Sonntag, 10. Februar 2019

Robert Seethaler: Das Feld

- ein Kaleidoskop aus Geschichten.

Jüdischer Friedhof in Laufersweiler
In Seethalers Roman "geht es um das, was sich nicht fassen lässt. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem Bild menschlicher Koexistenz." (Über das Buch)

Die Frage, die sich mir beim Lesen gestellt hat, ist, ob die einzelnen Geschichten sich tatsächlich wie ein Puzzle zusammensetzen, so dass am Ende ein großes Ganzes entsteht.

Im ersten Kapitel schildert ein alter Mann, wie er jeden Tag den Friedhof besucht.

"Es war der älteste Teil des Paulstädter Friedhofes, der von vielen nur das Feld genannt wurde. (...) Kaum jemand kam noch hierher."

Der Mann denkt über die Toten nach, die meisten hat er persönlich gekannt, viele zumindest vom Sehen. Einfache Paulstädter Bürger.

"Er versuchte, sich ihre Gesichter zu vergegenwärtigen, und setzte seine Erinnerungen zu Bildern zusammen. Er wusste, dass diese Bilder nicht der Wirklichkeit entsprachen, dass sie vielleicht gar keine Ähnlichkeit mit den Menschen hatten, die sie zu Lebzeiten gewesen waren."

Während er auf seiner alten Bank sitzt, glaubt er die Stimmen der Toten zu hören, einzelne Sätze, Fragmente eines Lebens und "er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte."

Andererseits glaubt er, sie würden ihre Erinnerungen verklären, von Belanglosigkeiten erzählen, so wie sie es auch zu Lebzeiten getan haben.

Und genau das tun die Toten auf dem Feld in den folgenden Geschichten: von ihrem Leben erzählen. Einige fassen ihre Lebensgeschichte zusammen, andere nur Ausschnitte oder die kurze Zeit unmittelbar vor ihrem Tod. Erinnerungen, Fragmente eines Lebens, Rechtfertigungen, Wahrheiten, die man im Leben nicht äußern wollte.

Manche Geschichten hängen unmittelbar zusammen, wenn zum Beispiel Paare direkt hintereinander zu Wort kommen, und wir als Leser*innen können die Wahrheit in den konträren Erzählungen suchen.
Manche sind nur lose verknüpft, immer wieder tauchen bestimmte Figuren auf, wie der Pfarrer oder der Bürgermeister und der Stadtgärtner. Man müsste im Prinzip alle Namen notieren, um ein vollständiges Beziehungsgeflecht herstellen zu können.

Am Ende hören wir die Stimme des alten Mannes, der nun selbst einer der Toten ist - eine Rahmenhandlung. Ich habe nach dem letzten Kapitel, dann wieder das erste gelesen und so hat sich für mich zumindest die Idee des Romans, dass jeder noch einmal eine Stimme erhält und erzählen darf und sich dadurch die Vielfalt des Paulstädter Lebens - exemplarisch für eine Kleinstadt - ergibt.

Wer jedoch das große Ganze sucht, der wird enttäuscht. Die Geschichten bieten ein Kaleidoskop der Paulstädter Bürger*innen, Ausschnitte aus verschiedenen Lebensläufen, die sich berührt oder verknüpft haben oder auch auseinander gerissen sind.

Überzeugt hat mich - wie in "Der Trafikant" oder "Ein ganzes Leben" - die Sprache Seethalers, die sich den jeweiligen Figuren anpasst und die den Roman zusammenhält ;)

Lesenswert!

Dienstag, 5. Februar 2019

Robert Seethaler: Der Trafikant

- politische Bildung und sexuelle Erlösung

Lesekreis

"An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte." (7)

Mit dieser  Feststellung beginnt "Der Trafikant": Der 17-jährige Franz muss aus finanziellen Gründen vom beschaulichen Attersee im Salzkammergut in die Hauptstadt Wien ziehen. Ein Freund der alleinerziehenden Mutter Franz - Otto Trsnjek - ist ihr noch einen Gefallen schuldig, so dass Franz in seiner Trafik, ein Geschäft, in dem Zeitungen, Zeitschriften und Zigaretten verkauft werden, als Lehrling anfangen kann.


Die Ankunft in der Großstadt ist überwältigend für den Bub vom Land:
"Die Stadt brodelte wie der Gemüsetopf auf Mutters Herd. Alles war in ununterbrochener Bewegung, selbst die Mauern und die Straßen schienen zu leben, atmeten, wölbten sich. Es war, als könnte man das Ächzen der Pflastersteine und das Knirschen der Ziegel hören. (...) Dazu das Licht. Überall ein Flimmern, Glänzen, Blitzen und Leuchten..." (20)

Seethaler beschreibt das Gewimmel auf den Straßen sprachlich so detailliert, dass man glaubt, den Lärm und die Stimmen zu hören, das Licht und die vielen Menschen zu sehen.

