- Freundschaft im wiedervereinigten Deutschland.
Leserunde auf whatchaReadin
Thomas Piepenburg, inzwischen 50 Jahre alt, wächst in Rostock Anfang der 70er Jahre auf. Sein Vater besitzt eine Drogerie und seine "Eltern taten eigentlich so, als würde es die DDR und ihren Sozialismus gar nicht geben." (25)
In ihrer alten Stadtvilla geht es ihnen gut und der Weg des Junior scheint vorgezeichnet - irgendwann soll Thomas das Geschäft seines Vaters übernehmen.
In der Schule lernt er Daniel Rehmer kennen - der ein völlig anderes Leben führt. Mit seiner sehr jungen, alleinerziehenden Mutter Christine haust Daniel in einer herunter gekommenen Wohnung in Rostock. Während den FDJ-Veranstaltungen ist er oft krank, "seine Schlampenmutter schreibe ihm die Entschuldigungsbriefe" (27) heißt es.
Doch die beiden Jungen aus so unterschiedlichen Familien werden Freunde, Thomas ist von dem unangepassten Jungen fasziniert, auch von dessen hübscher Mutter, die Gegenstand seiner ersten sexuellen Fantasien wird. Als sie älter sind, zieht Christine mit ihnen um die Häuser, trinkt, raucht und bietet Thomas einen krassen Kontrast zum konservativen Elternhaus.
Der Roman wird aus der Ich-Perspektive Thomas erzählt, beginnend in der Gegenwart - in der heutigen Zeit, in der er gerade von seiner Frau Stephanie verlassen worden ist, die die beiden Zwillinge Nina und Miriam (13) mitgenommen hat. Er sitzt in seinem Haus in Berlin - der alten "Ostberliner Botschaft von Libyen" an der Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg und fragt sich verzweifelt, warum seine Frau weggegangen ist. Er arbeitet als Partner in einer Kanzlei - der fleißigste scheint er nicht zu sein - und soll für seine Partnerin einen ihrer Klienten übernehmen, da diese keine Zeit hat. Es geht um Iwan.
"Das ganze Programm. Körperverletzung, schwerer Raub, Drogenhandel, Nötigung, Hehlerei, Zuhälterei. Aber jetzt, so beteuert Agneszka, sei er schon seit ein paar Jahren sauber und ein erfolgreicher Geschäftsmann." (16)
Thomas trifft ihn einem Wellnesshotel und dort erwartet ihn eine Überraschung. Sein alter Freund Daniel, den er seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hat, steht plötzlich vor ihm.
Sukzessive wird zwischen Episoden aus der Vergangenheit Thomas und Daniels sowie aus der Gegenwart erzählt. Wir erfahren, wie Thomas eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann beginnt und Daniel Koch werden will, wie die beiden in Rostock gemeinsam in Daniels Wohnung ziehen, nachdem seine Mutter sich in Richtung Hamburg verabschiedet hat. Daniel und Thomas sind fast immer zusammen, dabei wird deutlich, dass Daniel der Unangepasste bleibt - seine politische Meinung kund tun und in der Wendezeit von Rechten zusammengeschlagen wird, während Thomas unbeteiligt daneben steht.
In dem Zusammenhang fand ich unsere Leserunde sehr erhellend, da einige der Mitdiskutierenden in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und uns ihre Eindrücke und Erfahrungen aus jener Zeit geschildert haben - wenn man rechtsextreme Schläger gesehen hat, hieß es laufen...
Als "Wessi" kenne ich nur das, was uns aus den Medien vermittelt wurde und was die Romane der Wendezeit erzählen. Insofern bietet der Roman Einblicke in jene Zeit und zeigt auch auf, wie viel sich verändert hat, v.a. in Berlin, in dem der größte Teil des Romans spielt.
Warum haben sich Daniel und Thomas so lange nicht gesehen, obwohl sie doch beste Freunde sind und bis zu Thomas Heirat fast immer zusammen gewohnt haben? Warum hatte Daniel Thomas Pass und musste plötzlich aus Deutschland verschwinden? Kann Thomas Daniel einfach in dem Haus Iwans unterbringen, aus dem Thomas die Mieter vertreiben soll, damit Iwan es sanieren kann, um dort Eigentumswohnungen zu bauen und zu verkaufen?
Nachdem Thomas Daniel dort eine Bleibe organisiert hat, weil er ihn nicht in sein eigenes Haus mitnehmen will - schließlich darf Daniel nicht erfahren, dass Stephanie ihn verlassen hat - sieht er beim Besuch einer Mieterin, die er "vertreiben" soll, plötzlich seine Frau in der Wohnung, in der er Daniel untergebracht hat. Was tut sie dort?
Schritt für Schritt - am Ende werden es Laufschritte ;) - erfahren wir die Hintergründe zu dem Pass, zu Daniels plötzlichen Auftauchen, zu Stephanies Verschwinden und gleichzeitig in den Rückblicken die Geschichte dieser Freundschaft zwischen einem coolen Draufgänger und einem angepassten, vorsichtigen jungen Mann, der aber auch seine anarchischen Phasen in der Umbruchzeit in Berlin erlebt hat.
Die Geschichte einer Freundschaft, die die Entwicklung zweier Jungen aus unterschiedlichen Familien nachzeichnet. Gleichzeitig ein zeitgeschichtlicher Roman, der die Jugend in der DDR, die frühen Jahre des wiedervereinten Deutschlands bis hin zur Gegenwart beleuchtet. Und in dem immer wieder auf zeitgenössische politische oder andere Ereignisse hingewiesen wird - ein Stück deutsche Alltagsgeschichte. Nebenbei liest Stephanie unglaublich viele Romane - so ist es eigentlich auch ein Buch über Bücher ;)
Erzählt wird in einem gelassenen, fast heiteren Tonfall, fast eine Art Plauderton, der dazu führt, dass man den Roman nicht mehr aus der Hand legen will.
Vielen Dank dem Penguin-Verlag für das Lese-Exemplar!
Ich möchte auf meinem Blog alle möglichen Bücher und Hörbücher vorstellen - quer durch alle Genres - ob Gegenwartsliteratur, Fantasy, Krimis, Liebesromane, historische Romane oder Romane gegen das Vergessen. Viel Spaß beim Lesen!
Sonntag, 25. August 2019
Dienstag, 6. August 2019
Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen
-
Preis der Leipziger Buchmesse (2019)

Der Roman „Schäfchen im Trockenen“ ist als Brief an die
älteste, 14-jährige Tochter der Ich-Erzählerin konzipiert:
„Hör zu, Bea, was das Wichtigste ist und das Schlimmste
(…), dass es keine Eindeutigkeit gibt. Das muss ich hier, ganz zu Anfang, schon
mal loswerden – weil ich es immer wieder vergesse. (…) weil meine Sehnsucht
nach Eindeutigkeit so groß ist und die Einsicht, dass es keine gibt, mich so
schmerzt. (5)“
Die Ich-Erzählerin Resi hat mit ihrem letzten Buch ihre
Freunde kritisiert und deren Verlogenheit aufgedeckt, alle hätten die gleichen
Chancen und tuen so, als gäbe es keine Unterschiede zwischen ihnen. Ausgangspunkt
ist der Umzug in ein gemeinsam entworfenes Haus in der Innenstadt, in das Resi
aus Kostengründen nicht miteinziehen kann – sie lehnt sowohl die
Erdgeschosswohnung als auch Geld eines ihrer Freunde ab, weil sie nicht mit
Almosen abgespeist werden will.
Resi wäscht mit ihrem Buch schmutzige Wäsche in der
Öffentlichkeit.
