Donnerstag, 6. Januar 2022

F.Scott Fitzgerald: Die Schönen und Verdammten

 - eine Gesellschaftssatire.

Leserunde auf whatchaReadin

Der redselige auktoriale Erzähler stellt uns gleich zu Beginn den männlichen Protagonisten des Romans vor:

"1913 war Anthony Patch fünfundzwanzig, und bereits zwei Jahre zuvor hatte ihn - zumindest theoretisch - die Ironie, der Heilige Geist unserer Tage, berührt. (...) In dem Moment, da wir er ihn kennenlernen" (7).

Anthony ist ein klassischer Dandy. Während sein Großvater zu Reichtum gekommen ist, lebt sein Enkel von seinem Vermögen, ist also nicht gezwungen zu arbeiten, auch wenn er nicht wirklich über die Runden zu kommen scheint. Aber er kann auf ein beträchtliches Erbe vertrauen, das sein Großvater, der das "alte Amerika" verkörpert, ihm hinterlassen wird. Seine Eltern sind früh verstorben, so dass Anthony im Alter von 11 bereits Waise ist.
Der Erzähler schildert uns im Überblick seine Jugend, seine Zurückgezogenzeit, sein Studium, seine Reise nach Europa und seinen Aufenthalt in Rom.
1912 kehrt er nach Amerika zurück, da sein Großvater schwer erkrankt ist, und bleibt.

"Im Jahre 1913 war Anthony Patch Anpassung an die Welt nahezu vollzogen. "(16)

Wir erfahren, wie er seine Wohnung eingerichtet hat, mit besonderem Augenmerk auf seinem Badezimmer.
Im ersten Dialog zwischen Anthony und seinem Großvater beschreibt der auktoriale Erzähler dessen Alterungsprozess genial. Das Leben wird als Blasebalg geschrieben, das zunächst pralles Leben gewährt und dann "Wangen und Brust, Arme und Beine leergesogen (hat). Er hatte gebieterisch seine Zähne gefordert, einen nach dem anderen, seine kleinen Augen in dunkel-bläuliche Säcke gebettet, ihm die Haare geraubt, an manchen Stellen Grau zu Weiß, an deren Rosa zu Gelb verfärbt, rücksichtslos Farben tauschend wie ein Kind, das einen Malkasten ausprobiert." (23)

Während sein Großvater ihn auffordert etwas zu tun, gaukelt Anthony ihm vor, er schreibe ein Buch über das Mittelalter, obwohl er tatsächlich kaum ernsthaft daran arbeitet. Statt dessen verbringt er seine Tage und Abende mit seinen Freunden Dick Caramel, der tatsächlich einen Roman schreibt, und Maury Noble, der sich ebenfalls im Müßiggang übt.
Ihr erster Dialog ist wie ein Theaterstück gesetzt - ungewöhnlich, sogar mit Regieanweisungen.
Ungewöhnlich ist auch das Kapitel "Rückblende ins Paradies", in dem die Schönheit auf die Erde geschickt wird (nebenbei eine Satire auf die USA) und wahrscheinlich in der Gestalt von Gloria auftaucht,  Gloria Gilbert, Dicks Cousine, deren Bekanntschaft Anthony macht und die ihn bezaubert. Sie ist die weibliche Protagonistin des Romans und künftige Ehefrau Anthonys.

Gloria ist eine Narzisstin, die um sich selbst kreist, und von Männern Bewunderung verlangt. Nichtsdestotrotz verliebt sie sich in Anthony und beide erliegen der Illusion der perfekten Liebe.

"Sie waren die Stars auf dieser Bühne, von denen jeder nur für zwei Zuschauer spielte: Die Leidenschaft ihrer Gleisnerei schuf Tatsachen. Dies war die Quintessenz der Selbstverwirklichung doch war es wohl eher Gloria, die sich in dieser Liebe verwirklichte, während Anthony sich häufig vorkam wie ein gerade noch geduldeter Gast auf einem von ihr gegebenen Fest." (180)

Das 2.Buch beschreibt die Ehe der beiden, während im 3.Buch Anthony als Gefreiter eingezogen wird. Die Handlung ist insgesamt dürftig. Im Mittelpunkt stehen die beiden Protagonisten und deren ausschweifendes Leben. Zudem hat der Roman starke autobiographische Züge, im Nachwort von Tilman Höss stellt dieser fest, Fitzgerald "behandelte in (seinem) zweite(n) Roman, "The Beautiful and Damen" (1922), die ersten Jahre seiner Ehe.

Tragischerweise scheint der Roman eine Art selbst erfüllende Prophezeiung zu sein, wie es im Nachwort heißt. Die Probleme, mit denen das junge Paar konfrontiert wird, ereilen auch Fitzgerald und seine Frau Zelda - Alkoholismus, psychische Erkrankungen, Geldnot. Er zeigt "wie zwei Menschen im Überfluss ihr Leben vergeuden" (Nachwort, 614). Sie verkörpern einerseits das "neue" Amerika und andererseits gelingt es ihnen nicht, einen alternative Gegenentwurf zum "alten"Amerika zu leben. Ihr Lebensentwurf, der auf Konsum, Egoismus und Narzissmus basiert, ist nicht tragfähig.

