aufgehört haben zu trinken.
"Agnes wusste genau, dass Wullie und Lizzie sich heimlich aus dem Zimmer stahlen, wenn sie dachten, keiner sah hin. Sonntags standen sie vom Esstisch auf oder gingen einmal zu oft aufs Klo. Dann setzten sie sich auf die Kante ihres großen Ehebetts, Schlafzimmertür zu, und holten die Plastiktüten unter dem Bett hervor. Schenkten sich was in eine alte Tasse und tranken schnell und leise im Dunkeln wie Teenager." (35)
Stuart zeichnet ein schonungsloses Bild derer, die unter der rigiden Politik Magret Thatcher keine anständige Arbeit finden, keine Chance mehr erhalten oder auch ergreifen können und die sich aus Verzweiflung bzw. Resignation dem Alkohol hingeben. Vor allem das Leid der Kinder, die in diesem brutalen, sozialen Milieu aufwachsen müssen, wird im Roman plastisch geschildert.
"Was immer sie zum Lachen brachte, tat er noch ein Dutzend Mal, bis ihr Lächeln dünn und falsch wurde und er nach dem nächsten Kunststück suchte, das sie glücklich machen würde. (67)
- eine Novelle.
Klassiker der Weltliteratur
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Die Novelle spielt auf einer Zugfahrt, der Ich-Erzähler ist bereits den 2.Tag unterwegs und teilt das Abteil mit einer „hässlichen, nicht mehr jungen, zigarettenrauchenden Dame“ (7) und ihrem Bekannten, einem Anwalt, der tadellos angezogen ist sowie einem kleinen, fahrig wirkenden Herr, der zunächst jedes Gespräch meidet.- ein Paar zieht in der Lebensmitte Bilanz.
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Rahel, aus deren personaler Erzählperspektive das Geschehen geschildert wird, hat in den Sommerferien mit ihrem Ehemann Peter, mit dem sie seit fast 30 Jahren verheiratet ist, ein Hütte in den Bergen gemietet. Alles ist vorbereitet:"Den Papierkram in der Praxis (sie ist Psychotherapeutin) hat sie erledigt, (...). In ihrer Stammbuchhandlung hat sie ein Buch auf Empfehlung gekauft und eines von Elizabeth Strout, das schon lange auf ihrer Wunschliste stand - eine hochgelobte Mutter-Tochter-Geschichte." (7)
Mit dem Roman von Strout ist "Die Unvollkommenheit der Liebe" gemeint, ein Titel, der auch zum derzeitigen Verhältnis zwischen Rahel und Peter passt. Der Aufenthalt in den Bergen sollte ihnen einen Neustart ermöglichen, doch die Hütte brennt ab. Zufällig meldet sich kurz darauf Ruth, eine Freundin von Rahels verstorbener Mutter Edith. Zu Ruth und deren Mann Victor hat Rahel zeitlebens ein sehr gutes Verhältnis gehabt, deren Haus in der Uckermark ist für sie immer ein Zufluchtsort gewesen.
"Bei ihnen in Dorotheenflede kam ihr Leben zur Ruhe. Ediths rastloses Dasein, das Rahel und ihrer Schwester Tamara eine Kindheit mit wechselnden Stiefvätern, etlichen Umzügen kreuz und quer durch Dresden und verschiedenen Schulen beschert hatte, war wie ein Sturm auf hoher See gewesen, und obwohl auch Dorotheenfelde kein dauerhafter Hafen wurde, so hatte es hier doch immerhin heilsame Flauten gegeben." (15)
Da Victor einen Schlaganfall gehabt hat und kurzfristig einen Rehaplatz erhalten hat, bittet Ruth Rahel und Peter auf ihr Haus aufzupassen und die Tiere zu versorgen. Rahel sagt zu, ohne Peter zu fragen. Ein Verhaltensmuster, das eines der Probleme aufzeigt, die zwischen ihnen herrschen - Rahels Dominanz.
Sie ist die lebenslustigere, aktivere der beiden und kann es kaum ertragen, dass Peter nicht mehr mit ihr schläft. So bezieht jeder ein eigenes Zimmer in Dorotheenfeld und Peter bietet an, sich um die Tiere - ein Pferd, mehrere Katzen sowie einen flugunfähigen Storch, zu kümmern. Damit er nicht mit Rahel reden muss? Gleichzeitig spiegeln die Tiere das Verhalten der Figuren wider, die in der ländlichen Einsamkeit miteinander auskommen müssen.