Ein Umstand, der dazu führt, dass die Freunde ihr die
Freundschaft gekündigt haben und, was für eine 6-köpfige Familie in Berlin
Mitte besonders drastisch ist, auch die Wohnung.
Mit „Schäfchen im Trockenen“ reagiert Resi auf die
Reaktion ihrer einstigen Schulfreund*innen und deren Partner*innen und schreibt
sich ihren Frust, ihre Entrüstung, ihre Wut von der Seele. Dabei beleuchtet sie
die zurückliegenden Ereignisse nicht chronologisch, sondern springt zwischen
Vergangenheit und Gegenwart. Sie führt fiktive Gespräche mit ihren
Freund*innen, entwirft alternative Handlungen, was beim Lesen ab und an für
Verwirrung sorgt.
Auch flicht sie Episoden aus dem Leben ihrer Mutter ein,
der sie vorwirft,
„ihre Träume von Freiheit ihren Töchtern aufgehalst zu
haben – ohne Idee davon oder Hinweis drauf, wie sie vielleicht zu verwirklichen
wären.“ (8)
Aus diesem Grund will sie ihrer Tochter Bea schonungslos
die Wahrheit schreiben, will sie „aufklären“, vorbereiten auf ein Leben, in dem
es Gerechtigkeit nicht gibt und das „Haus“, aus dem man stammt, immer noch
maßgeblich über das Leben entscheidet, das man führt.
„Bea ist jetzt vierzehn und gehört initiiert. Aufgeklärt
und eingeführt in die Welt der Küchenböden, Arbeitsteilung, Arbeitsverteilung,
Putzjobs, Lohnkosten, (…). Anders als meine Mutter werde ich nicht davon
ausgehen, dass sie mit der Zeit schon erfährt, was sie wissen muss (…)“ (12)
Sie soll die Wahrheit erfahren, dass die Freund*innen
Resis „ihre Schäfchen im Trockenen“ (15) haben, in die Fußstapfen ihrer
wohlhabenden, reichen Eltern getreten sind, während sie selbst, als Künstlerin,
die aus ärmlichen Verhältnissen stammt, mit Künstlerehemann und vier Kindern Schuld
daran hat, in einer weniger privilegierten Situation zu sein, denn Kinder
kosten bekanntlich Geld und man sollte sie nur bekommen, wenn man sie sich
leisten kann - so die Meinung ihrer
Freund*innen.
Am Beispiel eines Skiurlaubs, an dem alle damals
17-jährigen Freund*innen teilnehmen - weil es selbstverständlich bisher Teil
ihrer Familienurlaube gewesen ist – beschreibt Resi, wie ihr der Unterschied
zum ersten Mal wirklich deutlich ins Bewusstsein getreten ist. Hätte sie
einfach mitfahren sollen, sich Geld leihen, sich mehr anstrengen müssen, „weil
wir ja auch alle unseres Glückes Schmied waren.“ (69) Oder sind die
„Klassengrenzen“ oder Standesunterschiede nicht zu überwinden? Um diese Frage
dreht es sich letztlich, darin waren wir uns im Lesekreis einig.
Der Roman ist, so sagt die Ich-Erzählerin selbst, „das
Gegenteil eines gut gebauten, elegant komponierten Romans.“ (42), was natürlich
gnadenlos untertrieben ist. Er ist durch und durch komponiert, mit zahlreichen
intertextuellen Anspielungen versehen. Die Handlung führt letztlich immer
wieder in ihre Kammer – ihr eigenes, kleines, fensterloses Zimmer zurück, das
sie zur Verfügung hat – eine Anspielung auf den Essay von Virginia Woolf „A
room of one´s own“ (Schön, wenn Belesene im Lesekreis diskutieren 😉). Trotz dieser Komposition
habe ich persönlich beim Lesen aufgrund einiger Wiederholungen Längen
empfunden, die jedoch, wie meine Mitleserinnen argumentierten, die
unterschwellige Bitterkeit der Protagonistin zum Ausdruck bringen sollen.
Insgesamt, und da waren wir und einig, werden viele gut beobachtete Szenen erzählt,
in der Resi das scheinheilige Verhalten ihrer Freund*innen, die die
„unterschiedlichen Voraussetzungen (…) ignorieren“ und „mit neoliberalem
Geschwätz von Aufstiegschancen“ (220) bemänteln, messerscharf und bitterböse seziert.
Auch an Witz und Ironie sowie Selbstkritik mangelt es nicht.
Am Ende wird Resi dann ganz deutlich, sie prangert an,
dass alle Probleme zugedeckt würden - statt offen zu sagen, dass zum Beispiel
eine Familie zu sein, nicht immer schön ist. Dass Fotos gepostet werden, „um zu
blenden, anzugeben, zu behaupten“ (238). Doch wie sieht die Wahrheit dahinter
aus? Warum traut sich niemand auszusprechen, was nicht schön ist, was falsch
läuft?
Resi hat sich getraut und ist dafür von ihren
Freund*innen bestraft worden, weil man das nicht tut, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.
Etwas problematisch fanden auch wir, dass die Autorin ihr
eigenes Leben im Roman verarbeitet hat, dass hinter den Freund*innen echte Menschen
stehen, die sich in den Figuren wiedererkannt haben – was ist Fiktion, was Realität?
– oder sollte man sich diese Frage nicht stellen? Schließlich steht auf dem
Buchdeckel „Roman“ und Ich-Erzählerin ist nicht gleich Autorin…
Mich persönlich hat diese Frage beim Lesen weniger
beschäftigt, sondern mir hat die offene Auseinandersetzung mit der Art und
Weise, wie unsere Kommunikation und unser Verhalten die wahren Gefühle, Sorgen
und Ängste beschönigen, übertünchen und verdecken, gefallen. Die teilweise
drastische Sprache weniger, aber zur Wut, zum Ungeschönten gehört sie wohl dazu
– soll schocken und aufrütteln. Das gelingt 😉.
Sonntag, 21. Juli 2019
Ian McEwan: Saturday
- ein Tag im Leben des Henry Perowne
Der Roman beschreibt einen Tag (!) im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne, der nachts aufwacht und Himmel ein brennendes Flugzeug sieht. Das erinnert ihn an 9/11 - ein Ereignis, das 1 1/2 Jahre zurückliegt und von dem Perowne glaubt, es wirke sich noch 100 Jahre auf die westliche Zivilisation aus. Die Handlung spielt am 15.2.2003 in London, an dem Tag demonstrierten 700.000 Menschen gegen die Irak-Politik der USA und Großbritanniens. Auch Perowne selbst diskutiert mehrfach im Verlauf dieses Tages mit mehreren Personen über den bevorstehenden Krieg. Er selbst möchte ein Ende der Diktatur Saddams, da er einen irakischen Intellektuellen operiert hat, der im Gefängnis gewesen ist und ihm vom terroristischen Regime erzählt hat. Perownes Sohn ist eher indifferent eingestellt, er ist ein begnadeter Bluesmusiker, der sich ganz der Musik widmet.
Henrys Frau Rosalind arbeitet als Anwältin bei einer Zeitung, seine Tochter Daisy, die an diesem Tag zu Besuch kommen wird, hat gerade ihren ersten Lyrikband herausgebracht. Erwartet wird auch Rosalinds Vater - John Grammaticus, ebenfalls ein bedeutender Lyriker - und Henry besucht seine demente Mutter im Altenheim. All diese Ereignisse bieten Anlässe zu Erinnerungen und Rückblicken Henrys, aus dessen personaler Perspektive der Roman oft zeitdehnend geschildert wird.
