Sonntag, 13. Dezember 2015

Mechthild Gläser: Die Buchspringerin

ein Jugendroman, in dem es um die Liebe zu Büchern und ihren Ideen geht.

Inhalt
Die 16jährige Amy Lennox reist unvermittelt in den Sommerferien mit ihrer alleinerziehenden Mutter Alexis, die ihren Liebeskummer vergessen will, in deren schottische Heimat: die einsame Insel Stormsay. Dort leben im Wesentlichen Alexis Mutter Lady Mairead mit ihrem Butler Mr Stevens in einem stattlichen Herrenhaus sowie der Clan der Macalister, bestehend aus dem alten Laird sowie seiner Tochter Betsy und seinem Neffen Will, in einer alten Burg
Die beiden Clans sind seit langer Zeit verfeindet, teilen jedoch eine besondere Gabe. Die jüngeren Mitglieder sind in der Lage in Bücher zu springen. Ihre Aufgabe ist es, die Literatur und ihre Geschichten zu beschützen. Dazu gibt es ein literarisches Portal - eine Art Steinkreis, von wo Betsy, Will und schließlich auch Amy in ihre jeweiligen Geschichten hineinspringen.

Zusätzlich existiert eine alte Bibliothek im Herzen der Insel, die von Glenn, Clyde und Desmond bewacht wird, die die jungen Buchspringer auch unterrichten. Vor langer Zeit fiel ein besonderes Märchen, das zwischen den Kapiteln jeweils erzählt wird, den Flammen zum Opfer, da sich drei Clanmitglieder gestritten hatten. Es gelang ihnen nur noch Fragmente zu retten und eben jene drei Männer, die seither in der Draußenwelt leben und nicht mehr in ihre Geschichte zurück können. Der Verlust dieses Märchens war jedoch Anlass, dass die Clans sich geschworen haben, ihre Streitigkeiten zu vergessen - was mehr oder weniger gelingt.
Amy springt zunächst ins Dschungelbuch und lernt Schir Khan kennen, verweilt aber dort nicht, sondern wandert aus der Geschichte in andere hinein.

Vor mir lag eine Kreuzung, in deren Mitte ein Wegweiser in die Höhe ragte. Das Dschungelbuch stand in kunstvoller verschnörkelter Schrift auf einem Pfeil, der in die Richtung zeigte, aus der ich gekommen war, Shakespeares Tragödien verkündete ein anderer. Weitere Abzweigungen führten zu Don Quichotte, Alice im Wunderland und Der seltsame Fall des Dr.Jekyll und Mr Hyde. Wow! Anscheindend hatte ich den Rand des Dschungelbuchs erreicht und konnte mich nun entscheiden, in welche Geschichte ich als Nächstes reiste. (S.53)

Die Buchspringer werden von den Figuren immer als Leser erkannt.

"Du darfst die Handlung nicht stören, Leserin", flüsterte Schir Khan. (S.50)

Dann gibt es noch die Zeile, in der sich die Romanfiguren treffen und ausruhen können, wenn sie in ihrer Geschichte gerade keine Rolle spielen. Hier freundet sich Amy mit Werther an!
Es stellt sich heraus, dass Amy eine besonders begabte Buchspringerin ist, was auch mit ihrem Vater zusammenhängt. Dann geschieht aber ein Unglück. Will, der für Sherlock Holmes und den Hund von Baskerville zuständig ist, hat Holmes mit in die Draußenwelt genommen, in der Holmes ermordert wird. Gleichzeitig geht ein Dieb in der literarischen Welt um, der Rudimente, also die wichtigsten Ideen der jeweiligen Geschichten stiehlt, z.B. das weiße Kaninchen aus Alice im Wunderland, oder die Rose aus Der kleine Prinz. Gemeinsam mit Will und Werther versucht Amy, den Dieb zu stellen, dabei spielt auch das verloren gegangene Märchen eine wichtige Rolle.

Bewertung
Der Roman begeistert mit seinen ungewöhnlichen Ideen, denn wer hat nicht schon einmal davon geträumt, durch die Buchwelt zu spazieren und seinen Lieblingsfiguren zu begegnen. Mit Amy, aus deren Ich-Perspektive der Großteil des Romans erzählt wird, landet man in vielen Geschichten, Romanklassikern wie Der kleine Prinz, Stolz und Vorurteil sogar in Kafka´s Verwandlung. Das macht unglaublichen Spaß beim Lesen. Allein die Vorstellung, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln, wenn sie gerade nicht an der Handlung beteiligt sind, und z.B. in der ZEILE im Tintenfass gemeinsam was trinken, ist sehr originell. Originell ist auch, dass Werther Amy, während sie Heidi liest, eine Nachricht in die Handlung einflicht.

Zudem fand ich den Roman auch sehr spannend, da ich wissen wollten, wie das verloren gegangen Märchen mit dem Dieb zusammenhängt und warum jemand die Ideen aus den Büchern stiehlt. Amy ist eine sympathische Buchfigur, aber auch die Passagen die aus Wills Perspektive (Er-Erzählweise) dargeboten werden, zeigen ihn als Sympathierträger, bis auf seine Träume, die sehr seltsam anmuten. Aber das wird am Ende aufgelöst. Dass sich Amy in Will verliebt, ist voraussehbar, ganz im Gegensatz zum Romanende.

Schwäche zeigt der Roman bei der Darstellung spannender und actionreicher Szenen. So bleibt z.B. das Blättern duch die Romane blass und erschließt sich mir als Leserin nicht wirklich. Auch hätte ich gerne erfahren, wie man Romanfiguren mit in die Draußenwelt nimmt, und wie diese wieder in ihre Geschichten erlangen können. Warum es nur Amy gelingt, von überall zu springen, wird wenigstens ansatzweise erläutert. An diesen Stellen ist es dann offensichtlich, dass es ein Jugendbuch ist.

Insgesamt aber ein sehr unterhaltsamer, spannender und ideenreicher Jugendroman, der gleichzeitig eine Hommage an die Welt der Literatur und ihrer Ideen ist.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Loewe
Erschienen am: 16. Februar 2015
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3785574973
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre


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