Als Trafikant, so lernt Franz, kommt es nur auf eines an:

"Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein." (25)

Otto Trsnjek sorgt für Franz politische Bildung, wobei er dem erstarkenden Nationalsozialismus deutlich entgegentritt. Als Kriegsinvalide hat er diese Trafik zugesprochen bekommen und sich in seinem Wiener Bezirk etabliert. Bei ihm kaufen alle ein, Kommerzialräte, Doktorenwitwen, Rentner, Hausfrauen, Arbeiter und Professor Sigmund Freud, dessen Ruf

"mittlerweile nicht nur an die entlegensten Flecken der Erde, sondern sogar bis ins Salzkammergut gelangt [war] und dort die meist eher dumpfen Fantasien der Einheimischen angeregt [hatte]" (38).

Als dieser seinen Hut in der Trafik vergisst, sprintet Franz ihm hinterher und fragt ihn unbekümmert  aus. Freud rät ihm, seine Zeit nicht mit dem Lesen seiner Bücher zu verbringen, sondern sich ein Mädchen zu suchen und fordert ihn auf, das zu tun, was Franz schon lange will: seine sexuellen Triebe auszuleben.

Politische Entwicklung durch den Mentor Trsnjek und das Entdecken der Sexualität verändern Franz. Er wird erwachsen in einer Zeit, in der in Österreich ein politischer Umbruch stattfindet.

"Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass es diesen Buben nicht mehr gab. Weg war der. Abgetrudelt und untergegangen, irgendwo im Strom der Zeit. Wobei das alles ja schon recht schnell gegangen war, dachte er, vielleicht sogar insgesamt ein bisschen zu schnell." (236)

Die schnelle Entwicklung Franz - die erzählte Zeit umfasst knapp ein Jahr (Spätsommer 1937- Sommer 1938), mit einem Zeitsprung ins Jahr 1945 - war einer der Diskussionspunkte im Lesekreis. Kann man so schnell erwachsen werden? Die Diskrepanz zwischen der Äußerung von Lebensweisheiten, wenn er beispielsweise Freuds Couchmethode "analysiert" und den naiven Betrachtungen des 17-Jährigen lassen vermuten, dass Seethaler das ein oder andere Mal durch seinen Protagonisten spricht. Auf der anderen Seite muss Franz sich weiterentwickeln, denn die bevorstehende Annexion an Hitler-Deutschland betrifft auch sein Leben: Trsnjek verkauft seine Zeitungen und Zigarren an Juden und wird Opfer antisemitischer Anfeindungen, genau wie Freud, der seine Ausreise bisher hinausgeschoben hat.

"Freud zuckte mit den Schultern. Natürlich wusste er es. Er war alt. Er war krank. Er war Jude. Und in den Straßen trieb sich viel zu viel Gesindel herum. Doch vor Geschehnissen zu kapitulieren, die noch nicht einmal begonnen hatten, kam nicht in Frage." (124)

Franz sieht sich mit der Gestapo konfrontiert und beweist einen Mut, den man dem unbedarften Bub aus dem beschaulichen Nußdorf nicht zugetraut hätte. Ist diese Entwicklung stimmig?

Seine sexuelle Erweckung wirkt glaubwürdiger: Er verliebt sich in eine junge böhmischen Frau, die ihn jedoch mehrmals verlässt. Rat sucht er beim Professor, so entsteht eine kurze, ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden, die sein Handeln maßgeblich beeinflusst, wie das Aufschreiben seiner Träume, die seine sexuellen Wünsche, aber auch die Zeitgeschichte widerspiegeln und in ihrer Doppeldeutigkeit wie Vorausdeutungen erscheinen:

Im Prater geht ein Mädchen, es steigt ins Riesenrad,
überall blitzen Hakenkreuze, das Mädchen steigt immer
höher, plötzlich brechen die Wurzeln, und das Riesenrad
rollt über die Stadt und walzt alles nieder, das Mädchen
juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein
Wolkenfetzen. (180)

Mag man Franz "Tat" am Ende auch für unglaubwürdig halten, Seethaler stellt sich mit seinem Protagonisten gegen eine Haltung, die mehrfach im Roman thematisiert wird.

"Denn abwarten war ja bekanntlich sowieso immer die beste und vielleicht sogar die einzige Möglichkeit, die verschiedenen Schwierigkeiten der Zeit unbeschadet an sich vorbeiströmen zu lassen." (165)

Abwarten, nicht hinsehen, verdrängen - in vielen Textpassagen erscheinen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit schon alltäglich, das Zerstören jüdischer Geschäfte, die Deportationen oder die Folterung im Keller der Gestapo. Franz setzt dagegen ein Zeichen, das zugegebenermaßen etwas zu plakativ wirkt, aber deutlich ist.