Als er auf dem Weg zum samstäglichen Squash-Spiel mit einem befreundeten Anästhesisten ist, fährt er jemandem, der nicht mit einem Auto in der gesperrten Straße gerechnet hat, den Spiegel ab. Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung mit dem Verbrecher (?) Baxter, die weitere Auswirkungen auf Henrys Tag haben wird.
Ein meisterhafter Roman, der zeigt, wie winzige Ereignisse unser Leben entscheidend prägen können, und der die familiären Strukturen der Familie ebenso messerscharf seziert wie die politische Lage - auch medizinisch bietet der Roman tiefe Einblicke (an einigen Stellen zu detailliert ;) ) in die Arbeit des Neurochirurgen Perownes, der sich auf Hirnchirurgie spezialisiert hat.
Der Roman beschreibt einen Tag (!) im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne, der nachts aufwacht und Himmel ein brennendes Flugzeug sieht. Das erinnert ihn an 9/11 - ein Ereignis, das 1 1/2 Jahre zurückliegt und von dem Perowne glaubt, es wirke sich noch 100 Jahre auf die westliche Zivilisation aus. Die Handlung spielt am 15.2.2003 in London, an dem Tag demonstrierten 700.000 Menschen gegen die Irak-Politik der USA und Großbritanniens. Auch Perowne selbst diskutiert mehrfach im Verlauf dieses Tages mit mehreren Personen über den bevorstehenden Krieg. Er selbst möchte ein Ende der Diktatur Saddams, da er einen irakischen Intellektuellen operiert hat, der im Gefängnis gewesen ist und ihm vom terroristischen Regime erzählt hat. Perownes Sohn ist eher indifferent eingestellt, er ist ein begnadeter Bluesmusiker, der sich ganz der Musik widmet.Henrys Frau Rosalind arbeitet als Anwältin bei einer Zeitung, seine Tochter Daisy, die an diesem Tag zu Besuch kommen wird, hat gerade ihren ersten Lyrikband herausgebracht. Erwartet wird auch Rosalinds Vater - John Grammaticus, ebenfalls ein bedeutender Lyriker - und Henry besucht seine demente Mutter im Altenheim. All diese Ereignisse bieten Anlässe zu Erinnerungen und Rückblicken Henrys, aus dessen personaler Perspektive der Roman oft zeitdehnend geschildert wird.
Als er auf dem Weg zum samstäglichen Squash-Spiel mit einem befreundeten Anästhesisten ist, fährt er jemandem, der nicht mit einem Auto in der gesperrten Straße gerechnet hat, den Spiegel ab. Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung mit dem Verbrecher (?) Baxter, die weitere Auswirkungen auf Henrys Tag haben wird.
Ein meisterhafter Roman, der zeigt, wie winzige Ereignisse unser Leben entscheidend prägen können, und der die familiären Strukturen der Familie ebenso messerscharf seziert wie die politische Lage - auch medizinisch bietet der Roman tiefe Einblicke (an einigen Stellen zu detailliert ;) ) in die Arbeit des Neurochirurgen Perownes, der sich auf Hirnchirurgie spezialisiert hat.
Freitag, 21. Juni 2019
Gabriele Kunkel: Mord im Piemont
- ein kulinarischer Krimi.
Der Prolog beginnt, wie ein klassischer Krimi beginnen muss - mit einem Mord ;)
Alexey Schukow, offenkundig ein Schurke, bedroht einen anderen Mann mit der Pistole und will ihn dazu zwingen, ihm etwas zu liefern. Was das sein soll, bleibt zunächst offen. Er entscheidet sich schließlich, den Mann doch nicht zu erschießen, sondern verlässt das "alte Casa" im Wald und wird selbst zum Opfer.
In der folgenden Handlung erscheint die Protagonistin des Romans - Sina Cassotto, die als Foodscout für die
"M.F.A., ein Münchner Feinkostladen mit Slow-Food-Image" (15) arbeitet und auf dem Weg zum "Mercato Mondiale del Tartufo Bianco D´ Alba" (10), der weltweiten bekannten Trüffelmesse im Piemont ist. Sie will weißen Trüffel kaufen - "das teuerste Lebensmittel der Welt." (14)
Sinas Mutter ist Deutsche, ihr Vater Italiener, der politisch ultralinks eingestellt ist, was ihr den Namen Sinistra (=links) Brunhilde (Name der dt. Großmutter) Cassotto eingebracht hat. Ihre Eltern leben inzwischen getrennt, die Mutter in ihrer Heimat in Stallwang, Niederbayern, der Vater an der Amalfiküste - zu beiden hat sie ein gutes Verhältnis, fühlt sich trotzdem zerrissen:
"Sie gehörte nie ganz dazu. In Deutschland war sie die Italienerin. In Italien die Deutsche. Lief was falsch, war immer diese "andere" Seite verantwortlich, dann war sie die sture Deutsch oder die chaotische Italienerin." (47)
Weil in Alba alles ausgebucht ist, hat ihr ein Freund aus Deutschland - Michael Schröder - sein Ferienhaus im Wald in Mondovì überlassen. Als sie nachts mit ihrem alten roten Lancia Spider, einem Erbstück ihres italienischen Großvaters, ankommt, begegnet ihr ein "Monster", der sich im weiteren Verlauf als Trifolao (=Trüffelsucher) Tino Grillo herausstellt und Sina die begehrten weißen Trüffel verkaufen kann - und zwar eine für den trockenen Sommer große Menge.
Doch zuvor entdeckt Sina an der Stelle, an der sie das Wasserleitung für Michaels Ferienhaus öffnen will, eine Leiche und wird kurz darauf von Bruno Di Neri, einem Psychotherapeut, der ebenfalls zurückgezogen im Wald lebt, in einen alten Wohnwagen eingesperrt, weil er glaubt, sie habe etwas mit dem Mord zu tun. Später werden die beiden gute Freunde.
Bruno informiert den gut aussehenden Commissario Falcone, der Sinas Reisepass einzieht und ihr verbietet, Mondovì zu verlassen. Als auch ein zweiter Mord in Sinas Umfeld geschieht, gerät sie noch stärker unter Verdacht, der jedoch völlig unbegründet ist. Denn als Leser*innen erleben wir den rasanten Krimi aus ihrer Perspektive, lesen ihre Gedanken, die durchaus sehr amüsant sind.
Es stellt sich heraus, dass das Trüffelgeschäft nicht nur wortwörtlich ein schmutziges ist, sondern dass einige sehr gut daran verdienen und unlautere Mittel anwenden.
Ein gelungener Krimi, der neben einer einzigartigen Kulisse auch viel Informatives über die piemontesische Küche sowie rund um den Trüffel bietet. Im Anhang finden sich eine kleine Trüffelkunde sowie einige Rezepte rund um das weiße Gold. Auch die Lösung des Falls stellt die kriminalistische Seele zufrieden, so dass der Roman seinem Untertitel alle Ehre macht.
Eine unterhaltsame Urlaubslektüre, zu der ein Prosecco aus Valdobiadene oder ein Glas Dolcetto perfekt passen ;)
Vielen Dank dem Louisoder-Verlag, einer "Buchmanufaktur mit viel Leidenschaft und Liebe zum Detail" (410), für das Lese-Exemplar.
Der Prolog beginnt, wie ein klassischer Krimi beginnen muss - mit einem Mord ;)
Alexey Schukow, offenkundig ein Schurke, bedroht einen anderen Mann mit der Pistole und will ihn dazu zwingen, ihm etwas zu liefern. Was das sein soll, bleibt zunächst offen. Er entscheidet sich schließlich, den Mann doch nicht zu erschießen, sondern verlässt das "alte Casa" im Wald und wird selbst zum Opfer.