Rahel entdeckt in Victors Atelier, der im Verband Bildender Künstler der DDR gewesen ist und in den Nullerjahren ein Comeback erlebt hat, Zeichnungen von sich als Kind sowie von ihrer Mutter. Der Gedanke, Victor könne ihr Vater sein, drängt sich auf. Ihre unstete Mutter Edith hat nie verraten, wer Rahels Vater gewesen ist.
Schließlich bittet Rahel Peter um ein Gespräch und es stellt sich heraus, dass der Bruch aufgrund ihrer Illoyalität entstanden ist. Peter hatte in seinem Literaturseminar eine Konfrontation mit einem nicht-binären Menschen (Olivia P.) und war der Situation nicht gewachsen, ebensowenig wie dem anschließenden medialen Shitstorm.
"Die ganze Sache mit Olivia P., das Spießrutenlaufen an der Uni, der Hass, die Vulgarität, das alles habe ihn zutiefst erschüttert, und als er angeschlagen nach Hause gekommen sei, sei er von ihr verhöhnt worden, und etwas in ihm sei zerbrochen. (...) Und das Begehren ... hat einfach aufgehört." (57)
Wird es wieder zurückkehren?
Zu allem Überfluss kündigt sich Selma, ihre Tochter mit ihren zwei Kindern an.
"Wenn Selma nur nicht so wäre, wie sie ist. Egal, wie viel Aufmerksamkeit und Liebe sie ihrer Tochter schenkt- Selma braucht mehr." (61)
Der Besuch gestaltet sich schwierig, nicht nur wegen unterschiedlicher Erziehungsfragen - dürfen Kinder unter dem Tisch essen? - sondern auch deshalb, weil es in Selmas Ehe ebenfalls kriselt. Andererseits führen die gemeinsamen Probleme dazu, dass Rahel und Peter sich annähern. Wird es Peter gelingen erneut Nähe zuzulassen, kann Rahel sich zurücknehmen und seine Bedürfnisse akzeptieren? Wird es ihr gelingen die Beziehung zu ihrer Tochter zu verbessern? Und kann Rahel die Frage nach ihrer Herkunft lösen?
Krien zeichnet ein realistisches Bild der verschiedenen Beziehungen - nicht ohne Humor. Sie spielt mit den Geschlechterstereotypen und stellt sie dadurch in Frage.
"Männern wird immer vorgeworfen, wir wären triebgesteuert, aber so langsam habe ich das Gefühl, dass ihr Frauen uns auch in dieser Hinsicht überholt." (105)
Peter repräsentiert den gelehrten Universitätsprofessor, der die heutige Jugend nicht mehr versteht, sich aus der Gesellschaft zurückzieht, auf Teilhabe verzichtet, dadurch aber die Möglichkeit versäumt, mit der Zeit zu gehen, sich anzupassen und trotzdem seine Meinung darzulegen.
"(...) du hast ein Idealbild vom umfassend gebildeten Studenten einer längst vergangenen Epoche, als Studieren die Ausnahme und nicht die Regel war." (139)
Jammern allein kann keine Lösung sein. Trotzdem sind die Figuren nicht unsympathisch, man kann ihre Gefühle und Befindlichkeiten nachvollziehen, wenn auch nicht alles gutheißen.
Krien erzählt von einem Ehepaar in der Mitte ihres Lebens, die eine Neuorientierung suchen und sich dabei nicht verlieren wollen. Ein lesenswerter Roman, nicht nur für Paare in der Midlifecrisis.
Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.
- ein Psychodrama.
Leserunde auf whatchaReadin"Standbild, dann Rücklauf."