Wir waren uns alle einig, dass "Der Trafikant" (erstens) ein toller Roman ist und (zweitens) eine hervorragende Schullektüre abgeben würde, wegen der jungen Identifikationsfigur Franz, seiner Entwicklung, der klaren Botschaft des Romans und seiner Sprache und Metaphorik, der unterschiedlichen Erzählperspektiven sowie dem Humor Seethalers, der in dieser Rezension etwas zu kurz gekommen ist ;)

"Jetzt verschreib ich dir ein Rezept", antwortete Freud, "respektive sogar drei Rezepte. (...)
Erstes Rezept (gegen dein Kopfweh): Hör auf, über die Liebe nachzudenken. Zweites Rezept (gegen dein Bauchweh und die wirren Träume): Leg dir Papier und Feder neben das Bett und schreib sofort nach dem Aufwachen alle Träume auf. Drittes Rezept (gegen dein Herzweh): Hol dir das Mädchen wieder - oder vergiss sie!" (78)

Mein Rezept: Den Roman lesen ;)

Dienstag, 29. Januar 2019

Kent Haruf: Abendrot

- der Einsamkeit entfliehen.

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem "Unsere Seelen bei Nacht"  2017 mein Lieblingsroman gewesen ist und ich im letzten Jahr mit Begeisterung "Lied der Weite" gelesen habe, musste ich nicht lange überlegen, um mich bei der Lese-Runde zu Abendrot anzumelden. Auch dieser Roman spielt wie alle von Kent Haruf in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, vermutlich Ende der 60er Jahre.
Der Tenor in der Leserunde ist einstimmig: Ein Roman, der einen Sog erzeugt und uns allen gefallen hat.

Worum geht es?
Der Beginn des Romans ist wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten, da die McPheron Brüder Raymond und Harold als erste auftauchen, die in "Lied der Weite" die schwangere Victoria Roubideaux aufgenommen haben. Das ist zwei Jahre her. Inzwischen gehört sie wie ihre kleine Tochter Katie für die beiden selbstverständlich zu ihrem Leben.

"Er [Raymond] wandte sich um und musterte ihr Gesicht. Ein Gesicht, das ihm jetzt vertraut und lieb war, nachdem sie drei und das Kind unter demselben freien Himmel, im selben, von der Witterung gezeichneten alten Haus gewohnt hatten." (15)

Doch Victoria verlässt das alte Haus gemeinsam mit ihrer Tochter, um das College zu besuchen. Obwohl alle traurig darüber sind und sich nicht trennen wollen, wissen sie doch, dass es notwendig ist. Eine einschneidende Veränderung für die beiden Brüder, denn es ist "verdammt ruhig hier" (21) auf der Farm - ohne Victoria und die Kleine. Es stellt sich die Frage, ob sich die beiden weiterentwickeln werden.

Neben diesem Handlungsstrang gibt es zwei weitere:

1. Betty und Luther leben gemeinsam mit ihren Kindern Joy Rae und Richie am Existenzminimum in einem Wohnwagen und beziehen Lebensmittelmarken von der Fürsorge.

"und jetzt mal sehen, sagte Rose. Ich habe Ihre Lebensmittelmarken hier. Sie nahm die Marken aus der Mappe auf dem Tisch Heftchen mit Marken im Wert von einem, fünf, zehn und zwanzig Dollar, alle in verschiedenen Farben." (29)

Die warmherzige Sozialarbeiterin Rose, neben den Brüdern die Sympathieträgerin des Romans, tut ihr Bestes, um der Familie zu helfen. Doch Betty und Luther sind auf sich und ihre körperlichen Befindlichkeiten fixiert, zudem kognitiv nicht in der Lage, ihren Kindern die entsprechende Fürsorge, ein ordentliches Zuhause und gesundes Essen zukommen zu lassen.

"Tiefgekühlte Spaghetti, tiefgekühlte Pizzen, Burrito-Packungen, Fleischpasteten, Waffeln, Beerenkuchen, Schokoladenkuchen und Lasagne. Salisbury Hacksteaks. Fertiggerichte mit Makkaroni und Käse. Alles tiefgefroren, in steinharten grellfarbigen Verpackungen." (57)

Nach einem Streit sucht Betty Rose auf, damit diese sie und die Kinder zu einer Tante fahren kann. Luthers Antwort auf Bettys Fluchtversuch:

"Ich bin ihr Mann. Die Bibel sagt, der Mann ist König im eigenen Haus. Er baut sein Haus auf einem Felsen. Sie muss auf das hören, was ich sage." (77)

Haruf wertet ihr Verhalten nicht, sondern schildert das, was sie tun und sagen, überlässt es seinen Leser*innen, was sie von den beiden halten, für die man zunächst Mitleid empfindet.

Als Bettys gewalttätiger Onkel auftaucht und sich im Wohnwagen einnistet, gerät das labile Gleichgewicht aus den Fugen.

2. DJ Kephart ist 11 Jahre alt und lebt bei seinem 75-jährigen Großvater Walter, für den er sorgt. Seine Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen und obwohl er ein Zuhause hat, fehlt es auch ihm an entsprechender Fürsorge. Eine junge Frau aus der Nachbarschaft, Mary Wells, lässt ihn in ihrem Garten arbeiten und kann ihn so finanziell unterstützen. Ihre Tochter Dena ist im gleichen Alter wie DJ und beide freunden sich an, nachdem auch diese Familie aus den Fugen gerät. Denas Vater wird nicht aus Alaska zurückkehren, wo er arbeitet, und Mary kommt mit der neuen Situation nicht zurecht. So beschließen die beiden Kinder in einem verlassenen Schuppen sich selbst ein neues Zuhause zu schaffen, manchmal schließt sich ihnen auch Denas kleine Schwester Emma an.