In der folgenden Handlung erscheint die Protagonistin des Romans - Sina Cassotto, die als Foodscout für die
"M.F.A., ein Münchner Feinkostladen mit Slow-Food-Image" (15) arbeitet und auf dem Weg zum "Mercato Mondiale del Tartufo Bianco D´ Alba" (10), der weltweiten bekannten Trüffelmesse im Piemont ist. Sie will weißen Trüffel kaufen - "das teuerste Lebensmittel der Welt." (14)
Sinas Mutter ist Deutsche, ihr Vater Italiener, der politisch ultralinks eingestellt ist, was ihr den Namen Sinistra (=links) Brunhilde (Name der dt. Großmutter) Cassotto eingebracht hat. Ihre Eltern leben inzwischen getrennt, die Mutter in ihrer Heimat in Stallwang, Niederbayern, der Vater an der Amalfiküste - zu beiden hat sie ein gutes Verhältnis, fühlt sich trotzdem zerrissen:
"Sie gehörte nie ganz dazu. In Deutschland war sie die Italienerin. In Italien die Deutsche. Lief was falsch, war immer diese "andere" Seite verantwortlich, dann war sie die sture Deutsch oder die chaotische Italienerin." (47)
Weil in Alba alles ausgebucht ist, hat ihr ein Freund aus Deutschland - Michael Schröder - sein Ferienhaus im Wald in Mondovì überlassen. Als sie nachts mit ihrem alten roten Lancia Spider, einem Erbstück ihres italienischen Großvaters, ankommt, begegnet ihr ein "Monster", der sich im weiteren Verlauf als Trifolao (=Trüffelsucher) Tino Grillo herausstellt und Sina die begehrten weißen Trüffel verkaufen kann - und zwar eine für den trockenen Sommer große Menge.
Doch zuvor entdeckt Sina an der Stelle, an der sie das Wasserleitung für Michaels Ferienhaus öffnen will, eine Leiche und wird kurz darauf von Bruno Di Neri, einem Psychotherapeut, der ebenfalls zurückgezogen im Wald lebt, in einen alten Wohnwagen eingesperrt, weil er glaubt, sie habe etwas mit dem Mord zu tun. Später werden die beiden gute Freunde.
Bruno informiert den gut aussehenden Commissario Falcone, der Sinas Reisepass einzieht und ihr verbietet, Mondovì zu verlassen. Als auch ein zweiter Mord in Sinas Umfeld geschieht, gerät sie noch stärker unter Verdacht, der jedoch völlig unbegründet ist. Denn als Leser*innen erleben wir den rasanten Krimi aus ihrer Perspektive, lesen ihre Gedanken, die durchaus sehr amüsant sind.
Es stellt sich heraus, dass das Trüffelgeschäft nicht nur wortwörtlich ein schmutziges ist, sondern dass einige sehr gut daran verdienen und unlautere Mittel anwenden.
Ein gelungener Krimi, der neben einer einzigartigen Kulisse auch viel Informatives über die piemontesische Küche sowie rund um den Trüffel bietet. Im Anhang finden sich eine kleine Trüffelkunde sowie einige Rezepte rund um das weiße Gold. Auch die Lösung des Falls stellt die kriminalistische Seele zufrieden, so dass der Roman seinem Untertitel alle Ehre macht.
Eine unterhaltsame Urlaubslektüre, zu der ein Prosecco aus Valdobiadene oder ein Glas Dolcetto perfekt passen ;)
Vielen Dank dem Louisoder-Verlag, einer "Buchmanufaktur mit viel Leidenschaft und Liebe zum Detail" (410), für das Lese-Exemplar.
Donnerstag, 20. Juni 2019
Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee
Mein Vater, ein Epos und ich
Leserunde auf whatchaReadin
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um erzählendes, nicht fiktionales Sachbuch, ein Genre, das ich in der Art und Weise noch nicht gelesen habe.
Der Autor verknüpft die inhaltliche Darstellung der Odyssee von Homer nebst Interpretationen und Informationen zu diesem klassischen, antiken Versepos mit seiner persönlichen Beziehung zu seinem Vater, wobei sowohl dessen Leben als auch viele Episoden aus Daniel Mendelsohns Biographie erzählt werden.
Im Mittelpunkt steht bezogen auf den Vater die Frage:
"Aber welches ist das wahre Selbst?" (19)
Mendelsohn stellt fest, "wie ich in dem Jahr lernte, in dem mein Vater an meinem Odyssee-Seminar teilnahm und wir uns auf die Spuren der Reisen ihres Helden machten, gibt es auf diese Frage sehr überraschende Antworten." (19)
Ausgangspunkt des erzählenden Sachbuches ist also ein Seminar über die Odyssee, das der Professor für Altphilologie Daniel Mendelsohn am Bard College hält. Sein Vater, Anfang 81, bedauert bis heute, dass er in High School Latein abgewählt hat, und bittet seinen Sohn am Seminar teilnehmen zu dürfen,
"ich lese die Odyssee auf meinem iPad, aber vieles verstehe ich einfach nicht. Hast du nicht gesagt, dass du im nächsten Semester ein Seminar dazu hältst?" (82)
Der Aufbau des Romans entspricht dem Aufbau der Odyssee. Am Anfang steht das Proömium, in dem Mendelsohn die "Handlung" seiner Geschichte umreißt:
Wir erfahren, dass sich sein Vater wöchentlich freitagmorgens im Frühjahrssemester 2011 an den Sitzungen zur Odyssee beteiligte, dass die beiden daraufhin eine Mittelmeer-Kreuzfahrt "Auf den Spuren der Odyssee" unternahmen und dass Jay Mendelssohn im kommenden Jahr sein Haus, in dem er seit Daniels Geburt gelebt hat, verlassen musste, ausgelöst von einem Sturz auf einem Parkplatz, und den Mendelsohn als arche kakon - "der Anfang allen Übels" - bezeichnet, weil dieser letztlich zum Tod des Vaters führt.
An dieser Stelle des Sachbuchs führt der Autor zunächst die Bedeutung des Begriffs arche kakon in aller Ausführlichkeit aus, weist darauf hin, dass kakos (schlecht) sich in Kakophonie erhalten habe. Da dachte ich, das Buch sei zu dozierend, es werde zu wenig erzählt und statt dessen eine wissenschaftliche Abhandlung der Odyssee nebst etymologischen Erklärungen geliefert.
Doch in den folgenden Kapiteln stellte sich diese Angst als unbegründet heraus. Die im Proömium vorgestellte Ringkomposition, eine Erzähltechnik, in der der Erzähler
"mit seiner Geschichte [beginnt], nur um sogleich innezuhalten und auf eine ältere Situation zurückzukommen, die einen bestimmten Aspekt der Geschichte verständlich machen soll - sagen wir, ein Ereignis aus der Geschichte des Protagonisten oder seiner Familie -, und anschließend auf eine noch ältere Situation oder ein noch älteres Ereignis, das diesen etwas jüngeren Moment erklärt, und sich anschließend wieder in die Gegenwart zurückzuschrauben, bis zu dem Moment in der Erzählung, in dem er innehielt, um all diese Hintergründe zu liefern" (44),
beherrscht Mendelsohn selbst perfekt.
Im 2.Kapitel - Telemachie (Erziehung) - erfahren wir etwas über die ersten vier Gesänge der Odyssee, in denen nicht Odysseus, sondern sein Sohn Telemachos im Mittelpunkt steht und der im Verlauf der Handlung "erzogen" wird. Gleichzeitig erzählt Mendelsohn vom Seminar, in dem diese Gesänge besprochen werden und in dem sich sein Vater rege zu Wort meldet.