Einen überraschenden Twist am Ende des Romans erwartet die Leser*innen, die sich durch eine beträchtliche Anzahl von Seiten gelesen haben. Kürzungen hätten diesem Klassiker gut getan. Insgesamt hat der Roman mich nur teilweise überzeugt, da er schlicht und ergreifend viel zu viele langatmige Passagen hat, zu wenig geschieht und die Figuren keine Entwicklung durchlaufen - das wiegt auch die Sprache nicht auf.

Vielen Dank dem Penguin Verlag für das Lese-Exemplar.

Dienstag, 7. Dezember 2021

Bernhard Schlick: Die Enkelin

- gesucht und gefunden. 

Leserunde auf whatchaReadin

Kaspar, aus dessen personaler Sicht der Roman vorwiegend erzählt wird, ist Bibliothekar und mit Birgit verheiratet.

"Es war ein Abend wie viele andere. An manchen Abenden, wenn Birgit schon früh mit dem Trinken angefangen hatte, war mehr als zwei Taschen und ein Weinglas umgefallen und lag mehr als eine Vase in Scherben. An anderen Abenden, wenn sie erst kurz bevor er nach Hause kam, das erste Glas getrunken hatte, war sie fröhlich, gesprächig, zärtlich, und wenn's nicht Wein, sondern Champagner war, von einer Lebendigkeit, die ihn glücklich machte und wehmütig wie alles Gute, von dem man weiß, dass es nicht stimmt." (7)

Doch an diesem Abend findet er seine Frau tot in der Badewanne vor, betrunken eingeschlafen und ertrunken. Kaspar ist erschüttert, denn trotz ihrer Alkoholprobleme, trotz ihres Geheimnisses, das sie um das Schreiben ihres Roman gemacht hat, trotz ihrer Unstetigkeit liebt er sie bedingungslos.
Das Verständnis, das Kaspar für Birgit aufgebracht hat, und seine Liebe bringt sie selbst wunderbar zum Ausdruck:
"Du liebst mich immer noch, ich weiß. Es ist der große Trost in meinem Leben: was immer ich in meinem Leben nicht bin, was immer ich dir nicht bin - ich bin genug, dass ich bis jetzt von dir geliebt werde." (129)

Im Rückblick wird erzählt, wie die beiden sich im Mai 1964 im Osten Berlin kennengelernt haben und wie Birgit sich entscheidet, zu Kaspar in den Westen zu fliehen, was ihr auch gelingt. Sie haben sich ein gemeinsames Leben aufgebaut und doch gibt es ein Geheimnis, das Kaspar in Birgits Schreibzimmer entdeckt. Ein Dokument "Ein strenger Gott", das er nach langem Ringen liest und das Birgits Lebensgeschichte erzählt, davon wie die beiden sich kennengelernt haben, aber auch davon, dass sie eine Tochter zurückgelassen hat (das verrät auch schon der Klappentext!), die sie nie gewagt hat zu suchen.
Um das wieder gutzumachen, was Birgit nicht gelungen ist, begibt sich Kaspar im 2.Teil des Romans auf die Suche nach jener Tochter und findet sie - gemeinsam mit Birgits Enkelin ist sie Teil einer völkischen Siedlungsbewegung, die fest an die Ideale des Nationalsozialismus glauben, den Holocaust leugnen und die deutsche Demokratie unterwandern möchten, dabei aber unauffällig agieren. Eine Welt, die Kaspar völlig fremd ist, und doch möchte er einen Kontakt mit Sigrun, der Enkelin aufbauen.
In der Leserunde gab es viele Diskussionen darüber, wie Kaspar in dieser Situation agiert. Wie hätte man selbst reagiert? Sofort vehement widersprochen, versucht alle Lügen sofort und gleich argumentativ zu widerlegen? Kaspar wählt einen anderen Weg, einen behutsameren und indem wir gemeinsam mit Kaspar diesen Weg beschreiten, ermöglicht uns Schlink einerseits einen Blick auf diese völkische Welt, andererseits entlarvt er ihre falschen Werte und ihren Lügen, so dass der pädagogische Anspruch des Romans nicht verborgen bleibt. Das hat mich jedoch beim Lesen nicht gestört. Im Gegenteil, interessant ist eben die Frage: Wie gehe ich mit einem jungen Mädchen um, das bisher in einer Blase aus nationalsozialistischen Ideen und Bräuchen gelebt hat? Schlink vermeidet auch eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren, z.B. kann man Svenjas, Birgits Tochter, Motivation sich den Rechten anzuschließen, verstehen, wenn man es auch definitiv nicht gutheißen kann. Lediglich die Darstellung der 14-jährigen Sigrun gerät teilweise etwas zu naiv und kindlich für ein Mädchen dieses Alters, aber sie entwickelt sich und der 3.Teil des Romans ist auch gleichzeitig der stärkste. 
Ein Roman, der zum Diskutieren und Nachdenken einlädt, und den ich uneingeschränkt weiter empfehlen kann.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.