"So lagen beide Schwestern eine Weile neben dem Jungen auf dem Boden unter den Decken, lasen im schwachen Kerzenlicht Bücher, während die Sonne über dem Kiesweg allmählich unterging, unterhielten sich leise, tranken Kaffee aus der Thermosflasche, und was in den Häusern geschah, aus denen sie kamen, schien für diese kurze Zeit wenig Bedeutung zu haben." (250)

Im ersten Teil verlaufen die Handlungsstränge nebeneinander, bis sie sich im weiteren Verlauf berühren.

Zwei weitere Figuren aus "Lied der Weite" spielen ebenfalls eine Rolle: Tom Guthrie und Maggie Jones, inzwischen ein Paar und mit den McPherons befreundet. Sie tauchen aber eher als Nebenfiguren auf, trotzdem ist es schön zu sehen, dass sie glücklich sind, denn Haruf mutet seinen Leser*innen ansonsten einiges zu...

Bewertung

...und schildert die Realität teilweise schonungslos - in reduzierter, klarer, scheinbar emotionsloser Sprache. Nur manchmal erhaschen wir einen Blick in das Innere einer Figur, wie bei Rose, als sie mit den Kindern Joy Rae und Richie zu tun hat.

"plötzlich hatte sie das Gefühl, weinen zu müssen und nicht aufhören zu können. Sie hatte schon so viel Leid in Holt County gesehen, und alles hatte sich aufgestaut und in ihrem Herzen eingebrannt." (169)

Gerade die Geschichte um die Familie im Wohnwagen grenzt an das, was ich beim Lesen ertragen kann. Das tut körperlich weh, wenn man mit"ansehen" muss, wie es Betty und Luther nicht gelingt, ihre Kinder zu beschützen.
Auch für DJ und Dena scheint sich alles zum Schlechten zu wenden, kein Happy End in Sicht - ich will an dieser Stelle nichts verraten, nur soviel: Haruf zaubert kein "Friede, Freude, Eierkuchen" am Ende aus dem Hut, sondern entscheidet sich glücklicherweise für einen realitätsnahen (vorläufigen?) Schluss,

"wartend auf das, was kommen würde" (414)

- schließlich sind noch 3 Romane übrig, die bisher nur im Englischen erschienen sind und auch alle in Holt spielen. Hoffen wir, dass sie noch ins Deutsche übersetzt und bei Diogenes erscheinen werden.

"Abendrot" ist mein Highlight für den Januar und wird eines meiner Lieblingsbücher für dieses Jahr werden.


Ein Dankeschön an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Rosemarie Marschner: Das Bücherzimmer

Lesen mit Mira

Den Roman hat Mira in der Rubrik "Frauenromane" entdeckt. Obwohl die Protagonistin eine Frau ist, ist er auch ein Roman gegen das Vergessen und ein Beispiel dafür, wie schwierig es für Frauen in der Zeit vor dem 2.Weltkrieg gewesen ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Uns beiden hat der Roman gut gefallen und wir haben uns intensiv über das Leben Marie Zweisams ausgetauscht - über die Zwänge, in denen sie aufgrund ihrer Herkunft und auch ihrer Entscheidung zu heiraten gefangen gewesen ist.

Inhalt
Im Prolog betritt der Enkel Marie Zweisams ihre Villa und entdeckt in den Unterlagen seiner erfolgreichen und gerade verstorbenen Großmutter ein Hochzeitsfoto, obwohl diese seinen Großvater nie geheiratet hat. Er fragt sich, wer der Mann auf dem Foto ist.

Die Geschichte Maries setzt im Jahr 1932 ein und erstreckt sich bis zur Zeit kurz vor dem 2.Weltkrieg.

Sie wächst als uneheliches Kind auf dem Land in Österreich auf. Ihre Mutter, die sich in einen Adligen verliebt hat, der jedoch auf Druck seiner Eltern keine Bindung mit ihr eingegangen ist, wünscht sich für Marie ein besseres Leben. Daher schickt sie sie nach Linz in den angesehenen Haushalt des Notars Horbachs, wo sie als Hausmädchen arbeitet. Ein einsames, eintöniges Leben unter den Blicken der Köchin Amalia, die ihr aber wohl gesonnen ist, und den kritischen Augen der Hausherrin, die selbst in ihrem Leben gefangen scheint.