Zudem beleuchtet er die Vergangenheit seines Vaters sowie seine Lebenseinstellung als "Schmerzensmann" - eine wortwörtliche Übersetzung von Odysseus.
"Wenn man sich nicht anstrengen muss, lohnt es sich nicht." (73)
Das scheint Jay Mendelsohns Lebensmotto zu sein, das ihn zu der Einstellung führt, Odysseus sei kein Held, da er immer wieder von den Göttern Hilfe erhalte und annehme.
In den weiteren Gesängen geht es um Odysseus selbst und den göttlichen Plan, wie es ihm gelingen kann, nach Hause zurückzukehren und von seiner Frau wirklich erkannt zu werden.
In diesem Teil erläutert Mendelsohn, was im griechischen Epos unter einer wahren Partnerschaft verstanden wird, "vollkommener Einklang im Denken" (158) - ein schöner Gedanke, denn so kann Penelope Odysseus seelisch erkennen, aufgrund ihrer Erinnerungen und gemeinsamen Geheimnisse, denn der Körper verändert sich.
Im 3.Kapitel - Aplogoi (Abenteuer) - erzählt Mendelsohn einerseits von den Seminarsitzungen, in denen die bekannten Abenteuer des Odysseus im Mittelpunkt stehen, und der Kreuzfahrt, die er gemeinsam mit seinem Vater im Juni unternommen hat. Auf den Spuren des Odysseus entdeckt er neue Seiten an Jay Mendelsohn. Auch als Leser*in musste ich mein Bild von diesem interessanten älteren Herren revidieren. Die Beziehung der beiden erreicht eine neue, andere Qualität, die mit dem Seminar, aber auch der gemeinsam verbrachten Zeit sowie mit neu geteilten Geheimnissen zusammenhängen.
"Wie viele Seiten mochte mein Vater haben, und welche war die >wahre< Seite?" (178)
Anagnorisis (Wiedererkennung) - Odysseus und Penelope müssen sich wiedererkennen, darin geht es in den Gesänge der Odyssee, nachdem der Held nach Ithaka zurückgekehrt ist.
In Bezug auf Jay Mendelsohn erfahren wir etwas über das Verhältnis zu seiner Frau, Daniel lässt Weggefährten zu Wort kommen, über die er mit seinen Vater nach dessen Tod spricht. Wieder zeigen sich neue Seiten an Jay und einiges, was Daniel geglaubt hat, über diesen zu wissen, muss er revidieren.
"Doch der Sohn, auch wenn er von seinem Vater ist, kann nicht alles über seinen Vater wissen, weil der Vater vor ihm da ist." (336)
Der letzte Teil - Sema (Zeichen) - erzählt vom Tod Jay Mendelsohns und dem Ende des Epos.
Der Roman bietet fundierte Einblicke in das klassische Versepos Odyssee und erzählt gleichzeitig, wie diese die Vater-Sohn-Beziehung der Mendelsohns bereichert und auch verändert hat. Daniel erlebt neue Seiten an seinem Vater, macht sich auch nach dessen Tod auf die Suche nach der "wahren", wenn es sie denn gibt - oder haben wir nicht alle viele verschiedene Seiten.
Letztlich setzt er sich dadurch auch mit dem Verhältnis zu seinem Vater auseinander und geht der Frage nach, die auch in der Odyssee gestellt wird.
"Denn nur wenige Söhne sind wahrlich gleich ihrem Vater, meistens sind sie schlechter und nur wenige besser." (109)
Insgesamt fand ich die Kombination aus Informationen und Interpretationen zu Homers Odyssee und den erzählenden Passagen zur Vater-Sohn-Beziehung sehr reizvoll. Eine gelungene Ringkomposition!
Leserunde auf whatchaReadin
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um erzählendes, nicht fiktionales Sachbuch, ein Genre, das ich in der Art und Weise noch nicht gelesen habe.
Der Autor verknüpft die inhaltliche Darstellung der Odyssee von Homer nebst Interpretationen und Informationen zu diesem klassischen, antiken Versepos mit seiner persönlichen Beziehung zu seinem Vater, wobei sowohl dessen Leben als auch viele Episoden aus Daniel Mendelsohns Biographie erzählt werden.
Im Mittelpunkt steht bezogen auf den Vater die Frage:
"Aber welches ist das wahre Selbst?" (19)
Mendelsohn stellt fest, "wie ich in dem Jahr lernte, in dem mein Vater an meinem Odyssee-Seminar teilnahm und wir uns auf die Spuren der Reisen ihres Helden machten, gibt es auf diese Frage sehr überraschende Antworten." (19)
Ausgangspunkt des erzählenden Sachbuches ist also ein Seminar über die Odyssee, das der Professor für Altphilologie Daniel Mendelsohn am Bard College hält. Sein Vater, Anfang 81, bedauert bis heute, dass er in High School Latein abgewählt hat, und bittet seinen Sohn am Seminar teilnehmen zu dürfen,
"ich lese die Odyssee auf meinem iPad, aber vieles verstehe ich einfach nicht. Hast du nicht gesagt, dass du im nächsten Semester ein Seminar dazu hältst?" (82)
Der Aufbau des Romans entspricht dem Aufbau der Odyssee. Am Anfang steht das Proömium, in dem Mendelsohn die "Handlung" seiner Geschichte umreißt:
Wir erfahren, dass sich sein Vater wöchentlich freitagmorgens im Frühjahrssemester 2011 an den Sitzungen zur Odyssee beteiligte, dass die beiden daraufhin eine Mittelmeer-Kreuzfahrt "Auf den Spuren der Odyssee" unternahmen und dass Jay Mendelssohn im kommenden Jahr sein Haus, in dem er seit Daniels Geburt gelebt hat, verlassen musste, ausgelöst von einem Sturz auf einem Parkplatz, und den Mendelsohn als arche kakon - "der Anfang allen Übels" - bezeichnet, weil dieser letztlich zum Tod des Vaters führt.
An dieser Stelle des Sachbuchs führt der Autor zunächst die Bedeutung des Begriffs arche kakon in aller Ausführlichkeit aus, weist darauf hin, dass kakos (schlecht) sich in Kakophonie erhalten habe. Da dachte ich, das Buch sei zu dozierend, es werde zu wenig erzählt und statt dessen eine wissenschaftliche Abhandlung der Odyssee nebst etymologischen Erklärungen geliefert.
Doch in den folgenden Kapiteln stellte sich diese Angst als unbegründet heraus. Die im Proömium vorgestellte Ringkomposition, eine Erzähltechnik, in der der Erzähler
"mit seiner Geschichte [beginnt], nur um sogleich innezuhalten und auf eine ältere Situation zurückzukommen, die einen bestimmten Aspekt der Geschichte verständlich machen soll - sagen wir, ein Ereignis aus der Geschichte des Protagonisten oder seiner Familie -, und anschließend auf eine noch ältere Situation oder ein noch älteres Ereignis, das diesen etwas jüngeren Moment erklärt, und sich anschließend wieder in die Gegenwart zurückzuschrauben, bis zu dem Moment in der Erzählung, in dem er innehielt, um all diese Hintergründe zu liefern" (44),
beherrscht Mendelsohn selbst perfekt.
Im 2.Kapitel - Telemachie (Erziehung) - erfahren wir etwas über die ersten vier Gesänge der Odyssee, in denen nicht Odysseus, sondern sein Sohn Telemachos im Mittelpunkt steht und der im Verlauf der Handlung "erzogen" wird. Gleichzeitig erzählt Mendelsohn vom Seminar, in dem diese Gesänge besprochen werden und in dem sich sein Vater rege zu Wort meldet.
