Mittwoch, 9. März 2016

Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme

- ein wunderbarer Roman über eine unerwiderte Liebe.


Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Erschienen am: 27. April 2015
ISBN-10: 363087469X
ISBN-13: 978-3630874692

Der Roman wurde mit dem renommiertesten Literaturpreis Schwedens, dem Augustpreis, ausgezeichnet.


Mein besonderer Dank gilt der Verlagsgruppe Random House, die mir dieses Rezensionsexpemplar freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Inhalt
Die 31jährige Ester Nilsson ist Dichterin und schreibt Essays. Als sie den Auftrag erhält, den Künstler Hugo Rask zu porträtieren, nimmt ihr Leben eine entscheidende Wende. Die vernünftige junge Frau, die ihre Umgebung ganz genau wahrnimmt und diese Genauigkeit in der Sprache sucht, wandelt sich zu einer vor Liebe blinden Frau, die sich weigert die Realität anzuerkennen.
Während sie ihren Vortrag über den Künstler schreibt, fühlt sie eine Verwandschaft mit ihm.

"Das Gefühl wandelte sich von Respekt am Sonntag zu Wertschätzung am Dienstag, zum Donnerstag hin wurde es zu einer bohrenden Sehnsucht und am Freitag zu schwerem Begehren." (S.12) 

Nach der Begegnung mit Hugo Rask, der angetan ist vom Vortrag Esters, steigert sich ihre Sehnsucht nach ihm und sie treffen sich regelmäßig. Sie beendet schließlich ihre Beziehung, um sich ganz dem Künstler zu verschreiben, der sie jedoch offenkundig nicht liebt und mit einer anderen Frau liiert ist.
Trotzdem kommt es zum sexuellen Kontakt der beiden, von dem Ester ableitet, dass er ihr etwas schuldig sei. Je mehr sie ihn bedrängt, desto schweigsamer reagiert Hugo.
"Das hier ist die Hölle, dachte sie am nächsten Morgen, als vierundzwanzig Stunden vergangen waren. Das hier ist die Hölle, und das hier ist die Hölle, die existiert. Sie war dabei, von innen heraus zu verbrennen." (S.83)
Jedes Mal, wenn es Ester fast gelingt, sich von ihm zu befreien, wirft er ihr einen "Knochen" hin, um sich ihrer erneuten Hingabe zu versichern und ihrer Hoffnung neue Nahrung zu geben.

"Wie alle verliebten Menschen legte Ester Nilsson zu großes Gewicht auf den Inhalt der Sprache und die buchstäbliche Bedeutung der Wörter und zu wenig auf Wahrscheinlichkeiten und Rundumbeurteilungen. (...) Der Inhalt des Satzes, den er geäußert hatte, >wir können telefonieren, wenn du zurück bist<, war wirklich nicht groß. Es war eine ganz normale höfliche Bemerkung, gerichtet an jemanden, der gerade auf Reisen ist. Es konnte bedeuten, dass man in einer Woche oder in zwei Monaten telefonieren würde. Die Phrase brachte nicht ihren Inhalt zum Ausdruck, sondern ein schlichte Erkenntnis zwischen zwei Menschen : >Wir kennen einander, wir haben nichts Unausgesprochenes, wir sprechen uns nicht zum letzen Mal.< Aber wenn die Phrase zu jemandem gesagt wird, der sich verzweifelt sehnt, wird sie brutal, eine kraftlose Vereinigung von Feigheit und Schuld, eine Fürsorge ohne Zuneigung." (S.137)

Hugo Rask ist ein Narzisst, was Ester jedoch vehement vor sich und ihrem Freundinnenchor leugnet. Anstatt ihr deutlich zu sagen, dass es keine Hoffnung für sie beide gibt, nährt er diese immer wieder mit beiläufigen Bemerkungen.
"Sie (die Hoffnung) ist ein Schädling. Sie frisst und zehrt an den unglücklichsten aller Gewebe. Ihr Überleben beruht auf einer hochentwickelten Fähigkeit, von allem wegzusehen, was ihrem Wachsen nichts nutzt, und sich über das herzumachen, was ihr Weiterleben düngt." (S.162)
Nach langer Leidenszeit "verhungert die Hoffnung", wird "durch die Brutalität der Klarheit getötet."(S.219)

Bewertung
Die Geschichte an sich ist nichts Neues - sensationell ist jedoch die lakonische Sprache, die mit wenigen Worten die Gefühlswelt Esters einfängt und uns ihre Blindheit vor Augen führt.
"Er stieß ein summendes Geräusch aus angesichts dieser heraufziehenden Intimität, wollte ein Ende machen. Sie hörte alles, was sie zu hören brauchte, um endgültig zu verstehen, dass sie ihrer Wege  gehen müsste und nie mehr über diesen Mann nachdenken durfte. Aber sie konnte diese Wissen nicht ihrem autonomen Erkenntnissystem einverleiben." (S.139)

Erzählt wird zwar aus der personalen Perspektive Esters, aber aufgrund der Sie-Form und dem Fokus auf Esters Reflektionen, baut sich eine wohltuende Distanz zum Geschehen auf, so dass man einen mehr oder weniger objektiven Blick auf ihre Besessenheit werfen kann. 
Gerade weil man nicht mit Ester miterlebt, sondern ihren Leidensweg von außen betrachtet, kann man über ihre durchaus intellektuellen Erklärungsansätze lächeln. Der Roman entlarvt Esters "widerrechtliche Inbesitznahme" des geliebten Individuums als nicht berechtigt. Gleichzeitig verurteilt er implizit Hugos Verhalten, der mit seinem narzisstischen Wunsch nach Verehrung, Esters Hoffnung nährt. 

Diese Distanz und die philosophischen Betrachtungen machen den Roman in meinen Augen zu etwas Besonderem.
"Sie hatten in dem Moment, in dem ihre Körper einander berührten, aufgehört zu sprechen. Die Liebe braucht Wörter. Für einen kurzen Moment kann man dem wortlosen Gefühl vertrauen. Aber auf Dauer gibt es keine Liebe ohne Worte und keine Liebe mit nur Worten. Die Liebe ist eine hungrige Bestie. Sie lebt von Berührung, wiederholten Versicherungen und dem Auge, das in ein anderes Auge schaut." (S.83)

Ein wunderbarer "Liebesroman", der die Mechanismen von Besessenheit und der immer wieder aufkeimenden Hoffnung einer Verschmähten sprachlich seziert.

Kommentare:

  1. Moin, liebe Tina,

    ich hasse Menschen, die mit anderen Menschen spielen. Da würde ich beim Lesen vor Wut platzen.

    Liebe Grüße,
    Anne

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    1. Liebe Anne,
      die distanzierte Erzählweise sorgt dafür, dass man Ester zwar bedauert, aber letztlich auch belächeln kann. Natürlich ist Hugo ein selbstverliebter "Gockel", aber Ester ist in all ihrer Intellektualität unglaublich liebesblind und ignoriert ihren Freundinnenchor geflissentlich.
      Ein wunderbares Buch!
      Liebe Grüße,
      Tina

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  2. Hahahaha, @Anne. Ich lache mich kaputt, vor Wut platzen. Aber recht hast du, ich mag so etwas auch nicht. Liebe Tina, das Zitat: "Die Liebe ist eine hungrige Bestie", es passt einfach total. Ich klaue mir das Zitat von dir. Sehr schöne Rezi.
    LG, Mira

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