Auf diese Weise füllte sich nach und nach das schiefe alte Kleiderschränkchen oben im zweiten Stock in der Mädchenkammer mit den Kaufsünden und Fehlentscheidungen einer verwirrten Frau, die sich nicht eingestand, daß viel zu schnell ein Abschnitt ihres Lebens zu Ende gegangen war und ein neuer begonnen hatte, dessen Wert sie nicht begriff. Eine Frau, die immer lächelte, sogar noch vor dem Spiegel, wenn sie allein war. Nur manchmal, an späten Nachmittagen, wenn die Geschäftigkeiten des Tages sie müde gemacht hatten, vergaß sie zu lächeln. Wenn sie dann unerwartet im Spiegel ihrem Gesicht begegnete, erschrak sie über die Fremde, die sie da so unverhohlen fixierte. Hungrig und verlassen. (S.73)

Ihr Vater, der alte Notar, befiehlt, dass Marie ihm täglich im Bücherzimmer aus der Zeitung vorlesen soll. Da Marie eine sehr gute Schülerin gewesen ist, fällt es ihr leicht, und sie profitiert von den Monologen des alten Herren, der die politischen Ereignisse kommentiert.

Da fiel ihr das Bücherzimmer ein, in dem der Herr Notar seine schwachen Augen marterte, und sie dachte, daß dies der Platz wäre, an dem sie glücklich sein könnte. (S.52)

Während ihrer Zeit im Hause Horbach lernt sie den adligen Richard Ohnesorg kennen, eine Verbindung, die aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede nicht möglich ist.

Marie stand außerhalb. Außerhalb wie überall hier in der Stadt. Nur in der Horbach-Villa war ihr eine Rolle zugewiesen worden, aber die – das wurde ihr bewußt, während sie von außen in den Garten Eden hineinblickte –wollte sie nun selbst nicht. (S.64)

Als ihre Mutter erkrankt, muss sie zurück in ihre Heimat und gibt ihre Stellung auf - als verheiratete Frau kehrt sie nach Linz zurück und erlebt das Erstarken des Nationalsozialismus und die Annexion Österreichs.

Gleichzeitig muss sie feststellen, dass ihre Heirat nicht die von ihre erhoffte Freiheit bietet - ist sie im falschen Leben gefangen?

Was soll aus mir werden? Wo gehöre ich eigentlich hin? Gibt es auf dieser Welt einen Platz, an dem ich so sein darf, wie ich bin? Ja, was will ich überhaupt? Und habe ich eine Chance, es zu erreichen? (S.147)

Bewertung
Der Roman hat mir aus mehreren Gründen gefallen, da er

- aufzeigt, wie sehr die gesellschaftliche Herkunft die Lebenschancen beschränkt; auch Marie kann sich nur aufgrund eines glücklichen Zufalls daraus befreien,

- ein authentisches Bild der politischen Verhältnisse in Linz und im Vorort St.Peter in der Umbruchzeit bis hin zum 2.Weltkrieg zeichnet: die anfängliche Begeisterung für den Führer einerseits, die beginnende Desillusionierung in weiten Teilen der Bevölkerung andererseits,

- mit der sympathischen Protagonistin eine starke Identifikationsfigur schafft und die weiteren Figuren authentisch und differenziert darstellt.

Schade fanden wir, dass die Zeit des Weltkriegs und Maries Weg zum Erfolg selbst nicht thematisiert wurden. Die Autorin beschränkt sich auf die Phase bis zu Maries "Befreiung" und lässt einige Fragen offen. So schließt sich am Ende zwar der Rahmen mit dem Enkel, über dessen Eltern erfährt man sich jedoch nichts.

Hier geht es zu Miras Rezension.





Donnerstag, 17. Januar 2019

Dörte Hansen: Mittagsstunde

- in der alle (?) schlafen.

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem ich mit Mira im September 2016 "Altes Land" gelesen habe - unsere erste gemeinsame Lektüre - stand für mich fest, dass ich an der Leserunde zur "Mittagsstunde" teilnehmen möchte, da mir der Debütroman sehr gut gefallen hat.
Hansen versteht es ein Bild der dörflichen Strukturen in Norddeutschland, wie es sie in der Vergangenheit gegeben hat und wie sie sich heute darstellen, zu zeichnen. Gleichzeitig ziehen die Figuren die Leser*innen in ihren Bann, so dass man den Roman nicht aus der Hand legen will.

Worum geht es?
Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Marret Feddersen und ihr unehelicher Sohn Ingwer.

Das erste Kapitel stellt uns zunächst die verrückt erscheinende Marret vor, die überall nur Marret Ünnergang genannt wird, da sie überall Zeichen des Weltuntergangs sieht.

"Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder." (8)

Immer wieder streut Hansen plattdeutsche Sätze ein, die jedoch den Lesefluss nicht stören, im Gegenteil, sie sorgen neben der bildreichen Beschreibung der Landschaft für das entsprechende norddeutsche "Feeling".

Wir erfahren über Marret, sie

"wurde siebzehn, wurde schwanger, sagte niemandem, von wem. Und ließ sich auch nicht heiraten von Hauke Godbersen, der sie genommen hätte, mit ihrer hohen Nase und dem Rest." (12)

Der Rest besteht, neben dem unehelichen Kind, aus ihrem Vater Sönke Feddersen, Kriegsveteran, der im Gefangenenlager in Russland gewesen ist, und ihrer stillen Mutter Ella, die gemeinsam den Gasthof des Ortes Brinkebüll führen, der im Sommer 1965 im Rahmen der Flurbereinigung sein Antlitz verändert.