Samstag, 20. November 2021

Kent Haruf: Ein Sohn der Stadt

- aber kein verlorener, dessen Heimkehr erwünscht ist.

Leserunde auf whatchaReadin

Dies ist der 2. Roman Kent Harufs und spielt wie seine anderen auch in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado.

Im Gegensatz zu den anderen drei Romanen: "Lied der Weite", "Abendrot" und "Kostbare Tage" (3./4./5. Roman des Autors) gibt es nur einen Handlungsstrang. Es wird ausschließlich die Geschichte Jack Burdettes, "einem Sohn der Stadt" erzählt, aus der Sicht des Ich-Erzählers Pat, dessen eigene Lebensgeschichte mit der von Jack verknüpft ist.
Dass Pat, der Herausgeben der Wochenzeitung Holt Mercury, den er von seinem Vater übernommen hat, befugt ist, diese Geschichte zu erzählen, verkündet er den Leser*innen gleich zu Beginn: "Ich kannte Jack Burdette mein ganzes Leben lang." (26)

Doch bevor der Ich-Erzähler im Rückblick Jacks Kindheit und Jugend auffächert, wird im ersten Kapitel von der Rückkehr des Sohnes in die Stadt berichtet.
"Am Ende kehrte Jack Burdette doch wieder nach Holt zurück. Keiner von uns hatte mehr damit gerechnet. Er war acht Jahre fort gewesen, und in dieser Zeit hatte niemand in Holt etwas von ihm gehört." (9)
Mit dieser Aussage baut Haruf sofort Spannung auf: Warum kehrt Jack zurück? Warum hat er Holt verlassen? Warum rechnet keiner mit seiner Rückkehr?

Erste Hinweise werden gestreut. Der Sheriff, von dem aufgebrachten Besitzer des Geschäfts für Herrenbekleidung informiert, warnt Jack, der in seinem roten Cadillac unbeweglich an der Straßenseite parkt. „Wir regen uns immer noch ein bisschen auf, wenn jemand uns unrecht tut. Und sich anschließend einfach aus dem Staub macht.“ (22)

Was hat dieser Jack angestellt? Die Frage drängt sich umso mehr auf, als der Sheriff ihm "den Lauf (seiner Pistole) unvermittelt gegen das Ohr (schlägt)" (23)
Er lässt ihn aussteigen, liest ihm nicht einmal seine Rechte vor, und schlägt ihm in der Stille des Novemberabends, "es war immer noch diese ruhige Stunde in der Main Street, dieser kurze friedliche Augenblick, nichts bewegte sich, weit und breit war keine Menschenseele unterwegs“ (25), erneut mit der Pistole auf den Hinterkopf.
Dieser Kontrast zwischen Stille, Frieden und der plötzlichen Brutalität verdeutlicht, dass Jack etwas Unverzeihliches getan haben muss und dass die Ruhe Holts empfindlich gestört wurde und jetzt erneut empfindlich gestört wird. Ein unglaublich starker Einstieg, der zeigt, dass die Heimkehr des verlorenen Sohnes nicht freudig aufgenommen wird - anders als im Gleichnis.

Im Rückblick erfährt man, dass  Jack die erste Klasse wiederholen muss, allerdings wird er danach einfach jedes Jahr versetzt, weil kein Lehrer bzw. keine Lehrerin ihn länger als ein Jahr unterrichten möchte.
Auch seine familiäre Situation ist schwierig. "Es gab reichlich Spannungen in der Familie" (28), der Vater dominant, die Mutter verhärmt. Nach dem tragischen Tod des Vaters verlässt Jack seine Mutter und "quartierte sich im Hotel Letitia ein." (51)
Auf der High School retten ihn sein Footballtalent oder vielmehr seine Größe und Stärke, und vor allem Wanda Jo Evans, seine glühendste Verehrerin, die all seine Hausaufgaben und Schularbeiten für ihn erledigt. Jack schlägt aller Warnungen in den Wind und Pat glaubt, in Jacks Handeln ein Muster erkannt zu haben: "ein Muster, das eine plötzliche Entscheidung und eine überstürzt damit einhergehende Handlung mit sich brachte."(51)
Während er in der Highschool noch ein Footballstar gewesen ist,"ein lokales Phänomen" (53), ist er am College Boulder, das auch Pat besucht, nur einer von vielen.
Während Pat sich auf dem College wohlfühlen, gilt das nicht für Jack, denn er "hätte es nicht zugelassen, dass sich sein Horizont nennenswert erweiterte." (73) Ohne an dieser Stelle mehr zu verraten, scheitert Jack und kehrt zunächst nach Holt zurück, bevor er dann verschwindet, während Pat in Holt bleibt und  beteuert, dass er "diese Geschichte so wahrheitsgetreu wie nur möglich zu erzählen. Aus meinen eigenen Gründen." (86) Also ist er irgendwie darin verwickelt. 