Zudem beleuchtet er die Vergangenheit seines Vaters sowie seine Lebenseinstellung als "Schmerzensmann" - eine wortwörtliche Übersetzung von Odysseus.
"Wenn man sich nicht anstrengen muss, lohnt es sich nicht." (73)
Das scheint Jay Mendelsohns Lebensmotto zu sein, das ihn zu der Einstellung führt, Odysseus sei kein Held, da er immer wieder von den Göttern Hilfe erhalte und annehme.
In den weiteren Gesängen geht es um Odysseus selbst und den göttlichen Plan, wie es ihm gelingen kann, nach Hause zurückzukehren und von seiner Frau wirklich erkannt zu werden.
In diesem Teil erläutert Mendelsohn, was im griechischen Epos unter einer wahren Partnerschaft verstanden wird, "vollkommener Einklang im Denken" (158) - ein schöner Gedanke, denn so kann Penelope Odysseus seelisch erkennen, aufgrund ihrer Erinnerungen und gemeinsamen Geheimnisse, denn der Körper verändert sich.
Im 3.Kapitel - Aplogoi (Abenteuer) - erzählt Mendelsohn einerseits von den Seminarsitzungen, in denen die bekannten Abenteuer des Odysseus im Mittelpunkt stehen, und der Kreuzfahrt, die er gemeinsam mit seinem Vater im Juni unternommen hat. Auf den Spuren des Odysseus entdeckt er neue Seiten an Jay Mendelsohn. Auch als Leser*in musste ich mein Bild von diesem interessanten älteren Herren revidieren. Die Beziehung der beiden erreicht eine neue, andere Qualität, die mit dem Seminar, aber auch der gemeinsam verbrachten Zeit sowie mit neu geteilten Geheimnissen zusammenhängen.
"Wie viele Seiten mochte mein Vater haben, und welche war die >wahre< Seite?" (178)
Anagnorisis (Wiedererkennung) - Odysseus und Penelope müssen sich wiedererkennen, darin geht es in den Gesänge der Odyssee, nachdem der Held nach Ithaka zurückgekehrt ist.
In Bezug auf Jay Mendelsohn erfahren wir etwas über das Verhältnis zu seiner Frau, Daniel lässt Weggefährten zu Wort kommen, über die er mit seinen Vater nach dessen Tod spricht. Wieder zeigen sich neue Seiten an Jay und einiges, was Daniel geglaubt hat, über diesen zu wissen, muss er revidieren.
"Doch der Sohn, auch wenn er von seinem Vater ist, kann nicht alles über seinen Vater wissen, weil der Vater vor ihm da ist." (336)
Der letzte Teil - Sema (Zeichen) - erzählt vom Tod Jay Mendelsohns und dem Ende des Epos.
Der Roman bietet fundierte Einblicke in das klassische Versepos Odyssee und erzählt gleichzeitig, wie diese die Vater-Sohn-Beziehung der Mendelsohns bereichert und auch verändert hat. Daniel erlebt neue Seiten an seinem Vater, macht sich auch nach dessen Tod auf die Suche nach der "wahren", wenn es sie denn gibt - oder haben wir nicht alle viele verschiedene Seiten.
Letztlich setzt er sich dadurch auch mit dem Verhältnis zu seinem Vater auseinander und geht der Frage nach, die auch in der Odyssee gestellt wird.
"Denn nur wenige Söhne sind wahrlich gleich ihrem Vater, meistens sind sie schlechter und nur wenige besser." (109)
Insgesamt fand ich die Kombination aus Informationen und Interpretationen zu Homers Odyssee und den erzählenden Passagen zur Vater-Sohn-Beziehung sehr reizvoll. Eine gelungene Ringkomposition!
Donnerstag, 6. Juni 2019
Kazuo Ishiguro: Als wir Waisen waren
- eine Kriminalgeschichte?
Lesekreis Bücherhütte
Man mag dies als kindlichen Glauben abtun, doch beim Lesen entsteht nach und nach der Eindruck, das, was der Ich-Erzähler berichtet, sei nicht immer zuverlässig. Erste Diskrepanzen zwischen seiner Selbstwahrnehmung und der Realität werden deutlich. Als Osbourne sich erinnert:
Lesekreis Bücherhütte
"Als wir Waisen waren" ist der 3.Roman, den ich von Ishiguro, der 2017 den Literaturnobelpreis gewonnen hat, lese.
Seinen berühmtesten Roman "Was vom Tage übrig blieb" fand ich herausragend, auch "Alles, was wir geben mussten" gefiel mir - die Idee Menschen als Organspender zu klonen, sie wie "normale Kinder" aufwachsen zu lassen, um sie dann "auszuschlachten", macht betroffen und am liebsten würde man eine solche Möglichkeit gerne ausblenden.
Auch im Roman "Als wir Waisen waren" führt uns Ishiguro unsere eigene Ignoranz vor Augen, zeigt uns den Krieg in all seiner Grausamkeit und einen Protagonisten, der unverdrossen seine eigenen Ziele verfolgt und - so haben wir es in unserem Lesekreis interpretiert - exemplarisch für die Kolonialmacht England steht.
Worum geht es?
Zunächst glaubt man, man habe einen Kriminalroman vor sich liegen. Der Ich-Erzähler, Christopher Banks erzählt im ersten Teil (Juli, 1930, London) davon, wie er sich nach seinem Abschluss in Cambridge dank seines Freundes Osbourne in der besseren Londoner Gesellschaft etabliert und seinen Traum, ein Detektiv zu werden, verwirklicht. Zu den Fällen, die ihn berühmt machen, werden jedoch keine näheren Umstände dargelegt und es wird auch nicht erläutert, wie er diese Fälle löst - eher untypisch für einen Kriminalroman.
Es stellt sich heraus, dass sein Berufswunsch aus dem Bestreben resultiert, das Verschwinden seiner Eltern in Shanghai Anfang 1911 oder 1912 aufzuklären.
Seine Kindheit hat er dort, im International Settlement, verbracht. Während sein Vater für eine Firma arbeitete, die den Opiumhandel unterstützte, wandte sich seine Mutter mit mutigen Kampagnen gegen diese subtile Unterdrückung der chinesischen Bevölkerung - mit Hilfe eines Freundes der Familie, Onkel Philip, der im weiteren Verlauf immer wieder auftaucht.
Eines Tages verschwindet sein Vater und der junge Christopher ist davon überzeugt, dass fähige Detektive ihn wieder finden werden. Mit seinem japanischen Freund Akira spielt er unermüdlich Szenen nach, in denen sein Vater aufgespürt wird.
Auch als seine Mutter kurz darauf ebenfalls entführt wird, will er Shanghai nicht verlassen,
"die Detektive bemühen sich sehr, meine Mutter und meinen Vater zu finden. Und es sind die allerbesten Detektive von Shanghai. Ich glaube, sie werden meine Eltern bestimmt sehr bald finden." (40)
Man mag dies als kindlichen Glauben abtun, doch beim Lesen entsteht nach und nach der Eindruck, das, was der Ich-Erzähler berichtet, sei nicht immer zuverlässig. Erste Diskrepanzen zwischen seiner Selbstwahrnehmung und der Realität werden deutlich. Als Osbourne sich erinnert:
"Mein Gott, zu Schulzeiten warst du wirklich ein merkwürdiger Vogel" (12),
gibt Banks vor, darüber nicht verstimmt gewesen zu sein. Obwohl er seinen Wunsch, Detektiv werden zu wollen, geheimhält, schenken ihm seine Freunde eine Lupe. Das sind erste Hinweise darauf, dass seine Erinnerung nicht mit dem übereinstimmt, was tatsächlich geschehen ist.