Fast ein halbes Jahrhundert später kehrt Ingwer, Marrets Sohn nach Brinkebüll zurück, der an der Universität Kiel Ur- und Frühgeschichte lehrt und in einer Dreier-WG gemeinsam mit Ragnhild und Claudius lebt - "Übriggebliebene" aus der Studentenzeit. Er als Kind vom Land, als "Kartoffelkind", wie er sich selbst bezeichnet. Sie kreisen

"lebenslang um ihre Dörfer, blieben auf den Umlaufbahnen, die sie hielten, nicht zu nah und nicht zu fern. Treue Mondgesichter, die an ihrer alten Erde hingen." (27)

Da sein Großvater Sönke inzwischen 93 Jahre alt ist und seine Großmutter Ella dement,

"[s]ie war in fließenden Gewässern unterwegs, wo Menschen, Zeiten, Orte durcheinandertrieben" (49), 

nimmt er sich ein Sabbatical, damit er sich um die beiden kümmern und herausfinden kann, welche Richtung er in Zukunft einschlagen will.

Abwechselnd wird geschildert, wie Ingwer an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, an den viele Erinnerungen geknüpft sind. Wie er sich um seine Großeltern kümmert, sich seinem Großvater annähert und alte Rechnungen begleicht.

In den Kapiteln der Vergangenheit steht Marret im Mittelpunkt, ihr seltsames Verhalten als Kind und Jugendliche, das darauf schließen lässt, dass sie eine Beeinträchtigung hat, die jedoch weder erkannt noch therapiert wird.

"Marret Feddersen schien hinter einer Wand aus Glas zu leben. Man musste rufen oder winken, um sie zu erreichen, und manchmal war das Glas auch noch beschlagen." (33)

Die einzelnen Figuren sind detailliert gezeichnet und repräsentieren verschiedene Typen, wie diejenigen, die selbst in dörflichen Strukturen aufgewachsen sind, sie alle kennen. Eine besondere Rolle spielt der Lehrer Steensen, der dafür sorgt, dass Ingwer auf die Oberschule nach Husum gehen kann.

Das Dorf selbst könnte überall sein - die gleichen Verhaltensmuster, das Gerede, der Spott, aber auch das Schweigen bei offensichtlichem Unrecht.

"Ingwer fragte sich, was man als Brinkebüller wohl verbrechen musste, bevor man ausgeschlossen wurde. [...] Ihm fiel nichts ein." (97)

Die Mittagsstunde, die dem Roman den Titel gibt, ist in beiden Handlungssträngen ein Leitmotiv, ebenso wie die Liedtitel, die als Kapitelüberschriften dienen.

"Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde." (22)

Obwohl alle zu schlafen scheinen, geschieht Verborgenes, Heimliches in dieser Stunde.

"Sie [Marret] tauchte meistens in der Mittagsstunde unter, sie machte es wie alle, die in Brinkebüll für eine Zeit verschwinden wollten. Die nicht gesehen werden wollten..." (31)

Zwei Fragen sorgen für Spannung beim Lesen: Warum taucht Marret in den Kapiteln der Gegenwart nicht mehr auf? Welche Richtung wird Ingwers Leben nehmen, wird ihn das Jahr auf dem Land verändern, so dass er nicht mehr tiefstapelt und sich wegduckt?

Bewertung
Ein beeindruckender Roman, der eine Welt auferstehen lässt, die bereits vergangen ist und von der sich viele wünschen, dass sie wiederkehren würde.

"Es war ein großes Missverständnis. Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft." (268)

Doch Hansen stellt das Leben auf dem Land nicht als Idylle dar. Es erscheint als Enge, in der sich Menschen wie Marret nicht entfalten können. Geheimnisse bleiben nicht geheim, doch es wird nicht offen darüber geredet - das kann entlastend, aber auch, wie Hansen anhand einiger Protagonisten aufzeigt, belastend sein. Ingwers Blick auf das Dorf ist ein realistischer und zeigt die Veränderungen zum Guten, aber auch zum Schlechten deutlich auf - kein Bäcker, kein Kaufmann, keine Schule mehr.

"Die Leute hatten sich das abgewöhnt wie ihre Mittagsstunde, es legte sich jetzt kaum noch jemand hin tagsüber." (256)

Die Stärke des Romans liegt in den vielen, kleinen berührenden Szenen,
wenn Ella und Sönke zusammen tanzen, als "wäre die Musik ihre Gebrauchsanweisung füreinander" (123)
oder Sönke seinen Enkelsohn "wie ein Beuteltier (...) am Bauch trug." (184)

Und in der großartigen Beschreibung der Landschaft, die allen Veränderung trotzt.

"Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch." (17)

Klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank dem Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar und die netten Worte!

Samstag, 5. Januar 2019

Gerdt Fehrle: Und nachts fluten sie die Straßen

- Erinnerungen an eine dunkle Zeit.

Zu Beginn erfahren wir aus der Sicht einer Psychiaterin, dass sie den Hundertjährigen, der in der Klinik seinen Lebensabend verbringt, nicht mag.