Haruf gelingt es meisterhaft, eine Stimmung in wenigen Sätzen und Beschreibungen heraufzubeschwören.  Sofort ist man als Leser*in Teil der Situation, die er in unserem Kopf mit Worten entstehen lässt. Mit feiner Ironie nimmt er das Verhalten der Holtener aufs Korn, ohne sie zu verurteilen oder bloßzustellen, und bewirkt so, dass man eigenes Verhalten hinterfragt. Ein Roman, der zum Diskutieren und Nachdenken einlädt.

Interessanterweise bezeichnet der Verlag den Roman, als solchen habe ich ihn gelesen, als Parabel.
Parabeln haben neben der Bildebene, also das, was wir lesen (die Geschichte Jack Burdettes), immer auch eine Gedankenebene oder Sachebene, also eine Lehre, die wir auf unser eigenes Leben beziehen sollen.
Die Frage, die sich mir gestellt hat: Welche Lehre will uns Haruf vermitteln? Dass wir gegen narzisstische, brutale Menschen letztlich verlieren müssen? Dass jemand, der seinen Willen unbedingt durchsetzen will und vor keinem Mittel zurückschreckt, den Sieg davonträgt? Das ist wenig aufbauend, auch wenn es allzu oft der Wahrheit entspricht. Vielleicht Parabel insofern, dass das Verhalten der Holtener ein Spiegel für eigenes Verhalten sein kann. Die Bezeichnung "Novelle" finde ich jedoch zutreffender - es wird ein außerordentliches Ereignis erzählt, das spannend, fast wie ein klassisches Drama aufgebaut ist.
Aber letztlich ist es für den Lesegenuss und wahrscheinlich auch für den 2014 verstorbenen Autor unerheblich, wie wir den Text bezeichnen ;)

Klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Leseexemplar und ich hoffe inständig, dass auch der 1.Roman Harufs noch übersetzt wird.

Samstag, 13. November 2021

Marco Balzano: Wenn ich wiederkomme

"Manchmal geht es nicht anders" (80) 

Leserunde auf whatchaReadin

Im letzten Jahr habe ich Marco Balzanos Roman "Ich bleibe hier" gelesen, der mir sehr gut gefallen hat.

Umso höher die Erwartungen an den neuen Roman, der von der Rumänin Daniela Matei erzählt, die in ihrer ausweglosen Situation beschließt, ihre Familie zu verlassen, um in Italien als Pflegerin zu arbeiten. Zunächst ein befremdlicher Gedanke, Kinder und Ehemann im Stich zu lassen, doch Daniela hat sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht.

Im ersten Teil des Romans "Wo bist du" erzählt der inzwischen 16-jährige Sohn Danielas Manuel aus der Ich-Perspektive.

"Du hättest eigentlich gar nicht geboren werden dürfen" (13), sagt seine Mutter zu ihm, denn Daniela hätte nach der Geburt ihrer ersten Tochter Angelica eigentlich keine Kinder mehr bekommen können. Umso mehr wird Manuel, der acht Jahre nach seiner Schwester auf die Welt kommt, zu ihrem Liebling.

"Angelica ist gut organisiert und alles andere als kleinlich. Sie drückt sich nie vor der Arbeit, im Gegenteil. Sie ist eine, die sich aufopfert. (...) sie zieht den Karren, bis sie zusammenbricht." (13f.)

Folglich ist es Angelica, die sich um Manuel kümmert, als Daniela ihre Familie ohne Abschied verlässt. Der Vater Filip Matei ist Arbeiter in einer Fabrik gewesen, die schon lange geschlossen ist. Auch Daniela hat ihre Arbeit verloren. "Seit einem Jahr schlugen wir uns mit den Schecks der Arbeitslosenversicherung durch." (18)

In einem Brief, den Daniela hinterlässt, erklärt sie ihren Kindern: "Ich muss fort, damit ihr studieren könnt und anständig zu essen bekommt. Denn ich möchte, dass ihr die gleichen Chancen habt wie die andern." (19)

Sie verspricht Geld zu schicken, was sie auch tut, und bittet Angelica, sich um ihren Vater und Bruder zu kümmern. Daniela glaubt nicht, dass Filip sich aus seiner Lethargie wird lösen können, um der Familie zu helfen. Obwohl Danielas Arbeit die finanzielle Situation der Familie verbessert, Angelica studieren und Manuel auf ein Privatgymnasium gehen kann, wäre es Manuel lieber, seine Mutter wäre bei ihm. Er ist wütend auf sie, weil sie aus der Ferne keinen echten Anteil an seinem Leben nehmen kann. Auch Filip verlässt die beiden Kinder, da er eine Anstellung als Lastwagenfahrer gefunden hat: "Minus zwei" (36), ist Manuels Kommentar. Einzig zu seinem Opa Mihai hat er ein inniges Verhältnis und liebt es, mit ihm im Garten zu arbeiten.