"Sicherlich trägt dieselbe aufgewühlte Gemütsverfassung dazu bei, dass mir, denke ich heute an jenen Abend zurück, viele Aspekte irgendwie übertrüben oder unnatürlich erscheint. Versuche ich zum Beispiel heute, mir den Raum vorzustellen, so ist er ungewöhnlich dunkel; und dies trotz der Wandlampen, der Kerzen auf den Tischen und der Lüster über uns - nichts scheint die vorherrschende Dunkelheit beeindrucken zu können." (22)
Verwirrung herrscht auch bei den Leser*innen, was teilweise mit der assoziativen Erzählweise zusammenhängt. Ankerpunkte sind die 7 Teile, die jeweils datiert sind. Der Ich-Erzähler berichtet, was jeweils bis zu diesem Zeitpunkt geschehen ist. Während er seine Erlebnisse wiedergibt, deutet er voraus, blickt zurück, relativiert seine Erinnerungen - da fällt es manchmal schwer den Überblick zu wahren.
Die ersten beiden Teile spielen im Jahr 1930 und 1931, im Mittelpunkt stehen Kindheitserinnerungen und seine Bekanntschaft mit Sarah Hemmings, eine Dame der Gesellschaft, die auf der Suche nach einem Mann ist, "der wirklich seinen Beitrag leistet. Ich meine für die Menschheit, für eine bessere Welt." (69)
Bezeichnenderweise nutzt sie Banks aus, um auf einem gesellschaftlich hochrangigen Empfang eingelassen zu werden. Eine sehr komische Szene...
Im 3.Teil, der 1937 spielt, taucht plötzlich eine Jennifer auf, die bisher keine Rolle gespielt hat - das ist so ein Moment, in dem man zurückblättert und denkt: "Habe ich etwas verpasst?" - Nein, die Verwirrung ist gewollt und führt uns auf die Spur, das wir diesem Erzähler nicht trauen dürfen.
Die Teile 4-6 (1937) führen Banks nach langer Ermittlungsarbeit von London aus zurück nach Shanghai, wo er endlich seine Eltern zu finden gedenkt - wie kann er sich sicher sein, dass sie nach all der Zeit noch leben? - und wieder auf Sarah Hemmings trifft, die in einer unglücklichen Ehe gefangen scheint. Ein Umstand, den unser Protagonist ebenfalls verkennt, genau wie die politische Situation. Es herrscht Krieg zwischen Japanern und Chinesen, während die alte Kolonialmacht ignorant an den bestehenden Verhältnissen festzuhalten scheint und sich für unverletzbar hält.
Und unser Protagonist? Er gerät zwischen die Fronten, ohne sich davon beeindrucken zu lassen.
Die kafkaesk anmutenden Szenen - ein Häuserkampf in einem chinesischen Ghetto - haben zu kontroversen Diskussionen in unserem Lesekreis geführt. Können wir dem Protagonisten glauben? Ist das alles eine Wahnvorstellung? Fantasie? Warum konfrontiert uns der Ich-Erzähler mit diesem unglaublichen Leid, das detailliert geschildert wird? Und was hat Banks diesem Leid entgegenzusetzen, außer seinem kindlichen Glauben, wenn er seine Eltern fände, würde sich alles zum Guten wenden? Ishiguro konfrontiert uns mit unserer eigenen Ignoranz, das, was wir nicht sehen wollen, mit dem Elend, das der Krieg verursacht - kein Zufall, das Banks sich die Verletzungen einer Frau mit der Lupe ansieht...
Man ahnt, dass Banks diesen Fall nicht alleine wird lösen können und an seiner zerstörten Kindheit scheitert.
Ishiguro hat nach seinen Romanfiguren befragt - folgende Antwort gegeben:
"Viele von uns sind
gezwungen, ihr Leben auf etwas zu gründen, was in seinem Wesen brüchig oder
schon zerstört ist, etwas, das eigentlich repariert werden müßte, aber dazu ist
es bereits zu spät. Und in gewissem Sinn ist alles, was man dann in seinem Leben
auch tut, nur der Versuch, sich über diese Zerstörung irgendwie
hinwegzutrösten.“
Ein Roman, der zu vielfältigen Interpretationen und Diskussionen einlädt, und - da waren wir geteilter Meinung - mit einer wunderbaren Sprache aus verschachtelten Sätzen -garniert mit Gedankenstrichen - , die ineinander fließen und uns umgarnen.
Donnerstag, 30. Mai 2019
Ian McEwan: Maschinen wie ich
Kann Bewusstsein aus dem Wesen der Materie entspringen?
Leserunde auf WhatchaReadin
McEwan beschäftigt sich in seinem neuen Roman mit der Künstlichen Intelligenz und entwirft ein Szenario, in dem Roboter - Androiden - käuflich zu erwerben sind. Charlie, ein Lebenskünstler und Anfang 30, entscheidet sich das Geld, das er von seiner Mutter geerbt hat, in solch einen "Adam" zu investieren - die Eves waren schon ausverkauft ;)
Die Geschichte spielt im Jahr 1982, allerdings in einer Welt, die sich anders entwickelt hat, als wir sie aus der Vergangenheit kennen.
"Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein." (92)
Mit dieser Idee "spielt" McEwan, indem er den genialen Mathematiker und Vorreiter der modernen Informationstechnologie Alan Turing weiterleben lässt. Dank dessen bahnbrechenden Erfindungen gibt es im Jahr 1982 schon soziale Medien, selbstfahrende Autos und auch Androiden.
"Praktischer gedacht wollten wir eine verbesserte, modernere Version unserer selbst schaffen und die Freuden des Erfindens genießen, das Hochgefühl wahrer Meisterschaft." (9)
Nebenbei haben sich die Beatles wiedergefunden und Großbritannien hat den Falkland-Krieg verloren, was zu innenpolitischer Destabilisierung führt.
Im Vordergrund stehen jedoch die Beziehungen zwischen Charlie, aus dessen Ich-Perspektive erzählt wird, Adam und Miranda, Charlies Nachbarin, in die er sich verliebt und die seine Lebenspartnerin wird.
Nachdem Charlie Adam abgeholt hat, muss er zunächst aufgeladen und konfiguriert werden, d.h. Charlie muss "[s]einen Gefährten selbst formen." (17) Er bezieht Miranda mit ein und stellt sich vor, Adam sei ihr gemeinsames Projekt.
"Ich würde ihn mit Miranda teilen - wie ich ein Haus mit ihr hätte teilen können. Er würde uns beide in sich enthalten." (38)
Das Experiment misslingt insofern, da Charlie der Erste ist, "der von einem Androiden gehörnt wurde." (118) Miranda "betrügt" ihn mit einer Maschine, die sich anschließend in sie verliebt.
Ist Adam überhaupt noch eine Maschine? In der Diskussion zwischen Miranda und Charlie - Adam haben beide vorsorglich abgeschaltet - gibt er zu Bedenken:
"wenn er aussieht, sich anhört und benimmt wie ein Mensch, dann ist er für mich auch einer." (132)
Die Grenzen verschwimmen auch für die Leser*innen, da Adam behauptet, er habe sich in Miranda verliebt und spätestens, wenn er beginnt für sie Haikus zu schreiben, drängt sich die Frage auf, ob Adam ein Selbst, ein Bewusstsein hat und ob es möglich ist, dass maschinelles Lernen Androiden dazu befähigt, wie ein Mensch zu fühlen.
Doch der Roman beschränkt sich nicht auf philosophische und moralische Fragen zur Künstlichen Intelligenz, sondern erzählt auch eine Geschichte. Da Adam unbegrenzt (!) Zugang zu Informationen hat, erfährt Charlie, dass Miranda in ein Gerichtsverfahren verwickelt gewesen ist, Adam will ihm jedoch nichts Näheres verraten.