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Die Künstlerin Eve Laing wandelt durch das nächtliche London und besucht um die Weihnachtszeit das Haus, in dem sie noch vor neuen Monaten mit ihrem Mann Kristof, einem erfolgreichen Architekten, gelebt hat. Die 60-Jährige hat ihn jedoch für einen Jüngeren verlassen und reflektiert in dieser einen Nacht, in der die Geschichte spielt, über ihr Leben."Es dauerte ein ganzes Leben, um es aufzubauen, und nur eine Sekunde, um es zu zerstören. Familienleben. Das ging als Erstes flöten. Dann die Würde, und mit ihr der gute Ruf. Alles andere folgte in dem Strudel. Nur ihre Arbeit ist geblieben. Der Junge fing ihren Blick ein und hielt ihn fest. Standbild, dann Rücklauf." (11)
Bereits zu Beginn des Romans wird Eves derzeitige Situation beschrieben, doch wie es dazu gekommen ist und was die einzelnen Aussagen bedeuten, entfaltet sich, während sie selbst durch London läuft und immer wieder innehält (Standbild) und in Rückblicken (Rücklauf) an das zurückdenkt, was sie an diesen Punkt geführt hat, in dem sie gezwungen ist, loszulassen.
Erzählt wird ausschließlich aus ihrer Sicht, allerdings in der Sie-Form, so dass die Distanz gewahrt bleibt, die auch dadurch entsteht, dass Eve sich als recht unsympathische Figur präsentiert. Gemeinsam mit zwei "Freundinnen", Mara und Wanda, hat sie in London die Kunstakademie besucht und anschließend Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre in New York gelebt. Den Begriff "Freundinnen" müsste man allerdings ersetzen durch "Feindinnen". Das, was sich die drei gegenseitig aus Missgunst und Neid angetan, haben, ist bitterböse.
Eves Gedanken kreisen
1. Um ihre Tochter Nancy
"Was erwartete ihre Tochter denn, dieses liberale Dummchen mit ihrer Glutenunverträglichkeit und ihrer Schwachsinnstoleranz?" (63)
- von der sie enttäuscht ist, die sie verachtet und mit der sie den Kontakt abgebrochen hat.
2. Um ihre Beziehung zu Florian Kis
Bekannt wurde Eve durch ein Porträt "Mädchen mit Blume", das der angesagte Künstler und ihr Lehrer Florian Kis von ihr gemalt hat und das sie in einer unterwürfigen Pose, nackt zu den Füßen des Malers zeigt. Dass er sie sexuell ausgenutzt und als dessen Muse galt, nagt immer noch an ihr.
"Und was war mit Florian Kis? Nun ja, daran arbeitete sie sich heute noch ab." (45)
"Nachdem sie sich endgültig von Florian losgeeist hatte, taumelte sie von einem Abenteuer, zuweilen auch einem Missgeschick ins nächste, doch damals gab es in Eves Liebesleben keine langen Schatten." (53).
3. Um ihre eigene Kunst und damit verwoben ihre Konkurrenz zu Wanda Wilson
Nur die "Blütenschatten" interessieren sie, denn als Künstlerin hat sie sich einen Namen durch ihr Werk "Underground Florilegium" gemacht.
"Darin hatte sie auf Harry Becks klassischer Tube-Map aus den 1030er Jahren die Namen der Stationen mit ihren botanischen Bildern ersetzt." (31)
Allerdings glaubt sie ihre "florale" Kunst erfahre nicht die notwendige Wertschätzung und der Neid auf die inzwischen erfolgreiche Performance-Künstlerin Wanda, die ihr Elend theatralisch zu inszenieren versteht, frisst sie auf. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung, die Eve Wanda attestiert, trifft ebenso auf sie selbst zu.
Alles muss sich um sie und ihre Kunst drehen, so ist sie geschmeichelt, dass ihr neuester Assistent Luka, der 30 Jahre jünger ist als sie, sich ernsthaft für sie zu interessieren scheint.
4. Um Luka und ihre Arbeit am Poison Florilegium
Die zynische Eve lässt sich mit Haut und Haaren auf diesen jungen Mann ein, der es vermag ihre Leidenschaft neu zu entfachen und ihre Arbeit zu beflügeln.
Die jüngste Vergangenheit nimmt den größten Raum des Romans ein und dieser Teil der Geschichte entfaltet trotz der akribischen Beschreibung der Arbeitsweise der Künstlerin einen Sog, dem man nur schwerlich widerstehen kann und gipfelt in einem furiosen Finale.
Zu Beginn erscheint die Sprache Eves manieriert, wie eine der Mitleserinnen der Leserunde es treffend beschrieben hat, doch ist dies nur ein Stilmittel, das Eve treffend charakterisiert. Teilweise ist die dezidierte Beschreibung der künstlerischen Arbeit etwas langatmig, doch die sich steigernde Geschichte um Eve und Luka überwiegt eindeutig - und der Schluss ist wirklich genial, der die Bemerkung auf dem Buchrücken, Eve sei kein zartes Pflänzchen, sondern eine kompromisslose Künstlerin, die ihre Passion über alles stelle, eindrucksvoll bestätigt.
Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für diesen empfehlenswerten Roman!
- eine Wiederentdeckung.
In zwei aufeinander folgenden Nächten vertraut die ca. 40jährige Heleen, die in einer Nervenklinik liegt, der Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Die Geschichte spielt in den Niederlanden zu Beginn des 20.Jahrhunderts."Nein, bitte, legen Sie die Näharbeit nicht weg. Lassen Sie mich bitte noch ein bisschen bei Ihnen sitzen, bringen Sie micht nicht ins Bett." (33)
Dadurch, dass Heleen durchgängig erzählt, ist die Beichte sehr intensiv und komprimiert. Beim Lesen entsteht ein Sog, der die Leser*innen in diese außergewöhnliche Lebensgeschichte hineinzieht. Die Fragen, die im Raum stehen, sind:
Warum ist Heleen in der Nervenklinik? Was hat sie zu beichten? Ist sie wirklich psychisch krank?
"Ich war die Älteste und habe erlebt, wie das Haus voll wurde." (23)
Neun Geschwister hat sie und muss nach 6 Jahren die Schule verlassen, um zum Einkommen des Haushalts beizutragen, nachdem ihr Vater bei einem Unfall ans Bett gefesselt ist. Damit erfüllt sich letztlich ein Traum für sie, dann bereits als Kind läuft sie einmal von zu Hause weg, da sie in die Welt hinaus gehen will.
Sie erhält eine Anstellung in dem Schneideratelier einer Französin und ist sich trotz ihrer 13 Jahre bewusst, "dass [sie] große braune Augen hatte, das Weiß bläulich wie Porzellan, und [ihre] Haare waren schwarz, ganz glatt und glänzend." (45)
Täglich betrachtet sie sich im Spiegel, dem sie gegenüber sitzt und stellt sich vor, sie trage die wunderschönen, kostbaren Kleider, an denen sie arbeitet. Als sie zu ihrem 15.Geburtstag von den anderen Angestellten ein braunes Kleid aus Baumwollsamt erhält, verschwindet das Spiegelmädchen. Sie erkennt, dass sie "ärmlich gekleidet" (48) ist und damit möchte sie, die sich nach Schönheit sehnt, und alles, was sie stört und irritiert, "hässlich" nennt, nicht abfinden.
Heleen nutzt die Bekanntschaft eines Handelsvertreters für Stoffe, um einen sozialen Aufstieg zu erreichen. Dafür muss sie gegen den Willen ihres Vaters, der sie verdammt, ihr Elternhaus verlassen. Die Antwort ihrer Mutter zeigt, wie schwierig es für Frauen in dieser Zeit gewesen ist, einen eigenen, selbstbestimmten Weg einzuschlagen.
"Sie sagte nur, sie habe lebenslang ihre Pflicht getan. Und sich an die Gebote gehalten. Und auch auf ihrem Leben habe kein Segen gelegen." (83)
Heleen muss die ganze Nacht - und auch noch eine weitere, reden, sonst "werde [sie] vollkommen verrückt." (94)
Diese Beichte ermöglicht ihr, das Furchtbare, das sie getan hat, zu begreifen. Der Monolog gleicht einer intensiven Psychoanalyse, lässt die Gefühle und Erkenntnisse aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche steigen. In der 2.Nacht werden die Reaktionen der Nachtschwester kaum noch kommentiert, der Drang, sich alles von der Seele zu reden, wird größer. Was sie getan und erlebt hat, zeigt, dass sie, die selbst wenig Liebe erfahren hat, kaum Selbstvertrauen hat und sich fast ausschließlich über ihre Schönheit definiert. Ihre Angst, den Menschen, den sie über alles liebt, zu verlieren, weil sie älter wird, ist unerträglich für sie und führt letztlich zu einer Katastrophe.
Ein Roman, der aufgrund der Erzählweise einen Sog entfaltet, dem ich mich kaum entziehen konnte. Sehr intensiv erlebt man die Lebensgeschichte dieser aufstrebenden jungen Frau mit, die aus der Unterschicht kommend, aufsteigt, um zu fallen.
Ein Roman, dem ich viele Leser*innen wünsche!