Im 2.Teil des Romans "Weit weg" kommt Daniela zu Wort und erzählt von ihren verschiedenen Arbeitsstellen in Italien, als Pflegerin und Kindermädchen, und davon, warum sie ihre Familie zurückgelassen hat.

Zu Filip sagt sie am Telefon: "Ich hab deine leeren Versprechungen satt, deine beschissenen Schwüre: Ich such mir eine Arbeit, ich streng mich an, ich hör auf zu trinken." (78)

"Manchmal geht es nicht anders", hatte sie im Bus gesagt. Dieser Satz nahm mir die Schuld." (80)

Das, was sie in Italien erwartet, ist harte Arbeit, eine Arbeit, für die sie eigentlich nicht ausgebildet ist. Sie muss bei den alten Menschen, die sie pflegt, wohnen, hat kaum Zeit für sich selbst. Oftmals ist sie am Rande ihrer Kräfte. Als sie nach Rumänien zurückkehrt, attestiert ihr ein Arzt die "Italienkrankheit".

"Damit bezeichnen Psychiater eine spezielle Form von Depression, die jene befällt, die jahrelang fern von zu Hause und den Kindern leben, um anderswo Alte, Bedürftige und Kranke zu versorgen." (155)

In diesem Teil wird deutlich, dass sich Balzano intensiv mit der Thematik befasst hat - er war auch in Rumänien, um sich selbst ein Bild von der Situation der Eurowaisen vor Ort zu machen. Seine Intention ist es, den rumänischen Pflegekräften und ihren Kindern eine Stimme zu geben, wie er im Nachwort betont. Es ist ihm wichtig alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, so dass folgerichtig im letzten Teil des Romans Angelica ihre Sicht der Ereignisse dargelegt.

Das Konzept, die Ereignisse aus drei Perspektiven zu erzählen, geht auf, denn
"Außerdem gibt es keine gemeinsamen Erinnerungen, jeder hat seine eigene und macht aus ihr, was er will." (230)
Bolzano hat für den Roman mit zahlreichen Frauen und ihren Kindern gesprochen, dadurch wirken die drei Figuren in sich stimmig und authentisch. Abgesehen von den Kindern, die Daniela in Italien betreut, vermeidet er Klischees und zeichnet ein differenziertes Bild der handelnden Personen.
Ein Roman, der mich nachdenklich gemacht hat und der dazu führt, dass ich die Frauen, die auch bei uns als Pflegerinnen eingesetzt werden, mit anderen Augen sehe. Klare Leseempfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar!

Donnerstag, 4. November 2021

Colm Toíbín: Der Zauberer

 - ein Roman über das Leben Thomas Manns.

Leserunde auf whatchaReadin

"Am nächsten Morgen erzählte Klaus seiner Mutter beim Frühstück, sein Vater habe magische Kräfte und kenne die richtigen Worte, um ein Gespenst zu bannen.
"Papa ist ein Zauberer", sagte er.
"Er ist der Zauberer!", wiederholte Erika.
Anfangs nur ein Witz, oder ein Mittel, die Tischrunde aufzuheitern, blieb der neue Spitzname für ihren Vater haften. Erika forderte jeden Besuchen auf, ihren Vater, wie sie, mit diesem neuen Namen anzureden." (169)

Der Zauberer - Thomas Mann - ist eine der berühmtesten und bekanntesten deutschen Autoren, der für mich den bürgerlichen, kultivierten, distinguierten Schriftsteller wie kein anderer verkörpert. Unzählige Biographien, wissenschaftliche Arbeiten sind über Thomas Mann und sein Werk verfasst worden, und jetzt dieser Roman eines irischen Autors, der neben vielen Fakten auch Fiktion enthalten muss. Kennt man den Autoren Thomas Mann nach der Lektüre oder nur die fiktive Figur, die Toíbín erschaffen hat? Eine Problematik, die man über dem Lesen irgendwann vergisst, denn allzu flüssig und leicht liest sich die Lebensgeschichte dieses herausragenden Schriftstellers, den Toíbín einem breiten Publikum zugänglich machen will.

Die Handlung setzt im Jahr 1891 in Lübeck ein, Thomas ist 16 Jahre alt, gemeinsam wartet er mit seinem älteren Bruder Heinrich und mit den jüngeren Schwestern Lula und Carla auf die Mutter, während sein Brüderchen Viktor schläft. Im Haus des angesehenen Kaufmanns und Senator Mann findet eine Gesellschaft statt, auf der Julia Mann, aus Brasilien stammend, die Hauptfigur ist. Unwillkürlich fühlt man sich in Thomas Manns "Buddenbrooks" versetzt, der in seinem ersten Roman, für den er 1929 den Literaturnobelpreis erhalten hat, den Zerfall seiner eigenen Familie verarbeitet hat.