Eine weitere Figur, die im Roman eine Rolle spielt, ist der kleine Mark. Ein vierjähriger Junge aus einer sozial schwachen Familie, den Charlie auf dem Spielplatz vor den Schlägen seiner Mutter beschützt und dessen Vater Charlie auffordert, Mark einfach mitzunehmen. Eines Tages steht der Kleine tatsächlich vor der Tür. Was soll Charlie nun tun?
Die verschiedenen Handlungsfäden weben sich zu einem Ganzen zusammen, so dass ich die Kritik, das Literarische komme zu kurz, nicht nachvollziehen kann. Die Geschichte trägt und aufgrund der vielen existentiellen, moralischen und philosophischen Fragen hallt dieser Roman noch lange nach.
Einige davon schwirren immer noch in meinem Kopf herum:
"Wenn wir unser eigenes Innerstes nicht begreifen, wie sollten wir da ihres gestalten und erwaten, das sie mit uns glücklich werden?" (395)
"Liebe war ohne ein Selbst nicht möglich, genausowenig Denken. (...) Was Adam und seinesgleichen ans subjektivem Leben besaßen, konnte unsereins nicht verifizieren." (223)
Für mich bisher der beste Roman in diesem Jahr!
Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Leseexemplar.
Leserunde auf WhatchaReadin
McEwan beschäftigt sich in seinem neuen Roman mit der Künstlichen Intelligenz und entwirft ein Szenario, in dem Roboter - Androiden - käuflich zu erwerben sind. Charlie, ein Lebenskünstler und Anfang 30, entscheidet sich das Geld, das er von seiner Mutter geerbt hat, in solch einen "Adam" zu investieren - die Eves waren schon ausverkauft ;)
Die Geschichte spielt im Jahr 1982, allerdings in einer Welt, die sich anders entwickelt hat, als wir sie aus der Vergangenheit kennen.
"Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein." (92)
Mit dieser Idee "spielt" McEwan, indem er den genialen Mathematiker und Vorreiter der modernen Informationstechnologie Alan Turing weiterleben lässt. Dank dessen bahnbrechenden Erfindungen gibt es im Jahr 1982 schon soziale Medien, selbstfahrende Autos und auch Androiden.
"Praktischer gedacht wollten wir eine verbesserte, modernere Version unserer selbst schaffen und die Freuden des Erfindens genießen, das Hochgefühl wahrer Meisterschaft." (9)
Nebenbei haben sich die Beatles wiedergefunden und Großbritannien hat den Falkland-Krieg verloren, was zu innenpolitischer Destabilisierung führt.
Im Vordergrund stehen jedoch die Beziehungen zwischen Charlie, aus dessen Ich-Perspektive erzählt wird, Adam und Miranda, Charlies Nachbarin, in die er sich verliebt und die seine Lebenspartnerin wird.
Nachdem Charlie Adam abgeholt hat, muss er zunächst aufgeladen und konfiguriert werden, d.h. Charlie muss "[s]einen Gefährten selbst formen." (17) Er bezieht Miranda mit ein und stellt sich vor, Adam sei ihr gemeinsames Projekt.
"Ich würde ihn mit Miranda teilen - wie ich ein Haus mit ihr hätte teilen können. Er würde uns beide in sich enthalten." (38)
Das Experiment misslingt insofern, da Charlie der Erste ist, "der von einem Androiden gehörnt wurde." (118) Miranda "betrügt" ihn mit einer Maschine, die sich anschließend in sie verliebt.
Ist Adam überhaupt noch eine Maschine? In der Diskussion zwischen Miranda und Charlie - Adam haben beide vorsorglich abgeschaltet - gibt er zu Bedenken:
"wenn er aussieht, sich anhört und benimmt wie ein Mensch, dann ist er für mich auch einer." (132)
Die Grenzen verschwimmen auch für die Leser*innen, da Adam behauptet, er habe sich in Miranda verliebt und spätestens, wenn er beginnt für sie Haikus zu schreiben, drängt sich die Frage auf, ob Adam ein Selbst, ein Bewusstsein hat und ob es möglich ist, dass maschinelles Lernen Androiden dazu befähigt, wie ein Mensch zu fühlen.
Doch der Roman beschränkt sich nicht auf philosophische und moralische Fragen zur Künstlichen Intelligenz, sondern erzählt auch eine Geschichte. Da Adam unbegrenzt (!) Zugang zu Informationen hat, erfährt Charlie, dass Miranda in ein Gerichtsverfahren verwickelt gewesen ist, Adam will ihm jedoch nichts Näheres verraten.
Eine weitere Figur, die im Roman eine Rolle spielt, ist der kleine Mark. Ein vierjähriger Junge aus einer sozial schwachen Familie, den Charlie auf dem Spielplatz vor den Schlägen seiner Mutter beschützt und dessen Vater Charlie auffordert, Mark einfach mitzunehmen. Eines Tages steht der Kleine tatsächlich vor der Tür. Was soll Charlie nun tun?
Die verschiedenen Handlungsfäden weben sich zu einem Ganzen zusammen, so dass ich die Kritik, das Literarische komme zu kurz, nicht nachvollziehen kann. Die Geschichte trägt und aufgrund der vielen existentiellen, moralischen und philosophischen Fragen hallt dieser Roman noch lange nach.
Einige davon schwirren immer noch in meinem Kopf herum:
- Die Androiden basieren auf einer Software, die "das Beste in uns heraufbeschwor" (122), aus dem Durchspielen moralischer Dilemmeta lernen sie und verhalten sich gut - moralisch besser als wir Menschen. Damit sind sie für das Leben unter Menschen schlecht gerüstet.
"Wenn wir unser eigenes Innerstes nicht begreifen, wie sollten wir da ihres gestalten und erwaten, das sie mit uns glücklich werden?" (395)
- Darf Charlie Adam wie einen Sklaven behandeln, weil er ihn gekauft hat? Wenn er so etwas wie ein Selbst entwickelt, ist er dann noch eine Maschine?
"Liebe war ohne ein Selbst nicht möglich, genausowenig Denken. (...) Was Adam und seinesgleichen ans subjektivem Leben besaßen, konnte unsereins nicht verifizieren." (223)
- Im offenen System leben agieren die Androiden nicht mehr nach der Trial-and-Error-Methode, sondern sie können Probleme im Vorhinein lösen (ehrlich gesagt, habe ich das mit dem P - NP-Problems nicht verstanden ;) ), ähneln in ihrer Intelligenz uns Menschen, sind aber dem kindlichen Spiel unterlegen, da Kinder intuitiv und kreativ die Welt erkunden. Könnte man einen Computer so programmieren, dass er die Welt wie ein Kind erfasst?
- Während wir Menschen uns an Leid gewöhnt haben - trotz drohender Klimakatastrophe, Armut, Hunger und Krieg sind wir in der Lage persönliches Glück zu empfinden - können sich die Androiden, die darauf programmiert sind, sich moralisch richtig und gut zu verhalten, nicht damit abfinden. "Aber in all ihren tollen Programmcodes gibt es nichts, was Adam und Eve auf Auschwitz vorbereiten könnte." (243) Sind die Androiden die bessern Menschen und lösen uns irgendwann ab? Adams Meinung wird eindeutig in seinem selbst verfassten Haiku deutlich:
"Die Blätter fallen
Nächsten Mai sprießen wir neu
Doch du fielest schon." (370)
Für mich bisher der beste Roman in diesem Jahr!
Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Leseexemplar.
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