"Wie der in seinem Sessel saß, der unheimliche alte Nöck. Verschrumpelt, zäh, lauernd. Überhaupt nicht bedürftig, in keinster Weise gebrechlich. Eher kalt wie ein Fossil. Mit kaltem, versteinertem Herzen." (6)

Doch an diesem Abend kann sie ihm nicht entkommen, denn

"[j]etzt kommt der Schluss, die letzte große Beichte, der Abgesang. Und kein Entkommen." (7)

Nach dieser Rahmenhandlung erzählt der hundertjährige Kannengießer, der aus dem Elsass stammt, aus der Ich-Perspektive überwiegend seiner Zuhörerin von zwei Phasen seines Lebens.
Einerseits vom Mai 1968, die Zeit der Studentenunruhen in Paris, wo er ein kleines Hotel, "Les belles Hirondelles" (8), gemeinsam mit seiner Frau Michelle führt.
Andererseits von 1943-1944 im besetzten Paris, zu der Zeit ist er Polizist gewesen und hat in besonders brutalen Gewaltverbrechen an Prostituierten ermittelt.

"Wir sollten Morde aufklären. Wirklich. Das war zum Totlachen. In ganz Europa brachten sich die Menschen gegenseitig in Massen um, in Auschwitz und Treblinka und Majdanek wurden die Menschen maschinell vernichtet, wer die falsche Nationalität, Religion oder Nase hatte, konnte auf offener Straße erschossen werden, selbst in Paris, obwohl sich die Deutschen hier ja immer bemühten, kultiviert zu erscheinen, aber dennoch, erschossen und noch an Ort und Stelle verscharrt. Und ich war Kriminaler bei der Pariser Polizei. Zum Brüllen, nicht wahr?" (12)

Nach dem Abzug der Deutschen wurde Kannengießer unehrenhaft entlassen, weil sein Pariser Polizeichef, der selbst mit den Deutschen kollaboriert hat, ihm genau dies vorgeworfen hat. Als Kannengießer später rehabilitiert wird, hat er sich bereits gemeinsam mit seiner Frau als Hotelier eine neue Lebensgrundlage geschaffen.

Er hatte 1943 einen Deutschen im Verdacht, die Prostituierten getötet zu haben. Friedrich Morgenthaler, der beim SD gearbeitet hat und der am 3.Mai 1968 plötzlich in seinem Hotel auftaucht.

"Er trat einfach in unser Hotel und damit in mein Leben. Klingt ganz einfach, ganz banal, nicht wahr? Aber für mich begann die Hölle. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, vielleicht ist das die Gelegenheit, die ich 1944 nicht bekommen habe. Die einmalige Chance, ihn doch noch zu erwischen." (15)

Der Ich-Erzähler springt zwischen den beiden Zeiträumen, so dass die Erzählstränge immer wieder unterbrochen werden, was für entsprechende Spannung sorgt.
Hinzu kommt, dass Kannengießer seine Vergesslichkeit thematisiert und das ein oder andere Mal abschweift. So erzählt er zum Beispiel, wie er zur Polizei gekommen ist, was er erlebt hat, während der erste Mord an einer Prostituierten geschehen ist, wie der Pathologe gearbeitet hat und entwirft dabei ein düsteres Bild des besetzten Paris - ein Film noir läuft im Kopf ab.
Wir erfahren von den Morden, von seinem Verdacht, am Rande von der Ermittlungsarbeit - es sind Erinnerungsbilder und -momente, weit entfernt von einem chronologischen knappen Lebensbericht.

"Die Panzer auf den Champs-Élysées vergisst man nicht, (...). Aber wie das ist, sich Tag für Tag in einer kalten Wohnung mit kaltem Wasser zu waschen, Kohle aus dem Keller zu holen, den Geruch von Öl in der kleinen Heizung, den Geschmack von echtem Camemberts, das vergisst man. Das wirklich Unschöne und das wirklich Schöne, das einem so ganz und gar unter die Haut gefahren ist, das verschwindet. Und schon ist man alt, und das sogenannte Gedächtnis besteht nur noch aus Zeitungsschnipseln und Fernsehbildern, die man für die eigenen Erinnerungen hält." (23)

Trotz seiner vermeintlichen Vergesslichkeit gelingt es dem Erzähler hervorragend die Stimmung, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit einzufangen. Man fühlt mit Kannengießer, der Morgenthaler 1968 verfolgt, um herauszufinden, ob er tatsächlich der Mörder der Prostituierten gewesen ist und vielleicht einen Hinweis auf die verschwundene Chantal, ebenfalls eine Prostituierte, zu erhalten.

Wird er die Wahrheit herausfinden und seine Chance nutzen? Oder bleiben die Morde ungesühnt? Ist Morgenthaler überhaupt der Mörder?

Bewertung

"Nachts fluten sie in Paris die Straßen. Der Unrat einer Nacht fließt dann hinab in die Katakomben der Kanalisation. Und mit ihr das weniger Schillernde, das Heimliche, das Böse. Vom Wasser weggeschwemmt." (143)

So wie das Wasser das Böse wegschwemmt, will Kannengießer mit seiner Lebensbeichte kurz vor seinem Tod das Böse vertreiben. Er will sich das, was er erlebt hat, von der Seele reden, um ihn Ruhe sterben zu können - so habe ich den Titel in Bezug auf den Roman interpretiert.