"Jahre später fragte sich Thomas, ob der Entschluss seines Vaters, statt der bärtigen Tochter eines der heimischen Schiffsmagnaten oder einer der alteingesessenen Kaufmanns- und Bankiersfamilien Julia da Silva-Bruns zu ehelichen, deren Mutter dem Vernehmen nach Blut südamerikanischer Indianer in ihren Adern hatte, nicht der Beginn des Verfalls der Manns gewesen war (...)" (10)

Und das ist eine der  Schwerpunkte des Romans, der immer wieder aufzeigt, dass Mann reale Ereignisse als Grundlage seiner Romane, Novellen und Erzählungen verwendet und literarisch verarbeitet hat. 

Doch zunächst erwartet der Vater, dass Thomas die Firma in nächste Jahrhundert führt, während der verträumte Heinrich früh eine Laufbahn als Dichter einschlagen will. Allerdings ist Thomas Interesse an der Firma nur geheuchelt, wie Heinrich erkennt.

"Ich habe dich während des Mittagessens dabei beobachtet, wie du den kleinen Geschäftsmann gegeben hast", sagte er zu Thomas. "Alle außer mir sind darauf hereingefallen. Wann wirst du ihnen endlich verraten, dass du nur Theater spielst?" (15)

Interessanterweise nimmt Toíbín dieses Motiv ganz am Ende wieder auf, nachdem Thomas Mann, der seinen Vater zu dessen Lebzeiten enttäuscht hat, inzwischen selbst ein bedeutender Mann ist.

"Sein eigener Vater wäre von ihm eingeschüchtert gewesen. Niemand allerdings wäre eingeschüchtert gewesen, der ihn dabei gesehen hätte, wie er allein im Waschraum der Notarkanzlei, mit seinem alternden Gesicht konfrontiert wurde. Er hätte sich vielmehr gewundert über die halb spöttischen Blicke, die er sich im Spiegel zuwarf, das flüchtige listige, wissende Grinsen, das über sein Gesicht huschte, als freute er sich diebisch darüber, dass er, wie sein Felix Krull, wieder einmal nicht "aufgeflogen" war."(544)

Das ganze Leben als Rolle in einem Schauspiel?

Damit weist Toíbín auf eine Facette der Persönlichkeit Thomas Manns hin, die dieser zeitlebens unterdrückt bzw. nicht ausgelebt hat: seine homosexuellen Neigungen, abgesehen von einigen (fiktiven?) Erfahrungen in seiner Jugend.

Sowohl sein Werk als auch seine Tagebuchaufzeichnungen, die größtenteils erhalten sind, sprechen in dieser Hinsicht eine klare Sprache. Doch er hat sich für das Leben eines bürgerlichen Familienvaters entschieden und glaubt man Toíbín und dessen Quellen, führten Katia Pringsheim und Thomas Mann eine glückliche Ehe, die von gegenseitigem Respekt bestimmt gewesen ist. Und sie scheint seine Neigungen toleriert zu haben.

"Eingeschrieben in ihre stillschweigende Übereinkunft war die Klausel, dass, so wie Thomas nichts tun würde, was ihr häusliches Glück in Gefahr bringen könnte, Katia die Natur seiner Neigungen klaglos anerkennen, die Personen, an denen sein Blicke am liebsten haften blieben, nachsichtig und gutgelaunt zur Kenntnis nehmen und, wenn angebracht, ihre Bereitschaft zum Ausdruck bringen würde, Thomas in all seinen verschiedenen Manifestationen zu würdigen und zu schätzen." (134)

Als Familienvater scheint er weniger "erfolgreich" gewesen zu sein. Einzig zu seiner Tochter Elisabeth hatte er ein inniges Verhältnis, auch diese Facette des Menschen Thomas Mann stellt Toíbín gut dar.

Neben der Lebensgeschichte Manns und der Entstehungsgeschichte seiner Werke spiegelt der Roman zwangsläufig auch die politische Geschichte Deutschlands vom Ende des Kaiserreiches bis zum Beginn des geteilten Deutschlands wider. Vor allem mit seinem Bruder Heinrich führte er immer wieder politische Debatten über das Machtstreben Kaiser Wilhelms II und er befürwortet den 1.Weltkrieg. Die Passagen des Romans, die sich mit Manns langem Schweigen zur Nazi-Herrschaft auseinander setzen, seine Rolle im Exil, seine Radioansprachen an die deutsche Nation und seine Stellung in den USA nach dem Krieg gehören meines Erachtens zu den besten Passagen des über 500 Seiten langen Romans.

Ebenso interessant sind die Stellen, in denen uns der fiktive Thomas Mann Einblick in die Entstehung seiner Werke gibt und auch in seine Arbeitsweise, die sehr diszipliniert gewesen ist. Jeden Vormittag hat er geschrieben und durfte nicht gestört werden. Die literarischen Sujets mussten zu ihm kommen, entstammten oft seinem unmittelbaren Umfeld.

"Aus der Gegenwart werde ich nicht klug. Sie ist ein einziges Durcheinander. Und über die Zukunft weiß ich nichts." (310)

Insgesamt ein Roman, der einen Einblick in das Leben dieses großartigen Schriftstellers gewährt.

Indem er aus Thomas Mann personaler Perspektive erzählt wird, haben wir als Leser*innen das Gefühl direkt in seinen Kopf blicken zu können. Dabei werden die positiven Seiten Manns ebenso herausgestellt wie auch seine Schattenseiten.

Klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank an den Hanser Verlag für dieses auch optisch sehr schöne Leseexemplar.

Donnerstag, 28. Oktober 2021

Franck Bouysse: Rauer Himmel

 - ein Roman Noir.

Leserunde auf watchaReadin

Das düstere Cover mit den zart von Schnee bedeckten Weinreben passt perfekt zur Stimmung im Roman, der in einer "gottverlassenen Ecke in den Cevennen" (7) spielt. "Einem Ort namens Les Doges, mit zwei Bauernhöfen, ein paar hundert Meter voneinander entfernt, weite Flächen mit Bergen, Wäldern und hier und da ein paar Wiesen mit einigen Monaten Schnee im Jahr und mit Felsgestein, auf dem das Ganze ruht." (7) 
Auf einem dieser Bauernhöfe wohnt der 50-jährige Einzelgänger und Außenseiter Gus, der sich nur widerwillig im Leben eingefunden hat, wie wir bzgl. seiner Geburt erfahren.
"Jedenfalls zögerten selbst die erbarmungsvollsten Seelen nicht, mit dem Finger auf diesen Fisch zu zeigen, der seit seiner Geburt gegen den Strom schwamm." (8)

Er hat es nicht leicht gehabt im Leben, von der Mutter gehasst, vom Vater verprügelt, von den anderen Kindern des Dorfes gehänselt, nur von seiner Großmutter hat er Liebe erfahren. Zuneigung empfindet er zu seinem Hund Mars und mit seinem Nachbarn Abel, der 20 Jahre älter ist, verbindet ihn eine Art Männerfreundschaft, die vor allem in gegenseitiger Hilfe auf dem Hof besteht und im gemeinsamen Trinken.
"Abel und Gus´ Vater hätten eigentlich Leidensgenossen sein können, aber sie hatten sich nie gut verstanden. Sicher wegen eines ergebenen Geheimnisses, das alle anderen vergessen hatten, das sie aber zweifellos aus Famlientreue gehegt und gepflegt hatten. Alles Sturköpfe hier!" (26)

Doch die bisherige friedliche Koexistenz der beiden Männer wird gestört:
"Bisher hatte er (Gus) seine Tage wie Perlen auf einer Halskette aufgereiht, eine sah aus wie die andere; doch an diesem Tag im Januar 2006, genauer gesagt, am zweiundzwanzigsten, schickte er sich an, eine seltsame Perle aufzureihen, eine, die wirklich nicht wie alle anderen aussah.“ (11)

Zwei Ereignisse machen diesen Tag zu etwas Besonderem. Abbé Pierre, ein wohltätiger Abt, der in der Résistance gekämpft hat - eine historische Figur - stirbt.
"Gus hätte nicht sagen können, warum ihn die Nachricht derart aufwühlte. (...) Er wusste nicht warum, aber es war dennoch so, als ob der Abbé zu seiner Familie gehörte, und die war nicht sehr groß, seine Familie. Eigentlich hatte er gar keine mehr, wenn man einmal von Abel und Mars absah. Aber wer würde denn allen Ernstes behaupten, dass ein Nachbar und ein Hund eine echte Familie darstellen können?" (14)

Der Tod des Abbé löst Erinnerungen in Gus aus und an seinen Reflexionen erkennen wir als Leser*innen, dass er zwar ein Eigenbrötler ist, aber weder dumm noch einfältig. Jemand, mit dem man mitfühlt, was auch daran liegt, dass der Roman ausschließlich aus Gus Perspektive erzählt wird.
"Gus dachte, dass es wirklich ein seltsamer Tag war, mit all diesen Erinnerungen, die wie Krähenschwärme aus dem Neben auftauchten. Erinnerungen, bei denen man nie weiß, wohin sie gehen oder ob es überhaupt gut ist, sie zu haben, die aber zurückkommen und sich ohne Vorwarnung aufdrängen." (19)

Das 2.Ereignis geschieht, während Gus Drosseln jagt, Abel jedoch die gleiche Idee hat und offensichtlich von seinem Hof aus als Erster schießt.
"Er (Gus) zielte auf einen anderen Vogel. Gerade wollte er den Abzug betätigen, hatte aber auch dieses Mal keine Zeit mehr abzudrücken. Schrille Schreie begannen die Leere zu zerreißen, Schreie, die offensichtlich von der Stelle kamen, an der die Schüsse abgegeben worden waren, und die nichts mit dem Gesang einer Drossel zu tun hatten." (22)

Als Gus auf dem Hof Abels nachsieht, entdeckt einer einen frischen Blutfleck im Schnee und flieht völlig panisch nach Hause, doch er kann das Erlebte nicht vergessen.
"Die mit den Detonationen vermischten Schreie schwollen unter seiner Schädeldecke an, wie Kolloide aus Lehm, die sich an andere Partikel klebten und eine unaufhaltsame aufquellende Paste bildeten." (24)

Sein Verdacht richtet sich auf Abel, den er am nächsten Tag aufsucht. Erst am Ende des Romans kommt die ganze Wahrheit ans Licht, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll ;).