Ein beeindruckender Roman, der vordergründig einen Kriminalfall zu erzählen scheint, der jedoch das Psychogramm eines Mörders und seines Verfolgers zu zeichnen versucht, wobei vieles vage und damit der Fantasie der Leser*innen überlassen bleibt.

Sowohl die Geschichte selbst als auch die Erzähltechnik, das Springen zwischen den beiden Lebensphasen verbunden mit der Zuwendung zur "Beicht"ärztin und das Ringen um Erinnerung machen für mich den besonderen Reiz dieses Romans aus.

Klare Lese-Empfehlung!

Lieben Dank an den Louisoder-Verlag für das Rezensionsexemplar

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Frank Goldammer: Roter Rabe

- ein Fall für Max Heller.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Krimi ist bereits der vierte Fall des Oberkommissars Max Heller und spielt 1951 in Dresden. Obwohl ich die vorangegangenen Romane nicht gelesen habe, bin ich gut in die Handlung hinein gekommen.

Worum geht es?
Max Heller kehrt zu Beginn der Handlung von einem gemeinsamen Urlaub mit seiner Frau Karin und der Pflegetochter Anni von der Ostsee zurück. Während seine Frau die Erlaubnis hat, ihren erwachsenen Sohn Erwin in Köln zu besuchen, und sich auf die Reise in den Westen macht, wird Max mit zwei Selbstmorden in der Untersuchungshaft konfrontiert.

"Bei den Verhafteten handelt es sich um Mitglieder der Wachturmgesellschaft. Die Anklage lautet Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Spionage. Ihnen werden Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst nachgesagt. Es gibt konkrete Hinweise, vor allem aus sowjetischen Geheimdienstkreisen und vom MGB." (17/18)

Der zuständige Wachmann - Walter Rehm - wird verhaftet, Heller nimmt Ermittlungen auf. Allerdings wird er von seinem Vorgesetzten Niesbach gewarnt:

"Max, die Sowejts sind aufgebracht. Ein Mitarbeiter des MGB unterstellte mir wortwörtlich, wir hätten die beiden Verdächtigen umgebracht. Ich habe diesen Vorwurf mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen (...), doch gerade jetzt schlägt uns wieder großes Misstrauen entgegen. (...)
Max, gehen Sie mit aller Vorsicht an den Fall heran. Handeln Sie vollkommen transparent, geben Sie Informationen weiter, suchen Sie den Kontakt zum MfS." (26)

Der Fall entwickelt sich zu einem scheinbar undurchdringlichen Knäuel von Handlungsfäden, weitere Tote säumen Hellers Weg. Es scheint so, als ob alle, von denen er Informationen erhalten möchte und oder die er befragt, ermordet würden.
Zudem taucht ein Bekannter aus der Vergangenheit auf, Alexej Saizev, der für den russischen Geheimdienst arbeitet, aber ständig alkoholisiert wirkt. Welche Rolle spielt er in diesem Fall?
Und wer ist der ominöse Amerikaner, dessen Existenz in verschiedenen Kreisen ins Spiel gebracht wird? Ein Spion, oder ein Agent, der in den Westen überlaufen will? Wem kann Heller noch trauen? Während sein Mitarbeiter, Kommissar Werner Oldenbusch verlässlich zu sein sein, hat jener den jungen Unterkommissar Peter Salbach in Verdacht, Informationen weiterzugeben.
Am Ende lösen sich alle Fäden, allerdings hatte ich Mühe, sie immer beim Lesen präsent zu haben, obwohl ich den Roman ohne große Unterbrechungen gelesen habe.

Bewertung
Die Story ist insgesamt solide, wenn auch vielleicht etwas zu verworren, doch die Leistung des Romans besteht darin, die zeitgenössische Atmosphäre der Aufbaujahre in Dresden erlebbar zu machen.
In der Leserunde wurde einhellig die Meinung geäußert, der Roman spiegele die Beklommenheit und Ängste der damaligen Zeit sehr gut wider: Die Angst vor dem kalten Krieg, sogar vor einem Atomkrieg, die Angst davor, seine Meinung frei zu äußern und das Gefühl, niemandem vertrauen zu können.
Das Beispiel Werner Oldenbuschs, der zwei Tage befragt wird, weil seine Verlobte in den Westen "rübergemacht" hat, zeigt die Willkür des neuen Staates, denn Oldenbusch hat offenkundig nichts von den Plänen seiner Zukünftigen gewusst. Während sich die Anzeichen häufen, dass sich eine neue Diktatur anbahnt, ist der Glaube an den Kommunismus bei vielen Parteigenossen noch vorhanden, so glaubt Max Vorgesetzter fest daran, dass die Utopie verwirklicht werden könne - ein Trugschluss, wie wir heute wissen.

Lesenswertes Zeitdokument, das einen guten Einblick in die Anfänge der DDR gewährt.