Die zitierten Textstellen offenbaren die außergewöhnliche Sprache, die mit ihren ungewöhnlichen Metaphern eine düstere Atmosphäre schafft und immer wieder zum Verweilen einlädt. Insgesamt ein sehr spannender Roman, den ich sehr gerne gelesen habe, auch wenn es kein Krimi im üblichen Sinne ist. Gus ist weder ein Ermittler noch deckt ein anderer die "Schreie" und den Blutfleck auf. Die Auflösung des Ganzen ist mir persönlich etwas unwahrscheinlich erschienen - da laufen wirklich sehr viele Fäden zusammen, andererseits muss ich zugeben, hat der Autor vorher viele Brotkrumen gelegt, die uns als Leser*innen darauf hätten stoßen müssen. Und letztlich ist die "Auflösung" nicht so wichtig, denn die Atmosphäre und die Sprache überzeugen ebenso wie die Spannung bis zum Ende hin.
Besonders die Figur Gus, der als Kind Grausames erfahren und gesehen hat, wirkt authentisch und glaubwürdig, so dass ich eine klare Lese-Empfehlung aussprechen kann.

Vielen Dank dem Polar Verlag für das Lese-Exemplar.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Jo Lendle: Eine Art Familie

 "Drei eigenartige Menschen, von Zufällen zusammengewürfelt" (Buchrücken)

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman erzählt die Lebensgeschichte Ludwig Lendles, der im ersten Weltkrieg als Soldat gedient hat und dort seine große Liebe Gerhard kennen gelernt hat. Zeit seines Lebens ist es ihm nicht möglich seine Homosexualität offen auszuleben, statt dessen lebt er in einer Art Familie.

Seine Familie besteht aus Alma Grau, deren Vater als Gardist bei einem Attentat im Jahr 1912 ums Leben kommt. Tragischerweise stirbt auch ihre Mutter auf dem Weg zu ihrem toten Mann. Da ist Alma 11 Jahre alt und nachdem sie in einigen Pflegefamilien gelebt hat, wird sie zu ihrem Paten geschickt: Ludwig Lendle, der jedoch kaum älter als sie und auch nicht mit ihr verwandt ist. Er liebt klassische Musik und ist noch im Studium. In der Wohnung, die er vom Ehepaar Mensch gemietet hat, lebt auch die Haushälterin Fräulein Paula Gerner, gemeinsam bilden sie ein Zweckgemeinschaft, die mit wenigen Unterbrechungen, bis zum Lebensende Ludwigs bestehen bleibt.

Der Roman erzählt die verschiedenen Lebensstationen Ludwigs, der der Großonkel des Autors ist, der Ludwigs Tagebuchaufzeichnungen gefunden hat und auf deren Basis diese Biographie entstanden ist. Das Tagebuch, in dem auch Alma immer heimlich gelesen hat, scheint recht sachlich und trocken formuliert zu sein, so dass auch der Roman selbst relativ nüchtern erscheint und  nur wenig Innensicht bietet - am ehesten noch erfahren wir Almas Gedanken, die sich in ihren Paten verliebt - hoffnungslos.

Wilhelm, Ludwigs Bruder, wird überzeugter Nationalsozialist, während er selbst sich politisch neutral verhält, allerdings mit Giftgasen und ihren Gegenmitteln experimentiert. Seine Notizen bleiben auch in dieser Lebensphase nüchtern, selbst beim Anblick der jüdischen Ghettos - ein Umstand, der meines Erachtens stärker hätte problematisiert werden müssen.

Nach dem Krieg bleibt er zunächst im Osten, in Leipzig, gelangt jedoch noch lange vor dem Mauerbau in den Westen. Eine Episode, die recht interessant erzählt wird. Immer wieder rückt auch Alma in den Mittelpunkt, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und von Ludwig finanziell unterstützt wird. Am Ende des Romans steht der Vater des Autors im Fokus.

Der Roman schildert das Leben Ludwig Lendles, bietet einen Einblick in die deutsche Geschichte nach dem 1.Weltkrieg bis zum Ende der 60er Jahre, Alltagsgeschichte sozusagen. Auch Almas Entwicklung wird erzählt, obwohl ich den Eindruck habe, dass sie sich nur wenig verändert. Daneben enthält der Roman teilweise interessante Gedanken und Denkanstöße, trotzdem hat mich die Lektüre eher gelangweilt. Man springt von Lebensstation zu Lebensstation, ohne dem Menschen Ludwig Lendle wirklich nahe zu kommen. Das mag an der Außenperspektive liegen oder auch daran, dass diese Lebensgeschichte mich nicht ausreichend interessiert hat oder auch an der episodenhaften Erzählweise. Nur die Sprache hat mir gefallen.

Insgesamt kein Roman, den ich weiterempfehlen würde.